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Wilde Erdbeeren

 

Martin trat aus der norwegischen Ferienhütte hinaus auf die Holzbohlen der angebauten Terrasse, die auf zwei Seiten von einem Geländer aus demselben Material eingefasst war. Sie bot gerade Platz genug für einen Tisch und zwei, drei Stühle. Für sich und seine Freundin hatte er dieses einsam gelegene Urlaubsdomizil im Norden ausgewählt. Seine komplizierte, temperamentvolle Freundin Heike, mit der er, wieder einmal, einen Streit gehabt hatte. Eine Viertelstunde zuvor war sie wutschnaubend aus der Hütte gerannt und über den erdigen Trampelpfad hinweg seinen Blicken entschwunden. Ihr Gefühlsausbruch war kein Novum für Martin und er hatte gelernt, damit umzugehen. Er würde ihr einen Vorsprung lassen und dann hinter ihr her gehen. Zerknirscht und einlenkend würde er bei ihr auftauchen und sie wieder zurückholen. Wie üblich.

Ihre Hütte lag am Fjord. Um genau zu sein, stand sie ungefähr siebzig Meter über der Wasserlinie in der Mitte eines mit Wiesen und niedriger Vegetation bewachsenen Berghanges. Womit das grasgedeckte Holzhaus einen traumhaften Blick auf den Meeresarm gewährte, der blau und silbrig schimmernd unter ihnen lag. Von dem Städtchen mit der Fähranlegestelle, das von Martin aus links lag, bis zur letzten Ansiedlung wand sich eine Straße am Ufer des Fjordes entlang. Martin beobachtete für einen Moment lang die Autofähre, die die gegenüberliegenden Ufer miteinander verband und Touristen und Einheimische gleichfalls übersetzte; so weit entfernt, dass das Fährboot wie ein Spielzeug wirkte.

Martins Augen wanderten über die abschüssige Wiese, auf der eine Hand voll Schafe im feuchten Gras lagerte und wiederkäute oder döste. Wie bisher an jedem Vormittag, seit sie vor knapp einer Woche eingetroffen waren, war es auch heute schwül. Die Sonne sog die Feuchtigkeit aus dem Boden und ließ die Luft flimmern. Bei gutem Wetter hatte dieser Ort etwas Mediterranes, wie Martin gleich zu Anfang aufgefallen war. So stellte er sich die Adria vor und er konnte kaum glauben, sich in Skandinavien zu befinden. Martin schloss die Augen, genoss die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut und sog den feucht-satten, erdigen Geruch des dampfenden Bodens und die schärfere, säuerliche Ausdünstung der Schafe tief in die Nase ein. Unter diesem reichhaltigen, vorherrschenden Duft nahm er das zartere Aroma von Salz und Meer wahr. Es war an der Zeit. Martin stieß sich von der Brüstung ab und ging den steilen Weg entlang Richtung Straße, wie zuvor Heike.

Auf der Hälfte der Strecke nach unten verbreiterte sich der Fußweg zu einer Schotterstraße. Hier hatten sie ihren Wagen abgestellt. Trotzdem war es anstrengend genug gewesen, das Gepäck zur Hütte hoch zu schleppen. Unter Martins Sohlen rollten Steinchen weg und er rutschte. Er trat vorsichtiger auf. Bald war er auf der asphaltierten Straße am Fjord angekommen. Er schaute in alle Richtungen. Von seiner Freundin war nichts zu sehen. Sein Blick fiel auf ein paar rote Punkte am Wegesrand. Wilde, winzige Erdbeerpflanzen mit leuchtenden Beeren. Martin konnte nicht widerstehen und pflückte sie. Vorsichtig ließ er die Früchte in die Brusttasche seines Hemdes gleiten, steckte sich zwei davon in den Mund und zerdrückte sie mit der Zunge am Gaumen. Ein unvergleichlich erdbeeriger Geschmack verbreitete sich in seiner Mundhöhle. Am liebsten hätte er auch noch die anderen Früchte verspeist. Aber er wollte sie für Heike aufbewahren.

Erneut schaute sich Martin um und fragte sich, wo sich seine Freundin verborgen haben könnte. Er glaubte nicht, dass sie weit gegangen wäre; sie lief nicht gerne lange Strecken. Es war auch kein Auto vorbei gekommen, in das sie hätte einsteigen können. Hierher, fast ans Ende des Fjordes, verirrte sich kaum jemand. Es gab noch rund ein halbes Dutzend Anwohner, die ein oder zwei Kilometer weiter landeinwärts ihre Häuser besaßen. Der Bootsschuppen, der direkt am Wasser lag und zu ihrer Hütte gehörte, war mit einer Kette und einem Schloss gesichert. Dort war Heike also nicht. Martin konnte sich nur schwer vorstellen, dass Heike alleine mit dem Boot auf den Fjord hinaus getuckert wäre. Blieb nur noch das verfallene, doppelstöckige Wohnhaus übrig, das zwischen Wasser und Straße auf einem überwucherten Grundstück stand.

Martin leckte sich mit der Zunge den zuckrig-klebrigen Fruchtsaft von den Lippen. Langsam verließ er die Fahrbahn und ging auf das einst weiß gestrichene Haus zu. Die Farbe war nachgedunkelt oder abgeblättert. Das unter dem Anstrich zum Vorschein gekommene, durch Wind und Wetter gebleichte Holz, zeigte sich in unterschiedlichen Grautönen. Die wenigen Glasfenster, die noch intakt geblieben waren, starrten ihn blind an. In anderen Fensterlöchern zeigten sich gezackte, schmutzige Scherben. Vermutlich hatten Kinder die Scheiben mit Steinen eingeworfen. In der unteren Etage hatte jemand von innen Bretter an die Fenster genagelt. Die Haustür hing schief in den Angeln und Martin konnte dahinter nur tiefe Schwärze erkennen. Achtsam stieg er die drei dunklen, moosbewachsenen Steinstufen zum Eingang hoch. Die verwitterte Haustür schob er so weit beiseite, dass er in die Ruine schlüpfen konnte.

Um in dem diffusen Licht etwas erkennen zu können, kniff Martin die Augen zusammen. Er stand in einem langen Flur, der an seinem Ende in einen großen Raum führte. Die mit Brettern geschützten Fenster ließen kaum einen Lichtstreifen hinein. Linker Hand befanden sich drei türlose Durchgänge zu weiteren Zimmern. Rechts gelangte man über eine Treppe in das obere Stockwerk. Es roch hier intensiv nach Moder, Verfall und Schimmel. Martin legte sich die Hand, die noch den zarten Erdbeerduft verströmte, über Nase und Lippen. Zurückhaltend atmete er durch den Mund. Es war drückend heiß hier und ein öliger Schweißfilm bildete sich auf seiner Haut. Laut rief er ein paar Mal nach seiner Freundin, erhielt aber keine Antwort. Er tappte unsicher durch die Diele und schaute sich in den Zimmern um: abblätternde Tapetenreste und schwarzer Schimmel an den Wänden, abgetretenes und eingerissenes Linoleum auf dem Boden. In einem der Zimmer lag ein Stofffetzen, der einmal ein Teppich gewesen sein musste, und dünstete einen üblen Gestank aus. Heike fand er nicht.

Er wandte sich der Stiege zu. Mit dem Fuß erprobte er die erste Stufe, die in der Mitte durchgebogen war und sich unter seiner Sohle schwammig und nachgiebig anfühlte. Sie knarrte leise. Martin rüttelte ein paar Mal fest am Handlauf. Fast hätte er ihn dadurch abgerissen.

Später würde er sich dafür verfluchen, dass er sich an dieser Stelle nicht umgedreht und das Haus verlassen hatte. Aber er stieg, behutsam, jede Trittfläche testend, an der Wand entlang nach oben. Er stützte sich mit der Hand an der Seite ab, glitt darüber hinweg, spürte das raue Kiefernholz und die stockigen Papierfragmente der Tapete. Winzige Teile davon blieben auf seiner verschwitzten Haut kleben. Er ekelte sich davor, wagte aber nicht, den sicheren Halt aufzugeben. Oben angekommen atmete Martin erleichtert auf. Die Luft schien hier frischer zu sein, aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Definitiv war es hier oben heller als unten. Die Fenster versteckten sich nicht hinter Brettern. Der Grundriss der Räume entsprach dem des Erdgeschosses. Von hier aus müsste man einen guten Blick auf den Fjord und die Umgebung haben.

Auf dem Weg in den saalartigen Raum am Dielenende warf er zwischendurch kurze Blicke in die kleinen Zimmerchen und durch deren Fenster nach draußen. Er sah ein Stück der Fahrbahn, ihr Bootshaus und den Grünstreifen zwischen Wasser und Straße. Nichts von Belang gab es da. Martin trat über die Schwelle des geräumigen Zimmers. Silbrig-graue Staubpartikel tanzten glitzernd in der Sonne, die durch die verstaubten Glasscheiben schien. Martin war für einen Moment geblendet.

Mit langen Schritten durchquerte er den Raum. Erst, als es unter seinen Füßen bedenklich knarrte, wurde ihm die Gefahr bewusst, in der er schwebte. Da war es schon zu spät. Der Fußboden des Zimmers brach ein. Martin spürte, wie der morsche Boden unter ihm nachgab und unter seinem Gewicht zerbarst. Ein durchdringendes Krachen und Poltern begleitete seinen Sturz. In einem Chaos aus Holz, Staub und zerrissenem Bodenbelag wurde Martin mit in die Tiefe gerissen. Er fiel auf den Rücken. Der Aufprall nahm ihm den Atem. Hilflos und vergeblich schnappte er nach Luft. Trümmerteile und Schmutz lagen auf ihm. Auf seinem Hemd blühte ein roter Fleck auf wie eine Rose und es roch penetrant nach wilden Erdbeeren.

Endlich strömte wieder Sauerstoff in seine Lungen. Martin schluchzte vor Erleichterung auf. Er versuchte, sich aufzurichten. Es gelang ihm nicht, und so blieb er auf dem Rücken liegen. Sein linker Oberschenkel spannte unangenehm unter dem Stoff seiner Jeans. Martin schaffte es, den Kopf anzuheben. Er versuchte noch, sein Handy aus der Hosentasche zu ziehen, dann schwanden ihm vor Schmerz die Sinne.

 

 

„Shout! Shout! Let it all out!“ Der alte Song der Gruppe Tears for Fears hämmerte durch Heikes Kopf. Wutentbrannt und mit schnellen langen Schritten eilte sie den Pfad hinunter. Mehrmals geriet sie ins Rutschen, ließ sich davon aber nicht aufhalten. Sie erreichte Martins PKW und ärgerte sich, weil sie die Schlüssel nicht mitgenommen hatte. Sie hätte schön in die Stadt fahren, und da den Tag verbringen können. Und er hätte da oben in der Hütte versauern und sich fragen können, wo sie steckte. Mit der flachen Hand schlug sie auf das Wagendach und rannte weiter. Verdammt! Warum musste Martin aber auch so ein Vollidiot sein? Er wusste doch ganz genau, wie sehr es sie auf die Palme brachte, wenn Mr. Neunmalklug mal wieder raushängen ließ, wie toll er war.

An der Straße angekommen, wischte sich Heike mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Unschlüssig darüber, was sie machen oder wohin sie laufen sollte, schaute sie sich um. Heike war sich sicher, dass Martin ihr folgen würde. Dann würde er einen auf reumütig machen und sie mit seinem Dackelblick einwickeln. Aber diesmal wollte sie es ihm nicht so leicht machen. Er würde damit rechnen, sie hier am Fjord zu finden. Oder ein Stückchen weiter auf der Straße in Richtung Autofähre. Vielleicht würde er sie auch in dem verfallenen Haus suchen. Mit Sicherheit ging er davon aus, dass sie sich nicht weit entfernen würde. Heike schnaubte. Das werden wir ja sehen! Zielstrebig bewegte sie sich in Richtung des Landesinneren und passte ihr Tempo der drückenden Hitze an.

Für ihre Umgebung hatte die Frau wenig Sinn. Sie stapfte über die Fahrbahn, ohne zu registrieren, wie ein enormes Kreuzfahrtschiff gravitätisch auf dem Fjord an ihr vorbei zog. Oder dass die Leute, die auf Deck standen, ihr zuwinkten. Sie sah nicht, wie ein Tümmler Wasser in die Luft blies. Von den Schafen, die zehn Meter über ihr grasten und ihr gelangweilt hinterher schauten, bekam sie nichts mit. Sie bemerkte nicht, dass sie an den letzten Wohnhäusern vorbei lief. Sie entdeckte nicht die junge Hausfrau, die frisch gewaschene Wäsche aufhing und ihr hinterher blickte, bis sie nicht mehr zu sehen war. Heike überließ sich ganz ihrer Wut. Innerlich fluchte sie, weil ihr der Refrain des Liedes nicht mehr aus dem Kopf ging. Nur am Rande bekam sie mit, dass der Asphalt unter ihren Schuhen verschwunden war. Die Straße ging in einen unbefestigten Wirtschaftsweg über, dessen Spuren von breiten Traktorreifen herrührten und der mit leichter Steigung bergauf verlief.

Die Häuser hatte Heike seit einer knappen halben Stunde hinter sich gelassen. Ihre Schritte hatten sich verlangsamt. In dem Maß, in dem ihre Wut nachgelassen hatte. Die Kleidung klebte an ihrem Körper, sie hatte einen unangenehm trockenen Mund und ihr Gesicht glühte. „Höchste Zeit für eine Pause“, dachte sie und schaute sich um. Der Weg führte weiter bergan. Heike fragte sich, wo er wohl enden mochte. Links unter ihr stand eine Gruppe junger Birken, die Schatten versprachen. Sie schlenderte darauf zu. Schon nach wenigen Schritten hörte sie das willkommene Geräusch schnell fließenden Wassers.

Ein Lächeln stahl sich auf Heikes Gesicht, als sie bei den Bäumen eintraf. Ein vielleicht drei Meter breiter flacher Bach sprang über sein felsiges Bett, um sich irgendwann mit dem Fjord zu vereinen. Ein wundervoll idyllisches Plätzchen hatte sie hier gefunden. Unter dem Blätterdach der Birken lagen unterschiedlich große Steine verstreut auf dem Erdboden. An dieser Stelle des Flusses war das Ufer flach. Eine Ansammlung abgerundeter Kiesel bildete eine Abstufung zwischen Waldboden und Wasser. Alles war mosaikartig gesprenkelt mit den hellen Lichtflecken der Sonnenstrahlen, die sich einen Weg durch das Blattwerk bahnten. Heike schloss dieses Fleckchen Erde sofort in ihr Herz.

Am Wasser hockte sie sich hin und tauchte ihre Hände in das kristallklare, kalte Nass. Sie schöpfte Flüssigkeit und trank in kleinen Schlucken. Dann kühlte sie sich ihr von der Hitze gerötetes Gesicht. Schnell schlüpfte sie aus Schuhen und Strümpfen und krempelte ihre Jeans hoch. Bis zu den Knöcheln watete Heike durch den herrlich erfrischenden Bach, bis sie genug davon hatte.

Sie suchte sich einen Sitzplatz auf einem kniehohen Stein und lauschte dem Gesang des Flüsschens. Heike war es zu Mute, als hätte sie Ärger und Verdruss abgespült. Ruhe füllte sie aus. Jetzt kam ihr der Streit mit Martin lächerlich vor. Sie wünschte sich, sie hätte sich besser unter Kontrolle gehabt. Gestritten hatten sie sich über die beste Methode, ein Ei zu kochen. Martin legte die Eier in das kalte Wasser, brachte es zum Kochen und ließ es genau 4,5 Minuten sieden. Heike ließ ihre Eier vorsichtig mit einem Löffel in das kochende Wasser gleiten und variierte die Kochzeit nach dem Umfang der Eier. Jeder von ihnen hatte darauf bestanden, alleine im Recht zu sein. Während Martin bei der Auseinandersetzung ruhig geblieben war, war Heike völlig ausgeflippt und hatte losgebrüllt. Kurz bevor sie völlig ausgerastet wäre, war sie dann wie gewohnt Hals über Kopf davongelaufen. Heike bewunderte ihren Freund für die Geduld, die er mit ihr hatte. Gleichwohl hatte sie Angst, den Bogen zu überspannen und Martin zu verlieren. Es wäre nicht die erste Beziehung, die an ihrem aufbrausenden Temperament scheiterte. Das wollte sie auf gar keinen Fall riskieren. Sie liebte Martin von ganzem Herzen.

Nur ein paar Minuten wollte Heike noch sitzen bleiben und den Frieden dieses Ortes in sich aufnehmen. Dann würde sie zu Martin zurückkehren und sich bei ihm entschuldigen. Bedeutend ruhiger als noch vor einer Stunde, brach Heike auf. Sie hatte den Wirtschaftsweg fast erreicht, als ihre Augen ein paar rote Punkte wahrnahmen, die sie, vom Gras halb verdeckt, beinahe nicht entdeckt hätte. Neugierig ging sie näher und bückte sich. Reife, wilde Erdbeeren. Heike sammelte sie lächelnd ein und verteilte sie vorsichtig in die beiden Brusttaschen ihrer Hemdbluse. Martin würde sich bestimmt über die Früchte freuen.

Der Weg verlief für sie nun sanft bergab. Heike lief mit beschwingten Schritten. Plötzlich stieß sie mit dem Schuh an etwas Nachgiebiges. Schon spürte Heike einen heftigen Schmerz knapp über ihrem Fußknöchel. Sie sah, wie etwas Braunes, Längliches im Gras verschwand. Über ihrem Knöchel sog sich der Stoff ihres Strumpfes mit roter Flüssigkeit voll. Heike war von einer Schlange gebissen worden.

Einen Moment lang schaute Heike auf die sich langsam vergrößernde dunkelrote Fläche auf ihrem Söckchen und spürte den Schmerz des Bisses. Dann wurde sie von Panik übermannt. Sie hatte nur noch einen Gedanken im Kopf: So schnell wie möglich zu den Häusern gelangen und um Hilfe zu bitten. Sie hatte keine Ahnung, wie schlimm das Gift des Reptils war und wie es wirkte. Heike war felsenfest davon überzeugt, sterben zu müssen. Schockbleich, ohne sich weiter um die Wunde zu kümmern, rannte sie los.

Sie hatte schon ein gutes Stück Weg hinter sich gebracht, als sie stolperte und mit voller Wucht auf dem Boden aufschlug. Heikes Kopf prallte gegen einen Stein. Sie sah noch einen kurzen, hellen Lichtblitz und wurde ohnmächtig. Die zerquetschten Früchte in ihren Brusttaschen verströmten einen intensiven Geruch. Aus der Kopfwunde sickerte Blut.

 

 

Britta Mortensen beobachtete besorgt den Weg, der in die Berge führte. Dort gab es nur noch den Fischteich und eine alte Almhütte. Beide gehörten ihrer Familie. Die deutsche Touristin, die mit dem Mann in der Hütte der Anderssons wohnte, war noch nicht wieder zurückgekommen. Die Frau war nicht für lange Wanderungen ausgerüstet gewesen. Es war Stunden her, dass die Urlauberin an Britta vorbei gezogen war. Längst hätte sie schon wieder hier sein müssen. Britta war sich sicher, sie nicht übersehen zu haben. Sie hatte den ganzen Nachmittag über die Straße im Blick gehabt. Britta ging die paar Schritte zum Haus ihrer Schwiegereltern und teilte ihre Besorgnis ihrem Schwiegervater mit. Genau so beunruhigt wie Britta, machte sich Svein Mortensen mit seinem Traktor auf die Suche.

 

 

Schwester Agnetha schüttelte ihren Kopf, als sie von Svein Mortensen erfuhr, wie er die beiden deutschen Touristen gefunden hatte. Das war schon eine seltsame Verkettung von Zufällen gewesen. Noch bevor der ältere Mann die bewusstlose Deutsche auf seinem Traktor zu seinem Haus gebracht hatte, klingelte das Mobiltelefon der Frau. Herr Mortensen nahm das Gespräch an. Zum Glück verstand Svein ein wenig Deutsch. So erfuhr er durch Martin selbst von dem Unfall, der dem Touristen im alten Wohnhaus am Fjord zugestoßen war. Sobald der Deutsche aus seiner Ohnmacht erwacht war, hatte er versucht, Kontakt zu Heike aufzunehmen. Kaum hatte Svein das Gespräch weggedrückt, benachrichtigte er die Rettungsmannschaft.

Jetzt befand er sich im Krankenhaus und ließ sich von Schwester Agnetha erklären, wie es um die beiden Verletzten stand. Martin hatte Prellungen und eine gebrochene Rippe davongetragen. Der Oberschenkelbruch, den er einem Balken zu verdanken hatte, der auf ihn gefallen war, hatte sich gut richten lassen. Heike war von einer Kreuzotter gebissen worden. Svein wusste, dass so ein Biss zwar unerfreulich, aber nicht lebensgefährlich oder bedrohlich war, da diese Tiere nur sehr wenig Gift abgeben. Die junge Frau hatte sich jedoch eine recht starke Gehirnerschütterung zugezogen, als ihr Kopf auf dem Stein aufgetroffen war. Aber auch das würde wieder heilen.

Beruhigt konnte Svein nachhause fahren, um seiner besorgten Schwiegertochter Bericht zu erstatten.

 

 

Hand in Hand sitzt das Paar an einen Stein gelehnt auf einer Decke, die sie auf dem waldigen Boden ausgebreitet haben. Die Beiden genießen die beruhigende Wirkung, die dieser Platz auf sie ausübt. Sie schauen auf den schmalen norwegischen Fluss, der sich weiter unten mit dem Fjord vereint, und hören seiner Melodie zu.

Genau ein Jahr ist es her, seit sie von Herrn Mortensen gerettet worden waren. Seitdem sind sie mit ihm in tiefer Freundschaft verbunden. Heike und Martin waren noch glimpflich davongekommen. Ihre Verletzungen waren nicht schwer gewesen, aber hätte Mortensen sie nicht gefunden, hätte es böse für sie ausgehen können. Ihr Urlaub hatte vorzeitig in einem norwegischen Krankenhaus sein Ende gefunden. Dennoch hatten sie schon damals beschlossen, wiederzukommen.

Gemeinsam waren sie eine Stunde zuvor von ihrer Ferienhütte aus aufgebrochen. Heike hatte Martin zu ihrem Lieblingsplatz geführt. Unterwegs waren sie auf ein Feld mit winzigen, reifen Erdbeeren gestoßen. Sie hatten sich bei Britta ein Schälchen geliehen und die Beeren gepflückt.

Das Gefäß steht jetzt zwischen ihnen und von Zeit zu Zeit nascht einer der beiden von diesen unvergleichlich köstlichen Früchten.

 

Impressum

Texte: Mondkatz
Bildmaterialien: Bildbearbeitung Mondkatz, Bilder von Geralt + Font Peter Wiegel
Lektorat/Korrektorat: Mit freundlicher Hilfe von Reininde :-)
Tag der Veröffentlichung: 16.12.2013

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