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Prolog


Es war still im Wagen. Claire saß auf der Beifahrerseite und wartete, dass ihr Vater wieder so eine nette kleine Rede hielt, bevor seine Tochter den Wagen verließ und wieder einmal einen neuen Therapeuten aufzusuchen.

Wäre es nach Claire gegangen, würde sie jetzt in ihrem Zimmer sitzen und laut Musik hören, während ihre Eltern wie jeden Tag eine kleine „Diskussion“ im Schlafzimmer führten. Claire hatte schon in der Unterstufe bemerkt, dass die Ehe ihrer Eltern nicht mehr lange halten würde. Es war eigentlich ein Wunder, dass sie noch immer verheiratet waren.

Vielleicht war auch nur Claire schuld. Wieso musste sie sich plötzlich so verändern, vom populären Mädchen und Einserschülerin eine Außenseiterin werden, dessen Noten von Test zu Test miserabler wurden.

Seit dem sie mit der ersten 2 nach Hause kam, hörten plötzlich die Streitereien ihrer Eltern auf. Eigentlich hörten sie nicht auf, sondern die Gründe des Streits änderten sich. Plötzlich standen nicht die Affären der beiden im Mittelpunkt, sondern Claire.
Das war nicht das Ziel von Claire gewesen. Sie hatte einfach keine Lust mehr auf ihre alten Freunde, ihren Exfreund und alles andere, was ihr in ihrem früherem Leben Spaß gemacht hat. Und dafür gab es nur einen einzigen Grund, über den niemand Bescheid wusste. Nicht einmal die 10 Therapeuten, die sie in den letzten Monaten gewechselt hatte. Sie spielte nur Spielchen mit ihnen und brachte ihre Eltern damit noch mehr auf die Palme.

„Claire!“ sagte Peter Brandon zu seiner Tochter und nahm die Hände vom Lenkrad, welches er aus Frust umklammert hatte. Er drehte seinen Kopf zu Claire, die gerade aus dem Beifahrerfenster sah und den Regentropfen zusah, wie sie an der Scheibe herunter rannen.

„Claire!“ wiederholte er diesmal mit energischer Stimme und seine bald 18-Jahre alte Tochter seufzte ehe sie sich zu ihm umdrehte.

„Du gehst dieses Mal hinein! Ich meine es ernst!“ sagte er und sah sie gestresst an. „Hast du verstanden?“ fragte er sie, doch Claire gab keinen Ton von sich und sah ihn nur gelangweilt an.

„Claire, ich meine es ernst! Du wirst in dieses Gebäude und in die Ordination von Dr. Henderson gehen! Ich werde hier sitzen und schauen, dass du nicht wieder abhaust! Und jetzt geh!“ damit beendete er seinen Monolog und Claire seufzte, während ihr Vater zum 10 Mal auf seine Uhr sah.

„Claire, du wirst zu Spät kommen.“ Sagte er noch zum Schluss und seine Tochter setzte ihre Kapuze auf, nahm ihre Tasche und öffnete die Tür des Wagens. Diesmal konnte sie ja doch ihrem Vater dieses Gefallen tun und zu Therapie gehen. Sie würde es handhaben wie sonst auch.

Das Mädchen stand im Empfangsbereich der Ordination. Die junge Empfangsdame hatte gerade einen Hörer in der Hand und notierte sich etwas auf einem kleinen Zettel. Claire hatte genug Zeit sich umzusehen. Es sah eigentlich ganz freundlich hier aus. Von all den Ordinationen in denen sie war, war die hier die schönste. Sie war modern eingerichtet und in warmen Farben gehalten. Die Wände hatten einen Beigeton und der Empfangstisch war aus Eiche. Die Sessel im Wartebereich waren ein helles Grün und überall standen Pflanzen. In einer Ecke war sogar ein kleiner Tisch mit Malbüchern und Buntstiften für Kinder eingerichtet.

Die Empfangsdame legte den Hörer ab und lächelte Claire nett an.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“ fragte sie Claire.

„Ich habe einen Termin“

„Wie wäre Ihr Name?“

„Brandon. Claire Brandon“

„Wenn Sie bitte im Warteraum Platz nehmen. Dr. Henderson hat noch einen Patienten!“ Mit einem erzwungenen Lächeln ging Claire ins Wartezimmer und setzte sich hin. Nach einigen Minuten, ging schon die Tür auf und der „Patient“ kam heraus. Ein Junge, in Claires alter verließ den Raum, gefolgt von seiner Therapeutin.

Sie blieb im Türrahmen stehen und lächelte den Jungen an, während er sich bei ihr noch einmal bedankte. Der Junge drehte sich zum Wartezimmer und sah zu Claire. Seine Augen weiteten sich, als er sie sah und ehe Claire anfing zu lachen, zwinkerte sie ihm zu. Der Junge wurde knallrot und rannte mit seiner Weste in der Hand aus der Ordination.
Claire fing an zu lachen und ihre neue Therapeutin sah sie nur an, während das junge Mädchen nicht vorhatte aufzustehen. Claire sah die Frau im Türrahmen abschätzend an, während die Doktorin sie anlächelte. Claire inspizierte sie von den Füßen bis zum Kopf. Sie trug schwarze High-Heels und einen beigen Rock, ein Top und eine violette Weste. Sie hatte lange braune Augen, die sie zu einem Dutt zusammengebunden hatte.
„Claire, ich glaube Sie haben einen Termin!“ meinte Dr. Henderson, doch Claire blieb immer noch sitzen.

„Claire, würden Sie bitte hineinkommen?“ fragte die Ärztin ihre neue Patientin, doch die ignorierte sie einfach, machte ihren IPod an und steckte sich die Kopfhörer in die Ohren und drehte die Musik ganz auf.

Dr. Henderson stand einfach im Türrahmen und ihre Empfangsdame war sichtlich mit der Situation überfordert. Claire war die letzte Patientin für den heutigen Tag.
„Jennifer, machen sie ihre Arbeit bitte fertig und dann können Sie gehen. Ich komme hier schon zurecht!“ meinte die Therapeutin und blieb weiterhin stehen, während sie Claire beobachtete. Die Empfangsdame, Jennifer nickte nur, sah noch einmal zu Claire ehe sie sich wieder ihrer Arbeit widmete.
Ava Henderson war 36 Jahre alt und eine der besten Psychotherapeutinnen ganz Englands. Sie arbeitete größten Teils mit Kindern und Jugendlichen zusammen und hatte Claires Akte schon Tage vor dem Termin studiert. Sie hatte sogar schon gedacht, zu wissen, was mit Claire los war, aber wie es aussah, hatte sie sich geirrt. Claire hatte ihr gerade einen Strich durch die Rechnung gezogen, indem sie sie einfach ignorierte.

Ava blieb einfach im Türrahmen stehen, ohne sich zu bewegen. Jennifer war schon mit allem fertig und hatte sich von ihrem Boss verabschiedet und war nach Hause gegangen. Nach einend halb Stunden, zog Claire die Kopfhörer aus den Ohren und stand auf, ging an der immer noch dort stehenden Ava vorbei ohne auch nur ein Wort zu sagen und ging grinsend aus dem Gebäude in den Regen Londons.

Nur noch Ava war in der Ordination, stand jetzt mittlerweile in ihrem Büro und hatte immer noch keinen Plan, wie sie mit Claire arbeiten sollte. Dieses Mädchen war eine neue Herausforderung für die Junge Therapeutin. Wenn Claire reden wollte, konnte sie reden, wenn nicht, dann eben nicht. Das war ihr Plan für die nächste Sitzung.

Das Telefon der Therapeutin klingelte und ein Lächeln schlich sich auf Avas Gesicht, als sie sah, wer der Anrufer war.

„Hallo Schönheit!“ begrüßte sie der Anrufer, als sie den Hörer abhob.

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Tag der Veröffentlichung: 15.10.2011

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