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Dublin Friends 1 Amazon Ebook

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Epilog

Leseprobe aus „Das Café der vergessenen Träume“

~ Eins ~

~Zwei~

Copyright: Annabelle Benn, 2017, Deutschland

Bildgestaltung und Bildrechte: Rebecca Wild

Korrektorat: Lilian R. Franke

Jegliche Vervielfältigung, auch auszugsweise, ist nur nach schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.

 

Impressum:

R.O.M Autorenclub, R.O.M. logicware, Pettenkoferstr. 16-18, 10247 Berlin

Annabelle.benn@outlook.de

 

 

1 Alexandra

 

1 Alexandra

 

„Alexandra Murphy", stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während sie der alten Dame fassungslos dabei zusah, wie diese mit zittrigen Fingern ein abgegriffenes Notizbuch aus ihrer ebenfalls abgegriffenen Handtasche fischte und darin fein säuberlich, wenn auch mit einer etwas krakeligen Schrift, ihren Namen notierte.

Die Kundin mit der violett-weiß auftoupierten Haarpracht hob den Kopf und sah sie aus überraschenderweise entsetzlich scharfen Augen durch ihre mit lila Streifen verzierte Brille an. Dann tippte sie mit ihrem knochigen Zeigefinger auf den Buchdeckel und vergewisserte sich: „Ich kann das Buch also zurückgeben, wenn es mir nicht gefällt?" Ihre Stimme war fest und die Frage war keine Frage, sondern eine Bestätigung dessen, was Alexandra ihr zuvor versichert hatte: Ja, sie konnte das Buch zurückgeben, falls es ihr nicht gefallen sollte. Auch dann, so fügte Alexandra im Stillen hinzu, wenn sie es in einem Rutsch und vor Spannung zitternd ausgelesen hätte. Manche Menschen verwechselten Buchläden heutzutage eben mit Büchereien. Aber was tat man nicht alles, um den Ruf größter Kundenfreundlichkeit zu erlangen und zu verteidigen.

Alexandra zwang sich zu einem Lächeln, bekräftigte es mit einem „Natürlich" und bedauerte es bereits, der Kundin ihren Namen genannt zu haben. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er umgehend in kantigen Buchstaben in diesem unheilvoll moosgrünen Notizbuch verewigt werden würde. Bestimmt fanden sich darin endlose Listen mit Namen naiver Verkäufer, die sich am erlesenen Geschmack der Frau schuldig gemacht hatten und nun im ewigen Fegefeuer des Verkäuferdaseins schmorten. Und natürlich hatte sie auch nicht damit gerechnet, dass die Kundin tatsächlich mit Rückgabe bei Nichtgefallen drohen würde, noch dazu unter Bezugnahme auf ihre Person. Hieß es nicht, dass man über Geschmack nicht streiten könne? Angespannt atmete sie aus und ließ die Schultern hängen.

„Also gut", beendete die Kundin das Gespräch und drehte sich auf dem Absatz, der trotz des fortgeschrittenen Alters gut acht Zentimeter maß, um. Dabei machte sie eine Figur wie ein Fischreiher, was Alexandra schmunzeln ließ. Auf ihren Stock gestützt stolzierte sie in einem einzigartigen Gang zu der altmodischen Tür, die unten aus rotem Holz und oben aus beschriftetem Glas bestand. Als die hellen Türglocken zum zweiten Mal bimmelten und Alexandra endlich den Buckel von hinten sah, stieß sie einen lange unterdrückten Seufzer aus und rollte die Augen. Dabei fiel ihr Blick auf die blitzblank geputzte Schaufensterscheibe. Im Licht der Abendsonne glänzte ihr dunkelblondes Haar leicht rötlich. Ein paar Strähnen hatten sich aus dem hohen Dutt gelöst, der ihren langen Hals hervorragend betonte. Nun strich sie die feinen Haare mit ihren feingliedrigen Fingern hinter die Ohren, wobei sie an die großen Ohrringe stieß, an denen jeweils drei kleine Vögelchen aus bunt lackiertem Email baumelten. Auch wenn sie die Farbe im Spiegelbild nicht erkennen konnte, so wusste sie, dass sie das dunkle Grün ihrer Iris betonten. Erfreut über ihr adrettes Erscheinungsbild lächelte sie sich zu und fand, dass ihr die kurzärmelige Bluse mit den grünen Palmwedeln und roten Blüten sowie die weiße Hose hervorragend standen. Alexandra war nicht selbstverliebt. Im Gegenteil, meistens zweifelte sie an ihrem Äußeren, und so war die Tatsache, dass ihr an einem Arbeitstag wie diesem ihr Spiegelbild gefiel, geradezu ein Glücksfall.

Viertel vor sechs. Fast Feierabend.

Alexandra sortierte gerade ein paar Bücher auf dem Tisch mit den Regionalkrimis, als die Türglocke erneut klingelte. Einem pawlowschen Reflex folgend schnellte beim Ertönen des Gebimmels nicht nur ihr Kopf nach oben, sondern ihre Lippen verzogen sich automatisch zu einem Lächeln. Dann jedoch erkannte sie Susan und das Lächeln verschwand beinahe noch schneller aus ihrem Gesicht, als es hineingewandert war.

„Oh, du bist es nur”, sagte sie mit einem kurzen Nicken und wandte sich wieder dem Stapel zu.

„He! Was soll das heißen: Oh, ich bin es nur? Natürlich bin es ich!“, beschwerte Susan sich. „Wie sieht’s aus, bist du fertig?” Ungeduldig fuchtelte sie in der Luft herum, wobei ihre kleine, beige-weiße Ledertasche an ihrem Ellenbogen baumelte. Ihre dünnen, hohen Absätze klickerten auf dem steinernen Fußboden, als sie auf Alexandra zuging und auf sie zeigte. Alexandra fiel auf, dass ihre Fingernägel in der Trendfarbe des Sommers eisige Himbeere schimmerten, was zu Susans strohblondem Haar, das in weichen Stufen in den schmalen Rücken fiel, wirklich fabelhaft aussah. Die Farbe verdankte sie einem nicht gerade für seine günstigen Preise bekannten Friseur, nicht Mutter Natur, was ebenso auf ihre Wimpern, Nägel und vielleicht auch bald auf ihre Nase und Brüste zutraf. Alles an ihr war immer wie aus dem Ei gepellt. Die Haarfarbe an sich war wunderschön, nur passte sie nicht ganz zu Susan, zumindest wenn man Alexandra fragen würde, was Susan jedoch schon lange nicht mehr tat. Denn der Bücherwurm fand, dass sie mit ihrem natürlichen Hellbraun eben viel natürlicher aussehen würde, und genau das wollte die Persönliche Assistentin unter allen Umständen vermeiden. Der Chef stand nicht darauf.

Zum zweiten Mal binnen weniger Minuten rollte Alexandra die Augen. Konnte oder wollte Susan es einfach nicht verstehen? „Es ist Viertel vor sechs! Ich habe noch fünfzehn Minuten. Du weißt doch, dass ich das Geschäft nicht vor sechs schließen kann. Von wegen Ladenöffnungszeiten und so”, erwiderte sie um einen freundlichen Ton bemüht. Dabei beobachtete sie ihre Mitbewohnerin genau und fragte sich, wie Susan es schaffte, dass ihr Make-up auch nach acht Stunden im Büro noch immer makellos war. Im Grunde mochte sie Susan von Herzen gern, nur manchmal ging sie ihr gehörig auf die Nerven. So wie beinahe jeden Abend, an dem sie eine Viertelstunde vor Ladenschluss in das alteingesessene Buchgeschäft am Liffey spaziert kam und fragte, ob sie so weit sei.

„Uff!", stieß sie nun mit einer theatralischen Geste hervor, bei der sie sich mit der flachen Hand vor dem Gesicht herumwedelte. „Beeil dich, Alex. Ich brauche wirklich einen Drink, und zwar dringend!” Susan seufzte erneut theatralisch und kramte in ihrer Tasche nach ihrem kleinen Schminkspiegel, den sie mit einem hörbaren Klack öffnete.

Zögerlich schaute Alexandra zu ihrer Freundin. „Im Ernst? Schon wieder? Hör mal, Susan, ich weiß echt nicht, ob ich in der Stimmung bin. Ich dachte, wir schlendern einfach gemütlich zusammen nach Hause", entgegnete sie mit gerunzelter Stirn und entschloss sich kurzerhand dazu, den Kassensturz schon jetzt zu machen, da nicht davon auszugehen war, dass heute noch weitere Kunden kamen. Abgesehen davon würde sie noch so eine Kundin wie das buckelige Vogelgestell von vorhin heute nicht verkraften.

„Ach, komm schon, Alex, bitte! Nur ein Drink!“, bettelte Susan und zog einen Schmollmund, der ohnehin perfekt geschminkt war. Dann ließ sie mit dem gleichen lauten Klack wie vorhin den Spiegel wieder zuschnappen. „Ich brauche wirklich etwas zu trinken. Was Kräftiges, Schnelles. Weißt du", wieder seufzte sie theatralisch, aber diesmal mit der Geste einer unnahbaren, sehr reichen Frau, die sie gern wäre, aber nicht war, „Richard war heute ausgesprochen gemein zu mir! Ich muss dringend abschalten und auf andere Gedanken kommen. Wirklich, Alex", fügte sie in weinerlichem Tonfall hinzu.

Nun war es an Alexandra, das Zählen des Geldes zu unterbrechen und einen tiefen Seufzer auszustoßen. Aus verengten Augen schaute sie ihre Freundin ernst an. „Weißt du, Susan, ich verstehe sowieso nicht, warum du dir das alles gefallen lässt!" Ohne eine Antwort abzuwarten, schaute sie wieder auf die Scheine und zählte weiter, schließlich wollte auch sie keine Minute länger als nötig im Laden verbringen, und das nicht nur, weil sich draußen endlich die seltene Sonne zeigte. Das allein war in Dublin schon ein Grund zum Feiern, aber in diesem verregneten Frühjahr noch mehr als sonst.

Susan zuckte ihre schmalen Schultern und inspizierte ihren Zeigefingernagel. „Schwer zu sagen. Ich kann einfach nicht anders. Wenn du seine grünen Augen sehen könntest, wenn er … ach … dann wüsstest du, was ich meine!“ Genüsslich verdrehte sie die Augen. „Wenn er mich so ansieht, dann ist es einfach traumhaft! Und seine Stimme … und seine Hände … und … “

„Stopp! Bitte nicht zu viele Infos, ja?“, unterbrach Alexandra die für ihre Plauderhaftigkeit bekannte Susan. Sie hatte wenig Lust, sich vorzustellen, in welchen Winkeln und mit welcher Tiefe der leidige Chef sich in seiner persönlichen Assistentin bewegte.

„Ich sag ja schon nichts mehr! Aber wenn du nur wüsstest …“, schmachtete Susan. „Diese Augen!“

„Suzie! Wake up! Wir sind in Irland! Schon vergessen? Jeder hier hat grüne Augen! Warum suchst du dir nicht ein anderes traumhaft grünes Augenpaar zum Schwärmen? Eins, das zu einem Mann gehört, bei dem der Rest auch passt?" Alexandra konnte Susans Reaktion nicht sehen, denn sie kniete sich nieder und kroch auf dem Boden herum, um ein paar heruntergefallene Rechnungen aufzuheben.

„Du könntest mir keine größere Freude bereiten, als einen besseren Mann als Richard für mich zu finden. Allerdings dürfte das schwierig, wenn nicht gar unmöglich sein! Ein Mann mit seinem Geld, seinen Augen und seinem … ähm … seinen Fähigkeiten im Bett!" Verschwörerisch blinzelte Susan Alexandra zu und errötete ein wenig.

„Du hast etwas Entscheidendes vergessen, Süße", fügte Alexandra hinzu und tauchte wieder hinter dem Ladentisch auf. „Die Fähigkeiten im Bett würde ich zwar nicht vorher für dich testen", sie zog das Ende des Satzes in die Länge und zwinkerte ihrer Freundin zu, „Aber ich würde sicherstellen, dass er weder dein Chef noch verheiratet ist, sondern dass er einer langfristigen Bindung ohne Geheimnisse mit dir nicht abgeneigt ist. Baldige Hochzeit und Kinder nicht ausgeschlossen", setzte sie entschieden nach und sah Susan ernst an.

Die kniff die Lippen und die Augen zusammen, was ihr einen ungewollt drolligen Ausdruck verlieh. „Das klingt jetzt aber schon ziemlich langweilig. Danke vielmals, aber da verzichte ich lieber. Jetzt weiß ich auch wieder, warum ich deinen Buchladen so verabscheue“, schnaufte sie und verzog ihr hübsches Gesicht. In einer Pose, die an Hollywoodsternchen erinnerte, fuhr sie sich mit ihren sorgsam manikürten Nägeln durchs Haar, betrachtete im Schaufenster ihr Profil und wandte sich dann wieder Alexandra zu, die inzwischen dazu übergegangen war, die Programme in ihrem Computer zu speichern und zu schließen.

„Warum erzählst du mir dann lauter Sachen über ihn, sodass ich einfach etwas dazu sagen muss?“, stöhnte sie leicht genervt, doch Susan würdigte sie keiner Antwort. Alexandra beließ es dabei, denn trotz aller Meinungs- und Wesensverschiedenheiten war Susan ihre beste Freundin und eine Vertraute ohnegleichen. Trotz aller Unterschiede, dachte sie und musste unwillkürlich lächeln. War das nicht herrlich?

Susan nahm wahllos ein Buch vom Stapel, besah sich das Titelbild, drehte es in der Hand und fragte, noch bevor sie überhaupt begonnen hatte, den Klappentext zu lesen: „Worum geht's da? Ist das gut?"

„Das ist ein klasse Buch!", rief Alexandra erfreut und hoffte, ihre Freundin doch mal zum Lesen bewegen zu können. „Es geht um ein altes Paar. Nun, eigentlich sind sie gar kein Paar. Sie sind nur beide verwitwet und wohnen Tür an Tür. Es geht um ihren Versuch, miteinander eine neue Beziehung einzugehen und dabei …"

„Uff …", unterbrach Susan sie, blies sich gegen die Stirn und schaute zur Decke. „Tür an Tür ... Meinst du, uns geht es einmal genauso? Dass wir allesamt als Nachbarn verrunzeln?“

„Wir? Susan! Wir sind gerade mal 23!", rief Alexandra entsetzt.

„Na und?", konterte Susan ungewohnt kühl.

„Nun, schon möglich“, gab Alexandra daraufhin mit einem Schulterzucken zurück und schloss die Kasse. Es war tatsächlich niemand mehr gekommen und nun, um zwei vor sechs, würde das auch nicht mehr der Fall sein.

„Na dann, beeil dich mal lieber! Oder willst du alt und grau werden, ohne nochmals richtig guten Sex gehabt zu haben?", rief Susan und wandte sich entschieden zum Gehen. Ganz offensichtlich konnte sie es kaum erwarten, ihren Wodka Cranberry zu trinken und dabei, über den Glasrand schielend, mit jungen Bankern zu flirten, die gern vom Merrion Square nach Temple Bar kamen, dem Barviertel Dublins.

„Okay, ich komme ja schon!" Schnell überprüfte Alexandra, dass alles ausgeschaltet war, was ausgeschaltet sein musste, und dafür alles eingeschaltet war, was eingeschaltet sein musste. Wie sie aussah, daran konnte sie sich noch erinnern, und binnen einer Viertelstunde würde sich ihr Aussehen nicht von selbst zerstört haben. Also nahm sie ihre Tasche und ihre Jacke und folgte Susan aus dem Laden, den sie ordnungsgemäß abschloss. Wenn sie erwartet hatte, von milden Frühlingslüften empfangen zu werden, so wurde sie herb enttäuschte, denn eine kühle Brise wehte ihr um die Nase.

„Oh nein!", seufzte sie still bei sich und hoffte, dass sie noch trockenen Fußes ins Pub oder doch besser nach Hause kämen. Sie wohnten zwar nicht weit weg, aber das Dubliner Wetter war eben sehr irisch, sprich: unberechenbar und launisch. Schweigend überquerten sie die Straße, um an der Uferpromenade von Dublins berühmtem Fluss, dem Liffey, weiterzugehen. Das Wasser glitzerte noch wunderschön in der Sonne, nur der böige Wind störte. Um sie herum dröhnte der dichte, wenn auch meist stehende Verkehr, der die engen, einst für wenige Pferdefuhrwerke gebauten Straßen zwei Mal täglich für mehrere Stunden heillos verstopfte.

„Also, was hat er denn nun genau gesagt?", griff Alexandra nach einigen Schritten wieder das Thema auf, von dem sie hoffte, dass es ihre Freundin nicht wie beim letzten Mal in ein tiefes Tal aus Tränen stürzen würde. Schon oft hatte sie sich gefragt, was ein Tal aus Tränen eigentlich genau sein sollte, aber da sie die Antwort bislang nicht gefunden hatte, verzichtete sie heute darauf, sich diese Frage erneut zu stellen.

„Och! Er ist so gemein! Er hat mir vorgeworfen, dass sein Kaffee nie so sei, wie er ihn will, und dass es wohl künftig besser sei, wenn er ihn sich selbst macht!", schniefte Susan herzerweichend, während Alexandra sich gerade noch davon abhielt, ebenso zu stöhnen. Es war einfach immer das Gleiche mit diesem schrecklichen Chef! „Und das, wo doch wirklich jeder weiß, wie sehr ich mich anstrenge, ihm sein Leben so angenehm wie möglich zu machen!", fuhr Susan in einem bedrohlich nah am Wasser gebauten Ton fort. Sie legte einen Zahn zu, sodass Alexandra sich weit nach vorne strecken musste, um ihren Arm zu drücken.

„Aber du bist doch die beste Sekretärin, die er sich nur vorstellen kann!", tröstete sie sie rasch.

„Ach! Wenn er das nur endlich auch so sehen würde!", jammerte Susan.

„Vielleicht solltest du dich mal mit anderen Männern treffen. Ich meine – du kannst doch nicht dein ganzes Leben mit einer aussichtslosen Schwärmerei für deinen Chef verschwenden!"

„Ich weiß, ich weiß! Aber … Es ist einfach so schwer, von ihm wegzukommen, wenn ich ihn jeden Tag sehe, und er dann …". Susan ließ den Rest offen und verstummte.

„Er dich dann plötzlich wiedersehen will. Ich weiß", seufzte Alexandra und blickte zu Boden. Manchmal kam es ihr so vor, als würde sie bei dem Ganzen noch mehr als Susan leiden, was möglicherweise daran lag, dass sie nur die Leidensgeschichte präsentiert bekam, aber von den Vorzügen - wie gesagt - nichts hören wollte. „Aber irgendwie muss es doch einen Ausweg geben! Es kann doch nicht ewig so weitergehen!"

Betrübt schüttelte Susan den Kopf. „Ich kann meinen Job nicht wechseln. Du weißt doch selbst, wie schwer es ist, etwas zu finden. Noch dazu im Zentrum, wo ich kein Auto brauche und gut verdiene."

Schweigend gingen sie den Bachelors Walk entlang zur O'Connell Bridge, die sie überquerten, um Temple Bar zu erreichen. Von dort war es nicht weit zu dem vierstöckigen Haus, in dem sie zurzeit zu fünft wohnten. Einfach die Grafton oder Dawson Street hinunter, an St. Stephen‘s Green vorbei und schon wären sie nach wenigen Minuten zu Hause in der Orange Street. Doch der Weg an den vielen verlockenden Bars vorbei konnte sich ins Unermessliche ziehen und das Raum-Zeit-Kontinuum erheblich beeinträchtigen.

Nur zu gut wusste Alexandra, dass Susan nicht bereit war, ihren Traum aufzugeben, in dem sie die schöne, angesehene Frau eines erfolgreichen Geschäftsmannes war. Nicht umsonst investierte sie derart viel Zeit und Geld in ihr Aussehen.

Alexandra dachte an ihr eigenes Leben. Sie war in einer ähnlichen und doch vollkommen anderen Situation. Zwar war sie ebenso allein und ebenfalls ohne große Hoffnung, ihr Single-Dasein in absehbarer Zukunft zu beenden. Doch in ihrem Fall lag das hauptsächlich daran, dass sie es nicht anders wollte. Im Gegensatz zu Susan wollte sie ihre Gefühle nämlich schützen, und so war sie immer darauf bedacht, niemanden zu nahe an sich heranzulassen. Ihr Herz war schon zu viele Male gebrochen worden, als dass sie sich so einfach noch mal auf jemanden würde einlassen können. Susans Herz hingegen schien nur dadurch noch zu spüren, dass es lebte, indem es gebrochen und misshandelt wurde.

„Ich weiß wohl, dass ich kaum die richtige Person bin, um dir Ratschläge in Beziehungsfragen zu geben. Schließlich bin ich seit einem Jahr solo", nahm sie den Faden wieder auf. Aber, so dachte sie, verglichen mit ihr würde Susan sich hoffentlich schnell wieder besser fühlen. Stattdessen seufzte die und meinte verdrossen: „Ich wünschte, ich wäre wie du."

„Wie ich? Was? Die Ice Queen? Nicht liebenswert?" Alexandra stieß ein entrüstetes Schnaufen aus. Zumindest lachte Susan jetzt auch.

„Ach, komm, du weißt genau, dass du nichts davon bist. Du bist sogar total liebenswert, und das weißt du auch! Nicht wahr? Andernfalls wäre Rick nicht seit Jahr und Tag rettungslos in dich verknallt!"

„Rick? Rick Mahoney? In mich verknallt?" Alexandra gab sich überrumpelt, schlug sich mit der Hand an die Brust und schaute Susan aus großen, ungläubigen Augen an.

„Genau der“, gab Susan zurück und rempelte sie mit dem Ellbogen an.

„Hi hi“, lachte Alexandre leicht verlegen. „Das ist, glaube ich, passé. Seitdem ich eingezogen bin, also vor zwei Jahren, hatte er bestimmt dreißig verschiedene Freundinnen und lässt obendrein keine Gelegenheit für einen weiteren One-Night-Stand aus!"

„Das tut er doch nur, um von dir abzulenken!"

„Ach, komm, Süße, lass gut sein!", wehrte Alexandra ab und musste doch zugeben, dass sie sich geschmeichelt fühlte. Immerhin sah Rick mit seinem durchtrainierten Körper, den

Haaren und Augen, die an Zartbitterschokolade erinnerten, verdammt gut aus. Doch ganz abgesehen davon war er ihr Vermieter. Seinem Vater, einem international erfolgreichen Rocksänger, gehörte das vierstöckige georgianische Gebäude in dem mittlerweile unbezahlbar gewordenen Zentrum der Stadt. Da Rick nicht gern allein wohnte, hatte er alle Wohnungen renovieren lassen und sie zu einem eher symbolischen Wert an seine Freunde vermietet, damit sie auch nach dem Studium - das bis auf Rick alle vor zwei Jahren mit dem Bachelor abgeschlossen hatten - zusammen wohnen bleiben konnten. Nur Rick, der Sohn, studierte noch immer. Was das war, wusste keiner so genau - nicht mal er selbst -, aber das spielte bei dem unerschöpflichen Vermögen seines Vaters keine Rolle.

„Egal", beendete Alexandra das Thema und schnitt dabei mit der flachen Hand durch die Luft. „Es geht jetzt auch gar nicht um mich, sondern um dich und deine Affäre."

„Du hast doch mit deinem Liebesleben angefangen!", spielte Susan den Ball zurück.

„Aber ich habe doch gar keine Liebesleben!", erwiderte Alexandra eingeschnappt, woraufhin Susan nichts mehr sagte. Sie hatte sich noch nie Gedanken darüber machen müssen, wie es sich als Single lebte, da sie immer nahtlos - wie eine Biene von einer Blume zur anderen - von einem Mann zum nächsten geschwirrt war.

Alexandra hingegen lebte lieber allein, als sich tagein tagaus mit den Eigenarten und Problemen einer zu nichts führenden Lieb- und Leidenschaft, wobei ihre Betonung auf Leiden lag, herumzuschlagen. Oder sich davon das Leben schwer machen zu lassen.

„Sollen wir hier reingehen?", unterbrach Susan ihre Gedanken und steuerte auf ein traditionelles Pub zu, dessen Fenster- und Türrahmen glänzend rot lackiert waren. Die Brise hatte sich zu einem regelrechten Wind entwickelt, was in Dublin unmittelbar drohenden Regen ankündigte. Mit einem Blick in den rasch gefährlich grau werdenden Himmel gab Alexandra sich geschlagen und folgte der Freundin in den gut besuchten Pub. Sie sollte wirklich weniger trinken, das wusste sie, aber um das Vorhaben in die Tat umzusetzen, musste sie wieder einmal, wie so oft, bis zum nächsten Tag warten.

„Komm, nur ein Drink!", beharrte Susan und drängte sich schon mit erhobenem Haupt zwischen die an der Theke Wartenden. „Du hast doch sonst auch gar nichts zu tun!"

„Ich will aber mein Buch fertig lesen!", murmelte Alexandra vergeblich und dachte wehmütig an ihre Ausgabe von „Ich, Eleanor Oliphant", das in ihrer Tasche wartete. Susan, die schon in dem Gewirr aus Stimmen, Gelächter und Musik eingetaucht war, hörte sie nicht mehr, und so gab Alexandra sich geschlagen. Eleanor würde auch später noch Gelegenheit genug haben, dem Musiker, wie sie ihr Liebesobjekt oft bezeichnete, näher zu kommen.

 

2 Harvey

 

2 Harvey

 

Harvey Slate konnte die Nummer im Schlaf herunter leiern, so oft hatte er sie schon zum Besten gegeben. Der Song hatte sich wochenlang auf Platz Eins der deutschen und österreichischen Charts gehalten und hatte ihn reicher gemacht als alles, was davor und - zumindest bisher - danach gekommen war „Lo-lo-love me if you cähähn … tralalala." Wenn es nach ihm ginge, würde danach auch nichts mehr kommen. Aber wer war er schon, dass er in seinem eigenen Leben etwas mitzureden gehabt hätte!

Wie immer versuchte er, über die tobende Menschenmenge hinweg zu schauen und einen Punkt am anderen Ende der Halle oder des Stadions zu fixieren. Doch heute stimmte gar nichts mehr mit ihm. Die hinter dem Wald untergehende Sonne irritierte ihn und lenkte ihn so sehr ab, dass er in die Gesichter der vor Verzückung hysterisch kreischenden Fans schaute. Das war fatal, denn dann konnte er nicht mehr singen. Also schloss er die Augen. „But you cahahan't … because your heart is fro-ho-hozen." Verdammt! Wie sehr er sich wünschte, etwas anderes singen zu können! Etwas. Alles. Irgendetwas. Aber nicht mehr das. Wenn er seine Songs selbst schreiben dürfte, hätte er viel bessere Texte. Und Melodien! Schönere Wörter, viel mehr Gefühl, viel mehr echtes Gefühl … Aber er durfte ja nicht! Und was noch schlimmer war: Niemand verstand ihn. Denn für alle Welt schien das, was er tat, die Erfüllung eines großen Traums zu sein! Als er sich mit neun Jahren selbst beigebracht hatte, Gitarre zu spielen, und als er als kleiner Junge aufgrund seiner kräftigen, warmen Stimme im Chor aufgefallen war, da hätte er sich niemals träumen lassen, dass er es einmal so weit bringen würde. Nun, so weit Das war relativ, und das war der Knackpunkt. Erfolg, Geld und Ruhm, das hatte er erreicht. Aber das hatte nichts mit seiner Liebe zur Musik oder zum Leben zu tun.

Das Synthetik seiner silberglänzenden Jacke klebte an seiner durchschwitzten Haut fest, und er wünschte, er hätte die Sachen nach seinem halben Striptease, bei dem er sich bis auf eine affig bedruckte Boxershort auszog, nicht mehr angezogen. Da! Der letzte Akkord! Erleichtert riss er den Gitarrenhals steil nach oben. Automatisch grinste er. Triumph und Ruhm! Die Girls tobten und schleuderten ihm die letzten Herzen, Teddys und Rosen sowie BHs und Slips aus ihrem schier unerschöpflichen Vorrat um die Ohren. Vor jedem Konzert betete er darum, dass die nicht getragen waren, denn nicht immer gelang es ihm, rechtzeitig auszuweichen. Erlöst grinsend hob er beide Hände in die Luft, drehte die Handgelenke, ließ den Oberkörper nach vorne fallen, richtete sich wieder auf und applaudierte seinerseits den Fans. „Gute Nacht, Berlin!", rief er. „Ihr wart FAN-TAS-TISCH! Ich liebe euch! Ihr seid die Größten!"

Auf dem Bildschirm hinter ihm flimmerte ein breiter, staubiger Highway, der durch eine karge Wüste führte, in der nichts außer mannshohen Kakteen wuchs. Die Straße verlief sich im Horizont; kein Ende und kein Ziel absehbar. Wie mein Leben, dachte er, als er dank eines technischen Tricks auf dem einsamen Highway von der Bühne zu gehen schien. Natürlich schrien alle nach einer Zugabe, die normalerweise einen festen Bestandteil seiner Auftritte bildete. Aber er schaffte es nicht. Nicht heute. Nie wieder! Unmöglich konnte er noch ein Lied singen. Sein Körper schmerzte höllisch, seine Stimmbänder kratzten und er hatte die Schnauze gestrichen voll von dem kreischenden Kindergarten bestehend aus pubertierenden und mit Slips um sich werfenden Mädchen.

„Ladies and Gentlemen – Harvey Slate!", plärrte da die Moderatorin des Festivals über die Lautsprecher.

Ja, ja, Harvey Slate! Aber Harvey Slate wollte nicht mehr auftreten. Er wollte nur noch in Ruhe in seiner Badewanne liegen, ein Bier oder einen Whiskey in der einen, vielleicht etwas anderes in der anderen Hand … und abschalten. Nur noch abschalten. Warum war ihm das nie vergönnt? Warum nur?

 

Da kreuzte der scharfe Blick seines Managers Marc seinen. Der war stinkwütend und funkelte ihn mit seinen beinahe pechschwarzen Augen bedrohlich an. „Sing. Die. Zugabe", zischte er mit einem vor Wut verzerrten Gesicht, und Harvey musste seine Worte nicht hören, um zu verstehen, was er wollte. Dennoch versuchte er, mit Sich-Dumm-Stellen durchzukommen und grinste unschuldig. Er war schon an ihm vorbei und hatte bereits einen Fuß in seine Garderobe gesetzt, als ihn eine Hand im Nacken packte und barsch herum drehte.

Fuck.

„Trau dich ja nicht! Raus mit dir. Zugabe!" Marcs Griff wurde schmerzhaft, bevor er seinen Schützling zurück in Richtung Bühne schubste. Widerwillig und angespannt grinsend trat Harvey wieder ins Scheinwerferlicht, straffte die Schultern, griff das Mikrofon und flüsterte mit Honig in der Stimme: „Das ist für euch. Weil ihr heute so wunderbar wart, hier ein kleines Dankeschön! Berlin!"

Wie zu erwarten, brach die verschwitzte Menge erneut in ohrenbetäubendes Gekreische aus.

Harvey drehte sich zur Band um, nickte und hob zwei Finger, um ihnen mitzuteilen, welche Nummer er singen würde. Und dann sang er das Lied, und die Fans und der Manager waren glücklich, und er war sich sicherer denn je, dass sich etwas in seinem Leben ändern musste, und zwar bald. Er nahm das winzige Mikro von seinem Ohr ab, seufzte, verneigte sich wieder, applaudierte, ging rückwärts von der Bühne und kämpfte sich durch die Traube von Fans, die es irgendwie Backstage geschafft hatten. Artig unterschrieb er auf Büchern, T-Shirts und Armen. Nur bei den nackten Brüsten weigerte er sich strikt, denn schließlich wollte er nicht wegen Verführung Minderjähriger oder sexueller Belästigung angeklagt werden. Man wusste ja nie, wozu enttäuschte Fans in der Lage waren! Abgesehen davon törnte ihn ein derart billiges Anbiedern extrem ab.

 

Als er es schließlich in die Garderobe schaffte, waren seine Freunde Luca und Tom schon da. Luca hatte eine Flasche Jack Daniels Black in der Hand und wartete nur darauf, sie zu köpfen. Ebenso wie Harvey nur darauf wartete, aus seinen verschwitzten Synthetik-Klamotten zu kommen. Kaum hatte er die Tür hinter sich zugezogen, zerrte er sich die Jacke von den Armen, das klatschnasse T-Shirt über den Kopf und den Reißverschluss der hautengen Hose auf.

„Bin sofort da"; grüßte er seine Kumpels, auf die er an einem Tag wie diesem auch gern verzichtet hätte. Er wollte wirklich nur seine Ruhe und endlich mal allein sein. Aber da war wohl nichts zu machen. „Muss nur schnell unter die Dusche!"

„Beeil dich, Mann!", rief Luca ihm nach und goss die bernsteinfarbene Flüssigkeit in zwei Gläser. „Wir warten noch drei Minuten auf dich! Gib Gas!"

„Tut euch keinen Zwang an!"; rief er zurück und stieg in die Nasszelle.

„Hey, hey! Mach bloß nicht schlapp! Wir wollen doch noch ins Berghain!"

„Ihr wollt. Ich nicht", murmelte er, dann drehte er das Wasser auf und hörte nichts mehr.

Nach der wohltuenden Reinigung war er zu faul, sich richtig anzuziehen und stieg nur in seine Boxershorts. Seine Freunde und er kannten sich seit dem Kindergarten, da musste er sich keinen Zwang antun. Er wusste, dass sein Körper perfekt trainiert war; kein Gramm Fett, Muskeln an den richtigen Stellen, nicht zu viel, nicht zu wenig, nichts Aufgepumptes und kein Haar zu viel. Nur ein paar an Beinen, Armen und Stellen, die niemanden etwas angingen. Seine straffe Haut glänzte, stellte er fest, als er sich im Vorbeigehen in einem der raumhohen Spiegel anschaute.

„Gute Show, Mann!", meinte Tom nickend und reichte ihm ein Glas.

Harvey grunzte eine Antwort, blieb vor den beiden stehen, die auf einem schwarzen Ledersofa saßen, nahm das Glas und einen tiefen Schluck. Der Alkohol brannte in seiner Kehle, aber das tat gut.

Von der Tür her hörte er Klopfen und Kreischen. Stoisch versuchte er, es zu ignorieren. Er hatte heute doch schon so viel für seine Fans getan! War denn nie Schluss?

„Hey, schick doch mal Lark raus, damit er die drei heißesten Bienen für uns aussucht!", sagte Luca kopfschüttelnd. Lark war so etwas wie ein Bodyguard. „Ich verstehe echt nicht, warum du die Situation nicht mehr ausnützt! Die Hasen liegen dir zu Füßen und du? Du ..."

„Interessiert mich nicht", wies Harvey ihn knapp zurück und ließ sich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung neben die beiden aufs Sofa fallen. „Die Zeiten sind vorbei! Endgültig."

„Waas? Soll das ein Witz sein?", schrie Tom ungläubig und richtete sich auf. „Wer bist du? Und was hast du mit meinem Freund angestellt?", fragte er mit einer so bedrohlichen Stimme, als spräche er mit einem Psychopathen. Er legte beide Hände um Harveys Gurgel und schüttelte ihn, woraufhin selbst Harvey lachen musste.

„Es ist hier vorbei. Wir müssen neue Länder erobern. Das meinte ich. Vielleicht macht das einen Unterschied. Italien, England, die USA …", wich er aus, um leidige und zu nichts führende Diskussionen zu vermeiden.

„Yo, Mann, sag ich doch die ganze Zeit! Meine Rede!", stimmten die anderen beiden in Vorfreude auf weite Reisen und Partys mit einem lauten High-Five ein.

„Du hast mich echt kurz schockiert", meinte Tom dann. „Ich dachte schon …"

„Nicht denken", unterbrach Harvey ihn. „Schütt nach!"; verlangte er und hielt ihm sein leeres Glas hin.

„Aber wie kommst du zu dem Schluss? Meinst du, du hast schon alle heißen Bräute hierzulande flachgelegt?", spottete Luca und lachte abfällig, während er das Glas randvoll füllte.

„Zumindest die über Achtzehnjährigen ", konterte Harvey trocken.

„Oder wirst du alt? Kannst oder willst du nicht mehr? Ist es das?", höhnte Tom weiter.

„Sch! Du bist ja nur neidisch!", gab Harvey barsch zurück.

Sein Kopf schwirrte. Warum? Er wollte nicht mehr, das war es. Die Girls, die sich ihm an den Hals und zu Füßen warfen, interessierten ihn nicht mehr. Er konnte sie alle haben. Und was man so leicht haben konnte, war nichts wert. Das galt für alles. Für Mädchen, Geld, Whiskey … er hatte genug davon.

„Ich? So ein Unsinn! Ich mache mir nur Sorgen um dich und wie du ohne Sex auskommen willst!"

„Ob es dich … verändert?", fragte Luca mit gespielter Besorgnis, verengte die Augen zu Schlitzen und fixierte Harvey. „Ob du … vielleicht auf Männer stehst?", flachste er und leckte sich über die Lippen.

„Haha, lass den Scheiß, trink lieber!"

„Auf uns, Jungs!", unterband er jegliche weitere Kommentare und nahm einen großen Schluck, der selbst ihm zu viel war. Er schüttelte sich und verschüttete dabei reichlich Whiskey auf seiner nackten Brust.

„Was machst du denn da, du Schussel! Das ist ja pure Verschwendung!", schrie Luca, lachte tief hinten in der Kehle und schnellte in Lichtgeschwindigkeit zu ihm herum. Dann stemmte er seine Hände neben Harveys kräftigen Oberschenkeln in das Ledersofa, reckte den Kopf vor, streckte die Zunge heraus, grinste dämlich und ehe Harvey verstand, was vor sich ging, leckte er den Whiskey von seiner glatt rasierten und perfekt definierten Brust.

„Ihhhh – du Sau!“, kreischte Harvey gerade entsetzt, als die Tür, gegen die so lange hartnäckig getrommelt worden war, aufflog.

In Bruchteilen von Sekunden erkannte Harvey, was, wer auch immer in dem gleißenden Licht des Türrahmens stand, sah: Ihn beinahe vollkommen nackt, auf einem Sofa zurückgelehnt, mit einem Mann zwischen seinen Beinen, der an seiner nackten Brust herumleckte.

Oh, leck …

Und nur einen halben Sekundenbruchteil später wusste er, dass er sich keine Sorgen über verhasste Auftritte und Schnulzen mehr machen musste. Ein entspanntes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.

„Aaaah!", hallten die Schreie der drei Reporter durch die Gänge und in den Backstageroom. Zuerst entsetzt, dann begeistert und am Schluss absolut fanatisch darüber, dass sie diese Wahnsinns-News ergattert hatten! Harvey Slater, Schwarm aller Mädchen, war schwul! Schwul! Das musste man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen! Harvey Slater – für alle Zeiten unerreichbar!

Wie von der Tarantel gestochen kam Marc angerast, zog und zerrte, kreischte und schrie, wie vor Kurzem Harvey die Reporter an ihren Kragen und Ärmeln aus dem Zimmer. Mit einem

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Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 06.02.2020
ISBN: 978-3-7487-2858-0

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