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Vorwort

Wettbewerbsvorgabe für die September-Runde

des Anthologie-Wettbewerbs 2016:

 

„Wähle in einem beliebigen Buch auf Seite 123 einen Satz mit mindestens 5 Wörtern aus und schreibe eine Geschichte, in der dieser Satz vorkommt.“

 

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Bei diesem Beitrag wurden folgendes Buch und folgender Satz gewählt:

 

Phil Rickman – Mittwinternacht

 

„Ein Sterbender färbt sich noch die Haare“, schoss es Merily absurderweise durch den Kopf …“

Kein gutes Haar

„Ein Sterbender färbt sich noch die Haare", schoss es Merily absurderweise durch den Kopf ...

Die Leiche lag in einem abgelegenen Zimmer des leerstehenden Hauses. Merily schüttelte sich angeekelt, als sie sich im Raum umsah, in dem es bereits deutlich nach Tod und Verwesung roch. Hier hatte lange niemand sauber gemacht. Das Bett, auf dem der Tote lag, stand in einer Art Wohn-Schlafzimmer, obwohl das Haus über mindestens sechs weitere Räume verfügte. Doch die waren leer. Nicht einmal abgedeckte und ungenutzte Möbelstücke standen darin. Sie hatte sie auf dem Weg zu dem Toten in Augenschein genommen: Die Böden blitzblank geschrubbt; nicht einmal die Fenster wirkten, als sei das Gebäude unbewohnt, obwohl weder Vorhänge, noch Jalousien angebracht waren. Blütenweiße Raufaser an den Wänden und ein moderner Terracottaboden – ein Haus, in das wohl jeder Wohnungssuchende gern auf der Stelle eingezogen wäre. Und jetzt das hier. Im letzten Zimmer am Ende eines schmalen Ganges. 

Die Tür war ordnungsgemäß verschlossen, doch die Hausbesitzer, die die Immobilien schon vor Monaten übergeben hatten, waren misstrauisch geworden, weil sie nichts mehr von dem Makler gehört hatten. Ihre Chancen, das Objekt gewinnbringend oder auch nur kostendeckend zu veräußern, waren mit dem Fund der Leiche drastisch gesunken. Die Menschen mochten keine Häuser, in denen jemand zu Tode gekommen war, ganz gleich, wie das vonstatten gegangen war. 

Merily dreht sich um die eigene Achse, damit ihr Blick einen Moment Ruhe vor der Leiche hatte, die auf dem Bett ruhte. Weder das Leben, noch der Tod waren sanft mit ihm umgegangen, sagte ihre Intuition. Auf dem zusammengewürfelten Mobiliar türmte sich Abfall und schmutziges Geschirr. Eine Horde von Fliegen summte darüber hinweg und zog ihre Kreise. Wenn sie sich kurz auf den Essensresten niederließen, dann nur, um gleich wieder aufzusteigen und den Platz zu wechseln, sich auf der Leiche eine nächste Ruhe-oder Futterpause zu gönnen. Merily schluckte den aufsteigenden Speichel hinunter und besiegte den drängenden Reflex, sich zu erbrechen. 

Was gab es hier schon zu sehen, außer die Überreste eines völlig zerstörten Lebens, das der etwa Sechzigjährige in dieser Umgebung geführt hatte? Die Spurensicherung würde sich darum kümmern, so wie der Doktor die Leiche in Augenschein nehmen müsste. Merily selbst würde auf Motivsuche und Ursachenforschung gehen und die Erkenntnisse der anderen dabei berücksichtigen. Doch sie bezweifelte bereits jetzt, dass sich ein stimmiges Gesamtbild ergab. Warum sollte jemand so leben wollen, der es nicht musste? Noch einmal kniete sie neben dem Toten nieder, während die aufgescheuchten Fliegen eine weitere Runde drehten. 
Sein Haar war unnatürlich schwarz. Das war ihr gleich als Erstes aufgefallen. Natürlich bedingte die Leichenblässe, dass man die Farbkontraste stärker wahrnahm, als es bei einem Lebenden der Fall gewesen wäre. Trotzdem – Merily sah aus dieser geringen Entfernung, dass auch auf der Kopfhaut des Mannes Farbpartikel sichtbar waren, die die Wirkung der Farbe verstärkten. Doch warum sollte jemand, angesichts des eigenen Todes dafür sorgen, dass seine Haare frisch gefärbt waren? Es musste einen Grund dafür geben. 
Merily richtete sich aus der hockenden Haltung auf und sah sich noch einmal um. Tatsächlich: Unter einem Paar schwarzer Gummihandschuhe lag in einer Ecke ein Karton. No. 303 – Tiefschwarz, ohne Ammoniak, las sie. Die Handschuhe mussten also in jedem Fall mit in die KTU. Es war notwendig, zu wissen, ob der Tote sie selbst getragen hatte. 
Im Flur hörte sie jemanden laut fluchen. 
„Was ist das hier für eine Schweinerei?“ , erklang die Stimme ihres Kollegen Jim. Sie blickte erstaunt auf die Tür als er eintrat und fragte: 
„Hast du gesehen, wie das Badezimmer aussieht?“ 
„So sauber wie all die anderen Zimmer, mit dieser Ausnahme hier?“  Merily drehte den Kopf nach links und rechts, als wolle sie ihm die Diskrepanz deutlich machen. „Im Bad war ich noch nicht. Wie sieht es denn da aus?“ 
„Schwarze Hand- und Fingerabdrücke überall, auf den Fliesen, dem Klodeckel, dem Duschvorhang und was weiß ich, wo noch. Hast du eine Ahnung, woher die Farbe stammt?“
„Von seinem Kopf!“
„Von seinem Kopf?“, fragte Jim entgeistert.
„Er hat sich die Haare gefärbt.“ 
„Und ist daran gestorben?“ Dieser hingeworfene Satz, der wie ein Scherz klang, rüttelte Merily auf. 
„Du denkst, er könnte an der Farbe gestorben sein? Wie kommst du darauf?“
„Na, dieses ganze chemische Zeug ist doch mit Vorsicht zu genießen, oder? Ich würde mir das jedenfalls nicht auf die Kopfhaut schmieren!“, sagte er nachdrücklich. „Außerdem hatte ich den Eindruck, dass er sich am Inventar abgestützt haben muss, weil er Halt suchte. Es könnte also auch ein Infarkt gewesen sein.
„Na, die Untersuchung wird es ergeben. Oder bestehst du auf deine Mutmaßung?“
„Die allgemeine Unordnung wird es wohl nicht gewesen sein. Der Typ war angeblich ein gefragter Immobilienhändler.“
„So gefragt, dass er in diesem Raum gehaust hat, wie ein Schwein?“
„Dazu kann ich dir noch nichts sagen. Ich hör das Auto vom Doktor. Wir sind hier erst einmal fertig. Lass uns in seiner Firma Erkundigungen über ihn einziehen. Du kannst die Spusi anweisen, die Spuren zu sichern, sobald der Doc fertig ist.“

 

Im seinem Büro erfuhren sie einiges über den Toten. Er war ein Immobilienhai der allerschlimmsten Sorte. Langjährige Mieter aus ihren Wohnungen und Geschäften zu klagen, war sein Hobby, wenigstens bis vor ein paar Wochen. Die Sekretärin ließ kein gutes Haar an ihrem Chef. Sein aggressives Gebaren und die Zielstrebigkeit, mit der er Menschen von ihrem angestammten Lebensort vertrieb, waren legendär. Merily ahnte, dass er einen Haufen Feinde sein Eigen nannte. Freunde hatte er hingegen keine. Jedenfalls keine, von denen die Frau Kenntnis hatte.
„Wen hat er denn in der letzten Zeit auf dem Kieker gehabt?“, wollte sie wissen. 
„Angelino Morlicone!“ die Frau musste nicht lange überlegen. „Er hat ihn nach zwanzig Jahren aus seinem Ladenlokal geschmissen und es für eine Unsumme weitervermietet. Morlicone war ein paar Mal hier und hat ihm sogar gedroht.
„Hat Morlicone eine Eisdiele oder eine Pizzeria?“, fragte Jim.
„Nein, ein Haarstudio“, erklärte ihm die Frau. Jim und Merily sahen einander aufmerksam an.
„Sie sagen, er hat Ihrem Chef gedroht. Worum ging es da im Einzelnen?“
„Ich habe nicht gelauscht, wenn die beiden hinter dieser Tür verschwanden, doch einmal fiel das Wort Mafia. Aber das haben Sie nicht von mir. Ich will nichts damit zu tun haben.“ Sie klang jetzt verschreckt und überängstlich.
„Nein, wir werden Sie nicht erwähnen, wenn es nicht nötig werden sollte“, redete der Polizist beruhigend auf sie ein. „Danke für Ihre Mithilfe. Lassen Sie uns noch die Akte Morlicone zukommen? Die Details sind für uns von Belang.“ 

Drei Tage später verhafteten sie den Friseur in seinem Studio. Zwar hatten sie keine Fingerabdrücke gefunden und nichts sprach dafür, dass dieser Angelino selbst Hand angelegt hatte, aber die Kontakte zur Mafia waren klar erkennbar und ob er einen Auftragskiller gebucht hatte, würden sie ihm sicher bald nachweisen. Die Art von Kontaktgift war jedenfalls für einen Mafiamord nicht untypisch. In der Presse erschien folgende Nachricht:
Morlicone für den Mord an Immobilienhai verantwortlich. Die Presse war schnell mit ihren Schlagzeilen. 

Susan stand in ihrer Küche und klappte lächelnd die Zeitung zu. Sie hatte ihre Rache genossen. Ihr Ex, der immer wieder gelästert hatte, sie solle doch in Würde alt werden und sich nicht dauernd Haarfarbe und Kosmetika auf Haupt und Glieder pappen, hatte seine eigene Färbeaktion nicht überlebt. Dass sie ihm die Farbe empfohlen hatte, ahnte niemand. Auch nicht, dass sie ihm das Zeug besorgte, weil er sich nicht auskannte. Das Kontaktgift hatten sie in der angebrochenen Tube gefunden, doch den Ursprung sahen sie bei der Mafia. 
Niemand kannte sie in der Firma. Jeder hatte nur gewusst, dass Pete bei seiner Freundin wohnte und es interessierte auch niemanden, dass sie ihn vor einigen Monaten nach einem Streit rausgeworfen hatte. Die ungenutzte Immobilie, die er verkaufen sollte, war seine Notunterkunft gewesen.
Susan strich sich den Haaransatz aus der Stirn. Schon wieder ein paar kurze graue Strähnen. Sie würde sich das Haar färben lassen müssen, um nicht wie fünfzig auszusehen. Schwarz stand ihr nicht. Sie würde es mit kastanienbraun wagen.

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 04.09.2016

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