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Ärger im Kinderheim



„Mach’ dass du hier raus kommst. Mit deinen dreckigen Pfoten hast du in der Küche nichts zu suchen!“
Es war selten, dass Schwester Hildegard schimpfte. Sie meinte es auch nicht so böse, wie es geklungen haben mag, denn sie liebte „ihre“ Kinder.
Gerade war sie dabei Plätzchen für die ganze Gruppe zu backen. An ihren Fingern klebte zentimeterdick der Teig. So, war ihr Tobias im Wege. Er wird sich noch eine Weile gedulden müssen, bis sie wieder Zeit für ihn hatte.
„Was machst du da?“, fragte der Junge neugierig und kam näher, anstatt den Raum zu verlassen.
„Siehst du das nicht? Ich backe Plätzchen. Tut mir leid mein Kleiner, aber jetzt kann ich dich wirklich nicht gebrauchen.“
„Ich möchte aber bei dir bleiben, die anderen sind alle so blöd zu mir.“
Mit tiefem Seufzer gab Schwester Hildegard nach. Sie brachte es einfach nicht übers Herz, den Jungen abzuweisen.
„Dann wasch dir wenigstens gründlich die Hände. Wir wollen die Plätzchen doch mit Genuss essen. Das geht aber nicht, wenn Sand zwischen unseren Zähnen knirscht.“
Bereitwillig ging Tobias zur Spüle und ließ Wasser über seine Finger laufen.
In der Zwischenzeit hatte sich Schwester Hildegard den Teig von ihren Fingern gekratzt und mit Mehl sauber gerieben.
„Nein Tobias, dieses Mal verwenden wir keine Seife. Oder magst du Plätzchen, die nach Seife schmecken? Schau mal, es geht auch so.“
Hildegard war hinter den Jungen getreten und zeigte ihm, wie er sich die Hände waschen sollte.
„Siehst du, jetzt sind sie ganz sauber, so kannst du mir helfen.“
„Darf ich das wirklich?“, fragte der Junge erfreut.
„Na klar und während wir zusammen arbeiten, kannst du mir erzählen, warum die anderen Kinder so blöd zu dir sind.“
„Ich weiß nicht, sie lassen mich einfach nicht mitspielen. Immer, wenn ich zu ihnen gehe, jagen sie mich weg. Hau ab du Blödmann, dich können wir hier nicht gebrauchen, schimpfen sie. Dann strecken sie mir die Zunge raus und lachen mich aus.“
„Ist da einer dabei, der sich besonders hervortut und die anderen mitreißt?“, wollte Hildegard wissen, „oder sind alle genauso gemein zu dir?“
„Nein, - das heißt ja, - ach ich weiß auch nicht. Immer fängt der Karl an. Er kann mich nicht leiden. Doch weil er hier das große Sagen hat, machen die anderen auch mit.“
„So, hat er das, das große Sagen?“
Nachdenklich wiegte Hildegard ihren Kopf.
„Dann werden wir dafür sorgen müssen, dass er dich leiden kann. Es ist immer gut, wenn man sich mit dem Anführer einer Gruppe verträgt. Merk dir das für dein ganzes Leben. Immer wirst du Leuten begegnen, mit denen du auskommen musst und oft genug ist das gar nicht so einfach, wie es den Anschein macht.“
„Hattest du früher auch Ärger, als du klein warst?“, wollte Tobias wissen.
„Na klar, bei mir war das kein bisschen anders, als bei dir.“
„Gab es auch einen Anführer, der dich nicht leiden konnte?“
„Eine Anführerin. So ein richtiges Biest. Ich habe sie gehasst.“
„Und?“
„Nix und. Heute sind wir die besten Freundinnen.“
„Wie hast du das geschafft? Ich hätte auch gerne, dass Karl mein Freund wird.“
„Es hilft dir nicht, wenn ich von meinen früheren Erlebnissen berichte. Früher, das ist Vergangenheit. Du lebst jetzt. Hier und heute hast du ein Problem, dass es zu lösen gilt.“
„Kannst du mir irgendwie dabei helfen?“
„Ich will‘s versuchen. - Also. Vor allem und das finde ich ganz, ganz wichtig, laufe niemals dem Karl hinterher. Zeige ihm, dass du auch ohne ihn auskommst. Du bist nicht sein Hund und er ist nicht dein Herrchen. Habe mehr Selbstvertrauen. Das macht dich interessant – auch bei den anderen.“
Während sie sprach, arbeitete Schwester Hildegard routiniert an der Zubereitung der Plätzchen weiter. Sie rollte den Teig aus und Tobias durfte helfen kleine Sterne auszustechen. Diese legte er vorsichtig auf ein Backblech und weil der Ofen schon heiß war, dauerte es nur wenige Minuten, bis das nächste Blech hineingeschoben werden konnte. Hand in Hand arbeiteten sie, bis nur noch ein ganz kleines Stückchen Teig übrig geblieben war.
„Daraus backen wir jetzt deinen Glückskeks“, sagte Hildegard zufrieden und formte aus dem Rest ein kleines Herz.
„Was ist das, ein Glückskeks?“, wollte Tobias wissen.
„Ich lege meine ganzen lieben Wünsche für dich hinein und wenn du ihn isst, dann weißt du, dass es einen Menschen auf der Erde gibt, für den du etwas ganz besonderes bist.“
„Verbrennen die Wünsche nicht, wenn sie im Ofen backen?“
„Nein, nein du Dummerchen. Wünsche können nicht verbrennen. Sie sind doch beim lieben Gott, der passt gut auf sie auf.“
Tobias war nicht so ganz überzeugt von dem, was Schwester Hildegard sagte, nahm aber den fertig gebackenen Glückskeks entgegen, wickelte ihn in eine Serviette und steckte ihn in seine Jackentasche.

Die Zeit war wie im Flug vergangen. Alle Kinder des Heimes hatten sich schon im Speisesaal versammelt, nur Tobias fehlte noch.
Schwester Hilde entschuldigte seine Verspätung und sagte so laut, dass jeder es hören konnte, Tobias habe beim Backen geholfen und das Ergebnis sei vorzüglich geworden.
Anerkennendes Klatschen ertönte im Saal, nur Karl zog eine saure Miene.
„Schleimer! Willst wohl lieb Kind machen bei der Schwester. So was kann ich ganz und gar nicht leiden.“
„Du bist doch nur neidisch, weil du nicht helfen durftest.“
Tobias wunderte sich, woher er auf einmal den Mut aufbrachte, so mit Karl zu reden.
Karl stand auf und schob drohend die Ärmel seines Pullovers hoch.
„Na warte, dir zeige ich wer hier neidisch ist.“

Schwester Erika ging dazwischen
„Nichts da Karl. Du setzst dich augenblicklich wieder hin und gibst Frieden. Im Speisesaal wird nicht gerauft. Macht eure Probleme draußen aus.“
Sie konnte sehr energisch werden. Keiner wagte es, ihr zu widersprechen.
Leise vor sich hin brummend sann Karl auf Rache.
Er konnte es nicht zulassen, vor seinen Freunden lächerlich gemacht zu werden. Das würde seinen ganzen, mühsam aufgebauten Respekt in der Gruppe zu Nichte machen.
Doch es war gar nicht so einfach an Tobias heran zu kommen, ohne dass die Schwestern sich nicht einmischten. Außerdem mussten seine Kumpels anwesend sein, damit er diesen Milchbubi vor allen Augen demütigen konnte.
Es kam ihm die Idee, Tobias zu einem Wettstreit herauszufordern, den er, der selbsternannte König des Heimes, haushoch gewinnen würde.
Doch was konnte er besonders gut, worin war er unschlagbar? Nach einigem Hin- und Herdenken kam ihm ein Geistesblitz.
„Klar, das war es, darin wird mich Tobias niemals besiegen!“
Karl trommelte seine Freunde zusammen und erklärte ihnen, was er vorhatte. Mit breitem Grinsen stimmten diese zu. Sie würden bei dem Wettstreit mitmachen, das war doch Ehrensache.

Einen Tag später, kurz nach dem Mittagessen, wurde Tobias von Karls bestem Freund aufgefordert mit ihm zu gehen.
„Wir wollen Mal sehen, was du drauf hast, deshalb fordern wir dich zu einem kleinen Wettstreit auf.“
„Aber prügeln werde ich mich nicht.“
„Nein, nein, was wir vorhaben, ist ganz harmlos. Niemand wird verletzt – ehrlich.“
Tobias war hoch erfreut, endlich mitspielen zu dürfen und folgte neugierig dem Jungen, der in eine Ecke bog, die besonders schlecht eingesehen werden konnte.
Alle, die sich um Karl scharten, waren da. Doch dieses Mal umringten sie ihn nicht, wie üblich, sondern standen in einer Reihe auf einer niedrigen Begrenzungsmauer. In der Mitten stand ihr Anführer.
Als die Jungs Tobias sahen, rückten sie etwas dichter zusammen, so dass direkt neben seinem Widersacher ein Platz frei wurde.

„Nun wollen wir mal sehen, wer am weitesten von uns pinkeln kann. Auf die Plätze, fertig,...“ Hose runter wollte Karl gerade befehlen, da wurde er von Tobias unterbrochen.
„Bei so einer Schweinerei mache ich nicht mit!“
Einen Augenblick schwiegen alle betreten. Dann redeten sie durcheinander und begannen, ihn zu beschimpfen.
„Feigling, Memme, Zimperlappen, verschwinde! So einen Windelträger wie dich, wollen wir hier nicht haben.“
Noch andere, weit schlimmere Ausdrücke riefen sie ihm hinterher.
In Anbetracht des Wettbewerbs war Karl den ganzen Vormittag nicht auf die Toilette gegangen, denn er wollte unter allen Umständen gewinnen. Nun war der Druck in seiner Blase so übermächtig geworden, dass er ihn nicht länger aushielt. Sein Gesicht entspannte sich, als ein beeindruckend langer Strahl von ihm wich.
Von dem Radau angelockt, tauchte plötzlich Schwester Erika auf. Ihr folgte Marianne, das beliebteste Mädchen des ganzen Heimes.
„Hab ich euch endlich erwischt!“, schimpfte Erika die Kinder aus.
„Immer, wenn ich an dieser Ecke vorbeikomme, stinkt es, wie ein ungeputztes Klo. Bisher hatte ich noch keinen von euch beim Hinpinkeln erwischt und nach dem Übeltäter fragen, konnte ich mir gleich ersparen. Ihr seid ja alle Engel, die von Nichts eine Ahnung haben.“
In Windeseile hatten die Freunde ihre Hosen zugemacht und waren in alle Richtungen davongerannt. Nur bei Karl dauerte es etwas länger. Einmal angefangen, konnte er den Drang, sich zu entleeren nicht mehr aufhalten und musste mit Schrecken abwarten, bis er fertig war.
„Schwein!“, sagte Marianne angewidert zu dem Rädelsführer. „Tobias hat ganz Recht, wenn er bei euren Sauereien nicht mitmacht.“
Karl schämte sich und wurde unachtsam. Als er von der Mauer heruntersprang stolperte er so unglücklich, dass er auf die Nase fiel.
Augenblicklich hörte Schwester Erika auf zu schimpfen und sah sich den Unglücksraben genauer an. Karls rechtes Bein tat ihm sehr weh und er blutete stark.
„Sieht ganz so aus, als hättest du dir deinen Riecher gebrochen,“ meinte sie. „Wenn du so weiter machst, dann bist du auf dem besten Weg dein hübsches Gesicht zu ruinieren. Mit einer platten Nase glaubt jeder, du wärst hohl im Kopf.“
Dann bat Schwester Erika ihre Begleiterin:
„Sei so lieb Marianne und hole mir den Erste Hilfe Kasten aus dem Büro. Ich brauche steriles Verbandszeug.“

Ganz so schlimm, wie es auf den ersten Eindruck aussah, war es dann doch nicht gewesen. Karls Nase war zwar angebrochen, was die staken Blutungen verursachte, aber sie musste nicht gerichtet werden. Einen Tag lang sollte der Junge dennoch das Bett hüten, damit die Blutung nicht wieder erneut anfing. Danach würde er sich wieder zu seiner Gruppe gesellen können.

An diesem Tag besuchte ihn Tobias.
„Hallo Karl, wie geht’s dir, tut es noch sehr weh?“, fragte er mitfühlend.
„Du? Was willst du denn hier? Muss dir ja mächtig Spaß machen mich leiden zu sehen. Geh und lass mich in Ruhe!“
„Du irrst dich, wenn du meinst, dass ich gekommen bin um zu sehen, dass es dir schlecht geht. Ganz im Gegenteil. Ich wollte nur fragen, ob ich irgendwie helfen kann.“
Karl lachte verächtlich.
„Hast du’s immer noch nicht kapiert? Mit dir will ich nichts zu tun haben. Geh zu Schwester Hildegard und heul dich bei ihr aus, wenn dir danach ist. Aber bleib weg von mir.“
„Die anderen sind ganz schön sauer auf dich“, sagte Tobias ungerührt von Karls bösen Worten.
„Wieso denn das?“
„Na ja, obwohl sie ganz schnell weggerannt sind, so hat Erika doch jeden einzelnen von ihnen erkannt. Zur Strafe müssen sie jetzt nicht nur die besagte Ecke, sondern den ganzen Hof reinigen. Und zwar nicht nur mit dem Gartenschlauch abspritzen, nein, Wassereimer und Schrubber sollen sie benutzen. Ich kann dir sagen, das ist eine ganz schöne Schufterei und die Mädchen amüsieren sich natürlich prächtig darüber. Sauer sind die Jungs auf dich, weil sie arbeiten müssen, während du gemütlich im Bett liegst.“

Plötzlich kam Schwester Erika herein.
„Hallo Tobias.“
Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht, dass sie ihn in diesem Zimmer vorfinden würde.
„Na, hast du schon erzählt, was die Jungs für eine Strafe bekommen haben?“ Ohne auf eine Antwort zu warten ging sie auf Karls Bett zu.
„Glaube ja nicht, dass du so einfach davonkommst. Für dich habe ich auch eine Strafe. Du putzt morgen die ganzen Toiletten im Haus, das dürfte reichen.“
„Auch die der Mädchen?“, fragte Karl entsetzt
„Auch die der Mädchen. Ich werde mit ihnen einen Ausflug machen, damit nicht unbeabsichtigt eine hereinplatzt, wenn du noch am Wischen bist. Aber hüte dich davor schlampig zu arbeiten. Die Mädchen berichten mir nachher ganz genau, ob sie zufrieden mit dem Ergebnis sind. Wenn nicht, dann denke ich mir noch etwas anderes für dich aus und glaube mir, das wird noch unangenehmer sein. Darauf hast du mein Wort.“

Diese Demütigung war für Karl zuviel. Tränen der Hilflosigkeit rannen seinen Wangen herunter, obwohl er versuchte sie tapfer zu unterdrücken.

„Mach dir nichts draus, ich helfe dir. Zu zweit sind wir ganz schnell fertig, du wirst schon sehen.“
„Schwester Erika, darf ich Karl helfen?“, fragte er sicherheitshalber noch nach.
„Wenn du unbedingt willst, ich habe nichts dagegen,“ antwortete die Angesprochene und verließ kopfschüttelnd den Raum.
Als die beiden Jungs wieder unter sich waren, sprachen sie sich das erste Mal richtig untereinander aus. Dabei erfuhr Tobias, dass Karl ihn heimlich bewunderte, weil viele ihn mochten, ohne einen Finger dafür zu rühren. Er dagegen musste sich immer etwas Neues einfallen lassen, um überhaupt bemerkt zu werden.
„Dir fliegt das Glück einfach zu, vor allem bei den Mädchen. Ich muss für jede kleine Aufmerksamkeit kämpfen, obwohl ich das gar nicht will. Als ich dich das erste Mal sah, habe ich es sofort gemerkt und deshalb konnte ich dich von Anfang an nicht leiden.“
Tobias war erstaunt über das, was ihm gerade anvertraut wurde. Er überlegte eine kleine Weile, dann fiel ihm der Glückskeks von Schwester Hildegard ein, den er immer noch in seiner Jackentasche trug.
„Schau Mal, vielleicht können wir uns beiden damit helfen.“, sagte er und holte den Keks heraus.
„Was ist das?“, fragte Karl neugierig, während Tobias die Serviette vorsichtig auseinander faltete.
„Das ist ein Glückskeks. In ihm stecken alle lieben Wünsche für den, der ihn isst. Wenn Ich den Keks mit dir teile, dann sind wir richtige Verbündete. Irgendwo lebt jemand, der dich ganz toll mag und weil du das jetzt weißt, musst du nicht mehr den starken Mann spielen.“
„Das, das willst du machen? Du teilst mit mir dein Glück? Ausgerechnet mit mir, wo ich doch kein gutes Haar an dir gelassen habe?“, stammelte Karl ungläubig.
„Warum nicht? Geteiltes Glück ist doppeltes Glück und ich habe den Eindruck, gerade du brauchst eine ganz große Portion davon,“ erwiderte Tobias mit einem breiten Lächeln.
„Noch nie hat irgendjemand etwas für mich getan. Einfach nur so, ohne dass es nötig gewesen wäre. Und dann auch noch so was Großartiges, wie sein Glück mit mir zu teilen. Ich weiß echt nicht, was ich dazu sagen soll.“
Dieses Mal flossen Tränen der Rührung über Karl Wangen.
„Denk nicht weiter drüber nach und iss.“
Gemeinsam verspeisten sie den Glückskeks von Schwester Hildegard und gründeten eine Freundschaft, die ihr ganzes Leben lang anhalten sollte.


Impressum

Texte: Diese Geschichte ist geistiges Eigentum der Autorin. Ohne ihr Einverständnis darf dieses Buch, auch in Teilen, nicht anderweitig veröffentlicht werden.
Tag der Veröffentlichung: 09.09.2011

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Vor einigen Jahren schrieb ich für ein SOS-Kinderdorf diese Geschichte zum Vorlesen. Der Wettbewerb fand unter dem Thema „Glückskeks“ statt. Lohn: Ein Kinderlächeln. Dafür habe ich es gerne geschrieben.

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