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Begegnung

Ruben zog sich erleichtert das dünne Tuch vom Mund, als er in den Windschatten der Häuser von Victoria trat. So sehr er auch seine marsianische Heimat vermisst hatte, ein großer Vorteil der Erde war es, man konnte sich dort ohne Mundschutz gegen den ständig umherfliegenden Sand im Freien aufhalten.

Dass man stattdessen in den meisten Großstädten Atemmasken gegen Feinstaub und Luftverschmutzung tragen musste, stand auf einem anderen Blatt.

Das Red Sand war eine Bar, die in etwa so wirkte wie einem Bild über den Wilden Westen der USA im 19. Jahrhundert entsprungen. Es hätte nur noch gefehlt, dass vor der Bar im staubigen Sand einige Pferde vor einem Wassertrog angebunden wären.

Ruben musste zugeben, die sich dort tummelnden Kamele erfüllten nicht ganz den Charme eines treuen Cowboypferds, aber auch dieser Umstand war dem sandigen und trockenen Klima des Mars geschuldet. Man hatte es mit Pferden versucht, viele Jahrzehnte lang. Doch sie kamen mit der trockenen Luft auf dem Mars nicht zurecht. Inzwischen waren Pferde ein ebenso großer Luxus wie ein fahrbarer Untersatz in den Außenbezirken – es gab sie nur noch in den Habitaten. Das waren speziell gebaute Kuppeln, in ihrem Inneren lag jeweils eine autarke Umgebung, in der sich das Klima steuern ließ. Im Wesentlichen wurden sie zum Anbau von Nahrungsmitteln und zur Zucht von Nutztieren verwendet. Hier, direkt auf der Oberfläche, im Freien, war ein Überleben für Pferde, aber auch für Kühe oder Schafe, unmöglich. Sie bekamen nach kürzester Zeit Atemprobleme. Da waren die Kamele, die ihre Nüstern gegen den Sand verschließen konnten, bei Weitem im Vorteil.

Ruben bemerkte, dass die Beschreibung seines Informanten wirklich gut gewesen war. Das Red Sand lag zwischen einer Art Tante-Emma-Laden und einem Versammlungshaus für die Bürger des Dorfes. Allerdings wusste er aus seinen Recherchen, dass die meisten Menschen hier nur auf der Durchreise vorbeikamen. Victoria war zu den frühen Zeiten der Marsbesiedelung ein wichtiger Außenposten gewesen. Er lag mittig zwischen den drei wichtigsten Städten und bot so Geschäftspartnern die Möglichkeit, auch auf halber Strecke planetenumspannende Verträge abzuschließen.

Es handelte sich um ein zweigeschossiges Haus in Holzoptik mit einer breiten Veranda davor, auf der sich einige Schaukelstühle um zwei runde Tische scharten.

Die Front ahmte eine vollständige Glasfassade, eingerahmt von Holzbalken, nach. Der untere Teil war opak, der obere Teil vermutlich einmal durchsichtig gewesen, doch inzwischen fast vollständig benetzt vom allgegenwärtigen roten Sand.

Ruben fragte sich, ob es absichtlich so gelassen wurde, weil der Sand der Bar seinen Namen gab oder ob der Besitzer einfach zu faul zum Fensterputzen war.

Er schüttelte, so gut es ging, den Sand aus seinen Hosen und dem Mantel, dann betrat er durch die doppelflügelige Schwingtür den Schankraum.

Innen war es überraschend hell, alles war in die rötliche Helligkeit des Mars getaucht. Ruben war erst seit einigen Stunden von der Erde zurück und hatte sich noch nicht wieder an das Licht des Mars gewöhnt.

Der Schankraum bildete ein Rechteck. Direkt geradeaus erstreckte sich der lang gezogene Tresen mit etwa einem Dutzend Barhockern. Rechts und links standen mehrere runde Tische mit einfachen Stühlen. Links und rechts neben dem Tresen, im hinteren Bereich des Schankraums befanden sich einige Separees, teilweise waren die Vorhänge vorgezogen. Dort trafen sich diejenigen, deren Gespräche nicht für alle Ohren bestimmt waren.

Auf eins der Separees steuerte Ruben jetzt zu, als er sah, wie eine Bedienung durch den Vorhang hinter dem Tresen mit einem Tablett frischer Gläser in die Bar trat. Sie bedachte ihn mit einem knappen Kopfnicken und begann, die Gläser in das Regal an der Wand einzuräumen.

Ruben starrte sie an. Das Erste, was ihm auffiel, war ihre Größe. Er selbst war eher im unteren Durchschnitt, was seine Körpergröße anging, doch diese Frau war vermutlich eine der größten, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Unterstrichen wurde das durch ihre schlanke, fast schon dünne Gestalt. Sie trug ein lose sitzendes, schlichtes schwarzes Oberteil und einen langen, schwarzen Wickelrock. Beim Betreten des Schankraums hatte er bemerkt, dass ihre Füße in schwarzen Stiefeln steckten. Ihre Haare hatte sie hochgesteckt, einige Strähnen hatten sich aber bereits gelöst und fielen glatt und glänzend über ihre Schulter, kaum in ihrer Farbe von der ihrer Kleidung zu unterscheiden.

Sie hatte eine etwas alberne rotbraune Kellnerschürze umgebunden, auf der vorne eine stilisierte Abbildung des Red Sand abgedruckt war, wie er in dem Augenblick sah, als sie sich zu ihm umdrehte.

»Ja bitte?«, fragte sie nicht gerade sehr zuvorkommend.

Ihr Gesicht war fein geschnitten, hohe Wangenknochen, eine fast unnatürlich blasse Gesichtsfarbe. Das Auffälligste aber waren ihre Augen: Sie waren schwarz. Vollständig schwarz. Nicht nur die Pupille, sondern die gesamte Iris.

Das gab ihrem ansonsten eher reservierten Auftreten etwas Weiches.

»Kann ich Ihnen helfen?«, erkundigte sie sich erneut.

Ruben bemerkte, dass ihre Hände in dünnen, weißen Stoffhandschuhen steckten. Er konnte seinen Blick nicht davon lösen.

Sie verdrehte die Augen. »Sag Bescheid, wenn du dich entschieden hast mit mir zu reden, statt mich anzustarren«, fauchte sie ihn an.

»Nika!« Ein groß gewachsener kräftiger Mann betrat durch denselben Vorhang wie die Frau zuvor, den Schankraum. Ruben wusste sofort, dass dieser der Besitzer sein musste: Er wirkte wie jemand, der sein ganzes Leben hier draußen auf dem Außenposten verbracht hatte und wusste, wie man mit seiner Hände Arbeit überlebte. Er trug Jeans, ein kariertes Hemd, ebenfalls eine Red Sand-Schürze und strich sich gerade über das zurückweichende sandbraune Haar.

»Willkommen im Red Sand. Was kann ich für Sie tun?«

Die Frau, die er mit Nika angesprochen hatte, schnaubte unwillig, schwieg aber.

Ruben fand endlich seine Sprache wieder, als er es schaffte, den Blick von Nika zu lösen.

»Ich – ähm, Ruben, ich bin hier verabredet mit Gustav Greif.« Er vermutete stark, dass das nicht der richtige Name seines Informanten war, aber einen anderen kannte er nicht.

Der Wirt nickte. »Ja natürlich. Wenn ich mich vorstellen darf? Ich bin Derek Brans, der Besitzer des Red Sand in dritter Generation.« Ruben hörte den Stolz in seiner Stimme. »Folgen Sie mir, Herr Kinoa, ich bringe Sie zu Ihrem Separee.«

Mit einem letzten Blick auf Nika, die den Kopf nicht hob, folgte er Derek Brans. Dieser führte ihn zum vorletzten Separee auf der linken Seite des Schankraums. Die beiden daneben liegenden Separees waren leer. Derek Brans räusperte sich.

»Hier ist ihr Besuch.«

Dann bedeutete er Ruben, das Separee zu betreten, und verabschiedete sich mit einem Nicken.

»Für eine Bestellung bitte einfach klingeln.«

Ruben sah ihm kurz nach, dann wandte er sich seinem Informanten zu, der bereits mit einem Glas Bier in der Hand auf ihn wartete.

»Willkommen. Schön, dass Sie es gefunden haben«, begrüßte ihn Gustav Greif.

Ruben nickt ihm zu und nahm auf der rot gepolsterten Bank Platz. Der Tisch zwischen ihnen war mit einer roten Tischdecke, einem Salz- und Pfefferstreuer, Milchpulver, Zucker, Süßstoff, Papier, Bleistiften und Spielkarten sowie Würfeln ausgestattet. Ruben fragte sich flüchtig, wo man hier noch einen Teller mit Essen hinstellen sollte.

Die Lampe, die den Tisch beleuchtete, war ein Modell des Erdballs und warf einen bläulichen Schimmer auf die Szenerie.

»Wollen Sie auch etwas essen? Ich kann die Küche hier sehr empfehlen.« Gustav reichte ihm die Karte über den Tisch.

Tatsächlich hatte er großen Appetit. Seine letzte Mahlzeit hatte er am Morgen auf der Raumstation vor dem Abflug zur Marsoberfläche eingenommen und jetzt war es bereits früher Nachmittag. Er überflog die Karte und entschied sich für das Tagesmenü: Hühnchen mit Kartoffeln und Bohnen. Alles drei Dinge, die in den Habitaten des Mars gut gediehen, inzwischen gab es sogar Gemüse- und Obstsorten, die unter freiem Himmel angebaut wurden. Diese Art von Anbau gelang nur durch eine sehr gezielte und effiziente Bewässerung.

Gustav läutete und wenige Augenblicke später erschien Nika, um ihre Bestellungen entgegenzunehmen.

Ruben wagte, kaum zu atmen, als sie das Separee betrat. Sie strahlte eine Präsenz aus, die so intensiv über ihren Körper hinaus wirkte, dass er sich unwillkürlich ein Stück zurücklehnte, als er ihr seine Bestellung mitteilte. Sie notierte das Tagesgericht, ohne ihn länger als unbedingt notwendig anzusehen. »Getränk dazu?«, fragte sie. Er nickte. »Bitte noch ein Marsbier.«

Sie nickte und notierte, dann wandte sie sich an Gustav. Ihm schien es ähnlich zu ergehen, was Nikas Präsenz anging, denn er hatte sich in die äußerste Ecke des Separees zurückgezogen. »Einmal die Gulaschsuppe mit Baguette bitte«, sagte er.

Sie nickte. Sein Benehmen schien sie nicht zu bemerken, oder sie überspielte es geschickt.

»Bitte nehmen Sie Ihre Arme vom Tisch«, sagte sie zu Ruben und wartete nicht ab, ob er der Aufforderung nachkam. Sie betätigte einen Knopf unter der Tischplatte. Daraufhin senkte sich der mittlere Teil des Tisches nach innen ab. Gewürze, Zucker, Milch und die dekorative Blumenvase versanken in einem Fach in der Mitte des Tisches. Eine Glasplatte schob sich von links nach rechts über das Fach und bot nun Platz, die Teller für das Essen darauf abzustellen.

»Wenn Sie etwas von den Gewürzen benötigen, können Sie unter dem Tisch in das Fach hineingreifen«, erklärte Nika. Sie griff auf Gustavs Seite unter den Tisch, um es ihnen zu zeigen und streifte dabei mit dem Ärmel Gustavs Arm.

»Hey! Lass das!«, rief Gustav. Nikas Hand zuckte zurück. Sie starrte Gustav an. Er senkte den Blick, als hätte er sich verbrannt.

»Ich bringe Ihnen Ihre Bestellung gleich«, bemerkte Nika und verließ das Separee.

Ruben starrte ihr nach.

»Dass man so etwas überhaupt hier arbeiten lässt«, fauchte Gustav.

Bevor Ruben ihn fragen konnte, was er meinte, hatte sein Informant bereits das Thema gewechselt.

»Ich habe Informationen für Ihren Artikel. Ich habe nämlich zur Zeit der Einforderung der Persönlichkeitsrechte bei der Schutztruppe gearbeitet«, begann er.

Ruben war durch den abrupten Themenwechsel irritiert. Gustav schien es nicht zu bemerken, er fuhr fort.

»Sie schreiben doch den Artikel über die Freiheitsbewegung der Unberührbaren oder?«

Ruben nickte. »Ja. Es geht um einen Artikel darüber, wie sich die Dinge seit des Erhalts der vollen Persönlichkeitsrechte entwickelt haben, und welche Berührungspunkte es mit der Marsbevölkerung gibt.«

Gustav schnaubte. »Am besten gar keine. Wer will das auch schon?«

Als Ruben schwieg, fuhr Gustav fort: »Stammen Sie von hier? Waren Sie vor fünf Jahren dabei?«

Ruben nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. »Ja, ich stamme von hier. Ich bin wie meine Eltern auf dem Mars geboren und aufgewachsen. Vor fünf Jahren war ich nicht hier, weil ich vor sechs Jahren auf die Erde gegangen bin, um Journalismus zu studieren. Nach Abschluss meines Studiums habe ich dort anderthalb Jahre gearbeitet. Dieser Artikel über das fünfjährige Bestehen der vollen Persönlichkeitsrechte für die Unberührbaren ist meine Abschlussarbeit des Volontariats.«

»Wie sind Sie denn bloß auf so ein Thema gekommen?«, fragte Gustav.

Ruben setzte zu einer Antwort an, als Nika hereinkam und das Essen servierte. Sie sprach kein Wort, stellte die Teller vor ihnen ab und ging wieder. Ruben starrte ihr nach. Dann sah er Gustav an.

»Bitte entschuldigen Sie mich. Es war eine lange Reise, ich muss mal wohin.«

Ohne eine weitere Erklärung erhob er sich und folgte Nika an den Tresen.

Sie sah ihn an. »Möchten Sie noch etwas trinken?«

Ruben schüttelte den Kopf. »Nein, ich …« Er verstummte. Was sollte er bloß sagen?

Nika sah ihn an und wartete. Ihr ganzer Körper war völlig ruhig, aber nicht entspannt. Mehr wie ein Falke, der darauf wartet, dass die Maus ihr Loch verlässt. Ruben konnte ihre Erwartung deutlich spüren.

»Nika!« Derek Brans betrat den Schankraum von hinten her. »Mach unsere Gäste nicht nervös.«

Sofort senkte sie den Blick und wandte sich ab.

»Entschuldigen Sie bitte, manchmal vergisst sie, wie irritierend es ist, jemanden so anzustarren.«

Ruben hörte Dereks Worte, sah aber nur auf Nikas gesenkten Kopf. »Sie hat mich nicht angestarrt«, murmelte er. »Sie hat … abgewartet.«

Derek murmelte etwas Unverständliches, doch Nika hob für einen kurzen Moment den Kopf, und sah ihm direkt in die Augen. In diesem Augenblick lag kein Argwohn, keine Abneigung darin, sondern nur Neugierde.

„Möchten Se noch etwas zu trinken?“, fragte Derek.

Nika brach den Blickkontakt ab und widmete sich wieder dem Spülen der Gläser.

»Nein, danke, es ist alles in Ordnung. Wo sind denn die Toiletten?«, fragte er, als er sich daran erinnerte, was er Gustav gesagt hatte.

Derek wies ihm den Weg und Ruben ging. Er wagte nicht, sich umzudrehen.

Auf der Toilette erleichterte er sich, wusch sich die Hände und spritzte sich dann händeweise kaltes Wasser ins Gesicht. Was war nur los mit ihm? Er führte sich auf wie ein verklemmter Teenager. Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, ging er wieder in den Schankraum. Dort stand Nika noch immer am Tresen. Eigentlich hatte er vorgehabt, einfach wieder zum Separee zurückzugehen, bevor Gustav sich fragen würde, wo er bliebe, doch da sah Nika zu ihm hin.

Ihre dunklen Augen ruhten auf ihm, als wolle sie sich jedes Detail seines Gesichts, seines Körpers und seiner Kleidung einprägen. Er spürte, wie er unter ihrem Blick zu zittern begann, ohne dass er sagen konnte, woher dieses Gefühl stammte.

»Wer bin ich?«, fragte sie ihn.

»Nika«, antwortete er, unsicher, was sie meinte.

Ihre feinen Lippen bogen sich zu einem offenen Lächeln, das ihre Augen erreichte.

Sie lächelte ihn an. Offenbar hatte er ihr die richtige Antwort gegeben.

Dann wandte sie sich ab und spülte weiter Gläser.

Ruben wusste nicht, was soeben passiert war. Er blieb noch einige Augenblicke untätig stehen, doch als Nika ihn nicht wieder ansah, ging er zurück zu Gustav.

Auch auf seinen Lippen lag dabei ein Lächeln.

Er hatte sich verliebt.

 

»Ist dir Heidi Klums Klon auf dem Klo begegnet?«, spottete

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Tanja Daniel
Cover: Mat Yan
Tag der Veröffentlichung: 13.09.2019
ISBN: 978-3-7487-1530-6

Alle Rechte vorbehalten

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