Cover

Titel

 

Ende gut, alles gut!

Hamburg Krimi

von Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.03

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile ausdrücklich jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

Ein großes Dankeschön geht an:

Michael Lohmann (Lektorat, Korrektorat: worttaten.de)

Meine lieben Testleser Birgit, Lia und Nicolas

 

 

Wegner in chronologischer Reihenfolge

!!! Brandneu: »Stürmisches Sylt« Hannah Lambert ermittelt (Teil4) !!!

 

Bisher aus der Reihe Wegners erste Fälle:

Aus der Reihe Wegner & Hauser:

 Aus der Reihe Wegners schwerste Fälle:

Aus der Reihe Wegners letzte Fälle:

Aus der Reihe Hannah Lambert ermittelt (Friesenkrimis): 

Aus der Reihe Auftrag: Mord!:

Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Ansonsten:

 

Weitere Titel, Informationen und einen Newsletter-Service gibt es auf meiner Homepage: ThomasHerzberg.de

 

Thomas Herzberg auf Facebook

Inhalt:

 

In Geheimdienstkreisen kursieren die Fotos einer toten jungen Frau. Als kurz darauf der vermeintliche Fundort ihrer Leiche bekannt wird, kommt das einem Donnerhall gleich, denn es handelt sich dabei ausgerechnet um die Elbphilharmonie. Eine ausgewachsene Katastrophe – soll doch Hamburgs neues Wahrzeichen schon in wenigen Tagen eröffnet werden.

Da ist Fingerspitzengefühl gefragt. Und mal ehrlich: Wer käme dafür besser infrage als Manfred Wegner?

 

Ende gut, alles gut! Welches Sprichwort könnte im Zusammenhang mit der Elbphilharmonie besser passen? Ich wünsche Hamburgs neuester Attraktion von Herzen alles Gute und – wie ein Seemann es tun würde – immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.

 

(Jeder Wegner-Fall ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Es kann jedoch nicht schaden, auch die vorangegangenen Fälle zu kennen ...;)

1

 

Freitagmorgen

 

»Das kann nicht Ihr Ernst sein, meine Herren!« Rita Graf saß kopfschüttelnd hinter ihrem Schreibtisch. Die Leitende Kriminaldirektorin schaute die Kommissare abwechselnd an. Ihr Gesicht hatte mittlerweile beinahe die Farbe ihrer flammend roten Mähne angenommen. »Nicht die Elbphilharmonie – von mir aus jeder andere Ort auf der Welt, aber nicht die Elbphilharmonie. Ist das klar?«

»Das haben wir uns doch nicht ausgesucht«, erwiderte Wegner und zuckte dazu bewusst gelassen mit den Schultern. Neben ihm saß Detlef Busch, der seinen Chef mit energischem Nicken unterstützte. »Glauben Sie mir, ich würde auch lieber in der Kantine hocken und frühstücken als hier ...«

»Trotzdem!« Rita Graf hatte sich erhoben und wanderte auf hohen Absätzen umher, als wäre ihr Büro ein Laufsteg. »Kommenden Mittwoch wird die Elbphilharmonie offiziell eröffnet – und ich bin übrigens dabei«, fügte sie mit süffisantem Lächeln hinzu. »Haben Sie eine Vorstellung davon, was uns blüht, wenn wir fünf Tage vorher den ganzen Laden auseinandernehmen lassen?«

Die Kriminaldirektorin wühlte mit beiden Händen gleichzeitig in ihrer Lockenpracht herum. Sie schien am Rande des Wahnsinns zu sein ... oder vielleicht auch schon ein Stück weiter. »Wenn man uns hinterher fürs nächste Chaos verantwortlich macht, dann können wir unseren Hut nehmen. Und zwar alle!«

Detlef Busch räusperte sich geräuschvoll. Er lehnte sich ein Stück nach vorne und deutete auf eine Ermittlungsakte, die ausgebreitet auf dem Schreibtisch seiner Oberchefin lag. »Wenn die Presse davon Wind bekommt, dass wir von einer Leiche wussten, die im Technikbereich irgendwo unter der Plaza hängt ...« Der junge Kommissar versuchte, sich mit Blicken Verstärkung bei Wegner zu holen. Aber der schaute nur aus dem Fenster und gähnte ausgerechnet jetzt herzhaft. »... schätze, dann könnte es noch unangenehmer werden.«

Rita Graf war mitten in ihrer Bewegung erstarrt. Ihr Blick verlor sich einen Moment im Nichts. Trotzdem öffneten sich ihre Lippen: »Von wem sollte die Presse denn Wind bekommen?«

»Haben Sie in unserem Scheißladen hier schon mal erlebt, dass man irgendwas lange Zeit geheim halten kann?« Es war Wegners Stimme, die von Neuem durchs Büro dröhnte. »Außerdem: Busch hat recht! Wir wissen offiziell davon, also müssen wir auch ...«

»Was heißt denn hier offiziell?«, unterbrach ihn die Kriminaldirektorin. »Bis jetzt wissen Sie beide und ich davon. Damit ist es noch lange nicht offiziell.«

»Das klingt für mich wie Haarspalterei«, erwiderte Busch leise.

»Halten Sie gefälligst den Mund!« Rita Graf hatte ein paar lange Schritte gemacht und stand direkt neben dem jungen Kommissar. »Bei Ihren ständigen Eskapaden können Sie froh sein, dass Sie überhaupt noch eine Polizeimarke tragen dürfen. Und zu verdanken haben Sie Ihr Glück übrigens nur dem Umstand, dass viele Dinge inoffiziell geblieben sind. Also kommen Sie mir nicht mit solchen Geistesblitzen.«

Nach dieser letzten Attacke herrschte zunächst Schweigen. Am Ende war es Wegner, dessen schweres Atmen eine Fortsetzung ankündigte. Dafür hatte er sich sogar erhoben und stand seiner Chefin danach direkt gegenüber. »Wir haben eine Leiche, und wir wissen, wo wir die finden. Das sind Tatsachen.«

»Ihre Tatsachen!« Rita Graf deutete auf die Ermittlungsakte. »Sie haben zwei Fotos von einer jungen Frau ... Können Sie mit Sicherheit sagen, dass die Bilder echt sind?«

»Erstens handelt es sich um eine tote junge Frau«, erwiderte Wegner mit müdem Lächeln. »Und zweitens sind sich unsere Experten sicher: Die Bilder sind echt.«

»Dann nehmen wir mal an, wir wären uns in diesem Punkt ausnahmsweise einig.« Die Kriminaldirektorin versuchte, eine möglichst unverfängliche Miene aufzusetzen. »Wir haben zwei Fotos einer … okay … einer toten jungen Frau und auf einem davon hängt sie neben einem Lüftungsschacht in der Elbphilharmonie.« Ein Kopfschütteln machte klar, was Rita Graf von dieser wahnwitzigen Vorgehensweise hielt. »Für mich sind das bis jetzt alles nur Indizien. Und wenn Sie mich fragen, dann sollten wir uns erst mal in Polizeiarbeit üben, bevor wir anfangen, Hamburgs neues Wahrzeichen gleich wieder zu zerlegen.«

Wegner hatte sich auf der Schreibtischkante seiner Chefin niedergelassen und hielt die Fotos aus der Ermittlungsakte in der Hand. »Und wenn nicht?«

Rita Graf schüttelte den Kopf. »Wenn was nicht?«

»Was ist, wenn wir Sie nicht fragen?« Wegner zeigte sein schönstes Grinsen. »Sie haben von Polizeiarbeit gesprochen. Glauben Sie mir – ich weiß, was das ist.«

»Das wäre ja mal was ganz Neues! Außerdem: Ich dachte, wir hätten uns verstanden – Sie sollten in den kommenden Monaten Morde lieber auf leisen Sohlen lösen. Und was ist das jetzt? Das ist der Wahnsinn!«

Wegners Grinsen hatte sich längst verabschiedet. »Wir reden hier von Mord. Wenn es nötig wäre, dann würde ich Jesus’ Grabkammer öffnen, um den Fall aufzuklären.«

»Gott bewahre!«, flüsterte Rita Graf. »Und das im wahrsten Sinne des Wortes.« Sie unterbrach sich selbst mit wütendem Keuchen. »Es könnte doch auch ebenso gut ein Zufall sein. Wir haben eine Leiche – das bestreite ich nicht. Aber wer sagt denn, dass die tatsächlich noch immer irgendwo in der Elbphilharmonie hängt? Und was ist, wenn sich die ganze Geschichte am Ende als Ente erweist?«

Wegner holte tief Luft, als ihn ein Klopfen an der Tür von seinem nächsten Gegenangriff abhielt. Eine junge Uniformierte steckte ihren Kopf herein und präsentierte ein unsicheres Lächeln.

»Was gibt’s denn?«, erkundigte sich Rita Graf unterkühlt. »Wir sind hier mitten in einer Besprechung. Hat das nicht Zeit bis später?«

»Herr Busch hat eine Anfrage beim BKA gestartet ... er wollte unverzüglich über die Ergebnisse informiert werden.« Die Polizistin machte vorsichtig einen halben Schritt in den Raum und hielt dem jungen Kommissar ein einzelnes Blatt entgegen. »War anscheinend ein Treffer«, flüsterte sie noch, um danach sofort den Rückwärtsgang einzulegen.

»Danke.« Während Detlef Busch die Eilmitteilung überflog, wechselten sich Wegner und seine Chefin mit schweren Atemzügen ab. Schließlich konnte die Kriminaldirektorin nicht mehr an sich halten: »Was ist das denn, verdammt? Vielleicht wird es Zeit, uns einzuweihen.«

Busch hatte den größten Teil seiner Gesichtsfarbe eingebüßt. Als er aufschaute, bebten seine Lippen. Und es war auch nicht viel mehr als ein Flüstern: »Ich habe das Foto der Toten zur Identifizierung ans BKA geschickt ... und auf einen zufälligen Treffer gehofft.«

»Das habe ich verstanden!«, fauchte Rita Graf zurück. »Stochern wir jetzt noch mehr im Nebel herum oder hat Ihre Anfrage wenigstens etwas ergeben?«

Busch brachte zuerst nur ein Nicken zustande. Er warf einen Blick in Wegners Richtung, aber der zuckte zunächst nur mit den Schultern. Woher sollte er auch wissen, was sich hinter dem Zettel verbarg, der in Buschs zitternden Händen steckte?

Erst als seine Oberchefin immer ungeduldiger gestikulierte, schaffte er es endlich, auch ein paar Worte herauszupressen: »Es ist alles noch schlimmer, als wir dachten ... viel schlimmer!«

 

2

 

Die Maschine aus Dubai, ein A380 von Emirates, war an diesem trüben Januarmorgen fast wie ein Stein durch die dicht geschlossene Wolkendecke geschossen und pünktlich auf dem Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel gelandet.

Vor den Schaltern der Passkontrolle hatte sich vorübergehend eine Schlange gebildet, aber die wurde schnell kürzer. Ein einzelner Mann – sein unauffälliges Äußeres verschmolz fließend mit seinem mausgrauen Mantel – hatte offensichtlich besonders viel Zeit. Er kam als Letzter vor einem der Schalter an und schob seelenruhig seinen Reisepass unter dem Fenster durch. Das Ausweisdokument wies ihn als Israeli aus. Geboren in Jerusalem am 14. Mai 1958, exakt zehn Jahre nach der Gründung des Staates Israel. Sein Bart war nicht mehr ganz so lang wie auf dem Foto, seine Haare dafür noch heller, fast weiß.

»Was ist der Grund Ihrer Einreise, Herr Goldmann?« Der Bundespolizist hinter dem Schalter klang gelangweilt. Kein Wunder, vermutlich wiederholte er ein und dieselbe Frage den ganzen Tag lang. Darüber hinaus handelte es sich bei dem vollschlanken Halbglatzenträger um einen Beamten, der wahrscheinlich unmittelbar vor seiner Pensionierung stand. Das sorgte wohl kaum für einen zusätzlichen Motivationsschub. »Sind Sie privat oder ...?«

»Geschäftlich!«, fuhr Joab Goldmann dazwischen. »Ich arbeite als Einkäufer für eine ...«

»Danke, das reicht mir schon«, unterbrach der Beamte mit aufgesetzter Freundlichkeit. Kurz darauf zierte ein Stempel den Reisepass, damit waren die Formalitäten erledigt. »Falls Sie etwas zu verzollen haben, nach rechts. Und wenn nicht, dann ...«

Energisches Kopfschütteln machte den Rest der Erklärung überflüssig.

»Okay, dann angenehmen Aufenthalt.«

Joab Goldmann war nur mit Handgepäck unterwegs. Zwei Minuten später stand er vor den Terminals und zog sein Handy aus der Manteltasche.

»Hast du alles?«, begann er ohne Begrüßung, als sich am anderen Ende ein Mann gemeldet hatte.

»Auf jeden Fall alles, was du bestellt hast.«

»Ist das Geld angekommen?«, fragte Goldmann.

Ein Grunzen erklang. Das sollte wohl eine Bestätigung darstellen. »Wo treffen wir uns?«

»Wie sieht es mit Informationen aus?« Joab Goldmann war nicht mal um einen Funken Freundlichkeit bemüht. »Ich muss wenigstens wissen, wo ich anfangen kann.«

»Ich hab die Adresse von dem zweiten Geschäftsführer, diesen Tim Ba...«

»Keine Namen am Telefon!«

Kurzes Zögern am anderen Ende. »Okay, ich hab seine Adresse. Was die wert ist, musst du selbst herausfinden.«

Goldmann verzichtete auf jegliche Antwort und wartete, bis sein Gesprächspartner fortfuhr: »Soll ich sie dir aufs Handy schicken?«

»Hast du sonst noch irgendwas für mich?«

Ein kurzes Lachen erklang am anderen Ende. »Ich hatte keine sechs Stunden Zeit ... was erwartest du, Wunder?«

Joab Goldmann beschränkte sich erneut auf Schweigen.

»Außerdem würde ich gern wissen, was du vorhast. Die Waffen, die du bestellt hast, reichen aus, um einen Krieg anzuzetteln.«

»Wir treffen uns in spätestens einer Stunde im Bunker«, gab Goldmann mit leiser Stimme zurück. Die Schlange vor dem Taxistand war fast verschwunden und er wollte nicht weiter Zeit verschwenden. »Hoffentlich hast du bis dahin ein paar Informationen für mich.«

 

***

 

Detlef Busch hatte das Blatt vom BKA an Wegner weitergegeben. Selbst dessen sonst zur Schau getragene Gelassenheit verzog sich augenblicklich. »Verdammte Scheiße!«

»Würde mir bitte endlich mal jemand erklären, was los ist.« Rita Graf war völlig außer sich. Sie schoss um ihren Schreibtisch herum und stand kurz darauf direkt neben Wegner. Der hielt ihr nur das Blatt entgegen und übte sich in ausdrucksloser Miene. Wer ihn länger kannte, wusste jedoch, dass dahinter bereits ernsthafte Sorgen aufflammten.

Die Kriminaldirektorin überflog das Schreiben und schaute danach die Kommissare abwechselnd an. Ihrem Gesicht nach zu urteilen, hatte zumindest sie sich mittlerweile wieder einigermaßen beruhigt. Das unterstrich sie noch mit einem Schulterzucken. »Keine Ahnung, was Sie meinen. Die tote junge Frau heißt Caroline Seibler, ist sechsundzwanzig und …«

»War sechsundzwanzig!«, polterte Wegner dazwischen. »Sie ist tot!«

»Also … war sechsundzwanzig und stammte hier aus Hamburg. Sollte mir das irgendwas sagen?«

Busch hatte sich ebenfalls erhoben und stand kurz darauf neben seiner Oberchefin. Er fuhr mit dem Finger langsam über das Blatt, bis er bei einem zweiten Namen angekommen war, der weiter unten erwähnt wurde.

»Martin Seibler«, murmelte Rita Graf vor sich hin. »Entschuldigung ... damit kann ich auch nichts anfangen. Wer ist das? Der Antichrist?«

»Vielleicht noch schlimmer«, flüsterte Busch.

»Martin Seibler ist der Vater der Toten«, fügte Wegner in beiläufigem Ton hinzu.

»Das sehe ich auch!« Auf eine weitere Nachfrage verzichtete die Kriminaldirektorin und schaute stattdessen wieder Busch erwartungsvoll an.

Der zögerte noch kurz und lieferte erst nach einem flüchtigen Blick in Wegners Richtung einen ersten Erklärungsversuch: »Martin Seibler ist – oder war – für verschiedene Geheimdienste im Einsatz ...«

»Im Einsatz«, wiederholte Rita Graf mit tonloser Stimme. »Soll das heißen, er hat ...?«

»... angeblich mehr Menschen als die letzte Sommergrippe auf dem Gewissen«, vervollständigte Wegner. »Der Mann ist ein Profikiller.« Er wedelte mit dem Foto der toten Caroline Seibler in der Luft herum und klatschte es zum Abschluss mit voller Wucht auf den Schreibtisch zurück. »Und dazu ein Vater, dessen Tochter jemand umgebracht hat. Könnte mir vorstellen, dass er sauer ist.«

Die Kriminaldirektorin machte ein paar lange Schritte und fiel in ihren ledernen Chefsessel. Eine Ausführung, die ansonsten wohl nur Staatssekretären oder Ministern vorbehalten ist. »Falls dieser Herr Seibler Wind von der Sache bekommt, glauben Sie, er wird versuchen, die Geschichte auf seine eigene Weise zu lösen?«

»Glaub ich nicht«, flüsterte Wegner. Im Gesicht seiner Chefin machte sich eine erste Erleichterung breit, die nächsten Worte des Hauptkommissars machten ihre aufkeimende Hoffnung aber gleich wieder zunichte: »Das weiß ich! So sicher, wie das Amen in der Kirche. Seibler wird kommen und er wird sich rächen. Hundertprozentig!«

»Wir dürfen nicht zulassen, dass hier jemand Selbstjustiz übt«, stellte Rita Graf mit offizieller Stimme fest. Ein Blick auf Wegner – und vermutlich die Gedanken an dessen seltsame Methoden – ließen die Kriminaldirektorin etwas weniger euphorisch fortfahren: »Sei’s drum – wir haben das Gewaltmonopol inne und nicht irgendein ausgemusterter Profikiller. Haben wir uns verstanden?«

Während Busch zaghaft nickte, übte sich Wegner in skeptischem Mienenspiel. Und weil seine Chefin ihn auffordernd musterte, lieferte er die Erklärung dazu: »Ich glaube, Sie haben keine Vorstellung davon, wozu dieser Herr Seibler in der Lage ist. Außerdem hat er grundsätzlich Rückendeckung von oben. Und ich rede hier von ganz oben!«

»Wir müssen ihn trotzdem aufhalten!«, hielt Rita Graf energisch gegen. »Und das ist Ihre Aufgabe, meine Herren. Vergessen Sie das lieber nicht.«

Einen Moment lang herrschte Stille. Detlef Busch brach endlich das Schweigen. »Haben Sie schon entschieden, wie wir in Sachen Elbphilharmonie weiter vorgehen wollen?«

Aufseiten der Kriminaldirektorin war es zunächst nur ein träges Kopfschütteln, das irgendwann in ein vorsichtiges Nicken überging. Aber offensichtlich brauchte sie noch ein bisschen Zeit, vermutlich, um gleich die nächste Ausrede zu präsentieren.

»Mal ganz abgesehen von uns ...« Wegner hatte sich erneut erhoben und schaute zu seiner Chefin hinunter. »Wenn Seibler tatsächlich Bescheid weiß, dann halte ich es für besser, wir finden die Leiche seiner Tochter vor ihm. Denn falls der Kerl sich Hamburgs neues Wahrzeichen vorknöpft, dauert es wahrscheinlich wieder ein paar Jahre, bis man das nächste Mal über die Eröffnung nachdenken kann.«

Rita Graf sah zu Wegner empor. Ihre Miene machte klar, dass ihr Widerstand weitestgehend gebrochen war. »Können Sie mir wenigstens verraten, wie ich das dem Innensenator schonend beibringen soll?«

»Keine Ahnung.« Wegner zuckte tatsächlich mit den Schultern und schickte noch ein mehr oder weniger triumphierendes Lächeln hinterher. »Aber wenn ich mich nicht irre, ist das doch Ihr Job.«

Kurz darauf stand auch Busch auf seinen Füßen, es roch nach Abschied.

Rita Graf schob die Ermittlungsakte quer über ihren Schreibtisch. Obendrauf prangte ein riesiges Foto der Elbphilharmonie.

Busch langte danach und begann mit viel zu fröhlicher Stimme, während einer seiner Finger auf Hamburgs neuem Wahrzeichen herumtippte. »Wussten Sie, dass man zu Beginn darüber nachgedacht hat, die Elbphilharmonie noch viel höher zu bauen?« Er wartete keine Antwort ab, sondern fuhr aufgeregt fort: »Mindestens hundertdreiunddreißig Meter, damit sie den Michel überragt.«

Die Kriminaldirektorin hatte sich wohl schon einige Zeit zuvor gedanklich in eine andere Welt verabschiedet, dementsprechend verwirrt fiel ihr Blick aus.

»Mit solchen Details nervt er uns alle schon seit Tagen«, erklärte Wegner. »Nein!« Er strafte sich selbst mit einem Kopfschütteln Lügen. »Seit Wochen.«

»Dann wissen Sie ja, was Sie zu tun haben, meine Herren.« Rita Graf strahlte wieder alte Souveränität aus. Dazu schaute sie auf ein riesiges Foto vom Michel – aus luftiger Höhe aufgenommen, vermutlich von einem Hubschrauber oder Flugzeug aus –, das eine Wand in ihrem Büro zierte. »Und vielleicht tun Sie ausnahmsweise mal was Gutes und sorgen dafür, dass unser neues Wahrzeichen nicht gleich im nächsten Chaos versinkt.« Sie deutete mit flüchtiger Geste in Richtung Tür. »Das wär’s dann, danke!«


3


Die beiden Männer hatten sich am Eingang zum sogenannten Bunker getroffen. Tatsächlich handelte es sich bei diesem Treffpunkt zunächst um das Foyer des Radisson Blu am Dammtor. Und der Bunker war nicht etwa ein unterirdisches Verlies mit nackten Wänden und fehlenden Fenstern, sondern eines der Zimmer in der obersten Etage des Hotels, das dauerhaft vermietet war. Im Mietvertrag, der seit etlichen Jahren bestand, wurde ein Veranstaltungsservice genannt. Aber dahinter steckte ohnehin der israelische Geheimdienst Mossad, dessen Agenten diesen Raum von Zeit zu Zeit als Unterschlupf oder Kommandozentrale nutzten.

Nach einer endlosen Fahrt im Aufzug standen die beiden Männer vor der Zimmertür. Dahinter wartete ein eher spartanisch ausgestatteter Raum, der so gar nichts mit einem typischen Hotelzimmer gemeinsam hatte. Ein einfacher Tisch, dazu vier Stühle und an der Wand ein hässliches, überdimensionales Sofa, das man bei Bedarf zum Bett umbauen konnte. Mehr nicht.

»Ich muss mir endlich den Bart abnehmen«, fluchte Joab Goldmann. »Außerdem hab ich das Gefühl, dass unter meiner Perücke Ameisen krabbeln.« Auch dieses Utensil landete auf dem Sofa. Nachdem die farbigen Kontaktlinsen entfernt und die Fensterglas-Brille Vergangenheit war, hatte ein Mann seine Express-Metamorphose vollzogen. Aus dem Juden Joab Goldmann war von einer Minute zur nächsten ein Profikiller geworden.

Martin Seibler.

»Du kannst es aber auch nicht lassen«, stellte Stefan Vogel lachend fest. »Ich an deiner Stelle wäre über Spanien eingeflogen, dann hättest du dir den ganzen Aufwand sparen können.«

Seibler schüttelte nur den Kopf. Sein Gesicht war plötzlich wieder todernst. »Hast du noch irgendwas herausfinden können?«

»Martin! Ich bin kein Zauberer ... du musst mir schon ein bisschen Zeit lassen.«

»Ich habe vieles, aber garantiert keine Zeit.«

Stefan Vogel atmete vernehmlich. »Ist denn ganz sicher, dass es sich bei der Toten tatsächlich um Caro handelt?« Seine Stimme klang übervorsichtig. Gerade dann, wenn es um solche Details ging, konnte man schließlich nie sensibel genug damit umgehen – bei einem wie Seibler ohnehin. »Es könnte doch auch sein ...«

Ein energisches Kopfschütteln zerstörte diese aufkeimende Hoffnung. Anstelle einer Antwort zog Seibler ein Foto aus der Innentasche seines Mantels und hielt es seinem langjährigen Geheimdienstkollegen und Freund unverändert wortlos entgegen.

Der warf einen ausführlichen Blick darauf und fiel am Ende in das Kopfschütteln mit ein. »Verdammt! Wenn Caro wirklich tot ist, dann wird es höchste Zeit ...«

»Was hast du über ihren Werdegang in den letzten Jahren herausfinden können?«, fuhr Seibler rüde dazwischen. Seine Stimme klang mechanisch und von jeglichen Emotionen restlos befreit. »Ich muss wissen, was sie in letzter Zeit getan und wo sie sich rumgetrieben hat.«

»Hattet ihr denn keinen Kontakt mehr?« Stefan Vogel war verstummt. Und er schien auch nicht bereit zu sein, ohne eine halbwegs vernünftige Antwort fortzufahren.

»Es ist zwei oder sogar schon zweieinhalb Jahre her, da hat sie mir erklärt, dass sie Kunstgeschichte studieren will.« Ein Funken Wärme und Gefühl hatte sich zwischen Seiblers Worte geschlichen. »Sie hat mit irgendeinem komischen Typen zusammengewohnt, von dem sie mir nie was erzählen wollte.«

»War vielleicht auch besser so«, schob Vogel lachend dazwischen. »Wer weiß, was du sonst mit dem armen Kerl angestellt hättest.« Ein kurzes Zögern folgte. »Aber du hast ihn doch sicherlich durchleuchten lassen?«

Seibler schüttelte den Kopf und ging zum ersten Mal in die Defensive: »Ich wollte – aber hab’s immer wieder vor mir hergeschoben, weil ich Caro nicht ...«

»Schon gut, ich hab verstanden.«

»Ansonsten habe ich zweimal im Jahr eine Postkarte von ihr bekommen. Meistens mit einem Buddha drauf.« Seibler machte eine kurze Pause und rieb sich die Schläfen. »Du kannst dir wahrscheinlich vorstellen, dass ich mit dieser neuen Caro so meine Probleme hatte.«

»Ja, es wird im Laufe der Jahre nicht unbedingt einfacher mit den lieben Kindern«, stellte Vogel nüchtern fest. »Wann hast du das letzte Mal von ihr gehört?«

»Ist vier Monate, drei Tage und zwölf Stunden her.« Seiblers Hand schoss in seine Manteltasche und kehrte mit seinem Handy zurück. Er wischte auf dem Display herum und begann dann mit der letzten Nachricht seiner Tochter: Hallo Papa! Mir geht’s gut. Ich habe jetzt einen Job und verdiene damit richtig Geld. Jeden Monat! HDL Caro …

»Klingt doch eigentlich ganz positiv«, kommentierte Vogel und fing sich dafür gleich einen giftigen Blick ein. Sein Kopf wanderte eine Etage tiefer und er fuhr erst mal nur flüsternd fort: »Diese Leute, für die Caro gearbeitet hat ...«

»Was ist mit denen?«

»Ich habe erst ein paar Informationen zusammen. Aber es sieht so aus, als würden die krumme Dinger drehen.«

»Geht es vielleicht etwas genauer, Stefan?«

»Da werden reihenweise Firmen gegründet – hier in Deutschland oder in anderen EU-Mitgliedstaaten – und die werden dann mit voller Absicht an die Wand gefahren. Vorher hat man Kunden, Lieferanten und Banken gründlich gemolken ...«

»... die mit an die Wand rauschen«, vervollständigte Seibler. »Und was hatte Caro damit zu tun?«

Stefan Vogel schaute seinen langjährigen Freund zwar vorsichtig an, entschied sich am Ende aber doch für die Wahrheit. »Sie war Geschäftsführerin von insgesamt elf dieser Firmen.« Nachdem der unangenehmste Teil heraus war, fuhr er etwas munterer fort: »Dabei ging es wohl nur um Unterschriften unter Verträge, Kreditanträge und ... na ja, was eben so anfällt.«

»Machen die das schon länger?«

»Auf jeden Fall schon seit einigen Jahren. Also lange, bevor Caro dort angefangen hat.«

Seibler stand mittlerweile am Fenster und schaute auf das bis jetzt ahnungslose Hamburg hinunter. Nur einen Steinwurf entfernt lag das Congress Center Hamburg, das CCH. Von der anderen Seite schwappten gelegentlich die Geräusche vom Bahnhof Dammtor herüber. Seibler erinnerte sich ausgerechnet in diesem Moment an einige wenige Nachmittage, die er mit seinen Töchtern, nicht weit von hier, bei Planten un Blomen verbracht hatte. Viele Hamburger schätzten diesen Park als grüne Oase mitten in der Stadt. Es hatte nur wenige entspannte Tage in Seiblers Leben gegeben, aber viele davon verknüpfte er mit den sorglosen Ausflügen zu einem Kinderspielplatz nicht weit entfernt.

Als logische Konsequenz spürte er, wie sein Herz irgendwann schwer wurde. Höchste Zeit also, wieder beruflich zu werden: »Diese Adresse, die du mir geschickt hast ...« Er wischte erneut über sein Handy und hielt es seinem Freund entgegen. »Was hat es mit dem Typen auf sich?«

»Tim Bartels, auch ein Student.« Stefan Vogel warf zur Sicherheit einen Blick in sein Notizbuch. »Übrigens auch Kunstgeschichte.«

»Das ist mir völlig egal! Was ist mit dem Kerl?«

»In fünf Fällen waren Caro und dieser Tim Bartels gemeinsam Geschäftsführer derselben Firmen. Die haben seltsame Namen, wobei es immer um irgendwelche windigen Investment-Fonds geht. Da werden Kunden Wahnsinnsrenditen versprochen und am Ende löst sich die ganze Kohle in Luft auf – einfach so.« Es folgte eine Geste, die einen platzenden Ballon verdeutlichen sollte. »Es laufen auch schon diverse Ermittlungen, aber bei solchen Geschäften ist es schwierig, Beweise zu finden. Schließlich passiert so gut wie alles freiwillig.«

Seibler beschränkte sich auf ein Nicken und ließ das Handy wieder in seiner Manteltasche verschwinden. Mittlerweile gehörte seine volle Aufmerksamkeit einer Tasche, die mitten auf dem Tisch stand.

Vogel war seinem Blick gefolgt und begann mit einer Erklärung. »Zwei Handfeuerwaffen, eine Maschinenpistole und ausreichend Munition, weiter unten. Nachtsichtgerät, eine moderne Kommunikationseinheit ...«

Seiblers Hand schnellte empor und schaffte es, seinen früheren Kollegen zu stoppen. Seine zweite Hand wanderte bereits in Richtung Tasche.

»Brauchst du Hilfe?«, fragte Stefan Vogel. »Sieht schließlich so aus, als hättest du es mit ein paar mehr Leuten zu tun.«

»Ich will dich da nicht mit reinziehen.« Seiblers Rechte war stehen geblieben und hing mitten in der Luft. »Die Sache wird unangenehm. Schmutzig!«

»Ansonsten hätte ich auch nicht gefragt«, erwiderte sein Freund mit vorsichtigem Lachen. »Und bereit wäre ich sowieso.«

Seiblers Mund stand schon seit einer Weile offen. Jetzt kam auch etwas heraus. »Du glaubst doch nicht, dass das ein Zufall ist, oder?«

»Was meinst du?«

»Zuerst taucht in Geheimdienstkreisen ein Foto von Caros Leiche auf. Und zwei Stunden später weiß jeder Aushilfsgangster bereits, wo die zu finden ist.« Seibler brachte ein freudloses Lachen zustande. »Ausgerechnet in der Elbphilharmonie? Für mich sieht das so aus, als ob da jemand spielen will … ich meine, mich herausfordert.«

Die beiden Männer schwiegen eine ganze Weile. Martin Seibler hatte sich die Tasche geschnappt und fast die Tür erreicht, als Vogels Stimme es schaffte, ihn ein letztes Mal zu stoppen. »Falls du doch Hilfe brauchst, steh ich bereit. Hab sowieso nicht mehr viel zu tun.«

Seibler hatte sich umgedreht. Einer seiner Mundwinkel wanderte nach oben, dazu nickte er ansatzweise. Das kam in diesen Kreisen fast einem emotionalen Ausbruch gleich. »Da hat es jemand auf mich abgesehen«, stellte er nüchtern fest. »Und diesen Jemand werde ich mir schnappen. Wenn ich ihn gefunden habe, dann gnade ihm Gott!«

»Pass bloß auf dich auf, Martin.« Stefan Vogel hatte jeglichen Widerstand aufgegeben und ein paar beherzte Schritte nach vorne gemacht. Seine Hände lagen auf den Schultern seines Freundes. »Wäre schade, wenn’s dich erwischt.«



4


Als Wegner und Busch in ihr Büro zurückkehrten, erwartete sie bereits Anja Blechschmidt. Die junge Kommissar-Anwärterin sprang auf und eilte den beiden Männern entgegen. »Was wollte die rote Hexe denn von euch?«, fragte sie, noch relativ unbekümmert.

Busch setzte zu einer Antwort an, als Wegner ihm zuvorkam: »Uns viel Erfolg wünschen.«

»Wobei?«

Wegner fiel in seinen Drehstuhl. Busch übte sich derweil in vorsichtigen Gesten, die jede Erklärung auf später verschoben.

»Wollt ihr Kaffee?« Anja Blechschmidt war erst vor ein paar Wochen als Verstärkung zur Mordkommission gestoßen, wusste mittlerweile aber, wann man besser seinen Mund hielt und lieber zur Tagesordnung überging.

Wegner räusperte sich lautstark und fing seine neue Kollegin mit Blicken ein. »Sie wandern am besten mal in die Kantine runter und sorgen für’n trockenes Brötchen zum Kaffee.«

»Ich hab Donuts dabei, Cheffe!« Busch zog grinsend eine Tüte unter seinem Schreibtisch hervor. »Die sind allemal besser als die Schrippen von vorgestern.«

Wegner ignorierte ihn völlig und fuhr ungerührt fort: »Lassen Sie sich Zeit, Frau Blechschmidt.«


»Was sollte das denn?« Sofort nachdem sich die Tür hinter Anja geschlossen hatte, platzte es förmlich aus Busch heraus. »Glauben Sie nicht, wir sollten hier alle ...?«

»Können Sie sich noch an Herrn Seibler erinnern?« Wegner schenkte seinem jungen Kollegen einen vielsagenden Blick. »Insbesondere an seine spezielle Art, mit Problemen umzugehen?«

Busch nickte vorsichtig, verzichtete aber vorsorglich auf eine Antwort.

»Jemand hat Seiblers Tochter umgebracht«, fuhr Wegner mit seltsamer Stimme fort. »Ich hab den Kerl in Aktion erlebt. Und damals hatte man das arme Ding nur entführt.«

»Meinen Sie, er kommt nach Hamburg, um hier wilde Sau zu spielen?«

Wegner lachte kurz auf. »Es würde mich nicht mal wundern, wenn er längst hier wäre und angefangen hätte. Also, die Geschichte mit der Sau ...«

Busch deutete mit Blicken zur Tür. »Und was ist mit Anja? Soll sie hier Akten sortieren, während wir zwei uns auf die Suche nach dem Kerl machen?«

Wegner überlegte einen Moment lang und lächelte danach geheimnisvoll. »Wenn es nach mir geht, dann helfen Sie ihr beim Sortieren.«

»Cheffe ... ich bin ein Vollblut-Bulle. Vergessen Sie das nicht!«

»Wenn ich Sie so reden höre, dann sind Sie höchstens ein Vollblut-Idiot.« Wegner stöhnte genervt. »Einen wie Sie zieht sich Martin Seibler zum Frühstück durch die Nase und spuckt ihn hinterher in irgendeiner Gasse wieder aus.«

»Und was jetzt?«, fragte Busch eine Weile später, weil nichts mehr folgte. »Wir könnten uns auch wieder hier im Büro verschanzen und abwarten, was passiert – war doch lustig damals.«

»Wenn’s hart auf hart kommt, hilft uns das auch nicht.«

»Und was dann?«

»Zuerst versuchen wir herauszufinden, ob Seibler schon in Hamburg ist.«

»Der wird wohl kaum unter seinem richtigen Namen einreisen«, stellte Busch flüsternd fest. »Ich an seiner Stelle würde ...«

»Dann tun Sie zur Abwechslung doch mal was für Ihr Geld, Sie Schlauberger!«


***


»Ihnen passiert nichts, wenn Sie tun, was ich sage.« Martin Seibler saß auf einem Sessel, mitten im Wohnzimmer eines Reihenhauses in Hamburg-Lurup. Gutbürgerliches Idyll in reinster Form. Ihm gegenüber, auf einem bunt geblümten Sofa mit kunstvoll verzierten Lehnen, hockten die Eheleute Bartels. Der Herr des Hauses, ein grobschlächtiger Kerl, schätzungsweise an die sechzig, wirkte noch relativ beherrscht. Der Mann hatte sicherlich sein ganzes Leben lang auf dem Bau geschuftet. Dafür sprachen derbe Gesichtszüge und Hände, von denen es jede einzelne mit einer Schaufel aufnehmen konnte. Das Zittern seiner Frau jedoch rührte vermutlich nicht von Kälte, sondern von Angst her. Und so, wie die beiden da auf ihrem Sofa hockten, hätte man fast an eine Daily Soap denken können. Vielleicht ein Termin bei der Eheberatung, dazu passten die Gesichter. Oder ein letzter Einigungsversuch bei einem Familienanwalt.

»Wo ist Ihr Sohn?« Seibler stellte diese Frage nicht zum ersten Mal. Er hatte allerdings beschlossen, es beim nächsten Mal nicht mehr mit aufgesetzter Freundlichkeit oder gar Verständnis zu versuchen. Zurückhaltung war hier fehl am Platz. Es wurde also höchste Zeit, sein Ansinnen etwas entschlossener vorzutragen.

»Wir wissen nicht, wo Tim ist.« Vater Bartels klang, als wolle er am liebsten aufspringen und Seibler anständig vermöbeln. Auf dem Sofa sitzen und Nichtstun entsprach mit Sicherheit nicht seinem üblichen Lebensstil. »Und außerdem: Selbst wenn wir es wüssten, warum sollten wir es Ihnen verraten?«

Seibler erhob sich ganz langsam aus dem Sessel und schlurfte dem Mann in aller Seelenruhe entgegen. Er hatte darauf verzichtet, die Leute zu fesseln oder gar zu knebeln. Schließlich brauchte er Antworten und wollte mit derartigem Gehabe keine Zeit verschwenden. Als erstes Argument hatte seine gewaltige Beretta ausgereicht, aber diese Drohkulisse schien Stück für Stück an Wirkung zu verlieren.

Seibler war noch zwei oder drei Schritte vom Sofa entfernt, als der Körper des Mannes vor ihm Spannung annahm. Nach jahrzehntelanger Kampfsporterfahrung konnte Seibler den meisten Gegnern deren Absichten schon anhand zaghafter Gesten ablesen. Und klar war, dass dieser Hans-Werner Bartels im Begriff war, einen schweren Fehler zu begehen. Womöglich seinen letzten.

Die Beretta wanderte ein Stück nach oben. »Bleiben Sie sitzen!«, fauchte er den Narren an. »Ansonsten darf sich Ihre Frau gleich als Witwe betrachten.«

Bartels wirkte zwar nicht völlig eingeschüchtert, aber zumindest sank er vorsichtig in die Kissen zurück und verschränkte wieder die Arme vor der Brust.

»Ich sage es Ihnen jetzt zum letzten Mal und glauben Sie mir – früher hätte ich mir nicht so viel Zeit genommen ...«

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Melanie Schubert
Bildmaterialien: Hauptmotiv: Geralt: pixabay.com/de/elbe-architektur-ball-seifenblase-1695759/ Skyline: Hamburg Skyline © aldorado fotolia.com
Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann (worttaten.de)
Tag der Veröffentlichung: 02.02.2018
ISBN: 978-3-7438-5407-9

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /