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Kapitel 1

1 winziger Gefallen

 

 

 

Als ich Tonys Namen auf meinem Handydisplay sah, wusste ich, dass sein Anruf nichts Gutes bedeuten würde. Ich arbeitete seit drei Wochen für ihn – und das pausenlos –, deshalb hatte ich mir meinen freien Tag auch redlich verdient. Unfassbar, dass er es jetzt sogar wagte, mich in meiner kostbaren Freizeit zu belästigen!

     Ich ahnte schon, was er von mir wollte, und die Antwort darauf würde klipp und klar nein lauten. Schon seit Tagen fieberte ich diesem Wochenende entgegen, an dem ich zwar nichts weiter machen würde, als vor dem Fernseher zu sitzen und Pizza zu futtern, aber in einer gefährlichen Gegend und ohne Freunde waren die Alternativen rar – um nicht zu sagen, es gab überhaupt keine.

    Außerdem konnte man es wirklich schlimmer treffen, als sich von spannenden Serien und peinlichen Talkshows berieseln zu lassen, während man seine müden Knochen auf dem Sofa ausruhte - die täglichen Berichte über ermordete und verschleppte Menschen waren der beste Beweis dafür. Mein Entschluss, den Hintern nicht einen Millimeter von dieser Couch zu heben, war also unerschütterlich. Ich betrachtete mein Handy, dessen Vibrieren mir mit jeder Sekunde aggressiver erschien, und konnte mir gut vorstellen, dass Tony am anderen Ende der Leitung gerade Schweißausbrüche bekam oder an seinen Nägeln kaute. Und wenn nicht das, dann verfluchte er mich sicher dafür, dass ich wieder einmal Ewigkeiten brauchte, um ans Handy zu gehen.

    Lächelnd schloss ich die Augen und genoss das flüchtige Gefühl der Macht, woran sich mein Boss sonst immer erfreuen durfte. Ich suhlte mich darin, obwohl es aus nichts weiter als dem Vibrieren meines Handys bestand – irgendwie armselig. Vielleicht würde er ja aufgeben, wenn ich es nur lange genug klingen ließ, überlegte ich. Andererseits war Tony viel zu penetrant und das Geräusch machte mich allmählich verrückt, daher …

    „Ally, danke, dass du ran gehst.“

Er hatte es längst aufgegeben, nach den Gründen meines ständigen Zögerns zu fragen, was heutzutage eine seltene Tugend war. Viele Menschen empörten sich darüber, wenn man nicht rund um die Uhr erreichbar war oder es wagte, sich erst nach dem dritten Klingeln zu melden. Und wehe, man war bei WhatsApp online, las die Nachrichten und antwortete nicht - totaler Weltuntergang. Dabei sollten die Menschen sich hin und wieder mal besinnen und darüber nachdenken, wie krankhaft dieses Verhalten eigentlich war.

    Vor fünfzehn Jahren hatten wir unser Essen weder auf Instagram gepostet, noch waren wir rund um die Uhr erreichbar gewesen. Nicht, dass ich mich gegen die Technik und den Fortschritt verschworen hatte – ich hing ja selbst ständig auf Facebook und Co. herum –, aber an manchen Tagen wurde es selbst mir zu viel. Die Menschen erwarteten entweder eine Entschuldigung oder das Versprechen auf Besserung – und beides suchte Tony bei mir vergeblich. Warum sollte ich mir auch etwas ausdenken, wenn die Wahrheit eine ganz andere war? Ich log nur in äußersten Notfällen – das war auch meine große Schwäche –, aber ich belog niemals jemanden, den ich mochte. Und Tony mochte ich, trotz oder gerade wegen seiner verrückten, verpeilten Art.

     „Hey Tony, was gibt es?“, fragte ich und gab mir keine Mühe, mein Misstrauen zu verbergen. Er sollte ruhig hören, dass er mich störte!

      „Also … das ist mir wirklich unangenehm, Ally. Ich weiß, dass du frei hast, aber … du musst mir einen Gefallen tun“, druckste er herum. Ich stöhnte innerlich auf, obwohl mir klar gewesen war, dass er deswegen anrief. Warum sollte sich ein Chef auch sonst in der Freizeit bei seiner Mitarbeiterin melden?!

        „Welchen denn?“

     „Serina hat gekündigt und einfach die Bar verlassen, ohne abzuschließen.“

Überrascht nahm ich die Füße vom Couchtisch. „Was? Warum das denn?“

    „Angeblich habe ich ihr 100 Dollar unterschlagen, pff!“, erklärte er in einem Ton, als wäre die Unterstellung eine absolute Frechheit. War sie vermutlich auch, denn so etwas würde ich Tony nie zutrauen.

     „Sie ist der festen Überzeugung, dass ich ihr für die letzte Nachtschicht hundert Mäuse mehr versprochen hatte, dabei wollte sie einfach nur meine Betrunkenheit ausnutzen. Was die Gute aber vergessen hat: Wenn es ums Geld geht, kann man mich nicht verarschen - auch nicht wenn ich eine ganze Flasche Whiskey intus habe!“

     Fast hätte ich gelacht, er klang so stolz, als wäre seine Trinkfestigkeit ein Talent, mit dem man preisgekrönte Titel gewinnen könnte. Ja, Tony kippte sich gern mal einen hinter die Binde – das war bekannt –, aber er würde uns Kellnerinnen niemals abziehen. Genauso wenig wie er uns überbezahlen würde. Konnte er auch gar nicht, denn er verdiente sich mit der Bar nicht gerade eine goldene Nase. Selbst ich hatte zu Beginn unseres Arbeitsverhältnisses stundenlang auf Knien herum rutschen müssen, damit er mir einen Vorschuss für die Miete gab. Ansonsten hätte ich nämlich auf der Straße schlafen müssen – im Ghetto!

     Daraufhin hatte ich neun Tage hintereinander in Zwölf-Stunden-Schichten malochen müssen – es war die Hölle gewesen. Dass er Serina einfach so mehr Geld versprochen haben sollte, klang also ziemlich unwahrscheinlich … und wiederum klang es ganz nach Serina, die sich bekanntermaßen gern gegen Tony auflehnte. Sie hatte ihn noch nie wirklich ernst genommen, hielt sich für etwas Besseres und fühlte sich durch ihre Verbindungen unantastbar. Ich glaube, der einzige Grund, warum Tony sie überhaupt eingestellt hatte, war der Mangel an Alternativen.

     „Tja, und jetzt ist sie weg. Was an sich kein Weltuntergang ist – du kennst ja ihre Arbeitsmoral …“

Ich nickte zustimmend und verkniff mir einen fiesen Kommentar, weil er seinem tiefen Luftholen nach zu urteilen sicher noch mehr sagen wollte.

     „Aber damit bist du meine einzige Mitarbeiterin und weil diese blöde Kuh den Laden nicht abgeschlossen hat, steht er jetzt offen …“

      „Woher weißt du das?“, fragte ich schockiert.

 „Sie hat es mir ins Telefon geschrien und den Schlüssel hörbar weggefeuert.“

      „Was für ein Miststück“, fauchte ich.

 „Amen, und jetzt habe ich ein großes Problem. Du weißt, dass ich in San Diego bin und erst übermorgen zurückkomme. Ich werde die Bar morgen einfach geschlossen lassen, damit du deine freien Tage genießen kannst, aber dafür muss ich dich bitten, sie für mich abzuschließen. Einen Tag ohne Einnahmen kann ich verkraften, aber keine ausgeräumte Bar – ich bin nicht versichert.“

    Einige Sekunden lang herrschte Stille, ich musste erst verarbeiten, was er da von mir verlangte.

    „Das hier ist Downtown, Tony, und es ist nach Mitternacht!“

Er stieß ein tiefes Seufzen aus, das keinen Zweifel daran ließ, wie bewusst er sich dieser Tatsache und der Schwere seiner Bitte war.

    „Ich weiß, aber wenn du die Bar nicht abschließt, wird morgen nicht mehr viel davon übrig sein. Irgendjemand wird sie betreten und sehen, dass dort niemand arbeitet. Was glaubst du, wie lange es dauern wird, bis sich das in der Gegend rumgesprochen hat und diese Weltuntergangsfreaks mit ihren Einkaufskörben anrücken, um alles mitzunehmen, hä? Ich bin ohne meine Bar erledigt!“ Und ich werde meine Arbeitsstelle verlieren, weil er sich keine Kellnerin mehr leisten könnte, schoss es mir durch den Kopf.

     „Die haben meine Bar schon einmal zertrümmert. Bitte, du sollst sie nur abschließen und die Gitterwände runterziehen, mehr nicht.“

     „Mehr nicht“, schnaubte ich.

        „Ich helfe gerne, Tony, das weißt du, aber was du da verlangst, ist schon beinahe lebensgefährlich. Moment, es ist lebensgefährlich! Kein Mensch, der noch alle Tassen im Schrank hat, läuft um Mitternacht im Ghetto rum.“

       Ich war nicht ganz planlos hergezogen. Von allen Vierteln, die in Los Angeles wie Unkraut wucherten, war Eastwood das harmloseste – wenn man so ein triviales Wort an diesem Ort überhaupt verwenden konnte – und es war das einzige, in dem ich mich als Weiße bewegen konnte. In Eastwood lebten hauptsächlich weiße Amerikaner, die Gebiete der Schwarzen und Latinos lagen im Westen und Süden der Stadt. Der Glaube, dass die schwarzen Gangs in L.A. dominierten, war längst überholt, denn mittlerweile kamen auf einen afroamerikanischen Gangster fünf Latinos, womit sich die Machtverhältnisse deutlich verlagert hatten. Ich wusste nicht, wer sich mehr hasste: die rivalisierenden Gangs der Schwarzen – die Crips und Bloods –, oder die Schwarzen und die Latinos.

     Ich wusste nur, dass diese drei Gruppen für die meisten Morde in der Stadt verantwortlich waren und man alles daran setzen sollte, nicht zwischen ihre Fronten zu geraten. Dass das hier das Ghetto der Weißen war, hieß aber nicht, dass hier alle Freunde wären und nicht hin und wieder auch feindliche Gangs vorbeischauten. Eastwood war wie ein Bahnhof, an dem man einen Zwischenstopp einlegte, um dann weiterzuziehen. Zwischenstopp war in diesem Fall jedoch nur ein anderes Wort für Mord oder Überfall, und in keines von beiden wollte ich hineingezogen werden.

     „Fuck!“, rief Tony durch das Telefon, und ich stellte mir vor, wie er sich nervös mit der Hand durchs Haar fuhr, so wie er es immer tat.

     „Das weiß ich natürlich, Ally, ich dachte nur …“

Dass ich mich so sicher durch die Straßen bewegen konnte wie Serina? Aber das konnte ich nicht, ich hatte weder einen Cousin, der Gangmitglied war, noch einen Freund, der mich von meinen Spätschichten abholte – was auch der Grund war, warum ich ausschließlich tagsüber kellnerte. Im Grunde hatte ich niemanden, nicht mal eine Freundin, bei der ich mich ausheulen konnte, oder einen großen Bruder, der mich beschützte.

     Ich war allein auf dieser Welt und hatte gelernt, für mich selbst zu sorgen, eine Überlebenskünstlerin zu sein. Um das zu schaffen, brauchte man aber einen natürlichen Wachsamkeitsinstinkt, und genau dieser schrie mir jetzt zu, seine Bitte abzuschlagen. Andererseits musste mein Instinkt keine Miete zahlen und ganz sicher brauchte er keinen gefüllten Magen, weswegen ich ihn, kaum dass Tony mir ein Angebot von 200 Dollar unterbreitet hatte, kurzerhand abschaltete.

     „Du willst mir 200 Dollar dafür geben?“, fragte ich ungläubig und richtete mich interessiert auf. Das war gar nicht so einfach, denn mein Sofa war so durchgesessen, dass ich das Gefühl hatte, mein Hintern würde den harten Fußboden berühren - womit es in etwa die Konsistenz von Wackelpudding hatte. Das Geld konnte ich gut gebrauchen, es würde endlich wieder Leben in meinen Kühlschrank bringen und mir ermöglichen, wieder unbegrenzt telefonieren und surfen zu können. Speziell Facebook war mir wichtig, das Netzwerk war nämlich meine einzige Verbindung zu anderen Menschen – von den torkelnden Kunden in der Bar einmal abgesehen.

     Zwar hatte ich keine wirklichen Freunde mehr – wenn ich überhaupt jemals welche gehabt hatte -, aber ich bildete mir gern ein, dass sie den Kontakt mit mir ebenso sehr brauchten wie ich den mit ihnen. Vielleicht waren sie ja auch verzweifelt, lebten in einem Ghetto am anderen Ende der Welt und suchten verbissen nach Normalität – ein Zustand, den ich schon seit langer Zeit vermisste …

     Ich schüttelte die trüben Gedanken ab und ließ mir das Angebot noch einmal bestätigen. Könnte ja sein, dass ich halluzinierte oder vor dem Fernseher eingeschlafen war und träumte. Doch es blieb dabei. Mein Chef, der sonst jeden Dollar zweimal umdrehte, bot mir 200 Mäuse an. Das konnte ich gar nicht abschlagen.

     „Also schön, ich gehe vorbei, aber dafür bist du mir echt was schuldig. Wie wäre es mit einem zusätzlichen bezahlten Urlaubstag, den ich mir selbst aussuchen kann?“

     Er lachte, glücklich, aber auch empört. „Habe ich meine Schuld nicht gerade mit 200 Dollar beglichen?“

     „Nein. Bis jetzt hast du vor allem nur geredet. Ich habe das Geld ja noch nicht, außerdem brauche ich es als Schmerzensgeld, falls mir was passiert. Die 200 Dollar werden mir im Fall der Fälle zwar nichts mehr nützen, aber dazu kommen wir, wenn es soweit ist. Ich bekomme dann also das Geld und einen bezahlten Urlaubstag, einverstanden?“

      Wieder lachte er. „Aus dir könnte mal eine knallharte Gangsterfrau werden. Gut, ich bin einverstanden. Wir sehen uns am Montag … und sei vorsichtig.“

     „Klar“, sagte ich und legte auf.

Kaum hatte ich es getan, beschlich mich das Gefühl, einen ganz miesen Deal eingegangen zu sein. 200 Dollar würden nicht nur nicht genügen, falls mir etwas passierte, sie würden mich nicht einmal erreichen! Um sie zu erhalten, musste ich nämlich zuallererst in einem Stück wieder nach Hause kommen … und ich wusste nicht, ob mir das gelingen würde.

     Natürlich lauerten die Gangster nicht hinter jeder Ecke – es gab auch gangfreie Zonen – und sie sprangen auch nicht jede Person an, die ihnen über den Weg lief, aber mit 850 verschiedenen Gangs und über 100.000 registrierten Mitgliedern gab es in L.A. auch nicht gerade wenige. Das Traurigste an der Sache war, dass die Gangs nicht mal die unterste Gesellschaftsschicht darstellten, denn die verdienten mit ihren Rauben, Morden und Erpressungen eine Menge Kohle.

     Nein, die wirklich Armen waren die Obdachlosen, die Gangopfer und die Drogenabhängigen. Leider würde mir aber niemand von denen zu Hilfe eilen, sollte ich den Wölfen in die Pranken laufen. Sie würden einfach wegschauen, die Fensterläden schließen oder sogar die Köpfe schütteln. Wer war auch so dämlich und riskierte sein Leben für 200 Dollar! Aber einmal versprochen, konnte ich jetzt unmöglich einen Rückzieher machen.

     Ich erhob mich vom Sofa, nicht ohne ein lautes Seufzen auszustoßen, und durchquerte das Wohnzimmer. Alle Möbel darin stammten vom Vormieter und waren in einem einigermaßen guten Zustand. Die Kommoden und Schränke hatte ich mehrmals ausgewischt, den Kühlschrank sogar fünf Mal und die Bettmatratze hatte ich im hohen Bogen in den Müllcontainer geworfen. Fehlte mir noch, dass ich auf den Sekreten meines Vormieters schlief! Auf meine Frage hin, was mit ihm geschehen war, hatte man mir lediglich mit er ist weg geantwortet, was bei mir sofort die Vision eines ermordeten Mannes heraufbeschworen hatte. Dass er weg war, konnte schließlich alles bedeuten. Er war umgezogen, ausgewandert, wurde ermordet, verschleppt ...

      Meiner Fantasie waren da keine Grenzen gesetzt und weil ich auch nicht wusste, wie hygienisch mein Vormieter gewesen war, hatte ich vorsorglich eine Grundreinigung vorgenommen. Natürlich würde ich mich hier niemals ganz heimisch fühlen – eine Restpräsenz meines Vorgängers würde immer an den Möbeln haften bleiben – aber ich konnte zumindest beruhigt schlafen, ohne Angst haben zu müssen, mir irgendwelche Geschlechtskrankheiten einzufangen. Und ja, ich war mir durchaus bewusst, dass ich dafür körperlichen Kontakt brauchte. Trotzdem!

      Ich warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf mein Sofa, dessen Bezug ich noch am ersten Tag ausgewechselt hatte, und trottete ins Schlafzimmer. Meine Zwei-Raum-Wohnung maß gerade mal 46 qm und war mit einer Einbauküche, einem winzigen Schlafzimmer und einem noch winzigeren fensterlosen Bad ausgestattet.

      Ich mochte offene Küchen nicht, ich fand, dass die Essensdämpfe und Gerüche nichts im Wohnzimmer verloren hatten, aber ich sah auch ein, dass man die Küche in so einer kleinen Wohnung nirgendwo anders hätte unterbringen können. Wobei man die abgenutzte Kochplatte und die Küchenzeile nicht wirklich als Küche bezeichnen konnte. Armseliger Kochstellenersatz traf es da eher.

       Das Schlafzimmer war noch spartanischer eingerichtet als das Wohnzimmer, das wegen des großen Esstisches, des Sofas und der einfachen Kommoden wenigstens noch ein Minimum an Wärme ausstrahlte. Davon mangelte es in meinem Schlafgemach allerdings vorne und hinten. Ein Bett und ein heruntergekommener Kleiderschrank waren alles, was den Raum ausfüllte. Den schmutzigen Wäscheberg in der Ecke, um den ich mich morgen kümmern würde, zählte ich jetzt einfach mal nicht dazu.

      Um mich möglichst unauffällig durch die Straßen zu bewegen, wählte ich so legere Kleidung wie möglich. Jogginghose, ein weißes Tank Top, eine Sweatjacke drüber und fertig war meine Tarnung. Mit einem unordentlichen Dutt und meinem ungeschminkten Gesicht dürfte ich für niemanden attraktiv genug aussehen, um ausgeraubt, vergewaltigt oder umgebracht zu werden. Ich repräsentierte nur eine weitere bedauernswerte Seele, die in dieses  Ghetto abgeschoben worden war - mit dem einzigen Unterschied, dass ich nicht gewalttätig war.

     Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch nahm ich ein langes Taschenmesser aus der Kommode und drehte es nachdenklich in der Hand. Es war schon hier gewesen, als ich eingezogen war – mein Vormieter musste es entweder vergessen haben oder ihm war etwas zugestoßen, weshalb er sicher nichts dagegen hatte, wenn ich es mir nun aneignete.

      „Möge es mir ein besserer Gefährte sein, als es dir einer war“, sprach ich mit geheimnisvoller Stimme. Okay, das war eigentlich gar nicht lustig, aber ich konnte mir ein Grinsen einfach nicht verkneifen.

     Ich ließ das Messer in meine Hosentasche gleiten und setzte mich in Bewegung. Einen Gangster würde ich damit zwar nicht beeindrucken, aber einen Amateurdieb, der sich an den edlen Tropfen der Bar zu schaffen machte, konnte ich mit der blitzenden Klinge vielleicht abschrecken. Mit einem winzigen Gefühl von Sicherheit zog ich die Wohnungstür zu und schritt den knarrenden Hausflur entlang. Ganz klischeehaft lebte der Eigentümer dieses bescheidenen Gebäudes im Erdgeschoss, wo er die Mietpreller abfangen konnte, wenn sie versuchten, sich an ihm vorbei in ihre Wohnungen zu schleichen.

    Zum Glück gehörte ich nicht dazu – dafür arbeitete ich mir auch einen Buckel –, aber wenn ich mir die Bruchbude von Haus so ansah, deren Wandfarbe schon seit mindestens hundert Jahren abblätterte, dann fragte ich mich, ob ich hier nicht die Blöde war. Eigentlich müsste man so eine heruntergekommene Wohnung hinterhergeworfen bekommen, besser noch, ich müsste Geld dafür bekommen, hier zu leben! Doch sie erfüllte ihren Zweck und der bestand leider nicht nur darin, mich zu beherbergen …

     Nachdem ich den stockdunklen Gang gefahrlos überquert hatte, ich glaube, Licht hatte es hier noch nie gegeben, und ich die Treppen herabgestiegen war, fand ich mich auf der Straße wieder. Mein Haus – in dem vier Parteien lebten – war nur eines von dutzenden Bruchbuden in dieser Straße, das mit dem spröden Gestein mehr als baufällig aussah. Das Viertel war überwiegend von kleinen Trailern besiedelt – nur Wenige hatten ein richtiges Haus – aber hier hatte man die Idee gehabt, möglichst viele Menschen in einem Gebäude unterzubringen, indem man das Haus in viele kleine Wohnungen gliederte.

       Balkone gab es auf der Straßenseite nicht. Die ragten wie üblich zu den Hinterhöfen hinaus, wobei ich meinen nur dann betrat, wenn ich den Müll entsorgen musste. Praktischerweise standen die Tonnen direkt unter meinem Balkon – beziehungsweise drei Stockwerke tiefer –, sodass ich nur gut zielen musste, um die Müllsäcke loszuwerden. Von dem Abfallgeruch einmal abgesehen, der direkt zu mir hochstieg, war der Hinterhof aber auch sonst kein Ort, an dem man mal eben entspannen konnte.

        Die Nachbarn nutzten ihn hauptsächlich zum Wäschetrocknen, alle wohlbemerkt, sodass es aussah, als hätte eine riesige Spinne ihr Netz gesponnen, an dem sich hunderte Kleidungsstücke verfangen hatten. Wenn ihre Eltern nicht die Wäsche aufhängten, hörten die Kiddies laute Hip-Hop-Musik, brüllten von einem Balkon zum anderen und rauchten Joints. Alles keine Tätigkeiten, bei denen ich mich entspannen konnte, weshalb meine Balkontür so gut wie immer geschlossen blieb.

     Ich warf einen verunsicherten Blick auf die Straße, die nur von wenigen Laternen erhellt wurde, und fragte mich, was ich hier eigentlich tat. Ich wohnte im Eastwood Ghetto und das nicht etwa, weil ich einen krankenhaften Hang zum Nervenkitzel hegte. Ich hatte auch nicht zu viel GTA gezockt oder wollte meine gefährliche Seite erkunden. Nein, der Grund, weshalb ich hier war, war viel trivialer: Ich war schlichtweg am Ende, ganz unten angekommen und mittlerweile weniger wert als ein Wurm. Das war aber nicht immer so gewesen. Noch vor zwei Monaten hätte mich jede Frau um mein Leben beneidet. Ich hatte Geld gehabt – oder besser gesagt mein Exfreund –, hatte mit meinen 24 Jahren bereits in den teuersten Restaurants gespeist, die angesagtesten Clubs besucht und so viele Designertaschen mein Eigen genannt, dass ich förmlich darin erstickt war. 

     Heute erschien mir dieses Luxusleben wie ein verblasster Traum. Es fühlte sich nicht so an, als wäre das wirklich mein Leben gewesen. Vielmehr so, als wäre ich nur eine stumme Zuschauerin gewesen, die im hintersten Winkel ihres Bewusstseins gesessen und es mitverfolgt hatte. Schon beängstigend, wie schnell man sinken konnte.

      Kühler Wind empfing mich, im Schlepptau das schwache Aroma von gegrilltem Fleisch. Ich konnte spüren, wie die Kälte durch meinen Hoddie sickerte und sich wie eine zweite Haut auf meinen Körper legte, um mir eine Gänsehaut zu verschaffen. Wir hatten Frühlingsanfang - eine meiner Lieblingsjahreszeiten -, deswegen würden die Temperaturen in den nächsten Wochen auch erträglicher werden. Ich mochte es weder zu heiß noch zu kalt, weshalb ich den Frühling und Herbst sehr schätzte. Jetzt, in der Nacht, waren sie noch einmal beachtlich gesunken, doch weil ich keine zehn Minuten laufen musste, verzichtete ich auf einen Schal.

      Ich war sehr kälterobust – wenn andere nur mit Schal aus dem Haus konnten, ließ ich den Jackenkragen offen – und erkältete mich auch nur selten. Keine Ahnung, woran das lag, aber es war sehr praktisch. Ein letztes Mal ließ ich meinen Blick prüfend über die Straße gleiten. Ich wünschte mir geradezu, dass etwas passiert, nur damit ich in meine Wohnung zurückeilen und mich auf mein Sofa verkriechen konnte. Doch die Straße lag so ruhig vor mir, als wäre sie ausgestorben, weshalb ich mich schließlich voran wagte.

     Auf ein Taxi brauchte ich gar nicht erst zu warten, so etwas gab es hier nicht. Eher würde der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten vorbeikommen. Aber eine Mitfahrgelegenheit war auch gar nicht nötig, denn Tonys Bar lag keine zehn Minuten entfernt. Nichtsdestotrotz machte das Herumlaufen am Tage mehr Spaß, deshalb sah ich mich auch ständig nach allen Seiten um.

     Es war nicht so, dass das Ghetto tagsüber unbedingt sicherer war – Menschen übten zu jeder Tageszeit Verbrechen aus –, aber die Dunkelheit schien noch einmal ein anderes Kaliber an Böswilligkeit hervorzulocken. Als würden sich die Seelen der Menschen mit Einbruch der Dunkelheit schwarz färben. Ich konnte nur hoffen, dass ich heute keiner dieser schwarzen Seelen begegnete!

 

***

 

Die Bar war leer, als ich sie betrat – ganz zu meiner Erleichterung. Ich schaltete das Licht an und ließ meinen Blick über die Einrichtung schweifen. In dem Raum standen zehn Couchtische, jeder mit je zwei dunklen Sesseln bestückt. Die Einrichtung war einfach, aber modern, und wurde von einer Säule geschmückt, die in der Mitte bis zur Decke aufragte. Daran waren etliche Haken angebracht, die den Gästen zum Aufhängen ihrer Jacken dienten. Eine Besonderheit hatte Tonys Bar noch und das war der leuchtende Tresen, der am Ende des Raumes thronte. Er war Tonys ganzer Stolz und wurde mindestens zwei Mal am Tag von ihm geputzt. Die verglaste Thekenfront sah aus, als wäre sie aus großen Mosaiksteinen zusammengesetzt, deren goldbraune Farben sich über den gesamten Tresen zogen. Durch die eingebaute Beleuchtung kamen diese Muster besonders zur Geltung, es war also definitiv ein Blickfang.

     Was ich eigenartig fand, war, dass Tonys Bar schon zweimal auseinandergenommen worden war, man den Tresen dabei aber nie beschädigt hatte. Als wäre er den Einbrechern zu prachtvoll erschienen, um ihn wie die anderen Möbel zu zerlegen, oder als gäbe es einen geheimen Kodex, der es ihnen untersagte. Tony war seitdem der festen Überzeugung, dass der Tresen ihm Glück brachte. Ich dagegen konnte mir gut vorstellen, dass den geübten Blicken der Einbrecher nur einfach die Falschheit aufgefallen war.

      Hinter dem Tresen erhob sich wie üblich ein Regal, gefüllt mit so ziemlich allen alkoholischen Getränken, die eine Bar zu bieten haben sollte. Seitlich des Raumes reihten sich gepolsterte Bänke, drei Spielautomaten und zwei Dartscheiben auf.

     Toiletten gab es in dem kleinen Raum nicht, dafür führte hinter dem Tresen eine Tür zum Abstellraum, in dem Vorräte und anderes lagerten. Das alles erfasste ich mit einem Blick, nur den Schlüssel, den Serina fallen gelassen haben sollte, konnte ich nirgends sehen. Ich schob die Stühle beiseite, bückte mich unter die Tische und legte mich auf den Boden, um unter die Bänke zu linsen, doch ich konnte den Schlüssel nirgends finden.

      Dafür hing Serinas penetrante Parfum in der Luft, dem ich, wenn ich die Nase eines Hundes besessen hätte, wahrscheinlich einfach nur hätte folgen müssen, um das blöde Ding zu finden.

      Ich konnte mir immer noch nicht vorstellen, dass ein Quäntchen Wahrheit an Serinas Aussage war, doch wenn sie wirklich verbreitete, dass Tony sie betrogen hatte, konnte es ungemütlich für ihn werden. Mit der Verwandtschaft eines Gangmitglieds sollte man sich möglichst nicht anlegen und Serina ging mit ihrer Verwandtschaft ja schon fast täglich hausieren.

      Sie trug die Verbindung zu ihrem Cousin wie ein Schutzschild vor sich her und tatsächlich behandelte auch Tony sie mit mehr Respekt, als man seiner Mitarbeiterin eigentlich entgegenbringen müsste. Ob es wirklich stimmte, dass ihr Cousin den berüchtigten Bullets angehörte, wusste ich nicht – ich hatte ihn noch nie gesehen -, aber eigentlich gehörte hier jeder Mann irgendwo dazu – selbst Tony.

     Manche Gangs waren harmloser als andere und hatten sich nur zusammengeschlossen, um sich gegen die bösen Jungs zu verteidigen. Am Ende kam es also darauf an, wie mächtig und skrupellos die Bande war, zu der man gehörte. Ich konnte nur hoffen, dass er durch Serinas Kündigung nicht in Schwierigkeiten geriet, denn ich mochte Tony, aber vor allem brauchte ich den Job.

     Er war gerade die einzige Einnahmequelle, mein Treibholz, das mich über Wasser hielt, und auch wenn meine Arbeit hier nicht besonders viel abwarf – Tonys Bar war nicht gerade ein Menschenmagnet –, reichte es doch, um zu überleben.

      Nach minutenlanger erfolgloser Suche – und dem leisen Verdacht, dass sich der Schlüssel vielleicht gar nicht hier befand – ging ich an die Bar und schaute im Mülleimer nach.

     Es war reine Intuition, aber wenn ich wütend auf Tony gewesen wäre, hätte ich den Schlüssel im Mülleimer versenkt, um zu demonstrieren, wie wenig ich von seiner Bar hielt. Außerdem würde er ihn in dem Abfall nicht so schnell finden und Ziel dieser Geste war es ja, ihm mit möglichst viel Geringschätzigkeit zu antworten.

 Offenbar tickten wir Frauen wirklich alle gleich, denn ich fand tatsächlich etwas Metallisches unter den ausgedrückten Limettenscheiben und den Orangenschalen.

Der Schlüssel!

     Ich hatte ihn gerade herausgefischt, als mich das Geräusch von Schritten hochfahren ließ. Ich hatte weder gehört, wie sich ein Auto angekündigt hatte, noch Stimmen gehört, deshalb fuhr mir das dumpfe Aufstampfen auch durch Mark und Knochen. Da war ich Trottel so verbissen damit beschäftigt gewesen, den Schlüssel zu finden, dass ich ganz vergessen hatte, die Tür hinter mir zu schließen. So musste es den Anschein erwecken, als wäre die Bar für jedermann geöffnet. Verdammt!

     Ich zählte vier junge Männer, vermutlich Mexikaner, wobei einer unfreundlicher als der andere aussah. Ihren grimmigen Gesichtern nach zu urteilen waren sie nicht wegen eines gemütlichen Biers hier, und auch ihre Körperhaltung drückte Aggressivität aus. Die einheitlichen Tattoos, die sich wie Schlangen über ihre Arme, Hälse und teilweise sogar das Gesicht zogen, ließen meinen Puls in die Höhe schießen. Ich wusste, wer sie waren, diese Jungs heuerte man an, wenn man jemandem ans Leder wollte. Demnach konnten sie nur wegen einer Person hier sein …

      „Wo ist Tony?“, wurde ich von einem kahlköpfigen Mann gefragt, dessen Schädel nur so vor Gangzeichen funkelte. Ich nahm an, dass sie schwarz waren, doch im Schein der Deckenlampen schimmerten sie wundersam bläulich. Der Kerl sah aus, als hätte er seinen polierten Schädel in einen Topf getaucht, der anstelle von Farbe mit Gangzeichen gefüllt war, die dann einfach daran haften geblieben waren.

     „Nicht in der Stadt“, sagte ich und ließ die grimmig dreinblickenden Männer nicht merken, wie die Angst mir langsam den Nacken hinaufkroch. Hatte Serina sie geschickt? Wollten sie Tony in die Mangel nehmen, weil sie sich von ihm betrogen fühlte? Wenn ich eines in den letzten drei Wochen hier im Ghetto gelernt hatte, dann war es, keine Angst zu zeigen und um Himmels Willen nicht das verletzliche Küken zu spielen. Das kitzelte die primitiven Instinkte dieser Gangster nur noch schneller hervor. Wie der Jagdtrieb, der sich bei Raubkatzen einschaltete, wenn man die Flucht ergriff, sprangen sie auf schwächliche Frauen an. Es machte sie selbstsicherer, unberechenbarer, scheinbar dachten sie, sie könnten dann alles mit uns machen.

      Frauen, die ihre Krallen ausfuhren, waren dagegen weniger leicht verdaulich. Mit einer fauchenden Katze legte man sich schließlich auch nicht gern an. Unauffällig tastete ich nach der Delle in meiner hinteren Hosentasche, wo sich das Taschenmesser abzeichnete. Jetzt war ich froh, dass ich es eingesteckt hatte. Vor einem ausgewachsenen, kampferfahrenen Mann würde es mich zwar nicht schützen, aber wenn mich jemand bedrängen oder zu Boden drücken sollte, würde ich ihm zumindest ein kleines Andenken verpassen können. Ich hatte nämlich keinesfalls vor, mich misshandeln zu lassen. Auf meine Frage hin lachten die Männer, als hätte ich einen besonders lustigen Witz erzählt.

     „Natürlich nicht, ich wette, er versteckt sich in dem Raum dort“, vermutete der Glatzkopf und bewegte sich träge auf die Tür und damit auf mich zu. Ich hielt die Luft an. Was würde er tun, wenn er Tony dort nicht antraf? In dem Lagerraum horteten wir so ziemlich alles: Spirituosen, Früchte für die Cocktails, Gläser, Handtücher, Spülmittel, Desinfektionszeug, Besen und was weiß ich nicht alles. Viel Platz zum Verstecken gab es dort nicht, Tonys Abwesenheit würde also schnell auffallen. Was, wenn seine Wut sich in diesem Fall auf mich richtete, er sich einfach das nächstbeste Opfer vornahm?

      Serina und ich waren in den vergangenen Wochen nicht gerade die besten Freundinnen gewesen – sie war viel zu hochnäsig und herrisch –, vielleicht hatte sie den Jungs aufgetragen, sich in diesem Fall an mich zu wenden.

      Doch auch diese Befürchtung ließ ich nicht nach außen sickern – sicher nur mit mäßigem Erfolg. Mein Exfreund hatte immer gesagt, ich wäre wie ein offenes Buch, das man nur lange genug anstarren müsste, damit es einem seine Geheimnisse offenbarte, und so war es leider auch. Mein größter Schwachpunkt waren meine Augen – die Fenster zur Seele –, die in meinem Fall häufiger die Fenster zu Problemen waren. Wenn ich etwas ausgefressen hatte und man mich erwischte, konnte ich einfach nicht lügen, und wenn ich es doch tat, verrieten mich meine Augen. Ich schätzte, es lag daran, dass ich einfach nie die Notwenigkeit gesehen hatte, zu lügen.

      Ich war in einem wunderschönen Haus aufgewachsen, wohlbehütet und ohne finanzielle Sorgen. Ich hatte gute Noten nach Hause gebracht und war ein gehorsames Kind gewesen. Zwar hätte ich mir in vielerlei Hinsicht verständnisvollere und vor allem bodenständigere Eltern gewünscht, die mich nicht nur dazu trieben, ein – in ihren Augen – vernünftiges Fach zu studieren, aber ich war irgendwie mit ihnen klar gekommen. Zumindest so lange, bis ich Alan, den fleischgewordenen Wolf im Schafspelz, kennengelernt hatte und mein Leben sich seither in einer Abwärtsspirale befand, an dessen Ende ich wohl gerade angekommen war. Ich schüttelte die Gedanken ab, weil sie mir ohnehin nicht weiterhalfen, und ging meine Möglichkeiten durch.

      Der Ausgang wurde von einem breitschultrigen Mann blockiert, dessen schwarzes Haar zu einem strengen Zopf gebunden war. Er konnte nicht älter als 25 Jahre sein, sah aber schon so abgeklärt aus, als hätte er alles Übel der Welt gesehen. An dem würde ich sicher nicht vorbeikommen. Zwei weitere nahmen an den Tischen Platz, darunter ein schlanker, hochgewachsener und ein massiger Kerl, den ich jedoch nicht voreilig als dick bezeichnen würde. Vielmehr sah es so aus, als würde er zu seinem täglichen Krafttraining zu viele Kohlenhydrate essen, die sein Körper nicht alle verarbeiten konnte.

     Dass sie die Tische in der Mitte des Raumes wählten, war sicher kein Zufall – auch an ihnen würde ich nicht vorbeikommen. Am meisten sorgte ich mich wegen des Glatzkopfes, der offensichtliche Anführer, der die Bar mittlerweile erreicht hatte. Mit berechnenden Schritten kam er um den leuchtenden Tresen herum und blieb schließlich vor mir stehen. Viel zu dicht, dachte ich mit trockenem Hals und unterdrückte den Impuls, zurückzutreten.

      „Wie gesagt, wenn ihr Tony sprechen wollt, der ist nicht da“, ergriff ich das Wort. Womöglich würde seine Enttäuschung geringer ausfallen, wenn ich ihn darauf vorbereitete, dass er in der Kammer niemanden finden würde, überlegte ich. Weniger Enttäuschung machte ihn ja vielleicht auch weniger gewalttätig.

      „Das werden wir gleich sehen.“ Er schob mich beiseite, als wäre ich ein herumstehendes Möbelstück, dem man keine weitere Beachtung schenken musste, und sah dabei nicht mal in meine Richtung. Als wäre schon allein die Vorstellung, von mir könnte Gefahr ausgehen, absurd! Das hätte mich eigentlich freuen sollen, denn es machte ihn sicher unvorsichtig mir gegenüber, stattdessen kratzte es enorm an meinem Ego. Wenn ich eines nicht ausstehen konnte, dann wenn mich jemand nicht für voll nahm oder in mir nur ein hilfloses Frauchen sah. Mochte ja sein, dass ich dem Glatzkopf körperlich unterlegen war, aber so unvorsichtig wie er mir den Rücken zudrehte, könnte ich ihm ohne Probleme mein Messer in die Seite rammen. Mal sehen, ob er dann immer noch so überheblich dreinschauen würde!

      Allerdings verfolgten seine Kumpel meine Bewegungen mit Argusaugen – ich würde also wahrscheinlich nicht mal zum Schlag ausholen können. Ich fragte mich, was sie befürchteten? Dass ich eine Schrotflinte unter dem Tresen hervorziehen und damit auf sie feuern würde? Ohne meine Gedanken preiszugeben, folgte ich seiner Aufforderung und das noch, bevor er mich überhaupt berühren konnte. Mit vorgetäuschter Langeweile lehnte ich meine Hüfte an den Tresen und beobachtete mit verschränkten Armen, wie er vorsichtig die Klinke herunterdrückte. Dass meine Beine vor Nervosität zitterten, bekamen er und die anderen zum Glück nicht mit, da mein Unterkörper von der Bar verdeckt wurde.

      Die Hand des Glatzkopfes fuhr zu seiner vorderen Hosentasche, wo ich ein Messer vermutete, in seiner hinteren sah ich die Umrisse einer Pistole sich abzeichnen –, dann öffnete er die Tür und starrte in einen menschenleeren Raum.

      „Er ist nicht hier“, knurrte er und warf sie wieder zu.

Sage ich ja, dachte ich und presste die Lippen zusammen, damit es mir nicht versehentlich rausrutschte. Mein freches Mundwerk konnte manchmal wirklich ein Fluch sein.

       „Dann zerlegen wir die Bar eben ohne ihn“, sagte der Dicke, klatschte erwartungsvoll in die Hände und hievte seine massige Gestalt in die Höhe. Ich schwöre, es war keine Einbildung, als der Sessel erleichtert unter ihm seufzte.

      „Um Tony kümmern wir uns nächstes Mal.“

Mit offenem Mund sah ich dabei zu, wie sie lange Schläger aus ihren Jacken zogen, und fragte mich, wie sie diese darunter hatten verbergen können. Die Ladentür wurde vorsorglich geschlossen, die Männer bezogen Stellung und der Glatzkopf ließ sich eine grüne Reisetasche zuwerfen, die er mit einem erwartungsvollen Grinsen auf den Boden stellte. Dann ging das Gemetzel los. Während der Glatzkopf sämtliche Spirituosen in der Tasche verschwinden ließ, hauten die anderen alles kurz und klein, was ihnen unter die Schläger kam. Ich wusste nicht, wohin mit mir. An der Bar stehen bleiben und mich möglichst winzig machen, oder sie um Vernunft bitten?

      Mit Moralpredigten würde ich hier allerdings höchstens für Belustigung sorgen oder schlimmer noch, die Aufmerksamkeit auf mich lenken. Ganz schlechte Idee! Ich mochte Tony und ich weinte meinem mickrigen Gehalt – das ich heute wohl zum letzten Mal bekommen würde - jetzt schon nach, aber sterben wollte ich deswegen nicht. Also stand ich einfach nur da, reglos wie eine Gottesanbeterin, die lediglich die Glubscher bewegte, um ihre Umgebung im Auge zu behalten. Es ist nur Alkohol, wertloser Fusel, der in Flaschen abgefüllt ist, versuchte ich, mir einzureden, während ich den Glatzkopf beim Plündern der Bar beobachtete. Trotzdem tat es mir in der Seele weh, wie sie Tonys Bar behandelten.

     Er hatte so viel Herzblut und Geld hier reingesteckt, dass es einer persönlichen Ausweidung gleichkam. Und sie schienen längst nicht fertig zu sein. Sekündlich ließ mich ein lauter Knall zusammenfahren, etwa wenn ein Stuhl oder ein anderes Möbelstück zerhauen wurde. Die Brutalität und Freude, mit der sie es taten, drehte mir den Magen um. Wenn ich daran dachte, dass sie nicht nur Einrichtungen, sondern sicher auch Menschen verprügelten, wollte ich umso dringender hier weg.

      „Yeah, Baby, so macht man das!“, rief der Dünne, während er seinen Schläger auf die Dartscheiben niedersausen ließ. Ich fragte mich, wie oft er noch draufhauen wollte. Es waren doch jetzt schon nur noch Holzsplitter übrig. Aber ihm schien es egal zu sein, solange er seine Aggressivität nur an etwas entladen konnte. Vielleicht sorgt er ja gerade für Nachschub, um seinen Kopf mit neuer Sägespäne zu füllen, schoss es mir belustigt durch den Kopf. Doch anstatt mich auch noch über diese Typen lustig zu machen, sollte ich lieber herausfinden, wie ich hier wegkam.

     Ich wusste nicht, wie lange die Prozedur andauerte, aber plötzlich leuchteten Scheinwerfer durch die Fensterfront und tauchten die Bar in grelles Licht. Ich riss die Hände hoch, fühlte mich, als würde man hunderte Leuchter auf mich richten, und hörte mehrere Wagen mit quietschenden Reifen bremsen. Sofort hielt die Gruppe in ihrem Wahnsinn inne und Nervosität breitete sich aus. Sie hing so schwer in der Luft, dass ich glaubte, sie automatisch einzuatmen. Doch es waren keine Gesetzeshüter, die mir zu Hilfe eilten – natürlich nicht.

     Als die Scheinwerfer erloschen, erkannte ich dunkle Kleidung und gezogene Waffen. Die nächste Gang, erkannte ich mit Entsetzen. Wenn noch ein letztes Quäntchen Farbe in meinem Gesicht gewesen war, dann zog sie sich nun vollends zurück.

     Laute Stimmen waren zu hören, von draußen wie von drinnen. Was die Latinos sich zuriefen, konnte ich jedoch nicht verstehen, denn sie waren auf ihren Dialekt umgesprungen. Dafür sah und hörte ich, wie sie durch die Eingangstür brüllten. Es brauchte keinen Dolmetscher, um zu verstehen, dass die Neulinge unerwünscht und somit wohl keine Verbündeten waren. Die Männer auf der Straße erwiderten die Rufe mit Beleidigungen und Todesdrohungen. Verdammt, ich musste hier weg!

      Mit klopfendem Herzen warf ich dem Glatzkopf einen Seitenblick zu, doch er stand immer noch hinter der Bar, weshalb ich es nicht wagte, mich zu bewegen. Wenn er nur endlich zur Tür gehen würde, könnte ich mich im Abstellraum verbarrikadieren und durch das Fenster in den Hinterhof schlüpfen. Von außen sah es zwar aus, als wäre es vergittert, aber das war nur eine Attrappe, die man beliebig abnehmen und anbringen konnte. Sie sollte Amateure daran hindern, auch nur an einen Einbruch zu denken, gleichzeitig aber auch eine Fluchtmöglichkeit bieten.

      Kurz flammte Wut in mir auf, weil ich diesen Schlamassel allein Tony zu verdanken hatte, aber im Grunde lag die Schuld bei Serina. Wie konnte man nur so armselig sein und eine Bar demolieren lassen, nur weil man Differenzen mit dem Eigentümer hatte? Selbst wenn Tony sie tatsächlich um das Geld gebracht hatte, hätte man das sicher auch anders regeln können! Ich persönlich hätte ihn in den Boden gestampft oder mit einer Anzeige gedroht. Ganz sicher hätte ich aber nicht sein Leben zerstört. Aber was regte ich mich überhaupt auf? Das hier war das Ghetto, die Menschen kannten nur eine Sprache.

      Als dem Glatzkopf etwas zugerufen wurde und er daraufhin seine Waffe zog, ließ ich mich automatisch auf den Boden fallen. Das Herz rutschte mir in die Hose und beschleunigte sich um das gefühlt Dreifache. Ich konnte unmöglich so viel Pech haben und in eine Schießerei geraten sein. Nicht, nachdem ich einem Freund nur einen Gefallen hatte tun wollen!

     Doch die Realität prasselte wie ein starker Regenschauer auf meinen Körper. Mehrere Schüsse erklangen, Scheiben barsten, Gegenstände gingen zu Bruch und von allen Seiten erklangen Gebrüll und Flüche – es war ein Albtraum. Der Lärm war unvorstellbar und ließ mich immer weiter in die Ecke kriechen. Selbst als ich auf Widerstand traf, kratzte ich mit den Hacken am Boden, um weiter zurückzuweichen. Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre in der Verkleidung der Bar verschwunden. Der Glatzkopf rückte in die Mitte des Raumes vor und gab mir damit endlich den Weg zum Abstellraum frei. Anstatt die Chance zu ergreifen, blieb ich jedoch wie angewurzelt in der Ecke kauern. Ich wollte es, versuchte, meine Beine allein durch Gedankenkraft zu bewegen, doch die Angst, eine Kugel in die Stirn zu bekommen, lähmte mich.

       Dass der Glatzkopf nicht mehr neben mir stand, brachte mich nämlich nicht automatisch aus der Gefahrenzone. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, jetzt erst recht in Schwierigkeiten zu stecken. Die Kugeln, die ihn verfehlten, flogen jetzt in meine Richtung. Als ich todesmutig den Kopf hob, sah ich, dass Glatzkopf direkt vor der Theke Stellung bezogen hatte und auf den Eingang ballerte. Dennoch drang die gegnerische Gang in die Bar und erwiderte das Feuer auf ihn - und somit auch auf mich.

      Kühler Wind wehte durch die zersprungene Fensterscheibe zu mir herüber und schnitt wie Rasierklingen in meine Haut. Ich weiß nicht, wie lange die Schießerei andauerte, es mochten Sekunden sein, vielleicht auch mehrere Minuten. Zeit hatte keine Bedeutung mehr für mich, dafür nahm ich die fallenden Schüsse, die einschlagenden Kugeln und die Schmerzensschreie der Männer umso deutlicher wahr.

        Sollte ich mich eigentlich darüber freuen, dass die Latinos niedergeschossen wurden, oder hatte ich vor der neuen Gang noch mehr zu befürchten? Im Grunde hatten mir die Mexikaner ja nichts getan, vielleicht hätten sie mich in der zertrümmerten Bar sogar unversehrt zurückgelassen. Doch da ich nicht hellsehen konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als hier kauern zu bleiben, so tief wie möglich den Kopf einzuziehen und die Arme um mich zu schlingen. Schnell musste ich jedoch begreifen, dass ich in meinem Versteck keineswegs so sicher war, wie ich es angenommen hatte, denn im nächsten Moment flog der Glatzkopf über den Tresen und landete direkt vor meinen Füßen.

      Natürlich flog er nicht wirklich - das hier war schließlich kein schlechter Actionstreifen - aber er schlitterte über die Theke, riss die Salzstangengläser und diverse Servietten mit sich und stolperte dann mit dem Kopf voran gegen das Regal. Sämtliche Gläser segelten zu Boden, zerplatzten dort und bohrten sich in sein Fleisch, als er zusammensackte. Er registrierte es aber kaum, zumindest gab er keine Schmerzenslaute von sich und blieb auch sonst reglos liegen. Ich vermutete, dass er zu benommen oder tot war und entdeckte seine Waffe, die nur wenige Zentimeter neben ihm lag. Erst jetzt registrierte ich, dass die Schüsse und Schreie verstummt waren – es war totenstill.

      „Waren das alle?“, hörte ich jemanden fragen und griff instinktiv nach der Waffe. Etwas Schweres wurde über den Boden geschleift, womöglich ein Toter, und dann lautstark wieder fallengelassen. Wer auch immer diejenigen auf der anderen Seite waren, sie waren bewaffnet und damit keine Freunde. Doch die knirschenden Scherben unter meinen Schuhen machten zu viel Lärm und verrieten meinen Aufenthaltsort.

      „Nicht ganz, da scheint sich noch jemand zu verstecken. Vielleicht der Barkeeper“, hörte ich einen anderen antworten. Mein Herz gefror erneut zu Eis.

     „Hey du, komm raus, es ist vorbei“, wurde ich aufgefordert, doch ich bewegte mich keinen Millimeter. Fieberhaft versuchte ich, einen klaren Gedanken zu fassen, doch vor lauter Panik lösten sich die Gedankenstränge immer wieder auf. Mein Verstand versagte mir einfach den Dienst. Alles, woran ich denken konnte, war das starke Beben meiner Knie, das mir vorgaukelte, auf einer wackeligen Brücke zu stehen.

      „Hörst du schwer … oder bist du verletzt?“

Ich kämpfte mich aus dem lähmenden Zustand heraus, rief mir zu, dass sie womöglich das Feuer auf mich eröffnen würden, wenn ich keinen Ton herausbrachte, und zwang mich zu einer Antwort.

      „Mir geht’s gut, verschwindet!“, rief ich mit gesenktem Kopf.

     „Eine Frau“, hörte ich denjenigen erleichtert sagen. Klang das nur in meinen Ohren herablassend? War eine Frau denn automatisch weniger gefährlich?

      Als sich Schritte näherten, lugte ich über den Tresen und gab einen Warnschuss ab. Zum Glück hatte der Glatzkopf die Waffe schon benutzt. Ich hätte nämlich keinen Schimmer gehabt, wie ich sie entsichern sollte. Mit einem lauten Knall schlug die Patrone in der gegenüberliegenden Wand ein und die Männer stoben wie aufgeschreckte Hühner auseinander.

      „Scheiße, Mädchen, beruhig dich mal!“

    „Spinnst du, einfach auf uns zu schießen!“, brüllten sie durcheinander. Beinahe hätte ich höhnisch gelacht. Sie hatten gerade vier Männer erschossen und regten sich allen Ernstes über einen Warnschuss auf?

       „Verschwindet!“, wiederholte ich und umklammerte die Waffe, als würde mein Leben davon abhängen. Moment mal … es hing ja davon ab!

       „Das werden wir – versprochen –, aber erst muss ich mit dir reden. Ich werde jetzt hinter der Säule vorkommen, in Ordnung?“, meldete sich eine tiefe und gleichzeitig samtweiche Stimme. Der Mann hat eindeutig den falschen Beruf gewählt, dachte ich. Hörbuch- oder Synchronsprecher wären eindeutig die bessere Wahl gewesen.

       Ich sah, wie jemand hinter dem Holzpfeiler hervortrat und mit erhobenen Händen auf mich zukam. Ich weiß nicht, ob ich den Verstand verloren hatte, aber ihn in dieser unterwürfigen Pose zu sehen, gab mir ausreichend Mut, um meine Deckung ebenfalls zu verlassen. Außerdem brauchte ich festen Stand, um besser zielen zu können. Die Bewegungen des Mannes waren unendlich langsam, selbst als er die Hände hinter dem Kopf verschränkte. Ich kam mir wie eine Verrückte vor, in deren Nähe man keine schnellen Bewegungen machen durfte. Was jedoch so gar nicht zu seiner demütigen Haltung passen wollte, war sein Blick, der absolut berechnend und abgeklärt war.

      Ich fühlte mich wie beim Röntgen, wobei jeder Zentimeter meines Körpers durchleuchtet wurde. Von meiner Haltung und meinem Körperbau bis hin zu meinem Alter schien er alles ganz genau abzuschätzen und zu bestimmen. Eine Tomografie stellte ich mir nicht weniger unangenehm vor, denn genau wie bei diesem Verfahren schien sein Blick mich scheibchenweise auseinanderzunehmen. So eine Präzision sah man sonst nur bei jagenden Raubkatzen, deshalb schüchterte mich diese Art der Musterung auch erheblich ein.

       „Ich könnte sie erschießen“, erklang eine Stimme links von mir. Erschrocken schwenkte ich die Waffe herum und entdeckte einen Mann außerhalb der Bar stehen und durch die zerbrochene Fensterscheibe auf mich zielen. Mit seiner düsteren Aufmachung verschmolz er förmlich mit der Dunkelheit, sein Blick war genauso berechnend wie der meines Gegenübers.

 Scheinbar bekam man diesen Ausdruck automatisch, wenn man zu lange im Ghetto lebte, überlegte ich. Meiner hingegen war panisch und unentschlossen, genau wie meine Hände, die erst auf den einen und dann auf den anderen zielten.

      „Das ist nicht hilfreich, Buck!“, zischte der Schwarzhaarige, die Augen weiterhin auf mein Gesicht geheftet. Sein Blick lastete wie unsichtbare Gewichte auf mir, die mich zu Boden ziehen wollten.

      „Er soll verschwinden oder ich erschieße dich!“, bluffte ich und zielte wieder auf den Schwarzhaarigen. Er schien der Anführer zu sein, also würde es am meisten Wirkung zeigen, wenn ich ihn bedrohte.

      „Du hast sie gehört, mach ‘nen Abflug“, sagte er.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Mann namens Buck tatsächlich die Waffe sinken ließ und sich entfernte – ich atmete erleichtert auf. Zwar war die Gefahr noch nicht gebannt, aber zumindest musste ich jetzt nicht mehr befürchten, dass man mir eine Kugel in den Kopf jagte! Buck verschwand so schnell in der Dunkelheit, dass ich nicht sehen konnte, wohin. Es war, als hätte die Nacht ihn genauso schnell verschluckt, wie sie ihn ausgespuckt hatte.

      „Wie heißt du, Kleine?“ Langsam setzte der Mann einen Fuß vor den anderen und kam mir gefährlich nahe.

      „Nenn mich nicht Kleine, als wäre ich ein Kind. Ich habe eine Waffe, du Blödmann, und mein Name geht dich überhaupt nichts an! Bleib stehen“, forderte ich ihn auf.

Er kam meiner Anweisung nach, der Ausdruck in seinen Augen hätte jedoch nicht spöttischer sein können. Was sollte das? Ich zielte mit einer geladenen Waffe auf ihn und er zeigte nicht die Spur von Angst. Weshalb? Glaubte er, dass ich es nicht bringen würde, ihn zu erschießen?

      „‘N ziemlich freches Mundwerk“, erklang es aus der hinteren Ecke. Ich schaute an dem Schwarzhaarigen vorbei, konnte aber niemanden sehen. Seine Männer hatten sich gut vor mir versteckt.

      Der Schwarzhaarige überging meine Beleidigung einfach. „Das war unhöflich, entschuldige. Aber ich muss trotzdem mit dir reden.“ Und mich mit deiner Stimme offenbar einlullen, dachte ich, gleichzeitig angetan und abgeschreckt. Wie konnte jemand so Gefährliches nur so charmant klingen? Seine Stimme war ein Traum, wanderte direkt meinen Nacken hinunter und hinterließ auf seinem Weg ein warmes Kribbeln.

     „Ich aber nicht mit dir, warum verstehst du das nicht?! Die anderen haben die Bar meines Freundes auseinandergenommen und ihr habt sie erschossen …“

 Ungewollt ließ ich meinen Blick über die Glas- und Holzsplitter, abgebrochenen Tischbeine, zerbeulten Spielautomaten, tellergroßen Löcher in den Fensterscheiben und Leichen wandern, die den Boden zierten. Das war total aberwitzig. Das konnte einfach nicht real sein!

     „Was wollt ihr überhaupt hier?“, fragte ich.

     „Wir wurden informiert, dass Mexikaner in unserem Viertel herumschleichen. Die haben hier nichts verloren, uns war klar, dass sie etwas starten würden. Also haben wir sie verfolgt, …“

     „Und das mit Erfolg. Jetzt verschwindet hier, bevor …“ Ja, was eigentlich? Ich die Polizei rief? Das war lächerlich. Die Gesetzeshüter zogen zwar regelmäßig ihre Bahnen durch die Ghettos, aber es geschahen einfach zu viele Verbrechen gleichzeitig, als dass sie überall eingreifen konnten. Die Männer musste ich also selbst loswerden.

      „Geht einfach“, bat ich. „Ich will nichts damit zu tun haben.“

Ich merkte, wie die Waffe in meiner Hand schwerer wurde – ich glaube, ich hielt sie nicht einmal richtig – und Panik sich wie ätzende Säure durch meine Gedanken fraß. Wenn ich vor Anstrengung zu zittern anfing, würden sie mich nicht mehr ernst nehmen. Wer hatte auch Respekt vor jemandem, der nicht mal eine Waffe halten konnte?

      „Kann ich alles verstehen und glaub mir, niemand bereut diesen Zwischenfall mehr als ich, aber wenn du die Waffe runternehmen würdest …“

      „Würden mich deine Freunde ohne zu zögern erschießen! Für wie bescheuert hältst du mich eigentlich?“, fiel ich ihm ins Wort.

      Er befeuchtete seine Lippen und wirkte dabei ziemlich ungeduldig, so als hätte er schon mehr Zeit an diesem Ort vergeudet als geplant.

      „Herrgott, reiß ihr endlich die Waffe aus der Hand und lass uns verschwinden!“, erklang es hinter dem Schwarzhaarigen. Diesmal unterdrückte ich den Impuls, der Stimme mit den Augen zu folgen, und umklammerte die Waffe so fest, dass meine Fingerknöchel weiß hervortraten. Ich würde es nicht zulassen, dass er mich entwaffnete. Vorsorglich machte ich einen Schritt zurück, um mich außer Reichweite seiner Arme zu bringen. Er registrierte es mit einem unzufriedenen Zungenschnalzen und sah aus, als könnte er nur schwer an sich halten, um nicht finster über die Schulter zu blicken und seinen Freund zu tadeln.

      „Wage es, und du hast eine Kugel in der Stirn“, zischte ich. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht mal, ob ich abdrücken könnte, geschweige denn, ob ich ihn überhaupt treffen würde. Bei meinem Glück würde die Kugel kilometerweit daneben fliegen. Aber das musste er ja nicht wissen.

      „Ich habe kein Interesse daran, mich von Gangstern umbringen zu lassen“, fügte ich hinzu. Amüsiert hob er die Brauen.

      „Gangster? Ich nehme dir ja nur ungern die Illusion, aber die Typen, die deinen Laden zerlegt haben, das waren Gangster. Und wenn wir nicht bald von hier verschwinden, werden noch Weitere kommen. Willst du das?“

       Er machte einen entschlossenen Schritt auf mich zu, und ich wich meiner Drohung zum Trotz zurück, bis ich unmittelbar vor dem Abstellraum stand. Wenn ich schnell genug war, könnte ich die Tür aufreißen und mich in der Kammer einschließen, ehe sie das Feuer auf mich eröffneten. Andererseits … sein Blick sagte mir, dass er nur auf eine falsche Bewegung wartete. Mann, warum waren die Hauptdarstellerinnen in den Actionfilmen immer so tollkühn, während meine eigenen Füße vor Angst am Boden festwuchsen?! Ich könnte es, ich müsste nur hinter mich greifen und die Tür aufstoßen, doch irgendetwas in seinem Blick hinderte mich daran.

      „Entscheide dich. Entweder du erschießt mich oder du lässt mich dir helfen …“, drängte er. Mir helfen lassen? Verstand er nicht, dass er mir am besten half, wenn er endlich verschwand? Ich könnte ihn verletzen, überlegte ich und ließ meinen Blick prüfend über seinen Körper wandern. Ein Schuss in die Schulter oder den Arm würde ihm sicher die Plauderfreude nehmen.

      Allerdings beschlich mich das leise Gefühl, dass er der Einzige war, der die anderen davon abhielt, auf mich zu schießen. Wenn ich ihn verletzen und er vor mir zusammenbrechen würde, hätten die anderen freies Schussfeld – also keine gute Idee!

      Einen endlosen Augenblick lang verankerten sich unsere Blicke – fast glaubte ich, dass er mir eine stumme Warnung zurief, es nicht zu tun –, dann griff ich hinter mich nach der Türklinke. Machen wir uns doch nichts vor. Ich konnte ihn nicht erschießen und dessen war er sich bewusst. Er würde meine Schwäche ausnutzen, mich überwältigen und dann sonst was mit mir anstellen. Nein danke! Meine einzige Chance bestand also darin, durch das Hinterzimmer zu entkommen, und solange ich weiterhin auf ihn zielte, würde er mich nicht daran hindern können.

      Mit dieser Gewissheit drückte ich die Klinke runter und drehte mich um. Fast rechnete ich damit, dass er mich zurückreißen oder Kugeln an meinem Kopf vorbeifliegen würden, was ich allerdings nicht erwartet hatte, war, dass die Tür aufschwang und mich mit voller Wucht an der Stirn traf. Ein gewaltiger Schmerz explodierte vor meinen Augen. Ich kippte wie ein Mehlsack nach hinten und spürte noch im Fallen, wie mir die Waffe aus der Hand rutschte.

 

Ende der Leseprobe.

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Impressum

Tag der Veröffentlichung: 02.01.2018

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