Cover

Titel

 

Mörder gesucht

Wegners letzte Fälle

von Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.01

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen oder Schauplätzen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

Ein großes Dankeschön geht an:

Michael Lohmann (Lektorat, Korrektorat: worttaten.de)

Nicolas und Hans-Elmar (für ihre Hilfe bei Konzept und Entstehung)

meine lieben Testleserinnen Birgit, Lia und Dagmar

 

 

 

Wegner in chronologischer Folge

!!! Brandneu: »Stürmisches Sylt« Hannah Lambert ermittelt (Teil4) !!!

 

Bisher aus der Reihe Wegners erste Fälle:

Aus der Reihe Wegner & Hauser:

 Aus der Reihe Wegners schwerste Fälle:

Aus der Reihe Wegners letzte Fälle:

Aus der Reihe Hannah Lambert ermittelt (Friesenkrimis): 

Aus der Reihe Auftrag: Mord!:

Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Ansonsten:

 

Weitere Titel, Informationen und einen Newsletter-Service gibt es auf meiner Homepage: ThomasHerzberg.de

 

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Inhalt

 

Mörder gesucht: Aber ausgerechnet über ein Zeitungsinserat? Als eine junge Journalistin Wegner mit einer derart hanebüchenen Geschichte kommt, reagiert der wie erwartet: Hält alles für kompletten Blödsinn! Doch es kommt anders, denn plötzlich überschlagen sich die Ereignisse … und es gibt Tote. Um weitere Morde zu verhindern, bleiben Wegner und seinem Team gerade mal fünfundzwanzig Stunden. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der weit mehr als nur Müdigkeit und Frustration bereithält ...

 

»Mörder gesucht« ist Teil 6 der Serie »Wegners letzte Fälle«

(Jeder Wegner-Fall ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Es kann jedoch nicht schaden, auch die vorangegangenen Fälle zu kennen ...;)

 

Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann - worttaten.de

 

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1

 

Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel, später Abend

 

»Was soll das? Warum ausgerechnet hier?«

»Warum denn nicht hier?«

Die beiden Männer hatten sich hinter einem Hangar der Lufthansa-Technik getroffen. Die Nacht war sternenklar, eiskalt dazu. Typisches Wetter für Anfang Januar. Und auch der Flughafen Fuhlsbüttel machte den Eindruck, als würde er sich auf einen vorübergehenden Winterschlaf vorbereiten. Allerdings nur, um am nächsten Morgen wieder in eisiger Frische aufs Neue zu erwachen.

Noch war die über drei Kilometer lange Lichterkette aktiv, die den Runway 5/23 in Festtagsbeleuchtung versetzte. Ein sicherer Hinweis darauf, dass sich noch eine Maschine im Landeanflug befand. In den Terminals müssten die späten Rückkehrer vermutlich bis nach Mitternacht ausharren, um mit ihren Koffern schnellstmöglich den Heimweg antreten zu können.

Aber das interessierte die zwei dunklen Gestalten, deren Atem in gewaltigen Kondenswolken nur träge in Richtung Nachthimmel aufstieg, wohl kaum. Die beiden standen nebeneinander vor einem der Hangar-Notausgänge. Sie machten nicht den Eindruck, als wäre ihnen nach Kuscheln und dem gleichzeitigen Austausch von Wärme zumute.

»Haben Sie wenigstens mein Geld dabei?«

»Welches Geld?«

Im Licht einer der Außenlaternen präsentierte Oliver Drews inzwischen ein dämliches Grinsen; eine Mischung aus Verunsicherung und Gier. »Den Rest!«, erklärte er übereilt. »Ihr Chef hat mir doch versprochen, dass ich heute ...«

Eine Hand schoss empor und sorgte augenblicklich für Ruhe. »Ich weiß nicht, von welchem Geld Sie reden. Und außerdem: Sie haben vielleicht einen Chef – ich nicht!«

Oliver Drews wollte schon antworten, aber eine landende Boeing 737 hielt ihn davon ab. Deren Reifen hatten kaum den Asphalt berührt, da aktivierte der Pilot den Gegenschub der Triebwerke. Ohrenbetäubender Lärm, der ohnehin jedes Wort verschluckt hätte.

Die Maschine kam in rasantem Tempo näher. Am Ende der Landebahn bog sie in Richtung Cargo-Center ab. Am hinteren Leitwerk war die Aufschrift UPS zu erkennen.

Als der Lärm etwas nachließ, versuchte es Oliver Drews mit einer weiteren Frage. Dafür musste er aus vollem Halse brüllen: »Wenn Sie nicht gekommen sind, um mir mein Geld zu bringen – was wollen Sie denn dann von mir?«

Die Antwort erfolgte stufenweise. Anfangs zeigte das Gesicht vor ihm ein mitleidvolles Lächeln, das von eiskalten Augen und schmalen Lippen abgelöst wurde. Im Halbdunkel der Laternen ein schauriger Anblick.

Auf den letzten Teil hätte Oliver Drews sicherlich gerne verzichtet, denn der Mann vor ihm zückte ein Messer. Dessen lange, schmale Klinge blitzte kurz auf.

»Lassen Sie den Mist ... oder ich schreie um Hilfe!«

Unmittelbar nach dieser Ankündigung heulten die Triebwerke der 737 erneut auf. Der Pilot gab noch mal richtig Gas, um seinen zugewiesenen Hangar schnellstmöglich zu erreichen. Schließlich warteten davor im Flutlicht einiger Scheinwerfer bereits etliche Männer mit Gabelstaplern und Transportwagen, um den Bauch der Frachtmaschine in Windeseile zu entleeren.

Vielleicht ein guter Moment für Verhandlungen: »Hören Sie mit dem Mist auf!«, brüllte Oliver Drews gegen den abebbenden Lärm an. »Ich hab doch alles getan, was ich ...«

Er war abrupt verstummt. Zwangsweise, denn eine riesige Pranke hatte sein Gesicht gefunden und verdeckte es beinahe zur Hälfte. Er spürte eiskalte Finger auf seinen Lippen, wollte sich schon wehren, da kam ein brennender Stich in seiner Achselhöhle hinzu. Er hatte es gar nicht richtig mitbekommen, aber offensichtlich hatte sich eine Klinge bereits ihren Weg durch eine dicke Winterjacke, einen Pullover und ein T-Shirt darunter gebahnt.

Der Schmerz war plötzlich vorüber, wurde jedoch von einem seltsam warmen Gefühl abgelöst, das wie ein Schauer an seiner Seite hinunterlief. Ein Gefühl, an das sich Oliver Drews aus seiner Kindheit erinnerte. Als kleiner Junge hatte er fast jeden Tag in der Badewanne gesessen. Davor seine Mutter, auf einem Stuhl. Die hatte mit einem großen Becher immer wieder heißes Wasser aus der Wanne geschöpft und damit seinen Körper übergossen. Ein wohliges Gefühl. Für ihn bis heute der empfundene Superlativ von Liebe und Geborgenheit. Manche Dinge im Leben vergisst man eben nie.

Oliver Drews wollte seine Arme heben, sich wehren, musste allerdings feststellen, dass ihm jede Kraft abhandengekommen war. In seinem Kopf machte sich ein seltsamer Nebel aus Resignation und Erschöpfung breit. Bleierne Müdigkeit übermannte ihn urplötzlich. Passend dazu verloschen in diesem Moment die Landelichter auf dem Rollfeld des Flughafens. Das bunte Spektakel war vorüber, hatte sich bis zum nächsten Morgen der Dunkelheit ergeben.

Er nahm einen weiteren Stich wahr. Weiter unten, in Höhe seiner rechten Leiste. Es fühlte sich wie ein kurzer brennender Peitschenhieb an. Danach hatte dieses seltsam warme Gefühl auch seinen linken Oberschenkel erreicht und war auf dem Weg hinab in Richtung Kniekehle.

Oliver Drews schaffte es ein letztes Mal, seinem Angreifer direkt in die Augen zu blicken. Dort fand er – neben Eiseskälte und völliger Gleichgültigkeit – noch etwas anderes: den Tod ... seinen Tod!

 

 

2

 

»Morgen, Cheffe ... gut geschlafen?«

»Sie werden es auch nie lernen, Busch.« Wegner schleuderte seine Aktentasche auf den Schreibtisch und landete stöhnend in seinem Drehstuhl. »Langsam sollten Sie wissen, dass ich auf gute Laune allergisch reagiere – insbesondere morgens.«

Von diesem altbekannten Kurzvortrag ließ sich Detlef Busch jedoch nicht beeindrucken. Er hatte zwei Becher mit Kaffee gefüllt und stellte seinem Chef einen davon direkt vor die Nase.

»Zum Wohl, Erhabener!«

Wegner langte wortlos nach dem Becher und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. »Gibt’s Arbeit?«

»Meinen Sie neue Leichen?«, erkundigte sich Busch lachend.

»Was sollte ich denn sonst meinen?«, fragte Wegner kopfschüttelnd.

»Heute ist Freitag«, schwärmte sein junger Kollege übertrieben fröhlich. »Wenn ich ehrlich bin, hoffe ich, dass nichts mehr passiert. Anja und ich wollen am Wochenende ...«

»Ich dachte, Anjas Onkel wäre krank. Vorgestern hieß es doch noch, Sie und Anja wollen bei dem mal anständig für Klarschiff sorgen.«

»Das Leben besteht aber aus mehr als nur Arbeit. Das lernen Sie auch noch irgendwann.«

Wegner fasste sich mit beiden Händen an den Kopf. »Oh Gott ... da ist heute wieder einer als Philosoph aufgewacht.«

»Wer ist aufgewacht?« Anja kam kichernd herein. Sie hatte wohl die letzten Worte aufgeschnappt und gleich die entsprechende Frage parat.

»Er!« Wegner schüttelte müde den Kopf und zeigte mit dem Finger auf Detlef Busch.

Der eilte seiner Freundin und Kollegin entgegen, um sie zu begrüßen.

Doch Anja hielt ihn noch auf Abstand und nahm ihren Chef ins Visier. »Und Sie meinen, er ist wirklich aufgewacht? Ernsthaft?«

»Höchste Zeit wär’s ja«, erwiderte Wegner mit müder Stimme. »Aber eigentlich ist es wie jeden Morgen: Ich wünsche mir, er wäre einfach liegen geblieben.«

Anja lachte, auch wenn sie sich dafür einen wütenden Blick von Busch einfing. »Geht es denn um irgendwas Spezielles?«

»Ich hab gedacht, wir könnten am Wochenende mal ausspannen und ... schließlich gibt es ja auch was zu feiern. Ich habe unserem großen Gönner gerade erklärt, dass das Leben aus mehr als nur ...«

Wegner schnitt seinem jungen Kollegen das Wort ab: »Er will mit Ihnen an die Ostsee und Ihre Beförderung zur Kommissarin feiern – während Onkel Wolfgang sehen kann, wo er bleibt. Das will er Ihnen zwischen Tür und Angel stecken.«

»Wieso Ostsee?« Anja schüttelte verwirrt den Kopf. Aktuell galt ihre volle Aufmerksamkeit Detlef Busch, der vor ihr immer kleiner wurde. »Ich hab dir doch gesagt, dass ich am Wochenende bei meinem Onkel aufräumen will. Kommissarin hin oder her – Wolfgang ist wichtiger!«

»Wenn ich mich richtig erinnere, wollte er vorgestern sogar noch helfen«, ergänzte Wegner in gehässigem Ton. »Aber der junge Herr Kommissar amüsiert sich ja lieber in Travemünde oder Scharbeutz und mimt Graf Koks ...«

»Das ist nicht fair, Cheffe!« Buschs Blicke wechselten zwischen Wegner und Anja. Wohl, um seine Erklärung zu unterstreichen, packte er seine Freundin sanft an den Schultern und schüttelte sie sogar ein bisschen. »Außerdem habe ich Onkel Wolfgang nicht vergessen, sondern wollte dir einfach mal ein paar Tage Auszeit verschaffen. Entspannung! Verstehst du?«

»Und wenn der liebe Herr Onkel bis Montag in seinem Müll erstickt ist ...« Wegner warf die unsichtbaren Sorgen mit einer lässigen Bewegung über die Schulter. »... wen stört’s?«

»Mich!«, fauchte Anja. Wobei ihr giftiger Blick Busch und nicht etwa ihrem Chef galt. »Du kannst dich ja gerne an der Ostsee amüsieren. Ich bleibe hier in Hamburg und räume bei Onkel Wolfgang auf.« Mit diesem letzten Satz machte Anja auf den Hacken ihrer Sneakers kehrt und stürmte mit fliegenden Fahnen aus dem Büro der Mordkommission.

Nachdem Busch mit hängenden Schultern hinter seinem Schreibtisch angekommen war, wurde es wohl Zeit für einen Kommentar: »Danke, Cheffe!« Seine Miene war eine Mischung aus Wut und Verzweiflung. »Wer Freunde wie Sie hat, braucht keine Feinde.«

»Gern geschehen.« Wegner hatte seine Füße auf einer offenen Schublade geparkt. In seinem Schoß lag die aktuelle ›Mopo‹, der seine wesentliche Aufmerksamkeit gehörte. »Wenn die in Berlin nicht langsam mal zu Potte kommen, dann dauert es bis zum Sommer, bis wir ’ne neue Regierung haben. Dass das mit Jamaika nichts wird, war mir von vornherein klar. Da denkt doch jeder sofort nur an Rum.«

Detlef Busch beschränkte sich auf ein Nicken und langte nach einem Papierstapel: den Einsatzberichten der vergangenen Nacht. Am liebsten hätte er geschwiegen, aber es rumorte unverändert in ihm. »Wissen Sie, wonach es in Onkel Wolfgangs Wohnung stinkt?«

Wegner ließ die ›Mopo‹ in seinen Schoß fallen und schaute auf. Seine Miene verhieß zahlreiche Vermutungen, doch sein Mund blieb fest verschlossen.

Also lieferte Busch die Erklärung: »Nach Verwesung!«

»Und?«

»Was soll das heißen: und?« Busch sah mittlerweile völlig verzweifelt aus. »Nach spätestens fünf Minuten in seiner Wohnung wird mir grundsätzlich kotzübel.«

»Sehen Sie – dann wird es doch erst recht höchste Zeit, mal anständig für Ordnung zu sorgen.«

Busch winkte ab und konzentrierte sich wieder auf die Berichte.

Plötzlich war es Wegner, der offensichtlich noch nicht genug von diesem Thema hatte. »Was glauben Sie eigentlich, wie’s bei Ihnen riecht, wenn Sie mal alt sind?« Er schüttelte den Kopf und lachte. »Ach so ... hab ich vergessen: Ein Geldsack wie Sie kann sich ja auch mit neunzig noch drei Putzfrauen leisten.«

»Wann hört das endlich auf?«, jammerte Busch, das Gesicht in den Händen vergraben.

»Wenn es bei Onkel Wolfgang nach Verwesung riecht, dann kaufen Sie entweder ’nen Sarg oder vernünftige Putzmittel.« Wegners Lachen dröhnte durchs Büro. »Kann doch nicht so schwer sein, eine Bude auf Vordermann zu bringen.«

Das Telefon klingelte und befreite Busch von der Notwendigkeit, eine Antwort zu liefern.

Ausnahmsweise langte allerdings Wegner zum Hörer. Das Gespräch war wie üblich nach einer halben Minute beendet.

»Was ist los?«, fragte Busch, der ein paar Brocken mitbekommen hatte.

»Fürchte, Onkel Wolfgang muss doch noch ein bisschen warten.« Wegner kritzelte eine Weile auf einem Zettel herum und hielt den seinem Kollegen bereits entgegen. »Es gibt Arbeit, Kommissar Putzteufel.«

Busch klatschte den Papierstapel auf seinen Schreibtisch. »Mord?«

»Sieht so aus. Haben Sie damit auch ein Problem?«

»Wo?«, erkundigte sich Busch völlig unbeirrt.

»Am Flughafen. Hinter einem Hangar der Lufthansa-Technik ... die Kollegen warten schon auf Verstärkung vom Fach.« Wegners Stirn kräuselte sich. »Bleibt die Frage, warum ich einen wie Sie hinschicke?«

Busch grinste gequält und zog sein iPhone aus der Tasche. Er wollte Anja informieren, die sich nach ihrem Wutanfall bestimmt in die Kantine verkrümelt hatte, um dort Dampf abzulassen. Bevor er wählte, warf er noch einen kurzen Blick über die Schreibtische. »Wie wäre es denn bei Ihnen mit ’nem Ausflug an die Front, Cheffe? An das letzte Mal mit Ihnen zusammen kann ich mich kaum mehr erinnern.«

Wegner schnappte sich einen anderen Zettel und hielt den kopfschüttelnd empor.

»Ach ja ... Sie haben ja einen Termin mit dieser Zeitungs-Tante.« Busch präsentierte ein Grinsen, das von einem Ohr zum anderen reichte. »Aber nicht wieder verlieben!« Er zeigte mit Blicken auf ein gerahmtes Foto, das mitten auf dem Schreibtisch seines Chefs stand. »Schätze, Frau Graf hätte was dagegen.«

»Das wäre mein kleinstes Problem«, erwiderte Wegner lachend. »Die Gräfin verweilt noch bis nächsten Dienstag mit ihrem Chef auf ’ner Tagung in München. Wahrscheinlich überlegen die krampfhaft, welche farbenfrohen Spiele man in der Politik sonst noch so veranstalten kann.«

»Hat sie wieder ein gemeinsames Zimmer mit dem Innensenator ... oder hat es dieses Mal für zwei gereicht?«

Anstelle einer Antwort zog Wegner seine Strickjacke ein Stück beiseite, bis sein Schulterholster zu sehen war.

Busch lachte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. »Sie würden doch niemals auf einen Kollegen ... ich meine ...«

Wegners Rechte umschloss den Griff seiner Dienstwaffe, der Zeigefinger seiner Linken zeigte zur Bürotür und hatte damit für Ruhe gesorgt.

Detlef Busch, der diesen Hinweis offensichtlich verstanden hatte, war auf dem Weg in Richtung Tür. »Soll ich noch schnell was für Sie zum Frühstück aus der Kantine mitbringen?«

»Sehen Sie lieber zu, dass Sie loskommen. Ansonsten ist die Leiche verwest, bis Sie am Flughafen ankommen. Und ich kann mir hinterher wieder das Gequake anhören, weil es dem Jungspund in der Nase kribbelt.«

 

 

3

 

»Wolltest du wirklich an die Ostsee fahren, während mein Onkel Wolfgang ...?«

»Mein Gott! Ich kann auch machen, was ich will – am Ende ist alles verkehrt.« Busch hatte seinen Dienst-Audi gerade erst vom Parkplatz des Präsidiums gelenkt und sich in den fließenden Verkehr Richtung City Nord eingefädelt. Anja saß neben ihm, die Hände demonstrativ im Schoß gefaltet.

»Ich hab dir doch gesagt, dass ich mich in nächster Zeit um meinen Onkel kümmern muss. Wolfgang kann ohne fremde Hilfe nicht ... sonst hat er niemanden mehr.«

»Du sollst dich ja auch um ihn kümmern«, bestätigte Busch seine Freundin in bemüht sanftem Ton. »Aber es muss doch auch mal ein Wochenende geben, an dem wir ein bisschen Zweisamkeit üben. Oder etwa nicht?«

»Das klingt gerade so, als hätte ich vor, zwei Tage nur zu putzen.« Anja nutzte die Gelegenheit an einer roten Ampel, um ihren Freund und Kollegen kopfschüttelnd zu mustern. »Wenn es dein Onkel wäre, dann ...«

»Meine Onkel sind beide tot«, fuhr Busch dazwischen. »Außerdem war ich doch bis jetzt jedes Mal mit von der Partie, wenn du bei Wolfgang alles auf den Kopf gestellt hast. Oder etwa nicht?«

»Die letzten Male hast du aber schon nach ’ner halben Stunde rumgemeckert«, sagte Anja, die sich längst wieder auf den Griff am Handschuhfach konzentrierte. »Irgendwann ist Wolfgang tot und dann ...«

»... müssen wir seine Wohnung nur noch ein letztes Mal putzen«, vervollständigte Busch mit vorsichtigem Lachen. »Vielleicht hast du’s vergessen: Ich hab sogar ’ne Hühnersuppe für deinen Onkel Wolfgang gekocht, weil er die so liebt. Nach einem Rezept meiner Großmutter.«

»War die bei deiner Oma auch immer so versalzen?«, fragte Anja lachend. Damit waren die vorangegangenen Streitereien wohl vergessen. »Was erwartet uns eigentlich am Flughafen?«, erkundigte sie sich nach kurzem Schweigen.

»Ich hab zwei Flüge auf die Malediven gebucht«, erklärte Busch mit tonloser Stimme. »Wenn du’s dort mit mir aushältst, dann kommen wir am besten nie wieder zurück. Und falls auf den Malediven niemand abgemurkst wird, könnten wir die Arbeit auch endlich mal vergessen.«

Anja drehte am Radio. Die Stimme von John Ment – dem Frontmann und Star der Morning Show bei ›Radio Hamburg‹ – wurde lauter. Aktuell ging es um Hüftgold, das die zurückliegenden Weihnachtstage auf den Hüften etlicher Hamburger hinterlassen hatten.

Ein gutes Stichwort für Busch: »Wir waren Heiligabend und am zweiten Feiertag übrigens auch bei deinem Onkel. Nur, falls du’s vergessen hast. Dafür hab ich sogar meinen Eltern abgesagt und mir was anhören müssen.«

»Jetzt hör doch endlich mal von Wolfgang auf!«, moserte Anja. Sie drehte das Radio noch lauter. Die Ratschläge dort waren altbekannt: Begriffe wie Trennkost, Low-Carb und FDH machten schließlich schon seit etlichen Jahren die Runde.

Busch musste erneut lachen. »Nur, falls du fragen willst: Nein ... du bist mir nicht zu dick. Eher das Gegenteil.«

»Vielleicht kannst du mir endlich mal verraten, was uns am Flughafen erwartet«, stöhnte Anja genervt. »Und ich möchte bis morgen nichts mehr von Onkel Wolfgang hören. Ansonsten stecke ich ihn mit dem Kopf in deine versalzene Hühnersuppe und warte, bis keine Blasen mehr aufsteigen.«

Busch konnte sich ein weiteres Lachen mühsam verkneifen. Er setzte den Blinker und bog auf die Sengelmannstraße in Richtung Flughafen ab. »Der Alte hat mir kaum was erzählt. Aber ich gehe mal davon aus, dass uns ’ne Leiche erwartet.«

»Das wäre ja mal was ganz Neues!«

»Silvester waren wir übrigens auch bei Onkel Wolfgang«, flüsterte Busch und zog danach den Kopf ein Stück ein. »Fast bis Mitternacht ... hinterher warst du zu müde, um noch ’ne Runde über den Kiez zu drehen – für alles andere sowieso. Erinnerst du dich?«

 

***

 

Wegner hatte seinen Dienstwagen vor dem vollverglasten ›Spiegel‹-Gebäude auf der Ericusspitze geparkt. Die Hamburger Zentrale des Nachrichtenmagazins stellt eines der architektonischen Highlights in der HafenCity dar und wirkt seit Jahren auf Touristen aller Herren Länder wie ein Magnet.

Diese Anziehungskraft schien bei Wegner nicht zu wirken. Er war zum ersten Mal hier und bestenfalls mäßig beeindruckt. Nach seinem Weg durch die Empfangshalle begrüßte der Pförtner ihn gleich auf herzerwärmende Weise: »Können Sie nicht lesen? Hier sind Hunde verboten!«

Wegner schaute nach unten. Rex schnupperte am Empfangstresen, den wohl gerade erst jemand auf Hochglanz poliert hatte. Der Schäferhund wohnte seit einigen Tagen wieder bei ihm, weil seine Nachbarin überraschenderweise ins Krankenhaus gekommen war. Und auch mit der baldigen Rückkehr der alten Frau war wohl nicht zu rechnen. Ergo: In den nächsten Tagen, vielleicht sogar Wochen, müsste sich Wegner wieder selbst um seinen Schäferhund kümmern. Auf dem Weg zum Verlag hatte er ihn zu Hause abgeholt. Unten auf der Straße wäre der arme Kerl vor Erleichterung beinahe geplatzt.

»Haben Sie mich verstanden?«, fragte der Pförtner. »Sprechen Sie ...?«

»Das ist kein Hund!«, unterbrach Wegner den Mann, während er seinen Dienstausweis in sicherer Entfernung emporhielt. »Das ist ein Polizeibeamter ... ein Kollege.«

»Zu wem wollen Sie denn überhaupt?«, erkundigte sich der Pförtner nach kurzer Bedenkzeit. Der Mann machte noch immer den Eindruck, als hätte er den unerwünschten Besucher vor sich am liebsten direkt vor die Tür gesetzt.

Wegner zog einen Zettel aus der Tasche und klatschte ihn auf den Tresen. Seine Fingerabdrücke waren rechts und links daneben noch eine Weile sichtbar.

»Wenn das so ist, rufe ich Frau Daum am besten an«, erklärte der Pförtner widerwillig. »Die holt Sie hier unten ab.« Danach zeigte er mit Blicken auf eine Sitzgruppe. »Sie warten lieber da vorne. Und passen Sie bitte auf, dass der Hund bei Ihnen bleibt, ja!«

Zwei Minuten später öffneten sich ein Stück entfernt Fahrstuhltüren. Die entließen eine überaus attraktive Frau von höchstens dreißig. Während sie durchs Foyer schwebte, flatterten blonde Naturlocken um ihre Schultern.

»Herr Wegner?« Dorothee Daum streckte ihm mit strahlendem Lächeln eine Hand entgegen. »Freut mich, dass Sie es geschafft haben.«

»Ihr Pförtner freut sich auch.« Wegner deutete lachend auf den Mann, der ihn aus sicherer Entfernung noch immer mit giftigen Blicken musterte. »Vielleicht sollten wir uns lieber in ein Café verkrümeln, Frau Daum.«

»Nennen Sie mich bitte Doro ... das tut jeder!« Die Journalistin klopfte lachend auf eine Tasche, die unter ihrem Arm klemmte. »Und auf eine Flucht habe ich mich schon vorbereitet ... hab alles dabei.«

Wegner erhob sich stöhnend. Rex klebte an seiner Seite. Der Schäferhund tat sich seit jeher schwer, wenn er sein Umfeld nicht komplett überblicken konnte. Davon abgesehen konnte man ihn reinen Gewissens als pelzige Wuchtbrumme bezeichnen. Egal wo, egal wann ... Rex sorgte überall für Chaos, wenn man ihn von der Leine ließ.

»Das ist aber ein Prachtkerl«, stellte Doro bewundernd fest. Sie bückte sich und begann sofort, Rex zu streicheln.

Wegner lehnte sich ebenfalls ein Stück nach vorne und versuchte es mit einem freundlichen Lächeln. »Können Sie mir vielleicht erst mal verraten, worum es überhaupt geht? Am Telefon klang das ja alles fürchterlich geheimnisvoll.«

Das Gesicht der jungen Journalistin hatte sich von einem Moment zum nächsten dramatisch verändert. Sie sah todernst aus. Und auch ihre Stimme passte zu ihrer Antwort: »Es geht um einen ... Serienmörder.«

Wegners Brauen wanderten nach oben. »Einen, der auf freiem Fuß ist?«

»Sonst hätte ich Sie wohl kaum angerufen, oder?«

 

 

4

 

Auf dem Hamburger Flughafen herrschte die gewohnte morgendliche Betriebsamkeit. Jeder hatte es eilig. Geschäftsleute mit Aktentaschen oder winzigen Trolleys eilten in die eine, Touristen mit riesigen Koffern in die andere Richtung.

Busch und Anja hatten den ersten Terminal durchquert und waren auf dem Weg hinter die Kulissen des Flughafens. Dort erwartete sie der Logistik-Chef, ein schlaksiger Anzugträger mit ungesunder Gesichtsfarbe, namens Fellmaier. Dessen Hauptaufgabe sollte es sein, überall für freien Zugang zu sorgen.

»Schöne Schweinerei!«, stellte der Mann im Laufen keuchend fest. »Ihre Kollegen sind schon seit ’ner halben Stunde vor Ort. Wenn das so weitergeht, dann legen die noch meinen kompletten Betrieb lahm.«

»Wieso? Ich dachte, man hat die Leiche irgendwo draußen in der Nähe vom Rollfeld gefunden.«

»Hier ist alles vernetzt!«, erklärte der Logistik-Chef und betonte dabei jede einzelne Silbe. »Wenn nur ein kleines Rädchen stillsteht, kann es passieren, dass eine Stunde später alles steht.«

Detlef Busch hatte die passende Antwort parat: »Entschuldigen Sie bitte, dass wir im Falle eines Mordes auf Spuren angewiesen sind. Wenn’s recht ist, werfen wir nur einen kurzen Blick auf die Leiche und lassen sie danach einfach liegen. Wäre das okay?«

Fellmaier war schnaufend stehen geblieben, um eine Verbindungstür zu öffnen. Der Mann hatte den Kommentar offensichtlich verstanden und mühte sich deshalb um ein verbindliches Lächeln. »Was glauben Sie denn, wie lange es dauern wird?«

»Meinen Sie, bis wir den Mörder gefunden haben?«, erkundigte sich Anja übertrieben fröhlich.

»Ich meine, bis hier alles wieder reibungslos läuft.« Fellmaier zeigte kopfschüttelnd auf seine Uhr. »Um diese Zeit haben wir die meisten Passagiere und Koffer. Wenn da ein Problem auftaucht, fliegen etliche Maschinen zu spät los.«

»Das wäre ja auch nichts Neues!«, hielt Busch nüchtern gegen. Er zeigte auf eine Glastür, hinter der ein Kombi mit laufendem Motor stand. »Fahren wir?«

Fellmaier verzog das Gesicht und hob in lehrerhaftem Ton von Neuem an: »Bis zum richtigen Hangar sind es von hier noch knapp drei Kilometer. Wir können auch zu Fuß gehen, wenn Ihnen das trotz der Kälte lieber ist.«

»Das würde die Sache nur unnötig verzögern«, flötete Anja. Danach verpasste sie dem Logistik-Chef einen Stupser in die Seite. »Lassen Sie uns friedlich bleiben, wir machen schließlich alle nur unseren Job.«

Fellmaier nickte. »Einer unserer Facility-Manager ...«

»Sie meinen einen der Hausmeister?«, fragte Busch zur Sicherheit nach und erhielt ein widerwilliges Nicken als Antwort.

»... der Mann ist für die Außenanlagen verantwortlich. Er hat die Leiche neben einem der Hangars gefunden. Da war’s noch dunkel.«

»Wo ist dieser Mitarbeiter jetzt?«, wollte Anja wissen.

»Ein Rettungswagen hat ihn ins Krankenhaus gebracht. Der arme Kerl stand total unter Schock – aber ich glaube ohnehin nicht, dass der Ihnen helfen kann.«

»Seine Aussage brauchen wir trotzdem, wenn Sie nichts dagegen haben.« Busch zeigte auf die Glastür, schließlich wurde es Zeit zum Aufbruch.

»Du kannst aber auch giftig werden«, stellte Anja flüsternd fest, nachdem sie neben Busch auf der Rückbank des Kombis gelandet war. Fellmaier saß auf dem Fahrersitz und manövrierte den Kombi in halsbrecherischem Tempo zwischen Flugfeldfahrzeugen und rollenden Gangways hindurch. »Liegt das etwa alles an Onkel Wolfgang?«

»Ich dachte, du wolltest bis morgen nicht mehr über ihn reden.«

Anja verzichtete auf eine Antwort und zeigte die Startbahn entlang. Um diese Zeit standen die Maschinen etlicher Fluggesellschaften Schlange, um endlich abheben zu dürfen. »Wenn ich das sehe, bekomme ich tatsächlich Fernweh. Was hattest du noch gesagt ... Malediven?«

»Bei dem Scheißsommer gäbe es vermutlich nichts Besseres.« Busch stöhnte geräuschvoll. »Ich hatte letztes Jahr so gut wie gar keinen Urlaub. Wenn du willst, können wir jederzeit ...«

»Wir warten!«, unterbrach ihn Anja. »Mindestens, bis es Onkel Wolfgang bessergeht.«

»Und was ist, wenn ... ich meine ...?«

»Darüber will ich gar nicht nachdenken!« Anja verstummte, denn eine Vollbremsung zwang sie dazu, sich an der Rückenlehne vom Beifahrersitz festzuhalten.

»Drüber reden sollten wir aber trotzdem.« Busch zog mit vielsagender Miene am Türöffner. »Und jetzt kümmern wir uns erst mal um ’ne Leiche. Dabei kann ich andere Probleme immer hervorragend ignorieren ... sogar Onkel Wolfgang.«

Anja blieb noch einen Moment sitzen und beobachtete einen Airbus, der mit vollem Schub die Startbahn entlangraste. Nachdem sich die Maschine mit dröhnenden Triebwerken gen Himmel erhoben hatte, stieg sie aus und eilte ihrem Kollegen hinterher. Als sie ihn eingeholt hatte, drängte eine Frage unverändert auf Auslass: »Was hast du eigentlich für ein Problem damit, anderen Leuten zu helfen?«

»Damit habe ich gar kein Problem!«, fauchte Busch Wort für Wort. Vor seinem Gesicht sammelte sich sein Atem in der eisigen Luft. »Aber ich finde eben, dass alles im Verhältnis bleiben muss. Dein Onkel Wolfgang war ja früher auch nicht jeden Tag bei dir, um dir zu helfen, oder?«

»Das ist was anderes ...«

»Aha!« Busch machte ein paar lange Schritte. Einige Meter entfernt warteten die Kollegen der Spurensicherung. Flankiert von einigen Uniformierten, die den Tatort sicherten.

Nachdem Anja wieder an seiner Seite angekommen war, lieferte sie ein für ihre Verhältnisse nüchternes Fazit: »Da hat aber jemand kurzen Prozess gemacht. Ein einzelner Mann ... und so viel Blut?«

Busch ließ zunächst den Polizei-Fotografen vorbei und setzte danach einen weiteren Schritt nach vorne. Er beugte sich über die Leiche, deren schneeweißes Gesicht sich für jeden Horrorfilm bestens geeignet hätte. »Außerdem ist er steifgefroren«, stellte der junge Kommissar tonlos fest und schüttelte sich danach. »Wie’s aussieht, hast du recht: Wahrscheinlich finden wir keinen Tropfen Blut mehr in seinem Körper.«

»Vielleicht ein Vampir?«, witzelte Anja leise, damit die umherstehenden Kollegen es nicht mitbekamen.

Busch zog den Schal des Toten ein Stück beiseite. »Glaube nicht ... ich kann keine Bisswunden finden.«

 

***

 

Wegner und Doro hatten in der HafenCity ein Café gefunden, dessen Inhaber auch mit Rex leben konnte. Der lag zusammengerollt unter dem Tisch und schnarchte. Es ging auf halb elf, das Frühstück war vorüber, die Mittagsgäste würden sich erst später blicken lassen. Dementsprechend waren nur ein paar Tische besetzt.

»Fangen Sie einfach noch mal von vorne an«, forderte Wegner die Journalistin auf. »Sie glauben also, hier in Hamburg wäre ein Serienmörder unterwegs?«

»Ich habe nicht von Hamburg allein gesprochen«, flüsterte Doro. Sie schaute sich kurz um und senkte ihre Stimme danach noch weiter. »Ich rede von etlichen Morden ... in ganz Deutschland.«

»Und wie kommen Sie darauf?« Wegner flüsterte ebenfalls. Dabei konnte er sich ein Lachen nicht verkneifen. »Wenn das der Fall wäre, dann hätten meine Kollegen anderswo doch längst ...«

»Haben sie ja auch«, unterbrach ihn die Journalistin deutlich energischer. »Aber man betrachtet die Fälle seit Jahren separat. Einzelne Morde, in unterschiedlichen Städten, zwischen denen es keinen offensichtlichen Zusammenhang gab.«

»Und den haben Sie gefunden, ja?« Wegner nickte bewundernd. Ihm war allerdings anzusehen, dass hinter dieser Fassade erhebliche Zweifel lauerten. »Am besten erklären Sie mir mal, wie Sie darauf kommen. Ausführlich!«

Doro zog an den Reißverschlüssen ihrer Laptoptasche und präsentierte ein MacBook Air, das Wegner mit gerümpfter Nase musterte. Dazu hatte die Journalistin gleich die passende Frage parat: »Sind Sie etwa so ein Technik-Muffel?«

Wegner warf einen ausführlichen Blick auf das technische Wunderwerk und einen angebissenen Apfel auf dessen Deckel. »Ich wüsste nicht mal, wo man das Teil anmacht. Und Obst esse ich grundsätzlich nur, wenn’s frisch ist und aus dem Alten Land kommt.«

»Zuerst klappt man den Deckel hoch«, erklärte Doro lachend. Passend dazu ließ sie Taten folgen. Im nächsten Moment huschten ihre Finger über die Tastatur, bis ihr Gesicht verriet, dass der Bildschirm nun die gewünschten Informationen zeigte.

»Was ist das?«, fragte Wegner, nachdem er einen Blick darauf werfen konnte.

»Zeitungsinserate!«, erwiderte die Journalistin wie aus der Pistole geschossen.

»Und das ist alles, was Sie haben?«

Doro schaute sich um und nickte zufrieden. Das bezog sich wohl auf mögliche Zuhörer, auf die sie augenscheinlich lieber verzichten wollte. »Es handelt sich nicht um irgendwelche Zeitungsinserate, Herr Wegner!«

»Sondern?«

»Mordaufträge!«

 

 

5

 

»Der Mann heißt Oliver Drews«, sagte Anja. Die frischgebackene Kriminalkommissarin hatte sich Gummihandschuhe übergezogen und zerpflückte in diesem Moment die Brieftasche eines Toten in deren Einzelteile. Dazu hatte sie sich mit Busch ins Innere des Hangars zurückgezogen und dort eine Werkbank für eigene Zwecke entfremdet. »Fünfunddreißig ... hier in Hamburg geboren.« Sie hielt ihrem Kollegen einen Personalausweis im Scheckkartenformat entgegen. »War eigentlich ein ganz hübsches Kerlchen.«

»Und jetzt ist dein hübsches Kerlchen tot«, erwiderte Busch mit der dazu passenden Stimme. »Hilft ihm also auch nicht mehr.«

Anja wischte bereits auf ihrem Tablet herum. Das lag auf der Werkbank, zwischen Schraubendrehern und stapelweise Aufklebern, die wohl für Flugzeugteile gedacht waren. Sie hatte online Zugriff auf die Daten vom Einwohnermeldeamt. Ansonsten stand ihr für erste Informationen rund um die Uhr Kommissar Google zur Verfügung. Es dauerte keine Minute, da präsentierte sie die ersten Ergebnisse: »Unser lieber Oliver war ledig und hat für ein Exportunternehmen gearbeitet, das an der Alster sitzt.« Anja lachte kurz auf. »Weißt du, worauf die spezialisiert sind?«

»Nö, woher denn?«

»Sexspielzeug!«, vermeldete Anja kichernd und verzog das Gesicht entsprechend. »Wusste gar nicht, dass es dafür solch einen großen Markt gibt.«

»Warum denn nicht?«, erkundigte sich Busch in schuljungenhafter Manier. »Es lebt ja nicht jeder – so wie du – gleich all seine Wünsche hemmungslos aus. Manch einer muss vielleicht ein bisschen nachhelfen, um ...«

»Was meinst du denn damit wieder?«

Busch wischte die nutzlose Debatte mit einer Handbewegung beiseite. Sein Blick wanderte durch den Hangar. Aktuell war wohl Frühstück angesagt, denn die Geräuschkulisse in der riesigen Halle glich einem Friedhof. Dazu passte auch sein vorläufiges Fazit: »Ich glaube ohnehin nicht, dass wir hier was finden.«

»Kannst du mir mal erklären, was der Typ ausgerechnet am Flughafen verloren hatte? Mal abgesehen von der Frage, wie er überhaupt hier reingekommen ist. Man braucht doch einen Ausweis, wenn man hier reinfahren will. Oder etwa nicht?«

»Das könnte ’ne erste Spur sein«, sinnierte Busch. »Und wenn wir wissen, wer ihn reingelassen hat, haben wir vielleicht auch gleich einen Zeugen, der uns ...«

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Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Melanie Schubert
Bildmaterialien: Hauptmotiv: Zeitung Presse Journalismus © doris_bredow fotolia.com Skyline: Hamburg Skyline © aldorado fotolia.com
Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann (worttaten.de)
Tag der Veröffentlichung: 17.04.2018
ISBN: 978-3-7438-6568-6

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