Cover

Titel

 

Zwei Mäuse … oder: Liebe ist unsterblich

 

Melina D`Angeli

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.02

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen oder Schauplätzen sind rein zufällig.

 

Ein großes Dankeschön geht an:

 

Meine lieben Testleserinnen Lia und Birgit

Covergestaltung: Chris Gilcher – buchcoverdesign.de

 

 

Inhalt:

 

Charles Hope und seine Frau Heather bewohnen schon beinahe ihr ganzes Leben lang ein und dasselbe Haus. Nach außen hin ein Überbleibsel lange vergangener Tage, mit morschen Wänden und löchrigen Ziegeln – für zwei alte Menschen ein kleines Paradies, in dem sie gemeinsam auf das Ende ihrer Reise namens Leben warten. Doch eines Tages ziehen dunkle Gewitterwolken über diesem bescheidenen Paradies auf: Ein geldgieriger Baulöwe namens Rupert Raffzahn hat alles rundherum aufgekauft und will das gemeinsame Heim dem Erdboden gleichmachen. Jeder Kampf scheint aussichtslos, bis Hilfe von unerwarteter Seite naht: Morty und Mimi, zwei ebenfalls in die Jahre gekommene Mäuse, bewohnen ein Mauseloch auf der anderen Seite der Fußleisten. Es fehlt ihnen an nichts, denn die beiden alten Menschen kümmern sich liebevoll um ihre winzigen Mitbewohner.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten wird klar, dass Rupert Raffzahn bei seinen Plänen eine pelzige Kleinigkeit vergessen hat: Morty – die einzige Maus, die verstehen kann, was Menschen sagen. Und der will sich nicht einfach so widerstandslos vertreiben lassen. Bleibt die Frage, wie der historische Kampf ›David gegen Goliath‹ wohl dieses Mal enden wird ...

 

Hinweis: Dieses Buch habe ich letztes Jahr unter meinem Pseudonym "Tessa Hope" erstveröffentlicht.

 

 

 

1

 

»Du kannst die Augen wieder aufmachen, meine liebe Mimi. Aber schön langsam, wenn ich bitten darf.«

»Was soll denn der Blödsinn, Morty? Ich hab zu tun: In unserem Mauseloch steht alles Kopf und wir haben kaum mehr was zum Fressen. Ich muss ...«

»… die Augen wieder aufmachen!«, erklang die Aufforderung ein weiteres Mal, Wort für Wort und nicht mehr ganz so höflich. »Ich wette, du bist begeistert.«

Zwei winzige Augen öffneten sich und klimperten kurz, bis sie sich an das Licht gewöhnt hatten. Das erste Fazit klang allerdings ernüchternd: »Und ... was soll das sein?«

»Unser neuer Postkasten«, erklärte Morty mit Stolz erfüllter Stimme. »Das sieht man doch.«

»Unser Postkasten«, wiederholte seine Frau, aber das auf ganz andere Weise. »Kannst du mir vielleicht auch erklären, wozu wir einen Postkasten brauchen? Außerdem ...« Sie zeigte auf das seltsame Gebilde und musste sich ein Grinsen verkneifen. »... für mich sieht das wie eine Streichholzschachtel aus.«

»Als Aufbewahrungsort für Zündhölzer hat sie aber ausgedient«, erwiderte Morty, zum ersten Mal trotzig. Dazu deutete er ebenfalls auf sein neuestes Werk, das von innen neben dem Mauseloch hing. »Dort steht Mortimer und Miriam Maus – hab ich Buchstabe für Buchstabe abgezeichnet. Toll, oder?«

»Ganz toll!« Mimi hatte sich ihrem Schicksal offensichtlich ergeben. In solchen Momenten lagen ihre Barthaare ganz dicht an und bewegten sich keinen Millimeter mehr. »Jetzt erklär mir bitte auch noch, wer uns Post schicken soll. Ich meine ja nur und vielleicht hast du’s vergessen: Wir sind Mäuse!«

Morty wischte diesen Einwand mit einer Pfotenbewegung beiseite und lachte ein wenig unbeholfen. »Du wirst schon sehen, irgendwann bekommen wir Post.«

»Von wem?«

Morty machte einen Satz nach vorne und nahm seine Mimi vorsichtig in den Arm. »Ich bin Erfinder, mein Schatz. Und Erfinder bekommen regelmäßig Post von anderen ... das ist ganz normal, glaub mir.«

Mimi befreite sich aus seiner Umarmung und schüttelte den Kopf. »Ich erinnere mich nur noch zu gut an deine letzten Erfindungen. Da war der Käseschneider, für den es vier erwachsene Mäuse brauchte, damit man den betätigen konnte.« Ihr Mann wollte schon etwas erwidern, aber sie fuhr unbeirrt fort: »Und dann war da noch der Nussknacker. An dem hast du dir beide Pfoten geklemmt. Danach musste ich dich fast zwei Wochen lang füttern. Erinnerst du dich?«

»Das waren doch nur Startschwierigkeiten«, erklärte Morty. »Irgendwann ...«

»Irgendwann sind wir tot!«, fuhr Mimi dazwischen. Ihre Augen funkelten vor Wut. »Wir sind Mäuse, und unser einziger Lebenszweck ist es, für weitere Mäuse zu sorgen.«

»Das ist doch nicht dein Ernst.«

»Doch, ist es!« Mittlerweile zitterten Mimis Barthaare vor Aufregung. »Es gibt Tiere – Insekten – die leben nur einen Tag lang. An diesem Tag pflanzen sie sich fort und dienen ansonsten Vögeln oder Fischen als Futter. Von denen hast du mir selbst erzählt.«

»Ich glaube, die brauchen auch keinen Postkasten«, flüsterte Morty und lachte leise.

»Du hast es nicht verstanden«, fuhr seine Frau fort. »Jedes Leben hat seinen Sinn. Und wir sind ...«

»... ganz bestimmt nicht nur dafür da, um für weitere Mäuse zu sorgen«, unterbrach Morty sie. »Wir – du und ich – sind für Höheres geboren.«

»Höheres?«

»Klar!« Morty hatte es geschafft, seine Frau wieder in den Arm zu nehmen. »Ansonsten erklär mir doch bitte mal, warum ich verstehen kann, was die Menschen sagen. Lesen kann ich auch und sogar ein bisschen schreiben – als Maus!«

»Ich wünschte, du könntest das alles nicht«, erwiderte Mimi schwer atmend. »Auf jeden Fall bräuchten wir dann auch keinen Postkasten.«

Morty wollte schon zu einer Antwort ausholen, als ihn ein lautes Poltern davon abhielt.

»Was ist das?«, fragte Mimi.

»Heute ist der Monatsletzte«, erklärte ihr Mann.

»Und?«

»Hab ich dir doch erzählt – heute läuft die Frist ab.«

»Welche Frist?«

»Vielleicht bin doch nur ich zu Höherem geboren«, sagte Morty und ließ seine Frau im selben Moment los. »Die Frist zum Ausziehen!«

»Du meinst die beiden?« Mimi zeigte mit angsterfüllter Miene in Richtung Mauseloch. Dahinter wohnten zwei alten Menschen, von denen die Existenz der Mäuse unmittelbar abhing. »Bist du dir sicher? Vielleicht irrst du dich ja auch und es ist nur ...«

»Ich hab dir doch die Briefe gezeigt«, flüsterte Morty, als hätte er Angst vor unerwünschten Zuhörern. »Bis heute hatten die beiden Zeit, ihre Sachen zu packen.«

»Aber sie haben die Briefe nie bekommen, weil du sie aus dem Postkasten gefischt und hinterher vernichtet hast.« Mimi war völlig außer sich vor Wut. »Du bist ein Dummkopf und nicht zu Höherem geboren!«

Das Geräusch der Türklingel hallte durchs Mauseloch. Zwei winzige Körper erstarrten regelrecht vor Schreck.

»Und was jetzt?«, fragte Mimi flüsternd in die Stille hinein. »Der Mann, der hier wohnt, klingelt nicht, wenn er nach Hause kommt. Es muss also jemand anderes sein.«

Morty zuckte zunächst nur mit den schmalen Schultern, bis das ungeduldige Gesicht seiner Frau immer dringender auf eine Antwort pochte. »Woher soll ich das denn wissen?«, zischte er. »Ich kann verstehen, was die Menschen reden, aber ich kann nicht durch Türen hindurchsehen. Noch nicht!«

Es klingelte erneut. Füße schlurften über den Boden, der aus Holzbohlen bestand. Die Tür öffnete sich knarrend. Ein Geräusch, das hier zur alltäglichen Geräuschkulisse gehörte.

»Sie ist alleine«, flüsterte Morty. »Er ist heute Morgen schon ganz früh ...«

»Halt den Mund!« Mimi presste sich eine Pfote gegen die Lippen. »Ich will hören, was geredet wird.«

»Den Sinn muss ich dir hinterher doch sowieso erklären«, erwiderte ihr Mann grinsend. »Abgesehen davon: Du siehst immer noch zum Verlieben aus, wenn du wütend bist.«

Mimi schaute noch böser drein. »Hör gefälligst zu, damit du mir hinterher sagen kannst, was das für uns und unser Mauseloch hier bedeutet.«

»Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, an dem ich nicht glücklich mit dir wäre«, flüsterte Morty seiner Frau ins Ohr. »Keinen einzigen.«

»Und ich bin nicht nur zu alt für kleine Mäuse, sondern auch fürs Umziehen. Also hör gefälligst hin, damit wir wenigstens wissen, was uns erwartet.«

 

 

2

 

»Kannst du mir mal verraten, was das wieder ist?« Heather Hope hatte ihren Ehemann Charles bereits an der Haustür abgefangen. Der konnte kaum über zwei Bündel hinwegsehen, die er in den Armen trug. »Liegt hier nicht schon genug Krempel herum, der ...?«

»Für diesen – wie du es nennst: Krempel – bekommen wir irgendwann bares Geld.« Charles tastete sich Schritt für Schritt nach vorne und platzierte eines der beiden Bündel neben der Tür zur Küche, das zweite vorsichtig vor der Kellertreppe. Dort standen bereits eine Kiste und zwei Säcke herum. »Ich räume morgen die Regale da unten auf, versprochen!«

»Ich weiß trotzdem nicht, wo das alles noch hinpassen soll. »Heather verabschiedete sich kopfschüttelnd in Richtung Küche. »Und dass wir irgendwann Geld dafür bekommen, hast du schon bei den letzten tausend Sachen erklärt.« Sie lachte kurz auf und war kaum mehr zu hören. »Wenn das stimmt, dann steht uns eines Tages ja noch ein richtiger Geldsegen bevor.«

»Ich versuche doch nur, für ein paar Dollar extra zu sorgen.« Charles war ebenfalls in der Küche angekommen und stand dort mit hängenden Schultern. »Und wenn es nur ...«

»Ich weiß, was du sagen willst.« Seine Frau hatte ihn erreicht und umschlang ihn mit beiden Armen gleichzeitig. Plötzlich klang ihre Stimme auch nicht mehr wütend, sondern traurig. »Ich frage mich nur, wo wir in Zukunft mit dem ganzen Krempel bleiben sollen. Heute noch viel mehr ...«

»Wieso?«

»Wir hatten heute Morgen Besuch.« Nachdem der wieder verschwunden war, hatte Heather lange Zeit regungslos am Küchentisch gesessen und einfach nur gewartet und geweint. Mittlerweile waren ihre Tränen versiegt.

»Besuch von wem?«, erkundigte sich ihr Mann, während er die mitgebrachten Einkäufe in den Küchenschränken verstaute. »Diese Woche sind drüben im Supermarkt übrigens Haferflocken im Angebot. Dosenfleisch und Orangen auch. Ich hab gleich ...«

»Einer der Leute, die für Rupert Raffzahn arbeiten«, unterbrach ihn seine Frau schluchzend. »Wir müssen raus ...«

Charles hielt mit seinen Arbeiten inne und schaute erstaunt auf. »Was heißt das: Raus?«

»Raus aus unserem Haus!«, erklärte Heather. Neue Tränen liefen ihre Wangen hinunter. »Der Mann hat gesagt, dass man uns mindestens dreimal angeschrieben hätte«, fuhr sie wütend fort. »Hast du mir die Briefe etwa verheimlicht, Charlie?«

»Hab ich nicht!«, kam es empört zurück. »Ich weiß nichts von irgendwelchen Briefen.« Charles war auf dem Weg in Richtung Küchentisch. Kurz darauf lagen seine Hände auf den Schultern seiner Frau. »Ich schwöre: Es gab keine Briefe und ich ...«

»Das spielt sowieso keine Rolle mehr!«

Charles’ Hände umklammerten die Schultern seiner Frau noch kraftvoller, bis die sich mit schmerzerfüllter Stimme beschwerte. Trotzdem wurde es Zeit für eine Aufmunterung. »Wir schaffen das, mein Augenstern. Wir haben es doch immer geschafft – irgendwie.«

»Dein Augenstern wird nächstes Jahr achtzig«, hielt Heather schluchzend gegen. »Der ist langsam ausgeglüht, verstehst du?«

»Der glüht niemals aus«, erwiderte Charles völlig unbeirrt. Er fiel auf einen der Stühle und verschränkte wütend die Arme vor der Brust. »Und was Raffzahn angeht: Seine Leute müssen mich hier raustragen. Freiwillig setze ich keinen Fuß über die Schwelle.«

»Es geht morgen schon los«, erklärte Heather. »Und falls wir dann noch hier in unserer Küche sitzen, trägt man uns tatsächlich raus. Das hat der Mann ausdrücklich gesagt – und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln.«

Diese letzten Worte sorgten eine Weile für eisiges Schweigen. Selbst das Schluchzen und Wimmern hatte Heather für einen Moment vergessen.

Irgendwann donnerte Charles mit beiden Fäusten gleichzeitig auf den Küchentisch. Gegenüber rollten zwei Orangen von der Platte und landeten auf dem Boden. »Wir wehren uns!«

»Wie sollten wir uns denn wehren?«, erkundigte sich seine Frau. »Sollen wir uns vielleicht am Herd festketten oder einfach nur im Badezimmer einschließen?«

»Mir fällt schon was ein«, kam es flüsternd zurück.

»Dieses Mal wird das nichts«, erwiderte Heather ebenso leise. »Wir sollten uns lieber auf unsere letzte Station vorbereiten.«

»Wenn du mit 'letzte Station' das Altenheim am Ende der Straße meinst, dann müssen sie mich dort tatsächlich mit Gewalt über die Schwelle tragen. Das ist kein Heim, das ist ein Friedhof!«

»Fehlen nur die Kreuze«, fügte Heather mit verzweifeltem Lachen hinzu. »Aber es ändert nichts, Charlie ... wir sollten mit dem Packen anfangen.«

Als wollte ein riesiger Lkw diese Feststellung durch dröhnende Tatsachen untermauern, hielt ein solches Ungetüm mit zischenden Bremsen auf der Straße vor dem Küchenfenster. Ein Fahrer sprang heraus. Der Mann trug eine Latzhose, darunter nur ein Unterhemd. In seinem Mundwinkel klemmte ein Zigarettenstummel.

»Meinen Scharfrichter hab ich mir irgendwie anders vorgestellt.« Charles brachte sogar ein Lachen zustande. »Wollen die jetzt schon anfangen oder was?«

»Wir hätten es wissen müssen«, sagte seine Frau. »All die anderen haben ihre Häuser längst verlassen und sich ihrem Schicksal ergeben. Benny Brown von nebenan und seine Familie erst vor ...«

»... ein paar Wochen«, vervollständigte Charles mit verbitterter Stimme. »Aber ich erinnere mich zufällig auch noch daran, wie Rupert Raffzahn dem Bürgermeister versprochen hat, dass er in unserem Viertel keine neuen Hochhäuser baut.«

»Das hat er aber dem alten Bürgermeister versprochen!«, erwiderte Heather mit erhobenem Finger. »Bei dem neuen könnte ich mir sogar vorstellen, dass der selbst einen der Lkw fährt und mithilft.«

Charles hatte nach den Händen seiner Frau gegriffen und umklammerte die energisch. Seine Miene war eine Mischung aus Verzweiflung und Trotz. »Kannst du mir sagen, was wir machen sollen?«

»Packen!«, erklang es nach kurzem Überlegen. »Was bleibt uns denn anderes übrig?«

Eine ganze Zeit lang herrschte Schweigen. Derweil hatte draußen vor dem Küchenfenster ein weiterer Lkw gehalten. Auf dessen Anhänger erhob sich ein riesiger Bagger, mit einer Schaufel, die wie das gefräßige Maul eines Monsters aussah.

»Hast du eine Ahnung, wie klein die Zimmer auf unserem zukünftigen Friedhof sind?« Mittlerweile konnte sich auch Charles der Tränen nicht mehr erwehren. »In jeder Gefängniszelle ist mehr Platz als dort – glaube ich wenigstens.«

Heather schaute auf und befreite ihre Hände aus denen ihres Mannes. »Trotzdem sollten wir lieber anfangen – und nur das Notwendigste mitnehmen.«

 

 

3

 

Mittlerweile war es Abend. Auf beiden Seiten des Mauselochs herrschte Krisenstimmung.

»Kannst du es mir bitte noch mal erklären«, zischte Mimi mit der Stimme eines ihrer Erzfeinde: einer Schlange. »Die beiden müssen morgen früh aus ihrem Haus verschwunden sein, richtig?«

Morty nickte. Er hatte den Kopf ein Stück eingezogen, was bei ihm immer für einen plüschigen Pelzkragen sorgte. Aber das Gesicht seiner Frau pochte auf eine Erklärung und es war vermutlich keine gute Idee, sie lange warten zu lassen.

Er holte schon tief Luft, aber Mimi kam ihm zuvor: »Wenn die beiden ausziehen, dann haben wir kein Futter mehr und bald wahrscheinlich auch ...«

»... kein vernünftiges Dach mehr über dem Kopf«, komplettierte Morty widerwillig. »Dieser Rupert Raffzahn will unser schönes Zuhause abreißen lassen und eins von diesen neuen Hochhäusern bauen. Eines, wie das oben beim ...«

»Ich weiß, was ein Hochhaus ist!« Mimi wanderte unruhig durchs Mauseloch. »Hast du auch gehört, wie die beiden reagieren wollen? Meine Großmutter hat schon in diesem Loch gelebt. Meine Mutter, und ...«

»Sie haben einige Zeit diskutiert«, unterbrach Morty seine Frau. »Wenn ich sie richtig verstanden habe, dann packen sie bereits.«

Im Mauseloch machte sich trübe Stille breit.

»Und was wollen wir jetzt machen?«, fragte Mimi, nachdem eine gefühlte Ewigkeit vergangen war. »Wollen wir uns etwa einfach damit abfinden?«

Morty deutete auf die Sardinenbüchse, deren Deckel er mithilfe zweier Eichhörnchen, die im Garten hinter dem Haus lebten, entfernt hatte. Danach hatte er sie mit Papier und Watte ausgepolstert, weil seine Mimi gerne bequem schlief. Und auch er hatte nichts dagegen, seinen Kopf auf Watte, statt auf harten Steinen zu betten.

»Am besten legen wir uns schlafen. Vielleicht sieht die Welt morgen schon ganz anders aus.«

»Wie sollte sie denn morgen aussehen?«, erwiderte Mimi trotzig. Trotzdem hatte sie sich auf ihrer Seite, die fast vollständig aus Watte bestand, längst langgemacht. »Glaubst du etwa an Märchen?«

»Wir haben es immer irgendwie geschafft«, flüsterte Morty, nachdem er neben ihr lag. »Probleme sind dazu da, um sie zu lösen, und nicht, um an ihnen zu zerbrechen.«

»Du hast leicht reden.« Mimi hatte sich zusammengerollt und tat widerspenstig, als ihr Mann sie umarmen wollte. »Jetzt bräuchten wir eine von deinen sagenhaften Erfindungen. Aber zur Abwechslung mal eine, die uns hilft.«

»Dein Fell ist immer noch so weich wie damals, ...«, schwärmte Morty, »... als du mir hinten im Garten durch Zufall über den Weg gelaufen bist.«

»Das war kein Zufall!«, hielt Mimi wie gewohnt gegen. »Ich hab dich schon ein paar Tage zuvor gesehen, wie du deinen Kopf durch den Zaun gesteckt und mich beim Fressen beobachtet hast.«

»Hab ich gar nicht!« Morty vergrub seine Schnauze in Mimis weichem Fell. Danach klang seine Stimme gedämpft. »Du brauchst dir gar nichts einzubilden.«

»Ich hab keinen Tag mit dir bereut«, flüsterte Mimi. Plötzlich zitterte ihr Körper, ihre Haare stellten sich auf. »Keinen einzigen!«

»Weinst du?«, fragte Morty vorsichtig. Er umarmte sie noch fester und versuchte, jeden Millimeter ihres Körpers zu berühren. »Wir schaffen das, vertrau mir.«

Mimi schüttelte nur den Kopf und schluchzte. Es dauerte nicht lange, bis sie eingeschlafen war.

Morty ließ ihren Körper los und zog die Decke – einen karierten Stofffetzen, den er irgendwann vor dem Mauseloch gefunden hatte – noch ein Stück höher. Vorsichtig küsste er ihr freiliegendes Ohr und schüttelte sich kurz, weil es an seinen Barthaaren kitzelte. Danach stieg er ganz leise aus der Sardinenbüchse und streckte sich, um seine eingerosteten Knochen beweglich zu machen. In diesem Moment erinnerte er sich an Mimis Worte: Eine Idee musste her ... eine Erfindung!

Dieser Rupert Raffzahn hatte vielleicht einen Plan, aber bei dem hatte er etwas vergessen: Eine Maus, die auch einen Plan hatte. Aber einen ganz anderen!

 

 

4

 

»Ich war heute Morgen schon drüben im Altenheim«, erklärte Charles, nachdem er atemlos die Tür hinter sich geschlossen hatte. Seine Stimme verhieß bereits nichts Gutes, sein Gesicht den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang.

Doch Heather riskierte trotzdem eine Frage: »Und ... wie schlimm ist es?«

Ihr Mann fiel auf seinen Stuhl und stützte sich auf dem Küchentisch ab. »Noch schlimmer, als ich erwartet habe.« Sein Blick fiel auf mehrere Kartons und zwei Koffer, die Heather in der Zwischenzeit links und rechts neben dem Mauseloch aufgestapelt hatte. »Möbel dürfen wir gar keine mitnehmen. Und wir haben nur einen gemeinsamen Kleiderschrank ... der ist nicht mal einen Meter breit.«

Heather sprang auf und schnappte sich kurzerhand einen der Koffer. »Dann bleibt der auf jeden Fall komplett hier. Wozu brauche ich denn noch Kleider oder Röcke?«

Ihr Mann schaute sie völlig entgeistert an. »Was ist denn mit deinem Hochzeitskleid?«

»Das hat in den letzten fast sechzig Jahren ein bisschen gelitten«, erwiderte Heather mit zitternder Stimme, aber sie brachte auch ein zaghaftes Lächeln zustande. »Und wenn ich stattdessen auf meine Strickjacke oder einen warmen Pullover verzichten müsste ...« Sie schluchzte kurz. »Mach es mir doch bitte nicht noch schwerer, als es ohnehin schon ist, Charlie.«

»Wir haben auch noch eine Kommode«, flüsterte Charles nach kurzer Bedenkzeit. »Mit Schubladen, da passt ein bisschen Kram rein ... obendrauf vielleicht ein paar Fotos.«

»Fotos wovon? Aus besseren Tagen?« Heather saß wieder auf ihrem Stuhl, das Gesicht in den Händen vergraben. »Ich würde am liebsten Schluss machen.«

»Daran darfst du nicht mal denken!«, fauchte ihr Mann wütend zurück. »Wir ziehen in dieses verdammte Altenheim und machen das Beste draus. Und morgen gehe ich zur Bank, um den alten Goldman nach einem Kredit zu fragen.«

Heather lachte völlig unerwartet. Ihr Fazit klang jedoch nicht nach überschäumender Freude: »Und wovon willst du den zurückzahlen – vorausgesetzt, er gibt dir überhaupt einen? Es reicht doch jetzt schon vorne und hinten nicht.«

»Ich hab mein ganzes Leben lang beim alten Gazey und später bei seinem Sohn geschuftet.« Charles klang verbittert, sah plötzlich wütend aus. »Und trotzdem reicht es heute nicht mal für Kuchen, geschweige denn für die Sahne obendrauf.«

Heather hatte nach seinen Händen gegriffen und knetete die mechanisch. »Du hast alles getan, was du tun konntest«, beruhigte sie ihn. »Woher hättest du denn wissen sollen, dass der Gazey und sein Sohn nie was in die Rentenversicherung einbezahlt haben?«

Charles hatte vermutlich einen passenden Einwand parat, aber den verhinderte ein Klopfen an der Tür. Er stemmte sich mühsam hoch und warf einen Blick über die Schulter. »Schätze, das ist das Räumkommando.«

Heather brachte sogar ein Lachen zustande. »Dann mach ruhig Raffzahns Vollstreckern die Tür auf. Ich bin bereit!«

 

***

 

»Du hast was getan?« Mimis Knopfaugen funkelten im Halbdunkel des Mauselochs.

Morty zuckte mit den winzigen Schultern und grinste über beide Mäusebacken. »Mike, Max und ich haben heute Nacht die Kabel durchgebissen.«

»Alle?«

»Ich will hoffen, dass es alle waren.«

»Und was heißt das genau?«, erkundigte sich Mimi, wobei ihr Gesicht schon eine gewisse Hoffnung widerspiegelte.

»Die Maschinen springen nicht an«, erklärte ihr Mann kichernd. »Keine einzige von denen.«

»Also wird das Haus nicht abgerissen?«

»Zumindest nicht heute«, sagte Morty widerwillig. Sein triumphierender Ton hatte sich vorerst verabschiedet. »Wir sind nur ein paar Mäuse. Und die können nicht mehr, als ...«

»Ein paar Mäuse, die verhindert haben, dass das Haus abgerissen wird!« Mimi klatschte in die Pfoten. »Das hast du sehr gut gemacht. Ich bin stolz auf dich.«

»Ich fürchte, wir haben die Sache nur ein bisschen hinausgezögert«, kam es vorsichtig zurück. »Solche Kabel lassen sich flicken und falls nicht, gibt es bestimmt noch mehr von diesen Maschinen, die ...«

»Also wird das Haus doch abgerissen?« Mimis überschäumende Freude hatte sich in Luft aufgelöst. »Falls da noch weitere von den Dingern kommen, könntet ihr doch auch deren Kabel durchbeißen. Oder etwa nicht?«

»Das stellst du dir einfacher vor, als es ist«, sagte Morty und atmete schwer. »Wie gesagt: Die Sache ist aufgeschoben, aber ganz bestimmt nicht aufgehoben.«

»Dann solltest du dir schnell was einfallen lassen.« Mimis Blick war eine Mischung aus Wut, Stolz und Zuversicht. »Schließlich bist du eine Maus, die zu Höherem geboren ist.«

»Das klang gestern aber noch ganz anders«, widersprach ihr Mann kopfschüttelnd. »Da hättest du mich am liebsten zum Mäusemacher degradiert ... und mehr nicht.«

»Das war gestern, Morty. Gestern!«

 

***

 

»Was soll das heißen: Wir können heute noch bleiben?« Die Tür hatte sich gerade erst hinter Charles geschlossen, da hatte Heather sofort die passende Frage parat. »Gestern hieß es doch noch, wir sollen packen und bereit sein, wenn Raffzahns Leute kommen, um uns abzuholen.«

»Die Baumaschinen springen nicht an. Der Transporter, mit dem unsere Sachen rübergebracht werden sollten, auch nicht.« Charles konnte sich ein hämisches Lachen nicht verkneifen. »Du weißt doch: Unrecht Gut gedeihet nicht.«

»Und was jetzt?« Heathers Mantel hing noch über ihrem Arm und fiel einfach zu Boden. »Was bedeutet das genau?«

»Nennen wir es doch eine Galgenfrist.« Während Charles redete, hatte er eine Schüssel aus einem der Kartons gefischt und füllte die mit Haferflocken. »Die Tüte war doch gestern noch fast voll«, beschwerte er sich. »Hast du so viel davon gegessen?«

Heathers Blick traf für einen winzigen Moment das Mauseloch, bevor sie halbwegs überzeugend nickte. »Ich hatte Hunger. Hast du etwa was dagegen?«

Auch Charles’ Augen wanderten zu der Stelle, an der zwei der Fußleisten eine Lücke offenließen. Schon immer. Sein Fazit lieferte er keuchend: »Irgendwann verhungern wir und die Mäuse klettern mit dicken Bäuchen auf uns herum.«

»Tu doch nicht so ... du fütterst sie doch auch!« Heathers Blick sah plötzlich verklärt aus. »Als wir vor fast fünfzig Jahren hier eingezogen sind, war das Mauseloch auch schon dort. Erinnerst du dich noch?«

»Aber die Bewohner sind heute sicherlich andere«, hielt ihr Mann gegen. »Die werden sich auch nach ’ner neuen Behausung umsehen müssen, fürchte ich.«

»Können wir sie nicht ...?«

»Mitnehmen?«

Heather nickte vorsichtig.

»Wenn du unser zukünftiges Zimmer siehst, wirst du feststellen, dass dort nicht mal genug Platz für deine drei hübschen Kissen ist. Zwei Mäuse sind da ...«

»Ist gut!«, fuhr seine Frau dazwischen. Sie klang halb wütend, halb verzweifelt. »Ich hab’s verstanden, Charlie.«

 

 

5

 

»Wie heißt der Sänger noch?« Es war erneut Abend. Mimi und Morty lagen dicht aneinandergekuschelt in ihrer Sardinenbüchse. Durch das Mauseloch hallte Musik, die aus einem Radio in der Küche dahinter stammte.

»Ich glaube, die Menschen nennen ihn Elvis.« Morty nickte eifrig, um sich selbst zu bestätigen. »Und wenn ich mich nicht verhört habe, dann ist der sogar ihr König ... aber er trägt einen Rock. Komisch bei einem Mann, oder?«

»Mir soll’s egal sein.« Mimi kuschelte sich noch ein Stück dichter an ihn heran. »Ich mag diesen König, auch wenn ich nicht mal weiß, was das ist.«

»Wir müssen morgen früh mit dem Packen anfangen«, erklärte Morty leise, nachdem dieser Elvis mit dem Singen fertig war. »Die haben die Maschinen repariert und werden ...«

»Ich will darüber jetzt nicht reden!«, unterbrach Mimi ihn. »Dir fällt schon was ein.«

»Was soll mir denn jetzt noch einfallen?« Morty hatte sich ein Stück gedreht. Die kuschelige Stimmung hatte er mit seiner überflüssigen Ermahnung ohnehin gründlich versaut. »Seit Sonnenuntergang läuft draußen ein Mann mit Taschenlampe herum. Und der passt auf, dass sich niemand an den Maschinen zu schaffen macht.«

»Aber du bist eine Maus – winzig!«

Morty sah mittlerweile verzweifelt aus und klang auch genauso. »Die haben heute alle Türen verschlossen, die gestern noch offen standen. Diese Menschen wissen genau, was sie machen müssen, um uns fernzuhalten. Du weißt doch, wie sie sind.«

»Das hat dich früher auch von nichts abgehalten.« Mimi hatte sich zur Seite gedreht und zog den karierten Stofffetzen so weit hoch, bis von ihr kaum mehr etwas zu sehen war. »Gute Nacht, Morty!«

Für den war das Thema noch nicht beendet. »Wie stellst du dir das vor? Wie soll ich die Menschen mit ihren Maschinen davon abhalten, dass sie das Haus abreißen?«

Die Decke bewegte sich keinen Millimeter. Darunter erklang nur ein leises Brummen.

»Mach dir lieber nicht zu viele Hoffnungen«, flüsterte Morty. Dabei starrte er auf seine Füße, die nicht mehr zugedeckt waren und schüttelte den Kopf. »Ich bin bereit, zu kämpfen, aber ich kann keine Wunder vollbringen.«

 

***

 

»Bei Elvis haben wir uns zum ersten Mal geküsst«, flüsterte Heather und zeigte dabei aufs Radio. »Weißt du noch?«

»Und ich dachte, es wäre beim alten Peebody gewesen ... beim Tanz am Samstagabend.«

»Du bist ein ausgewachsener Blödmann, Charles Hope!«

Dessen Augen schimmerten feucht, aber das konnte seine Heather nicht sehen. »Ich weiß sogar noch, welches Kleid du getragen hast«, schwärmte er. »Es war dunkelblau, mit großen gelben Blumen drauf. Und du hattest diese hübschen Schuhe an, die dir deine Freundin für einen Abend geliehen hat ...«

»... und am Morgen danach hatte ich Blasen an den Füßen, so groß wie Pfannkuchen.«

»Du warst die Schönste von allen – mit Abstand!«

»Das hat gegen die Blasen aber auch nicht geholfen«, protestierte Heather lachend.

Charles’ Hand wanderte zum Radio und schaltete es ab. Sein Gesicht sah plötzlich todernst aus. »Vielleicht hast du recht ...«

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Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Melanie Schubert
Bildmaterialien: Tinica10 https://stock.adobe.com/de/53476751 Lovely retired elderly couple in gar-den with flower Samkar https://stock.adobe.com/de/144807448 Morning New York Skyline Valeriya21 https://stock.adobe.com/de/158535627 Vector illustration of decorative, abstract tree with hearts and couple of birds in black color on white background. Wall sticker. Ultro no more https://stock.adobe.com/de/47602425 mice and cheese moon (vector)
Tag der Veröffentlichung: 10.01.2019
ISBN: 978-3-7438-9279-8

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