Cover

Prolog

Mit verschwitzten Fingern lockerte er seine Krawatte. Seine Augen schossen immer wieder zu dem grellen Licht, das erbarmungslos auf ihn strahlte. Wie er diese Tage im Studio hasste. Ständig gab es Änderungen an dem Text, den er sagen sollte; ständig wollten irgendwelche Leute an ihm herumpfuschen, damit er gut aussah, wenn schließlich die Kamera lief. Und jetzt war es fast soweit. Man sollte meinen, als Nachrichtensprecher waren die Vorbereitungen nicht so stressig wie bei hochbezahlten Schauspielern, aber es war genau das gleiche hetzende Spiel: Vor der Kamera musste alles perfekt sein.

Ein letztes Mal wurde ihm zugerufen, dass er sich bereitmachen sollte. Dann signalisierte ihm der dicke Mann hinter der Kamera, dass er auf Sendung war. Das aufgesetzte Lächeln auf seinen Lippen sollte den Stress verbergen. Wahrscheinlich gelang es ihm sogar. Das hatte er schließlich jahrelang geübt. Nervös war er jedoch immer ein bisschen, schließlich sah ihn jetzt ganz Oregon. Für die Nachrichten in den großen Vereinigten Staaten hatte es nicht gereicht, aber er gab sich damit zufrieden, in Oregon der berühmte Nachrichtenmann zu sein, den alle kannten.

»Guten Abend«, begrüßte er die Zuschauer. Seiner Stimme konnte man nicht anhören, wie gerne er jetzt schon in seinem gemütlichen Wohnzimmer sitzen und das Footballspiel sehen würde, das erst in zwei Stunden begann. »Das sind heute unsere Themen«, leitete er ein und war froh, als er aus dem Bild raus war. Stattdessen wurde eine Kurzzusammenfassung von allen Themen gezeigt. Doch es dauerte nicht lange, da war er wieder Mittelpunkt des Geschehens. Mit einem kurzen Blick auf seine Moderationskarte begann er zu sprechen, wobei er nur den vorgegeben Text ablesen musste, der ganz groß auf einem Bildschirm lief:

»Heute Morgen, um kurz vor zehn, spielte sich in der Bank of Treinia in Portland ein etwas anderer Banküberfall ab. Drei schwarzmaskierte Männer stürmten in die Bank in der Harclom Street und bedrohten die rund fünfzehn Kunden und Angestellten, die sich in der Kassenhalle befanden. Einer der Männer forderte das Geld aus dem Tresor, während seine zwei Komplizen die Anwesenden mit Waffen bedrohten. Bis dahin - alles wie gehabt.« Er setzte ein geheimnisvolles Lächeln auf, das die Zuschauer als belustigt verstehen sollten. »Doch anders, als wir es von ähnlichen Banküberfällen kennen, war die Polizei in diesem Fall schon vor dem Eindringen der Räuber anwesend. Wegen eines Unfalls auf dem Parkplatz der Bank waren zufällig drei Beamte vor Ort. Sie griffen sofort ein, als die Männer ihre Waffen zogen. Diese nahmen eine Frau als Geisel und flüchteten in einem schwarzen PKW. Mandy McCorner berichtet.«

Mit einem tiefen Atemzug ließ er sich etwas zurückgleiten, als nun ein Video auf den Bildschirmen der Zuschauer eingeblendet wurde. Darin erklärte seine Kollegin, dass die Männer ihre Geisel während der Fahrt aus dem Auto geschmissen und unerkannt entkommen waren. Die Polizei stufte sie als sehr gefährlich ein.

Doch das alles interessierte ihn nicht. Obwohl er selbst in Portland lebte und die Bank, von der er gesprochen hatte, durchaus kannte, war er nur froh, dass er einen Moment hatte, um sich auf das nächste kurz anzusprechende Thema vorbereiten zu können. Die Zeit, in der er nicht gezeigt wurde, ging zu schnell um und schon musste er wieder sprechen. Diesmal von einem Thema, das nichts mit dem kuriosen Banküberfall zu tun hatte.

Kapitel 1

Ein greller Blitz schoss durch meinen Kopf und hellte für einen Moment die unendliche Dunkelheit auf, die eine Sekunde danach wieder die Kontrolle über mein Bewusstsein ergriff. Wach war ich trotzdem. Meine Finger regten sich, versuchten nach irgendwas zu greifen. Dann drang ein lautes Brummen an meine Ohren. Es ließ mich erstarren. Die Bedrohlichkeit kam mit dem schwindelerregenden Schaukeln, das von der Erde herrührte. Ich traute mich nicht, meine Augen zu öffnen. Wo war ich? Was war mit mir passiert?

Ich spürte, dass meine Hände verdreht auf meinem Körper lagen. Ganz vorsichtig wollte ich sie auseinanderziehen, doch es ging nicht. Ein Klirren, als würde Metall an Metall stoßen, ließ mich innehalten. Ungewollt öffneten sich meine Augen. Meine Sicht verschwamm. Erst nach mehrmaligem Blinzeln konnte ich erkennen, was direkt über mir war: Eine Art Rohr, das im oberen Bereich von Plastik umhüllt wurde, schlängelte sich an einer Wand hinauf. Es war erwärmt, sodass mein Gehirn mir sofort die richtige Information zusandte: Meine Hände waren an einem Heizungsrohr befestigt.

Erschrocken sah ich mich um, nur um festzustellen, dass der Raum, in dem ich mich befand, kaum größer als eine Kabine auf den Schultoiletten war. Genaugenommen war es exakt das: Ein Toilettenraum. Allerdings gab es hier keine Fliesen, sondern einen gummiartigen Boden, der ausreichend elastischen Schutz für das wirre Erschüttern meiner Umgebung bot. Das winzige Klo befand sich unmittelbar neben dem Waschbecken, über dem ein eckiger Spiegel angebracht war. Was sich darin reflektierte, riss mir den Boden unter den Füßen weg. Hätte ich nicht schon auf der Gummimatte gekauert, wäre ich sicherlich umgefallen, als mir die Spiegelung des Fensters verriet, was sich außerhalb des winzigen Raums befand: dunkle wandernde Wolken. Ich war in einem Flugzeug gefangen.

Diese Erkenntnis setzte panische Angst in mir frei, die meine Gliedmaßen antrieb, sich zu bewegen. Ich wollte prüfen, ob noch alles dran war, doch kaum hatte ich mich ein bisschen bewegt, wurde ich schon aufgehalten. Etwas zerrte an meinen Händen, sodass ich nicht dazu in der Lage war, sie auseinanderzuziehen. Geschockt blickte ich hinab auf die Handschellen. Sie blitzten mir in dem Licht der Bordtoilette silbern entgegen.

Ich schnappte nach Luft. Wieso war ich mit Handschellen an ein Heizungsrohr gekettet? Und warum befand ich mich auf der schäbigen Toilette eines Flugzeuges, das sich zweifellos durch die dunkle Nacht bewegte? Wohin brachte man mich? Warum brachte man mich überhaupt weg?

Mein Kopf drückte sich zurück auf den harten Kunststoffboden und ich kniff eisern die Augen zusammen. Ganz ruhig, Lily. Nicht die Nerven verlieren, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Es brachte nichts. Mein Atem ging immer schneller, je mehr ich mir meiner Situation bewusst wurde. Wie in Zeitlupe öffnete ich meine Augen, als könnte dadurch alles verschwinden und ich mich in meinem Zimmer befinden. So als wäre alles nur ein Traum gewesen. Aber der Toilettenraum befand sich immer noch um mich herum und der unangenehme Druck an meinen Handgelenken hatte nicht nachgelassen.

Langsam setzte ich mich auf, bedacht darauf, nicht zu viele Geräusche zu machen. Ich war allein in diesem Raum und verspürte die starke Hoffnung, dass ich es noch eine Weile bleiben würde. Ruhig bleiben, ermahnte ich mich, während ich versuchte, das rosarote Wirrwarr aus meinem Kopf zu verbannen. Die Ohnmacht hatte ihre Spuren hinterlassen, sodass es mir schwerfiel, mich daran zu erinnern, wie ich überhaupt hierhergekommen war. Denk nach! Was hast du zuletzt gemacht?

Ich kämpfte gegen Angst und Panik, lichtete das Rosarot und sog scharf die Luft ein, als mir meine letzten Erinnerungen wie hinterlistige Bekannte zuwinkten:

 

»Super Mädels! Damit wird das Spiel morgen ein Klacks. Das schaffen wir schon«, rief unsere Trainerin und hielt ihre Hand mit der Handfläche nach unten in unsere Mitte.

Wir alle wussten, was das bedeutete. Ich legte meine Hand auf die meiner besten Freundin. »Yeey«, riefen wir feierlich im Chor und hoben die Hände wie kleine Kinder. Genau das war es, was ich an unserer Volleyballgruppe so sehr mochte: Wir waren ein eingeschweißtes Team voll aufgestauter Kindes-Energie.

Morgen war das große Frauen-Volleyballspiel unserer Schule gegen eine andere Gruppe. Wir hatten gerade die letzte Trainingsstunde hinter uns, die mich voller Zuversicht auf unseren Gewinn zurückgelassen hatte. Ich ging mit einem guten Gefühl aus der Turnhalle.

Alyssa stützte sich auf meine Schultern und sprang glücklich auf und ab, als wir zusammen zur Umkleidekabine liefen. »Meinst du, Josh wird hysterisch von der Zuschauertribüne stürmen, wenn er unsere Gegnerinnen sieht?«, fragte sie lachend.

Ich setzte in den hellen Klang ihrer Stimme ein. Josh war unser schwuler bester Freund, mit dem typischen schwulen Verhalten, das man sich vorstellte, wenn man von einem High-School-Jungen hörte, der das eigene Geschlecht anziehend fand. Unsere morgigen Gegnerinnen stammten von der Saint August Highschool aus der Nachbarstadt Scappoose. Sie spielten seit Kindheitstagen miteinander Volleyball, was sie erstens zu einem schwer überwindbaren Team machte und zweitens ihrer athletischen Stärke zugutekam. Obwohl Scappoose eine ziemlich kleine, ländlich gelegene Stadt war, von der keiner viel wusste, war die Frauen-Volleyballmannschaft aus Scappoose jedem ein Begriff. Sie galt als äußerst brutal und rücksichtslos. Josh würde daher wahrscheinlich nicht nur schreiend aus der Halle rennen, sondern sich dabei auch noch in die Hosen machen.

»Hoffentlich nicht, sonst ist er die Witzfigur der Schule«, beschwichtigte ich Alyssa trotz meiner Befürchtung und musste nochmal lachen, als ich mir Joshs Flucht vorstellte.

Aly schob mich grinsend in die Kabine, wo wir unser Duschzeug holten, um uns den Schweiß von der Haut zu waschen. Die Generalprobe - das letzte Spiel vor dem großen Spiel - war anstrengend gewesen. Ich war froh, als ich das warme Wasser spürte, das meine Muskeln entspannte.

Es war Herbst, draußen war es nicht warm. Da ich mit nassen Haaren am Kopf frieren würde, föhnte ich sie mir, während mein Blick an den Mädchen vorbei schweifte, die sich vor der langen Spiegelreihe schminkten. Einige waren schon fertig mit dem Föhnen, andere nicht. Sollte ich mich auch schminken? Wer wusste schon, wer mir auf der Straße alles begegnen würde? Es war zwar bereits halb sieben und nicht mehr hell, aber ich hasste es, ungeschminkt aus dem Haus zu gehen. Nicht, weil ich Schminke brauchte, um Makel zu verdecken, sondern vielmehr, um markante Akzente zu setzen. Also griff ich wieder in meine Tasche, holte das kleine Tütchen raus und schminkte mir die Augen dunkel.

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, meinte Alyssa neben mir.

»Das könnte ich dich genauso fragen«, erwiderte ich und betrachtete, wie sie sich lachend wieder ihren Augen zuwandte, die sie mit Wimperntusche bearbeitete. Meiner Meinung nach brauchte sie sie nicht, um ihre Augen zu betonen, denn Aly hatte Riesen-Augen. Sie besaß sehr lange Wimpern, die in ihrem schönen Gesicht auffielen. Pickel und Mitesser waren schon seit Jahren kein Thema mehr und seitdem war sie makellos schön. Ihre dunkelbraunen Haare fielen ihr bis knapp über die Schulter. Sie waren ganz glatt. Der Pony bedeckte ihre halbe Stirn und damit auch die kleine Narbe, die sich dort befand. Mit fünf Jahren war sie vom Baum gefallen und hatte sich dabei böse den Kopf angeschlagen. Seitdem zierte die Narbe ihr Gesicht.

Ich schminkte nur schnell meine Augen, dann packte ich alles ein und wartete, bis Aly fertig war, ehe wir zusammen rausgingen. Dort war es schon dunkler, als ich gedacht hatte. »Bis morgen, Süße«, sagte ich zu ihr und umarmte sie.

Sie erwiderte meine Worte und beeilte sich, hinter Chloe und Madison herzukommen, die beide in ihrer Straße wohnten. Ich musste in eine andere Richtung; in die Richtung, in die sonst niemand ging. Mein Haus stand in einem Viertel, das von Leuten bewohnt wurde, die sich Häuser wie das leisten konnten, in dem ich wohnte. Alle Kinder in meinem Alter, die dort lebten, besuchten eine andere Schule als ich. Damals, als ich auf die Highschool gekommen war, hatte ich darauf bestanden, nicht auf die Elite-Schule gehen zu müssen, auf der sie waren, denn ich wollte normal sein. Ein bescheidenes Leben führen; sofern das mit meinen Eltern möglich war. Als Tochter des Bürgermeisters von Portland gingen die Leute oft mit der Erwartung auf mich zu, ein ungezogenes verwöhntes Mädchen vor sich zu haben. Genau diese Grundhaltung der Menschen wollte ich nicht auf mir sitzenlassen, was mich zu einem weiteren Punkt meiner Persönlichkeit brachte: Ich konnte meinen Mund nicht halten. Noch nie war es mir gelungen, im richtigen Moment still zu bleiben; meine Meinung nicht kundzutun. Als kleines Kind nicht und jetzt - als siebzehnjähriger Teenager - erst recht nicht.

Während ich über den verlassenen Bürgersteig lief - mit der Tasche unter den Arm geklemmt und den Blick auf den Boden gerichtet - wurden meine Gedanken von einem Vibrieren in meiner Hosentasche unterbrochen. Ich zog mein Handy heraus und warf einen kurzen Blick auf das Display, ehe ich den Anruf annahm und das Smartphone an mein Ohr führte.

»Hey«, begrüßte ich Cole, dessen Name ich schon gelesen hatte.

»Hi«, erwiderte er und ich hörte an seiner Stimme, dass er ein Lächeln auf den Lippen hatte. »Wie war das Training?«

»Gut. Ich fühle mich jetzt besser auf morgen vorbereitet«, antwortete ich mit einem Grinsen.

Cole McCoutey – einer der süßesten Typen auf unserer Schule, Basketballer, Footballspieler, Spieler aller anderen möglichen Sportarten, und an mir interessiert. Ja, man könnte sagen, dass nicht mehr viel fehlte, bis wir ein Paar wurden. Er war charmant, süß, nett, sexy und höflich. Ich hatte nichts an ihm auszusetzen. Außer eins: Obwohl ich immer versuchte, mir das Gegenteil einzureden, war ich nicht mal ein Stück weit in ihn verliebt. Eigentlich fand ich ihn nur nett; seine Komplimente schmeichelten mir; ich fühlte mich begehrt. Mehr nicht. Ob das auf Gegenseitigkeit beruhte, konnte ich nicht sagen. Vielleicht war es so, vielleicht nicht.

»Dann kann ja nichts schiefgehen. Bist du gerade auf dem Weg nach Hause?«, fragte er weiter, nichts ahnend von meinen inneren Monologen.

»Jap«, erwiderte ich knapp und sah währenddessen einmal nach links und rechts, bevor ich die Straßenseite wechselte.

»Soll ich dich nicht lieber abholen? Ist ja schon dunkel.«

Die Frage überraschte mich, aber ein Lächeln blieb auf meinen Lippen zurück. »Die paar Meter schaffe ich noch«, erwiderte ich. Es war wirklich nicht mehr weit. Ein paar Straßen musste ich noch gehen, dann war ich schon Zuhause.

»Na gut«, antwortete er nachgebend. Ich hörte, dass er mit meiner Antwort gerechnet hatte. Ein kritisches Piepsen am anderen Ende ertönte. »Mist«, fluchte Cole, »mein Akku ist leer. Ich ruf dich später noch mal an, okay?«

»Klar. Bis dann«, antwortete ich und lächelte.

»Bis dann«, wiederholte er und legte auf.

Ich sah noch kurz auf mein Handy, schloss einige Fenster und steckte es dann zurück in die Hosentasche. Mein Blick schweifte auf dem Boden vor mir her und nahm die kleinen Steinchen wahr, die über den Bürgersteig kullerten, wenn ich dagegen trat.

Mit einem Mal wurde ich nach hinten gezogen. Ich schrie spitz auf, aber im nächsten Moment wurde mein Schrei erstickt. Etwas drückte sich auf meinen Mund, unter meine Nase. Panisch versuchte ich, mit den Händen das nasse Tuch wegzuschieben und mich aus den Armen des Unbekannten zu winden. Durch meine hektische Atmung drang ein süßlicher Geruch in meine Nase. Bevor ich noch irgendwas anderes sehen konnte als die dunkle Straße, verschwammen meine Gedanken. Mein Verstand kippte um wie eine unbefestigte Wand. Es fühlte sich an, als täte mein Körper dasselbe. Aber das spürte ich nicht mehr. Ich schwebte bereits in einer komischen Wolkenschicht in meinem Kopf. Sie war rosarot.

Kapitel 2

Nun war ich hier: gefangen in einem winzigen Raum; vom Dröhnen des Flugzeuges umhüllt, das mich wo auch immer hinbrachte, und gequält von dem schmerzhaften Drücken der eisernen Fesseln um meine Handgelenke. Da ich jetzt auf dem Boden saß, konnte ich den Raum besser überblicken. Die rosaroten Wolken hatten sich gelichtet, sodass ich klarere Gedanken fassen konnte. Welche normale Fluggesellschaft würde eine Geisel mitnehmen?, war einer davon. Vorsichtig schob ich mich etwas näher zur Heizung hin, sodass ich mit den Händen an meine linke Hosentasche kam. Verzweiflung kam zu der Panik, als ich die Leere der Tasche ertastete. Kein Handy. Aber das hätte mir klar sein müssen – kein Entführer war so dumm, dass er mir das Handy nicht weggenommen hätte.

Als ich mich frustriert aufrichtete, durchzuckte mich ein neues Gefühl, das sich jetzt – mit weniger rosarotem Wirrwarr im Gehirn – klarer abzeichnete als die verwirrende Angst: Wut breitete sich in mir aus. Sie richtete sich auf die Leute, die es wagten, mich zu entführen, und auf meinen Vater. Warum zum Teufel war er Bürgermeister? Warum kannten ihn so viele Menschen? Warum gab er damit irgendwelchen dummen Leuten einen Grund, mich zu entführen? Es konnte keine andere Begründung geben, als dass mein Entführer Lösegeld von ihm fordern wollte.

»Ich gehe mal sehen, ob sie schon aufgewacht ist«, ertönte eine gedämpfte Stimme, die auf der anderen Seite der Wand näher kam.

Ich versteifte mich sofort. Irgendwas in meinem Kopf sagte mir, dass mir diese Stimme bekannt vorkam, aber darauf konnte ich nicht achten. Mein Körper konzentrierte sich zu sehr darauf, bloß nicht in Panik zu verfallen und wie am Spieß zu schreien. Ich tat genau das Gegenteil: Mein Mund blieb geschlossen und meine Nase nahm keine Luft mehr auf. Ich saß da, mucksmäuschenstill, und lauschte auf die Schritte, die auf der anderen Seite der Wand ertönten. Dann öffnete sich die Tür.

Irritiert kniff ich die Augen zusammen, als ein grelles Licht in den Raum strahlte. Ich blinzelte. Das Einzige, was ich erkennen konnte, war das Gesicht des Mannes. Wie ein Stromschlag lief der Schock durch meinen Körper. Die markanten Gesichtsknochen; der Dreitagebart, der sein Kinn bedeckte; die dunkelblauen herausstechenden Augen, die so tief schienen, als würde man in ein schwarzes Loch gucken; und die hellen, fast ausgebleichten  Haare, die das Einzige waren, das seine dunkle Ausstrahlung wettmachen könnte, wenn er nicht so böse dreinschauen würde – das alles kam mir unglaublich bekannt vor. In meinem Kopf fand eine Rückblende statt, ohne dass ich es gewollt hätte:

 

»Ich habe gehört, du bist begeisterte Malerin?«, sagte der Mann mit den dunklen Augen. Er war etwas jünger als die anderen Geschäftsleute, mit denen mein Vater sonst essen ging. Ich glaubte, er war in seinen Beruf hineingeboren. Sein Vater, der neben ihm saß, schien stolz auf ihn zu sein.

Ich hatte keine Lust auf ein Gespräch. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht hier sein. An einem Samstagabend hatte ich Besseres zu tun, als mit meinem Vater zu einem seiner Geschäftsessen zu gehen. Aber das war typisch für meinen Dad - immer musste er mir mein Wochenende versauen.

»Ja, ähm … ich mache das als Hobby«, antwortete ich in freundlichem Ton.

»Was machst du denn sonst noch so in deiner Freizeit?«

Dieser Mann schien wirklich interessiert zu sein. Das irritierte mich. Sonst führten zwar auch viele Geschäftspartner von meinem Dad ein Gespräch mit mir, aber das taten sie nur, damit es nicht so wirkte, als wäre es ein todernstes Treffen. Vielleicht wollte dieser Mann, der meines Wissens nach Lucian Krinn hieß, auch nicht hier sein. Vielleicht war er genauso gelangweilt wie ich und vielleicht schleppte ihn sein Vater auch nur zur Zierde mit. Ich wurde immer dazu missbraucht, das nette Vorzeigemädchen zu spielen, welches das intakte Familienleben des Bürgermeisters repräsentieren sollte. Natürlich, ich liebte meinen Vater, aber hätte er nicht auch meine Mutter mitnehmen können? Nein, er musste unbedingt seine talentierte Tochter vorzeigen. Vielleicht ging es Mr. Krinn genauso.

»Ich spiele Volleyball«, sagte ich zu ihm. »Aber das läuft über die Schule.«

Er setzte ein Lächeln auf. »Du gehst auf die … wie heißt sie noch?« fragte er und zeigte mit dem Finger nach rechts hinten.

»Ja«, erwiderte ich lächelnd, damit er wusste, dass ich verstand, welche Schule er meinte, obwohl ich mich darüber wunderte, woher er das wusste. Ihm fiel zwar der Name nicht ein, aber die Richtung, die er anzeigte, machte klar, dass er die richtige Highschool meinte.

»Wie oft hast du denn da Training? Das ist doch ein anstrengender Sport«, echtes Interesse legte sich in seine Stimme.

Ich unterdrückte den Drang, die Stirn zu runzeln und mich zu fragen, warum er sowas von mir wissen wollte. So, wie er die Betonungen setzte, machte er es mir ohnehin unmöglich, darüber nachzudenken. Er hatte ein unglaubliches Talent dafür, mit seiner Stimme jeden Zweifel aus dem Weg zu räumen. »Dreimal die Woche. Aber in letzter Zeit öfter, weil bald ein Spiel ansteht«, antwortete ich und sah hinunter in mein Glas Wasser.

Ich hörte ihm an der Stimme an, dass er jetzt die Augenbrauen hob. »Wirklich? Wann ist denn das Spiel?«

»In zwei Wochen.«

 

»Scheiße, verdammt!«, rief der Mann und riss mich damit aus meiner Erinnerung an unser erstes Treffen.

Er machte einen Satz zurück und knallte die Tür zu. Ich zuckte zusammen, als sie mit einem so lauten Krachen ins Schloss fiel, dass die Wand klapperte. Meine Augen starrten auf die Tür, doch eigentlich sah ich nur zwei Gesichter vor mir: Das Gesicht des Mannes, den ich beim Geschäftsessen kennengelernt hatte, und das des Mannes, der gerade hereingekommen war. Sie waren eindeutig identisch.

»Welcher Idiot hat vergessen, ihr die Augenbinde umzutun?«, brüllte der Mann hinter der Tür. Es fühlte sich an, als würde ein Schwall ungezügelter Wut mit seinen Worten unter der Schwelle zu mir hindurchkriechen. Wut, die sich genau auf mich richtete, obwohl er nicht mich anschrie.

Es kam keine Antwort.

»Jeffrey! Komm sofort her. Jeffrey«, dröhnte er weiter.

Ich hörte, wie er mit harten Schritten von der Tür wegstampfte. Zittrig atmete ich die Luft aus, die ich die ganze Zeit angehalten hatte. Die Erkenntnis, dass es wirklich Lucian Krinn war, der mich entführt hatte, sickerte nur ganz langsam in meinem Kopf. Offensichtlich war er nur einer von mehreren Entführern, denn zumindest war da noch Jeffrey.

Im Hintergrund vernahm ich einige Stimmen, die durcheinander redeten. Ich konnte nichts von dem verstehen, was sie sagten. Nicht nur, weil sie zu weit weg waren, sondern auch, weil der Puls in meinen Ohren zu laut pochte. Daher bekam ich nicht mit, wie irgendwann Schritte auf die Tür zukamen. Erst, als sie geöffnet wurde, starrte ich erneut in das Gesicht von Mr. Krinn. Ich konnte die Züge der Wut deutlich in seinem Blick erkennen, doch er versuchte, gefasst zu wirken, als er mich ansah und bedächtig die Tür hinter sich schloss. Damit waren er und ich allein in dem engen Raum.  

»Du erinnerst dich doch bestimmt noch an mich?«, fragte er in süffisantem Ton. Ein sarkastisches Lächeln bildete sich auf seinen Lippen.

Ich schluckte. Sonst konnte ich immer auf alles sofort antworten, aber bei dieser einfachen Frage wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Natürlich erinnerte ich mich noch an ihn, aber ich wollte nicht nur Ja sagen. Schließlich brachte meine Stimme dieses einfache Wort doch zustande, sogar mit einem recht kräftigen Tonfall, was ich zuvor nicht erwartet hätte.

Mr. Krinn zeigte keine Reaktion, blieb einfach stehen und sah mich von oben herab an.

»Warum tun Sie das?«, ergriff ich daher vorsichtig die Initiative. »Warum? Sie werden doch bestimmt gut bezahlt. Was wollen Sie also? Lösegeld? Wozu?« Ich kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und sah ihn anklagend an. Erst danach wurde mir bewusst, wie unklug es in meiner Position als Geisel sein könnte, derart rügend mit ihm zu reden.

Jetzt lächelte er wieder sein unheimliches ironisches Lächeln. »Das braucht dich doch gar nicht zu interessieren«, sagte er.

»Ist es so abwegig, dass ich verstehen will, warum Sie es wagen, so eine Tat zu begehen?«, antwortete ich. Mein Tonfall spiegelte den gleichen Sarkasmus wider, den auch er benutzte. Ich konnte einfach nicht anders, obwohl ich meinem Entführer gegenüberstand.

Langsam machte er zwei Schritte auf mich zu, gleichzeitig rutschte ich etwas zurück. Er kam - dessen ungeachtet - noch näher, ich aber konnte nicht weiter zurück, da mich die Handschellen an meinen Gelenken daran hinderten, weiter von dem Heizungsrohr wegzurücken. Ganz langsam, so als wollte er es für mich in Zeitlupe gestalten, ging er vor mir in die Hocke. Ich hatte keine Angst davor, ihm in die Augen zu sehen, wohl war es mir dabei dennoch nicht.

»Schätzchen, du solltest deine Zunge etwas zügeln. Du bist hier die Gefangene, nicht ich«, drohte er, während er mit dem Gesicht noch näher an meines kam.

Innerlich verfluchte ich mich dafür, dass die nächsten Worte aus meinem Mund kamen, als wäre Mr. Krinn ein harmloser Mitschüler, der respektlos mit mir redete: »Mir hat noch nie jemand verboten, zu reden.« Ich sagte es nicht laut, da er genau vor mir war, und es klang auch nicht so selbstsicher wie jene Worte davor – riskant war es trotzdem. So riskant, dass ich mir gerne auf die Zunge gebissen hätte, um mich dafür zu bestrafen.

In diesem Moment erblickte ich einen Gedanken in seinen Augen. Losgelöst von der Respektlosigkeit, mit der wir einander Worte zuwarfen, sprang dieser Gedanke von seinen kalten Augen in mein verwirrtes Gehirn über. Ich verstand plötzlich, was es bedeutete, dass ich ihn gesehen und erkannt hatte.

Er stand auf. Kurz blickte er noch auf mich herab, dann drehte er sich einfach um und ging aus dem Raum. Er schloss die Tür hinter sich. »Wir haben ein Problem«, hörte ich ihn direkt dahinter sagen. Es war nur schwer zu verstehen.

Ein anderer Mann antwortete ihm: »Was machen wir jetzt?«

Kurz blieb es still. »Wir machen erst mal so weiter, wie wir es geplant haben. Und dann … wenn ihr Vater gezahlt hat …« Mr. Krinn verstummte.

»Das willst du nicht wirklich machen?«, fragte der andere Mann. Er klang entsetzt.

»Luc, das können wir nicht machen. Wir sind doch keine Mörder«, mischte sich ein anderer ein, viel lauter als die beiden übrigen. Ich atmete unregelmäßig ein und aus, mir der Bedeutung ihrer Worte deutlich bewusst.

»Wir müssen. Sie hat mich erkannt. Und sie ist keines der Mädchen, die eingeschüchtert Zuhause sitzen, nachdem …«, einen Teil von dem, was er sagte, verstand ich nicht, da er zu leise redete. Erst ein paar Sätze später konnte ich wieder hören, was er sagte: »Wir brauchen das Geld. Die eine Sache haben wir vermasselt. Monsieur Dupont wird uns alle zur Schnecke machen, wenn es schon wieder schiefgeht. Also reißt euch gefälligst zusammen.«

Mein Gehirn versuchte die fehlenden Sätze zu ergänzen. Ich war keins der Mädchen, die eingeschüchtert Zuhause saßen, nachdem … nachdem was? Sie mich freiließen? Mein Vater Lösegeld gezahlt hatte? Wollten sie überhaupt Lösegeld oder ging es um etwas anderes? Nein, natürlich wollten sie Geld. Das war das Einzige, was sie reichlich von meinem Vater bekommen konnten.

Ich verstand Mr. Krinn. Ich hatte ihn gesehen; ich hatte ihn erkannt und wenn ich die Chance dazu haben würde, wäre mein erster Gang der zur Polizei, um ihn zu verraten. Vielleicht war das der Rest des Satzes. Wenn er sich nicht stellen wollte, hatte er keine andere Wahl, als mich umzubringen.

Ungläubig glitt mein Blick in die Ferne. Ich hatte meine Schule vor Augen, wo ich noch vor ein paar Stunden gewesen war. Vielleicht noch vor Minuten. Wer wusste schon, wie lange mich der rosarote Nebel eingehüllt hatte? Nun fühlte es sich an, als hätte er mich wieder ergriffen. Einen Moment lang kam es mir so vor, als säße ich Zuhause auf meinem Sofa und sähe einen schlechten Krimi im Fernsehen. Aber das war nur in diesem Moment, denn im nächsten konnte ich nicht mehr zu meinem normalen Leben durchblicken. Jetzt war ich wieder im Flugzeug, angekettet an das Rohr, und ich wusste, dass ich irgendwas unternehmen musste. Doch ich konnte nicht.

Langsam schob ich mich nach vorne, sodass ich mich am Rohr anlehnen konnte. Vorsichtig legte ich meine Stirn an die Plastikhülle und starrte in die Leere, während ein verzweifelter Film voller Dunkelheit durch meinen Kopf spulte.

 

Ich konnte nicht einschätzen, wie lange es dauerte, bis das Flugzeug an Höhe verlor. Mittlerweile drangen durch das runde Fenster einzelne Sonnenstrahlen. Ein paar Mal war jemand vor meiner Tür hin- und hergelaufen, aber nie war jemand eingetreten. Jetzt hörte ich, wie mehrere Leute umhertigerten. Es schien, als würden sie packen.

Mir kam die Zeit bis zur Landung wie zehn Stunden vor, obwohl es vielleicht nur zehn Minuten waren. Als wir zum Stehen kamen, ging die Tür auf. Mr. Krinn schritt herein und steuerte ausdruckslos auf mich zu. Ich zuckte zurück, als er nach meinen Handschellen griff. Daraufhin packte er grob meinen Arm und zog mich mit einem Ruck zu sich. Er kümmerte sich nicht darum, dass ich meine Arme nach vorne streckte, um mit dem Körper so weit wie möglich von ihm weg zu sein. Mit einem kleinen silbernen Schlüssel schloss er die Handschellen auf. Ich sah unsicher zu ihm. Was sollte das? Ließen sie mich frei? Nein, ich hatte mich zu früh gefreut, denn gerade, als ich das dachte, zog er etwas aus seiner Hosentasche hervor. Es war ein schwarzes Tuch.

»Nein«, protestierte ich, als er damit auf meinen Kopf zukam. Ich zog ihn zurück, was ein Fehler war.

Er packte gewaltsam meine Haare und zerrte mich damit zu sich hin. »Halt still«, zischte er.

Also hielt ich still und wartete verängstigt ab, bis er mir das Tuch um die Augen gebunden hatte, während in meinem Körper undefinierbare Gefühle umherschwirrten. Das Band war an meinem Hinterkopf so fest verschlossen, dass es drückte. Ich wusste, dass mir das Kopfschmerzen machen würde, aber ich hatte kein Recht, dagegen zu protestieren.

Mr. Krinn packte mich am Pulli und zog mich hoch. Unsicher machte ich einen Schritt nach vorne. Die ganze Nacht hatte ich nur gesessen, wodurch mein linkes Bein eingeschlafen war und unangenehm kribbelte. Die harte Hand in meinem Rücken schob mich vorwärts. Sie führte mich durch die Tür, was ich an den veränderten Geräuschen bemerkte. Ich musste zu einer Treppe gehen, die Mr. Krinn mit einem einzigen Wort ankündigte. Eisige Luft stieß mir entgegen, als ich auf die erste Stufe trat.

Hier war es viel kälter als in Portland. Mit einer Hand drückte ich meinen Schal enger vor meinen Hals; die andere streckte ich nach vorne, damit ich nicht vor irgendetwas Unsichtbares knallte. Nach mehreren Stufen erreichte ich den Boden und stolperte gleich darauf, weil ich mit einer weiteren Stufe gerechnet hatte. Hier mussten einige Leute sein. Ich hörte sie reden, ohne verstehen zu können, was sie sagten.

»Okay, wir können gehen«, kommandierte Mr. Krinn hinter mir.

Er führte mich über Asphalt. Ich konnte mich nicht orientieren. Schon nach wenigen Metern wusste ich nicht mehr, wo das Flugzeug war, was durch die mich umgebenden Geräusche nicht verbessert wurde. Ich hörte die Schritte mehrerer Menschen, die entweder hinter oder vor mir gingen, und ihren Atem. Er lag schwer in der Luft.

Kurze Zeit später führte mich die Hand vom Weg ab und plötzlich hatte ich weichen Boden unter meinen Füßen. Es fühlte sich an wie Erde. Ich schluckte schwer. Wo brachten sie mich hin? Mit der Zeit wurde es anstrengender, den vorgegebenen Pfad zu laufen, was mich irgendwann absolut sicher stimmte, dass wir gar nicht über einen Weg liefen, sondern querfeldein über Waldboden staksten. Es wurde steiler und steiler. Ständig lenkte mich die Hand nach links oder rechts, was vielleicht nur dazu diente, mich nicht vor einen Baum laufen zu lassen. Der Atem der anderen Menschen wurde immer schwerer. Meiner auch, aber ich merkte das kaum noch. Die kalte Luft in meiner Lunge betäubte alles.

Wir machten zwei Pausen. Ich wurde dabei auf dem Boden abgesetzt und durfte mich nicht bewegen. Währenddessen hörte ich zu, wie gegessen und getrunken wurde, aber ich bekam nichts ab. Vor all diesen Leuten traute ich mich nicht, nach Wasser zu fragen. Die Ungewissheit, wer alles da war, ließ mich stumm das tun, was man mir sagte: Als ich weitergehen sollte, ging ich weiter; als ich mich setzen sollte, setzte ich mich. Die ganze Zeit war die Hand in meinem Rücken.

Irgendwann, nach stundenlangem Wandern, blieben wir endlich stehen. Das war keine Pause. »Endlich«, schnaubte ein Mann mit einer sonderbar hellen Stimme.

Die Hand schob mich vorwärts. Ein Klirren und metallisches Kratzen ertönten vor mir. Ich kreuzte verunsichert meine Finger ineinander, bis es wehtat, und fragte mich dabei, ob es mir nur so vorkam oder ob wir wirklich bis auf einen hohen Berggipfel geklettert waren. Auf dem langen Weg war längst klar geworden, dass mich niemand finden würde. Nicht hier oben.

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als vor mir ein lautes Quietschen ertönte. Etwas ratschte über den Boden und wurde dann wieder leise. Die Hand stieß mich nach vorne. Panisch drehte ich mich um, als ich bemerkte, dass ich irgendwo drin sein musste, denn die Luft hatte sich verändert. Sie war viel feuchter. Es schwebte ein unangenehm muffiger, beinahe schimmeliger Geruch hier drin und vor meinen Augen wurde es noch dunkler. Das bisschen Licht, das die ganze Zeit durch die Augenbinde gesickert war, verschwand jetzt völlig. Es musste hier drin stockduster sein.

Meine Finger griffen nach dem Mann hinter mir. »Hey«, beschwerte er sich und stieß mich weg, sodass nicht mal mehr die leitende Hand in meinem Rücken war.

»Nein, nein«, kreischte ich. Ich riss mir die Augenbinde ab. Jetzt drang wieder mehr Licht zu mir durch, aber die Dunkelheit im Raum blieb.

»Geht zurück«, rief Mr. Krinn.

Ich wirbelte zu seiner Stimme herum und sah gerade noch zwei Gestalten aus dem Metall-Türrahmen verschwinden, die dadurch für mich nicht mehr sichtbar waren. Draußen erstreckte sich ein weiter Wald. Es war mittlerweile ganz hell, sodass ich hohe Nadelbäume erkennen konnte, die sich auf weich aussehendem Waldboden verteilten, der mit viel Moos bedeckt war. Blätter lagen hier und da.

Bevor ich noch mehr sehen konnte, tauchte Lucian Krinn vor mir auf. Er schubste mich grob zurück. Ich torkelte und ratschte an einer feuchten Wand aus Stein entlang. Eine Hand packte mich an der Kehle. Ich rang nach Luft. Vor meinen Augen erschien sein Kopf, dessen gruselige Augen unentwegt in meine starrten und mich zu durchbohren schienen. Ich starrte verängstigt zurück, während ich mit meinen Händen versuchte, seine große Pranke von meinem Hals zu zerren, doch er war viel zu stark, als dass ich es geschafft hätte.

»Tut mir leid, Süße. Dich müssen wir leider hierlassen, bis dein Daddy gezahlt hat«, sagte er mit einem fiesen zischenden Unterton.

Er drückte mich noch fester gegen die Wand. Seine Augen fixierten dabei einen Punkt zwischen den Steinen neben mir, den ich nicht sehen konnte. Eigentlich dachte ich, er würde mich jetzt loslassen, doch stattdessen schob er mich mit brutalem Druck an der Wand entlang. Es fühlte sich an, als würde mein Pulli am Rücken zerfetzt und der Stein meine Haut aufreißen. Aber es tat nicht mal annähernd so weh wie das, was dann passierte: An meinem linken Arm pikste etwas. Es drückte sich durch den Ärmel meines Pullovers und schnitt meine Haut auf. Ich spürte, wie sich mein Fleisch dort zerteilte.

Obwohl ich keine Luft hatte, schrie ich. Daraufhin war die Hand an meinem Hals weg, aber im nächsten Moment landete sie mit einem Knall in meinem Gesicht. Mein Kopf flog zurück und knallte gegen die unbeugsame Steinwand. Ein Dröhnen in meinen Ohren übertönte alles, was ich hätte hören können, und Blitze flackerten vor meinen Augen. Ich glaube, ich sank an der Wand zusammen. Das Letzte, was ich hörte, war eine Stimme, die sagte: »Lass dir das eine Lehre sein.« Es war die von Lucian Krinn. Dann wurde die eiserne Tür geschlossen und verriegelt. Ich war allein.

Meine rechte Hand tastete sich zum linken Oberarm, aber bevor sie überhaupt bei der Wunde angekommen war, lief Blut über meine Finger. Es brannte höllisch, als ich meine Hand darauf drückte. Ich schluchzte und merkte, wie mir Tränen über die Wangen liefen. Warum?, war die letzte Frage, die sich mir stellte, bevor alles vor meinen Augen verschwamm. All das fahle Licht, das durch ein paar Spalten am Rande der Tür gelangte, ging fort. Das Schwarz des dunklen Zimmers vermischte sich mit dem Schwarz in meinem Kopf.

Kapitel 3

Es fühlte sich an, als würden Regentropfen an meinem Arm hinunterrennen. Seit mehreren Stunden war ich wieder wach und saß, an die kalte Wand gelehnt, im rabenschwarzen Raum. Mittlerweile musste es draußen dunkel geworden sein. Die ganze Zeit drückte ich meinen Schal fest auf die brennende Wunde an meinem Arm. Sie war nicht das Einzige, das brannte. Mein ganzer Rücken fühlte sich an, als hätte ich auf einer glühend heißen Herdplatte gelegen. Mittlerweile hatte ich erkannt, dass mein Oberteil dort kaputt und die Haut aufgerissen war. Allerdings war die kalte Wand für diese Diagnose meine einzige medizinische Maßnahme. Sie kühlte es ab, obgleich mir klar war, dass sie nicht sauber sein konnte.

Meine Tränen waren versiegt. Im Moment saß ich nur regungslos da und starrte einen Punkt auf der anderen Seite des Raumes an, den ich nicht erkennen konnte. Alles war schwarz. Ich fühlte mich so verloren, als säße ich überhaupt nicht mehr auf der Erde, sondern schwebte in einem Raum ohne Wände, ohne Boden, ohne alles. Einfach nur Leere. Neben mir lagen zwei Ein-Liter-Wasserflaschen. Meine Entführer hatten sie in den dunklen Raum geworfen, bevor sie die Tür verriegelt hatten. Ein stilles Zeichen dafür, dass ich hier länger bleiben sollte. Ein Viertel des kostbaren Wassers hatte ich schon ausgetrunken.

Ich malte mir aus, wie meine Eltern einen Zettel in ihrem Briefkasten fanden, in dem Lösegeld für mich gefordert wurde, oder wie meine Mutter ans Telefon ging und einen Mann mit tiefer unheimlicher Stimme erzählte, dass er ihre Tochter entführt hatte. Es fielen mir noch viele Möglichkeiten ein, aber diese beiden fand ich am plausibelsten. Wahrscheinlich hatten sich meine Eltern keine Sorgen gemacht, als ich nicht pünktlich nach Hause gekommen war, denn das war nicht unbedingt eine Seltenheit. Meist war ich nach dem Training noch mit Aly unterwegs oder Cole holte mich ab und wir fuhren irgendwohin, bevor er mich nach Hause brachte. Mittlerweile hatten sich meine Eltern daran gewöhnt. Eine ganze Nacht lang blieb ich jedoch nie weg, schon gar nicht unangekündigt.  

Langsam begannen die Tränen wieder zu laufen. Ich wollte nicht weinen; ich wollte es wirklich nicht. Aber komischerweise konnte ich Tränen nur aufhalten, wenn jemand bei mir war, der sie nicht sehen sollte. Jetzt war ich alleine, also hatte ich keinen Grund, dass es mir peinlich sein könnte. Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder; konnte mich nicht entscheiden. Es war egal - ich sah immer schwarz. Mit der einen Hand wischte ich die Tränen unter meinen Augen weg und rieb mir dann über meine Augenlider, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Sicht verschwommen war. Zu spät bemerkte ich, dass sich damit all die Schminke verwischte. Hätte ich sie doch bloß nicht aufgetragen. Wahrscheinlich sah ich jetzt wie ein Monster aus. Aber wen kümmerte das schon? Ich war allein in einem schwarzen Loch und niemand würde mich je finden. Ich würde sterben.

Am nächsten Morgen blinzelte ich in den Lichtstrahl, der schwach durch einen kleinen Spalt unter der Tür hereinkam. Ich musste mehrmals schlucken, um den Kloß in meinem Hals herunterzubekommen. Meine Kehle war ganz trocken, ich war durstig. Finger für Finger löste ich meine Hand von der Wunde. Die ganze Zeit musste ich den Arm umklammert gehalten haben, während mich der Schlaf heimgesucht hatte. Es brannte, sobald ich sie wegzog.

Nachdem ich etwas getrunken hatte, löste ich mich langsam von der Wand. Ein stechender Schmerz fuhr mir durch den Rücken und ich stöhnte auf. Ich zog einen Fuß vor und platzierte ihn stabil auf dem Boden, ehe ich mich darauf stemmte und mit dem ganzen Körper hochkam. Es tat weh, aber zu stehen war im Nachhinein ein ungewohnt angenehmes Gefühl, was ich nicht gedacht hätte. Schritt für Schritt ging ich auf die Tür zu.

Ich hielt erst inne, als ich auf etwas Weiches trat. Es war nicht der nasse Kieselsteinboden, sondern nachgiebig und klein. Sofort schoss mir der Gedanke an ein totes Tier durch den Kopf, was mich augenblicklich einen Schritt zurücktrieb, während meine Augen zu erkennen versuchten, was dort unten von der Schwärze verschluckt wurde. Wachsam beugte ich mich runter und berührte es zögerlich mit dem Zeigefinger. Mein Puls beruhigte sich, als ich erkannte, dass es das schwarze Tuch war, welches ich mir von den Augen gerissen hatte. Ich hob es auf und hielt es fest in der Hand, als ich weiter zur Tür hin ging. Meine anderen fünf Finger ertasteten den kalten Stahl, suchten nach irgendwelchen Lücken, während mein Blick an dem Rand der Tür hinunterglitt. Hier und da drangen schwache Lichtstrahlen hindurch, aber nichts war so groß, dass ich meine Finger hätte durchstecken können. Enttäuscht drückte ich meine Hände gegen die Tür und versuchte daran zu rütteln.

»Hilfe«, schrie ich dagegen, »Hilfe.« Natürlich würde mich niemand hören. Es war einfach nur meine Verzweiflung, die aus meinem Mund rief: »Hallo … Hilfe.« Meine Stimme versagte beim letzten Wort, während mir Tränen in die Augen stiegen. Ich sank an der Tür zusammen und meine Hände fuhren mir durch die Haare, beschmutzten sie, vermutlich auch mit Blut.

 

Den ganzen Tag verbrachte ich teils wach, teils in einem komischen Halbschlaf. Oft wusste ich nicht, ob ich bei Bewusstsein war oder nur die Augen zu hatte. Die Schwärze in diesem Raum war unerträglich. Mein Magen begann irgendwann ununterbrochen zu knurren und meine Lunge fühlte sich anls würde sie bei der kleinsten Bewegung zu Staub zerfallen, weil ich mir nicht mehr gönnte zu trinken. Irgendwann bekam ich Panik, dass ich ausbluten könnte, aber nur ein paar Stunden danach ließ die Blutung am Arm etwas nach. Ich war froh darüber, denn in meiner rechten Hand hatte sich von dem Versuch, den Schal die ganze Zeit auf der Wunde zu halten, ein Krampf gebildet. Mit nachlassender Blutung konnte ich ihn am Arm festbinden.

Erst, als das Licht von draußen schon lange wieder verschwunden war, schlief ich ein. Als sich meine Augen das nächste Mal öffneten, war es wieder hell. Ich versuchte erst gar nicht, irgendwas im Raum zu erkunden oder etwas zu suchen, das mich hätte befreien können, denn dazu hatte ich zu viel Angst, mich in die tiefere Schwärze des Bunkers zu begeben. Also verging der Tag, ohne dass ich mich viel bewegte. Ich lief manchmal kleine Kreise in dem  dunklen Raum, die nie so groß waren, dass ich irgendwo hätte gegenstoßen können, doch den Rest der Zeit saß ich einfach da, hatte die Augen geschlossen und sehnte mich nach etwas zu essen und zu trinken, nach Wärme und Geborgenheit, nach meinem Zuhause.

Ich befand mich gerade wieder in einem Zustand zwischen Schlaf und Wachheit - draußen war es wieder dunkel geworden und die kalte Luft drang zu mir durch -, da hörte ich ein Geräusch. Unüberlegt sprang ich auf die Füße. Mir hätte klar sein müssen, dass mich das nach zwei ganzen Tagen, in denen ich fast nur rumgesessen hatte, aus dem Gleichgewicht bringen würde. Ich schwankte stark und versuchte, irgendwo Halt zu finden, aber die Wand war zu weit weg, weshalb ich wieder hinfiel und mit dem Hintern auf den kalten Kieseln landete.

Draußen ertönte ein dumpfes Bellen und darauffolgendes Rascheln. Es hörte sich an, als würde etwas vor der Tür auf- und ablaufen. Eine Welle von Hoffnung überrannte mich, doch genau in dem Moment, in dem ich etwas rufen wollte - in dem ich um Hilfe bitten wollte -, fiel mir ein, dass es auch die Entführer sein könnten. Das war sogar noch viel wahrscheinlicher. Wie lange hatten wir gebraucht, um hierherzukommen? Welcher Wanderer würde so weit gehen, bis er diesen Bunker fand? Niemand. Ich befand mich mitten im tiefsten Wald, wo es nichts als wilde Tiere gab. Das Ding vor der Tür war bestimmt ein Wolf oder so etwas. Es hatte schließlich gebellt.

Wo musste ich sein, wenn es hier Wölfe gab? Unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück, danach noch einen, während ich daran dachte, irgendwo mal gelesen zu haben, dass Wölfe gar nicht bellen konnten. »Hallo?«, fragte ich unsicher. Meine Stimme war rau und mein Hals brannte, als ich sprach. Er forderte nach Wasser, das ich allerdings kaum noch hatte.

Das Rascheln verstummte, ehe erneut ein Bellen ertönte, das diesmal viel lauter war. Das Tier stand genau vor der Tür. Ich ging erneut einige Schritte zurück und nahm das schwarze Tuch ganz fest in die Hand.

»Anouk«, hörte ich die entfernte Stimme eines Mannes.

Mein Herzschlag beschleunigte sich um tausend Schläge pro Sekunde, so fühlte es sich an. Der Puls in meinen Ohren raste.

»Anouk«, ertönte die Stimme noch mal, diesmal klang sie wütend. Sie war nähergekommen.

Mit riesigen Augen starrte ich auf die Tür. Es schien nicht so, als wäre die Person dahinter einer der Entführer. Ihre Stimme klang jünger als die der Männer und soweit ich wusste, hatten sie keine Hunde dabeigehabt, die Anouk hießen. Aber … wie verrückt musste ein Mensch sein, um hier oben mitten im Wald spazieren zu gehen? Ein zwiegespaltenes Gefühl schlich sich in meinen Bauch.

Ich vernahm mehr Rascheln. Ein leises Winseln war zu hören. Es klang, als wären da mehrere Hunde. Ich hielt den Atem an und lauschte. Schritte ertönten, ein paar Blätter raschelten. Dann war alles still.

Ich fasste allen Mut zusammen, um meinen Mund aufzumachen: »Hallo? … Ich bin hier drin«, hauchte ich unsicher, so laut ich konnte.

Stille.

»Wer bist du?« Ich zuckte zusammen, als die Stimme direkt vor der Tür ertönte. Es war die Stimme eines jungen Mannes. Sie klang misstrauisch, alarmiert und völlig verwirrt. Ich schluckte mehrmals, während Hoffnung meinen Körper erfüllte.

»Ich wurde entführt. Sie haben mich hierhin gebracht«, erklärte ich fester. Vorsichtig machte ich einige Schritte auf die Tür zu.

Es blieb wieder einen Moment still. Ich hörte nur Rascheln, das von den Hunden zu kommen schien. »Okay, warte. Ich versuche, das Schloss zu knacken«, sagte der Mann dann, noch immer mit Misstrauen in der Stimme, aber wohl begreifend, dass ich die Wahrheit sagen musste. Es würde sich immerhin kein Mensch, der klar bei Verstand war, selbst hier einsperren.

Ich atmete tief ein und wieder aus. »Danke«, sagte ich leise. Innerlich schien etwas in mir zu explodieren, Glück sprühte aus allen Poren, besonders dann, als ich hörte, dass der Mann am Schloss herumhantierte.

Es waren zehn Sekunden, die ich zählte, bis ein lautes Knacken ertönte und die Tür einen Spalt breit nach außen aufsprang. So erleichtert ich in diesem Moment auch war, plötzlich war mir unwohl. Was musste das für ein Mensch sein, der um diese Zeit irgendwo im Wald herumlief? Das tat keine normale Person. War er vielleicht doch einer der Typen, die mich entführt hatten? Oder vielleicht ein Komplize, der nur auf mich aufpassen sollte? Doch warum befreite er mich dann?

Mit bebendem Herzen legte ich meine Hand an die Tür und schob sie etwas weiter auf. Es war ungewohnt, so viel Helligkeit zu sehen. Zwar war es Abend und fast komplett dunkel, aber der Mond spendete viel Licht, das durch die Bäume herunterfiel. Mein Blick wanderte an zwei Beinen hoch, die mit normalen, mit einigen Dreckflecken versehenen Jeans gekleidet waren. Danach registrierte ich eine dunkelgrüne Sweatshirt-Jacke, welche dick gefüttert und warm aussah. Langsam zog sich mein Blick noch höher, über den Hals hinweg zu einem Gesicht. Der Mann hatte ausgeprägte Kieferknochen, schmale Lippen, welche er zu einem misstrauischen Strich gezogen hatte, und seine schwarzen Haare hingen ihm halb in die Stirn. Sie sahen unordentlich aus. Braungrüne Augen blickten mich teils neugierig, teils unsicher an. Er hatte relativ dunkle Haut, jedenfalls dunkler als ich, und ich erkannte einige kleine Narben, wo die Haut heller war. Trotz dieser Male schien er gar nicht alt zu sein. Ich schätzte ihn auf höchstens fünfundzwanzig, wahrscheinlich eher jünger.

Meine Aufmerksamkeit wurde auf eine Bewegung am Rande meines Sichtfeldes gelenkt. Dort standen drei Hunde. Ein braungrauer, sehr großer Hund mit langem Fell und spitzen Ohren. Erst beim zweiten Hinsehen fiel mir die Rasse ein: Er musste ein Husky sein. Seine braunen Augen fixierten mich neugierig. Neben ihm stand ein schwarzer Hund, der einen weißen Stern auf der Stirn hatte und sonst nur an der Brust und an drei seiner Pfoten mit weißem Fell gekleidet war. Er war etwas kleiner als der Husky, sein Fell sah seidiger aus und schien weniger borstig zu sein. Mir kam diese Art von Hund bekannt vor, aber ich wusste nicht, wie die Rasse hieß.

Etwas hinter den beiden sah mich ein dritter Hund neugierig an. Er hatte grauweißes Fell, mit einem Mix aus braun und irgendwie eine auffällige Fellzeichnung, die sich in Streifen - wie die eines Streifenhörnchens - über den Rücken, bis zum Schwanz zog. Irgendwie hatte er etwas Wölfisches an sich, andererseits sah er aber auch aus wie ein normaler Husky, so wie der andere Hund auch. Die schokobraunen Augen sahen mich an und er streckte die Nase neugierig in meine Richtung, um meinen Geruch aufzufangen. Der Hund, dessen Rasse ich nicht kannte, kam ein paar Schritte auf mich zu, er streckte die Nase vor. Ich zuckte mit der Hand zurück, bevor er sie berühren konnte.

»Wer bist du?«, fragte der Junge im selben Moment nochmal die Frage, die er mir schon mal gestellt hatte. Seine Stimme entsprach seinem Aussehen: jung, misstrauisch und irgendwie ganz schön.

Ich schluckte und sah unsicher zu ihm. »Liliane«, antwortete ich.

»Und du wurdest entführt?« Seine Augen musterten mich genau. Er beobachtete jede meiner Bewegungen, als könnte er mich dadurch studieren und herausfinden, wer ich war. Misstrauen lag zwischen ihm und mir. Es war beinahe greifbar.

»Ja«, antwortete ich und versuchte meine feste Stimme zu halten.

»Warum?« Sein Blick wich für eine Sekunde zu den Hunden, dann wieder zu mir.

Ich öffnete den Mund, um zu antworten, zögerte dann aber. Konnte ich ihm überhaupt vertrauen? Wieso sollte ich ihm das erzählen? Was, wenn er auch ein Krimineller war? Vielleicht war er ein Feind von meinen Entführern und würde mich wieder als Geisel nehmen, damit sie … Nein Lily, wo denkst du hin?, unterbrach ich mich selbst. Richtig war jedoch, dass ich nicht wusste, ob ich ihm trauen konnte.

Ich schloss meinen Mund und sah ihn an. Er blickte erst nur zurück, bis er zu verstehen schien. Seine Miene veränderte sich, doch ich konnte nicht deuten, was sie jetzt ausdrückte. Wieder blickte er kurz zu den Hunden, dann entdeckte er meinen linken Arm, der von meinem Schal umwickelt war. Ich wusste nicht, wie es aussah, da ich alles im Dunkeln konstruiert hatte, aber anscheinend musste allein der Schal Bände sprechen.

»Du bist verletzt«, stellte der Junge fest.

Ich nickte. Meine Hand wanderte unwillkürlich an meinem Rücken hoch. Nicht weit, da fühlte ich nicht mehr den Pulli, sondern nackte Haut. Meine Finger ertasteten etwas Nasses. Als ich sie mir ansah, klebte Blut daran. Der Junge sah es auch.

Sein Blick schien in der Ferne zu versinken. Ich erkannte, wie er abzuwägen versuchte, was er tun sollte. »Du verarschst mich nicht, oder? Du bist nur ein Mädchen, das entführt wurde und du hast keine krummen Dinger gedreht oder so?«, fragte er dann und blickte mich im gleichen Moment wieder an.

Ich runzelte die Stirn, obwohl ich das nicht wollte. Seine Frage verwirrte mich. »Nein … ja und nein«, erwiderte ich leise, in dem Versuch, all seine Fragen richtig zu beantworten.

Der Junge sah mich noch eine Weile an, dann blickte er zu den Hunden, als bräuchte er eine Bestätigung seiner Gedanken. »Komm mit«, kommandierte er dann, als er mich wieder ansah.

Er machte einige Schritte nach hinten und drehte sich daraufhin um. Ich sah ihm ungläubig nach, als er weiter über den Moosboden des Waldes lief. Die Hunde sprangen ihm hinterher, schienen froh zu sein, wieder in Bewegung kommen zu dürfen. Nur eine Sekunde lang wägte ich ab, was meine Alternative wäre, aber da war keine. Würde ich nicht mit ihm gehen, würde ich mich früher oder später im Wald verirren oder vorher noch in die Arme der Entführer laufen. Ich kannte diesen Jungen nicht und natürlich wusste ich nicht, ob ich ihm vertrauen konnte, aber in diesem Moment war alles besser, als noch mal in das schwarze Loch zu gehen. Also setzte ich meine Beine in Bewegung und folgte dem Fremden.

Kapitel 4

Der Wald wurde immer dunkler und machte mir dadurch Angst. Ein dunkler Wald, Bäume, die aussahen wie menschenfressende Monster, ein fremder Junge mit drei großen Hunden, der mich irgendwo hinführte – das alles wirkte wie ein Horrorfilm, in dem ich plötzlich die Hauptrolle spielte. Woher wusste ich, dass ich ihm vertrauen konnte? Ich wusste es nicht. Aber hier war kein anderer, dem ich mein Vertrauen schenken konnte.

Hier und da fielen Blätter vor mir herab, wie sich drehende Messer, die auf mich zurasten. Jedes Mal zuckte ich zusammen. Der Junge lief vor mir her; ebnete den Weg, dem ich folgte. Die Hunde sprangen vor ihm durch das Gebüsch.

»Ich bin übrigens Jaio«, sagte er und drehte seinen Kopf dabei halb zur Seite, damit ich es besser verstehen konnte.

Ich beobachtete seinen Rücken und seine Beine. Im gleichmäßigen Takt und einem angemessenen Tempo suchte er sich seinen Weg über den Waldboden. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, denn meinen Namen kannte er ja schon.

Es ging eine Weile auf und ab. Der Wind zischte an meinem Rücken vorbei und bescherte ihm eine angenehme Kühle und schmerzhafte Hiebe zugleich. Ich hielt mit der rechten Hand meinen Schal auf die Wunde gedrückt. Sie brannte. Die Bewegung ließ sie schmerzen und unangenehm kribbeln. Mein Kopf war leer, ich dachte an nichts, achtete nur darauf, meine Füße richtig zu setzen. Dabei gab es so viel, was es wert wäre, darüber nachzudenken, aber ich war froh für die Leere, denn die letzten zwei Tage hatte sie mich nicht heimgesucht.

Vor Jaio machte sich irgendwann eine Lichtung auf, von der aus ich freien Blick auf ein Loch hatte, das sich mitten in einer Felswand befand. Diese war nicht hoch – vielleicht drei oder vier Meter -, aber sie machte bei Nacht einen gespenstischen Eindruck. Die Felsen waren bedeckt von Laub und Moos. Wie ein Trichter öffnete sich im Gestein eine Höhle, sodass ich freien Blick auf das Innere hatte. Freien Blick auf eine von dicken Steinen umgebene Feuerstelle in der Mitte der Einkerbung, und auf einen riesigen Stapel gespaltener Hölzer, die an der Rückwand aufgereiht waren. Darauf lagen mehrere Sachen. Der Schatten des Feuers, in dem nur noch die Glut schimmerte, machte es mir nicht möglich, zu erkennen, was es alles war. Die Wände der Höhle waren glatt, hatten aber einige komische Wölbungen, hinter die ich von meiner Position aus nicht sehen konnte. An einer Stelle weiter vorne war etwas am oberen Fels befestigt, das wie eine Plane aussah. Sie war zurückgebunden, weshalb ich davon ausging, dass sie als Schutz fungierte, wenn das Wetter schlechter wurde. Hier und da lag etwas an die Wand gerückt. Ich erkannte Decken und Polster, kofferartige Behälter und matratzenähnliche Liegekissen.

Mit riesigen Augen starrte ich das alles an. Durch die schimmernde Feuerglut wurde alles in ein gespenstisches Licht getaucht, was einerseits eine beeindruckende Atmosphäre entfachte und mir andererseits misstrauische Angst einjagte. Ich verlangsamte meine Schritte, um noch mehr aufnehmen zu können, während der große Husky den Höhleneingang erreichte. Der andere rannte in den Wald hinein und der dritte Hund jagte ihm hinterher. Jaio beeindruckte das nicht. Er lief unbeirrt weiter zum großen Eingang der offenen Höhle.

Langsamen Schrittes folgte ich ihm und beobachtete gespannt, wie er an der komischen Matratze zog, woraufhin sie sich in zwei Teile spaltete. Jetzt, wo ich näher war, konnte ich erkennen, dass sie nur aufeinander gelegen hatten. Sie bestanden aus zwei Wolldecken, die zusammengenäht und mit weichem Inhalt gefüllt worden waren. Es raschelte, als Jaio die eine von der anderen runterzog und sie schwungvoll quer zum Feuer manövrierte. Ich sah mich skeptisch und beeindruckt um, als ich von dem weichen Waldboden auf steinernen Untergrund trat und damit unter dem Dach stand. Die Plane hing jetzt genau über mir. Oberhalb des Feuers befand sich eine Öffnung in der Decke, die trichterförmig kleiner wurde. Ihr Ende schien sich zu biegen, wie ein Gang, der sich durch das Gestein schlängelte. Ich nahm an, dass er nach oben offen war, damit der Rauch des Feuers in die Nacht verschwinden konnte.

Meine Aufmerksamkeit wurde auf Jaio gelenkt, welcher den Deckel einer hölzernen Kiste öffnete. Mit schnellen Handgriffen räumte er einiges an die Seite und griff sich eine kleine rote Tasche, auf der ich ein weißes Kreuz erkannte.

»Wer wohnt hier?«, fragte ich atemlos. Mir war sofort klar, dass das hier nicht nur ein Lager für irgendwelche Sachen war. Auf einer anderen Kiste an der rechten Wand der Höhle lagen Messer und komische Bretter, die Teller ähnelten; die Matratzen wirkten nicht unbenutzt und die Einrichtung der Höhle erinnerte an einen langjährigen Campingausflug.

Jaio kam aus der Hocke hoch, die Tasche mit den Medikamenten in der Hand haltend. Sein Blick wanderte prüfend über mich, bevor er den Mund zum Antworten öffnete: »Ich.«

Ich sah ihn unschlüssig an. »Und warum sind dann da zwei Matratzen?«, fragte ich. Ich wagte keinen weiteren Schritt in die Höhle hinein.

Er folgte meiner Andeutung zu der zweiten Matratze. »Ein Freund«, antwortete er knapp.

Ich öffnete den Mund und atmete tief ein. Von einem auf den anderen Moment war meine Angst weg und ich war wieder die alte Lily. »Okay«, sagte ich feststellend und versuchte mich zu beherrschen, um nicht auszurasten, »ihr seid also zwei Buschjungs, die hier mit einem Haufen Hunde mitten im tiefsten Wald wohnen und ein schönes Leben führen? Oder seid ihr irgendwelche Massenmörder, die nicht von der Polizei gefunden werden wollen?« Ich sah ihn anklagend an. Meine Vorstellung von Verbrechern auf der Flucht hatte etwas anders ausgesehen, aber warum konnte sie nicht auch so sein?

»Nein«, erwiderte er ruhig, »wir leben nur hier. Wir haben unsere Gründe dafür, aber wir sind keine Mörder und keine Verbrecher.« Die Ruhe, mit der er das sagte, ließ es mich sogar glauben. Er machte eine lange Pause, in der er mich beharrlich betrachtete. »Und jetzt komm her. Du blutest nämlich ganz schön stark.«

Ich sah ihn noch eine Weile an, studierte die braungrünen Augen, die vom Feuer unheimlich beschienen wurden. Jaio hatte ein hübsches Gesicht, aber ich ließ mich davon nicht täuschen. Langsam schwankte mein Blick zu dem Hund, der sich friedlich in eine Ecke gelegt hatte. Er beachtete mich nicht, weshalb ich es wagte, ein paar Schritte in die Höhle reinzugehen. Der Junge blickte mir erwartend entgegen, also lief ich an dem Feuer vorbei. Die Wärme, die von dort auf mich zu drang, war beruhigend und am liebsten wäre ich daneben stehengeblieben, um meine Hände zur Hitze auszustrecken, aber Jaio deutete mir an, mich auf eine der Matratzen zu setzen. Ich sah ihm kurz in die Augen und bedeutete ihm mit einem Blick, dass ich ihm nicht vertraute.

Ach egal. Meine Lage ist so oder so beschissen, also was soll’s?, dachte ich mir dann und setzte mich. Er ließ sich links von mir nieder.

»Darf ich?«, fragte er und stoppte mit seinen Fingern vor meinem Schal, der immer noch von meiner Hand an den Arm gedrückt wurde.

Als Antwort löste ich langsam jeden Finger und legte die Hand in meinen Schoß. Der Schal hielt trotzdem. Ich spürte jetzt neben der sich lösenden Anspannung, dass die Blutung wieder zugenommen hatte, seit wir uns auf den Weg hierher gemacht hatten. Jaio band den Schal vorsichtig los und zog ihn ab, was ein schmerzendes Ziehen verursachte. Ich verzog wimmernd das Gesicht, als ein paar Fasern des Stoffes an dem zerschnittenen Fleisch hängenblieben und er sie vorsichtig abreißen musste. Danach zog er den Ärmel meines Pullis hoch und krempelte ihn vorsichtig über die Wunde hinweg, bis ganz nach oben unter meine Achseln. Ich traute mich gar nicht hinzusehen.

Jaio nahm sich eine Schale, die neben der Kiste stand. Ich biss mir auf die Unterlippe, um ein weiteres Wimmern zu unterdrücken, als er begann, die Wunde zu säubern. Dass er mich dabei die ganze Zeit berührte, war mir in diesem Moment gar nicht richtig bewusst, denn es war weder unangenehm, noch besonders angenehm. Einfach eine neutrale Berührung, die versuchte, meinen Schmerz zu bekämpfen. Nach der Säuberung kramte er in der Erste-Hilfe-Tasche rum und holte ein kleines Fläschchen raus, dessen Inhalt er auf die Wunde sprühte. Es brannte, aber nicht sehr lange. Zuletzt nahm er einen Verband heraus und wickelte ihn um meinen Arm, dann zog er den Ärmel wieder runter, sodass es äußerlich beinahe den Eindruck machte, als wäre nie was geschehen; wäre da nicht der ungeheuerliche Blutfleck auf meinem zerrissenen Pullover.

»Mein Rücken«, murmelte ich. Ich konnte deutlich das Ziehen daran spüren. Dort musste mein Pullover ebenfalls kaputt sein.

Jaio beugte sich nach hinten und warf einen Blick darauf. Er zog scharf die Luft ein, als er es sah.

»Es sieht schlimm aus, oder?«, fragte ich. Innerlich wunderte ich mich darüber, dass meine Skepsis ihm gegenüber plötzlich komplett verschwunden war.

»Ich glaube, den Pulli kannst du wegschmeißen«, meinte er. Es reichte mir als Antwort. Seine Hände legten sich auf meine Schultern und er drehte mich leicht zur Seite, bis ich mich selbst bewegte und mich schräg zu ihm hinsetzte, damit er an meinen Rücken kam. Seine Finger glitten über den Rand des Loches im Pulli. »Kannst du den vielleicht ausziehen?«

Ich überlegte nur einen Moment, bis mir auffiel, dass Peinlichkeit in dieser Situation unnötig war. Außerdem trug ich unter dem Pulli immer noch einen BH, also legte ich die Finger unter den Saum des Pullovers und zog ihn hoch. Es schmerzte am Rücken, als ich ihn auszog, und auch an meinem Arm, als er über die Wunde glitt, aber dann hatte ich ihn aus und Kälte löste das Gefühl des Schmerzes ab. Ich biss die Zähne zusammen. Jaio nahm sich wieder das Tuch und säuberte alles mit desinfektiösem Mittel. Meine Muskeln zogen sich unwillkürlich zusammen, eher wegen des Schmerzes als wegen der Kälte, aber beides war unangenehm. Er tat das Gleiche wie mit der Wunde am Arm, nur dass er keinen Verband darum wickelte.

»Noch irgendwas?«, fragte er, während er das Tuch in die Schale warf.

»Ich glaube nicht … danke«, erwiderte ich leise, während ich mich gerade drehte und ihn ansah.

Er packte alle Sachen in die Tasche und warf sie anschließend in die Kiste zurück. Währenddessen kam der schwarze Hund von eben wieder in die Höhle. Er trottete gelassen am Feuer vorbei und setzte sich hechelnd genau neben Jaio. Dieser legte seine Hand auf seinen Kopf und kraulte ihn hinter den Ohren, während sein Blick nachdenklich ins Feuer glitt.

»Erzählst du mir jetzt, warum du entführt wurdest? Und von wem?«, fragte er ohne aufzusehen. Es schien, als wollte er mir keine Angst machen.

Meine Augen folgten den Konturen des Hundes, während ich über eine Antwort nachdachte. Ich wusste, dass ich es ihm sagen würde, denn er hatte mich verarztet; allein deswegen war ich ihm eine Erklärung schuldig. Selbst wenn er in einem Wald lebte und allein dadurch schon komisch war. »Ein Geschäftspartner meines Vaters und andere Männer. Aber die habe ich nicht erkannt. Ich nehme an, es geht um Lösegeld«, murmelte ich in knappen Worten.

Jetzt sahen mich Jaios braungrüne Augen an. »Du hast den Mann ohne Maskierung gesehen?«

Ich nickte. Mir war klar, dass er wusste, was das bedeutete. »Ich weiß, was das heißt: Sie hätten mich umgebracht. Vielleicht die nächsten Tage, vielleicht erst in einer Woche. Ich weiß es nicht.« Ich erwiderte seinen Blick ungescheut; wollte ihn von etwas überzeugen, von dem ich nicht wusste, was es war.

»Wie lange warst du da drin?« Ich erkannte in seinem Gesicht, wie er versuchte, sich ein Bild von der Lage zu machen.

»Ich glaube, zwei Tage«, antwortete ich, obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass es stimmte. Mein Blick glitt zum Höhleneingang, wo der dritte Hund erschien. Hechelnd kam er in die Höhle, schüttelte Blätter vom Fell und lief dann in eine hintere Ecke. Ich konnte nicht erkennen, was er tat, aber es hörte sich an, als würde er trinken. Plötzlich fiel mir auf, dass der Freund, von dem Jaio gesprochen hatte, gar nicht hier war. Wo war er?

»Kann es auch um etwas anderes als Lösegeld gehen?«, fragte der Junge neben mir, unbeeindruckt von dem zurückgekehrten Hund.

Ich runzelte die Stirn. Darüber brauchte ich gar nicht nachdenken. »Nein.« Entschlossenheit legte sich in meine Stimme.

»Wie alt bist du?«, fragte er weiter.

»Fast achtzehn.« Ich bestand seit meinem siebzehnten Geburtstag auf das fast achtzehn, obwohl es albern war, dass ich es auch hier tat.

Mein Blick glitt ins Feuer, beobachtete die verschiedenen Farben der Glut, die sich umeinander schlängelten wie Fäden, die im Wind wehten. Ich rückte etwas nach vorne, um näher daran zu sein und mehr Wärme abzubekommen. Daraufhin sah sich Jaio um und streckte sich nach hinten. Er holte eine braune Wolldecke hervor und hielt sie mir hin. Ich zögerte einen Moment, ehe ich sie mir um den Rücken legte. Es schmerzte, als der Stoff auf die aufgeschürften Stellen traf, aber ich achtete nicht darauf. Es war ein zu schönes Gefühl, die Decke um meinen Körper ziehen zu können und endlich wieder irgendwas Weiches zu spüren.

»Wo ist dein Freund?«, fragte ich.

Jaio antwortete nicht sofort. »Unterwegs«, sagte er dann abweisend.

Sein Ton ließ keine Chance zu weiteren Fragen, aber sowas hatte mich noch nie gestört. »Kommt er heute noch wieder?«

»Möglich. Kann auch sein, dass er erst morgen kommt«, erwiderte er.

Seine Hand streichelte ohne Unterbrechung den Hund, der sich jetzt hinlegte und seine Pfoten ausstreckte. Ich zuckte mit den Füßen zurück, als sie meine Schuhe berührten. »Vor dem brauchst du keine Angst zu haben«, sagte Jaio, der meine Reaktion bemerkt hatte.

Ich beobachtete den Hund, ohne auf seine Worte einzugehen. Er zuckte plötzlich mit den Ohren und hob den Kopf wieder an. Wachsam sah er in den schwarzen Wald hinein. Ich folgte seinem Blick, aber erst nach Sekunden erkannte ich, dass dort etwas auf uns zukam. Ein großer dunkler Hund rückte hechelnd aus dem Wald vor.

»Vor dem solltest du dich eher in Acht nehmen«, drang Jaios Stimme gedämpft zu mir.

Ich betrachtete misstrauisch den Hund, der jetzt in die Höhle trat. Er hatte schwarzes, recht langes Fell mit einigen helleren Sprenkeln. Schon allein das ließ ihn unheimlich und böse aussehen. Die hellen, fast gelben Augen machten dieses Image nicht besser. Er war genauso groß wie der Hund, der schon die ganze Zeit schräg hinter uns an der Wand lag und auch er musste ein Husky sein, aber er hatte noch etwas viel Wilderes an sich als die anderen drei Hunde.

Der Husky mit der auffälligen Fellzeichnung kam auf den Großen zugelaufen. Er begrüßte ihn freundlich und lief dann zum Höhleneingang. Mit gespitzten Ohren setzte er sich dorthin und wartete. Diesmal wusste ich, was kam, als ein erneutes Knacken ertönte. Zwei weitere Hunde sprangen schwanzwedelnd und hechelnd auf uns zu. Der eine war ebenfalls ein Husky, allerdings hatte er vielmehr einen faulen Beethoven-Verschnitt. Der andere musste ein Schäferhund sein. Nicht unbedingt reinrassig, aber der schwarze Rücken und die hellbraunen Beine stimmten dafür. An der Schnauze hatte er schon einige graue Haare, was ihn gebrechlich aussehen ließ.

Sie kamen zur Höhle, schienen alle anderen Hunde zu begrüßen. Der Husky kam zu Jaio und leckte ihm freudig über die Hand, bevor er zu bemerken schien, dass ein fremder Mensch in seinem Zuhause saß. Ein kurzes Bluffen entfuhr ihm, dann wedelte er mit dem Schwanz.

Ich starrte ihn mit großen Augen an. Irgendwie war ich ganz fasziniert von diesen Hunden. Es war ja nicht so, als hätte ich noch nie welche gesehen, aber echten Kontakt hatte ich zu keinem. Vorsichtig streckte ich meine rechte Hand zu ihm hin, mit der Handfläche nach oben, sodass er daran schnuppern konnte. Dabei rutschte die wärmende Decke von meiner Schulter und legte meinen Oberkörper frei.

Etwas fiel mit einem dumpfen Aufprall auf den Boden. »Was ist das denn?«, drang eine laute Stimme zu uns durch.

Ich blickte erschrocken zum Höhleneingang. Da stand ein junger Mann. Er musste das Alter von Jaio haben. Seine braunen Haare standen leicht nach oben ab und schienen zerzaust zu sein. In dem Dämmerlicht des Feuers konnte ich grünblaue Augen erkennen, die sich vorwurfsvoll auf Jaio und mich richteten. Eine geradlinige Narbe direkt über der linken Augenbraue verlieh dem sauren Gesicht eine aggressive Note. Etwas in seinem Blick löste ein unangenehmes Gefühl in meinem Magen aus, das mir durch Mak und Bein ging.

»Kannst du deine Mädchen jetzt nicht mal mehr in der Stadt lassen?«, fuhr er Jaio an. Seine Stimme war tief und hatte einen ungewöhnlichen Wiedererkennungswert.

»Was?«, entfuhr es Jaio. »Nein, das-«

Der andere Junge ließ ihn nicht ausreden. Er kam wütend stapfend auf das Feuer zu. »Könntest du mir bitte erklären, was hier los ist? Warum sitzt da ein Mädchen? Und warum sieht sie aus wie ’ne Hexe?« Er zeigte vorwurfsvoll auf mich.

Ich brauchte nur ganz kurz, um zu verstehen, was er mit seinen Worten meinte. »Hey, das ist verwischte Schminke, ja? Und glaubst du, so sieht ein Mädchen aus, das er in der Stadt abschleppt?«, fuhr ich ihn an.

Der Junge schaute mich finster an, wobei seine Augen gefährlich aufblitzten. Ich starrte nur wütend zurück, obwohl mir sein Blick Angst einjagte. Ein unangenehmer Schauer lief mir über den Rücken und wieder bekam ich dieses komische Gefühl im Bauch.

»Wow. Schön, dass ihr euch so toll versteht«, sagte Jaio in genervtem Tonfall, »Liliane, das ist Aiden. Aiden, Liliane.«

»Lily«, korrigierte ich mit fester Stimme. Ich hasste es, wenn mich jemand Liliane nannte. Das tat mein Vater immer dann, wenn er sauer auf mich war. Meine Mutter nannte mich dann sogar bei meinem kompletten Namen: Liliane Jane Keezar. Wenn ich so gerufen wurde, wusste ich gleich, dass ich Ärger bekommen würde, daher war mir Lily lieber.

»Freut mich, ehrlich gesagt, überhaupt nicht. Was soll das hier?«, sagte Aiden bitter. Er biss die Zähne aufeinander.

»Gleichfalls«, entgegnete ich giftig.

Jaio seufzte. »Der alte Bunker, westlich von hier«, sagte er und wartete ab, bis Aiden ihm mit einem knappen Nicken bestätigte, dass er wusste, wovon er sprach. »Ich war im Wald, Anouk ist plötzlich losgerannt. Die Hunde haben sich komisch verhalten, deshalb bin ich hinterher. Beim Bunker hab‘ ich sie getroffen«, er deutete mit einem Kopfnicken auf mich. »Besser gesagt im Bunker. Ich hab‘ sie da rausgeholt.«

»Und du hattest nichts Besseres zu tun, als sie mit hierhin zu nehmen?«, fragte Aiden wütend.

»Hätte ich sie dalassen sollen? Sie wurde entführt und eingeschlossen. Außerdem war sie verletzt«, erwiderte Jaio gelassen.

Aiden biss wieder die Zähne aufeinander. Ich sah, wie er seine Muskeln an- und entspannte. Immer im Wechsel. Ich wollte etwas sagen, aber ich wusste nicht was, deswegen sah ich Aiden nur böse an und wartete auf eine Antwort, von der ich nicht wusste, was sie für mich bedeuten würde. Sein Blick schwankte wiederrum zwischen Jaio und mir. Jedes Mal, wenn er mich erreichte, wirkten seine Augen feindselig, was wieder und wieder einen kalten Schauer über meinen Rücken jagte. Es war unangenehm.

Der Hund, der an meiner Hand geschnuppert hatte, trottete jetzt an mir vorbei und legte sich auf die zweite Matratze, die nicht von mir und Jaio besetzt war. »Male«, fuhr Aiden ihn an, »runter da.«

Sofort war Male wieder unten, legte sich aber demonstrativ davor und richtete seine Augen auf Aiden. Dieser ging dorthin, wo er den vollgestopften Rucksack fallengelassen hatte, hob ihn auf und schmiss ihn auf die Matratze, knapp an Male vorbei. Es sah so aus, als wollte er sich setzen, vorher öffnete er aber die Kiste, die auch Jaio aufgemacht hatte, um die Medikamente zu finden, und kramte darin herum. Ich betrachtete unschlüssig, wie er eine Wasserflasche herauszog und lange Schlucke daraus nahm. Erst, als ich sah, wie er gierig trank, bemerkte ich meinen eigenen Durst und Hunger wieder. Ich hatte seit zwei Tagen nichts mehr gegessen, aber auch trinken war viel zu kurz gekommen. Unwillkürlich knurrte mein Magen.

Aiden schloss die Flasche. Er wollte sie gerade zurücktun, da überwand ich mich zu fragen: »Kann ich auch was trinken?«

Sein Blick flog zu mir. Ich sah, wie er abschätze, ob er mir wirklich was geben sollte, denn sein Blick in die Kiste war prüfend, ob nicht noch eine zweite Flasche drin war. Anscheinend war dort keine, denn er warf mir die Flasche zu und wandte sich schnaubend ab. Ich fing sie mit einer Hand auf, während ich mit der anderen die Decke enger um meinen Oberkörper zog. Den Drang unterdrückend, die Öffnung mit irgendwas abzuputzen, nachdem ich den Deckel abgeschraubt hatte, führte ich sie so langsam es ging an meinen Mund. Dann konnte ich mich jedoch nicht mehr zurückhalten, sodass ich die Flasche gierig austrank.

Jaio stand auf, während sich Aiden auf die andere Matratze setzte. »Wir haben hier also ein entführtes Mädchen«, sagte er beiläufig, aber mit saurem Unterton.

Ich drehte den Deckel wieder auf die leere Flasche und sah mich um. Gekonnt warf ich sie in die noch immer offenstehende Kiste und blickte zu Jaio hoch. Er fing meinen Blick auf. »Ja«, antwortete er erst Aiden, ehe er fragte: »Willst du noch was?«

Ich biss mir auf die Unterlippe und nickte leicht. Er ging in die hintere Ecke und nahm eine Flasche, die dort auf den Holzstapel lag. Zusammen mit ihr und einigen Stücken Holz kam er zurück. Ich nahm ihm die Flasche vorsichtig ab und beobachtete, wie er das Holz ins Feuer warf. Der schwarze Hund lief dabei hinter ihm her, entschied sich dann jedoch, dass er sich genauso gut neben den anderen Fellknäul legen konnte, der schon die ganze Zeit im hinteren Teil der Höhle döste.

»Geht’s um Lösegeld?«, fragte Aiden. Ich war mir nicht sicher, ob er seine Fragen an mich oder Jaio richtete.

Jaio antwortete eh schneller als ich: »Ja, wahrscheinlich.«

»Reiche Familie?«, fragte er. Ich glaubte, jetzt hatte er wirklich mich gemeint, obwohl er noch immer ins Feuer starrte.

»Mh«, murmelte ich bestätigend, ehe ich die geöffnete Flasche an den Mund führte und trank. Erneut ließ ich keinen Schluck darin, ehe ich sie zuschraubte und sie vor meinen Füße auf den Boden stellte. Mein Hunger war zwar immer noch nicht gestillt, aber in Anwesenheit des böse dreinschauenden Jungen wollte ich Jaio nicht nach etwas zu Essen fragen. Außerdem hatte das viele Wasser meinen Magen erst mal gefüllt.

Darf ich Zuhause anrufen?, hätte ich nun fragen sollen, oder: Können wir die Polizei benachrichtigen? Irgendwelche logischen Fragen wären mir schon eingefallen, doch als ich meinen Blick auf die Matratze hinab senkte, fühlte ich mich plötzlich ganz schwer und ausgelaugt. Die weiche Unterlage war verlockend. Außerdem war mir immer noch kalt und etwas mehr Wärme würde ich dadurch bestimmt auch bekommen.

Langsam sank ich tiefer, bis ich irgendwann lag. Es war mir unangenehm, dabei von den beiden Jungs beobachtet zu werden, die ich keine Stunde lang kannte, aber mein Körper wurde von unsichtbaren Fäden hinabgezogen. Mit einer Hand breitete ich die Decke schwerfällig über meinen Beinen aus. Ich hörte, wie noch irgendwer was sagte, aber ich konnte nicht verstehen, ob es Jaio oder Aiden war. Meine Augen starrten ins Feuer, nahmen die Farben auf, ließen sie mit mir gleiten und immer dunkler werden. Ich fühlte, wie ich weg glitt, wie mein Sichtfeld immer kleiner wurde und ich langsam die Augen schloss. Es war unmöglich, sie noch aufzuhalten. Ich war einfach zu müde und hier war es so schön weich. Ich wiegte mich in Sicherheit, als ich ins Reich der Träume glitt.

Kapitel 5

In dieser Nacht träumte ich von einer Polizistin. Ich war diese Polizistin. Ich war gerade in einer Bank - aus Gründen, die ich in diesem Traum nicht erfuhr -, als drei Bankräuber hineinstürzten. Sie hatten schwarze Masken auf und bedrohten die Mitarbeiter und Kunden mit Waffen. Ich griff ein, konnte aber nicht verhindern, dass einer der Männer eine Frau schnappte und sie als Geisel nahm, sodass mir die Hände gebunden waren und ich nicht schießen konnte. Die Männer fuhren weg, ich jagte in meinem schnellen Auto hinterher. Noch während der Fahrt ließen sie die Frau aus dem Auto fallen. Sie schlug hart vor mir auf dem Boden auf. Danach war der Traum nur noch verschwommen, ein paar Bilder waren zu sehen, mehr nicht. Irgendwann hörte er auf und ich schlief traumlos weiter.

Das Nächste, was ich mitbekam, war eine Stimme. Ich konnte nicht alles verstehen, was sie sagte, nur die letzten Worte waren klar: »… ich gehe dann eben. Pass auf sie auf.«

Mit diesen Worten kamen all meine Erinnerungen zurück. Plötzlich war mir klar, dass ich nicht zu Hause in meinem Bett lag, sondern in einem Wald auf einer selbstgebastelten Matratze. Panik erfüllte mich, als ich mir der Worte bewusst wurde, die aus Jaios Mund gekommen waren. Er ließ mich alleine? Mit Aiden?

»Okay«, hörte ich diesen sagen.

Jaio rief drei Namen, die Hunden gehörten, und ich vernahm, dass er dabei schon weiter weg war, vielleicht schon gar nicht mehr in der Höhle. Noch mehr Panik entstand in mir, als mehrere Hunde an mir vorbeizischten. Er konnte mich doch nicht einfach mit Aiden alleinlassen. Aiden war … sauer auf mich. Er wollte nicht, dass ich hier war. Was für Gründe er auch immer hatte, derart wütend auf mich zu sein – es bereitete mir Unbehagen.

Ich traute mich nicht, mich zu bewegen oder irgendwas zu machen, das ihm zeigte, dass ich wach war. Vielleicht konnte ich ja warten, bis Jaio wiederkam, damit ich mich in Sicherheit wiegen konnte.

Irgendwo klapperte etwas in der Höhle, draußen schien ein ganzer Vogelchor zu hausen. Der Geruch von Feuer, Erde und Regen drang in meine Nase. Der Stoff, der über den Inhalt der Matratze gespannt war, kratzte etwas auf meiner nackten Haut, aber eines musste ich der Unterlage lassen: Sie war so bequem, dass ich gedacht hatte, in meinem eigenen Bett zu liegen. Ohne nachzudenken zog ich die Wolldecke enger um mich und drehte mich auf die Seite, da ich zuvor auf dem Rücken gelegen hatte. Erst danach fiel mir auf, dass ich nicht wollte, dass Aiden meinen wachen Zustand bemerkte. Ich unterdrückte den Drang, mir auf die Unterlippe zu beißen, um mich selbst für meine Dummheit zu bestrafen.

Vorsichtig öffnete ich die Augen einen Spalt, um zu sehen, wo sich Aiden befand. Stattdessen blickte ich zu meiner Überraschung direkt in das Gesicht eines Hundes. Ich zog die Luft scharf ein und schreckte zurück, wobei ich fast von der Matratze fiel. Der Hund begann mit dem Schwanz zu wedeln. Ich erkannte ihn als den Husky mit der auffälligen Fellzeichnung. Er streckte seine Nase zu mir rüber und schnüffelte neugierig.

Ich sah ihn einen Moment an, ehe ich meine Hand langsam zu ihm streckte. Er schnüffelte daran und leckte einmal darüber, was mir Mut gab, meine Finger vorsichtig über seinen Kopf gleiten zu lassen. Er drückte ihn in meine Handfläche, was für mich bedeutete, dass es ihm gefiel. Also kraulte ich ihn hinterm Ohr, wie Jaio es gestern bei dem anderen Hund gemacht hatte.

Erst nach einigen Sekunden sah ich auf, während meine Hand weiterkraulte. Doch sie stockte, als ich Aiden mir direkt gegenüber entdeckte. Er saß auf der anderen Seite des Feuers, das nur noch spärlich brannte, auf einer Kiste; die Ellbogen auf seine Knie gestützt und die Hände ineinander verschränkt, etwas vorgebeugt. Seine Augen lagen auf mir. Er musste mich schon die ganze Zeit beobachten. Sein Blaugrün veränderte sich erst nach einer Weile in den Blick, den ich von gestern kannte. Er wurde zu dem Killerblick, der mir einen Schauer über den Rücken jagte.

Ich schluckte einmal, legte mich anders hin

Impressum

Verlag: Elaria

Texte: Alle Rechte liegen bei der Autorin © Ela Maus.
Cover: © Giusy Ame / Magicalcover.de, Bildquelle: Depositphoto
Lektorat/Korrektorat: Angela Wolf
Tag der Veröffentlichung: 29.07.2012
ISBN: 978-3-96465-008-5

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Chased ist für meine Eltern.

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