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Augen-Hintergrund

Was ist Wahrheit?“ fragt Pontius Pilatus

und wendet sich ab.

 

 

Augen-Hintergrund

Von Wahrheit und Wahrnehmung

 

Er hatte eine Geschichte geschrieben über ein Vorkommnis, das ihm als jungem Menschen erzählt worden war und das ihn durch die Jahrzehnte immer weiter verfolgt hatte.

 

Als der Text auf dem weißen Papier stand, kam die Geschichte seinem lesenden Auge außergewöhnlich ungewöhnlich vor. Er fragte sich sogar, ob er den Text nicht in die Flammen des Kaminfeuers werfen sollte, denn ihm war klar, dass es schwierig sein würde, ihm diese Geschichte abzunehmen.

 

Aber dann tat sie ihm leid; er dachte dabei auch an die Jahrzehnte dauernde – fast wollte er sagen: tapfere - Erinnerung, die sich seither immer wieder mit der aufkommenden Schreiblust verbrüdert hatte, um dann regelmäßig und unnachgiebig von der Logik niedergeknüppelt zu werden, in der er erzogen worden war. Und doch hatte die Erinnerung auf dem Boden seiner Seele ausgeharrt. Denn sie hatte das Gewicht der Wahrheit.

 

Die Wahrheit war ein Grundpfeiler seiner Erziehung gewesen, auch deshalb, weil dieses Gebot - eines von den zehnen - in der Kindheit am meisten Anwendung findet. Es ist sozusagen die Basis für ein gerechtes und richtiges Verhalten; ist einmal die Liebe zur Wahrheit in uns eingeprägt, werden wir nie wieder lügen, betrügen oder gar uns etwas anmaßen, was uns in Wahrheit nicht gehört.

 

So hatte er jedes Mal, wenn die Geschichte aus der Tiefe auftauchte, darüber nachgedacht, ob ein Anderer sie als wahr erkennen und glauben würde. Und diese schwankenden Gedanken hatten ihn zum Versuch einer Definition geführt, was wahr und was unwahr sei, oder besser: Was wir als wahr und was wir als Lüge ansehen. Oder muss man sagen: Was ich als wahr annehme? Das würde bedeuten: Es gibt viele Wahrheiten.

 

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Wir bekommen also als Kinder den Samen der Wahrheit eingepflanzt. Alles scheint einfach; die Eltern wissen genau, was wahr ist.

 

Wir wachsen heran, und die Welt zeigt sich uns in ihrer schillernden Gestalt. Man kann die Dinge so und so betrachten, man kann die Erscheinungen drehen und wenden, wo Licht war macht sich Schatten breit, was rot ist wird grau, wenn die Nacht kommt. Wahrheit wird gespeist vom Wissen, unser Wissen aber ist endlich.

 

Er liest von der Theorie, dass jeder Mensch sich seine eigene Welt erschafft, und zwar nur dadurch, dass er seine persönliche Wahrnehmung für absolut, für die Wahrheit hält. Absolut ist sie, aber nicht in Gänze kommunizierbar. Damit bleibt jeder in seiner eigenen Wahrnehmungsblase.

 

Ein blind Geborener sieht die Welt ganz anders als einer, der astigmatisch geboren ist oder ein dritter, der eine gute Sehkraft hat. Alle drei konstruieren sich ihre eigene unverwechselbare Vorstellung von der Welt. Alle Menschen prägen, ausgehend von dieser Fähigkeit des Sehens – neben anderen sensorischen Empfindungen -, das so entstandene Bild in ihr Gehirn ein unter der Überschrift: die wahre Welt. Ist die Welt ein Spielplatz der Wahrheit? Oder zeigt sie uns nur die Wirklichkeit? Was haben Wahrheit und Wirklichkeit für gemeinsame Schnittstellen?

 

Die Welt wird nicht nur durch die Augen erfahren, sondern mit allen Sinnen. Jeder Moment, jeder Augenblick fügt unserem Bild von der Welt, das wir aus Sicherheitsgründen als das einzig wahre akzeptieren, eine neue, kleine Facette hinzu. Mit diesem Facettenauge und durch die Brille des Erfahrenen schauen wir in die Gegenwart, unser Leben. So wird für uns und von uns in jedem Augenblick die Wahrheit neu zusammengesetzt. Sind wir in der Lage, mit großen Augen neugierig und frei wie ein Kind in die Welt zu schauen, werden wir eine neue, immer feinere Wahrheit entdecken; viel wahrhaftiger als einer, der die Augen verschließt, weil er immer schon alles wusste.

 

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Er schaut in die Welt, blickt durch das Fenster und sieht einen Falken, der im Aufwind seine Runden dreht. Der Raubvogel blickt nach unten, und plötzlich legt er die Flügel an und schießt durch die Bäume zu Boden, um gleich danach mit einer Schlange zwischen den Greifern wieder aufzufliegen.

In diesem Augenblick muss er daran denken, dass dieser Vogel die Welt wirklich mit anderen Augen sieht. So hat seine Welt die ihr eigene Wahrheit.

 

Nachts fliegt eine Eule durch die Baumkronen, lautlos. Sie hat eine Maus erspäht im dunklen Unterholz, wo wir nichts gesehen haben. Oder sie hat sie rascheln gehört, während wir die reine Stille genossen. Die Maus wird ihre Mahlzeit. Wir kennen nichts von dieser Welt der scharfen Nachtaugen und der in anderen Frequenzen hörenden Ohren.

 

Die Katze hört durch die geschlossene Tür draußen eine andere Katze vorbeischleichen und verlangt, hinausgelassen zu werden, um sie in ihre Grenzen zu weisen. Wir wissen von nichts. Tagsüber sieht sie die Welt in mindestens fünfzig Schattierungen von Grau, nachts erkennt sie jede kleinste Kontur; sie hat auf ihrer Retina Zellen zur Restlichtverstärkung.

 

Unsere Augen sind Ausstülpungen des Gehirns in die Welt, unser Geruchssinn ist die Einstülpung der Welt in unser Gehirn. Wir sind inniglich mit der Welt verbunden, und doch können wir nur denken und fühlen, wenn wir uns ein Abbild von ihr gemacht haben. Dieses Bild ist nicht die Welt. Der Wirklichkeit, der Wahrheit kommen wir näher, wenn wir viel erfahren und der Erkenntnis keine Grenzen setzen.

 

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Er hat viel erlebt, hat immer gelesen, ist gereist; er ist gebildet und voller Verantwortung und Empathie. Er hat sein ganzes Leben lang als Arzt gearbeitet und die Glanz- und Schattenseiten des Schicksals gesehen. Das hat ihm die Augen geöffnet. In dieser Arbeit hat er viele Dinge erlebt, die keiner für wahr gehalten hätte, und die doch Teil der Wahrheit der menschlichen Existenz sind. Er hat den Tod gesehen, das Leben erfahren, die Ritzen, in denen es sich einnistet, in denen Hoffnung gedeiht und die Trauer über Verlorenes einsinkt.

 

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Er schaut in die Welt und sieht eine unumstößliche Wahrheit, den Tod. Der Gedanke daran scheint uns Menschen unerträglich; hier wenigstens gibt uns Religion einen Trost gegen diese waidwunde

Furcht vor der Sinnlosigkeit. An seiner Wahrheit jedoch kann sie nichts ändern.

 

In Ägypten waren bereits vor vier Jahrtausenden die Verstorbenen mumifiziert und dadurch für ihr Leben im Jenseits konserviert worden.

 

Im Mittelalter gab es hierzulande einen florierenden Handel mit Knochen, Schädeln, Körperteilen von Heiligen, die mumifiziert und dann als Reliquien verehrt wurden. Man kann sie heute noch in barocken Kirchen bestaunen. In der barocken Klosterkirche von Gutenzell sind die in zwei Altären eingebetteten edelsteingeschmückten Skelette der Heiligen Justina und Christina zu sehen, die ihn als Kind sehr beeindruckt hatten. In der Devotionalien-Hierarchie waren die Reliquien, die von Jesus persönlich stammten, die begehrtesten. Im Laufe der Zeit tauchten sogar mehrere heilige Vorhäute auf.

 

So viele Welten, so viele Wahrheiten, und doch nur eine.

 

Man könnte einwenden, dass es sich bei diesen Phänomenen um Wahrnehmungen handelt; und Wahrnehmung ist nicht gleich Wahrheit. Wahrheit ist absolut, sie kann nicht von diesem oder jenem vereinnahmt und mit einer persönlichen Prägung versehen werden; die Wahrnehmung schon.

 

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Er hat also am Ende diese wahre Geschichte aufgeschrieben. Seine ganze Person ist in den Stil der Erzählung eingeflossen; wer Augen hat zu sehen, der konnte aus dem wohlgewählten Wortteppich herauslesen, um wen es sich beim Schreiber handelt.

 

Als die kleine Geschichte das Licht der Welt erblickt hatte, teilte sich die Spreu vom Weizen.

Die meisten Leser, um der Wahrheit die Ehre zu geben, genossen die Wahl der Worte und zeigten sich bekümmert über den Inhalt der Geschichte.

 

Jedoch, es gab ein paar selbsternannte Wortführer, die sie nicht glaubten. Die Nicht-Glaubenden verdonnerten die darin geschilderten Ereignisse kategorisch als nicht nachvollziehbar, beschimpften sie als makaber und verurteilten sie, während sie sich selbst gleichzeitig als Wohlmeinende und überaus Kultivierte darstellten - man beachte die Ansammlung subjektiver Adjektive. Die Grenze zur Pathologie sei nah. Das Stichwort ‚Horror’ fiel, es war zu befürchten, dass Vampire nicht mehr weit waren.

Die Kritiker erlaubten sich vor dem Hintergrund ihres eigenen Lebens ein vernichtendes, jedoch nicht nachvollziehbares Urteil. Durch die Brille ihrer subjektiven allein selig machenden Wahrnehmung erklärten sie sie zur Lüge. Die Wahrheit.

 

Dabei braucht die Wahrheit nicht zwingend jemanden, der ihr glaubt. Sie existiert ganz einfach allein für sich.

 

*

 

Die Geschichte handelte von einem stolzen Vater, der in einem anderen Land lebte. Als sein Erstgeborener viel zu früh auf die Welt kam und starb, brachte er es nicht übers Herz, den Leichnam des Embryos – der so klein war, dass er auf eine seiner schwieligen Hände passte - zu begraben. Er mumifizierte das kleine Wesen, aufdass es immer bei ihm bleibe, sein Leben lang.

 

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 18.03.2015

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