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Jäger

Endlich betrat er den Raum.
Sein schwarzes, bis in den nackenfallendes Haar war leicht gelockt und mit etwas Gel in Form gebracht. Grüne Augen irrten suchend durch den Raum, bis sein Blick an mir hängen blieb.
Ich war das ideale Opfer, langes, blondes Haar, blauäugig und einigermassen gut aussehend und wie erwartet, bewegte er sich meine Richtung.
Während er dies tat, bewunderte ich sein Aussehen.
Entweder wählte man nur die schönsten Menschen aus, oder sie machten mit der Umwandlung gleichzeitig auch eine Schönheitsoperation durch.
Seine Aussehen grenzte meine Meinung nach schon fast an Perfektion. Er war ca. 1,85m groß, nicht zu breit, aber auch nicht zu schmal gebaut. Die Muskeln an den richtigen Stellen und kein Gramm Fett zu viel auf den Rippen. Bestimmt hatte er auch ein Sixpack, welches aber durch sein hellgrünes Hemd verdeckt wurde, so das ich es nicht sagen konnte. Zu dem Hemd trug er eine schwarze Jeanshose und schwarze Schuhe. Alles in allem also der perfekte Jäger.
Dann stand er auch schon vor mir und sagte:" Hallo, ich bin Marek. Ist der Platz neben Ihnen noch frei?"
Er lächelte und schneeweiße Zähne blitzen auf.
"Mein Name ist Jessica und ich wollte sowieso gerade gehen. Also setzen Sie sich ruhig."
Ein erstaunter Ausdruck zeigte sich in seinem Gesicht, doch so leicht gab er nicht auf und er sagte: "Und mich ihrer schönen Gesellschaft berauben. Haben Sie irgend einen Grund, warum Sie mich so bestrafen müssen? Wollen Sie nicht wenigstens ein Glas Wein mit mir leeren?"
Ein charmantes Lächeln rundete seine galante Anmache ab.
Während ich verlegen den Kopf senkte und versuchte zu erröten, dachte ich nur:"Ich habe es geschafft. Der Anfang ist gemacht."
Fünf Gläser später, ich war natürlich geblieben, spielte ich die Beschwipste.
Nun wurde es Zeit die Falle zuschnappen zu lassen.
Ich schaute auf meine Uhr und sagte erschrocken:" So spät schon! Ich glaube es wird langsam Zeit, dass ich nach Hause komme."
"Ich fahre dich. Du bist schon etwas beschwipst", erwiderte er sofort auf meine Worte.
"Nein, ich will nicht fahren, dann muss ich mich sicherlich übergeben. Ich wohne nicht weit von hier. Ich laufe lieber."
"Dann lass mich dich wenigstens begleiten, du könntest hinfallen, oder dir wer weiss was passieren", versuchte er es weiter.
Erneut gab ich nach und gemeinsam verließen wir die Bar.
Eine Weile dirigierte ich ihn durch die Gegend, bis wir an einer einsamen Straßenecke ankamen.
"So nun müssen wir noch hier durch und dahinten wohne ich schon", erklärte ich ihm und lächelte ihn harmlos an.
"Nein!", sagte er bestimmend und kam drohend auf mich zu, " Hier ist der Weg zu Ende, auf jeden Fall deiner!"
In seinem Gesicht ging eine seltsame Verwandlung vor. Seine Augen leuchteten fast gelb und als sich sein Mund öffnete, sah ich, dass seine Eckzähne sich verändert hatten, sie waren zu spitzen Hauern geworden und ragten nun ein Stück aus seinen Mund heraus, über die Unterlippe.
Eines dieser Wesen aus der Nähe zu sehen, fazinierte mich so, dass ich beinahe vergaß, wie gefährlich er jetzt war. Erst als ich einen kalten Luftzug an meinen Hals spürte und seine spitzen Zähne fast meine Haut berührten, kam ich wieder zu mir.
Mit einem Schrei stieß ich das zum Vampir mutierte Wesen von mir, drehte mich um und lief so schnell ich konnte los, ein Stück die Straße runter. Schnell warf ich einen Blick nach hinten und sah wie mir ein verdutzer Vampir hinter her schaute und dann erschien ein verschlagenes Lächeln auf seinen Lippen. Da erreichte ich auch schon die Seitenstraße und bog in sie ein und Marek verschwand aus meinem Blickfeld. Ich gab alles und lief weiter, wieder ein Stück die Straße entlang und dann in die nächste Seitenstraße an einer Kirche bog ich ab und lief über deren kleinen Friedhof.
Tagelang hatte ich diese Situation geprobt, war die diese Strecke immer wieder gelaufen, so schnell ich konnte. Dies war der gefährlichste Teil der ganzen Operation. Je nachdem wie Marek reagierte auf diese Situation, hätte dies auch mein Ende sein können.
Doch er war ein Jäger und darauf hatten wir gesetzt und Jäger liebten es mit ihrer Beute zu spielen.
Als ich den Friedhof verlies, überquerte ich noch eine kleine Straße und dann stand ich endlich vor dem Eingang des Parks, mein Ziel war fast errreicht.
Schnell schaute ich zurück und sah gerade wie Marek den Friedhof verließ. Vor der Straße blieb er stehen und winkte mir zu. Seine überhebliche Geste, entlockte mir ein Lächeln und gab mir Kraft für die letzte Etappe.
Ich lief in den Park hinein und holte noch mal alles aus mir heraus, nur noch zwei Kilometer, dann war ich an meinen eigentlichen Ziel.
Normalerweise hätte der Vampir mich schon längst einholen können, da sie eine unglaubliche Geschwindigkeit erreichen konnten, aber wie viele der bösartigen und Menschenblut abhängigen Vampire, liebte Marek es mit seinen Opfern zu spielen. Ihnen Hoffnung zu geben zu entkommen, um ihnen dann am Ende diese zu rauben und sie in Todesangst zu versetzen.
Einige Minuten später stand ich endlich vor dem Gebilde, welches Marek zum Verhängnis werden sollte.
Es war ein Labyrinth aus Stein, kreisrund und mit einen Durchmesser von ungefähr hundert Meter.
Schweratmend schaute ich den Weg zurück und wartete dadrauf, dass der Vampir erschien. Es dauerte nicht lange, da konnte ich ihn schon sehen. Ich wartete bis er vor mir stand.
"Gibst du auf", fragte Marek mich überheblich und ein gehässiges Lächeln verzierte sein schönes Gesicht, während seine spitzen Zähne im Laternenlicht kurz aufblitzten.
"Oh, ich habe nur auf dich gewartet. Du bist etwas zu langsam für mich", antwortete ich ihm mit einem arroganten Lächeln.
Seine Vampirfratze verzog sich vor Wut.
Schnell drehte ich mich um und lief ich in das Labyrinth. Hier kannte ich jede Abzweigung und so dauerte es nicht lange, da stand ich vor einer Tür. Sie führte in einen runden Raum, der Mitte des Labyrinths. Fünf weitere Türen führten aus dem Raum wieder heraus. Ich lief gerade auf die andere Seite, als Marek den Raum betrat.
"Nun meine Liebe, jetzt habe ich dich."
Selbstgefällig kam er näher und näher, als er nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt stand, öffneten sich plötzlich alle sechs Türen und in Kutten gehüllte Gestalten betraten die Mitte des Labyrinthes.
Gehetzt schaute Marek sich um, bevor ein Lächeln sein Gesicht erhellte.
"Ihr glaubt vielleicht, ihr seid in der Übermacht. Aber euch mache ich mit den kleinen Finger kalt."
Er stürzte sich auf die Gestalt hinter mir, prallte jedoch er plötzlich entsetzt vor ihm zurück. Als der Blick auf den Kuttenträger frei wurde, sah ich, dass er ein Kreuz vor seiner Brust hielt.
"Nun hast du endlich bemerkt, dass du in eine Falle gelaufen bist", warf ich ihm höhnisch entgegen.
"Das glaubst auch nur du. Ein Sprung und ich bin hier raus."
"Glaubst du wirklich wir wären so dumm? Schau nach oben. Dort ist ein Netzt gespannt und getränkt ist es mit Weihwasser."
Ungläubigkeit breitete sich auf dem Gesicht des Vampires aus, während ich einfach an den Kuttenträger, der hinter mit gestanden hatte, vorbei ging, die Tür öffnete und die Mitte des Labyrinths verließ.
Die Gestalten in den Kutten taten es mir gleich. Doch jeder von ihnen hängte noch ein Kreuz an die Tür, durch die sie das Labyrinth verließen.
Hinter meiner Tür wartete Tadeus, unser Führer und mein Ziehvater auf mich. Erleichtert fiel ich ihm in die Arme.
"Ich habe die Prüfung geschafft. Nun bin ich ein vollwertiges Mitglied der Wächter. Nicht wahr?"
"Ja, das bist du. Und wie fühlst du dich?", wollte Tadeus wissen.
"Stolz weil ich es geschafft habe. Aber auch eine Leere, weil der Letzte, von den Mördern meiner Eltern bald vernichtet ist."
"Die Leere wird nicht lange bleiben, denn es gibt noch viele von seiner Art, die sich nicht an die Regeln halten. Schau nur, die Sonne geht auf. Komm! Wir wollen sehen wie dieses Ungeheuer vernichtet wird."
Wir kletterten jeder einen Leiter hoch, die man an die Mauergelehnt hatte.
"Ah, da ist ja meine Beute und wer ist der alte Mann an deiner Seite?"
" Ich bin Tadeus. Wir hatten schon mal das Vergnügen."
"Das kann ich nicht glauben. Ihr würdet sonst hier nicht mehr stehen."
"Oh, doch. Kannst du dich vielleicht noch daran erinnern, wo du dich vor fast fünfzehn Jahren aufgehalten hast?", wollte ich von ihm wissen.
"Da musst du doch noch ein Kind gewesen sein!"
"Richtig, in einem Dorf in Rumänien. Du und deine Horde überfielen mein Dorf und nur die Menschen, die du hier siehst überlebten das Massaker. Doch heute ist ein großer Tag für uns. Du bist der letzte der Vampire, die damals unser Dorf überfielen und heute wirst du sterben."
"Nur um mich zu fangen, habt ihr diesen Aufwand betrieben. Ich fühle mich geehrt", sagte Marek sarkastisch.
"Nein, natürlich nicht. Wie du sicherlich noch weisst, wurdet ihr damals von einigen Männern mit Kreuzen, Pflöcken und Weihwasser in die Flucht geschlagen. Das waren die Wächter. Es ist eine geheime Organisation, wie dir sicherlich bekannt ist, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle Besucher die Böses hier auf den Planeten tun, von der Erde zu tilgen. Und wir gehören dazu."
Während Tadeus sprach, hatte Marek mich die ganze Zeit über angeschaut.
"Ich erinnere mich an ein kleines blondes Mädchen", sagte Marek nun und schaute weiterhin nur mich an, "welches weinte und schrie, als ich ihrer Mutter, vor dem Kircheneingang das Blut aussaugte. Du erinnerst mich sehr an sie."
Wie rechte er hatte, konnte er nur ahnen. Noch heute erwachte ich schreiend, wenn ich davon träumte. Mein Inneres schrie verzweifelt auf, vor meinen Augen erschien die Szene wie Marek meine Mutter an ihrem schönen, langen, blonden Haaren zu sich ranzog, verzweifelt hatte sie mich noch von sich gestossen, so das ich fast durch die geöffnete Kirchentür flog und vor den Füßen von Tadeus landete, dieser zog mich schnell zu sich ran, während ich wie verrückt schrie und schloss schnell die Kirchentür, doch ich konnte noch sehen wie Marek seine Zähne in den Hals meiner Mutter grub und wie sie dabei schrie und ihr Tränen über das Gesicht liefen.
Dann war die Tür zu und braunes Holz starrte mich an.
Ich kehrte zurück in die Gegenwart und meine Hände glitten wie von selbst zu einem Knoten, der das Netz mit dem Mauerwerk verband. Mit zittrigen Fingern versuchte ich ihn zu lösen, nur von den Gedanken beseelt, dieses Monstrum, für den Tod meiner Mutter büßen zu lassen, als sich eine warme Hand auf meine legte.
"Das ist genau, was er will. So gibst du ihm eine letzte Möglichkeit zur Flucht. Sieh nur die Sonnenstrahlen berühren schon die Mauerspitzen."
Das Zittern ließ nach und die Wut auch, doch anstatt zur Sonne zu schauen, schaute ich Tadeus dankbar an.
"Das könnt ihr doch nicht machen. Ich bin 264 Jahre alt. Bitte lasst mich frei. Ihr werde mich auch nur noch von Tierblut ernähren", bettelte Marek um sein Leben und fiel auf die Knie.
In dieser Pose empfing der Mörder seine Bestrafung, als die Sonne ihn zu Staub verbrannte.
 
Ende
 

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Tag der Veröffentlichung: 11.11.2015

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