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Dumme Gans


Er lächelte sie an und legte seine rechte Hand an ihren Hals. „Dann wollen wir mal, meine kleine Gans.“
Karl stand auf und trug sie unter den Blicken der Doktorin und Helfer Ralf aus dem Zwinger hinaus.
„Ende der Einzelhaft“, kommentierte Ralf das Ereignis und hielt die Aussentüre auf.
Gans Gertrud in den Armen von Pfleger Karl kam wieder hinaus an die frische Luft und schnatterte ihre Freude lauthals in den sonnigen Wintermorgen.
Es waren nur ein paar hundert Meter, dann kam Karl zum Freigehege. Ralf und die Doktorin standen dabei, als Gertrud vorsichtig am Ufer des Teichs abgesetzt wurde.
„Na komm, Gertrud“, sagte Karl. „Da drüben sind deine Freunde.“ Er wies auf die Vögel, die sich an das gegenüberliegende Ufer zurückgezogen hatten. „Jetzt such dir einen schönen Schnatterich, dann biste nicht mehr so einsam.“
Gertrud watschelte etwas unentschlossen am Ufer, glitt dann ins Wasser und drehte sich mal hier und mal da hin.
„Einsam“, sagte die Doktorin. „Da sagen sie was. Ausgerechnet zu Gertrud, die sich in sie verguckt hat.“ Sie blickte Karl an. „Und was ist mit Ihnen selbst? Wollen sie ewig nur Gänse im Arm halten?“
„Näh“, sagte Karl und wich ihrem Blick aus. „Ab und an darf’s auch mal die Fernbedienung oder ne Pulle sein.“
Die Doktorin verzog den Mund und ging dann davon.
„Mußte das sein?“ fragte Ralf. „Ist ja nicht nur Gertrud, die sie gerne mag.“
„Mein Junge“, sagte Karl, „Menschen können einen enttäuschen. Bitter enttäuschen. Tiere dagegen niemals.“
Gertrud sprang wieder aus dem Wasser und watschelte schnatternd auf Karl zu.
„Mag sein“, sagte Ralf. „Aber enttäuschen nicht auch sie das Tier? Die kleine, dumme Gans?“
Karl sah auf Gertrud hinab. „Vermutlich bin ich der größere Dummkopf. Nicht zu ändern.“ Er holte Luft und sah hinauf zum Himmel. „Sag mal, Ralf, willst du eigentlich Tierpfleger werden oder Psychologe?“
„Tierarzt“, sagte Ralf. „Und sie wissen, was wir mit hoffnungslosen Fällen machen.“ Er grinste und ging.
Karl sah eine Weile den Wolken zu, dann schaute er sich um. „Gertrud?“ fragte er. Er entdeckte sie auf dem Weg hinüber zu ihren Artgenossen.
„Du jedenfalls schaffst das“, murmelte er.

 

 

Entstanden am 15.10.2008 im Rahmen von "Flickwerk", wobei der erste Satz vorgegeben worden war.

Seit 1. Mai 2009 in diesem Band auf Bookrix

Michael Stiftland - Alle Rechte vorbehalten

Sammler in der Sauna

"Es ist einfach zu kalt hier drin", sagte sie tonlos und ging hinaus.

"Das ist ja mal eine originelle Ausrede für: Ich habe mich in der Tür geirrt," sagte Aumeier.

"So, finden Sie?" fragte Müller-Lüdenscheidt, packte mit hochrotem Kopf sein Handtuch und stand auf. "Bin mal gespannt, ob die Mädels das auch so finden, wenn ich den Spruch in ihrer Sauna bringe." Er ging hinaus.

Gries wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte: "Nein, nein, Leute. Das war ganz anders. Ich kenne die Frau. Sie sammelt Temparaturempfindungen."

Zolleder war erstaunt: "So? Was es nicht alles gibt."

Gries nickte: "Allerdings. Vielleicht wollte sie eine besondere Wärme für ihre Sammlung und hier drin ist es zu kalt."

Aumeier sagte: "Sowas habe ich noch nie gehört. Und ich hab schon viel gehört, Leute." Er machte eine kurze Pause. "Ich habe nämlich früher Schallwellen gesammelt."

"Schallplatten?" fragte Zolleder. "Das ist doch nichts besonderes."

"Wellen," wiederholte Aumeier. "Schallwellen. Stimmen, Geräusche, Lärm. Alles fein säuberlich in mein Album geklebt."

Zolleder sah ihn zweifelnd an. Aumeier fuhr fort: "Das meiste habe ich allerdings weggeworfen, weil es doppelt vorkam. Es war jedesmal ein furchtbarer Krach, wenn ich den Abfalleimer ausgeleert habe."

Gries sagte mit einem Augenzwinkern: "Das würde ich mir gerne mal ansehen, Herr Aumeier."

Der Angesprochene winkte ab. "Anhören, Herr Gries. Anhören! Aber leider habe ich das Zeug schon vor Jahren weggeworfen."

Zolleder und Gries sahen sich an, dann meinte Ersterer: "Alles was recht ist, aber sowas können sie uns nicht weismachen."

"Sie müssen es ja nicht glauben," sagte Aumeier und zuckte mit den Schultern. Dann stand er auf und raffte sein Handtuch zusammen. "Sie gestatten, das ich etwas mitnehme für meine Sammlung?"

Da es in der Sauna nichts weiter gab, nickten die anderen beiden etwas unsicher.

"Danke," sagte Aumeier und griff im hinausgehen hinauf. "Dieses spezielle leuchten fehlt mir noch in meiner neuen Sammlung!" Er nahm das Licht aus der Glühbirne, öffnete die Türe und lies zwei verdutzte Männer in der finsteren Sauna zurück.

 

 

Entstanden am 14.04.2008 im Rahmen von "Flickwerk", wobei der erste Satz vorgegeben worden war.

Seit 1. Mai 2009 in diesem Band auf Bookrix

Michael Stiftland - Alle Rechte vorbehalten

Sehr Stille Nacht

 

Es heißt, Menschen wachen des Nachts öfters auf, schlafen aber so schnell wieder ein, dass sie das Ereignis Andertags nicht mehr auf der Festplatte haben.

In jener Nacht beschloss mein Zentralrechner bei einer dieser Aufwach-Gelegenheiten, die Traumsoftware zu stoppen und stattdessen mein widerstrebendes Ich aus dem Schlaf zu rütteln. Es musste wohl einer jener unerklärlichen Instinkte aus der Steinzeit sein, mit denen schon Urmenschen die nächste Party drei Meilen gegen den Wind gerochen hatten. Etwas war nicht in Ordnung und ich sollte jetzt hinaus in die kalte Finsternis nachschauen gehen.

Meine Dickköpfigkeits-Subroutine versuchte zu nachtschlafender Zeit ihr Möglichstes. Ich weigerte mich kurzerhand Gedanken in den Hauptspeicher zu laden, denn es war klar, sie würden dort derart Achterbahn fahren, das ich nicht mehr einschlafen konnte. Und ich wollte doch einfach nur wieder runterfahren, sprich weiter schlafen. Es half alles nichts. Mein Bewusstsein wurde geladen und das System hochgetaktet. Im nächsten Moment sah ich die Finsternis und hörte die Stille.

Ich registrierte, dass ich in meinem Bett stabil auf dem Rücken lag. Die Temperatur war vielleicht ein bisschen niedrig, aber meine Decke wärmte gut genug. Draußen war es – soweit ich erlauschen konnte - windstill und trocken.

An den Schlaf klammern versuchte ich mich abzumelden: „Die Flughöhe beträgt null Meter und der Kapitän geht wieder schlafen. Gute Nacht.“

„Nein“, widersprach der Steuermann im Kleinhirn, „da ist etwas nicht so, wie es sein soll. Schau nach!“

Und somit blieb mir nichts anderes übrig als die Systemsteuerung zu übernehmen und endgültig wach zu werden.

Meine Sensoren lauschten in die Dunkelheit. Ria, neben mir, holte regelmäßig Luft. Die Glückliche schlief tief und fest. Aber mehr war beim besten Willen nicht festzustellen.

Halt mal, das war doch genau das Problem. Der elektrische Wecker surrte stets leise vor sich hin. Außer man wollte gerade einschlafen. Dann war er im Verhältnis zu seiner Umgebung oft so laut, dass er nervte. Heute tat er gar nichts und schwieg.

Ich drehte den Kopf und blinzelte zum Wecker hin. Nur kurz, mit einem Auge, um den Schlaf nicht rauszureiben, aber lange genug um die schwach leuchtenden Zeiger ablesen zu können. Doch da war nichts zu erkennen und mir war klar: Wenn der Wecker nicht davon gelaufen war, dann war er ausgefallen.

Und wenn schon. Es war die Nacht zum Sonntag. Wir konnten ausschlafen. Kein Problem. Außerdem lag ich gerade so gut. Elektrische Chronometer fallen eben auch mal aus. Punkt.

Ich drehte mich auf die Seite zum Fenster hin. Die Rollläden waren etwas undicht, so dass selbst nachts ein bisschen Licht von der Großstadt durch zwei, drei Schlitze hereinfiel. Die Geräusche und die Hektik der Metropole blieben dabei höflicherweise draußen.

Aber heute – wie ich kurz blinzelnd feststellte - schienen auch die Photonen keine Lust zu haben sich durch die Lamellen zu quetschen. Es war nicht anzunehmen, das die Physik mal eben eine Ausnahme gestattete. Und weder die Elektronen, die den Wecker antrieben, noch die Lichtteilchen hatten Urlaub beantragt oder einen Streik angekündigt.

„Da stimmt was nicht“, sagte eine innere Stimme.

„Ich weiß“, brummte ich und schlug die Decke zurück, um aufzustehen. Es war tatsächlich sehr kalt. Nicht ungewöhnlich für die Jahreszeit, aber eigentlich sollte die Heizung doch für etwas Wärme sorgen. Meine Hand tastete zu dem Radiator. Er war kalt.

Warum auch nicht. Schließlich hatten mich ja schon mehrere Seiten darauf hingewiesen, dass etwas nicht stimmte. Jedenfalls war diese Anhäufung von Arbeitsverweigerung nun doch alarmierend genug, mich davon abzuhalten, wieder in das herrlich warme Heiabettchen zu kriechen. Ich tastete nach dem Dimmer an der Wand und fühlte mich wie ein begnadeter Hellseher, als wie erwartet kein Licht anging.

Dieses Spielchen hätte ich mit ebensolchem Erfolg noch bei weiteren Geräten in der Wohnung fortführen können, aber es wäre wohl schnell langweilig geworden.

Stattdessen kam mir ein Gedanke, den ich sofort in die Tat umsetzen wollte. Ich schlich zum Fenster, überlegte kurz, ob es sich tatsächlich lohnen könnte, und zog sodann die Rollläden hoch. Gebannt starrte ich auf die Stadt hinaus, deren Anblick mir eigentlich so sattsam bekannt war.

Unser Haus lag etwas erhöht am Hang, so dass wir einen wunderbaren Ausblick hatten auf Leuchtreklame, Lasershows und Flutlichter sowie auf Ampeln und Straßenlaternen. Heute Nacht war nichts davon zu sehen, diese verrückte Stadt war nicht mehr da. Ich war förmlich überwältigt.

„Das musst du dir ansehen“, sagte ich heiser, da ich mitbekommen hatte, dass Ria von dem Geschepper der Rollläden geweckt geworden war.

„Brr ist das kalt,“ gähnte sie.

„Guter Anfang“, meinte ich. „Jetzt sag nur noch „Etwas stimmt nicht“ und du hast ins Schwarze getroffen.“ Ich ging nach nebenan.

„Was ist denn los?“, fragte sie, als ich zwei Stühle ans Fenster zog und noch einige Kissen holte.

„Festspiele der Finsternis“, kündigte ich an. „Die Megashow der Dunkelheit. Komm,“ forderte ich sie auf.

In die Bettdecken gehüllt und aneinander gedrückt, setzten wir uns ans Fenster, schauten hinunter auf die Silhouetten der Hochhäuser und hinauf zum wolkenlosen, glitzernden Sternenhimmel. Dieses Gesicht der City hatten wir noch nie gesehen und wer weiß, wann wir ein ähnliches Event jemals wieder erleben konnten. Die Stadt, ruhig und friedlich, ohne dieses nervige Lichtgeflacker, von dem man eine Sehnervüberreizung bekommt. Mit einem Wort: wundervoll. Beinahe wie gemalt – wenn es denn irgendetwas zu sehen gegeben hätte. Es war ein seltsames Gefühl, gerade wie ein Abendessen, das ungewöhnlich schmeckte, nur weil es anders auf dem Teller angeordnet worden war.

Um den Genuss nicht zu trüben, schaltete ich Minuten später vorsichtshalber das Handy ab. Niemand sollte uns diesen feierlichen Moment versimsen oder verquatschen.

Wir entdeckten in jener Nacht zahlreiche neue Facetten unter den Schatten unserer Stadt und versuchten bei kurzzeitig sichtbaren Autoscheinwerfern zu erraten, wo auf dem Grunde dieses schwarzen Häusermeeres es gerade fuhr. Man ahnte eher, als das man etwas mit Gewissheit wusste. Wir lachten und sprachen mehr miteinander als sonst ganze Wochenenden lang.

Bald war das Spiel vorbei, denn der Strom kam wieder. Zulange hatte es natürlich nicht dauern dürfen, aber man sollte um Wiederholung bitten. Mit Vorankündigung - damit die Mehrzahl der Einwohner diesen Service der E-Werke nicht verschlafen.

Einmal im Jahr die lange Nacht der Nacht.

 

 

Überarbeitete Fassung einer Geschichte von ca. 1997

Erstveröffentlichung in der "Literaturzeitschrift Pegasus" im November 2007 unter dem Titel "Stille Nacht"

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Ende einer Schreibblockade

 

„Und jetzt frisst Sie dir aus der Hand?“, fragte Kai.

„Kein Problem“, sagte Georg. „Man muss die Leute nur richtig erziehen. Du kennst mich doch.“

In Wahrheit hasste Georg die neue Chefredakteurin. Wenn ihr nichts einfiel, dann erinnerte sie sich kurz vorm Abgabetermin an ihre Schreibsklaven. Die Glosse sollte bis morgen Mittag gefüllt werden und er, Georg, wäre bekannt für seine Akribie, da käme bestimmt was Schönes bei raus. Natürlich, es war bekannt, wie wichtig ihm das Ergebnis seiner Arbeit war. Schund würde er niemals produzieren.

Aber gerade dieser Tage litt er an einer furchtbaren Schreibblockade. So saß er hier um zwei Uhr nachts an seinem Schreibtisch und soff mit seinem Kumpel eine Flasche nach der anderen.

Im Büro war ihm die Zeit zu lang geworden und kurz vor zehn war er heimgefahren. Hier roch es etwas streng und selbst in seinem auf die verdammte Glosse fixierten Zustand kombinierte er, dass es mit dem Aquarium zusammenhängen könnte. Die Fische schwammen recht weit oben, oder besser, trieben an der Wasseroberfläche.

Er hätte sich längst um die Fische kümmern sollen, aber jetzt hatte er erst recht keine Zeit dazu. Seine Frau würde irgendwann von der Spätschicht kommen und dann sollte sie sich der Sache annehmen.

Das Papier vor Georg blieb immer noch grausig weiß. Schlimmer noch: Andauernd sprang die Katze auf den Schreibtisch und sah ihn vorwurfsvoll an. Er hasste Dosenöffnen und außerdem war er beschäftigt. Irgendwann hatte er die Spur einer Erleuchtung. Eine Ahnung von Text stieg auf. Buchstaben formten sich, aber noch rang er mit den Worten. Da sprang die Katze erneut herauf und er vergaß alles wieder. „Verdammt!“, rief er, öffnete das Fenster, packte das Tier und warf es in den Garten. Sollte sie sich doch ein paar Mäuse fangen.

Irgendwie musste er doch seine Gedanken ordnen können. Nur wie? Meditation? Mit Hilfe einer Flasche Cognac versenkte er sich tiefer und tiefer. Irgendetwas würde er doch in sich finden – doch da war nur alter Krempel, wie tief er auch grub.

Irgendwann drang das Wort „Scheißkerl“ in sein Bewusstsein. War das seine Frau? Sprach sie mit der Katze? Mit den Fischen? Oder was? Die Haustür krachte ins Schloss.

„Ruhe!“, brüllte Georg. Er sah aus dem Fenster, wie seine Frau mit einem Koffer in der Hand zum Auto ging. Immerhin packte sie auch dieses aufdringliche Katzenvieh ein.

Sein Kumpel Kai rief gerade rechtzeitig aus einer Kneipe an. Ob er noch vorbei käme? Nein, aber Kai könne ja herkommen, um eine Flasche Whisky gemeinsam zu entern.

Und während sie so enterten, fragte Kai nach dem Grund für Georgs Verzweiflung. Zunächst schimpfte der über die Chefin, doch dann merkte er, dass das recht feige klang. So verfiel er darauf, Kai weißzumachen, er hätte sie sich erzogen.

Und wie er jetzt so darüber nachdachte, kam die Erleuchtung: Die Erziehung des Chefs war doch ein Thema, über das er schreiben konnte.

Georg rief „Ich hab’s“ und die beiden nebeneinander am Schreibtisch sitzenden Männer stießen an.

„Gratuliere!“, sagte Kai und leerte sein Glas.

Während Georg die ersten Worte kritzelte, fasste sich Kai an die Brust und stöhnte auf.

„So schlimm ist es auch wieder nicht“, sagte Georg und ließ Tinte fließen. Er wehrte Kais fahrige Bewegungen unwillig ab und schrieb unbeirrt weiter. Irgendwann sank Kai unter den Tisch, aber das störte Georg nicht weiter.

Endlich war die Arbeit getan, doch Kai rührte sich nicht mehr.

Georg hatte sich endlich wieder gefunden. So bekam auch Kai bald wenigstens einen würdigen Nachruf. Leb wohl, Kai, alter Saufaus!

 

 

Die Urfassung entstand am 12.7.2008 im Rahmen eines Seminars.

Erstveröffentlichung im September 2008 als Monatstext auf einer Website, aber hier erstmals in einer Anthologie.

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Die Elfe im Café

 

Zyklopeninsel oder Trollhöhlen? Wohin sollte Jan mit seiner Gruppe gehen? Er saß seit einer Stunde vor einem Café und ließ sich die Sonne schmecken. Das Bier war frisch und seine Laune im Highscorebereich. Der Lärm der Straße, gleich neben seinem Platz, störte ihn kein bisschen.

Bald würde er nach Hause gehen, den Computer wecken und sich von ihm das Portal in die weiten Ebenen des Mittelreiches öffnen lassen.

Dann musste er sich entschieden haben. Die Zyklopen waren leichtere Gegner, aber für einen Paladin seines Ranges vielleicht schon zu einfach. Außerdem war die Party heute vollzählig, eine Meute von sieben erfahrenen Spielern. Denen musste man schon eine ordentliche Herausforderung bieten.

Er nahm einen letzten Schluck von seinem Bier, da summte eine Nachricht herbei. Metzel-Kevin twitterte, dass er sich auf dem Weg nach Hause befand zum Rollenspieler-Treffen. Jan nickte. Zeit zu zahlen.

Er blickte auf und sah etwas Helles vorbeischweben. Ein Engel! Unsinn! Eine Elfe natürlich! Überirdisch hell leuchtend. Jan wurde heiß. Hitzestrahlen durchdrangen seine Rüstung. Wie in Zeitlupe sah er, wie sie sich auf einen Platz, zwei Tische weiter, niederließ.

Der dunkle Schweif ihres Pferdeschwanzes, diese geschwungenen Augenbrauen, ihre süßen Elfenöhrchen. Jan fand, sie saß wie eine Prinzessin da, in ihrem hellen Kostüm.

Er spürte einen magischen Schauer nach dem anderen. Ein Paladin und eine Elfe – was für ein Bild. Traumhaft. Überwältigend, wie sie Seite an Seite ihre Gegner niedermähten.

Er musste sie sofort ansprechen. Zu dumm, dass er nichts über sie wusste. Man sollte den Twitter-Accountnamen eben immer gut sichtbar tragen.

Notfalls kommunizierte Jan natürlich auch direkt. Das war altmodisch, aber ging schon klar. Nur hatte er auch dabei ein Problem: Wohin sollte er die SMS senden?

Er überlegte, hinzugehen und sie danach zu fragen. Doch Live-Chats dieser Art lagen ihm nicht. Einfach etwas Nettes sagen, sowas wie

 

:-)

 

Nur: Wie formulierte man das?

Seine schwitzigen Finger flüsterten eine Kurz-Nachricht an die Mitglieder seiner Party: »Wie spricht man eine Elfe an?«

Bei Gelegenheit musste er im »Wiki der ultimativen Weisheit« nachschlagen, was man in so einem Fall tun konnte.

Verdammt, dachte Jan, wo waren die Vorbilder für so einen Quest? In Kinokomödien passierte ein Zusammentreffen immer ganz selbstverständlich und zwanglos.

Grant müsste man sein. Egal ob Cary oder Hugh.

Jan versuchte, sich zu erinnern. Er setzte ein breites Lächeln auf. Seine Kleidung war etwas leger, aber in Ordnung. Die Haare gewaschen. Jetzt nur noch rüber gehen und – was sollte er sagen?

 

»Kennen wir uns?« – nein, das stimmte ja nicht.

»Kann ich mir das Salz leihen?« – nicht schlecht, aber was sollte er damit?

»Schau mir in die Augen, Kleines.« – das war Bogart, nicht Grant!

 

Die Elfe studierte derweil die Karte und bestellte etwas.

Zwei Meter neben Jan hielt ein Wagen an der Ampel. Die Boxen rappten jedes andere Geräusch weg. Das war es! Diese Clips hatte Jan gesehen. Er wippte im Takt mit. Jetzt nur noch ein Goldkettchen dran, Kapuze überziehen.

»Yo, Baby look right, I know what ladies like!«

Er könnte eine Waffe oder wahlweise Geld klimpern lassen. Die Braut war sicher scharf auf ihn, sonst hätte sie sich woanders hingesetzt. Raffiniertes Luder!

Hoppla! Gerade noch schaffte es Jan wegzugucken, sonst hätten sie sich direkt in die Augen geschaut!

Der Typ da mit dem Hund, der gerade vorbeilief, hatte es einfacher, dachte Jan. Der konnte vortäuschen, das Tier hätte sich zu ihr verirrt und er finge es ein. Er selbst fände sie aber auch sehr sympathisch, und wie sie wohl heiße, wo sie ihr Elfenleben so verbrächte und so weiter.

Über Tiere kam man sofort an Elfen ran.

Vielleicht sogar der Kinderwagenschubser, der da um die Ecke bog. Tiere und kleine Kinder. Da hatte man sofort ein Gesprächsthema.

Jan aber blieb nur der blaue Himmel und das war unfair wenig.

Sein Hosentaschenbote meldete sich. Metzel-Kevins Rückantwort bestand aus dem Ratschlag, die Elfe nach dem Heimweg zu fragen, denn da stünde ein Treffen an, »u no?«

Die Elfe bekam derweil Kaffee.

»So ein Trolldreck!«, fluchte Jan.

Er war sicher, im wirklichen Leben passierte jetzt garantiert etwas, das die beiden zusammenbringen würde. Ein herunterfallendes Klavier, das er kommen sah, und die Elfe mit einem kühnen Hechtsprung über die Tische hinweg rettete. Oder wenigstens ein Meteoriteneinschlag, der außer ihnen beiden die übrige Menschheit hinwegraffte.

Jan sah hinauf zum Himmel. Es passierte einfach nichts und ihm war klar, dass er jetzt wirklich ans Zahlen denken musste. Er wollte der Kellnerin ein Zeichen geben – da fiel ihm endlich etwas ein. Er konnte den Kaffee der Elfe auf seine Rechnung setzen lassen. Dann würde die Kellnerin das weiter geben und die Elfe würde ihn an ihren Tisch einladen. Jan war erleichtert. Er packte seinen Bierdeckel, um mit ihm zu winken. Wie er den Arm hochriss, entglitt ihm der Getränkenachweis und segelte genau auf den Tisch der Elfe hinüber.

Sie sah auf. Schon stand er neben ihr.

»Verzeihung«, sagte Jan, »Der Wind.«

»Nichts passiert«, sagte sie und reichte ihm den Deckel.

Sein Blick wanderte über ihr Dekolleté und wurde dann, glücklicherweise, wie er sich erinnerte, von ihren durchaus nicht uninteressanten Augen festgehalten.

Jetzt musste er etwas sagen.

Ihre Haare – vielleicht –

Das geschmackvolle Kostüm – so was eben –

Jan schluckte und sagte: »Schönes Wetter heute.«

Sie lächelte. Jan ebenso. Diese Nähe, das war die Gelegenheit sich kennenzulernen.

Aber: Das Treffen stand an. Er hatte keine Zeit!

Eine Eingebung riet ihm, beides miteinander zu verbinden. So sagte er: »Ich hätte Sie gerne in meiner Party.«

Er atmete innerlich aus. Endlich war es raus. Aber nach außen hielt er die Luft an. Was würde sie sagen?

»Vielen Dank«, antwortete sie. »Ich bin schon zu einer Party eingeladen.«

Jan war perplex. Er fragte sich, zu welcher Gruppe sie wohl gehörte. Dann endlich fiel ihm ein, das sie bei Party wohl vom Feiern sprach. Die hatte keine Ahnung von Multiplayergaming!

»Nein, nein«, sagte er und seine Gedanken rasten. Ob sie wenigstens simple Mail-Rollenspiele kannte? Er setzte alles darauf und sagte: »Gegenseitig den Character abchecken. Joint-Posts und so.«

»Ich nehme keine Drogen«, sagte sie und drehte sich von ihm weg.

Jan spürte den Frost und die enorme Distanz, die mit einem Mal zwischen ihnen stand. Das war ein Feeling wie am Computer. Man bewegte sich nicht, aber es ging alles rauf und runter.

Jan wandte sich langsam ab. Wo hatte er den Quest vergeigt? Lag es an den Charismawerten?

Als er zahlte, wurde ihm klar, was hier vorging: Jemand hatte sie beide mit einem Sprachverwirrungsfluch belegt! Ihm fielen sofort fünf Dinge ein, die er mit dem verdammten Zauberer machen würde, sollte der ihm über den Weg laufen.

Jetzt aber nach Hause. Heute gäbe es noch ordentlich Trolle zu pömpfen.

 

 

Die Urfassung entstand am 21.6.2009 im Rahmen eines Autorenfrühstücks.

Die vorliegende Fassung wurde veröffentlicht in "Spuren", Georg von Toyberg Verlag, 2012 (vergriffen)

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Die Raketenbauer von Niederding

 

Als im Oktober 57 der Sputnik die Amerikaner überraschte, begeisterten sich Otto und Schulfreund Thomas für den Weltraum. Sie träumten davon, selber eine Rakete zu starten, machten Pläne und trafen sich dazu am Schuppen hinter dem Haus.

Thomas zeigte das Schwarzpulverpäckchen, das er vom Schützenverein organisiert hatte. »Wie bauen wir denn unsere Rakete?«

»Wir nehmen, was da ist«, sagte Otto. »So machen es die Amerikaner auch.«

Er ging ins Haus und schaute sich um. Sein Blick fiel auf die vielen Stoffhunde seiner Schwester. Einer sah sogar aus wie Lumpi, der Familien-Dackel.

Otto schnappte sich Waui, den mit dem dicken Bauch.

Thomas zog die Augenbrauen hoch. »Sieht so ein Sputnik aus?«

»Der runde Kopf«, sagte Otto. »Der Rest ist die Rakete. Wir stopfen Waui das Pulver in den Hintern und schießen ihn die Startrampe hoch.«

Die Rampe bestand aus alten Brettern und Balken aus dem Schuppen. Lehnte man sie außen an, konnte man Berge besteigen oder Autos sausen lassen. Waui wurde ans untere Ende gesetzt.

Die Jungen begannen, dem Stofftier Holzwolle herauszuoperieren. Lumpi dackelte heran und schnüffelte an dem Schwarzpulverpäckchen.

Thomas rieb sich die Nase. »Ob wir mit Waui zum Mars kommen?«

»Fürs Erste reicht uns der Mond«, meinte Otto.

Angela kam an. »Was macht ihr? Das ist mein Waui!«

»Ist er nicht«, sagte Otto. »Den haben wir beide geschenkt bekommen. Und jetzt brauche ich ihn mal.«

Angela lief weinend davon und beobachtete, getröstet von Lumpi, aus der Ferne.

»Bist du sicher, dass es klappt?«, fragte Thomas.

»Wir haben Raketenbauer in der Familie«, sagte Otto. »Opa Mathias hat für Wernher von Braun gearbeitet!«

Darüber sprach niemand, und so fügte er an: »Nicht weiter sagen. Das ist streng geheim.«

Thomas machte große Augen. »Toll, der baut doch für die Amis Raketen.«

Schließlich legten sie Lunte, rannten weg und beobachteten um die Hausecke.

Drei, zwei, eins ... Die nächste Stunde über sammelten sie Stoff und Holzwolle in den umliegenden Gärten ein.

Sie beschlossen Versuch zwei, doch der Schützenverein verweigerte weitere Treibstofflieferungen. Otto las derweil alles über Raketen, das er bekommen konnte.

 

Im November flog die Hündin Laika ins All. Otto sah sich in seiner hundenautischen Linie bestätigt und war entschlossen, im Januar die erste Rakete von Niederding zu starten. Silvester begann er, Feuerwerkstreibsätze unter dem losen Brett im Schuppen zu bunkern.

Im Januar zeigte er bei bestem Flugwetter die Sammlung. »Wenn wir damit nicht zum Mond kommen, weiß ich auch nicht!«

Thomas kratzte sich am Kopf. »Beim ersten Mal hat sich die Rakete kaum bewegt.«

»Wir stellen sie diesmal aufrecht«, bestimmte Otto. »Die Rampe war völlig falsch.«

»Hast du noch einen Waui?«

»Nein«, sagte Otto, »wir nehmen Lumpi. Der ist lang und schmal. Das ist aerodynamischer.«

Thomas machte ein Gesicht wie ein Fragezeichen. »Aero- was?«

»Der Luftwiderstand. Das weiß doch jedes Kind!«

Gemeinsam schleppten sie einen Holzblock herbei. Daran wurde Lumpi fixiert.

Die Lunte brannte, die Jungen lauerten an der Hausecke, da kam Angela.

»Lumpi! Lumpi! Otto hast du Lumpi gesehen?«

»Jetzt nicht. Wie schießen gerade eine Rakete ins All.«

Ein lautes Zischen war zu hören, das in der Ferne verging.

Die Jungs jubelten und tobten. Der Rumpf der Rakete stand noch an der Startrampe. Offenbar hatte nur der Hundskopf abgehoben.

»Was habt Ihr mit meinem Lumpi gemacht?«, schrie Angela.

Der gleichnamige Dackel lief herbei und beschnüffelte die Reste des Stoffimitats.

»Den hat mir die Tante gestrickt!«, rief Angela. »Ihr seid gemein!«

»Das ist für die Wissenschaft«, sagte Otto und begann mit Thomas den nächsten Versuch zu planen.

Er sah Angela zur Mutter laufen.

Bald sah er Frau Antwerpes mit verkohlten Resten von Lumpis Kopf zur Mutter gehen..

Wenig später musste Otto zur Mutter.

Er erklärte: »Die Rakete hätte mindestens einmal um die Erde fliegen sollen.«

Die Mutter saß mit ihm am Küchentisch. »Angela weint sich die Augen aus und eure Rakete ist rüber zur Londoner Straße, durchs Küchenfenster von Frau Antwerpes, und hat den Kaffeeklatsch ruiniert.«

Otto senkte den Kopf. »Wir wollten doch nur eine Rakete zum Mond schießen. Wie Opa Mathias mit Wernher von Braun.«

In diesem Moment kam Ottos Vater nach Hause. Schnell machte der klar, von der »vermaledeiten von-Braun-Geschichte« nie wieder hören zu wollen.

Er ging hinaus und Otto hielt sich die glühende Wange.

Mutter sagte: »Otto, du hast es nicht richtig verstanden. Das mit Opa Mathias war anders.«

»Er hat doch mit von Braun ...«

Sie schüttelte den Kopf. »Opa Mathias hat in Mittelbau-Dora an Raketenteilen gebaut, aber keiner war dort freiwillig. Sie haben ihn und tausende Leute gezwungen, sich zu Tode zu arbeiten. Für von Brauns Raketen.«

 

Fünfzig Jahre vergingen. Erst Silvester nach Angelas Tod erzählte Otto seiner Familie von damals. Auf Neujahr stießen sie wie immer in aller Stille an. Nie hatten sie selbst Raketen gezündet. Zum ersten Mal wusste die Familie warum.

 

 

Die Urfassung entstand am 17.2.2013 im Rahmen eines Autorenfrühstücks.

Die vorliegende Fassung wurde veröffentlicht in der Anthologie "Traum und Wirklichkeit", 2013, ISBN 978-3-00-043609-3 (vergriffen)

Michael Stiftland - Alle Rechte vorbehalten

 

 

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Damit haben Sie eine Auswahl meines Schaffens über die letzten Jahre gelesen.

Ich hoffe es war einigermaßen unterhaltsam.

Schauen Sie doch mal bei mir vorbei und schreiben ein paar Zeilen:

www.michaelstiftland.de / autor@michaelstiftland.de

 

 

Impressum

Texte: Michael Stiftland
Bildmaterialien: Cover: M.Stiftland, 2009
Lektorat/Korrektorat: Korrektorat: M.H.
Tag der Veröffentlichung: 01.05.2009

Alle Rechte vorbehalten

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