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Eine neue Reise





Glitzernde Tautropfen zieren die Grashalme. Enya seufzt wohlig und fährt mit ihrer Hand durch die feuchte Wiese. Das Lied des Wassers ist in den Morgenstunden besonders kraftvoll, wenn die Luft von dem kühlen Element gesättigt ist.
Der Tau bleibt an Enyas Hand haften und entlockt ihr ein leises Kichern.
„Enya! Wo bist du denn schon wieder?“
Obwohl die Worte gedämpft klingen, bringen die magischen Schwingungen sie sicher an ihr Ziel.
Mit anmutiger Leichtigkeit erhebt sich die Meer-Ilyea. Türkisfarbene Augen blitzen vor Freude auf und übermütig dreht sie sich einmal herum. Ihre rückenlangen, seidigen Haare wehen im Wind und funkeln verführerisch. Das Wasser lässt sein Kind strahlen, als wäre es über und über mit Diamanten verziert.
Die junge Ilyea ist sich ihrer Schönheit bewusst und weiß, wie sie diese gezielt einsetzen kann. Auch, wenn sie in diesem Moment von niemandem beobachtet wird, bewegt sie sich, als wären tausend Augenpaare auf sie gerichtet.
Sie streift ihr strahlend blaues Kleid glatt und rennt zurück ins Dorf. Glitzernde Kuppeln empfangen sie. Da Meer-Ilyea keine Geheimnisse voreinander haben, sind die Wände ihrer Häuser ein wenig durchsichtig, wie ein sprudelnder Bach. So erkennt Enya sofort, aus welchen der unzähligen Kuppeln die Stimme kam, die ihren Namen rief. Die Umrisse ihres Vaters würde sie überall wiedererkennen. Zielsicher steuert sie auf die größte Kuppel des Dorfes zu und tritt durch den kühlen Vorhang aus rauschendem Wasser, im Inneren herrscht eine angenehme Temperatur.
„Du hast gerufen?“
Tiefblaue Augen, eingebettet in ein Gesicht mit hohen Wangenknochen und einem markanten Kinn, ruhen auf Enya. Eine weißblaue Haarmähne, durchzogen von dunkelbraunen Strähnen rundet das wilde Kriegeraussehen des Meer-Ilyea ab.
Langsam wird Enya unruhig, so lange hat der Dorfälteste Niall noch nie geschwiegen.
„Vater?“
Selbst die Stimme der jungen Ilyea klingt leicht und melodisch. Die schräg stehenden, buschigen Augenbrauen ihres Vaters lassen sie nichts Gutes erahnen. Er trägt eine glänzende Metallrüstung, die mit verschnörkelten Ornamenten verziert ist.
„Die Dämonen haben sich auf die Suche gemacht. Sie wollen die Schmuckstücke finden. Alle. Unser Diadem ist in Gefahr.“
Die donnerte Stimme und die Bedeutung der Worte lassen Enya die Haare zu Berge stehen.
„Was soll ich tun?“
Gehorsam kniet die junge Meer-Ilyea nieder. Ohne Zögern würde sie sterben, um den Saphir zu schützen. Das verlangt nicht nur der Eid, den sie geschworen hat, sondern auch ihre Ehre. Als Tochter und Nachfolgerin des Dorfältesten ist ihr ganzes Leben dem Schutz des wertvollen Diadems gewidmet, da nur Mitglieder ihrer Familie das Schmuckstück berühren können. Dieser besondere Schutzzauber wurde vor vielen Jahrhunderten von jenem Herrscher ausgesprochen, der auch dafür sorgte, dass die Zauber, welche das Dorf hüten, an das älteste Mitglied der adeligen Familie geknüpft sind, sodass dieses seinen Platz niemals verlassen kann. Der Grund, warum es Niall nicht möglich ist, selbst zu gehen. Alles nur, weil ein paranoider Dorfältester einen Umsturz der Machtverhältnisse befürchtete.
„Mein liebes Kind, ich weiß, dass du für unser Volk alles opfern würdest.“
Überrascht hebt Enya den Kopf und blickt ihrem Vater in das ernste Gesicht.
„Ich verlange nicht alles und doch viel von dir: Reise zum Diadem und bringe es in Sicherheit. Sein aktuelles Versteck scheint mir nicht mehr sicher genug zu sein.“
„Sehr wohl, Vater.“
Erleichterung durchströmt das junge Wesen. Auch, wenn sie verpflichtet ist, alles zu geben, ist ihr das eigene Leben zu wichtig, um es leichtfertig wegzuwerfen.
Enya erhebt sich und möchte die Kuppel verlassen, aber Niall ruft sie zurück:
„Danach wirst du zu den anderen Ilyeavölkern reisen und diese verständigen.“
Die junge Meer-Ilyea hält erschrocken inne. Nur einmal zuvor hat jemand ihres Dorfes die sicheren Inseln verlassen. Auf dem großen Festland ist das Meer weit entfernt, was früher oder später den Wahnsinn für jede Meer-Ilyea bedeutet. Süßwasser kann den salzigen Geruch und den melodischen Gesang des Meeres nicht ersetzen.
Entsetzt wirbelt sie herum, ihr Gesicht eine Maske des Schreckens.
„Aber Vater! Schon viele Bewohner unseres Dorfes machten sich auf, um das große Land zu sehen, nur du kamst wohlbehalten zurück. Ich...“
Der Dorfälteste hebt gebieterisch eine Hand, was Enya sofort verstummen lässt.
„In dir fließt mein Blut. Ich bin zu alt, um die Reise selbst anzutreten. Wenn jemand die Willensstärke und den Mut besitzt, um diese gefährliche Unternehmung zu wagen und zu bestehen, dann bist du das.“
Das wunderschöne Antlitz der jungen Ilyea verdüstert sich, aber sie widerspricht nicht.
„Ja, Vater“, presst sie hervor.
„Ich werde alle Vorbereitungen treffen, um die Reise so angenehm wie möglich zu gestalten.“
Ein schwacher Trost für Enya, die sich innerlich vom Leben verabschiedet. Äußerlich scheint sie gelassen, aber in ihr tobt ein gewaltiger Sturm. In dieser Beziehung ist sie wie alle Meer-Ilyea: Sie scheint gelassen wie die ruhige Meeresoberfläche, doch innerlich befindet sich ein Durcheinander von Gefühlen.
Sie atmet tief ein und fixiert mit ihren türkisfunkelnden Augen Niall, der sie allzu bereitwillig opfern möchte.
„Da ist mehr, nicht wahr?“
Ihr Vater schüttelt den Kopf und bedeutet ihr mit einer Handbewegung, dass sie seine Kuppel verlassen soll. Gehorsam dreht sich Enya um und eilt nach draußen. Als die kühle Luft sie umschließt, atmet sie tief ein, um die aufkeimende Panik zu ersticken. Für eine Meer-Ilyea ihres Ranges geziemen sich unkontrollierte Gefühle nicht.
Die Wendung des Schicksals verfluchend zieht sie sich in ihr eigenes Heim zurück, um die wichtigsten Dinge zu packen. Unter ihrem hölzernen Bett holt sie einen Lederrucksack hervor, in den sie frustriert ihre Habseligkeiten schleudert. Eine Haarbürste, Kleidung, Brot, frisches Obst und einige Silbermünzen sollen die Reise mit antreten.
Unschlüssig hält sie eine silberne Haarspange in der Hand und betrachtet das glänzende Metall. Schließlich entscheidet sie sich dazu, ihre azurblauen Haare zurückzustecken. Mit geschickten Fingern befestigt sie die einzelnen Haarsträhnen und betrachtet sich zuletzt in einer glatten Wasserwand, die direkt neben dem Bett wie ein spiegelnder Wasserfall ruhig dahinfließt. Zufrieden mit dem Ergebnis lässt sie sich auf ihre Schlafstätte fallen. Sie möchte sich ein wenig ausruhen, bevor sie die lange Reise auf sich nimmt.
Obwohl sie so erzogen wurde, dass sie jederzeit für ihr Volk sterben würde, fühlt sie sich unwohl. Opferbereitschaft, Selbstaufgabe und Selbstsicherheit waren die Grundpfeiler ihrer Erziehung. Die Realität, mit der sie konfrontiert wird, bringt diese zum Wackeln. Sie ist zu jung, zu schön und zu besonders, um bei solch einem sinnlosen Unterfangen zu sterben.
Nie zuvor hat Enya jemanden weinen sehen. Nie zuvor hat sie selbst geweint. Aber nun, in der Stille und Einsamkeit ihrer Wasserkuppel rinnt eine einzelne Träne ihre Wange hinab. Der Tropfen schickt traurige Töne in den beginnenden Tag und alle Meer-Ilyea im Dorf vernehmen dieses Lied.
Niall senkt demütig den Kopf und seufzt. Die junge Ilyea ahnt nicht, dass ihre Trauer nur ein Bruchteil des Kummers ist, welchen der Dorfälteste verspürt, da er seine geliebte Tochter auf diese Reise schicken muss.
Dennoch sieht er keine andere Möglichkeit. Er hat einen schwerwiegenden Fehler begangen. Und dieses Vergehen wird vom Schicksal bestraft und fordert seinen Tribut. Er unterdrückt einen gequälten Schrei. Wenn er kein Feigling wäre, könnte er seine Tochter vor alldem bewahren. Aber die Schuld, die er damals auf sich geladen hat, wiegt zu schwer, als dass er sie die ganze Reise ertragen könnte, ohne zu zerbrechen. Eine weitere Träne erblickt das Tageslicht, ihre Töne verweben sich mit dem Wasserlied zu einer harmonischen Melodie.
Enyas Kummer verdeckt die Musik der Träne. Sie hört die Trauer ihres Vaters nicht.

Als sie die Welt um sich herum wieder wahrnimmt, steht die Sonne hoch am Himmel. Die warmen Sonnenstrahlen brechen sich an der Oberfläche der Wasserkuppel und malen helle Lichtpunkte auf die schlafende Meer-Ilyea. Vorsichtig streicht Enya sich ihre azurblauen Haare zurück und blinzelt.
Draußen erkennt sie die Umrisse ihres Vaters und die Silhouette von etwas, was sie zunächst nicht richtig zuordnen kann. Sobald sie sich erhoben und ihren Rucksack geschultert hat, tritt sie durch die Wasserwand.
Das grelle Sonnenlicht blendet sie, sodass sie schützend einen Arm über ihre Augen hält. Weißes, schimmerndes Fell, blähende Nüstern, raschelnde Flügel.
Die junge Ilyea zieht überrascht die Luft ein.
„Ein Pegasus.“
Niall lächelt.
„Die einzige Möglichkeit, um das große Festland schnell zu erreichen. Dachtest du, ich würde dich mit dem Schiff reisen lassen?“
Staunend betrachtet Enya das stolze Geschöpf.
„Ich dachte, sie zeigen sich uns nicht mehr, seitdem die Menschen ihr Einflussgebiet auf dem großen Land ausweiten.“
„Alea ist anders. Während meiner Reise habe ich sie vor den Pegasus-Jägern gerettet. Dafür ist sie mir sehr dankbar und kommt, wann immer ich sie rufe.“
Liebevoll tätschelt der Dorfälteste die Flanke des Tieres. Es wirft den Kopf zurück, sodass seine silberne Mähne das Sonnenlicht einfängt und erstrahlt.
„Sie ist sehr treu. Deswegen solltest auch du ihr gegenüber gewissenhaft und pflichtbewusst handeln. Erweise ihr Respekt, dann wird sie dir eine gute Wegbegleiterin sein.“
Tiefschwarze Augen fixieren die junge Ilyea.
„Alea.“
Die spitzen Ohren richten sich aufmerksam in Enyas Richtung.
„Du bist wunderschön.“
Als Antwort wird die Meer-Ilyea sanft gestupst. Ihre Miene hellt sich sichtlich auf. Die bevorstehende Reise scheint ihr auf einmal weniger schlimm, die Anwesenheit dieses magischen Wesens wirkt beruhigend auf sie.
In seiner Nähe scheint kein Leid geschehen, kein Hass bestehen zu können.
„Gib bitte gut auf sie Acht.“
„Selbstverständlich, Vater.“
„Hier, nimm noch das.“
Er drückt ihr einige Goldmünzen in die Hand und lächelt zaghaft.
„Danke.“
Unbeholfen schließt er sie kurz in die Arme, dann steckt sie das Geschenk in ihren Rucksack und schwingt sich auf den Rücken des fliegenden Pferdes. Ohne Umschweife erhebt Alea sich in die Lüfte.
Enya blickt nach unten, krallt sich mit einer Hand in der Mähne fest und winkt mit der anderem ihrem Vater, der immer kleiner zu werden scheint.
„Zuerst müssen wir das Diadem in Sicherheit bringen, Alea. Ich weiß nicht warum, schließlich können nur Mitglieder unserer Familie das Schmuckstück berühren. Aber Vater wird seine Gründe haben.“
Alea wiehert zustimmend und korrigiert ihre Flugbahn. Unter sich sieht Enya das glitzernde Meer dahinfliegen. Da ihr Volk sehr nah an der Küste lebt, haben sie ihre kleine Heimatinsel schnell hinter sich gelassen. Wogende Wellen funkeln im Sonnenlicht und entlocken der Ilyea einen Seufzer.
Sie betrachtet den azurblauen Himmel, der sich mit wenigen weißen Wolken schmückt. Die Sonne leuchtet grell und die andere Insel, auf der das Diadem versteckt wurde, liegt schon in Enyas Sichtfeld. Dunkelgrün hebt sie sich aus dem Meer wie ein schwimmender Smaragd. Dass der Frieden trügerisch ist, ist der Reisenden bewusst. Schon seit sie auf der Welt ist, erzählt ihr Vater ihr die Geschichten. Eigentlich wäre das die Aufgabe ihrer Mutter gewesen, doch diese starb bei Enyas Geburt. Da die Ilyea in der Naturheilkunde sehr bewandert sind, geschieht so etwas sehr selten. Sehr selten bedeutet aber nicht, dass es nie passiert und so war eines der wenigen Opfer die Frau des Dorfältesten. Laut den Geschichten des Dorferzählers veränderte sich Niall an diesem Tag.
Enya drückt ihr Gesicht in die warme Mähne Aleas. Sie hat den wahren Charakter ihres Vaters nie kennengelernt, nur jenen Mann, der vom Schicksal gebrochen wurde. Sehnsucht nach ihrer leiblichen Mutter ergriff sie selten. Dann, wenn sie die tiefe Trauer des Verlustes in den Augen ihres Vaters sah. Seine zerbrochene Seele.
Vorsichtig richtet Enya sich wieder auf.
„Wir landen dort vorne.“
Gehorsam lässt sich der Pegasus weiter nach unten sinken, bis seine Hufe den Strand berühren. Er galoppiert einige Schritte über den Sand und verringert dabei sein Tempo, bis er zum Stehen kommt.
Dankbar seinen Hals tätschelnd schwingt sich die Reiterin herab, stolpert und fällt in den weichen Sand. Enya richtet sich fluchend wieder auf und klopft die kleinen Körnchen von ihrem samtblauen Kleid. Das edle Kleidungsstück scheint ihr in diesem Moment hinderlich, fast lächerlich angesichts ihrer bevorstehenden Aufgabe. An Reisekleidung hat sie nicht gedacht. Sie schultert ihren Rucksack, in dem die wertvollen Münzen klimpern. Sobald sie das Festland erreicht, wird sie sich eine neue Ausstattung besorgen müssen.
Die junge Ilyea wirft einen kurzen Blick zurück auf das azurblaue Meer, dessen Wellen fordernd den Strand erklimmen zu scheinen. Vor ihr erhebt sich ein dichtbewachsener Wald. Zwischen den Bäumen wuchert Buschwerk. Ein wildes Gemisch aus verschiedenen Grüntönen, so weit das Auge reicht.
Zögernd macht sie wenige Schritte auf die unbekannte Vegetation zu, Alea treu an ihrer Seite. Die Sandkörner knirschen laut unter ihren Sandalen, aus dem Wald dringt ein einzelner Vogelruf. Der salzige Geruch des Meeres mischt sich mit dem nasser Blätter und feuchter Erde.
Energisch schiebt Enya einige Blätter und Zweige beiseite und bahnt sich einen Weg durch das Dickicht. Neben ihr trabt der Pegasus, unbeeindruckt und zielsicher. Fast glaubt die Ilyea, dass die Bäume dem magischen Tier freiwillig Platz machen.
Ein wenig neidisch schielt sie hinüber und übersieht dabei eine Wurzel, die aus dem Boden ragt. Mit einem leisen Aufschrei fällt sie auf den belaubten Boden. Geschockt bleibt sie für einige Augenblicke liegen, dann rappelt sie sich auf und zupft bräunliche Blätter aus ihrem strahlend blauen Haar. Der Schmutz auf ihrem Kleid ist ihr egal. Wütend über ihre eigene Nachlässigkeit atmet sie ein paar Mal tief durch, bevor sie wieder vorsichtig einen Fuß vor den Anderen setzt.
Ihre Hände drücken herabhängende und hervorstehende Äste zur Seite während ihre Augen aufmerksam vom Boden hinauf zu den Baumwipfeln und wieder zurück wandern. Ab und zu sieht sie scheue Tiere davon huschen. Schlangen, Käfer, Schmetterlinge, Vögel. Nach einiger Zeit tauchen immer wieder braune Augen aus dem Gebüsch aus. Eine Gruppe kleiner Affen hat sich an Enyas Versen geheftet. Die aufmerksamen Tiere betrachten die Neuankömmlinge voller Neugier und wagen sich immer näher an sie heran.
Enya lächelt über die Übermüdigkeit der pelzigen Tierchen, Alea wirkt hingegen beunruhigt. Sie behält die Beobachter genau im Auge und stößt den ein oder anderen warnenden Laut aus, was die Affen mit kecken Gelächter quittieren. Je weiter die Reisenden in den Dschungel vordringen, desto dichter wird das Blätterdach und desto weniger Licht dringt zu ihnen hinab. Die freiheitsliebende Ilyea fühlt sich zunehmend unwohler und sucht bei Alea Halt, ihre Finger krallen sich in die warme, silbrig-weiße Mähne. Das geflügelte Pferd schnaubt mitleidig.
Enya schließt die Augen und versucht, das Lied des Meeres zu hören. Leise dringen die sanften Töne an ihr Ohr und beruhigen ihren Herzschlag. Ihre neu gewonnene Ruhe wird jäh von den lauten Rufen eines Affen unterbrochen. Sie reißt ihre türkisenen Augen auf, ihre Pupillen sind zwei riesige, schwarze Löcher, die jeden noch so kleinen Lichtstrahl, der durch das dichte Blätterdach fällt, aufsaugen wollen. Hoffnungslos. Eine Wolke scheint sich vor die Sonne geschoben zu haben und Enya sieht nichts, außer schemenhafte Umrisse von Bäumen und die leuchtenden Augen der Affen. Ihre feinen Finger streichen über Aleas weiches Fell.
„Meer-Ilyea zeigen keine Angst“, wiederholt die stolze Dorfältestentochter die Worte ihres Vaters. Schweratmend steht sie in der Dunkelheit und versucht, sich zu beruhigen. Die Hufe des Pegasus scharren nervös über den laubbedeckten Boden. Blätter rascheln. Einer der Affen kichert - In Enyas Ohren ein bösartiger Laut.
Wann genau sich die idyllische Situation in einen ihrer schlimmsten Albträume verwandelt hat, vermag Enya nicht zu sagen. Sie weiß nur, dass sie dringend Licht braucht. Oder das Rauschen des Meeres. Irgendetwas Bekanntes, Vertrautes. Hoffnung.
Der ferne, salzige Geruch des Meeres wird verdeckt von einem Gemisch aus Blumen, feuchter Erde und Blätter. Den bekannten, weiten Horizont musste sie zuerst gegen eine von Gewächsen versperrte Sicht, danach gegen vollkommene Dunkelheit eintauschen. Statt kreischender Seemöwen leben hier Affen, die sie mit ihren bohrenden Blicken in den Wahnsinn treiben.
Ihre Knie geben nach, schmutziges Laub verfängt sich in ihrem Kleid.
„Warum, Papa? Warum hast du mich auf diese Mission geschickt? Warum hast du mich nicht mehr lieb?“
Als ein Sonnenstrahl das weiße Fell des Pegasus zum Leuchten bringt, den Wald wieder bunt malt und die Dunkelheit vertreibt, liegt die einst stolze Ilyea noch

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Jennifer Jäger
Bildmaterialien: Cover: Viktoria Petkau; Innengestaltung: Riedel und H.B.
Lektorat/Korrektorat: Cornelia Zass
Tag der Veröffentlichung: 08.07.2012
ISBN: 978-3-95500-742-3

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Dieses Buch widme ich Allen, die ihre Träume noch nicht aufgegeben haben.

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