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Frau Roth und der Tod

 

© Marion Roth

 

ISBN: 978-3-7396-833224

 

 

 

 

 

Ein Mord bleibt meistens unentdeckt,

hat man die Leiche gut versteckt.

Der Strafe kannst Du dann entkommen,

hast Du Dir dafür Zeit genommen.

Wenn nicht, holt das Gesetz Dich ein,

man schließt Dich in der Zelle ein.

Dort bleibst Du, das ist keine Frage,

bis an das Ende Deiner Tage!

 

Inhaltsverzeichnis:

 

  • Und er kriegt ihn doch

  • Ruhegeld

  • Gedankenspiele

  • Der grüne Daumen

  • Der Fund

  • Der nette Müllmann

  • Der Plan

  • Die Landschaftsgärtnerin

  • Eine ungewöhnliche Fracht

  • Die Leiche küsst den Morgentau

  • Sonne, Meer und Ende

  • Gut erholt, aber tot

  • Schreibtischtäter

  • Und ruhig lag der See

  • Gartenarbeit

  • Beichte im Schoße des Herrn

  • In der Gruft

  • Gift und andere Leckereien

  • Ärztepfusch

  • Wohin mit Opas Leiche?

  • Mord(s)-Gedanken

  • Männerfreundschaft

  • Wenn´s nur andere trifft …

  • Der Stein des Anstoßes

  • Treibgut

  • Der schwarze Spitzenslip

  • Eine neue Liebe

  • Bahnfahrt in die Hölle

  • Doppelnutzung

  • Waldfund

  • Schritte, die mir folgen

  • Das Ende vom Lied

  • Und vergehen sollst Du in der Glut

  • Heikler Fund

  • Eine verhängnisvolle Jugendliebe

  • Lauf des Lebens

  • Wenn Männer Grillen

  • Grillfest

  • Irren ist menschlich

  • Andenken

  • Ein Blickfang im Garten

  • Späte Brautschau

  • Geheimnisvoller Berg

  • Problemlösung

  • Mitten ins Schwarze

  • Frühling im Wald

  • Eine runde Sache

  • Auslese

  • ja die alten Zeiten

  • Des Menschen Hobby

  • Es lebe die Freundschaft

  • Dorfidylle

  • Kräht der Hahn auf dem Mist …

  • Fatale Gelüste

  • Rotes Blut im weißen Schnee

  • Unheilvolle Technik

 

 

 

 

 

 

Urheberrechtlich geschütztes Material

 

Dieses Buch erhebt keinen Faktizitätsanspruch, obwohl reale Unternehmen und Personen erwähnt und realtischte Abläufe thematisiert werden, die es so oder so ähnlich geben könnte. Die beschriebenen Personen, Begebenheiten, Gedanken und Dialoge sind fiktiv.

 

 

Ruhegeld


Es war wieder so ein Tag, an dem ihr alles auf die Nerven ging. Jetzt brach auch noch einer ihrer Fingernägel ab. Mona fluchte. Zum Glück war sie im Moment allein im Geschäft. Ihr gehörte eine Boutique für Herrenbekleidung im oberen Preissegment. Es war das Lebenswerk von Sebastian, ihrem verstorbenen Mann.

Obwohl damals noch blutjung, hatte sie sich für den wesentlich älteren Geschäftsmann entschieden. Er war attraktiv und überaus geschäftstüchtig. Über sein Alter konnte sie nach einem Blick auf den Kontoauszug gern hinwegsehen.

Einem emotionslosen Ehebeginn folgten monotone Ehejahre. Sebastian starb nach fünf Jahren an einem Herzinfarkt. Andernfalls wäre sie ja vielleicht an Langeweile gestorben. Aber so ist es natürlich besser. Sebastian hinterließ ihr das Geschäft. Andere Erben gab es nicht. Von nun an hatte sie täglich zehn Stunden Gelegenheit, Männer aus- und angezogen zu betrachten. Dabei kam sie zu dem Schluss, dass die wenigsten Männer das haben, was auf eine Frau anziehend wirkt: Stil, gute Manieren, Charme, Geschmack und Charisma.

Sicher, es gibt auch Ausnahmen. Aber die waren reichlich dünn gesät. Mit jedem Tag, den Mona mit schwitzenden, dickbäuchigen und teils schmierigen Vertretern des anderen Geschlechts verbringen musste, nahm ihre Abneigung gegenüber Männern zu. Aber sie war Geschäftsfrau. Sie verachtete zwar diese Typen, aber nicht das "Kleingeld", das sie für ihre Ausstattung bei ihr ließen. Dafür ertrug sie auch die geilen Blicke ihrer Kunden, wenn sie sich vor ihnen bückte, um die Länge der Hosen abzustecken. Sie wusste, dass diese Körperhaltung es ihnen ermöglichte, einen Blick in ihren Ausschnitt zu tun. Nur der Gedanke an das üppige Trinkgeld ließ sie diese Blicke ertragen.

Immer öfter kam ihr der Gedanke, das Geschäft einfach zu verkaufen. Je länger sie darüber nachdachte, umso klarere Formen nahm das Ganze an.

Sie war schon immer ein Mensch der schnellen Tat gewesen. So leitete sie kurzerhand alles in die Wege, um den Verkauf der Boutique schnell voranzubringen.

Es überraschte sie, dass sich sofort Kaufinteressenten fanden. Zwei gut betuchte Herren und eine Dame kamen in die engere Wahl. Mona hatte sich für einen der männlichen Bewerber entschieden. Der hatte ihr auf die Frage, ob seine Frau auch im Geschäft mitarbeiten wird, etwas verlegen erklärt, dass er nur an Männern interessiert sei.

Na, der hatte bestimmt seine helle Freude an seinen männlichen Kunden. So kann er gleich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Mit der weiblichen Interessentin hatte Mona etwas Besonderes vor. Sie hatte ja durch die Verkaufsgespräche Anschrift und Telefonnummer der Dame.

Heute wollte sie Luci Rieger - so hieß die Dame - anrufen und sie um ein Treffen bitten. Da der Verkauf mittlerweile abgewickelt war, hatte sie jetzt mehr Zeit für ihre Pläne übrig. Mona griff zum Telefon.

"Hallo, Frau Rieger! Hier ist Mona Paulsen. Sind Sie denn schon wegen eines Geschäfts fündig geworden?"

Mona wartete gespannt auf die Antwort. „Nein, noch nicht!“

"Wie wäre es, wenn wir uns auf einen Cappuccino treffen würden?" Luci zögerte einen Moment, stimmte dann aber zu, nachdem Mona ihr erklärt hatte, dass sie etwas mit ihr zu besprechen hätte. Mona lächelte. Sie hatte Luci richtig eingeschätzt. Zwei Tage später saßen sie sich gegenüber.

"Luci - ich darf Sie doch so nennen? - wäre es vermessen, wenn ich Sie fragte, was Sie jetzt vorhaben, nachdem es mit dem Kauf meines Geschäfts nicht geklappt hat?“ Mona schaute sie erwartungsvoll an.

"Zu 1.: Ja, Sie dürfen mich so nennen und zu 2.: Nein, ich weiß noch nicht, was ich jetzt machen werde." Mona holte tief Luft.

"Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie über das nötige Kleingeld verfügen, wenn Sie mein Geschäft erwerben wollten? Ich erkläre Ihnen gleich, warum ich Sie danach frage."

Luci bestätigte das und erklärte, sie habe eine größere Summe als Abfindung nach ihrer Scheidung erhalten dank eines Anwalts, der durch einige. „Klienten-Gespräche" bei ihr im Bett zur Höchstform bei der Scheidungsverhandlung aufgelaufen war. In Monas Augen blitzte es auf. Sie erkannte schnell, dass sie sich charakterlich sehr ähnlich waren, vor allem in ihrer Einstellung Männern gegenüber. Das Treffen sollte der Beginn einer wunderbaren, mörderischen Freundschaft werden.

Aber jetzt ging es Mona erst einmal darum, sich zu erholen und eine Urlaubsreise zu planen. Und diese wollte sie auf keinen Fall alleine unternehmen!

Lucie schien ihr dafür die geeignete Person. Sie besprachen dies ausgiebig und konnten sich schlussendlich auf einen Trip nach Irland einigen. Beide wollten schon immer mal auf die grüne Insel. Also, warum nicht jetzt und gemeinsam? Großer Vorbereitungen bedurfte es nicht, da beide keine familiären Verpflichtungen hatten. Nur Lucie bekam ein flaues Gefühl im Magen bei dem Gedanken an die Überfahrt.

Als es soweit war, erwies sich die Sorge vorerst als unbegründet. Auch die Mitreisenden waren, soweit sie ihnen über den Weg liefen, in Ordnung. Nur dass sie keine Kabine mehr bekommen hatten, war der einzige negative Punkt. Aber die paar Stunden konnten sie auch so verbringen. Mona stand an der Reling und schaute verträumt aufs Wasser hinaus. Lucie war unterwegs, um etwas Trinkbares zu besorgen.

Plötzlich bekam Mona einen Stoß in den Rücken. Wütend drehte sie sich um und wollte gerade eine bissige Bemerkung fallen lassen. Der Verursacher kam ihr aber mit einer Entschuldigung zuvor.

"Verzeihung, es tut mir sehr leid. Das wollte ich nicht. Aber die Bewegung des Schiffes ..... !"

Jetzt bemerkte Mona es auch. Der Wellengang war stärker geworden, und das Schiff stampfte durch die Wassermassen.

"Schon gut", beruhigte Mona den alten Mann. Er deutete eine leichte Verbeugung an und stellte sich vor.

"Ich heiße Johannes Lembke und bitte nochmals um Entschuldigung."

Mona winkte ab. Johannes blieb noch eine Weile neben Mona stehen. Unaufgefordert erzählte er ihr, dass er Frührentner sei und diese Fahrt für ihn der Beginn eines neuen Lebens ist. Er wollte dem Mief seiner Heimatstadt entfliehen und seinen Lebensabend in Irland verbringen. Er habe keine Familie, also hält ihn auch nichts. In dem Moment, als Mona etwas erwidern wollte, sah sie Lucie auf sich zu torkeln. Sie sah ganz grün im Gesicht aus. Mona trat rasch einen Schritt auf sie zu, sonst wäre sie der Länge nach auf dem Deck aufgeschlagen. Mona schaute sich Hilfe suchend nach Johannes um. Der reagierte sofort.

"Lassen Sie uns Ihre Freundin in ihre Kabine bringen", schlug er besorgt vor.

Mona kauerte mit der bleichen Lucie im Arm auf dem Boden. Sie tat ihr leid, aber sie war wütend, dass sie ihr solche Scherereien machte.

"Wir haben keine Kabine mehr bekommen. Was mache ich denn jetzt?"

Monas Hilflosigkeit rief Johannes' Beschützerinstinkt auf den Plan.

"Ich biete Ihnen in diesem Fall selbstverständlich meine Kabine an. Keine Widerrede!"

Mona wäre auch gar nicht auf die Idee gekommen, seinen Vorschlag abzulehnen. Sie bedankte sich höflich. Zusammen gelang es ihnen, Lucie ein Deck tiefer in seine Kabine zu verfrachten. Johannes zog sich diskret zurück und überließ den beiden Damen seine Unterkunft.

Lucie war inzwischen eingeschlafen. Kraftvoll hörte sie das Stampfen der schweren Maschinen. Mona schaute sich um. In einer Ecke der winzigen Kabine standen die Koffer von Johannes. Da sie von Natur aus neugierig war, öffnete sie so aus Langeweile den kleineren der beiden Koffer. Mona wich alle Farbe aus dem Gesicht, und ihr stockte für einen Moment der Atem: Der Koffer war randvoll mit 100-Euro-Scheinen! Oh, mein Gott! Vor lauter Schreck ließ sie den Kofferdeckel fallen. Sie holte tief Luft. Sofort begannen ihre Gehirnzellen auf Hochtouren zu arbeiten. Nichts anmerken lassen! In den nächsten Stunden wurde die See ruhig, und Lucie erholte sich wieder. Mona informierte sie schonend über den Fund in Johannes´ Kabine. Daraufhin beschlossen beide, ihre Freundschaft mit ihm zu vertiefen. Johannes war sichtlich geschmeichelt vom Interesse der beiden jungen Damen an seiner Person. Da er ja nie verheiratet war, hatte er auch keinerlei Erfahrungen mit den Tricks der holden Weiblichkeit.

Mona und Lucie erklärten dem ahnungslosen Johannes, dass sie in Irland nichts Bestimmtes geplant haben. Sie wollten sich vor Ort spontan entscheiden. Sie formulierten das so, dass er gar nicht anders konnte, als ihnen den Vorschlag zu unterbreiten, doch gemeinsam ein Haus anzumieten. Etwas geziert lehnten sie erst einmal ab, damit ihr Interesse nicht zu offenkundig war. Johannes reagierte, wie sie erwartet hatten: Er ließ keinen Einwand gelten. Er erläuterte den beiden Damen sein Vorhaben. Die beiden sahen sich an: Er hatte alles bis ins Detail geplant so wie auch sein ganzes bisheriges Leben auch. Er wollte nichts dem Zufall überlassen. (Kein Wunder, er war vorher Buchhalter, wie sie im nach hinein erfuhren.) Nur Mona und Lucie hatte er nicht eingeplant und auch nicht ihre kriminelle Energie. Die beiden waren sich sicher, dass ihr Plan gelingt, da Johannes lt. seiner eigenen Aussage keinerlei Familie in der Heimat zurück ließ.

Nach dem Anlegen mietete Mona einen Geländewagen an - man kann ja nie wissen, wozu man ihn braucht! Sie vermieden alles, was Johannes mit ihnen in Verbindung bringen konnte. Mit Auto und Karte ausgestattet ging es auf die Suche nach einer gemütlichen Pension. Ein Hotel wäre auch in ihrer Situation nicht in Frage gekommen, denn hier musste ein Anmeldeformular ausgefüllt werden. Das galt es aber zu vermeiden

Noch vor Einbruch der Nacht fanden sie das Passende. Jetzt merkten erst alle, wie müde und zerschlagen sie waren.

Auf ihr Läuten öffnete eine ältliche Irin mit mürrischem Gesicht. Der Blick der Hausherrin sprach Bände, als sie Johannes mit den beiden Damen um eine Übernachtung bitten hörte. Sie hielt ihn wahrscheinlich für einen Perversen, dem eine Frau anscheinend nicht genügte. Aber ihr schien es egal zu sein. Hauptsache, die Gäste zahlten!

Nach einer Nacht im fast komatösen Tiefschlaf wurde beim Frühstück über die weiteren Schritte ihres Aufenthaltes gesprochen. Bei der Gelegenheit versuchte Johannes, Mona und Lucie davon zu überzeugen, doch ganz bei ihm in Irland zu bleiben. Da die beiden aber Einwände in finanzieller Hinsicht vorbrachten, spielte Johannes seinen Joker aus: Er holte den Koffer!

"Und? Einwände vom Tisch?" Johannes genoss sichtlich das (vermeintliche) Erstaunen der beiden Frauen.

„Johannes, wo hast Du denn so viel Geld her, und warum schleppst Du das in bar mit Dir rum?"

Mona setzte eine gespielt besorgte Miene auf.

"Ich habe meine Lebensversicherung ausgezahlt bekommen und dann alle Brücken zu Hause abgebrochen."

Die beiden Frauen sahen sich an: Das Schicksal von Johannes war besiegelt!

Mona führte an den nächsten Tagen in Absprache mit den anderen die Gespräche mit dem Makler. Auch den Mietvertrag unterzeichnete sie allein. Alle waren damit einverstanden. Nur Johannes setzten sie so wenig wie möglich dem Licht der Öffentlichkeit aus. Niemand sollte sich später an ihn erinnern können.

Sie hatten sich für ein gemütliches Haus in der Nähe von Dublin entschieden. Es war geschmackvoll eingerichtet. So brauchten sie Johannes nicht erklären, warum sie sich nicht an den Einrichtungskosten beteiligen wollten und konnten ihn in dem Glauben lassen, dass sie die nächsten Jahre mit ihm verbringen werden. Was für eine absurde Vorstellung! In Regenjacke und Gummistiefeln über die Schafweiden stapfen - igitt!

Doch genau das war es, was sie in den nächsten Tagen tun mussten. Lange hatten sie sich nicht darüber einig werden können, wie sie sich Johannes´ entledigen sollten. Da war ihnen der Zufall zu Hilfe gekommen. An einem sonnigen Nachmittag (was ja an sich in Irland schon selten genug vorkam) unternahmen sie alle drei einen ausgedehnten Spaziergang. Johannes fühlte sich pudelwohl und dankte dem Schöpfer (vor den er in Kürze treten sollte), dass er es mit uns beiden so gut getroffen hatte. Mona sah Lucie an. Fast tat er ihnen leid. Ach, was! Ihr Plan stand fest und wurde auch so durchgezogen! Johannes schleifte sie auf eine kleine Anhöhe.

"Seht mal, so ziehen die Iren ihre Grenzen zwischen den einzelnen Grundstücken!“

Er breitete seine Arme aus, als wollte er zum Rundflug starten. Auf dem kleinen Hügel angelangt, sahen sie es auch: Lange Reihen aufeinander geschichteter Steinbrocken zogen sich wie dicke Adern durch die saftigen Wiesen. Unverrückbar, von jeder Generation übernommen und instandgehalten, trotzten sie dem rauen Klima der Insel. Als hätten sich ihre Gedanken verselbständigt, fing es an zu regnen.

"Lasst uns rasch umkehren", bat Johannes.

Die beiden Damen ließen sich nicht lange bitten. Mona konnte es kaum erwarten, mit Lucie allein im Zimmer zu sein.

"Ich habe ihn!"

Mona grinste. Lucie sah sie ungläubig an.

"Was hast Du?"

"Den idealen Ort für Johannes` letzte Ruhestätte."

Mona erklärte der verdutzten Lucie ihr Vorhaben. Lucie grinste. Zufrieden begaben sich danach beide zur Nachtruhe.

Am nächsten Morgen regnete es immer noch. Johannes hatte bereits Frühstück gemacht. Eine schöne Geste, dachte Mona. Damit behalten wir ihn in guter Erinnerung.

Nach dem Essen hellte sich der Himmel auf. Sie überredeten ihn nochmals zu einer Wanderung, da Lucie (angeblich) unter Kopfschmerzen leide.

"Aber gerne doch, meine Damen!" Johannes war richtig aufgekratzt.

"Ich möchte mir heute mal so einen Steinzaun aus der Nähe ansehen", erklärte Mona in einem Tonfall, der keine Widerrede zuließ. Alle waren damit einverstanden.

Dort angekommen zeigte Johannes auf eine Stelle, an der die Steine so geschichtet waren, dass aus ihnen eine Sitzfläche und eine Lehne wurde. Richtig originell! Bestimmt saß hier an manchen Tagen der Eigentümer und schaute gedankenversunken über sein Land, dachte nach und fasste Beschlüsse. (Vieleicht ja auch darüber, wie er am besten seine Frau loswurde. Ha, ha, ha!)

So, jetzt aber konzentriert!

Mona warf Lucie einen Blick zu. Die lenkte Johannes ab. Mona hob rasch einen kantigen Stein auf und schlug ihn mit großer Wucht auf die kahle Stelle seines Kopfes. Lucie trat kreidebleich und hastig einen Schritt zurück. Johannes fiel fast lautlos mit dem Gesicht in den weichen irischen Rasen. Mona fand als Erste ihre Sprache wieder.

„Lucie, alles in Ordnung?" Sie stand wie versteinert.

Dann nickte sie. Mit vereinten Kräften trugen sie ein Stück Mauer ab, betteten dann Johannes liebevoll zwischen die Steine und füllten die Mauer wieder auf. Die übrig gebliebenen Brocken verteilten sie auf andere Stellen. Nach getaner Arbeit ließen sie sich auf dem "steinernen Stuhl" nieder. Zufrieden betrachteten sie ihr Werk. Beide dachten an Johannes und sein Ruhegeld: Er hatte seine Ruhe, und sie hatten das Geld. Ist doch gerecht verteilt, oder?


Gedankenspiele


Auf einem Kofferförderband

ich ein weißes Päckchen fand.

Da ich stets voller Neugier bin,

würd ich gern wissen: was ist drin?

Es läuft vorbei - so zwei, drei Runden,

hat seinen Eigner nicht gefunden.

Ich stehe da und denk besorgt:

Hat jemand einen Mensch entsorgt?

Gemeuchelt in der tiefen Nacht

und dann verschickt als Fliegerfracht?

Man braucht dazu nur etwas Mut,

doch die Idee gefällt mir gut.

Ich lächle still in einem fort

und denke an den nächsten Mord!


Die Landschaftsgärtnerin


Konrad hielt die Augen geschlossen und genoss die sonntägliche Ruhe auf seiner Gartenliege. Plötzlich zuckte er zusammen. Sophie zitierte ihn mit ihrer schrillen Stimme ins Haus. In Momenten wie diesen bereute er zutiefst, dass er sich zu dieser Ehe hatte überreden lassen. Wie schön waren doch die Zeiten als ….

„Ja, ja, ich komme schon!“

Er holte rasch die Getränke für das Mittagessen aus dem Keller und pflanzte sich mit dem Wochenendblatt wieder auf seine Liege. Beim Lesen konnte er weiter seinen Erinnerungen nachhängen. Vorbei die Zeiten, als er ab und zu etwas fürs Bett oder für den Geist oder für beides zu sich eingeladen hatte! Er seufzte. Kurz überflog er noch den Anzeigenteil. Plötzlich blieb sein Blick an einer Anzeige hängen. Er wusste nicht wieso, aber plötzlich sagte ihm sein Unterbewusstsein: Diese Nummer musst Du anrufen! Es war absurd! Da bot eine Landschaftsgärtnerin an, den Garten mit viel Liebe zum Detail kunstvoll zu gestalten. Wieso sollte ich diese Frau anrufen? Sophie war eine passionierte Hobbygärtnerin, die nichts lieber tat, als in ihrem Garten herum zu wuseln.

Die nächsten Tage beschäftigte mich der Hinweis meines Unterbewusstseins immer wieder. Ich konnte den Grund nur herausfinden, wenn ich diese Frau anrief. Gesagt, getan!

Tina Reimann, so hieß sie, hatte eine sehr angenehme Stimme – im Gegensatz zu Sophie. Wir beließen es nicht beim Telefonieren und trafen uns in den nächsten Wochen öfters. Ich entdeckte an mir ein nicht vermutetes Talent im Entwickeln von Ausreden für Sophie, um Tina sehen zu können. Aber auch sie wollte, genau wie ich, keine Ehe, sondern nur schöne Stunden zu zweit ohne Zwang und Verpflichtungen. Das einzige Hindernis auf dem Weg dahin stellte für mich aber noch Sophie dar. Im Scherz fragte ich deshalb Tina, ob sie nicht diesbezüglich eine Lösung für mich wüsste.

„Und ob!“, Tina zwinkerte mir spitzbübisch zu. „Du hast mir doch mal erzählt, dass Deine Frau Hobbygärtnerin ist. Ich hätte da etwas für Dich, womit Du ihr eine Freude machen kannst und das gleichzeitig eine Lösung für dein Problem wäre.“

Ich schaute sie verdutzt an. Meine Augen hingen an ihren Lippen, während sie mir die Einzelheiten erklärte. Sie wollte mir dabei behilflich sein, eine außergewöhnlich schöne, aber auch äußerst giftige Pflanze für Sophie zu besorgen.

So, jetzt wusste er also, wie er sein Witwerdasein herbeiführen konnte. Sophie hatte ein Herzleiden, und sein Geschenk für sie verstärkte dieses noch bis hin zum unvermeidlichen Ende.

Nun konnte er sich dem letzten Akt widmen. Er musste nur auf den passenden Moment warten. Der sollte sich auch bald ergeben. Es war ein trüber, verregneter Sonntag. Sophie ging es nicht besonders gut. Ihr Herz machte ihr wieder zu schaffen. Das war ein Wink von oben!

„Liebling, leg Dich etwas hin. Ich richte Dir einen Salat an. Ein paar Vitamine werden Dir sicher gut tun.“

Sophie verzog kurz das Gesicht.

Als Konrad in der Küche den Teller fertigmachte, streifte er sich ein paar dünne Gummihandschuhe über und hobelte kleine Stücke der Wurzel seines „Geschenks“ über den Salat. Ein Schuss dunkles Dressing verdeckte die ungewöhnliche Salatbeigabe.

Lächelnd reichte er Sophie den Teller. Er setzte sich in den Fernsehsessel und widmete sich seinem Buch. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Sophie. Lange brauchte er nicht zu warten. Panisch rief sie nach Konrad, bis schweres Erbrechen jedes Wort unterband. In den Pausen zwischen den Brechattacken rang sie nach Luft und presste ihre Hand auf die Herzgegend.

Jetzt war es an der Zeit, den Arzt zu rufen. Die Nummer hing immer für den Ernstfall über dem Telefon. Dr. Albert kannte Sophie und ihr Herzleiden. Er kam auch sofort und versuchte alles. Aber die schweren Herzrhythmusstörungen führten rasch zu Sophies Ende.

Nach Stunden der Aufregung saß Konrad still mit einem Glas Rotwein am Küchentisch. Er hielt Sophies Totenschein in der Hand: Tod durch Herzversagen. Dr. Albert hatte keinerlei Zweifel bei Sophies Vorgeschichte.

Es war geschafft! Er schaute aus dem Fenster und lächelte: Er war wieder frei dank einer Landschaftsgärtnerin, die ihre Dienste anbot.


Der Fund


Ich lief' im Wald so vor mich hin,

war traurig, weil ich einsam bin.

Unterm Baum sah ich 'ne Tüte liegen,

ich hatte Mühe, sie aufzukriegen.

Ich lös' das braune Klebeband -

und sah 'ne weiße Menschenhand.

Der Rest vom Körper war noch dran -

jetzt war ich sicher: Es war kein Mann!

Doch meine Neugier sollt sich rächen,

mir wurde übel, ich muss brechen.

Ich sitz im Gras und denke nach,

mein Geist ist endlich wieder wach.

Auf Krimis war ich stets versessen,

doch diesen Fund werd' ich wohl nie vergessen!


Der nette Müllmann


Ich schaute auf den pomadigen Hinterkopf von Dieter. Was war nur aus dem stets gut gekleideten Mann geworden, für den ich mich vor fünfzehn Jahren entschieden hatte? Dieter saß am Küchentisch und las Zeitung, während er schmatzend sein Frühstück aß. Mich ekelte es. Sicher, auch an mir hatte der Zahn der Zeit genagt, aber ich war stets auf gepflegtes Aussehen und gute Umgangsformen bedacht. Deshalb stand mein Plan fest: Für Dieter wird das Frühstück seine Henkersmahlzeit sein!

Ich goss ihm nochmals heißen Kaffee nach. Er hob nicht einmal den Blick von der Zeitung, sondern hielt mir nur die Kaffeetasse hin. Hoffentlich verbrannte er sich die Zunge! Dann kamen wenigstens keine unflätigen Worte mehr über seine Lippen. Aber dazu wird er sowieso keine Gelegenheit mehr haben. Ich wusste, er würde auch zum Mittagessen und zu jeder anderen Mahlzeit genauso hier sitzen, wenn ich ihn nicht daran hinderte. Mein Vorhaben war simpel, aber wirkungsvoll. Plötzlich merkte ich, wie sein Blick auf mich gerichtet war. Ich erschrak und dachte einen Moment, dass er in

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Veronique Rosen
Lektorat/Korrektorat: Marion Roth
Tag der Veröffentlichung: 15.11.2016
ISBN: 978-3-7396-8332-4

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Ich möchte dieses Buch meinem Mann widmen, der stets viel Verständnis für mein mörderisches Hobby aufbringt.

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