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Gloria von Koslow und Boris Grunzow

 

Russland

 

Sie konnte weder sein Aftershave riechen, noch seine zarte Haut berühren. Aber ihre Erinnerung an seine mandelförmigen, hellbraunen Augen und schwarzen Haare sind nie verblasst.

Diese Geschichte erzählt von einer stets fein gekleideten Dame, Anfang fünfzig, die seit zwanzig Jahren jeden Sonntag zur gleichen Uhrzeit das Restaurant „Zum goldenen Arbat“ besuchte.

Gloria von Koslow entzückte mit ihrem frischen und strahlenden Aussehen ausnahmslos, doch ihre

Gemütslage konnte sich minütlich zwischen melancholisch und aufgebracht, ja fast explodierend ändern, was auch an jenen Abend passierte:

„Wo ist Alfons und wieso liegt nur ein Gedeck an meinem Tisch? Bringen Sie flink noch ein

Gedeck für meinen Freund Hektor, der wartet nämlich ungern!“

„Oh, ich habe nicht gewusst, dass sie noch jemanden erwarten“, sagte die junge Kellnerin Kascha freundlich.

„Wieso erwarten? Meine Begleitung sitzt bereits oder haben sie Tomaten auf den Augen?“

„Verzeihen Sie, Frau von Koslow, aber an ihrem Tisch sitzt niemand“, erwiderte Kascha verwirrt.

Gloria lief rot an und wollte gerade zu einer gepfefferten Predigt ausholen, da kam schon der Oberkellner Rudi zu ihrem Tisch herbeigeeilt.

„Verzeihen Sie, Frau von Koslow, aber Kascha hat diese Woche neu bei uns angefangen und konnte nicht wissen, das...“

„Ihr Name ist Kascha? Etwa wie Buchweizengrütze?“ unterbrach Gloria ihn.

„Ich mag meinen Namen und Buchweizengrütze auch“, erwiderte Kascha freundlich. Gloria sah die junge Kellnerin erstaunt an und reagierte prompt: „Kascha - Kascha. Wie dem auch sei. Bringen sie mir endlich die Menükarte und Alfons!“ Der Oberkellner nickte Kascha auffordernd zu. Dann setzte er sich neben Gloria, faltete seine Hände wie zu einem Gebet und sprach mit gedrückter Stimme: „Alfons Herz hörte vorletzte Nacht auf zu schlagen. Wir sind zutiefst bestürtzt und können es noch immer nicht fassen.“

Gloria sah den Oberkellner einige Minuten reglos an, bis er ihre Hand nahm und erzählte, wann und wo die Beerdigung von Alfons stattfinden wird.

„Tot? Das kann doch nicht sein - wer soll denn jetzt hier kochen?“, flüsterte Gloria.

„Wir bemühen uns, jemanden zu finden, der genauso leidenschaftlich und kreativ kochen kann, und....“ Doch Gloria winkte schnell ab und fing zu weinen an.

Der Oberkellner gab ihr ein Taschentuch und fuhr sanft fort: „Wir bedauern sein verfrühtes Ableben aber wie wir erst jetzt erfahren haben, war er herzkrank und...“

„Wie bitte? Aber davon hätte mir doch Alfons erzählt“, unterbrach Gloria wieder. „Und außerdem war er noch nicht so alt!“

„Alfons war 83 Jahre alt, Frau von Koslow. Es war für ihn eine immense körperliche Belastung, dass er in seinem Alter noch am Herd stand und die schönsten und kreativsten Gerichte zauberte.“

„Wollen sie mir jetzt die Schuld an seinem Tod geben?“, fuhr Gloria ihn plötzlich an.

„Nein, so war das nicht gemeint, aber Alfons kochte, kochte und kochte. Er hat sich leider selbst dabei vergessen. Dennoch waren sie sein liebster Gast - Frau von Koslow. Für sie hat er auch mal die Shrimps anbrennen lassen, nur um mit ihnen herzlich plaudern zu können. Und wenn ich das mal so ausdrücken darf - sie waren wie eine Tochter für ihn.“ Rudi drückte dabei behutsam Glorias Hand.

„Ich weiß“, sagte Gloria mit heiser Stimme. „Doch nun ist er fort. Für immer.“ Gloria lächelte den Oberkellner gequält an

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Katja Anker
Bildmaterialien: Katja Anker
Lektorat/Korrektorat: Katja Anker
Übersetzung: Katja Anker
Tag der Veröffentlichung: 31.08.2016
ISBN: 978-3-7396-7140-6

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