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Feigheit führt zur Verzweiflung




Mittwoch. Es ist Mittwochmorgen und ich sitze in meinem Bürostuhl. Drehe mich nach rechts, drehe mich nach links. Immer und immer wieder. Verträumt schaue ich aus dem Fenster und dann wieder auf meinen Bildschirm vor mir.
Die blinkende Maus wartet darauf, endlich benutzt zu werden.

Ich klicke auf meiner Computermaus und versuche, in meinem Programm ein Vorabmodell zu erstellen. Doch schon wieder lehne ich mich zurück und drehe meinen Stuhl nach rechts und wieder nach links.
Meine Gedanken schweifen schon wieder ab und meine Konzentration lässt wirklich zu wünschen übrig.
Seit heute Morgen denke ich nur noch an den gestrigen Abend und ich habe noch immer Schmetterlinge im Bauch.

Meinen Blick richte ich auf mein Handy, was ich neben meine Tastatur gelegt habe und schmunzle. Noch einmal geht mir die SMS von heute Nacht durch den Kopf, ich kann sie mittlerweile auswendig, „Hi, schöne Frau, ich möchte mich für den wunderschönen Abend bedanken und freue mich darauf, noch weitere mit dir erleben zu dürfen. Ich wünsche dir eine gute Nacht und träum etwas Schönes.

“ so oft habe ich sie immer wieder gelesen.

Doch obwohl ich innerlich von hunderten von Ameisen oder anderen Kleingetieren befallen bin, so habe ich doch große Angst, da ich nicht weiß, worauf ich mich da wirklich eingelassen habe.

Der Kuss gestern, den ich mit Alexis geteilt habe, war einmalig. So etwas habe ich noch nie gespürt, nicht einmal bei Marius.

***



Marius - seine Küsse und Berührungen waren sinnlich und auch kraftvoll, auch sie haben mir den Atem genommen.

Wie schmeckte einst der erste Kuss mit Marius? Ich krame in meinen Erinnerungen und mir fällt mit einen Schmunzeln ein, wie wir uns kennen gelernt haben.

Wir kannten uns mittlerweile schon seit einen Monat. Trafen uns häufig auf dem Campus der Universität.
Die Erinnerung, wie wir zusammen gekracht waren, spielt mir ein Lächeln auf meine Lippen. Mit meiner rechten Hand streife ich über meine Stirn, schon alleine der Gedanke daran bewirkt, dass mir meine Stirn schmerzt.

Marius und ich träumten beide vor uns hin, so dass wir uns gegenseitig nicht bemerkt hatten. Fast wie ein Schlag war es gewesen, als wir zusammen prallten und mein Gesicht seinen festen Oberkörper berührte. Dabei flogen unsere ganzen Sachen durcheinander und wir bückten uns gleichzeitig, was zur Folge hatte, dass wir mit der Stirn zusammen prallten. Für einen Moment waren wir völlig platt und dann mussten wir beide lachen. Nachdem wir alles wieder geordnet hatten und jeder seine eigenen Sachen in den Händen hielt, meinte Marius:
„Das war ja wirklich filmreif.“ Was mich gleich noch einmal lachen ließ und ich nickte dazu. Marius nahm auch gleich die Gelegenheit wahr, mich zum Kaffee in der Mensa einzuladen. Mit einem Lächeln fragte er: „Was meinst du, nachdem wir so filmreif zusammen geprallt sind, was sagst du zu einer schönen heißen Tasse Kaffee?“ Kurz schaute ich in seine blauen Augen und es war um mich geschehen. Ich nickte und wir machten uns auch gleich auf den Weg.

Wir verbrachten den ganzen Nachmittag zusammen und ab da jeden weiteren Tag. Eines Tages lud er mich zu einem Jahrmarktbummel ein und ich stimmte zu. Den ganzen Tag schlenderten wir an verschiedenen Karussells vorbei und bei einigen fuhren wir auch mit. In einer kleinen Geisterbahn, die wir durchfuhren küsste er mich erst ganz leicht. Doch bevor wir das Ende erreicht hatten, waren wir schon außer Atem, weil sich unsere Lippen gleich darauf zu einem innigen und festen Kuss verschmolzen hatten.

***



Verträumt sehe ich noch immer auf meinen Bildschirm und versuche mir ins Gedächtnis zu rufen, was genau ich damals bei Marius erstem Kuss empfunden habe.

Ohne dass ich es wirklich wollte, fing ich an, einen Vergleich zu ziehen.

Seine weichen Lippen ließen kleine Stromstöße durch meinen Körper wandern, doch es fühlte sich nicht so an, als hätten meine Lippen Feuer gefangen.

Ich war aufgeregt und erregt, aber es fühlte sich nicht so an, als würde ich den Boden unter meinen Füßen verlieren.

Es war atemberaubend und sein Geschmack verursachte in mir ein Verlangen nach mehr. Doch es fühlte sich nicht so an, als wäre die Zeit stehen geblieben und dass die Welt auf gehört hätte, sich zu drehen.

Marius und ich verbrachten nach unserem Date wirklich jede freie Minute miteinander. Wir vertieften unsere Beziehung und zogen nach drei Jahren in unsere Traumwohnung.

Jetzt stelle ich fest, dass ich in der ganzen Zeit, die ich mit Marius zusammen war, nicht ein einziges Mal so ein starkes, intensives Gefühl hatte, wie bei Alexis Kuss.

Mein rechter Zeigefinger streift zum Xten Male über meine Lippen, noch immer spüre ich ihre weichen Lippen auf meinen. Wie ist das nur möglich, dass sich ein Gefühl so fest einbrennen kann?

Verträumt und geistesabwesend sehe ich aus dem Fenster, als es an meiner Bürotür klopft. Ich zucke leicht zusammen, bevor ich „herein“ sage. Leise öffnet sich die Tür und meine Sekretärin schaut herein. Ein leichtes Lächeln umspielt ihre Lippen und mit ruhiger Stimme sagt sie mir, dass Herr Maus da sei.

Herr Maus, natürlich. Ich nicke und versuche mit fester Stimme zu sagen:
„Ok. Geben Sie mir nur noch fünf Minuten und dann schicken Sie ihn zu mir rein.“

Ein Nicken und die Tür schließt sich vor meinen Augen wieder. Mit einem leichten Druck schiebe ich meinen Stuhl nach hinten und stehe auf. In zwei Schritten erreiche ich mein Bürofenster, schaue hinaus auf die Straße und beobachte für einen Moment die Menschen draußen.

„Reiß dich zusammen und konzentriere dich jetzt.“ mahne ich mich selbst zur Ordnung.

Kurz streife ich über meine Kleidung, als es erneut an meine Tür klopft.

Mit ein paar Schritten bin ich an meiner Bürotür und öffne sie mit einem Lächeln. Herr Maus ein kleiner, untersetzter Mann im mittleren Alter strahlt mich förmlich an, als er mir seine Hand entgegen streckt:

„Guten Tag, schön Sie zu sehen, Herr Maus.“ spreche ich ihn freundlich an und ich ergreife seine Hand um ihn ordentlich zu begrüßen. Er nickt und erwidert meinen Gruß, während ich mit meiner freien Hand ihm ein Zeichen gebe, einzutreten.

„Setzten Sie sich.“ sage ich noch zuckersüß und zeige auf mein kleines Sofa, was gegenüber meinem Schreibtisch steht. Meiner Aufforderung kommt er auch sofort nach und ich rufe noch nach draußen:
„Frau Schmidt, bringen Sie bitte unserem Gast und mir eine Tasse Kaffee.“ Noch bevor ich ein „Ja“ vernehme drehe ich mich schon um und schließe die Tür.

Ich weiß, das es nicht lange dauern wird, bis der Kaffee auf dem Tisch steht, währenddessen lege ich die Unterlagen, die ich für das Gespräch benötige, auf den Tisch und setze mich Herrn Maus gegenüber an dem kleinen Tisch auf einen bequemen Hocker.

Circa zwei Stunden dauert die Besprechung, bis Herr Maus sich zufrieden von mir verabschiedet. Ich freue mich innerlich, weil ich es geschafft habe, meinen kritischsten Kunden zufrieden zu stellen und ich bringe ihn auch noch bis raus an die Tür.

Mit dieser innerlichen Zufriedenheit bringe ich meinen restlichen Arbeitstag hinter mich und bemerke nicht, wie schnell die Zeit vergangen ist.

Als ich auf meine Uhr schaue, zeigen mir ihre Zeiger, dass es schon fast acht Uhr ist.

Mit Daumen und Zeigefinger meiner rechten Hand reibe ich über meinen Nasenrücken und kneife mehrfach meine Augen zusammen, um sie zu entspannen.

Nachdem ich alles abgespeichert habe und meine Programme geschlossen sind, strecke ich mich erst einmal in meinem Stuhl. Meine Schulter ist völlig verspannt und mein Genick schmerzt ein wenig. Nach dieser kleinen Lockerung meiner Glieder schalte ich meinen PC aus.

Mein Computer fährt runter und ich bin dabei, noch etwas meinen Schreibtisch aufzuräumen, als mein Handy anfängt zu klingeln. Ohne zu überlegen greife ich nach diesem etwas zu laut klingenden Ding, was die Stille im Büro durchdringt und schaue mit einem flüchtigen Blick auf das Display, um zu sehen, wer wohl gerade anruft.

Mein Herz hört für zwei Schläge auf, in meiner Brust zu schlagen. Alexis Name blinkt mir entgegen und in mir fängt es sofort wieder an zu kribbeln.
Mit einem leichten Zittern drücke ich auf annehmen und meine Stimme muss ich unter Kontrolle halten, damit das Zittern nicht auf der anderen Seite zu hören ist.

„Hi!“ kommt es nur von mir, ich kann einfach kein Wort mehr heraus bringen, mein Atem geht viel zu schnell und ich bin damit beschäftigt, ihn ruhiger klingen zu lassen. Alexis samtweiche Stimme dringt an mein Ohr und selbst durch das Telefon bekomme ich von dieser Stimme eine Gänsehaut, die sich über meinen Körper ausbreitet:

„Hi. Ich hoffe, ich störe dich nicht?“ Ich schlucke fest, bevor ich auf ihre Frage antworten kann, und mir ist auch der zweifelnde Ton nicht ganz verborgen geblieben, der in ihrer Stimme zu hören ist:

„Nein… Nein wirklich nicht. Du störst nicht, ehrlich.“ stammle ich und schüttle nebenbei den Kopf. Innerlich atme ich auf und bin froh darüber, dass Alexis mich nicht sehen kann, da ich das Gefühl habe, mich gerade voll und ganz zu blamieren.

„Das ist gut“, kommt es von ihr und ich höre sie tief einatmen bevor sie weiter spricht.
„Ich wollte dich eigentlich was fragen.“ Noch einmal holt sie tief Luft, als würde sie die richtigen Worte suchen. Bevor ich jedoch fragen kann, vernehme ich schon wieder ihre wohlige Stimme:
„Hast du Lust… Also ich würde dich gerne für diesen Samstag einladen. Hast du Lust mich zu begleiten?“ Kurz stehe ich in meinem Büro und höre einige Herzschläge lang ihrem Atem zu. Sie wartet auf eine Antwort und ich weiß, dass es dieses Mal gleich ein Date ist.

Noch bevor ich anfange darüber nachzudenken, stimme ich auch schon zu.
„Gerne, ja ich komme gerne mit.“

Jetzt sehe ich sie direkt vor mir, wie sich ein Lächeln auf ihre Lippen legt.

„Wo soll es denn hingehen?“ frage ich sie geradeheraus und meine Stimme ist nicht halb so sicher, wie ich es mir gewünscht hätte.

„Wir können ins Kino gehen, wenn du magst?“ höre ich ihre leise warme Stimme.

„Warum nicht, ich war schon lange nicht mehr im Kino.“ gebe ich zu und ich schmunzle leicht vor mich hin.

„Dann hole ich dich am Samstag ab. Wollen wir vorher noch was essen gehen?“
Einen Moment überlege ich, bevor ich zu dem Essen zustimme.

„Ok, ich komme dann gegen sechs zu dir, dann haben wir genügend Zeit, um etwas zu essen.“
Auch dieses Mal stimme ich zu und antworte ihr mit leiser Stimme:

„Ich freu mich.“ Ein leichtes Seufzen kommt mir über die Lippen und einige Momente lauschen wir gegenseitig unserem Atem, keiner von uns, so wie mir scheint, möchte auflegen.

In mir wächst der Wunsch, sie am liebsten sofort zu sehen. Der Gedanke, bis Samstag warten zu müssen, sorgt für ein unbehagliches Gefühl in mir.

Ich könnte sie noch zu einem Kaffee einladen und mich für gestern revanchieren. Aber vielleicht kommt sie auch kurz zu mir, wenn ich sie frage. Doch was genau stelle ich mir vor, was wir machen sollen. Bei mir in der Wohnung? Den Gedanken kann ich vergessen, ich habe noch nicht meine Möbel. Das heißt wir können nicht wirklich bequem sitzen. Ich könnte sie fragen, ob wir uns für eine Stunde in der Stadt treffen wollen, doch wo sollten wir hingehen?

Nur warum sollte sie kommen, welchen Grund könnte ich nennen? Inmitten meiner Überlegungen dringt ihre Stimme wieder an mein Ohr und ich habe das Gefühl, sie stünde direkt neben mir und ich könnte auch ihren Atem spüren. Heiß wird mir auf einmal, als ich ihre Frage „Was machst du gerade?“ beantworte:

„Ich bin noch im Büro, wollte aber gerade alles abschließen und nach Hause fahren.“

„Ah ok, dann möchte ich dich nicht länger aufhalten, damit du nach Hause kommst. Es war sicher ein langer Tag für dich.“

Ich ziehe die Luft tief ein, ihre Worte dringen so beruhigend in mich, dass ich gar nicht will, dass sie auflegt. Ich setzte mich auf mein Sofa, während ich spreche.

„Ach kein Problem, du hältst mich nicht auf. Ich muss sowie so noch alles abspeichern und den PC runter fahren. Währenddessen können wir ruhig noch etwas reden.“

Ein leichtes zufriedenes Seufzen kommt von der anderen Seite und ich lächle. Sie wollte also auch nicht auflegen, geht es mir sofort durch den Kopf und schon wieder lauschen wir gegenseitig unserem Atem.

Eine halbe Stunde sind wir mittlerweile am Telefon und reden und schweigen immer wieder. Meine Beine habe ich auf dem Sofa ausgestreckt und ich lausche angestrengt Alexis Stimme. Jeden Atemzug nehme ich wahr. Jedes Lächeln in ihrer Stimme und dabei kann ich sie dann direkt vor mir sehen, wie ihre Augen blitzen und leuchten. Ihr Mund der so rosa glänzt. Die kleine schwarze Locke, die ihr immer wieder ins Gesicht fällt.

„Dein PC braucht aber lange, um runter zu fahren.“ dringt es an mein Ohr, mit einem leicht spöttischen Ton, so dass ich vor Schreck mich aufsetze. Sofort spüre ich das Rot in meinem Gesicht und mein Mund ist staubtrocken. Ich schaue zur Uhr und die sagt mir, dass es schon fast Neun ist. Oh Mann, ich habe nicht bemerkt, dass die Zeit so schnell vergangen ist.

„Oh ja, der braucht wirklich sehr lange.“ murmele ich verlegen. Sie weiß, dass ich geflunkert habe und genau das macht mich nervös.

„Es ist wirklich schon ein altes Ding“, flunkere ich weiter und versuche meine Nervosität zu verbergen. Hektisch greife ich nach meiner Tasche und meinen Schlüsseln, als ob sie mich sehen könnte. Mit dem Handy am Ohr verlasse ich mein Büro und das Gebäude.
Mit dreimaligem Kontrollieren, schließe ich alles ab.

„Ich bin gerade auf dem Weg zum Auto“, spreche ich leise ins Telefon und in meinem Gehirn stellt sich die Frage, ob ich sie nicht doch noch einladen soll.

Mein Herz rast meine Zunge ist trocken und die Frage will meinen Mund verlassen, doch meine Feigheit bewirkt, dass ich mich langsam von ihr verabschiede.

„Ich sollte jetzt auflegen, wenn ich fahren möchte.“ Ich sitze hinter meinem Lenkrad und mit der freien Hand kralle ich mich fest hinein.

„Klar, außerdem ist es auch schon spät nicht wahr?“ kommt es ebenso leise von ihr und ich hole tief Luft. „Ja ist es“

Nein ist es nicht, bitte triff dich mit mir heute Abend. Ich möchte dich so gerne sehen! Doch keinen der Sätze bringe ich über meine Lippen. Eher sage ich:

„Dann verabschiede ich mich für heute, ich sollte wirklich jetzt fahren.“

„Ja, nicht dass die Anwohner noch auf dumme Gedanken kommen.“ höre ich sie lachen und auch ich stimme mit ein.

„Nein das wollen wir ja nicht.“ erwidere ich und meine Stimme wird leiser als ich ihr schon fast zuflüstere:

„Ich wünsch dir noch einen schönen Abend. Danke, dass du angerufen hast.“

„Dir auch und ich hatte es dir doch versprochen.“ Und schon wieder klopft mein Herz schneller als mir lieb ist.

„Ja das hattest du.“

Noch einige Minuten zögern wir die Verabschiedung hinaus, bevor wir endgültig auflegen.
Ich lege das Handy an die Seite und drücke mich fester in meinen Sitz. Meinen Kopf lehne ich nach hinten und schließe kurz meine Augen. Warum war ich nur zu feige, sie einzuladen. Es wäre doch nichts dabei gewesen, irgendwo noch einmal einen Kaffee zu trinken.

Mit einen tiefen Seufzen starrte ich meinen kleinen Flitzer und fahre los. Immer wieder stelle ich mir die Frage, warum ich es nicht getan habe. Und immer wieder überlege ich, wie sie vielleicht reagiert hätte. Nach zwanzig Minuten bin ich endlich zu Hause angekommen und ich bin froh, in meiner Wohnung zu sein.

Als ersten begebe ich mich unter die Dusche und danach hole ich mir etwas zu trinken und lege mich auf meine Matratze. Meine Uhr zeigt mir, dass es kurz nach Zehn ist, eigentlich noch viel zu früh zum schlafen. Doch habe ich keine Lust, fernzusehen und auch auf lesen kann ich mich nicht konzentrieren.

Ich greife nach meinem Handy. Vielleicht sollte ich sie für Morgen einladen, dann wäre es auch nicht so kurzfristig und auch von der Uhrzeit her nicht zu spät.
Ich öffne das Menü, um Nachrichten zu schreiben und tippe die ersten Buchstaben ein, um sie auch gleich wieder zu löschen. Dreimal wiederhole ich dieses Spiel bis ich meine Nachricht fertig geschrieben habe.

„Möchtest du Morgen Mittag vielleicht mit mir einen Kaffee trinken?“ Immer wieder lese ich die Worte und weiß, dass ich nur noch auf Senden drücken muss. Fünf Minuten starre ich schon auf die Nachricht und dann lösche ich sie wieder. Verzweifelt lege ich das Ding neben mir ab, greife nach meinem Glas und trinke etwas.

„Warum bist du nur so feige?“ frage ich mich immer wieder und ich drücke mir mein Kissen an den Brustkorb. Mein Herz zieht sich zusammen. Wie gerne hätte ich sie heute gesehen. Auch wenn ich gewusst habe, dass ich gar nicht weiß, wie ich mich nach gestern verhalten hätte sollen.

Bis spät in die Nacht wälze ich mich in meinem Bett hin und her und kann einfach nicht einschlafen. Immer wieder ärgere ich mich über meine Feigheit. Auch kommen immer die gleichen Fragen.
Würde sich Alexis freuen? Hat sie überhaupt Zeit? Schließlich war es von ihr gekommen, dass wir uns erst am Samstag wieder treffen. Aber vielleicht denkt sie auch, dass ich einfach zu viel zu tun habe. Doch auch ihr Terminkalender ist nicht wirklich leer. Wahrscheinlich hat sie selbst gar keine Zeit vor Samstag.

Doch ich hätte sie auch einladen können, die letzte Einladung kam doch von ihr. Wäre ich dann nicht dran?

Ich könnte es noch tun. Warum nicht, es ist ja nichts dabei. Dann sieht sie, dass auch ich sie gerne sehen möchte. Natürlich ist es nicht schlimm. Es ist etwas ganz Normales.

Immer wieder spreche ich mir nun selber Mut zu, dass es nicht schlimm sei, sie einzuladen. Wenn sie es nicht einrichten kann, weil ihr die Zeit fehlt, dann wird sie es bestimmt sagen.

Doch wie würde ich reagieren, wenn sie nicht kann. Wenn ich eine Absage bekomme und dann doch bis Samstag warten muss. Ach was, so schlimm kann es doch nicht sein, ich selbst weiß doch am besten, wie es mit der Arbeit ist.

Mein Blick auf die Uhr zeigt mir aber, dass es eindeutig zu spät ist, ihr jetzt noch eine Nachricht zu schreiben. Sie schläft sicher schon und ich will sie nicht wecken.
Ich werde ihr morgen früh eine Nachricht schreiben, während ich auf der Arbeit bin. Vielleicht hat sie ja am späten Nachmittag etwas Zeit für einen Kaffee.

Es war Donnerstag, dann Freitag und ich hatte ihr an beiden Tagen keine Nachricht geschrieben egal wie oft ich es mir vorgenommen habe.

Immer wieder redete ich mich heraus, dass ich zu viel zu tun hätte. Ich hatte die Zeit nicht im Auge behalten und und und. Nun haben wir Samstagmorgen und ich stehe frisch geduscht um acht Uhr morgens in meiner Küche und mache mir einen Kaffee.

In mir tobt eine Aufregung, die mich einfach nicht mehr schlafen lässt.

Die Stimmung auf heute Abend ist zweigeteilte. Ich habe Angst, dass sie nicht auftauchen wird. Wir haben seit Mittwochabend nichts mehr voneinander gehört. Meine Feigheit war einer der Gründe und sie selbst hat sich auch nicht noch mal gemeldet.

Vielleicht hat sie auch auf eine Nachricht von mir gewartet. Doch ich war einfach zu feige. In mir hatte sich eine Angst breit gemacht, wie sie reagieren würde und ich wusste einfach nicht was ich sagen sollte.

Wird sie wirklich kommen, nachdem wir gar nichts mehr von einander gehört haben?

Vielleicht nimmt sie mein Schweigen dafür, dass ich sie eventuell nicht sehen möchte. Es breitet sich noch mehr Angst in mir aus.

Was ist, wenn sie heute nicht kommt? Was ist, wenn sie wirklich auf eine Nachricht von mir gewartet hat und weil sie nichts von mir gehört hat, meint sie vielleicht ich will nicht mit ihr zusammen sein?

Mein Herz zieht sich zusammen, meine Hände werden feucht und ich kralle mich an meiner Tasse fest.
Sie wird nicht kommen, ganz sicher. Wer will schon mit jemandem Zeit verbringen, der sich nicht einmal von sich aus meldet?

Doch sie kommt. Wir haben uns doch für heute verabredet und wir beide sind in unsere Arbeit vertieft bis spät abends. Sie kommt ganz sicher.

Für einen Moment hebt sich meine Stimmung und mein Herz macht einen freudigen Sprung, bevor ich wieder in mich zusammen sacke.

Nein sie kommt ganz sicher nicht. Ich hätte mich einfach auch mal melden sollen und wenn es nur ein „guten Morgen“ oder ein „wie gehst dir heute“ gewesen wäre. Wir hätten uns ja nicht gleich verabreden müssen.

Aus meinem innerlichen Kampf holt mich meine Türklingel und ich muss meine Tasse noch fester halten, weil sie mir beinahe aus der Hand gerutscht wäre.

Noch bevor ich meine Tasse abstelle, klingelt es schon ein zweites Mal und ich beeile mich dann, an die Tür zu kommen. Wie leicht wäre es, wenn ich eine Sprechanlage hätte, aber so drücke ich nur den Summer und warte darauf, wer nun die Treppe nach oben kommt.

Ich höre feste Schritte die Stufen hochkommen und weiß sofort, wer gleich vor mir stehen wird. Noch bevor ich zu mir selbst sagen kann, was macht er hier, steht Marius auch schon vor mir und drückt mich an sich.

„Hi Süße“ dringt seine tiefe Stimme in mein Ohr und leicht werde ich rot.

Doch das Rot bezieht sich nicht auf die Freude ihn zu sehen. Nein meine Röte habe ich der Enttäuschung zu verdanken, weil ich mir innerlich gewünscht habe, jemanden ganz anderes zu sehen.

„Hi“, gebe ich zurück und löse mich behutsam aus der Umarmung, bevor ich auch schon frage:

„Na was machst du denn hier?“ dabei sehe ich ihm kurz in seine blauen Augen und ein Strahlen kommt von seiner Seite.

„Ich dachte, ich schau mal nach dir. Ich wollte fragen, ob du Hilfe brauchst und wollte wissen, wie es dir geht.“

Für wenige Sekunden senkt er seinen Blick und streift sich nervös durch seine Haare. Ich muss ein Grinsen unterdrücken, er sieht immer noch verdammt süß aus, wenn er das macht.

Ich drehe mich etwas seitlich und gebe den Weg in meine Wohnung frei.

„Mir geht es gut und, na ja, Hilfe brauche ich nicht, habe schon alles fertig gestrichen und die Möbel kommen auch bald. Sie werden auch dann gleich aufgebaut.“ beantworte ich seine Fragen und schließe hinter mir die Tür.

Innerlich schüttle ich den Kopf. Wir sind gerade mal zwei Wochen getrennt und doch kommt es mir vor, als hätte ich ihn schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.

Wir schlendern gemeinsam in die Küche und ich lasse ihn auf dem einzigen Stuhl Platz nehmen.

„Und du, wo setzt du dich hin?“ fragt er mich und sieht sich dabei in der Küche um.

Mit den Schultern zuckend schenke ich ihm eine Tasse Kaffee ein und während ich ihm die Tasse in die Hand drücke, sage ich nur leicht amüsiert:

„Ich bleibe stehen, ist gut für die Figur.“ Er lächelt und schüttelt gleichzeitig den Kopf.

„Wann kommen denn deine Möbel?“ setzt er auch schon an, um der seltsamen Stimmung, die angefangen hat, sich auszubreiten, zu entkommen.

„In zwei Wochen“, gebe ich zurück und ich nippe etwas nervös an meinen Kaffee.

Ein seltsames Gefühl läuft durch meinen Magen. Auch, wenn wir uns mit beiderseitigem Einverständnis getrennt haben und auch Freunde bleiben wollten, so ist diese Situation doch etwas unwirklich. Ich weiß nicht, was ich wirklich sagen soll, also frage ich nach Belanglosem:

„Was macht die Arbeit und geht es deinen Eltern gut?“ Er nickt mir zu, bevor er mir antwortet.

„Auf Arbeit läuft alles prima. Mein Vater will, dass ich in einem Jahr die Firma ganz übernehme, dafür arbeitet er mich jetzt ein. Das heißt noch mehr Seminare und Schulungen, sowie Geschäftsreisen damit ich auch alle Fialen kennenlerne. Ansonsten geht es den beiden wirklich sehr gut.“

Noch einmal setzte ich meine Tasse an meinen Mund und tu so, als ob ich trinke, denn sie ist schon längst leer. Ich möchte ihn fragen, was seine Eltern zu unserer Trennung gesagt haben, doch traue ich mich nicht.

Wir hatten uns wirklich alle sehr gut verstanden und sie hatten schon fest mit einer Hochzeit und Enkelkindern gerechnet. Immer wieder haben sie damit in unseren Ohren gelegen.

„Wissen... deine…“ Ein tiefes Einatmen von mir und ich beende meinen Satz, „Deine Eltern schon Bescheid?“ Marius schüttelt den Kopf und ich sehe ihn erstaunt an.

„Ich konnte es ihnen noch nicht sagen“ kommt es entschuldigend von ihm. In seinem Blick kann ich lesen, dass es ihm sehr Leid tut.

„Aber du musst es ihnen sagen“, spreche ich ihn darauf an. Er nickt und schüttelt gleichzeitig den Kopf.

„Ich weiß, nur eben jetzt noch nicht.“ Verwirrt sehe ich ihn an.
„Ich kann es noch nicht sagen. Du weißt, dass sie dich unwahrscheinlich lieben.“

Ich nicke bei seinen Worten. Nervös streift Marius wieder durch seine Haare und mir wird bewusst, dass er etwas auf dem Herzen hat.

„Was ist los?“ komme ich daher nicht umhin, zu fragen. Tief zieht er die Luft ein, bevor er wohl die richtigen Worte findet.

„Wie soll ich sagen? Ich sagte ja schon, ich habe beiden noch nichts von unserer Trennung erzählt und so schnell kann ich das auch nicht.“ Noch ein tiefes Seufzen und in mir breitet sich gerade ein starkes Unbehagen aus.
„Na ja, ich wollte fragen, da ich ihnen das jetzt noch nicht sagen kann, wollte ich…. Also sie haben uns…“

„Was haben sie uns?“ Das Gestotterte von ihm macht mich nervös, so dass ich ihn dazu dränge, endlich auf den Punkt zu kommen.

„Also sie haben uns…“ Eine kurze Pause und meine Finger klopfen nervös an meine Tasse.

„Heute Abend zum Essen eingeladen und ich wollte fragen, ob du mitkommst.“

Ein lauter Knall unterbricht kurz die Stille, die sich für ein paar Sekunden in der Küche ausgebreitet hat und die Scherben meiner Tasse verteilen sich auf dem Küchenfußboden.

Hecktisch gehe ich in die Hocke und meine Gedanken überschlagen sich.

Heute Abend.

Warum heute Abend? Was mache ich denn jetzt?

Vorsichtig hebe ich die größeren Porzellanstücke auf und entsorge sie im Mülleimer.

Marius war sofort aufgesprungen um mir zu helfen. Mit einem Kopfschütteln machte ich ihm klar, dass ich keine Hilfe brauche. Nach dem Entsorgen kommt es brüchig von mir:

„Entschuldige, ich muss ganz kurz ins Bad.“ Beide nicken wir uns zu und ich verschwinde in mein Badezimmer. Der Schlüssel dreht sich unnatürlich laut und ich setzte mich auf meinen Badewannenrand.

„Heute Abend. Warum gerade heute Abend?“

Seine Eltern, sie waren immer so lieb zu mir. Beide haben mich behandelt wie ihre Tochter seit ich keinen Kontakt mehr mit meinen Eltern habe. Eva und Gunter haben meine fast ersetzt.
Ich wusste, dass ich mit allem zu ihnen kommen konnte. Immer standen sie mir bei und halfen mir auch so gut sie konnten. Ich möchte sie nicht enttäuschen, obwohl die Enttäuschung schon groß sein wird, wenn sie erfahren, dass Marius und ich, dass wir uns getrennt haben.
Vielleicht sollte er es ihnen heute sagen, doch der Ausdruck in seinen Augen vorhin, hat mir gezeigt, dass er noch nicht bereit ist, ihnen das mitzuteilen.In gewisser Weise kann ich es verstehen, doch verheimlichen kann er es auch nicht.

Meine Hände krallen sich in meine Hose und ich weiß nicht, was ich tun soll.

Heute Abend wollte ich mich doch mit Alexis treffen. Wir wollten essen gehen und dann ins Kino. Aber seine Eltern, die meine so ersetzt haben, die kann ich doch nicht einfach so stehen lassen.

Was mache ich denn jetzt? Was mache ich denn jetzt?

Immer wieder stelle ich mir die gleiche Frage, doch finde ich einfach keine passende Antwort.

Ich starre auf meine Badtür und weiß, dass Marius in der Küche sitzt und auf meine Antwort wartet, doch wie soll ich ihm erklären, dass ich heute eigentlich ausgehen wollte.
Oder wie sollte ich Alexis sagen, dass wir unser Treffen verschieben müssen.

Noch immer sitze ich auf dem Rand meiner Badewanne und weiß nicht, wie ich mich entscheiden soll.


Ein Misverständnis kommt selten allein




Achtzehn Uhr dreißig und ich sitze hier an dem Tisch, wo ich jede Minute merke, dass ich hier nicht mehr hingehöre.

Meine Gedanken schweifen alle paar Minuten immer wieder ab.
Marius streichelt mir ab und zu liebevoll über meinen Unterarm, eine Geste die er schon immer machte, wenn wir mit seinen Eltern zusammen waren.

Eva strahlt uns an, ohne zu wissen, dass dies hier nur ein Schauspiel ist und mir tut es in der Seele weh, sie anzulügen.

Doch das Flehen von Marius heute Morgen, nachdem ich ihm sagte, dass ich schon mit einer Freundin verabredet sei, hatte mir keine andere Wahl gelassen.

„Bitte, Lisi, nur dieses eine Mal. Sobald die Gelegenheit günstig ist sage ich es ihnen. BITTE!“ Sein flehender Blick und die Verzweiflung in seinen Augen hatten mich dann doch schwach gemacht und ich schrieb Alexis eine SMS.

Mit zittrigen Fingern tippte ich die Nachricht ein und wusste nicht wirklich, wie ich es ausdrücken sollte.

Ich tröstete mich damit, dass sie vielleicht sowie so nicht gekommen wäre. Auf meine SMS, die ich ihr geschrieben hatte, in der ich ihr mitgeteilt hatte, dass ich unser gemeinsames Treffen heute leider absagen müsse, antwortete sie:

„Hallo, liebe Lisi, schade, dass wir uns heute nicht sehen können, ich hatte mich wirklich darauf gefreut. Wenn du möchtest, dann melde dich bei mir. Ist denn alles in Ordnung bei dir?“

Ich las mir die SMS durch und, nein, es war nicht alles in Ordnung. Ich hatte ihr nicht den Grund geschrieben, warum wir uns nicht treffen konnten und ich wusste auch nicht wie ich das ausdrücken sollte.

Wie hätte sich das denn angehört:Sorry ich kann mich nicht mit dir treffen, weil ich mit meinem EX

zusammen als Paar mit seinen Eltern essen gehe. Da er es nicht geschafft hat, seinen Eltern zu sagen, dass wir inzwischen getrennt sind.


Was sollte sie dann denken, wenn ich unser erstes offizielles Date wegen meinem EX Freund absage?

Doch jetzt bereue ich es zutiefst. In meiner Brust spüre ich schon wieder dieses Stechen, was mir schon die ganze Zeit sagt: Du hast einen großen Fehler gemacht.



Ich beobachte Marius, wie er mit seinem Vater über die Zukunft der Firma plaudert.
Eva, wie sie sich amüsiert, bei der verbalen Kabbelei der beiden Männer.
Beide bringen Ideen auf den Tisch, die einen schon schmunzeln lassen. Das Gespräch ist nicht wirklich ernst zu nehmen, das wissen beide, aber sie selber haben viel Spaß dabei.

Ein leichtes Lächeln breitet sich für einen Moment auf meinen Lippen aus und auch Wehmut spüre ich in mir. Der Wunsch, mit meinen eigenen Eltern einmal so umgehen zu können, steckt tief in mir, doch wird sich dieser nie erfüllen.

Ich freue mich für Marius, dass er so wundervolle Eltern hat und irgendwie kann ich es verstehen, dass er es noch nicht übers Herz gebracht hat, ihnen von unserer Trennung zu erzählen.
Auch für mich sind seine Eltern unersetzlich, die Angst, sie dann zu verlieren, ist ziemlich groß und doch haben wir keine andere Wahl.

Oft sieht mich Marius mit einem liebevollen, dankbaren Blick an und ich versuche zum wiederholten Male, der Berührung zu entkommen, die Marius schon fast im Unterbewusstsein zu tun pflegt.
Ich möchte nicht, dass seine Eltern dies mitbekommen also versuche ich, Eva in ein Gespräch zu verwickeln, wo ich mich mehr zu ihr hinwenden muss.

Eine mir unerträglich lange Zeit verbringen wir in dem Restaurant, bis wir endlich das Essen beendet haben und die Rechnung beglichen wird.

Wir verabschiedeten uns vor dem Restaurant und Marius streifte meinen Rücken während ich Gunter die Hand gebe und Eva mich kurz an sich drückt.
Ich erwidere gerade die Umarmung, als ich völlig erstarre.

Mein Blick richtet sich hinter Eva auf eine wunderschöne, schlanke Person mit schwarzen langen Haaren. Sie ist gerade mal zwei Meter von uns entfernt und unsere Blicke kreuzen sich.
Beschämt senke ich meine Augen und Eva fragt mich auch sofort:

„He, Kleines, alles in Ordnung mit dir?“ Mein Kopf dröhnt und am liebsten würde ich davon laufen. Marius hält noch immer seine Hand auf meinem Rücken und Eva dreht sich langsam um.
Alexis steht mit einer groß gewachsenen, schlanken Frau am Eingang.

Kurz treffen sich unsere Blicke und die kurzhaarige Blonde beugt sich zu Alexis, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern.
Mein Herz hört für zwei Schläge auf zu schlagen bevor es mit Wucht wieder anfängt und es schmerz in meiner Brust.

Die Begleitung von Alexis sieht klasse aus. Ihre Jeans betont ihre Figur und auch das T-Shirt, was sie trägt, schmiegt sich elegant um ihren Oberkörper.

Noch einmal streift mein Blick Alexis und in mir breitet sich eine unangenehme Kälte aus.
Eva hat mich mittlerweile losgelassen, betrachtet die beiden Frauen, doch Alexis sieht nur mich an.

Nur schwer kann ich atmen. Mein Kopf, dröhnt von den lauten Schlägen meines Herzens, mein Körper zieht mich tief nach unten als hätte ich Blei in mir.
Schwer stehe ich da und betrachte ihre wunderschönen Augen, doch sie strahlen nur Kälte aus.
Ich kann ihre Enttäuschung sehen. Auch habe ich das Gefühl, etwas Abfälliges und Zorn in ihnen lesen zu können, als sie Marius ansieht.

Ich glaube nicht, dass die anderen etwas bemerken, denn sie lächelt und nickt mir freundlich zu.
Aber ich erkenne, dass ihr Lächeln nicht ernst ist, dass ihre Augen nicht strahlen.

Stolz steht sie neben der jungen Frau und nur Sekunden sind vergangen, als sie sich in Richtung des Eingangs dreht und aus meinem Blickfeld verschwindet.

Noch immer hält mich Marius am Rücken fest, dort wo er mich berührt brennt es unangenehm und ich mache einen Schritt vorwärts, um mich davon zu lösen. Kälte durchströmt mich. Gänsehaut überfällt mich, ich friere so sehr, obwohl der Abend angenehm warm ist.

„Kanntest du sie?“ dringt Evas Stimme zu mir durch. Kurz ziehe ich leise tief die Luft ein.

Ja ich kenne sie, wir haben uns sogar schon geküsst und es war das perfekteste Gefühl, was ich je gespürt hatte. Doch nach ihrem Blick zu urteilen, werde ich es wohl nie wieder genießen dürfen, denn ich habe sie verletzt.
Aber das sage ich Eva natürlich nicht, ich nicke nur und antworte kurz.

„Ja wir kennen uns, ich haben meine M…“ Noch bevor ich das Wort aussprechen kann, drückt Marius etwas fester an meinen Rücken und ich erinnere mich daran, dass ich noch immer eine Rolle spiele.

„Ich habe sie schon öfter gesehen.“ krächze ich fast die Worte heraus, weil mein Mund staubtrocken ist. Eva scheint aber nicht wirklich etwas bemerkt zu haben, denn sie nickt mir nur zu und wir verabschieden uns alle nun endgültig.

Während Marius mich nach Hause fährt, sitze ich neben ihm und sehe schweigend aus dem Fenster.

„Lisi“, dröhnt es fast unnatürlich in meinen Ohren und mit einem Ruck drehe ich meinen Kopf in seine Richtung.

„Lisi, danke“, kommt es leise von ihm und ich antworte nur mit einem „Mhh“ ich möchte nicht reden, weil meine Gedanken immer noch bei Alexis sind und wie sie mich angesehen hat.

„Sie haben nichts gemerkt, glaube ich“, spricht er weiter und am liebsten würde ich mir die Ohren zuhalten.

„Aber du musst es ihnen sagen.“ gebe ich dafür zurück und sehe ihm seitlich in sein Gesicht.

„Aber…“ eine kurze Pause „Aber meine Mutter war so glücklich.“

Ich ziehe eine Augenbraue fragend nach oben. Irgendwas ist in seiner Stimme, das mich aufhorchen lässt. Was hat er vor?

„Hast du Lust noch etwas trinken zu gehen?“ kommt es von ihm und in meinem Kopf fängt es an, zu arbeiten.

„Nichts Großartiges, wir könnten einfach noch ein wenig miteinander reden.“ Verlegen streift er sich durch die Haare und mit einem vielsagenden Blick sieht er mich an.

Kann es sein…? In mir breitet sich Nervosität aus.

Kann es wirklich sein…? Nein das würde er doch nicht tun.

Mittlerweile stehen wir vor meinem Haus und Marius hat den Motor abgestellt.

„Also was sagst du? Wir könnten doch noch etwas trinken gehen. Der Abend ist doch noch jung und wir könnten ihn gemeinsam ausklingen lassen.“

Einige Sekunden bleibe ich ganz ruhig, bevor ich sein Angebot abschlage:

„Nein, Marius, ich glaube, das ist keine gute Idee.“

Vorsichtig lege ich eine Hand auf seine und drücke sie ein wenig, bevor ich mit ruhiger, leiser Stimme fortfahre:
„Ich glaube, wir sollten uns auch eine Weile nicht mehr treffen.“

„Warum nicht?“ höre ich seinen Einwand. „Was spricht dagegen, wenn wir uns ab und zu treffen?“

Tief atme ich ein, bevor ich meine Erklärung abgebe.

„Marius wir haben uns getrennt und ich glaube, es ist einfach zu früh, sich einfach so zu treffen. Sieh doch, du hast es noch nicht einmal deinen Eltern gesagt. Wir sollten wirklich erst einmal auf Abstand gehen.“

„Wieso, wir können uns doch treffen. Lisi…“ Ein Seufzen kommt von ihm und seine Augen sprechen Bände.
„Lisi, du weißt, ich liebe dich. Also warum nehmen wir unsere augenblickliche Situation nicht einfach zum Anlass für einen Neuanfang?“

Ich schüttle den Kopf, was eine zweifache Bedeutung hat.
Einmal weil ich heute mit ihm mitgegangen bin, ohne es durchschaut zu haben, was er wirklich vorhatte.
Und zweitens um ihm zu zeigen, dass ich nicht auf seinen Vorschlag eingehen werde.

„Ich kann nicht. Marius, wir haben uns beide getrennt, weil wir uns unterschiedlich weiter entwickelt haben. Wir sollten wirklich jeder unser eigenes Leben angehen.“

„Aber wir lieben uns doch, wir haben uns doch bis zum Schluss geliebt. Also warum sollten wir nicht versuchen neue Gemeinsamkeiten zu finden? Damit könnten wir doch einen neuen Anfang machen. Lisi, ich möchte dich nicht verlieren. Mir ist in den letzten Tagen bewusst geworden, dass ich nicht ohne dich sein möchte. Bitte gib uns doch noch einmal eine Chance.“

Seine Stimme ist leise geworden und sein Atem geht sehr flach.
Seine Worte sorgen dafür, dass ich mich unter Kontrolle halten muss. Völlig aufgelöst und durcheinander denke ich daran, ja er hat Recht, ich liebte ihn bis zum letzten Tag. Daher war ich auch so froh, dass wir so unkompliziert auseinander gehen konnten.

Vielleicht wäre es eine viel einfachere Entscheidung, wenn ich Alexis nicht kennen gelernt hätte und dieses unbeschreibliche Gefühl, was sie mir vermittelt.

Wenn ich nicht schon diesen Kuss von ihr gekostet hätte, der in mir den Wunsch gesät hat, noch einmal so etwas zu erleben.
Auch wenn ich nicht weiß, ob ich sie wirklich wieder sehe, wenn ich an ihren Blick denke, den ich von ihr bekam.

Tief in mir fühle ich den Schmerz, den Verrat, den ich ihr gegenüber begangen habe.
Ich kann noch immer diese Bitterkeit, den Zorn und diese Enttäuschung vor mir sehen.
Wie gerne wäre ich ihr einfach sofort nachgegangen, um alles aufzuklären.

Ich kann nicht sagen ob sie schon gerechtfertigt ist, diese Reaktion. Wir hatten zwar einen Kuss geteilt, einen unglaublichen Kuss, doch gibt es deshalb schon ein wir? Irgendwie kam mir die ganze Situation so vor, als ob Alexis eifersüchtig gewesen ist.

„Nein Marius, ich kann nicht“, hole ich mich selbst aus meinen Gedanken und versuche Marius noch einmal klar zu machen, dass wir erst einmal keine gemeinsame Zukunft haben können. Nicht solange ich mir meiner eigenen Gefühle nicht sicher bin.

Marius sieht mich eindringlich an und die nächste Frage von ihm lässt mich etwas zusammen zucken:

„Ist da ein anderer?“
Oh nein nicht diese Frage, ich dachte echt, dass wir uns nicht auf so eine Stufe herab begeben:

„Nein es gibt keinen anderen.“ sage ich bestimmt, es stimmt ja auch, es gibt keinen anderen, doch kann ich ihm jetzt nicht sagen, dass es da eine andere gibt.
Er wird mich für verrückt halten und ich könnte es ihm nicht verübeln, denn ich selbst finde es ja auch verrückt.
Aber ich muss für mich Gewissheit finden, was dies alles zu bedeuten hat.

Nur leider weiß ich nicht, ob ich dies noch erfahre. Ich weiß nicht, ob ich sie wirklich wieder sehe nach dem heutigen Abend.

Noch einmal sage ich mit einem festen Blick in seine Augen:

„Nein es gibt keinen anderen. Aber ich kann auch nicht mit dir jetzt etwas Neues anfangen. Ich habe mich noch nicht einmal ganz an die neue Situation gewöhnt. Außerdem muss ich versuchen, mein Leben erst einmal alleine in den Griff zu bekommen. Wir waren so lange zusammen und nun haben wir beide die Möglichkeit uns frei zu entfalten.“

Kurz schnaubt er, bevor er kontert:
„Soll das heißen, du konntest dich bei mir nicht frei entfalten?“

In mir macht sich ein Grummeln breit. Ich muss aufpassen, was ich jetzt sage. Wie soll ich ihm das nur erklären? Ich weiß wie er reagiert, wenn ich anfange, meine Gefühle zu erklären.
Dies ist schon immer unser Problem gewesen, auch wenn wir wirklich sehr harmonisch miteinander umgegangen sind und wir auch ansonsten wenig Streit hatten, so gab es Missverständnisse, wenn es darum ging, ihm etwas zu vermitteln, das nicht ganz in sein Denken passte.

„Marius, du weißt doch genau, wie ich das meine. Du selbst hast jetzt eine Menge um die Ohren wegen der Firma, auch ich habe neue Projekte, die meine ganze Aufmerksamkeit benötigen.“ Ich schüttle leicht den Kopf und atme tief ein.
„Ja wir machen einen Neuanfang, aber wir werden ihn getrennt machen. Es tut mir leid. Du musst mir glauben, dass du mir wichtig bist und in Zukunft möchte ich dich wirklich als einen Freund in meinem Leben haben. Nur jetzt… jetzt ist es einfach zu früh.“

Ich sehe ihn an und versuche in seinem Gesicht zu lesen, was er jetzt denkt, doch bevor er etwas sagt ergreife ich noch einmal das Wort:

„Marius, bitte tu mir den Gefallen, sag es deinen Eltern. Wenn du es nicht alleine kannst dann machen wir es gemeinsam, aber ich werde nicht wieder so tun, als wären wir noch zusammen.“

Nun kann ich in seinen Augen das Glitzern sehen und seine Beherrschung, nicht zu schluchzen.
Ich weiß, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, dass er alleine sein sollte, somit drücke ich ihn kurz an mich und spreche leise in sein Ohr:

„Machs gut Marius, wir sehen uns sicher wieder.“ Damit löse ich mich von ihm und greife nach dem Türgriff.

„Warte“, kommt es von ihm und er hält mich am Oberarm fest.

„Marius, bitte…“, flehe ich, Sekunden oder Minuten sehen wir uns noch an, bis er mich mit einem Nicken loslässt und mit einem „Viel Glück“ mir die Möglichkeit gibt zum Aussteigen.

Ich schließe die Tür und Marius startet das Fahrzeug. Bis er aus der Straße gefahren ist, bleibe ich auf dem Fußweg stehen und sehe ihm nach.

Als ich meine Wohnungstür hinter mir schließe, streife ich meine Schuhe ab und lasse sie einfach im Weg stehen.
In der Küche greife ich nach einem Glas und trinke hektisch erst einmal zwei Gläser Wasser, irgendwie hatte ich das Gefühl, ich trockne aus.
Doch nun sitze ich auf meinen Stuhl und atme tief ein und aus.

Ich fühle mich auf eine Weise befreit, als hätte ich tatsächlich erst heute Abend richtig mit Marius abgeschlossen. Aber gleichzeitig sitze ich hier und überlege, was ich tun soll. Ich kann noch immer nicht diesen Blick vergessen und es drängt sich mir der Wunsch auf, ihr am besten heute noch alles zu erklären.

Mit zittrigen Fingern halte ich mein Handy und suche nach dem richtigen Eintrag. Ein kurzes Zögern von mir und dann drücke ich auf ‚wählen’. Die Sekunden ziehen sich zu Minuten und gefühlten Stunden, bis ich das erste Klingeln höre. Viermal vernehme ich das Klingeln, bis dann die Mailbox anspringt.
Ich lausche ihrer Ansprache und mein Herz schmerzt. Noch bevor das Signal zum Sprechen kommt lege ich auf und starre auf mein Handy, wo die Nummer noch immer angezeigt wird.

Sie war mit einer anderen Frau zusammen. Sie hat mich mit einer Familie gesehen und wie Marius mich berührte.

Warum sollte sie auch mit mir sprechen wollen? Ich habe sie ja schließlich angelogen. Ich hatte nicht mit ihr gesprochen nur eine SMS geschrieben, unpersönlicher ging es ja nun wirklich nicht.

Meine Arme hängen nun schwer wie Blei an mir herunter und meinen Kopf lege ich in den Nacken.
So befreit wie ich mich gerade vor ein paar Minuten gefühlt hatte, so schwer liegt mir meine nachmittägliche Entscheidung nun im Magen.

Ich möchte es ihr so gerne erklären und während mir der Gedanke immer wieder durch den Kopf geht bilden sich Tränen in meinen Augen. Feste drücke ich meine Augenlider zusammen, um meine Tränen am Herunterlaufen zu hindern, aber es hilft nicht ganz.

Eine Träne brennt sich in meine Wange ein und ich stöhne auf.

In meinen Gedanken gehe ich das für und wider immer wieder durch, ob ich es noch einmal versuchen soll, sie anzurufen? Aber vielleicht ist sie auch noch nicht alleine. Wer weiß, wie lange sie mit dieser Frau heute noch unterwegs ist.

Die blonde Frau sah wirklich toll aus. Die beiden gaben ein perfektes Paar ab. Ich seufze auf, gegen die habe ich doch gar keine Chance.

Chance? Das Wort hallt in meinem Kopf nach. Hatte ich mir wirklich eine Chance ausgerechnet. Bis Dienstag hatte ich ja noch nicht einmal darüber nachgedacht, dass ich mich je von einer Frau küssen lassen würde. Auch haben wir nichts Konkretes vereinbart.
Wir waren einmal aus, haben uns geküsst. Sehr heiß geküsst. Doch hatte ich mich deshalb schon verpflichtet?

Ich zermartere mir das Gehirn und immer wieder wechselt mein Gefühl von sehr starkem Bedauern mit schlechtem Gewissen zu starkem Selbstbewusstsein, nicht wirklich etwas Falsches gemacht zu haben. Aber egal wie lange ich mit mir hadere,zum Schluss plagt mich das extrem schlechte Gewissen.

Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und klingle noch zweimal durch, doch fast schon wie erwartet geht sie nicht ran.

Völlig überfordert von allem, trabe ich in mein Schlafzimmer und lege mich so wie ich bin auf meine Matratze. Einige Zeit starre ich auf mein Handy mit der Hoffnung, es gäbe irgendein Zeichen von Alexis frei, doch nichts geschieht.

Wie lange ich meinen Blick noch auf das Ding gerichtet habe, weiß ich nicht mehr. Irgendwann hatte mich wohl der Schlaf eingeholt und nur das Summen meines Handys lässt mich aufschrecken.

Schnell greife ich danach und öffne die angekommene SMS.
Ich kann es fühlen, einen gewissen Unterton, der von dem Text heraus zu hören ist und ich versuche meinen Kloß, der in meiner Kehle steckt, herunter zu schlucken.

„Hattest du einen schönen Abend?“ Mehr steht da nicht und doch spüre ich die Enttäuschung, darin.

Ich muss es ihr erklären. Schnell schreibe ich zurück, zum Telefonieren fehlt mir einfach der Mut.

„Ich möchte es dir erklären. Bitte!“

Es erscheint mir unwirklich, dass ich sie bitte, dass ich es erklären will, doch sagt mir mein Inneres einfach, dass es die richtige Entscheidung ist. Lange muss ich nicht auf eine Antwort warten:

„Was willst du erklären? Du musst mir nichts erklären.“ lese ich immer wieder.
Was heißt das jetzt? Dass es nicht so schlimm war und zwischen uns ist alles ok?
Oder, das war’s ich glaube nicht, dass es zwischen uns ein WIR geben kann.

Ich selbst weiß zwar, dass ich noch nicht bereit bin, offiziell ein wir zu haben, doch schmerzt es mich, wenn es noch nicht einmal mehr eine Chance geben würde.

Ein Blick auf meine Uhr zeigt mir, dass wir es gerade mal zehn Uhr dreißig haben. Für einen Samstagabend ist es nicht wirklich spät, also schreibe ich ihr zurück.

„Doch, ich muss es dir erklären und ich wünschte, ich könnte dich heute noch sehen!“

Wo ich auf einmal den Mut hernehme, meinen Wunsch so offen zu schreiben, weiß ich nicht. Aber der Gedanke, sie jetzt nicht zu sehen, um mit ihr reden zu können, lässt mich innerlich verzweifeln.

„Meinst du nicht, dass es schon zu spät ist?“

Ich spüre, wie ein kleiner Stein von meinem Herz abfällt. Sie hat nicht generell abgesagt. In mir regt sich eine winzige Hoffnung. Nervös tippe ich auch schon die Antwort ein:

„Nein, denke nicht, dass es zu spät ist. Morgen ist Sonntag da kann man doch ausschlafen. Ich möchte so gerne mit dir reden.“

Mittlerweile bin ich aufgestanden und laufe nun hektisch hin und her. Mein Magen zieht sich schon fast krampfartig zusammen und ich warte auf die Antwort.

Vielleicht sollte ich fragen, ob ich sie anrufen darf. Wenn ich es ihr nicht persönlich erklären kann, dann doch wenigstens zum Teil am Telefon.
Das ist zwar nicht das Gleiche, da ich mir gewünscht hatte, in ihr Gesicht sehen zu können, sie dabei zu beobachten, wie ihre Reaktion ist, aber immer noch besser als gar nichts.

Noch immer keine Antwort. Was mach ich denn nur?

Aber anderseits, es war doch zwischen uns nicht mehr als nur ein Kuss.

Nein, gerade wegen des Kusses, ist schon etwas zwischen uns und ich habe es nicht für voll genommen.

In meiner Hand vibriert es, ‚die Antwort’ geht es mir sofort durch den Kopf, doch leider werde ich bei den Worten enttäuscht.

„Warte kurz, ich melde mich gleich bei dir. Ich habe gerade ein Telefongespräch und ich weiß noch nicht, wie lange es dauert. Ich rufe dich aber auf alle Fälle an.“

Ein Telefongespräch? Mit wem und wie lange wird sie mit demjenigen telefonieren?

Mein Herz bekommt einen heftigen Stich und dann schüttle ich über mich selbst den Kopf.

Was denke ich denn da? Ich fühle, dass ich gerade eifersüchtig geworden bin und selbst will ich ihr mein Verhalten von vorhin erklären.
„Lisi bleib ruhig“, mahne ich mich, sie hat schließlich gesagt, sie ruft auf alle Fälle an, also warte ruhig ab.

Schnell tippe ich ein:

„Ok, und du kannst anrufen, egal wie spät es wird.“

Das muss reichen, damit zeige ich ihr, dass ich auf eine Nachricht von ihr warte und wenn es die ganze Nacht dauert.

Nun, die ganze Situation hat mich zum Schwitzen gebracht und es war auch keine so gute Idee, in meinen Sachen einzuschlafen, so dass ich mich erst einmal unter die Dusche begebe.

Zehn Minuten genieße ich das warme Wasser auf meiner Haut und etwas verschwindet meine Anspannung.
Das Handy habe ich zur Sicherheit mit ins Bad genommen, damit ich das Klingeln nicht überhöre.

Meine Gedanken gehen immer wieder zum bevorstehenden Gespräch mit Alexis und ich versuche mir darüber klar zu werden, was ich wirklich will.

Wie werde ich reagieren, wenn ich ihr gegenüber stehe?
Vielleicht ist es doch die bessere Art, das erst einmal am Telefon zu erklären, dann kann sie zwar meine Nervosität hören aber sie nicht sehen.

Mittlerweile sitze ich in meiner Küche, halte eine Tasse Tee in der Hand und mein Blick ist auf mein Handy gerichtet.
Sie wird anrufen, ganz sicher. Sie hat es versprochen und das letzte Mal hat sie auch angerufen. Aber sie hat sich nicht noch mal gemeldet nach meiner letzten Nachricht.

Vielleicht hat sie sie noch gar nicht gelesen. Vielleicht meinte sie auch, dass sie mich erst morgen oder in den nächsten Tagen anruft.

Meine Gedanken spielen mit mir und immer mehr verwirrt mich das alles.

Warum, warum ist mir das mit Alexis nur so wichtig, dass ich am liebsten nicht mehr warten will? Wenn ich wüsste, wo sie wohnt, wäre ich schon längst zu ihr gefahren. Das zeigt mir auch, dass ich auf einer Seite noch viel zu wenig von ihr weiß und trotzdem mache ich mich auf der anderen Seite völlig verrückt.

Eine ganze Stunde nach der letzten Nachricht von mir ist mittlerweile vergangen und endlich höre ich das erlösende Klingeln. Sofort nehme ich das Gespräch an.

„Hallo“, sage ich leise und von ihr kommt:

„Hattest du schon geschlafen?“

„Nein. Ich hatte doch gesagt, du kannst anrufen, egal wie spät es ist.“

Mein Herz macht vor Freude einige heftige Schläge und in meinen Fingern kribbelt es.

„Ich freue mich, dass du noch angerufen hast.“ gebe ich auch noch leise zu und ein kleines, leichtes Lachen kommt von ihr, so dass es mich fast in den Stuhl drückt so tief wandert es in meinen Körper.

„Du wolltest mir etwas erklären“, ändert sie auch gleich ihre Tonlage und ich schlucke. So nun ist es soweit, jetzt fange mal an.

„Also wegen heute Abend…“ Ich hole tief Luft. „Das war Marius, mein Ex Freund und seine Familie.“
Ein undefinierbares Geräusch kommt von der anderen Seite und auch gleich die passende Frage.

„Du gehst mit deinem EX Freund und seiner Familie essen?“

„Ähh, ja“, stammle ich kurz und ich weiß, wie sich das für sie angehört hat.

„Sicher, dass er dein EX Freund ist?“ erschlägt mich auch schon ihre nächste Frage und ich stöhne auf.

„Ja ich bin sicher, dass er mein EX Freund ist. Nur es war…“ Noch bevor ich meinen Satz beenden kann kommt eine Bemerkung von ihr:

„Das sah aber irgendwie vorhin nicht so aus.“

„Ja, ich weiß“, gebe ich kleinlaut zu, „Und genau das wollte ich dir eigentlich persönlich erklären. Es ist nichts mehr mit Marius, doch er hatte…“ Und wieder wurde ich gestört in meiner Rede doch dieses Mal von meiner Türklingel.

„Scheiße!“ sage ich leise und ein

„Was?“ kommt mir entgegen, als ich gleich darauf sage:

„Es hat geklingelt und ich weiß nicht, wer um die Zeit hier noch bei mir klingelt.“

Mein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass wir mittlerweile schon kurz vor Mitternacht haben.

„Ist es nicht etwas zu spät für Besuch?“ kommt es von ihr und ich kontere nur:

„Wenn du es wärst, nein.“ Und gleich darauf verstumme ich und mein Gesicht ist mal wieder knallrot. Doch anscheinend hat ihr meine Aussage gefallen, denn ich höre ihr Lachen und auch das zweite Klingeln an der Tür.

„Bleib dran, ja, ich schau nur mal nach, wer es ist.“

„Ok, aber mach vorsichtig“, bei diesen Worten durchströmt mich eine wohlige Wärme.

„Keine Angst, ich schaue nur aus dem Küchenfenster.“ Ich schmunzle, sie macht sich Sorgen. Vielleicht ist ja doch noch nicht alles verloren. Dieser Gedanke setzt sich in meinem Gehirn fest, während ich das Fenster öffne.

Einige Sekunden brauche ich, um mich an das Dunkle zu gewöhnen und dann rufe ich nach unten:

„Hallo, wer ist denn da?“ Eine Bewegung nehme ich wahr und sehe, wie die besagte Person den Treppenabsatz herunter läuft und dann in Richtung meines Fensters den Kopf anhebt.

Ich blinzle, ich blinzle noch einmal und am Telefon höre ich Alexis samtweiche Stimme die mir sagt:

„Lässt du mich rein oder willst du am Telefon weiter mit mir reden?“

Total überrumpelt haste ich an die Tür, drücke den Summer und halte noch immer das Telefon an meinem Ohr.

Schon längst hat sie aufgelegt und doch habe ich da Gefühl, ich könnte sie direkt durch den Hörer atmen hören.

Das Licht schaltet sich an. Leise höre ich die Schritte, die zu mir nach oben kommen und mein Herz rast.
Fieberhaft warte ich auf ihr Kommen, bis sie am Ende der letzten Stufe steht.

Warum ist sie nur so schön? Ich kann meinen Blick einfach nicht von ihr nehmen und ich habe den Atem angehalten. Langsam kommt sie auf mich zu und sofort nehme ich ihren blumigen Duft war.

Ihre wundervollen braunen Augen durchdringen mich, mustern mich und in meinem Magen kocht die Nervosität. Nur einige Millimeter bleibt sie vor mir stehen und erst jetzt nehme ich das Handy runter.

„Und, bekomme ich jetzt deine Erklärung?“ durchdringt ihre Stimme die Stille und kurz zucke ich zusammen bevor ich nicke. Zusammen ganz dicht nebeneinander, so dass wir uns schon fast berühren gehen wir in mein Wohnzimmer.

„Warte“ sage ich zu ihr gewandt und verschwinde in meinem Schlafzimmer. Zurück komme ich mit zwei extra großen Kissen und einer Wolldecke.
Mit Schwung lege ich die Decke auf dem Boden aus und schmeiße die Kissen darauf. Meine rechte Hand macht eine einladende Geste, damit sie sich auf einem der Kissen bequem machen kann.
Gleichzeitig hole ich aus einer Kiste zwei Gläser und eine Flasche Cola, bevor ich mich zu ihr setze. Die ganze Zeit sage ich keinen Ton und Alexis beobachtet mich nur.
Nervös und unregelmäßig hat mich die ganze Zeit mein Herz begleitet und nun sitze ich neben ihr und sehe ihr direkt in die Augen.

Mit einem tiefen Seufzen und der größten Anspannung die mein Körper je erleben durfte setze ich an, ihr von dem heutigen Abend zu erzählen.

Ich erzähle ab dem Moment, wo Marius heute Morgen aufgetaucht ist, über die ungewöhnliche Bitte bis hin zu dem Abendessen und dem Verabschieden von Marius.

Ich erklärte ihr, dass ich Marius klar gemacht habe, dass wir uns vorerst einmal nicht mehr sehen sollten. Auch, dass er unbedingt seinen Eltern Bescheid sagen muss.

Weiter erzähle ich ihr, in einer kleinen, kurzen Zusammenfassung, warum mir seine Eltern so wichtig sind und warum ich mich deshalb darauf eingelassen habe. Auch erzähle ich ihr, wie ich mich gefühlt habe, als ich sie vor dem Restaurant gesehen habe.

Ohne dass ich es bemerke, sprudeln die Worte einfach so aus mir heraus. Meine ganzen Zweifel, meine innerliche Zerrissenheit, allem lasse ich freien Lauf.

Alexis hört mir nur aufmerksam zu, fragt an manchen Stellen und ihr sanftes Streicheln auf meinem Unterarm beruhigt mich immer mehr.

Ihr Lächeln lässt mein Herz dahin schmelzen, als ihre Stimme zu mir durchdringt:

„Und ich dachte wirklich schon, du bist wieder mit deinem Freund zusammen.“

Ich reiße meine Augen auf und schüttle den Kopf. Klar, es musste ja für sie so aussehen, so wie Marius mich berührt hat, schließlich wollte er ja seiner Mutter zeigen, dass bei uns beiden alles in Ordnung ist.

„Wer war eigentlich die junge Frau bei dir? Die sah ja echt hübsch aus.“

Ganz leicht hebt sich ihre rechte Augenbraue und ein fast nicht wahrzunehmendes Lächeln zuckt um ihre Mundwinkel.

„Hübsch, ja das ist sie“, bekomme ich, mir beinahe zu verträumt, als Antwort und auch wenn ich es nicht will, ich schlucke fest.
Ein leichtes Brodeln spüre ich in mir, als Alexis sich zu mir vorbeugt.

Sie liest in meinem Gesicht, dass ich mit der Situation überfordert bin.

„Bist du eifersüchtig?“ fragt sie mich auch gleich und ich sacke in mich zusammen.

„Ähhh, wie kommst du darauf?“ versuche ich es mit einer Gegenfrage doch meine Stimme verrät mich, dass ich gerade völlig unsicher bin.

„Ich war es. Ich war eifersüchtig, als ich dich mit ihm gesehen habe. Obwohl ich kein Recht dazu habe. Wir hatten gerade mal einen Kuss mit einander geteilt und du hattest mit ihm schon ein Leben. Ich hätte es verstanden, wenn ihr wieder zusammen gekommen wärt.“

Ich glaube mein Gesicht spricht Bände so verdattert sehe ich sie an und obwohl ich nicht einmal weiß, wie die Worte meinen Mund erreicht haben so gebe ich leise zu:

„Ja, ich war auch eifersüchtig und eigentlich bin ich es immer noch.“

Meinen Blick habe ich schon längst gesenkt und mein Gesicht glüht vor Scham.

Eine Hand greift nach meinem Kinn, hebt mein Gesicht an und zwingt mich, ihr in die Augen zu sehen. Da ist er wieder, dieser sinnliche Ausdruck in ihren Augen, das Glänzen ihrer Lippen. So nah vor meinem Gesicht, dass ich ihren Atem auf meiner Haut spüre.

„Du weißt, was das bedeutet, wenn man eifersüchtig ist?“ fragt sie mich und hält meinen Blick fest in ihrem gefangen.

„Ja“, seufze ich.

Ja ich weiß es. Eifersucht kommt dann, wenn die andere Person schon so wichtig geworden ist, dass man sie nicht mehr teilen möchte.

Meine Augen schließe ich für einen Moment, als ich ihre weichen Lippen auf meinen spüre. Nur wie ein Hauch streifen sie meine Haut und dann entzieht sie sich wieder. Ein leichtes Stöhnen kann ich nicht verhindern und dabei öffne ich meine Augen wieder.

„Die junge Frau ist meine Cousine.“ haucht sie mir ganz leicht auf meine Lippen und dann lässt mich Alexis los. Sie setzt sich gerade hin und beobachtet mich intensiv.

Überrumpelt von der schnellen Distanz zwischen uns und dem Wissen, dass es ihre Cousine gewesen ist, fühle ich, dass meine Muskeln beinahe ihren Dienst verweigern und ich vornüber falle.

Für einige Sekunden muss ich mich sammeln, schon wieder hat sie mir den Boden unter den Füßen weggerissen.

Innerlich schüttle ich den Kopf und doch freut sich mein Herz mehr als alles andere darüber.

Viel dichter als am Anfang sitzen wir nun nebeneinander und mein Herz rast mehr denn je.
Kurz frage ich mich, was soll ich jetzt machen, als Alexis meine Hand nimmt, mich mit einem Ruck zu sich in ihre Arme zieht und ihre Lippen meine treffen.

Mein Verstand schaltet sich sofort aus bei diesem unbeschreiblichen Gefühl, ihr so nahe zu sein.
Nur dieser Wunsch: ‚Ich will so viel mehr von ihr

’, steigert sich ins Unermessliche, ins Unermessliche.


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Lektorat/Korrektorat: Danke an reininde du bist einfach der beste
Tag der Veröffentlichung: 24.06.2012

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