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... wenn du reich werden willst, berühmt - musst du deinen Hintern in den Wind halten und nicht an die Wand ... Romanauszug ’Ehrenmord’

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In einer Abfalltonne unweit vom ’Gordons’ wird Bodo gefunden. Erschossen. Der Tat verdächtigt wird LuLu, eine Hure aus dem ’Gordons’, schreibt die Presse.

So richtig kann man sich die ehemalige Verkäuferin Monika, zu Kunden sagt sie, dass sie Pädagogik studieren würde, als nichts anderes vorstellen als ’die’ Nutte LuLu zu sein. Nicht als Verkäuferin. Noch als Ehefrau. Unmöglich als Mutter. Nein, als Mutter schon gar nicht. Doch egal was man sich wie vorstellt, sicher ist, sie wird dies und das auch nie sein, weil sie nie Verkäuferin und schon gar nicht Mutter sein will; wäre sie doch eine, die ihr Kind zu oft alleine lassen würde. Und wäre auch nie ehrbare Ehefrau, weil sie ihren Mann betrügen müsste, weil sie gerne ’fremd’ geht. Und was anderes als Nutte kann man sich bei LuLu erst recht nicht vorstellen, denn sie bumst gerne und ausdauernd, was jeder ihrer Kunden weiß und schätzt; und sie wollte und will deshalb auch nie Studentin von irgendwas sein, denn sie macht Sex ’einfach so’ aus Spaß und ohne jeglichen Kundenanspruch auf Gefühle, die sie zuweilen zwar hat, aber hinsichtlich ihrer Freier nicht zugibt.

Jetzt, aus dem Hinknien, steht sie schwankend auf. Die Knie tun ihr weh. Bodo hat sie geschlagen, bis sie fast bewusstlos war. Hat ihre Beine gegriffen als sie lag, ihre Möse wie eine Geldbörse mit Reißverschluss geöffnet - schrubb - schrubb seinen Stab gewetzt bis der groß und hart war und ihr den dann mit Wucht eingestoßen. Erst von vorne, dann aus der stabilen Seite; hat sie bäuchlings platt auf den Boden gedrückt und von hinten genommen - schrubb - schrubb - dann - wieder - gewürgt, - gestöhnt „... nun komm schon, du kleine Sau!“ und so lange am Hals gedrückt, bis sie unten rum zuckende kleine Stöße macht - ihren Hinterleib hin und her wirft. „... na bitte, es wird doch...!“ - schrubb - schrubb ... Doch - doch, schon, ihre Nerven liegen blank, als er wie wahnsinnig in sie stößt, aber ihr Blut, das kreist noch ruhig innen drin. Noch weniger erregt ist ihr Herz. Die Lungen atmen zwar etwas schwer und der Darm drängt nach oben, als er dort drin zum Finale ansetzt und sie denkt: Oh, Mann, das Blut wird herabstürzen (aus ihrem kühlen Kopf) und mich ohnmächtig werden lassen. Armdick der Strahl, schwarz- blau ... das schöne jauchzende Blut, - wie auf dem Schlachthof, denkt sie ... „... nun komm schon!“ befiehlt er. Und sie wirft die Hinterbeine hoch und lässt die Gäste kommen - und das Tier über ihr atmet (da hinein) ungeheuer heiß, bald - als wenn die Sau am Schweiß ersticken würde, - wie, als wenn ein Stein aus großer Höhe fallen würde und unter Krach aufschlägt, dass die Erde bebt. - Ja, sie wird und muss dem Mann ... diesem Tier über ihr weiterhin gefällig sein, wippt auf und ab bis er brüllt und sich wie im Fieber schüttelt, das eklige Vieh. - Mit gespreizten Beinen steht der nun oben, über ihr, zeigt den gut beleuchtete Fleischerladen der Verkäuferin, Nutte, LuLu, - und die sieht zu wie er pisst. „... ich kriege dich schon klein, warte nur, du blöde Fotze!“ stöhnt er dabei. - Offensichtlich sind solch ein Vollzug und das Verfahren dieser Randale in Bodo fest verankert - an einem Platz, den nicht mal er richtig kennt, und niemand kann in dieser Brutalität mithalten. Und LuLu schon überhaupt nicht; auch wenn sie die Pistole durchlädt. - LuLu, pah, die tut nur, was zu tun ist; und die kann nichts tun, wenn ich sie ficke und bepisse...

LuLu trug sogar vor Gericht ihre hohen schwarzen Stiefel, ein schwarzes Seidenkleid mit Schalkragen, schwarzes Make Up. Und als sie, noch im Saal, festgenommen wird schreit sie „Bullenschweine!“ und meint Bodo, die gehasste Sau. - Sie habe, sagt sie vor Gericht, die Randale in der Bar aus äußerst erhöhtem Seelendruck begangen; dazu käme ein extremer Alkoholpegel, sagt ihr Rechtsanwalt. Sie trinkt sonst nicht, sagen die Barmädchen unisono aus - und doch hat sie an diesem Abend mindestens zwei Flaschen Champagner intus. Die ergeben bei Ihrer Festnahme noch 1,2 Promille.

Über Bodo sagt sie vor Gericht nichts Schlechtes. Nicht ihrem Anwalt, nicht der Presse, oder der Polizei. Und sie erklärt auch nicht, wie der in die Abfalltonne gekommen sei; das Geheimnis bewahrt sie sogar gegenüber Andreas, obwohl der sie für Bodo bezahlt hat und ihr nun einen Rechtsanwalt stellt.

„Problem gelöst!“ Kann Andreas Doro melden. Und das ist es, worauf es ankommt: Probleme (sind zu) lösen, weiter nichts.

 

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Gustav Mahlers 2. Sinfonie c- Moll - Auferstehung, - genau das ist es, was Felix wieder auf die Beine bringt. Und damit geht es bei ihm dann bis zum Ende der Welt. Und wenn Doro bei ihm ist, auch noch einiges darüber hinaus.

„Weshalb zuckt er im Schlaf so heftig?“ fragt Doro den behandelnden Arzt.

„Neurologische Vorgänge, vermute ich, - doch was wissen wir schon ...“

„Und wie lange wird er noch brauchen?“

„Schwer zu sagen; doch bei ihrer Fürsorge ...!“

 

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Erdo Hassan kam im Alter von 12 Jahren in einem Boot aus Palästina nach Italien, von dort nach Deutschland; ein Illegaler mehr oder weniger, was macht das schon.... Wenige Jahre später ist er als anerkannter politisch verfolgter Staatenloser zum Flüchtling (gemacht) erklärt worden. Das Geld seines Onkels half dabei. Und Erdogans Fleiß. Ja, Erdogan heißt er richtig: Erdogan Hassan, wie der Onkel. Und fleißig war er ab dem ersten Tag in Deutschland. Und so mehrte sich das Vermögen des Onkels und auch Erdo hatte seinen Profit. Zudem ihn die Leute schätzten, bei denen er abkassierte. Und wenn die mal Schutz brauchten, war er ebenso zur Stelle. Und das durchschlagend. Er war und ist eben für manche ein Guter. Und er wurde und wird Tag für Tag besser; fast ein Heiliger. Und das begann damit, dass er seinen Bart opferte - um seriös auszusehen - als er seinen ersten Laden, eine Pizzeria übernahm die einer der Schuldner des Onkels nicht mehr halten konnte. Erdo konnte. Und er, der immer darauf Wert gelegt hatte muskulös zu erscheinen, stets zu enge T-Shirts trug, eine Lederjacke mit kleinen, fast unauffälligen Schulterpolstern, die Haare vorne kurz, hinten lang, pechschwarz und fettig, ließ auch die Cowboystiefel weg, diese vorne spitz zulaufenden Killer, die halb hoch bis zum Knöchel gingen, so Dinger mit silbernem Reißverschluss seitlich und eingedrucktem Namen vorne. Dazu trug er knallenge Jeans, die Schwanzform gut sichtbar unter dem Stoff; wegen der Mädchen. Alles in Allem hatte er Klamotten an, für die er nie die richtige Figur besaß, die ihn aber im Selbstwustsein stärkten. Dann, von einem Tag auf den anderen (also bei Übernahme des Ladens - des ersten eigenen ’Hassan’!) tauschte er seine Kledage gegen einen dunklen Anzug, das Shirt gegen ein weißes Hemd (blütenweiß - ja, blütenweiß - unbedingt!) mit dezentem Binder und dunklen Schuhen. Und diese mit einem kleinen wie unsichtbarem Absatz (sein Geheimnis). - Gut, er wusste schon weit vorher (von seinem Vater, der im gelobten Land einen Gemüsestand betrieb), wie man einkauft, verkauft und ohne Auffallen ’ein bisschen’ betrügt. - Den Vater mit all seinen Onkeln und deren Frauen holte er (schon aus Kostenersparnis) aus Palästina nach; die arbeiteten allesamt illegal in der Pizzeria. - Später wurden auch die zu geachteten Flüchtlingen mit Aufenthaltsrecht ... und hatten bald darauf einen deutschen Pass, Wohnung, Führerschein und Anrecht auf soziale Leistungen und so weiter. Und die Familie wuchs; Erdos vier Frauen sorgten dafür. Und das nicht zu Letzt dank seiner Potenz - schenkten sie ihm jede Menge Söhne, - die der Stolz eines jeden rechten Mannes sind, wie man weiß. Dazu eine Tochter. Eine einzige, seine Prinzessin. Der er in der Tradition zeigte, wie Liebe geht. Da war die acht Jahre alt und genau richtig, wie der Prophet sagt; obwohl Erdo sonst wenig auf den Propheten gibt, außer in der Sache, da gab er was drauf. Und das war auch gut so, wie sich später zeigen sollte. Denn bald war die Familie in der Lage im Kiez Präsenz zu zeigen. Präsenz, die Erdo für sich schon lange hatte - weil er schlau war und Deutsch lernte. Englisch. Französisch. Strafrecht, Steuerrecht, Buchhaltung und so weiter und so fort. Und wie man eine Familie führt; vorbildlich bediente er sich dazu bei der italienischen Mafia - übte Gesten und Blick von Marlon Brando - und ließ sich Pate nennen.

 

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„Auf Felix wurde eindeutig ein Mordanschlag verübt!“ ist Oberstaatsanwalt Glück sicher.

„Haben Sie schon jemand im Verdacht?“ fragt Doro.

„Sagen wir mal so ...“ zögert der, „wir ermitteln in alle Richtungen und haben deshalb den Tod von Felix Vater und den der Richterin Heisig in die Ermittlung einbezogen.“

„Sie waren doch ein Freund von Felix Vater?“

„Das ist richtig ... Doch nicht nur deshalb, meine Ermittlungen dienen der Gerechtigkeit!“

„Daran glauben Sie?“

„Wenn ich es nicht täte, wer dann?“

„Noch eine Frage: hat der Staatsschutz Unterlagen für mich bei Ihnen hinterlegt?“

„Ach ja, das habe ich beinahe vergessen. Warten Sie bitte, ich hole die aus dem Tresor.“

 

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Erdogan Hassan, liest Doro quer da sie das Meiste schon kennt ... Spitzname Erdo. Deutscher Staatsbürger ... in verschiedenster Form in Ermittlungsverfahren ... verfügt über zwei Stimmen im Rat der Großfamilien ... Unterstützer sämtlicher Motorradclubs ... stellt Türsteher ... erpresst Schutzgelder ... handelt mit Drogen ... betrügt systematisch ... erschleicht Sozialleistungen ... ist Kreditgeber ... treibt Geld ein ... lässt töten ... ist Bauunternehmer ... Zuhälter ... Bordellbetreiber ... Pizzafabrikant ... importiert Oliven ... ist Waffenhändler ... schleust Flüchtlinge ... besticht Beamte ... Nötigung ... Körperverletzung ... Mordanklage ... ist ohne Vorstrafen, auch da wo er herkommt, wo seine Eltern geheiratet haben, da wo sie den Kindersoldaten Erdo zum Töten ausgebildet haben. So ist eigentlich alles in Ordnung mit ihm, denn er ist er ein höflicher, leiser, und nicht schlecht aussehender Mensch. Doch andererseits ist überhaupt nichts in Ordnung mit ihm. Denn oft ist er ruppig, laut, gewalttätig und ein Menschenschinder - und tobt grundlos wie ein Irrer. Das kann Symptom einer Störung sein; die Ursache ist es aber nicht. Und so bleibt alles was er sagt und tut ohne Ort. Seine Wut, sein Hass ohne Akzent. Ist keinerlei Dialekt zu merken. Denn er ist wirklich einer der Wenigen, die nirgends herkommen und nie dazugehören. Und doch ist er der Glückspilz mit Familie, - hat Geld und Macht. Und alles was er beginnt, gelingt. Genau das ist wichtig für ihn. Der Rest der Welt, das drum herum interessiert ihn nicht die Bohne. Er lebt auf der Erde, die er sich macht. So einer ist er. - Erdo, der Barbar, sagte seine fünfte Frau in einem Anfall von Wahnsinn; seitdem sind Erdogans legale Frauen zu viert und jeder findet das normal. Was immer man normal nennt. - Immerhin hat er seine Nische gefunden, diese ruhige Ecke in der Wohnung direkt hinter der Moschee, - rückwärtig mit formidablem Blick zur U-Bahn und zuerst mit nichts als einer Matratze und einer Telefonleitung ausgestattet, dafür mit direktem Zugang zu einem Keller, der wiederum einen Ausgang in ein Haus auf der anderen Straßenseite besitzt, - ein Tunnel, der als Fluchtweg und Fluchtpunkt gleichermaßen geeignet war und ist. Denn inzwischen hat er das Haus daneben gekauft, einen Durchbruch geschaffen, ein Loft eingerichtet, wie man heute neumodisch sagt. Er führt einen Harem, würde man altmodisch sagen. Denn immerhin leben an die zwanzig Frauen und eben so viele Kinder in dem ehemaligen Fabrikgebäude. Jungen wie Mädchen, die sieben Tage die Woche in die vom Staat und Erdo Hassan als Pate großzügig geförderte Moschee zur Schule gehen, um den Koran zu studieren. Die Jungens, um Kämpfer wie Hassan zu werden. Die Mädchen, um nach den Regeln des Glaubens zu heiraten und Kinder zu kriegen. - Mit einigen der Mädchen hat der Pate allerdings Besseres vor, als die zu einer Scheinheirat zu zwingen; was soll man da noch lange erklären?

 

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Ein renommierter amerikanischer Psychologe ist davon überzeugt, dass in bestimmten Situationen jeder zum Gewalttäter und Mörder werden könne. - Von Reichenau gehört definitiv dazu. Manche Typen seien eben nichts weiter als ’Kakerlaken’, gefährliches ’Ungeziefer’, sagt er; also liegen bei ihm Herz und Hirn (Empathie?) in tiefer Finsternis, wie jeder leicht erkennen kann. Doch für die Partei gilt er (nicht nur deswegen) als Hoffnungsträger.

Von Reichenau verdrängt die Vergangenheit, legt einen Schatten über alles Gewesene, kramt die Zyankalitablette aus der Tasche, stellt sich hinter den im Lehnstuhl schlafenden Reichsführer und drückt ihm mit seinem Halstuch die Luft ab. Der Alte zappelt nur kurz und wird wie erhofft schnell ohnmächtig. Von Reichenau öffnet ihm mit leichtem Druck auf die Kauknochen den Oberkiefer. Steckt ihm die Tablette zwischen die gelben Zähne, spielt Nussknacker als er dem Alten von oben wie von unten kräftig auf Schädel und Kinn drückt. Von Reichenau hört ein trockenes Knacken, als würde er einen Käfer zertreten. Dann, als er dem Alten die Nase zuhält, beginnt der unmittelbar nach Luft zu röcheln, schluckt, krampft Sekunden später (fast rhythmisch), grätscht die Beine, zappelt, wirft die Arme in die Luft - bis sein ganzer Körper in ekstatisches Zucken gerät. Letztlich fährt das Böse aus dem Alten wie der Pudel aus dem Kern, verlässt ihn das Leben als wüst heulender Wind, mit Schaum vor dem Maul und im Geruch nach Bittermandel. - Schon allein aus dieser Tat hätte sich eine interessante Politikerkarriere entwickeln lassen, wenn von Reichenau nicht die Handlung so unnötig verkompliziert hätte. Denn hinterher Schuldgefühle zu empfinden, weil er sich vor des Reichsführers Tod mit dem nicht mehr in Ruhe über dies und das und über das Weiterbestehen der Partei beraten hat, darauf muss man erst mal kommen. Doch genau das geht ihm im Kopf herum und so vergisst er die Überwachungskamera, aus der Doros Männer wie gewohnt täglich gegen 21 Uhr per PC den Film des Tages kopieren.

 Nun, als zukünftiger Serienmörder mit Lust am Schmerz hätte von Reichenau streng nach Drehbuch vorgehen müssen, doch so läuft das Alles auf einen mächtigen Vaterkomplex hinaus, auf Grenzen überschreitenden Eigenkannibalismus - übermittelt durch rätselhafte Nachrichten aus dem Jenseits, die ihm befehlen jenes zu tun und anderes zu lassen, meint er entschuldigend. Es passiert (also mit) ihm eine Art selbstquälerische Teufelsaustreibung zwischen Maskerade und Demaskierung. Und somit hat Doro ihn per Transgression fest in der Hand. Nur, dass von Reichenau nichts von einer derartigen Bindung im Dasein weiß und auch nicht, dass er fremdbestimmt Handelnder in einer längst verlorenen Schlacht ist und, dass das bis zu seinem Tod wegen unmäßigem Kokain- und Wodkaverbrauch so bleiben wird. Doch noch ist es Zeit; auch wenn er seine liebe Not haben wird die nächsten Stunden seiner Karriere heil zu überstehen.

 

„Der bleibt nur so lange Boss der Partei, bis du wieder auf eigenen Beinen stehen kannst“, tröstet Doro Felix.

„Und dann?“

„Machst du mit ihm, was du willst!“

„Einfach so?“

„Ja! - Immerhin ist von Reichenau der Mörder deines Erzeugers!“

„Das quält mich weniger...“

 

***

Er hat es knallen gehört. Metallisch. Hart. Wie im Film - die Scheibe splittern sehen. Links neben sich. Um 20 Uhr und ... Dann war Blut im Haar. Knallt es ein zweites Mal. Reißt ihm den Kopf nach hinten. Wird alles rot. Werden 33 Jahre Leben zu einer Minisekunde. Sind Kopf, Hände, Kleidung voller Blut. Ist es aus mit charmant sein. Mit stets guter Laune. Mit Sonnenbräune im Gesicht. Muskeltraining im Fitnessclub. Schießausbildung. Kampfsport. Endlos vögeln. Krümmt sich der baumlange, blendend aussehende Mensch zusammen. Zerfällt. Ist Ende. Fini. Hilft auch keine Lichtregie, oder Schminke; denn es blickt ihm der Tod durch die zersplitterten Rippen; als rüttelt jemand zum Abschied an seinen eingeklemmten Nerven; rockt Blues persönlich in höchsten Tönen auf einer irre gewordenen Gitarre.

Klar, selber bewegen ist nicht. Nicht nur wegen der zwei Löcher im Körper. Trotzdem will er raus. Aus der Karre. Und kann nicht. Befindet sich kurz vor der Villa, in der Doro auf ihn wartet. - Unser bester Mann, sagt die gerade. Doch das hört er nicht, - der Beste. Sieht nicht, wie der BMW davonrast. So ein dunkles Teil - mit Auspufftöpfen wie Ofenrohre. Der über die Straße schlingert, ein anderes Auto streift; den Seitenspiegel verliert. Er weiß nicht mal, dass er schreit ’Ich will nicht sterben!’ Doch er wird. Denn es ist wie an Silvester: Böllerkrachen und Sternenregen, bevor es um Mitternacht so richtig abgeht, - da liegt er immer noch auf dem Tisch. Und es riecht streng nach Desinfektion und muffig nach sterbendem Verbandszeug. Herrscht Faustrecht im OP, als er sein Leben verliert. Weil die Monitorkurve immer schwächer blinkt. Das Licht zuckt, erlischt. Einer der Ärzte auf ihm kniet, schlägt, drückt und seinen Brustkorb presst. Während draußen nach ’Gewalttätern aus dem Bereich der organisierten Kriminalität’ gefahndet wird - und Doro um ihren besten Mann weint, der wenige Meter neben Felix Krankenzimmer seine letzte Reise anritt. Der bis dato einer der Teamführer im Verein war. Spitzname ’Blondie’. Und die Aufgabe hatte, Clanchef Hassan zu beobachten; fast wie Cowboy und Indianer spielen. Für Hassan. Doch eben nur fast. Der übrige Rest wäre ein extremer Gesichtsverlust. So musste Clanchef Erdo Hassan das Machtspiel gewinnen. Muskeln zeigen. Ruhe reinbringen. Härte. Deutsch reden. Durchgreifen. Zeigen, wem der Kiez gehört. Von wegen Erfahrung und Vorschrift; Gesetze und so. Papphütchen und Aldisekt. Beinahe zum Lachen. Ein Kerl von einem Mann, und so hilflos gegen den Tod. Bleiben Blutreste an Instrumenten und Kilometer Verbandstoff. Und Doro. Die psychisch leicht angeschlagen. Hält sich an einer Kaffeetasse fest. Steht auf dem Balkon der Villa und raucht. Denkt. Auch an Felix. Von wegen Tod und Lebensrhythmus. Was es nicht unbedingt leichter macht, eine Liebesbeziehung überhaupt zuzulassen.

 

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Ohne die Zeitungsmeldung hätte Felix vom Tod des Großvaters nicht gewusst. - ’Suizid eines Altnazis’, steht auf Seite 2 in der Bildpresse. Auf Seite 1 prangt irgendwas von ’Bauer sucht Frau’, - ein Foto, wo ein fetter Kerl eine knochige Kuh aufreitet. Da steht in der FAZ und in den anderen meinungsbildenden Gazetten schon mehr über den Großvater. Von wegen Judenvernichtung, Ratibor, Himmler, Freisler. Ja, kunterbunt geht es dort zu; voll das Leben des kleinen Moritz von heute. Doch nicht zu Letzt wird zur Mahnung ein Foto von Eichmann am Galgen gezeigt: „Gleichwie Weiber dein Schwert verwaiste, muss aus Weibern deine Mutter verwaisen.“ Wird über Göring berichtet, der ja bekanntlich mit Zyankali ... wie der Führer ... und die Familie Goebbels, mit dem Haufen unschuldiger Kinder im Bunker der Reichskanzlei. Doch all das Buchstabengedröhn berührt Felix nur peripher. Wie ihn auch die Zukunft der Partei momentan wenig berührt, - der ja nun erstmal von Reichenau vorsteht. Und noch weniger Lust verspürt er, der Trauerfeier für den Großvater beizuwohnen. All die schweißigen Hände im Gefühl ’heute gehört uns Deutschland’ zu drücken, die Ehrerbietungen ’Sieg Heil’ alter und junger Nazis erdulden zu müssen. Deren markige Reden, ab wann zurück geschossen wird. Die laute Musik vom Westerwald. Und wie die bunten Fahnen voran knattern. Dazu die gegrölten Proteste ’Nazis raus’ der Andersdenkenden - wie die folgenden Prügeleien, die wie immer eine Spur blutiger Randale durch die Stadt tragen, als wäre Deutschland im Krieg. - Doch eventuell befindet sich Deutschland im Krieg; schon allein wenn man an Europa denkt. An die unermüdlichen Lobbyisten. Finanzhaie. An skrupellose Geschäftemacher. Diktatur des Kapitals. Die unersättlichen Märkte. Banken. Börsen. Boniabschöpfer. Steuerhinterzieher. Politversager. Betrüger. An all die sozialen Ungerechtigkeiten. - Doch so oder so, er, Felix, will sich aus all dem raushalten. Und das ist besser als nur gut so, auch wenn Doro mit ihm - bezogen auf die Partei - andere Pläne hat. Doch privat sieht das wesentlich freundlicher aus, da ertönt einschmeichelndes Glockenläuten - und das Glück ist eine blutrote Rosenknospe im Morgentau. Ist Sehnsucht pur; genau wie die Gruppe Schiller singt: “Heute will ich dir zu Liebe Rosen fühlen, Rosen fühlen - dir zu Liebe, dir zu Liebe heute lange, lange nicht gefühlte Rosen fühlen: Rosen!“ - Und Felix sieht sich in seiner Meinung bekräftigt, dass nichts ohne Sinn und wie Zufällig geschieht. Nicht der Schmerz, nicht das Glück. Wie das Leben, so der Tod. Die Liebe.

 

*

Von Reichenau besucht Felix im Krankenhaus.

„Wie lange willst du denn hier noch rumgammeln?“

„Ich habe echt keine Ahnung.“

„Du hast aber eine Aufgabe!“

„Die du gerne übernehmen möchtest?“

„Ja. - Kann ich!“

„Meinetwegen. Mach!“

„Unterschrieben?“

„Unterschrieben!“

 „Es kann losgehen, Jungs. Aufsitzen!“ Befiehlt von Reichenau den sechs Ultra- Typen, die vor dem Krankenhaus warten. „Denn jetzt holen wir uns einen Kanaken, Kameraden!“ - sein heiserer Schrei. Und sie holen einen, der kaum achtzehn Jahre alt ist. Walid, den Streitschlichter aus dem Rollberg- Kiez. Da fahren sie im Kombi vor, rufen ihn zu sich ran. Und als er der Karre nahe genug steht springen drei raus, packen ihn und zerren ihn Richtung Schiebetür. Dort greifen ihn die anderen von innen und zack, liegt er auf dem Bauch. - ’Walid’ - hört er noch; wohl seine Schwester; doch da rast der Wagen schon los und ihm biegen sie die Arme auf den Rücken und stecken seinen Kopf in eine Tüte stinkender - was auch immer - Kacke. „Zur Kiesgrube!“ Befiehlt von Reichenau. „Party machen!“ - Die Tür vom Wagen öffnet sich. Irgendwer richtet ihn auf, zieht ihm die Tüte vom Kopf - und tritt ihm ins Gesicht. Blut spritzt. Gülle fließt ihm aus dem Mund. - Musik hört er. Rammsteins ’Völkerball’; er kennt den Titel, - spuckt Blut und Kotze aus, um nicht daran zu ersticken. - Sie stoßen ihn aus dem Wagen; er hockt im Kies. „Walid heißt du also? - Ein alt germanischer Name“, lacht einer. Doch ehe er antworten kann, schlägt ihm jemand eine Flasche über den Schädel; Glas splittert und ihm wird kotz schlecht. „Nicht so fest, du Idiot, sonst krepiert er uns ja gleich ...“ Und in einen erneuten Blutfluss hinein röchelt er, statt einer Antwort. „Er will was sagen...“ Gefährlich das verbrannte Kind. „Stopf ihm das Maul!“ Und einer ohne Gesicht tritt ihm gegen den Kopf, schreit „Sieg Heil!“ bevor er auf ihn uriniert, ihn auf den Rücken dreht, in seinen Mund pinkelt. Dunkel ist es inzwischen; sowas wie eine Fackel brennt. Rammstein wummert. „Geile Party!“ hört er, als ihm jemand mit der Hacke gegen den Kiefer tritt, - der mit einem lauten Knacken bricht. Nicht mal um Hilfe rufen kann er nun mehr, stöhnt nur leise in sein Blut. Hört, dass er ganz schön beschissen aussehen würde - als eine Flüssigkeit über sein Bein läuft, die gleich danach hell aufflammt, während er betet: ’Mama ich liebe dich!’, und einer ’Mann gegen Mann’ brüllt, während schon seine Fußsohlen brennen ... Doch das war alles keine Absicht - die Zeitungen schreiben was von Streit unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Von Schubladendenken. Konflikten zwischen Vater und Sohn. Familienzwist. Drogen. Aber auch, dass die Leute sagen, dass er ein besonders lieber, freundlicher und herzlicher Mensch - und ihr Freund gewesen sei. Mancher erzählt auch von Feuer das die Haut verbrennt. Bang! Bang! Einfach so. Und eigentlich ist es ein schöner, warmer Sommertag; eher was für die Badeanstalt. Bang! Bang! Ich baue dir ein Schloss, hoch oben auf dem Mond. ’Stein um Stein!’ - 9.031 Mal wurde der Name Walid angeklickt. Achtzehn Kerzen angezündet. Alle von Mila; deren Namen 1.789 Mal geklickt wurde. Facebook liebt euch. Gefällt mir! Like it! Und auf You Tube kann man 6,8 Millionen likes für Rammstein sehen. Leah West, Beyond Words Album Version bekommt nur 16.800. Typisch für ein Liebeslied. Chep Mami mit Desert Rose - Layli ya layli ya und Sting im Gefolge immerhin 996.775 Klicks. - Und von Reichenau ist auch mal wieder davon gekommen, - denn Schwule können die Nazis nicht ab; von wegen Bettnässer und ausgeleiertem Arschloch; dieser fead ’Brown Sugar’ Mist. Und von Reichenau weiß davon, fürchtet sich, geoutet zu werden. Von wegen Reichsführer der NDPD werden ... Nada!

 

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Felix zu sagen dass Lana lebt, ist Doros Problem. Eben erfuhr sie davon aus Tel Aviv. Eine HUMINT Quelle hat offen gelegt, dass die Aktion Ehrenmord seinerzeit nur das Ziel verfolgte, Lana und Felix voneinander fern zu halten. Und dafür war Clanchef Hassan sogar bereit, sich mit der Presse auseinanderzusetzen, das Geheul der Massen über einen Ehrenmord zu ertragen, der definitiv keiner war. Und das nur, um die Familienehre wieder herzustellen; so weit muss man erst Mal denken. Und nun hat Lana (auch noch) ein Kind geboren. Und das sieht nicht ihrem jetzigen Mann ähnlich, sondern ist weißhäutig wie Felix, behauptet der Informant und hat als Beweis ein Foto vorgelegt.

Zumal der Zeitpunkt genau passt, wie Felix sich sofort an das Picknick an besagtem Abend im Park Hasenheide erinnert. An ihr erstes Mal!

Im Gedanken daran verliert er die Fassung, Tränen schießen ihm aus den Augen, Speichel läuft - steckt er sich die Faust in den Mund, um nicht laut loszubrüllen bei der Erkenntnis Vater eines Kindes zu sein, das ihm ’seine’ Lana geboren hat ... Doch was nun?

 „Ich muss hier sofort raus - und nach Lana suchen!“ geifert er, und strampelt das Bettzeug fort.

„Warte noch zwei, drei Tage und dann helfe ich dir. Ich muss noch ein paar Dinge vorbereiten und dann können wir los; wenn du mich überhaupt dabei haben willst?“

„Natürlich will ich dich dabei haben. Und das nicht nur, weil du die Landessprache sprichst ... Aber sag mal, wo befindet sich Lana überhaupt, und wie heißt mein Tochter? - Ach ... ich bin aber auch sowas von durcheinander; mir ist ganz schwindlig ...“

„Hat die Beruhigungsspritze nichts gebracht?“

„Doch, doch. Aber eventuell hat gerade die es noch schlimmer gemacht; ich weiß nicht, was ich denken soll, alles rotiert, macht mich irre. Es ist Wahnsinn. Und wenn ich was denke, ist es gleich wieder weg; guck hier: ich habe schon überall hektische Flecken!“

„Ja, das kann man vorher alles schlecht wissen. - Doch nun der Reihenfolge nach: deine Tochter ist 4 Monate alt und heißt Gadi!“

„Gadi? Das klingt wie Musik, Frederic Chopin - Nocturnes complete, und ist sehr, sehr schön!“

„Und bedeutet ’mein Glück’ ...“

„Und - wo wohnt ’mein Glück’?“

„Wie - bin ich es nicht?“

„Natürlich bist es vor Allem DU, - aber Gadi ab eben natürlich auch!“

„Gadi wohnt mit ihrer Mutter in Riad, in Saudi Arabien.“

„ ...und dort ist sie verheiratet?“

„Ja. Lana hat auf Befehl ihres Vaters in den Clan Bin Laden geheiratet. Und das ist für den Hassan Clan nicht billig gewesen. Man spricht von 10 % seines Vermögens. Doch dafür hat er nun eine Verbindung in eine arabische Top Familie; - man soll ihn auch schon bei allerlei Feierlichkeiten in Riad gesehen haben.“

„Und wie stehen unsere Chancen Gadi zu sehen?“

„Ohne Zustimmung von Lana läuft da überhaupt nichts, doch die setze ich einfach mal voraus; unsere Aussichten stehen trotzdem nicht höher als etwa fünf Prozent...“

 

***

Herrentag. Von Reichenau hockt nackt auf der untersten Stufe in der Sauna; wie eine Made sieht er aus. Vor allem wenn die Steine glühen und kurz bevor der Dampf alles vertuscht sieht ein jeder, was er ist. Dann sind es allein die duftenden Birkenzweige, die Sinn machen. Der Rest ist stinkender Schweiß, der herabtropft. Besonders unangenehm wenn der von oben auf die stufenförmigen Bänke trifft, aufspritzt und sich verteilt. Auf das weißliche, weiche, schlaffe, auf das wehrlose Nackt des von Reichenau. Wobei von Reichenau mit Vorsprung der hässlichste unter den Tunten hier ist, der überhaupt keinen Schutz über dem Fett seines Körpers zu haben scheint, der einem geschälten Krustentier gleicht mit seinem blanken Balg. So blass, rosig und säuerlich im Geruch. Dazu die zipfeligen Brüste, die üppig wie bayerische Balkongeranien hängen, nur unbehaart. Einzig seine Visage hat im Ansatz Klasse. Ist nordisch. Ernst und hart. Wie die seines Urgroßvaters auf dem legendären Foto bei Langemarck, als der seinen Heldensohn besuchte. Ein deutsches Gesicht eben, das besonders am Grab gefasst und mit Heiligenschein zu sein hat. Und doch nichts weiter als eine Maske zeigt. Wie die weißen, schlaffen nackten Glieder in der Sauna. - Leichnam mit Sommersprossen auch der von Reichenau. Und unendlich müde. Der nur hin und wieder den Arm zum Schweiß abwischen hoch bringt und dabei vor Anstrengung zu zittern scheint wie dieser Schleim, der ihm an der Nase hängt. Eine Art Riechkolbenkrätze, die vom Kokain aufsaugen kommt, sagt man. Und das Zeug breitet sich aus, bedeckt ihn, macht ihn wehrlos, schuldig. Nicht nur die Haut, seine Knochen, - das deutsche Blut in Treue fest. Es ist die Furcht vor sich selber; vor dem Mörder in selbst genähter deutscher Uniform, der einen wehrlosen alten Mann gerichtet hat. - Meine Güte, wenn das die Kameraden wüssten: von Reichenau schwul UND Mörder des NDPD Reichsführers; ihres Besten! Und was für eine pervertierte Seele sich sonst noch so unter dem Feldgrau der deutschen Uniform verbirgt; ein sich schämender Leichnam, schüchtern und mit einem Bündel Birkenzweigen in der Hand; von wegen ’Heil Hitler!’. Nichts als Selbstgeißelung. Und auch die nur mit halber Kraft. Denn es ist alles so weich ... und wehrlos an ihm; sein Blick längst der von einem Fisch am Haken. Kurzsichtiger Basedow, als sei sein Kopf bis obenhin mit Wasser angefüllt. Von wegen Stolz, - als von Reichenau seine Hände faltet, auf die Knie legt und mit ruckartiger Oberkörperbewegung zu beten anfängt, - ähnelnd er in der Haltung eines bestraften Schülers im Karzer. Doch es ist von Reichenau in der Herrensauna als schweinchenrosa Erscheinung in beweglichem Fett mit rötlichem Restschamhaar, in denen ein unscheinbarer Penis ringelt. Wo unter dessen kleinem Ding die Hoden wie Schweißtropfen glänzen. Während von Reichenaus ’Amen’ sagen sich mit einem Typ der „Heil Hitler!“ brüllt trifft. Und dieser Mann - mit Plattfüßen, kurze Arme hängen seitlich an dem herab als gehörten die nicht dazu, hellblondes Haar als Lichtkranz um den Schädel und mit einer Stimme ausgestattet wie Starkregen auf Fensterscheibe - grölt „Ich bin ihr Masseur!“, Birkenzweige hebt und unvermittelt auf von Reichenau eindrischt. Erst wahllos, wie es scheint, dann heftiger und schnell und schneller auf Schulter, Rücken und Gesäß schlägt und das mit immer größerer Wildheit und gezielt ... Ein Schweißbach wie aus einer porösen Wasserleitung rinnt aus von Reichenaus Poren. Sein Penis scheint entspannt und lässt glitzernde Bäche Körperwasser auf den Boden klatschen. Sein Hinterbacken zittern, aus seinen Brustwarzen spritzt salziges Sekret. „Heil Hitler!“ brüllt sein faltiges Fleisch, das rot wird wie sein Atem, während ein erzwungenes Lachen ihn einengt. Das hysterisch wird. Wut und Angst verrät, als die Gerten ihm wie irre die Flanken peitschen, - von Reichenau sich windet und nach allen Seiten krümmt bevor er die Arme nach vorne streckt, als ob er sich Platz zu verschaffen sucht, aus der Kabine flüchtet um mit Kopfsprung in einen Pool mit eiskaltem Wasser zu springen; ein Drogenentzug der besonderen Art.

 

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Doro, könnte man denken - auch weil die immer so adrett aussieht, wäre mit einem weißen Segelboot von sonst woher nach Deutschland gekommen und nicht aus einem existenziellen Krieg, - den einst Israel führte.

Doro, könnte man denken, hat eine endlose Weite im Gemüt, ihr Leben wäre ein Bild von einem Stück Großzügigkeit wo alles seinen Platz findet und der erste Kuss wie der Letzte ist. Wie ihr Atem.

Doro, kann man wissen - denn es ist kein Geheimnis, bewohnt in Berlin eine klassische Altbauwohnung mit hohen Decken, Stuck daran, einigen Putten, Parkettboden, 5 Zimmern - wo eins davon ein wunderhübsches  Erkerzimmer ist, und das Bad gekachelt ist wie die Küche.

Doros Wohnung befindet sich im fünften Stock ohne Fahrstuhl.

Doro steht momentan in der Küche und kocht Kaffee; sitzt ansonsten, und später mit dem Kaffee in der Hand, in einer Sitzecke aus zusammen geschobenem Sessel und Zweiersofa unter einer Leselampe mit Ocker Schirm aus den 30er Jahren. Die Wände der Räume um Schränke und Nussbaumsideboard herum und die auf dem langen Flur sind mit Bildern herausgeputzt, die sie Stück für Stück aus den Trödelmärkten der Stadt klaubte. Auch ihre Schellackplattensammlung hat sie von dort. Ihre CDs und LPs. Gerade hört sie Marianne Faithfull ’Crazy Love’ in den hohen, schönen hellen Räume, - und denkt dabei an Felix. Und auch hier wieder an die endlose, weiße Weite die ihr Leben bisher ausmachte. An ihren Feldzug gegen Gewalt, in dem Liebe bisher wenig Platz fand. Und immer ist das dieses Lächeln, - strahlt trotz all den Schicksalsschlägen dieses bezaubernde Lächeln. Eines, das zeigen soll wie gut es ihr geht. Obwohl es ihr nicht immer gut geht, - denn sie musste aus Notwehr schon Menschen töten - und hat seit dem nie wieder richtig durchgeschlafen; sei es die Angst, sei es das Gewissen. Und deswegen erscheint dem, der genau hinschaut, dieses ewige Lächeln ab und an auch irgendwie gequält. Als wenn Doro etwas verfolgen würde. Und auch dann erst sieht man die tiefen Ringe unter ihren Augen, die sie sonst geschickt wegschminkt, weil sie überhaupt und täglich Egypt-Wonder aufträgt um gesund zu erscheinen. Eine richtige Frau eben, diese Doro, die aber manchmal handeln muss wie ein Mann; wie ein ganzer Kerl.

An manchen Tagen raucht sie Kette, obwohl sie sich das Rauchen längst abgewöhnt hat. An manchen Tagen trinkt sie. Obwohl sie ... An manchen Tagen tickt sie nicht sauber, sagen ihre Kollegen, dann denkt sie an ihre Eltern - die von Terroristen ermordet wurden. - Selbstmord, die Mutter von Doro, sagt einer ihrer Kollegen, die ist erst vergewaltigt worden und dann unsagbar gequält...  und dann hält er sich doch lieber den Finger vor die Lippen, denn wenn Doro nicht sauber tickt, tobt sie - oder ist am zusammenbrechen. Sie läuft dann ruhelos von da nach dort und von hier nach da, raucht, bis das Herz schmerzt ... und hasst Araber. Manchmal kann sie darüber reden. Doch meist nicht. Kein Wort. Was bleibt ist das gequälte Lächeln - und wie jetzt Marianne Faithfull, von der sie nun ’What have they done to the rain’ hört. Danach legt sie von Vashti Bunyan ’Winter is blue’ auf, damit sie die Araber nicht so hasst, - weil Hass blind macht.

 Doro ist in einer Pflegefamilie in einem Kibbuz am Südende des Sees Genezareth aufgewachsen. Sie hat in Haifa Abitur gemacht und ist dann zum Militär gegangen. Beim Militär war Doro Offizier im Nachrichtendienst. Und nach fünf Jahren Militär, in denen sie erfolgreich ein Soziologiestudium abgeschlossen hat, ist sie aus dem Dienst ausgeschieden, hat ihre Doktorarbeit geschrieben und bei einer Unterabteilung des Mossad begonnen in Deutschland zu arbeiten weil sie deutsch spricht und es hier jede Menge Feinde Israels gibt; ist doch logisch, oder?

 Doro ist hübsch und selbstbewusst, ist 1,78 m groß, schlank, mit schwarzen langen Haaren die sie meist zusammengeknotet trägt. Und um schlank zu bleiben und fit, treibt sie Sport. Joggt täglich. Trainiert drei Mal die Woche Nahkampf. Schießt wöchentlich. Reitet ab und an. Schwimmt. Isst fast alles. Und glaubt, sie sei in Felix verliebt.

Doro trägt mit Erlaubnis deutscher Behörden zum Selbstschutz eine Waffe.

Eine Pistole. Die zwar nicht ständig, doch fast immer.

 

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Hassan heißt Hassan. Hinten wie vorne. Wie Otto Otto. Und irgendwie ist das voll lustig, nur anders, oder auch nicht. Denn sein Vater heißt ja vorne Erdogan und nur hinten Hassan. Wer ist also der König? Klar: Hassan! Weiß Junior die Antwort.

In den Monaten im Exil (dahin flüchtete Hassan wegen der Körperverletzung an Felix; die Anklage lautet übrigens immer noch auf versuchten Totschlag - der Prozess wird aber durch geschickte Strafverteidiger über die Zeit geschoben) ist er älter geworden. Reifer. Ist sich selbst geworden. Und ist zu sich gekommen, behauptet er. Und das er ein Ziel habe. Zum Beispiel will er nie wieder irgendwelche Idioten klatschen. Kartoffeln. Deutsche Vollpenner. Auch keine Schwulen mehr; und hat dazu einige Einflüsterer in seinem Umkreis die ihm sagen, was richtig ist und nicht. Und die sind Leute mit radialem Einfluss. Noch. Leute, die über ihn unbedingt an Machtfülle kommen wollen. An Geld. Ans große Geld. Die nennen das Familienzusammenführung und beabsichtigen die drei großen Clans in Berlin unter Hassans Führung zu stellen. Und dann den Rest der Clans in Deutschland ... Und dann ... Jedenfalls sind diese Leute hinter Doppel- Hassan welche aus der Gruppe um Bin Laden. Und die wollen nicht nur das große Geld, sondern auch ihre Religion an die Front stellen. Den Islam. Den heiligen Krieg. Das Kalifat. Den Dschihad. Die haben Dinge vor, da sollten den Kuffär die Eier schmerzen ... wenn die davon wüssten. Und dabei lachen sie und denken mit Stolz an ihre Selbstmord- Kämpfer; doch davon weiß (selbst) Hassan nicht, - der ahnt nicht mal. Wie auch sein Vater Erdo nicht das Mindeste ahnt ... was könnte er auch tun, wenn ihn sein Gott zum Sterben befiehlt? Nichts! - Also stirbt er.

Es gibt einen direkten Tatzeugen, den hat Doro auf Kamera- Chip. Doch wenn die den preisgibt, der aussagt, ist er tot; ... demnach sei Hassan Junior betrunken zum Essen erschienen, von Erdo dann zum Ausnüchtern weggeschickt worden. Zehn Minuten später aber mit einem schwarzen Kampfstirnband (jenes Teil aus Seide mit aufgedruckter Faust, einst von der Mutter geschenkt) und roter Karateweste zurückgekommen und hätte ohne ein Wort zu sagen aus einer automatischen Waffen gefeuert, ein Blutbad angerichtet.

Erdo stirbt noch bei Tisch. Zwei von Hassans Brüdern und eine seiner Schwestern in den nachfolgenden 24 Stunden. Der Onkel, sein Namenspatron, wird auf der privaten Intensivstation eines Familienmitglieds am Leben gehalten. - Gut, der Doc führt zwar sonst nur Schönheitsoperationen durch, es sollte aber reichen den Onkel am Leben zu halten, bis der seinem Neffen Hassan Generalvollmacht erteilt hat. Als das im Beisein eines befreundeten Notars dann geschehen ist, dreht Hassan dem Onkel persönlich den Hahn zu.

Die ganze Angelegenheit - von Vater bis Onkel - wird als Unfall getarnt, bei dem die automatische Waffe von selbst losgegangen sei; fast wie bei den beiden Nazis der NSU, die sich mit einer Pumpgun aus Versehen selber erschossen haben. Man muss nur die richtigen Leute schmieren, Politiker, Justiz und Presse, dann wird so ein Schwachsinn geglaubt. Wegen der Nazis gab es dazu öffentliche Proteste. Bei Hassan bleibt alles ruhig; wer hat auch schon Interesse sich mit der Mafia anzulegen, zumal so oder so die Wahrheit nie ans Licht kommen wird, ob man einen Platz im Gerichtssaal hat oder in der Kneipe ’Zur letzten Instanz’ gegenüber vom Kriminalgericht Berlin- Moabit, wo alles immer weiträumig abgesperrt wird wenn Hassan den Staatsanwalt besucht.

Erdogan, besser das, was von ihm übrig geblieben ist und die anderen Verunfallten werden mit großem Gefolge auf dem Promi- Park- und Waldfriedhof Heerstraße beigesetzt. Bei Erdo munkelt man was von einem Ehrengrab (wegen der Verdienste um die Stadt) und so. Doch richtig sei die Sache noch nicht durch den Senat, erklärt der für jeden rüden Spaß zuständige Bürgermeister dem neuen ’König’ Hassan.

Nach erneuter eingehender Befragung von Zeugen und Familienangehörigen wird man ein halbes Jahr später offiziell zu dem Schluss gelangen, das es tatsächlich ein Unfall gewesen sei und die Familie Hassan nach wie vor wichtig für die Stadt sei (hier erinnert dann der Bürgermeister nachdrücklich an das Engagement der Familie Hassan beim Flughafenneubau), zumal Hassan als Musikproduzent mit seinen Songs gegen rechte Gewalt auch für den Integrationsbambi im Gespräch sei.

Gerüchteweise war schon vorher bekannt, dass eine Machtverschiebung innerhalb der Familien stattfinden werde, doch welche - benannten die nicht. Und da es sehr viele Unstimmigkeiten und Fehlinformationen gab und gibt, zum Beispiel über den angeblichen Unfall, den Flughafenpfusch, Schutzgelderpressung, Drogenhandel, Bildung einer kriminellen Vereinigung und so weiter und so fort kann natürlich jede Verschwörungsthese auf fruchtbaren Boden fallen. Nur bei dem Nazi- Döner- Prozess nicht, da geht es um Sitzplätze. Und um sonst nichts weiter.

 

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Es gibt Tage, da muss man für den Erfolg eine Menge tun.

Für Cap ist heute so ein Tag. Und um den heutigen Tag und die nächste Zeit eindrucksvoll zu gestalten, trifft er sich mit Hassan.

„Klar, so viel Zeit muss sein“, sagt der, „einem alten Kumpel aus der Scheiße helfen“, - zumal es sich bei dem Kumpel aus Jugendzeit um einen Schauspieler handelt; zwar noch C- Prominenz, doch das will man ja nun gemeinsam ändern.

Hassan und Cap treffen sich deshalb vor der Untersuchungshaftanstalt Berlin- Moabit, - und haben ein paar Presseleute dazu gerufen, weil man GUTES TUN eben nicht im Stillen tut, denn das würde ja keinen Sinn machen. Und vor dem martialisch aussehenden Gittertüren- Eingang in den Knast sind dann wie befohlen in Reih und Glied Kameras aufgebaut, lümmeln ein Haufen Menschen, röhren Motoren, Ferraris, Maseratis, bollern Harleys im Bass, blitzen Lichter, ertönt laut Beifall als Hassan und Cap im Porsche vorfahren, - werden markige Worte über Integration und Gefangenenhilfe gesprochen, gesellt sich der Anstaltsleiter dazu (dessen Ehefrau erfolgreich das Theater am Schillerhof leitet) und erzählt begeistert über die neu gegründet Theater AG, deren Regie Cap übernimmt und für die Hassan das Geld gibt. Ja, auch ein Filmprojekt sei geplant, doch da fehlt noch die Zusage der Filmförderung Berlin durch den Bürgermeister, der auf jeden Fall Film- Pate werden möchte; dabei bin ich doch hier der Pate, amüsiert sich Hassan über den Anspruch des voll verblödeten Bürgermeisters. Punkt. Aber...

„Wir brauchen ihn“, sagt Cap.

„Noch!“ ist Hassan sicher, „denn bald haben wir unseren eigenen Mann an der Spitze. Einen Ehrenmann!“

„Und an wen denkst du da?“

„An ihn, der Erdung und Aufbruch ist, - den der Prophet uns schicken wird.“ Und dabei denkt er an sich (an wen sonst?), weil er ja schon da ist und sich am Vergehen und Entstehen beteiligt sieht.

 Für Cap kann das nur von Vorteil sein. Und so lässt er sich liebend gern mit Hassan fotografieren, spricht vor dem Knast ein paar Worte in die Kameras, umarmt den Freund, gibt Autogramme und ist wieder weg.

„Und nun starten wir durch!“ Ist Hassan zufrieden. Denn besser als mit dem Sunnyboy Cap an der Seite kann man die eigene Karriere nicht anfahren. Yepp, er wird Cap zum Geliebten der Masse machen. Zum Star jeden Alters. Und die Fans werden Schlange stehen, denn er wird Cap einen Film spendieren in dem der zum Held wird, zur Legende; auch wenn er durch Liter voller Blut waten wird. Durch Kot. Eine Horde Kerle töten muss und das dampfende Grauen der Schöpfung aus dem Orkus kübeln wird, - es wird ein Erfolg werden, versprochen, - denn du wirst einen Heiligen spielen, Cap, einen unantastbaren. Du wirst Star in einer unverschämten Art und Weise sein. Wirst Träume wahr werden lassen, eine Art von rücksichtloser Freiheit leben, die sich nimmt was sie braucht. Frauen und Macht. Also das was sie alle wollen - und das so radikal wie du; - wie der Prophet, den du spielst. „Und merke die eins, Junge, man muss immer sehen, wie weit man gehen kann, - Cap, hörst du. - Man muss immer sehen, ob man schon weit genug gegangen ist. Und wenn man dir sagt es sei genug, dann gehst du weiter, immer weiter; hörst du, Cap; - Cap?“

Ja klar -, Cap hört den verlausten Bettler Ecke Ku- Damm Wilmersdorfer den wunderbaren Hassan um ein paar Cent fragen und sieht wie Hassan die Pistole zieht und den Bettler erschießt wie einen streunenden Hund. „Immer weiter gehen ..., hörst du, als wenn nichts geschehen ist! Und wenn die Polizei dich fragt, hast du nichts gesehen!“

Später darauf angesprochen erklärte Cap, sich in dem Moment geschämt zu haben, aber nicht gewusst zu haben wie da jemals wieder raus zu kommen wäre. Und das die geballte Scham, diese irre Schuld ein traumatisches Desaster gewesen sei und immer noch ist. Und das die Seele ihm körperliche Sinnbilder prägt, die sich ihm im Schauspiel abdrückt; ein Akteur der anderen Art, verstehst du? - Schuld und Kreativität gleichermaßen -, die mich ins Dominastudio getrieben hat um Erfüllung zu finden, wenn ich keinen Film drehte; denn irgendwie musste ich mich ja selber aushalten, diese grausame Krankheit Ich. Und auch Hassan, der ab dem Mord an dem Bettler über mein Leben verfügt. Verstehst du?

Goethe beschreibt den Prozess des Erwachsen werden in ’Wilhelm Meisters Lehrjahre’. Cap lernt die Trümmer der Schauspielergesellschaft auf andere Weise kennen. Lug und Betrug friert ihn auf seine Art. Auch die Angst ist wilder in ihm, - ist eine Brennstufe als Reibung zwischen Ideal und Realität. Ist der Wahn des schuldig Kranken, das Blut des gebrochenen Helden der von zu vielen Verbrechen weiß. Und auch davon, was noch kommt.

 

**

Doro ist an Felix gescheitert, und das nicht nur ihrer Liebe wegen; nein, sie weiß inzwischen glasklar, dass Felix weder heute noch morgen gesundheitlich in der Lage sein wird in die Fußstapfen des Großvaters zu treten, um wie geplant die Partei zu führen. So wird es bei von Reichenau bleiben, gesteuert von Andreas, der von Reichenau und Konsorten bis zum Ende begleitend beobachten wird, um irgendwann die eitle Zufriedenheit der Nazis zu nutzen und die zu zerstören. Doch das wird fast wie von selber geschehen und braucht ihren Zuspruch nicht. Cap allerdings, - Cap ist ihr Hoffnungsträger. Dem hat sie eben als Zeichen seines unbedingten Vertrauens geraten dem Hassan- Clan eine Generalvollmacht auszustellen. Insofern liegt sein Leben ab jetzt in der Hand von Mafiosi in der Person von Hassan.

„Das ist doch so was wie eine Entmündigung!“

„Wenn du überleben willst, tust du, was ich dir sage!“

 

*

Felix ist vom Teuflischen besiegt worden. Das Böse hat gewonnen ist aufgestanden, weg gegangen und hat ihn liegen gelassen. Nun kann er es verarbeiten wie er will, - findet wieder Zeit für die Musik. Und will dort den Erfolg. Doch das allererste ist, wenn er das Krankenhaus verlassen kann, seine Mutter zu besuchen. Dazu hat er zwei Stoffeulen besorgt; ähnliche hatte Mutter bei einem Liederabend einst von Freunden geschenkt bekommen „ ... un souvenir d'enfance!“ Dazu Blumen und gute Worte. Sechs Zugaben hatte sie. Vier Strauss Lieder. Zwei Lehár. Und diese beiden dann direkt aus den Noten gesungen. Alles bombastische Erfolge, auch wenn die Säle klein waren, wie bei einem Liederabend üblich; doch da war sie noch glücklich und fast frei von Krankheit. Jetzt ist Felix sich nicht sicher, wie sie auf den Tod vom Großvater reagieren wird. Er wird deshalb den Arzt vorher fragen und wenn es nicht möglich ist, überhaupt nichts von dem Tod des Mannes erwähnen; von wegen Freitod und so, das glaubt sowieso kein Mensch. Und Mutter? - Was würde die glauben? „Ihre Mutter freut sich auf einen Liederabend; ist sich aber noch nicht sicher ob Liszt, Mahler, Duparc oder Richard Strauss“, sagt der Arzt, „also lassen Sie das mit dem Großvater, das ist wenig hilfreich!“ „Gut, dass Sie das sagen!“ Ist Felix glücklich. „Mir war bei dem Gedanken überhaupt nicht wohl.“ Und schon fühlt er sich in der Lage Doro sein Herz zu Füßen zu legen, seine Seele auf den Tisch des Hauses, sozusagen. Gelingt es ihm seine Melancholie abstreifen, die negative Imagination; unerfüllte Liebe, Tod, falsches Begehren, schlechtes Wetter; lacht, als Doro ihm sagt, wie sehr sie sich mit ihm freut als er Mahlers „Liebst du um Schönheit“ intoniert, was er zwar stimmlich beschränkt tut, sein Glück ihm aber förmlich aus den Knopflöchern zu springen scheint. Es fehlt ihm nur noch sein Kind endlich kennen zu lernen. Also stellt er sich die Frage, wann ein Tag ein Erfolg ist? Na wenn die Kritik nicht mäkelt; so geht das alte Spiel. Und Felix spielt es für sich noch ein wenig weiter, denn er ist sein schärfster Kritiker. Genau wie seine Mutter früher über sich, - die sich bei seinem Besuch über die Blumen und auch über die Stoffeulen freut, ohne die allerdings zuordnen zu können. Doch was bedeutet das schon. Doro ist dabei - und sie alle Drei können herzlich miteinander lachen. Was für ein Tag!

 

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Auf den Koordinaten 24° 39′ N, 46° 43′ O findet man Riad. Riad ist die Hauptstadt vom Königreich Saudi-Arabien - und liegt selten im Nebel. Doch als Riad dann mal im Nebel liegt, hat Lana ihren Mann vergiftet. Später sagt sie, dass es Zufall war mit dem Nebel. Andererseits hat sie schon lange auf Nebel gehofft, so einen wie damals in Deutschland, in Berlin, als kein Auto mehr fahren konnte, alle Flüge gestrichen wurden, Verkehr und Leben für einige Stunden total ruhte, - denn da konnte sie erstmals ihrer Familie entkommen und unbegleitet durch die Straßen von Neukölln laufen.

Lana war acht, als ihre Brüder sie wenig später aufgriffen, weit gekommen war sie nicht, und systematisch verprügelten. Erst schlugen sie sie mit allem was sie gerade hatten, Fäusten, Gürteln, Knien, Ellenbogen, traten sie mit Füßen, später prügelte der Onkel mit einem Stock auf sie ein, - der ihr bei der Rangelei zudem einen Arm brach, sie entjungferte. Doch nicht etwa deswegen hat sie in Riad um Nebel gebetet - um dadurch Kraft zu finden ihren Mann zu vergiften, den Schläger, Peiniger und Vergewaltiger, der sie wie ein Katzenjunges verbrennen wollte, erschlagen, ersäufen, der sie von anderen Männer benutzen ließ. Vorne, hinten, oben, unten.

Nun, das Riad im Nebel liegt ist sowieso extrem selten. Wesentlich öfter werden Männer vergiftet, die ihre Frauen misshandeln. Und so passt Lanas vergifteter Mann perfekt ins Bild, Nebel hin oder her. Zudem sich später herausstellte, dass der Nebel von einem Verkehrsunfall herrührte, die Bilder vom explodierenden Tanklastwagen nahe der Kaserne der Nationalgarde gingen um die Welt, wie die Fotos von zig verbrannten Menschen die ihre Arme gen Himmel reckten, ihre grauenvoll verkohlten Knochenschädel, entnommen der Nachricht aus der Zeitung Al- Arabija, dass es sich vermutlich um einen Anschlag gegen das Königshaus handeln würde. Doch da lag der Mann von Lana, wie bekannt einer aus der Bin Laden Sippe, schon einige Zeit auf der Intensivstation des Al Hammadi, East of Main Olaya Street Ecke North of Al Akaria während eine leichte Brise, so um die 38 bis 39 Km/h den Nebel zerstob und damit auch den grässlichen Gestank von verbranntem Öl und Menschenfleisch neutralisierte. Lanas Mann dagegen duftete nach Rosenöl, war frisch gesalbt und gewickelt. Während sie nach dem Schweiß der Haftanstalt El- Hair am Südrand von Riad stank. Und wie das Unglück so will, hat es auch im Knast El- Hair vor wenigen Tagen gebrannt; es wurde von 60 Todesopfern gesprochen. Doch so genau weiß das keiner, weil es einfach niemanden interessiert. Denn ob 60 oder 160, was soll das? Jedenfalls setzte der Innenminister eine Untersuchungskommission ein, um die Ursache des Brandes zu klären. Und als die nicht gleich zu klären war, verurteilte er Lana kraft seines Amtes und der Scharia ohne Gerichtsverfahren zum Tode.

Übrigens, enthauptet wird in Riad auf einem öffentlichen Platz, es sei ein Blutgeld wird bezahlt, - falls die Hinterbliebenen des Opfers dem Täter vergeben und ein Blutgeld akzeptieren. - Doch noch war das Opfer ja am Leben, was sich aber auch rasch ändern ließe, wenn das Blutgeld hoch genug ausfallen würde ... Auch könne man dann über eine Begnadigung sprechen.

„Es kommt also nun auf Lanas Bruder an“, erklärt Doro.

„Um Gottes Willen - und mein Kind, wo ist Gadi? Ich weiß nicht mal mehr wie sie aussieht“, weint Felix. Und Doro kann ihn nicht beruhigen. Nicht heute. Nicht am nächsten Tag. Und das bleibt auch noch eine Weile so. Mindestens.

 

Stand 29. april 2013 michael koehn

http://www.literatalibre.de/

Impressum

Texte: Michael Köhn
Bildmaterialien: Michael Köhn
Tag der Veröffentlichung: 29.04.2013

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