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Prolog - Der Phoenix

Ich existiere. Ich habe alles getan, dennoch bestehe ich weiter fort. Es ist nicht dieselbe Existenz, ich habe mich verändert. Ich bin nicht sicher, was meine Veränderung bewirken wird. Ich kann sie spüren. Sie sind dort draußen. Sie sind ein Teil von mir.

 Meine Kinder.

1

Das Dorf Zweieich lag zwischen dem großen Wald und einer grünen Ebene, die vom Fluss Iris durchschnitten wurde. In jedem Frühjahr sorgte Iris dafür, dass die Weideflächen des Viehs knietief überschwemmt wurden, bevor sie sich zu Beginn des Sommers wieder zurückzog und eine fruchtbare Erde für die Menschen von Zweieich hinterließ.

Das Dorf war seit seiner Gründung durch eine Handvoll Bauern und Handwerker immer weitergewachsen. Inzwischen zählten sie beinahe tausend Einwohner.

Heute, zu Beginn des Sommers feierten alle Bewohner gemeinsam, dass die Iris ihr gewohntes Bett wieder bezogen und somit das Weideland für das Vieh freigegeben hatte.

Kühe und Schafe wurden festlich geschmückt und mithilfe der Hütehunde auf die Wiesen gebracht. Die Schäferjungen bewachten die Herden dort bis zum Herbst. Dann kehrten sie zurück, um das Vieh für den Wintervorrat zu schlachten und die besten Tiere für die Herde im nächsten Jahr auszuwählen. Die besten Bauern waren diejenigen, die so wenige Tiere wie möglich überwinterten, diese aber von besonders guter Qualität waren, stark, gesund und fruchtbar, um den langen, nasskalten Winter zu überstehen und im nächsten Frühling gesunden Nachwuchs zur Welt zu bringen.

Nias Eltern waren keine Bauern. Ihr Vater verdiente sein Geld als Schreiner, ihre Mutter nähte Kleidung. Sie besaßen zwar drei Ziegen und ein paar Hühner, doch versorgten sie damit nur sich selbst und verkauften oder tauschten Käse, Eier oder Fleisch nur selten.

 

Nias Vater hatte für seine Familie ein kleines Holzhaus mit einem Heuboden gebaut. Der Innenraum war gleichzeitig Küche, Ess- und Arbeitsraum für ihre Mutter. Ein riesiger Tisch und ein kaum weniger großer Holzofen wetteiferten um den Preis für den auffälligsten Gegenstand. Im hinteren Bereich des Hauses war für die Eltern eine einfache Schlafstätte durch einen Vorhang abgeteilt. Auf dem halbhohen Heuboden schliefen die Kinder: Die sechsjährige Nia und ihr neunjähriger Bruder Milesch.

Am Morgen des Dorffestes hatte die Mutter die Kinder früh geweckt. Sie sollten all ihre Pflichten rechtzeitig erledigen, bevor sie gemeinsam zum Fest gingen.

Nia fütterte die Ziegen und die Hühner und half dann der Mutter, das Frühstück zuzubereiten.

Milesch half dem Vater in der Werkstatt, die seitlich an das Haus angebaut war. Dort reparierte sein Vater einen Karren, dessen Seitenwand bei einem Sturz gebrochen war. Milesch gab sich große Mühe, das Schreinerhandwerk zu lernen, wie es sich sein Vater wünschte. Doch nie konnte er ihn ganz zufriedenstellen.

Nia hörte ihren Vater draußen schimpfen, während sie drinnen den Tee aufgoss.

»So musst du die Säge halten. Wie oft soll ich es dir noch zeigen? Du stellst dich an, als würdest du es zum ersten Mal machen!«

Nia liebte Milesch über alles, umso mehr schmerzte sie es, dass der Vater nie sehen konnte, wie sehr Milesch sich anstrengte. Manchmal, wenn der Vater schon schlief, stahl ihr Bruder sich in die Werkstatt und übte heimlich die Handgriffe mit den verschiedenen Werkzeugen. Doch es führte nie zu dem erhofften Lob.

An ihren Unterarmen begann es zu kribbeln. Nia zuckte zusammen. Sie trug ihr einfaches, kurzärmliges Kleid, das für die Arbeit in Haus und Hof gedacht war. Während sie die Schüsseln für den Frühstücksbrei aus dem Schrank holte, sah sie unauffällig auf die kribbelnden Stellen. Dort waren sie, die Flecken, wie sie sie nannte. Über ihre beiden gesamten Unterarme breitete sich je ein amöbenförmiger, graubrauner Fleck aus, quer durchzogen von feinen, blauen Äderchen. Dort spürte sie das Kribbeln. Vom Handgelenk bis kurz vor der Armbeuge.

»Bevor wir losgehen, ziehst du ein anderes Kleid an!«, herrschte ihre Mutter sie an.

Beinahe hätte Nia die Schüsseln in ihrer Hand fallenlassen. Schnell drehte sie sich zur Seite. »Ja Mutter«, murmelte sie und fuhr fort, den Tisch zudecken.

Die Flecken waren aufgetreten, als sie vier Jahre alt war. Nias Erinnerung daran war verschwommen, das Einzige, was sie damit verband, war Aufregung und Angst: Aufregung, weil Nia offenbar irgendeinen Makel besaß und Angst davor, dass es jemand entdecken könnte. Von da an durfte Nia das Haus nur verlassen, wenn sie vorher ihre Arme vollständig bedeckte. Selbst wenn die Kinder im heißesten Sommer im Fluss badeten, trug Nia ein langes Kleid.

Das Kribbeln ihrer Arme ließ nach, als Milesch mit dem Vater das Haus betrat und sie sich alle gemeinsam an den Tisch setzten.

 

Nach dem Frühstück zog Nia sich um und auch Milesch zog seine feinen Sachen an: Ein helles Hemd und eine dunkle Stoffhose, die einzige ganz ohne Flecken oder Flicken.

Vor dem Verlassen des Hauses kontrollierte ihre Mutter noch einmal, ob die Kinder gut genug gekleidet waren, und besah sich vor allem Nias Arme, ob auch nichts von den Flecken zu sehen war.

Nias Arme wurden heiß und begannen erneut unter den kritischen Blicken ihrer Mutter zu kribbeln.

Dann endlich konnten sie losgehen.

Der Weg führte sie in zwei weiten Kurven hinunter zum Dorfplatz, wo sich mehr als die Hälfte der Bewohner bereits unter der großen Zwillingseiche versammelt hatte, der Zweieich seinen Namen verdankte.

In einem großen Gewitter, kurz nachdem die ersten Menschen hier ihre Häuser gebaut hatten, war die Eiche durch einen Blitz in der Mitte gespalten worden. Die meisten Menschen sah das als böses Omen und wollten den Ort verlassen. Doch eine weise Frau hatte in ihren Träumen eine Vision und beschwor die Menschen, zu bleiben.

Aus jeder Seite des gespaltenen Eichenstamms wuchs ein neuer Baum empor. So erhielt das Dorf seinen Namen und die Bewohner suchten den Baum bei Problemen, Sorgen oder aus Dankbarkeit über eine gute Ernte oder ein gesundes Kind auf.

Der Ratsvorsteher des Dorfes begann eine Rede, die wie in jedem Jahr bereits nach kurzer Zeit anfing, die Kinder und dann auch die Erwachsenen zu langweilen. Dennoch blieb Nia bei ihren Eltern. Obwohl sie ihre Flecken bedeckte, spürten die anderen Kinder, dass etwas mit ihr nicht stimmte und ärgerten sie bei jeder Gelegenheit.

Nia wollte ihnen keine bieten.

Nia war auf dem Weg zurück nach Hause. Ihrer Mutter war beim Nähen eines Kleides ihre letzte dünne Nähnadel abgebrochen, so hatte sie Nia geschickt, um beim Kramer eine neue einzukaufen.

Nia bewahrte das Päckchen sicher in ihrer Rocktasche auf. Sie lief über den Dorfplatz, als ihr drei Kinder entgegenkamen, ein Junge und zwei Mädchen. Nia stoppte und überlegte, ob sie umkehren und einen anderen Weg nehmen sollte, doch die drei hatten sie bereits gesehen.

»Wo kommst du denn her?«, fragte das größere Mädchen. Sie hieß Lisa und war die Tochter eines Bauern aus dem Dorf.

Nia zuckte nur die Schultern und wich seitlich aus. Doch die drei Kinder verteilten sich fächerförmig um sie herum. Nia wurde heiß. Sie spürte das Kribbeln an ihren Unterarmen. Es gelang ihr, den Impuls zu unterdrücken, den dreien ihre Unterarme entgegenzustrecken. Das war ihr schon öfter passiert, eine unbewusste Geste, die wirkte, als würde sie sich ergeben.

»Ich habe für meine Mutter eingekauft. Ich muss nach Hause«, sagte Nia und hörte selbst, wie viel Angst in ihrer Stimme mitschwang. Lisa gehörte zu den Kindern im Dorf, die zu Hause nicht so viel mitarbeiten musste, da sie zwei große Brüder und eine große Schwester hatte. Sie selbst war das Nesthäkchen, zu Hause von den Eltern verwöhnt, von den Geschwistern nicht ernst genommen, aber von allen jüngeren Kindern im Dorf entweder verehrt oder gefürchtet.

»Lass doch mal sehen«, sagte Lisa und kam mit ausgestreckter Hand auf sie zu.

Nia presste die Hand auf ihre Rocktasche und wich zurück.

Plötzlich wurde sie von hinten gepackt. Er Junge hatte sich von hinten an sie herangeschlichen. Sie war so mit Lisa beschäftigt gewesen, dass sie gar nicht darauf geachtet hatte.

Sie trat nach hinten und schlug mit dem Kopf, doch es half nichts. Lisa kam auf sie zu und wollte nach ihr greifen. Der Junge hielt ihre Arme nach hinten gebogen fest.

Plötzlich spürte Lisa, wie aus dem inzwischen vertrauten Kribbeln ein heißes Stechen wurde. Es war ein Gefühl, als ob ihre Angst direkt in ihre Unterarme, in ihre Flecken floss. Nia wurde panisch. Das Gefühl, im nächsten Augenblick würde etwas Furchtbares geschehen, wurde übermächtig. Sie wandte ihre ganze Kraft auf, um sich von dem Jungen freizukämpfen.

Mit einem Mal zuckte ein heißer Stich durch ihre Unterarme, der Junge hinter ihr schrie auf und sie war frei.

Im ersten Augenblick war sie zu verwirrt, um zu fliehen. Dann nahm sie einen stechenden Geruch wahr und blickte auf ihre Unterarme. Dort, wo ihre Flecken auf der Haut waren, war das Kleid zu Asche verbrannt. Wäre Lisa nicht gewesen, vor der Nia noch mehr Angst hatte, als vor dem, was gerade mit ihr geschah, hätte sie ebenso geschrien wie der Junge. Doch stattdessen rannte sie. Instinktiv trugen ihre überschlagenden Schritte sie in Richtung Wald. Dort, wo es kühl und dunkel war. Wo sie sich verstecken konnte.

Hinter sich hörte sie Lisa schreien. »Schnappt diese Missgeburt!«

Sie rannte, bis sie nur noch ihren eigenen, keuchenden Atem hörte. Sie spürte den Wind, der durch die Bäume strich, irgendwo rief ein Eichelhäher. Erschöpft ließ sie sich unter den nächsten Baum ins Moos fallen.

Als sie langsam wieder zu Atem gekommen war, wagte sie einen Blick auf ihre Unterarme. Das Kleid war ruiniert. Es würde ihre Mutter Tage an Arbeit kosten, den Ärmel zu ersetzen, denn es war ihr gutes Kleid, das mit den bestickten Ärmeln, was sie nur trug, wenn sie ins Dorf ging, damit niemand ihre Arme sah.

Vorsichtig berührte sie ihre Flecken. Sie erwartete, dass sie sich verbrennen würde, doch die Haut war nur warm vom Rennen. Die blauen Äderchen kitzelten, als sie mit den Fingerspitzen darüber strich. Nia hätte ihre Arme gerne gekühlt und die Reste des Kleides abgewaschen. Die Haut an ihren Flecken reagierte sehr empfindlich auf jede Art von Kontakt mit Pulver oder Creme. Deswegen konnte man die Flecken auch nicht färben, sodass man sie nicht mehr sah. Das hatten ihre Eltern mehrfach versucht, jedes Mal hatte sich die Haut an den Unterarmen innerhalb weniger Stunden so stark entzündet, dass der Arzt des Dorfes ihnen dringend davon abriet, es je wieder zu versuchen, wenn sie nicht beide Arme verlieren wollte.

Plötzlich hörte sie ein Rascheln. Sie drehte sich um und sah Lisa auf sich zukommen.

Dieses Mal hatte sie keine Chance. Die anderen beiden waren bereits heran und hielten ihre Arme wie besonders widerliche Insekten gestreckt und drückten sie mit dem Rücken an den Baum. Lisa legte ihr einen Strick um die Handgelenke und zog diesen so fest an, dass Nia das gefühlt hatte, ihre Arme müssten abreißen.

Der Junge sah so aus, als wolle er sie schlagen, doch er traute sich sichtbar nicht. Sogar Lisa schien etwas verunsichert und dachte nicht daran, in ihrer Rocktasche nach den Einkäufen zu suchen.

Stattdessen spuckte sie ihr ins Gesicht.

Nia spürte, wie der klebrige Speichel an ihrem Gesicht hinunterlief und hoffte, dass ihr nichts davon in den Mund laufen würde.

Plötzlich spürte sie einen scharfen Schmerz am Bauch.

Der Junge hatte sie mit einem Stein beworfen.

Lisa lachte. »Viel Spaß mit den Wölfen du Missgeburt!«

Dann drehten die drei sich um und gingen davon.

Nia blieb allein im Wald zurück.

Nia musste trotz ihrer Angst tatsächlich eingedöst sein. Als sie wieder wach wurde, war es bereits dunkel. Durch die Äste der Bäume konnte sie die Sterne schimmern sehen.

Sie zog an den Stricken, doch Lisa hatte sie so fest angezogen, dass sie sich kaum bewegen konnte. Ihre Arme fühlten sich kalt und taub an. Nicht einmal das Kribbeln konnte sie spüren.

Vielleicht hätte sie sich sonst damit befreien können.

Warum hassen sie mich so?, fragte sie sich. Was ist so schlimm an mir?

Sie beobachtete, wie der fast volle Mond am Himmel emporstieg. Wenigstens hätte sie ein wenig Licht. Überall im Unterholz raschelte es jetzt. Sie entdeckte Mäuse, einen Igel und sogar ein Reh. Gab es hier wirklich Wölfe, wie Lisa gesagt hatte? Im Winter kamen die Wölfe manchmal bis an das Dorf heran, um Vieh zu stehlen. Doch zu einer anderen Jahreszeit hatte sie noch nie davon gehört.

Suchte jemand nach ihr? Ihre Eltern müssten sie längst vermissen. Würde ihre Mutter böse sein, weil sie die Nähnadel nicht rechtzeitig heimgebracht hatte?

Sie ließ den Kopf hängen und versuchte, das Kribbeln wiederzufinden. Wenn es ihr Kleid verbrannt hatte, dann müsste es doch auch mit den Stricken gehen?

Doch so sehr sie sich auch anstrengte, das Einzige, was sie spürte, waren ihre tauben, kalten Arme.

Was würde mit ihr geschehen, wenn sie niemand fand? Würde Lisa sie morgen befreien? Hatte sie ihr nur Angst machen wollen?

Würde sie hier sterben, wenn niemand kam?

Plötzlich sah sie ein Licht durch die Bäume schimmern. Weit weg zwar, aber eindeutig ein flackerndes Licht.

Eine Fackel. Nia wollte rufen, schreien, doch ihre Kehle war ausgetrocknet und sie krächzte mehr, als zu rufen. Dennoch versuchte sie es weiter.

Der Fackelschein schien sich zu entfernen. Sie bekam Angst und strengte sich noch mehr an.

»Hilfe! Hier bin ich!«

Plötzlich hielt der Schein an, als würde jemand lauschen. Nia rief wieder, auch wenn jeder Ton in ihre Kehle stach wie die Nähnadel, die sie noch immer in der Rocktasche trug.

Mit einem Mal hörte sie jemanden antworten. »Nia? Bist du das?«

Ihr liefen die Tränen über die Wangen. »Ja. Ich bin hier!«

Wenige Augenblicke später stand Milesch vor ihr. »Nia! Ich wusste schon nicht mehr, wo ich noch suchen sollte.«

Sie bekam vor Schluchzen kein Wort mehr heraus. Hemmungslos weinte sie. Ihr Bruder hatte sie gefunden.

Milesch zog ein schmales Messer aus seinem Gürtel und zerschnitt den Strick. Kaum war das, was sie am Baum hielt, herabgefallen, sackte sie auf dem Boden zusammen. Milesch ließ ein Bündel von seinem Rücken gleiten und zog eine dünne Decke und einen Krug Wasser hervor. Er hüllte seine Schwester ein und träufelte ihr vorsichtig ein wenig Wasser in den Mund. Er umarmte sie und streichelte ihr über das Haar.

»Wer hat dir das nur angetan?«

Sie sprach nicht, weinte nur leise. Sie hatte das Gefühl, nie wieder sprechen oder gehen zu können.

Milesch hielt sie fest, lange, bis sie die ersten Strahlen des Sonnenaufgangs sehen konnten. Sanft weckte er Nia, die eingeschlafen war.

»Du musst jetzt aufstehen. Ich kann dich nicht nach Hause tragen.«

Sie nickte und rappelte sich langsam hoch. Milesch stützte sie und gemeinsam traten sie den Heimweg an.

Inzwischen spürte sie ihre Arme auch wieder. Sie schmerzten fürchterlich. Ihr Bruder hatte das verbrannte Kleid gesehen, aber keine Fragen gestellt. Dafür war sie ihm dankbar. Die Geschwister wählten einen Weg, der sie um das Dorf herum zum Haus ihrer Eltern führte, um nicht von Dorfbewohnern gesehen zu werden.

Der Anblick des Hauses ihrer Eltern schien Nia wie das Schönste, was sie je gesehen hatte. Erneut liefen ihr die Tränen über das Gesicht und sie rief nach ihrer Mutter.

Diese kam aus dem Haus, als sie die Stimme hörte.

»Milesch! Meine Güte, wo bist du gewesen?« Sie rief nach ihrem Mann. »Es ist Milesch! Er ist zurück.«

Ihr Vater trat aus der Werkstatt vor das Haus. In seinem Gesicht war eine Mischung aus Erleichterung, Erstaunen und versteckter Wut zu lesen. Nia wurde heiß. Sie wusste, wenn ihr Vater sie beide so ansah, dann waren sie in Schwierigkeiten.

»So, du hast sie also gefunden?«, brummte der Vater. Milesch nickte.

»Dafür hast du deine Arbeit seit gestern Nachmittag versäumt. Ab in die Werkstatt mit dir!«

Nia drückte die Hand ihres Bruders. »Danke«, flüsterte sie. 

Ihre Mutter zog sie am Arm. »Ab ins Haus mit dir! Was hast du gemacht du dummes Ding? Du kennst doch den Weg.«

Nia war nicht in der Lage zu antworten. Im Inneren der Werkstatt hörte sie ihren Vater brüllen, immer wieder unterbrochen von hartem Klatschen.

 

Er schlug Milesch. Er schlug ihn, weil er sie gerettet hatte.

Ihre Mutter schob sie grob ins Haus. »Mach dich sauber. Dann fang mit deiner Arbeit an.«

Sie warf einen Blick auf das ruinierte Kleid. Ihre Lippen wurden zu einem schmalen Strich. Ihr Blick wanderte zu der Haselrute an der Wand.

»Das mit dem Kleid klärt dein Vater, wenn er aus der Werkstatt kommt.«

Nia nickte nur. Trotz ihrer wütenden Eltern, der vielen Strafarbeiten und der Schläge, die vor ihr lagen, war sie froh, nicht mehr an den Baum gefesselt zu sein.

Nias achter Geburtstag fiel in einen warmen, sonnigen Frühling. Die Iris hatte in diesem Jahr die Wiesen ungewöhnlich kurze Zeit überschwemmt, weswegen das Vieh schon auf den Weiden war. Vor wenigen Wochen war Milesch elf Jahre alt geworden. Noch immer haderte er mit der Arbeit als Schreiner, doch war er ein geschickter Jäger und Fallensteller, was der Familie im letzten Winter geholfen hatte, zu überleben, nachdem zwei der drei Ziegen erkrankt waren.

Wie gerne hätte Nia den Geburtstag mit Freunden gefeiert. Doch nach der Nacht im Wald hatte sie sich nicht mehr unter andere Kinder getraut. Sie mied das Dorf, ging nur, wenn ihre Mutter ihr etwas auftrug, und nahm dann große Umwege, um möglichst niemandem zu begegnen.

Ihre Eltern sprachen die Nacht im Wald nie wieder an. Abgesehen von dem Tag, als sie mit Milesch zurückkehrte, kommentierten sie das Thema nicht. Das Einzige, was sich änderte, war, dass sie nun ständig von Nia verlangten, lange Ärmel zu tragen. War das nicht möglich, wickelte sich Nia selbst freiwillig Stoffstreifen um die Arme, um nicht als anders erkannt zu werden.

Das Kribbeln in den Armen kehrte immer wieder, besonders, wenn sie aufgeregt oder wütend war. Zweimal noch gab es diesen stechenden Schmerz, doch nie wieder verbrannte ihr Kleid.

Milesch sprach nicht mit ihr über die Nacht am Baum und was danach in der Werkstatt geschehen war. Lediglich, wer ihr das angetan hatte, wollte er von ihr wissen.

Er fragte sie nie nach dem verbrannten Kleid.

Für Nia war ihr Geburtstag ohne Freunde ein Tag wie beinahe jeder andere auch, nur war sie für heute von ihrer Hausarbeit befreit. Sie spielte hinter dem Haus in einem Baum. Dort stellte sie sich vor, dass sie eine Elfe wäre, die ohne Flügel geboren wurde und nun kamen die anderen Elfen, um sie mitzunehmen, in ihr Reich.

Am Nachmittag rief Milesch ihr zu, sie solle herunterkommen und sich Schuhe anziehen, er hätte eine Überraschung für sie.

Sie kletterte rasch hinunter und sprang vom letzten Ast auf den Boden. Ihr Bruder strahlte. »Jetzt feiern wir deinen Geburtstag.«

Er zog sie mit sich in den Wald. Sie spürte das Gefühl von wilder Freiheit, als sie von Sonnenfleck zu Sonnenfleck sprang, über Äste, Steine und kleine Rinnsale hinweg. Trotz der Nacht am Baum hatte sie keine Angst vor dem Wald. Es war, als wäre der Wald der Ort, an dem sie sie selbst sein konnte, kein Baum, kein Reh oder Igel würde sich an ihren Flecken stören.

Menschen waren es, die Gefahr brachten.

Der Wald spendete ihr Schutz und Trost.

Die Sonne stand schon beinahe im Westen, als Milesch anhielt und lächelte. »Wir sind da«, flüsterte er.

Zunächst sah sie nichts als einer beinahe geschlossenen Hecke aus Himbeer- und Brombeersträuchern. Doch dann zog ihr Bruder einige Äste zur Seite und dahinter befand sich ein natürlicher Tunnel, dessen Wände von den umgebenden Sträuchern gebildet wurde.

»Pass auf mit den Dornen«, mahnte ihr Bruder und ging voran.

Auf der anderen Seite half er ihr hinaus.

Es war, als beträte sie das Elfenreich, das sie sich immer vorgestellt hatte.

Vor ihr öffnete sich ein weites Tal, umsäumt von uralten Bäumen, in das sich mit ohrenbetäubendem Getose ein Wasserfall die Bahn brach.

»Ich habe es vor einigen Jahren entdeckt«, hörte sie Milesch sagen. »Seitdem ist das mein Lieblingsort. Ich komme immer her, wenn Vater«, er brach kurz ab und sprach dann weiter, »eigentlich möchte ich Jäger werden. Immer im Wald sein. Darin bin ich gut. Aber Vater will einen Schreiner aus mir machen. Ich bin eine große Enttäuschung für ihn.«

Sie nahm seine Hand und drückte sie. »Er hat unrecht.«

Milesch lächelte gequält. »Eines Tages werde ich weglaufen und alleine im Wald überleben. Ich weiß, dass ich das kann.«

 

Er drehte sich zu ihr. »Ich bleibe hier, bis du für dich selbst sorgen kannst. Bis dahin werde ich dich beschützen.«

Sie gingen so nahe an den Fluss heran, dass Nia Gischt und Wasser ins Gesicht spritzten. Sie jubelte und fiel ihrem Bruder um den Hals. »Danke! Das ist mein schönstes Geburtstagsgeschenk.«

Sie zog ihr Kleid über den Kopf und watete in das kühle Wasser. Die Steine unter ihren nackten Füßen waren glitschig und sie rutschte aus. Sie stützte sich mit den Armen ab und ihre Flecken waren unter Wasser.

Da spürte sie das Kribbeln. Anders, stärker als zuvor. Ohne stechenden Schmerz, einfach, als gehöre es zu ihr. Sie blieb so stehen, vornübergebeugt, die Arme ins Wasser getaucht.

»Ist alles in Ordnung?«, Milesch kam herangelaufen.

Sie nickte. »Es, es ist so anders. Anders als bisher.«

Er berührte sie sanft an der Schulter und sie stellte sich wieder aufrecht hin. Sie betrachtete ihre Flecken. Die blauen Äderchen bildeten jetzt ein regelmäßiges, feines Streifenmuster und sie leuchteten in irisierendem blau.

Milesch starrte darauf. »Was ist das?«, flüsterte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. So war es noch nie.«

Er machte Anstalten, ihren Arm zu berühren, doch sie schrak zurück. »Nein. Ich – nein. Ich will dir nicht wehtun.«

Er sah sie einige Herzschläge lang nachdenklich an. Dann stahl sich eine Erkenntnis in sein Gesicht. »Das ist damals passiert? Mit Lisa im Wald?«

 

Sie nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. »Es war nicht Lisa. Es war der Junge. Ich habe ihm wehgetan. Es war wie ein schlimmes Stechen. Dabei ist mein Kleid verbrannt.«

Sie sah zu ihm hin und plötzlich packte sie die Angst, dass er sie ablehnen könnte, wie alle anderen. Dass seine Schwester für ihn eine Missgeburt war.

Doch Milesch blieb stehen. »Du würdest mir nie wehtun. Ich glaube, du hast dem Jungen damals wehgetan, weil er dir wehgetan hat.«

»Vielleicht«, flüsterte sie und senkte den Blick. Mit einem Schritt war er bei ihr und nahm ihre Hände. »Ich glaube, du hast eine ganz besondere Gabe. Ich verstehe nur noch nicht, wie sie funktioniert.«

In ihren Augen brannten Tränen der Dankbarkeit, als sie ihrem Bruder um den Hals fiel.

»Danke«, sagte sie.

Er hielt sie lange fest. Erst, als die Sonne schon tief stand, machten sie sich auf den Heimweg. Beide spürten, dass sie heute ihre größten Geheimnisse miteinander geteilt hatten.

2

Mit neun Jahren gaben Nias Eltern dem Drängen des Dorfrates nach und schickten sie zur Schule. Sie brauchten ihre Kinder zum Arbeiten daheim und hatten auch Milesch nur für zwei Jahre in die Schule geschickt, damit er lesen und rechnen lernte. Mit Nia wollten sie es ebenfalls so halten.

Für Nia bedeutete das, dass sie zukünftig alle ihre Hausarbeit zusätzlich zum Unterricht und der Arbeit für die Schule erledigen musste und außerdem musste sie in die Dorfschule gehen.

Sie würde an sechs Tagen in der Woche mehrere Stunden mit den Dorfkindern verbringen, die keine Gelegenheit ausließen, sie zu beschimpfen und zu demütigen.

Auch wenn sie, nach dem Vorfall im Wald, nie wieder jemand angerührt hatte. Sie fragte sich oft, ob es daran lag, dass sie den Jungen verletzt oder dass Lisa wenige Wochen später nackt an einem Anbindepfahl für Vieh gefesselt aufgefunden wurde mit der Aufschrift »Hure« auf ihrer Stirn.

Sie hatten nie darüber gesprochen, aber Nia vermutete bis heute ihren Bruder, der sie hatte rächen wollen.

An ihrem ersten Schultag setzte sich Milesch durch und begleitete sie bis zu ihrer Klasse. Es waren Kinder unterschiedlichen Alters dort, doch Nia gehörte zu den Ältesten. Die Lehrerin begrüßte sie mit einem Lächeln und bedeutete Milesch mit einem Nicken, dass er jetzt gehen könnte.

Sie wies Nia einen Platz zu und gab ihr eine Tafel und ein Stück Kreide in die Hand. Dann malte sie drei Buchstaben darauf.

»Das bedeutet Nia,« erklärte sie. »So schreibt man deinen Namen. Schreib ihn immer wieder, bis du es sicher kannst. Das ist deine Aufgabe für heute.«

Nia nahm die Tafel entgegen und setzte sich unter den neugierigen Blicken aller Schüler. Natürlich hatte jeder in der Klasse bereits von ihr gehört. Es gab mehr Gerüchte über sie als über die angebliche Affäre des Ratsobersten mit der Frau des Schmieds. Sie beschloss, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren und die Blicke so gut es ging zu ignorieren.

Es faszinierte sie, dass sie mit wenigen Schwüngen ihren Namen schreiben konnte. Nur einige striche und schon ergab es einen viel größeren Sinn.

Die Lehrerin unterrichtete die anderen Kinder in einfachen Sätzen, die sie lesen sollten. Nia sah immer wieder auf. Manchmal erkannte sie einen der drei Buchstaben aus ihrem Namen an der Tafel in einem anderen Wort wieder.

Die Lehrerin bemerkte ihre Blicke. »Bist du schon fertig?«

Nia nickte.

»Sehr gut.« Die Lehrerin kontrollierte ihre Aufgabe, wischte dann die Tafel aus und sah sie an. »Welches Wort möchtest du als Nächstes schreiben?«

Sie musste nicht überlegen. »Milesch. Das ist mein Bruder.«

Einige in der Klasse begannen zu kichern. Nia spürte das Kribbeln in ihren Unterarmen und begann zu schreiben, um sich davon abzulenken. Um sich herum hörte sie weiterhin das Tuscheln.

»Milesch ist doch der Sohn vom Schreiner.«

»Ja, der kann gar nichts. Deswegen ist er dann auch von der Schule geflogen.«

Nia ballte die Fäuste. Ihre Eltern hatten Milesch gezwungen, die Schule aufzugeben, damit er in der Werkstatt helfen konnte. Das Kribbeln steigerte sich. Sie spürte erste kleine Stiche.

Atmen, dachte sie, ganz ruhig atmen. Das Kribbeln ließ etwas nach.

»Ob seine Schwester genauso dumm ist?«

»Ne, die ist richtig gefährlich.«

»Ich habe gehört, dass ihre eigenen Eltern sie am liebsten im Wald aussetzen würden.«

Nia verlor die Kontrolle. Sie spürte es, doch sie konnte es nicht mehr verhindern. Das Stechen wurde zu einem anhaltenden Schmerz und plötzlich brannte eine strahlend blaue Flamme ein Loch in ihren Tisch. Es roch verbrannt, Asche wirbelte durch die Luft. Die Kinder in der Klasse schrien auf. Die Lehrerin starrte auf das Loch im Tisch, als müsse sie sich erst klarmachen, dass es wirklich da war.

»Wir machen eine Pause«, sagte sie schließlich. »Nia, du bleibst bitte hier.«

Die Kinder schoben sich halb erschrocken, halb schadenfroh an Nia vorbei nach draußen.

»Wie hast du das gemacht?«, fragte die Lehrerin.

Nia wagte nicht, sie anzusehen. »Ich weiß es nicht, wirklich.«

»Ist dir das schon mal passiert?«

Sie nickte.

»In Ordnung. Ich denke, dass der Unterricht für dich für heute beendet ist. Schreibe den Namen deines Bruders zu Hause zu Ende. Wir versuchen es morgen noch einmal. Ich möchte heute Nachmittag außerdem mit deinen Eltern sprechen.«

Nia wurde heiß. Ihre Flecken begannen erneut zu kribbeln und dieses Mal auch leicht blau zu leuchten. Da sie ihre Ärmel verbrannt hatte, konnte die Lehrerin es sehen.

»Hast du Angst?«, fragte sie.

Nia nickte.

»Passiert es, wenn du Angst hast?«

»Ja. Und wenn ich wütend bin.«

»Jetzt hast du Angst davor, dass ich mit deinen Eltern spreche?«

Nia nickte.

Plötzlich spürte sie die Hand der Lehrerin auf ihrer Schulter und sah zu ihr auf. »Ich denke, du warst heute sehr aufgeregt, weil es dein erster Tag war. Wir probieren es noch einige Tage und wenn es nicht noch einmal vorkommt, dann gäbe es keinen Grund, mit deinen Eltern zu sprechen.«

Nia atmete auf. »Danke«, flüsterte sie.

 

Abends lag Nia neben Milesch auf dem Heuboden und schrieb seinen Namen. Immer und immer wieder, bis die kleine Tafel ganz voll war.

In ihrem ersten Winter in der Schule konnte Nia bereits erste einfache Geschichten lesen. Auch, wenn die Schule, die Hausaufgaben und ihre tägliche Arbeit bei den Eltern ihr kaum Zeit zum Lesen ließen, nutzte sie jede freie Minute, um Geschichten aus der Schulbibliothek zu lesen.

Ihre Lehrerin zeigte ihr einige Atemtechniken, die ihr halfen, das Kribbeln unter Kontrolle zu halten. Zum Frühlingsfest hin glaubte sie, dass es endlich vorbei war und in ihr keimte die Hoffnung, dass sie ein ganz normales Mädchen werden könnte.

 

Die Lehrerin schlug ihr kurz nach ihrem zehnten Geburtstag vor, ihr nach dem Unterricht noch Extrastunden zu geben.

Du könntest so schneller lernen und im Herbst, in deinem zweiten Jahr hier, in die mittlere Klasse aufsteigen.« Sie schwieg einen Augenblick, bevor sie weitersprach. »Ich werde deinen Eltern sagen, dass du zusätzlichen Unterricht benötigst. Sonst lassen sie dich vermutlich nicht teilnehmen. Bei deinem Bruder war es ähnlich. Er hat ein sehr gutes räumliches Sehvermögen und viel Ahnung von Geometrie, doch deine Eltern haben ihn trotzdem nach dem zweiten Jahr von der Schule genommen.« Sie legte Nia die Hand auf die Schulter. »Ich werde nicht verhindern können, dass dir das Gleiche geschieht, doch ich möchte dir bis dahin so viel wie möglich beibringen.«

Nia nickte und eine Welle der Dankbarkeit überflutete sie, begleitet von einem aufgeregten Kribbeln. Doch darin lag nichts Bedrohliches. Nicht dieses Mal.

 

Der zusätzliche Unterricht machte Nia Spaß. Auch, wenn sie sich dadurch noch mehr bei ihren täglichen Pflichten im Haus beeilen musste. Sie spürte jeden Tag mehr, wie sich ihr durch die Schule eine neue Welt öffnete. Ihre Lehrerin brachte ihr das Lesen von Karten bei und gab ihr kleine Aufgaben, etwas anhand einer gezeichneten Karte zu finden. Sie zeigte ihr, wie der Krämer rechnete und die Preise seiner Waren festlegte, sodass für ihn und seine Familie genug übrigblieb.

Im Sommer blieb die Schule geschlossen, doch Nias Lehrerin unterrichtete sie dennoch an vier Tagen in der Woche. Sie brachte ihr bei, nach einer Zeichnung auszurechnen, wie viel Stoff man für einen Rock benötigte. Dann zeigte sie ihr, wie man ein Rezept aufschrieb, sodass man nicht jedes Mal neu überlegen musste.

 

An einem Tag im Sommer war es so heiß, dass ihre Lehrerin sie mit hinunter zur Iris nahm. Sie setzten sich unter einen Baum in das kühle Moos und schwiegen eine Weile. Schließlich fragte die Lehrerin: »Kannst du eigentlich schwimmen, Nia?«

Nia schüttelte den Kopf.

Sie nahm das Mädchen bei der Hand. »Komm, ich zeige es dir.«

Am Wasser angekommen betrat Nia zögernd mit nackten Füßen das Wasser. Es fühlte sich überraschend warm und weich an den Füßen an.

»Zieh dein Kleid aus, du kannst im Unterkleid schwimmen«, sagte die Lehrerin.

Nia schüttelte den Kopf und wich vor ihr zurück. »Nein, das darf ich nicht. Ich muss das Kleid immer anbehalten.«

»Ist es wegen deiner Arme?«, fragte die Lehrerin.

Nia senkte den Blick und erwiderte nichts.

»Es ist in Ordnung, Nia. Ich werde dich nicht verraten. Und im Grunde weiß fast jeder aus dem Dorf von den Flecken, auch wenn sie bisher kaum jemand zu Gesicht bekommen hat.«

Ihr wurde heiß und sie spürte das Kribbeln. »Ich möchte das wirklich nicht.

Die Lehrerin schien ihre Abwehr zu spüren und ging einen Schritt zurück. »In Ordnung. Dann setzen wir uns einfach hierher ins Gras und ich zeige dir etwas Neues.«

 

Nia zögerte und ließ sich dann mit einigem Abstand auf dem Boden nieder. Sie sah zu, wie ihre Lehrerin Dreiecke und Quadrate in den Staub zeichnete. „Ich zeige dir, wie du berechnen kannst, wie viele Holzbretter du für einen Stall brauchst oder wie viele Zaunpfähle für eine Weide.“

Nia rutschte näher. Das war etwas, was sie sich schon öfter gefragt hatte. Ihr Vater hatte es ihr nicht erklären wollen.

Das Kribbeln in ihren Armen ließ nach. Sie konzentrierte sich auf die Aufgaben. Sie rechneten beinahe eine Stunde lang konzentriert, bis sie begriffen hatte, wie sie es machen musste.

»Sehr gut. Ich denke, jetzt haben wir beide uns eine Pause verdient.« Die Lehrerin erhob sich und griff nach Nias Hand.

Plötzlich durchzuckte Nias Unterarme ein heißer Blitz und die Lehrerin sprang mit einem Schrei zurück. Sie hielt ihre Hand, rannte zum Wasser und kühlte sie dort.

Nia blieb wie mit dem Boden verwachsen stehen und starrte ihr nach.

Was hatte sie getan? Sie hatte sie verletzt. Sie hatte ihr wehgetan. Ihre Gedanken rasten wie eine durchgehende Rinderherde, während ihr Körper nicht in der Lage war, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Ihr Atem ging flach.

Sie nahm nicht wahr, dass ihre Lehrerin vom Wasser zurück wieder auf sie zukam, obwohl sie sie direkt anstarrte.

»Nia? Nia, hörst du mich?«, fragte sie und streckte die unverletzte Hand aus, zog sie jedoch im letzten Augenblick zurück. »Ist das schon einmal passiert?«

Nia hörte die Worte, verstand aber ihre Bedeutung nicht. Ihre Arme kribbelten wie verrückt. Beinahe meinte sie, ein Knistern zu hören. Sie begann zu zittern. Die Lehrerin durfte nicht näherkommen. Sie spürte die Energie in sich wie einen Gewittersturm aufziehen.

»Nia? Konzentriere dich auf meine Stimme. Atme ganz ruhig. Es ist in Ordnung, Nia. Du hast Angst. Das musst du nicht. Du hast es nicht mit Absicht getan.«

Die Lehrerin näherte sich. Die Luft begann zu knistern. Nia atmete so hektisch, dass es beinahe wie das Hecheln eines Hundes klang. Komm nicht näher!, flehte sie innerlich. Ich kann es nicht kontrollieren.

»Nia, du musst dich auf meine Stimme konzentrieren. Einatmen, Ausatmen.«

Die Lehrerin kam nicht näher, doch dann sagte sie etwas, dass tatsächlich zu Nia durchdrang. »Ich werde mit deinen Eltern sprechen, damit wir dir gemeinsam helfen können.«

»Nein!«, brach es aus Nia heraus. Ihr Schrei drang durch das gesamte Flusstal, fast schien es, als würden sich die Grashalme unter der Gewalt ihrer Stimme biegen.

In diesem Augenblick spürte Nia, dass sie das Kribbeln nicht mehr kontrollieren konnte. Sie sah den besorgten Blick ihrer Lehrerin vor sich. Sie würde mit ihren Eltern reden. Sie würden sie aus der Schule nehmen. Sie würde im Haus eingesperrt werden. Alle im Dorf würden sie hassen. Lisa würde sie wieder an einen Baum fesseln und alleine im Wald lassen.

Das Zittern wurde zu einem unkontrollierbaren Zucken. Die aufgestaute Energie in ihr bahnte sich ihren Weg.

Nia gab auf und ließ sie frei.

 

Eine Hitzewelle ging wie ein heftiger Stoß durch sie hindurch. Gleichzeitig spürte sie die Erleichterung, sich nicht mehr beherrschen zu müssen. Für einen Moment war es wie ein Rausch, ein unbändiges Gefühl von Freiheit.

Bis sie die Schreie ihrer Lehrerin hörte.

Nias Blick klärte sich. Vor ihr auf dem Boden lag die zusammengekrümmte Gestalt ihrer Lehrerin, die qualvolle Schreie von sich gab. Sie

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Tanja Daniel
Cover: Melody Pont
Tag der Veröffentlichung: 10.10.2019
ISBN: 978-3-7487-1755-3

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