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Prolog

November 1687, Konstantinopel

 

Süleymann saß auf dem mit bunten Kissen ausgelegten Diwan und trank mit Honig gesüßten Kaffee. Ein ganz besonderer Genuss, den er sich nur selten gönnte, war doch das belebende Getränk nicht gern gesehen beim Sultan. Er ließ seinen Blick über den grünen, mit Buchsbäumen umsäumten Hof des Kafes, des Prinzengefängnisses, gleiten. Das Grün verbarg nur mehr schlecht als recht die hohen, grauen Mauern des Harems, den er seit sechsundvierzig Jahren sein Zuhause nannte.

Nur aus Erzählungen wusste er um die Schönheit Konstantinopels, seiner Heimatstadt. In seinen Träumen stellte er sich das Glitzern der Sonne in den Meereswogen vor, die Lieblichkeit der Rosengärten und Parks. Doch er selbst hatte die Mauern des Topkapi-Palastes niemals verlassen. Dies erlaubte Sultan Mehmed nicht.

Süleymann fiel es schwer, sich den Sultan, seinen Bruder, vorzustellen, wie er einst selbst das Kafes bewohnt haben musste. Sein Bruder war nur wenige Monate älter als er selbst und bereits in seinem sechsten Lebensjahr zum Sultan ernannt worden. Er konnte sich kaum noch an ihn erinnern.

Obschon er sich ab und an wünschte, die Mauern seines Zuhauses überwinden zu können, so hätte er um nichts in der Welt mit dem Sultan tauschen wollen.

Der Prinz fuhr sich über seinen vollen, allmählich ergrauten Bart und runzelte verwirrt die Stirn. Lautes Stimmengewirr drang von den Straßen durch die Tore des Kafes. Unruhig rutschte Süleymann auf dem Diwan hin und her. Seit Tagen herrschten große Unruhen in den Straßen der Hauptstadt. Er hatte von Mordanschlägen auf Sultan Mehmed gehört. Auch seine Konkubinen und Eunuchen verhielten sich in letzter Zeit sonderbar. Süleymann ahnte, warum. Sie hatten Angst vor der Zukunft. Eine mehr als berechtigte Besorgnis. Allah allein wusste, wie sehr sich Süleymann davor fürchtete, für die Putschversuche von seinem Bruder zur Rechenschaft gezogen zu werden. Doch beim Allmächtigen – er hatte fürwahr nichts damit zu tun! Der Sultan würde ihm indessen keinen Glauben schenken, so viel war gewiss.

Die Stimmen vor den Toren wurden lauter. Der Prinz überlegte, ob es nicht besser wäre, sich in seine privaten Gemächer zurückzuziehen. Da wurden die Türen zum Hof aufgerissen und ein ganzer Trupp von Soldaten und edel gekleideten Herren stürmten in den Kafes.

Süleymann fuhr hoch und ließ vor Schreck seine messingbeschlagene Kaffeetasse fallen. Die braune Brühe spritzte über das bodenlange, weiße Gewand des Prinzen und hinterließ dunkle Flecken auf den Kissen des Diwans. Polternd und klirrend rollte die Tasse über den Terrassenboden unter dem schattenspendenden Baldachin.

Süleymanns erster Gedanke war, sich in seinen Gemächern zu verstecken. Aber in dem Moment besann er sich eines Besseren. Er war immerhin ein Prinz! Und eines wusste er nur zu gut: Seine Mutter hätte ihm ein ungebührliches Verhalten niemals verziehen.

Also riss er sich zusammen, straffte die Schultern und blickte dem edel gekleideten Mann vor ihm direkt in die Augen. Er betete zu Allah, dieser möge seine Furcht nicht bemerken. „Schickt Euch mein Bruder?“, begehrte er in Erfahrung zu bringen und hoffte, das Zittern in seiner Stimme würde niemandem auffallen.

Der Mann, flankiert von fünf bis an die Zähne bewaffneten Soldaten, schaute Süleymann mit einer Mischung aus Verblüffung und Abneigung an. Plötzlich senkte er demütig den Kopf und sprach mit klarer, lauter Stimme, sodass es für jeden Prinzen im Kafes hörbar war: „Ich bin gekommen, um euch über die Absetzung eures Bruders Mehmed dem Vierten in Kenntnis zu setzen.“

Süleymann starrte den fremden Mann mit offenem Mund an. Was sollte er darauf schon erwidern? Hatte man ihn etwa gar umgebracht? Oder war ein erneuter Putsch verantwortlich für die Absetzung seines Bruders?

Prompt fuhr der Mann fort: „Es ist mir eine Ehre, Euch mittzuteilen, dass Ihr, Süleymann, der neue Sultan seid!“

Unruhig verlagerte Süleymann sein Gewicht von einem auf den anderen Fuß, doch er sagte nichts. Dies konnte nur ein übler Scherz sein!

Der Mann schnipste mit seinem Finger und Süleymann zuckte verschreckt zusammen. Einer der Soldaten kam auf Süleymann zu, der hastig zurückwich. Das war eine List! Eine üble Farce seines Bruders! Die Soldaten würden ihn bestimmt umbringen.

„Fasst mich nicht an!“, herrschte er den Soldaten an, der sich ihm näherte.

Der Edelmann trat nun ebenfalls einen Schritt heran und runzelte brüskiert die Stirn. „Mein Prinz, seid versichert, dass Euch niemand etwas zuleide tun will. Dies“, er wies auf das blaue Kleidungsstück in des Soldaten Händen, „ist der Kaftan des Sultans. Es gebührt nun Euch, ihn zu tragen.“ Und dann tat der Mann etwas, was Süleymann nicht in seinen kühnsten Träumen erwägt hätte – er verneigte sich mit der Stirn bis auf den kalten Marmorboden und zollte ihm den Respekt, der ihm von Geburt an gebührte.

„Schnell!“, stieß Süleymann um sich blickend hervor. Er griff hastig nach dem blau-goldenen Kleidungsstück. „Bringt mich von hier fort!“ Er fasste den Mann grob beim Arm und zog ihn auf die Füße. „Rasch! Bringt mich von hier weg, und tragt Sorge, dass keiner meiner Brüder und Neffen herauskommt! Sonst werden sie mich ganz bestimmt töten!“, wisperte er bestürzt.

Der Edelmann deutete erneut eine demütige Verneigung an. „Wie Ihr wünscht, mein Gebieter.“

 

Kapitel 1 – 10. November 1688

Wien

 

Mustafa betrat wie jeden Morgen als Erster das Blaue Flascherl, das Kaffeehaus der armenischen Familie Theodat. Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er über den Postboteneingang in die Küche gelangte und ihm vertrauter Kaffeeduft entgegenschlug.

Doch plötzlich beschlich den Türken ein merkwürdiges Gefühl. Etwas stimmte hier nicht! Vorsichtig öffnete er die Tür zum Schankraum. Kalter Wind schlug ihm entgegen und ließ den Kriegsgefangenen frösteln. Mustafas Herz schlug schneller, als er das Chaos im Schankraum erblickte. 

Eine Böe trug das Laub und den Dreck der Straßen in die Stube. Die Tische und Stühle lagen zertrümmert auf dem mit Scherben bedeckten Steinboden. Mustafa ballte die Hände zu Fäusten. Der Anblick der eingeschlagenen Butzenscheiben schnürte ihm die Kehle zu und er kämpfte gegen den brodelnden Zorn in seiner Brust. Das hatte die Frau Kaffeesiederin nicht verdient! Wäre er noch ein Krieger der osmanischen Armee gewesen, so hätte er seinem Zorn freien Lauf gelassen, hätte all diese ungläubigen Schweine niedergeschlagen, die es wagten, der Frau Kaffeesiederin so etwas anzutun. Doch jetzt war er ein Sklave, der sich beherrschen und unterordnen musste.

Er atmete tief ein und trat weiter in die Schankstube des Kaffeehauses. Bei jedem Schritt knirschten die Scherben unter seinen Schuhen und schnitten sich dabei tief in seine Seele.

Er hob einen der umgekippten Stühle auf und versuchte überfordert, Ordnung in das Chaos zu bringen.

Ein erstickter Aufschrei ließ den Türken herumfahren. Die junge Frau Kaffeesiederin stand in der Tür zur Schankstube und hielt sich mit vor Schreck geweiteten Augen die Hände vor den Mund. Wie versteinert stand sie da und starrte auf das, was vom Blauen Flascherl noch übrig geblieben war.

Hinter ihr trat Osman ein, derbe, türkische Flüche auf den Lippen. Auch Osman war ein türkischer Kriegsgefangener, den Areg Theodat noch vor seinem Tod eingestellt hatte.

Mustafa räumte die Scherben der Butzenfenster beiseite und beobachtete seinen Freund Osman, der sich verlegen an die Frau Kaffeesiederin wandte.

Tapfer wischte sich die Frau die Tränen aus den Augenwinkeln und rang um Fassung.

„Ich werde Bretter besorgen“, meinte Osman befangen und deutete zu den zerstörten Fenstern. „Es könnte jeden Moment der Winter einbrechen.“

Die Frau Kaffeesiederin nickte und kämpfte sichtlich mit der Verzweiflung. „Tu das.“ Sie schluckte heftig und mit hörbarem Beben in der Stimme sagte sie pragmatisch, er solle den Tischler auch gleich fragen, wie lange es denn dauern würde, die Fenster zu reparieren.

Osman nickte und war bereits auf dem Weg in Richtung Ausgang, als er nochmals innehielt und ihre Herrin mit traurigen Augen ansah. „Tut mir leid für Ihren Verlust, Frau Kaffeesiederin. Ich wünschte, ich wäre früher hier gewesen und hätte diese Taugenichtse erwischt!“

Die Frau Kaffeesiederin schenkte ihm ein dankbares Lächeln. „Schon gut, Osman. Dich trifft ganz bestimmt keine Schuld.“

Der Türke verließ das Blaue Flascherl und ließ Mustafa mit der Frau allein zurück. Die Frau Kaffeesiederin band ihre schwarzen, langen Haare zu einem Zopf und setzte sich wie gewöhnlich die graue Haube auf. Mustafa betrachtete fasziniert das Aussehen der jungen Frau. Die Form ihrer Augen und die breiten Wangenknochen musste sie von ihrer türkischen Mutter geerbt haben. Die Farbe ihrer Haut und die blauen, wassertiefen Augen stammten jedoch deutlich von ihrem Vater.

In diesem Moment rauschte Gohar, eine verhärmte, allseits ungeliebte Theodat, in den Raum. Sie trug noch immer Schwarz, nicht gewillt, den Ausdruck der Trauer um ihren Sohn, den ehemaligen Besitzer des Kaffeehauses, abzulegen. Auch sie starrte mit Entsetzen auf die zerstörte Einrichtung des Blauen Flascherls. Mit ihrer knorrigen Hand umfasste sie das Kruzifix an ihrem Hals und bekreuzigte sich sogleich vor ihrem Gott. Mit tiefer Zornesfalte auf der Stirn wandte sie sich jäh an die junge Frau an ihrer Seite.

„Yana“, fauchte sie. „Ich verstehe ja, dass dir das Schicksal des Volkes deiner Mutter am Herzen liegt.“ Sie deutete missbilligend auf Mustafa, der sich darum bemühte, möglichst beschäftigt zu wirken, und fuhr fort: „Aber du siehst ja selbst, was für Auswirkungen diese Kindereien auf unser aller Leben haben!“ Sie holte tief Luft und baute sich vor Yana zu voller Größe auf. Ihre dürren, knorrigen Finger krallten sich in deren Arm. „Ich bitte dich“, sprach Gohar bedrohlich leise. „Um Aregs willen, belass es dabei!“

Das war keine Bitte. Das war ein Befehl und Mustafa konnte sich nur zu gut vorstellen, was für ein Gezeter die Frau veranstalten würde, sollte es die Frau Kaffeesiederin wagen, sich ihr entgegenzusetzen.

Über das Gesicht der Kaffeesiederin huschte ein Ausdruck des Schmerzes – bei der Erwähnung ihres verstorbenen Gatten. Doch deren Schwiegermutter schien dies nicht zu bemerken. „Du und Areg, ihr konntet schon vielen Männern und Frauen dabei helfen, eine gute Anstellung zu erhalten“, fuhr Gohar ungerührt weiter. „Und Kardinal Kollonitsch wird bestimmt weiterhin alles in seiner Macht Stehende tun, um die Kinder zu ihren türkischen Müttern zurückzuführen.“ Ihre Lippen kräuselten sich. „Aber diese Familie verkraftet keine weiteren Angriffe!“

Die Frau Kaffeesiederin blickte wehmütig auf das, was vom Kaffeehaus übrig geblieben war. In einer verzweifelten Geste fuhr sie sich über das Gesicht. „Du hast recht, Gohar. Es tut mir leid, dass ich das Wohl der Familie hintangestellt habe.“ Unvermittelt zog sie ihre Schwiegermutter in die Arme, was Gohar überraschenderweise zuließ.

Mustafa entschied, dass dies der Moment war, um sich unauffällig aus dem Staub zu machen. Gut möglich, dass Yanas Anstrengungen, den Türken zu helfen, den Wienern nicht gefiel und sie ihr deshalb das Leben schwer machten. Aber dieser Übergriff – da war sich Mustafa sicher –, da steckte womöglich mehr dahinter.

 

***

 

Mustafa beobachtete aus einiger Entfernung das rege Treiben im Blauen Flascherl. Die Nachbarn halfen tatkräftig beim Wideraufbau mit, schleppten gar Tische und Stühle heran, damit der Wiedereröffnung nichts mehr im Wege stand.

Sogar der Bürgermeister brachte mithilfe eines Dieners einen mit Samt bezogenen Stuhl vorbei und wünschte der Kaffeesiederin alles Gute. Verächtlich spie Mustafa auf den feuchten Boden vor dem Schankhaus. Hätte der gute Mann nur bei der Hinrichtung Areg Theodats genauso viel Interesse und Mitgefühl gezeigt! Doch niemand hatte den Theodats geholfen, als es darum ging, den Kaffeehausbesitzer zu begnadigen. Mustafa war sich sicher, dass mehr hinter der Verurteilung und Hinrichtung des jungen Theodats steckte.

Areg und dessen Onkel Johannes hatten für das Wohl der Protestanten in Eperjes, in Ungarn, gekämpft. Sie hatten verlangt, dass den willkürlichen Hinrichtungen dieser unschuldigen Menschen Einhalt geboten würde. Die obrigkeitlichen Gewalten hatten sie des Verrats bezichtigt. Johannes konnte flüchten, doch Areg, sein Neffe, wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, unter der hauptsächlich die Frau Kaffeesiederin zu leiden hatte.

Es dauerte lange, bis Mustafa seine Wut so weit im Griff hatte, dass er das Blaue Flascherl wieder betreten konnte. Die Sonne war bereits untergegangen, die fleißigen Helfer längst nach Hause verschwunden. Nur Georg Kolschitzky, ein alter Freund der Familie, war noch geblieben und wischte den letzten Staub von den Tischen. Froh, dass ihm niemand Beachtung schenkte, verschwand Mustafa in der Küche, setzte Wasser auf und stellte zwei Tassen auf ein silbernes Tablett. Hier, in Wien, machte er nur selten Kaffee. Meist war dies Aufgabe der Köchin oder die Frau Kaffeesiederin kümmerte sich darum. Für Mustafa war diese seltene Gelegenheit eine liebevolle Erinnerung an seine türkische Heimat und seine Familie. Er schüttete den frisch gemahlenen Kaffee in das Ibrik, ein langstieliges Kännchen aus Kupfer, und gab einen halben Löffel Honig dazu. Dann füllte er das Ibrik mit Wasser, stellte es aufs Feuer und wartete. Es dauerte nicht lange, bis der Kaffee seinen süßlich-herben Duft verströmte. Mustafa sah vor seinem geistigen Auge seine Mutter, seine große Schwester und deren Kinder vor sich. Er hörte das laute Lachen seiner kleinen Neffen und er sah das zufriedene Lächeln seines Vaters, der die beiden bei ihrem wilden Spiel beobachtete. „Mustafa“, hörte er die sanfte, besorgte Stimme seiner Mutter. „Mustafa, mein Junge. Pass auf dich auf! Und komm gesund wieder zu uns nach Hause, ja?“ Er fühlte ihre kalten Hände auf seinem Gesicht, ihre warmen Lippen auf seiner Stirn und kämpfte gegen die Tränen der Sehnsucht an.

Traurig rieb er sich das Gesicht trocken, nahm die Kanne vom Herd und füllte das duftende Gebräu in eine Tasse.

Er sog den Duft in sich auf und das Bild seiner kleinen Schwester Maliha tauchte vor ihm auf: Maliha, der kleine, quirlige Augenstern der Familie. Mustafa sah ihre schwarzen Locken auf und ab hüpfen, hörte das helle Klingen der Glöckchen an ihren Röcken, wenn sie für die Familie tanzte und mit ihrer Lebensfreude jeden ansteckte. Er verlor sich in den schönen, unbekümmerten Erinnerungen, doch er nahm auch die dunklen Ringe unter Malihas Augen wahr, die tränennassen Wangen und ihr verzweifeltes Flehen, er möge, Inshallah, gesund zu ihr zurückkehren.

Ärgerlich trank Mustafa den erkalteten Kaffee in einem Zug aus. Er brauchte dringend frische Luft! Eilig schritt er durch den Schankraum, um das Lokal zu verlassen. Als er jedoch Georg Kolschitzky und die Frau Kaffeesiederin draußen vor dem Eingang im Schein der flackernden Straßenlaternen stehen sah, hielt er inne.

Kolschitzky kaufte einem Jungen eine Zeitung ab.

„Etwas für die Bildung“, hörte Mustafa den Mann sagen.

Georg lupfte seinen Hut zum Abschied. Mustafa wollte bereits die Schankstube verlassen, doch die Frau Kaffeesiederin riss dem verdatterten Georg das Extrablatt aus den Händen.

„Was ist denn geschehen?“, fragte Kolschitzky brüskiert.

Doch die Frau reagierte nicht. Wie gebannt stierte sie auf die Zeitung. Mustafa hörte ihr ersticktes „Nein“, als ihr die Zeitung auch schon entglitt.

Langsam machte sich Mustafa Sorgen um die Frau Kaffeesiederin.

„Nein!“, hörte er erneut deren erstickte Stimme. Er beobachtete, wie sie in die Knie sank, und wäre am liebsten zu Hilfe geeilt, doch er hielt sich zurück. Georg fing die Kaffeesiederin auf, versuchte sie aufzurichten, doch sie fiel völlig in sich zusammen. Er hielt sie fest und zog sie in das Kaffeehaus, flüsterte der schluchzenden Frau in seinen Armen beruhigende Worte zu. Mustafa eilte zurück in die Küche, er wollte nicht dabei entdeckt werden, wie er lauschte. Doch er konnte nicht anders, als die Tür zum Schankraum einen Spalt weit zu öffnen und mitanzusehen, was hier vor sich ging.

„Alles wird gut“, hörte er Georg weiter auf die schluchzende Frau einreden.

Plötzlich schrie sie wie ein verwundetes Tier auf und Georg ließ sie erschrocken los. Wie eine wild gewordene Furie fegte sie die Kaffeetassen vom Tisch. Doch Georg packte sie, zog sie in seine Arme und drückte sie fest an sich.

„Ich bin für dich da“, murmelte er leise in ihr Haar. „Ich lass dich nicht allein.“

Mustafa hatte genug gesehen. Mit einem Kloß im Hals wandte er sich ab und begab sich in seine Kammer. Er verstand nicht, was sich da zwischen Georg und Yana zugetragen hatte. Doch es tat ihm leid, die Frau Kaffeesiederin unglücklich zu sehen. Sie war eine gute Frau, behandelte ihn und Osman wie ebenbürtige Menschen und nicht wie ein Stück Vieh, aus dem es so viel Profit wie möglich herauszuholen galt. Mustafa hätte ihr ein bisschen Glück im Leben gewünscht. Aber das Kismet, das Schicksal, war ein launischer Gefährte.

 

 

Adrianopel

 

Matthes’ Kopf schmerzte fürchterlich. Er versuchte die Augen zu öffnen, er wollte sehen, was die merkwürdig klingenden Worte um ihn herum zu bedeuten hatten.

Seine Lider flatterten vor Anstrengung, das Licht blendete ihn, schmerzte in seinen Augen. Stöhnend schloss er sie wieder.

Er wollte den Mund öffnen, um etwas zu sagen, aber seine Kehle fühlte sich ausgedörrt an. Er leckte sich über die spröden Lippen und versuchte sich aufzusetzen. Der Schmerz, der dabei seinen ganzen Körper durchzuckte, war überwältigend. Am liebsten hätte er laut geschrien, stattdessen kam lediglich ein klägliches Krächzen aus seiner Kehle.

Plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Zuerst sanft, doch dann drückte sie fester zu. Diesmal schrie er aus Leibeskräften. Der unerträgliche Schmerz beherrschte seinen ganzen Verstand.

Sakin!” Die Stimme an seinem Ohr war viel zu laut! Warum fuhr der Mann ihn so harsch an?

Matthes stöhnte erschöpft, als der Peiniger ihn freigab und der Schmerz ein wenig nachließ. Flatternd öffnete er die Augen. Er sah alles matt und verschwommen, grelles Licht blendete ihn. Ganz langsam hob er den Arm, um sich vor dem Licht zu schützen. Wieder durchzuckte seine Glieder eine Welle des Schmerzes. Er biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich auf die Gestalt des fremden Mannes, der über ihn gebeugt dastand. Etwas Weißes befand sich in dessen Hand. Da fühlte Matthes, wie etwas um sein Bein gebunden wurde. Allmählich klärte sich seine Sicht und er musterte den Fremden genauer. Mit Entsetzen registrierte er dessen helles, bodenlanges Gewand und die merkwürdige Kopfbedeckung. Ein Türke!, begriff er und die Angst fuhr ihm sogleich durch Mark und Bein. Ihm wurde kalt und heiß zugleich.

Der Türke hielt in seiner Arbeit plötzlich inne und schaute ihm ausdruckslos ins Gesicht. Matthes zitterte am ganzen Leib, als er das Messer in dessen Hand erblickte. Der Mann sprach irgendetwas auf Türkisch, was Matthes nicht verstand, doch es klang diesmal ruhiger, barmherziger als zuvor.

Der Türke schnitt mit seinem Messer den Verband in seiner Hand ab und Matthes’ Herzschlag beruhigte sich. Der Mann hatte anscheinen nicht vor, ihn umzubringen. Aber warum behandelte ein Türke seine Verletzungen? Wo war er? Was war geschehen?

Er kramte in seinen Erinnerungen nach einer Erklärung für seine Lage. Aber das Nachdenken strengte ihn zu sehr an. Erschöpft schloss er die Augen und fiel in einen Dämmerschlaf, der bizarre Bilder hervorrief. Nur am Rande bekam Matthes mit, wie ihm eine bittere Flüssigkeit eingeflößt wurde. Er fühlte die tastenden Hände auf seinem Körper, registrierte, wie er aufgehoben und weggetragen wurde, aber er hatte keine Kraft, um sich dagegen zu wehren. Die lauten Stimmen um ihn herum machten ihm Angst. Er sagte nichts. Er wollte schlafen. Einfach nur schlafen.

 

***

 

Sultan Süleymanns Beine baumelten über den Rand der mit goldenem Polster ausgelegten Bühne des Thronsaales. Er blickte gelangweilt über die Köpfe der von Siebenbürgen abkommandierten Delegation.

Süleymann nickte und sogleich packten zwei seiner Diener den Fürsten Thököly bei den Ärmeln seines dunkelroten Gewandes und stießen ihn vor dem Sultan zu Boden. Der Kammerdiener kam hinzu und hielt dem ungarischen Fürsten Süleymanns Rockärmel entgegen. Gehorsam küsste Thököly den Zipfel und zollte damit dem Sultan den gebührenden Respekt.

Thököly wurde zur Seite gestellt und die Diener des kräftig gebauten Fürsten breiteten den Tribut vor dem Sultan aus.

„Fünf lebendige Widder, einen geschlachteten Ochsen, Brot in Körben, zwölf junge Hühner und Wachskerzen“, fasste der Hofschreiber zusammen.

Süleymann gab ein missbilligendes Schnauben von sich. Dieser Thököly war zu nichts zu gebrauchen!

„Habe ich Euch nicht mit Männern nach Siebenbürgen entsandt, damit Ihr mir deren Gold und Silber bringt? Damit Ihr die Grenzen des osmanischen Reiches nach Norden sichert und ausdehnt?“

Angespanntes Schweigen herrschte in dem düsteren, mit persischen Teppichen ausgelegten Raum.

„Stattdessen“, fuhr der Sultan mit gepresster Stimme fort, „bringt Ihr mir Brot und Fleisch.“ Seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter und hallte unangenehm von den Wänden wider.

Süleymann ballte die Hände zu Fäusten und blitzte den Fürsten bedrohlich an.

Thököly nestelte unruhig an seiner edlen Kleidung und fuhr sich über den gezwirbelten Schnurrbart. Er war noch jung, der Fürst von Oberungarn. Dennoch hatte er in seinem kurzen Leben viele Schlachten geschlagen. Viele hatte er gewonnen, doch genauso viele verloren.

Der Sultan erhob sich vom Diwan und reckte stolz das Kinn. Mit nunmehr ruhiger Stimme fuhr er fort: „Ich weiß um Eure Fähigkeiten, Thököly. Ihr habt Euer Können mehr als einmal unter Beweis gestellt. Doch allmählich beschleichen mich Zweifel, ob Ihr überhaupt siegen wollt?“

Süleymann beobachtete die heftig pumpende Halsschlagader des Fürsten. Er war nervös. Irgendetwas verheimlichte der Mann!

„Meine Geduld ist am Ende“, beschied der Sultan.

„Mein Herrscher!“, begehrte der Fürst sogleich auf. „Es ist nicht meine Schuld, dass wir die Schlacht verloren haben! Das schlechte Wetter, der Mangel an Nahrung und …“ „Schweigt!“, schrie der Sultan den Mann an. „Ausflüchte! Nichts als Ausreden!“

Thököly erbleichte und fiel auf die Knie. „Ich flehe Euch an! Gebt mir eine letzte Chance, um es diesen Bastarden zurückzuzahlen!“

Der Sultan knurrte. „Dies war bereits das zweite Mal, dass ich Euch dorthin geschickt habe! Und erneut habt Ihr versagt!“ Mit einer energischen Geste wies er seine Soldaten an, den in Ungnade gefallenen Mann zu ergreifen. „Die Gefangenschaft ist Euch ja nichts Neues, Thököly“, meinte Süleymann verächtlich grinsend. „Ihr steht unter Arrest, bis Eure Dienste wieder in Anspruch genommen werden.“

Der Fürst tat Anstalten, erneut Einwände zu erheben, doch der Sultan betrachtete ihn mit solch verächtlichem Blick, dass er sogleich verstummte.

„Schafft ihn mir aus den Augen!“, schrie Süleymann ungehalten. Die Soldaten packten den Mann und führten ihn aus dem Raum.

Der Sultan holte tief Luft und setzte sich wieder auf seine Kissen. Dies würde ein langer Tag werden, dachte er frustriert. Viel lieber hätte er sich mit seinen Weibern vergnügt oder der Jagd gefrönt. Stattdessen musste er hier sitzen und sich die Anliegen der Bittsteller anhören. Oh wie war ihm das Regieren ein Graus! Auch noch nach einem Jahr, nach seiner Inthronisierung, wurde es nicht besser. Er verfluchte die Janitscharen dafür, dass sie seinen Bruder abgesetzt hatten, der nun hier in Adrianopel im alten Sarai in Haft saß. Auch wenn er es niemals zugegeben hätte, Süleymann fürchtete sich vor einem Vergeltungsschlag Mehmeds. Viel mehr noch vonseiten dessen rachsüchtiger Frau Emetullah, die nur zu gern ihren ältesten Sohn Mustafa, der in Konstantinopel im Kafes lebte, auf dem Thron gesehen hätte.

Der Sultan blickte auf die mit Rubinen und Diamanten besetzten Fingerringe an seiner Hand. Seine Mundwinkel zuckten. Es hatte ja durchaus auch Vorteile, das Leben eines Sultans. Der Palast im Winterquartier in Adrianopel war bei Weitem nicht so reich ausgeschmückt wie der Yeni Sarai in Konstantinopel. Doch da er hier nur die Wintermonate überbrückte, die er die meiste Zeit ohnehin auf der Jagd und auf Festbanketten zubrachte, sah er großzügig über den fehlenden Glanz seiner Behausung hinweg.

In diesem Moment übernahm Pascha Mustafa, einer der drei Wesire, die heute zugegen waren, das Wort und riss den Sultan aus seinen Gedanken.

„Mein Herrscher, es gilt nun, einen der Gefangenen von der Schlacht bei Belgrad zu verhören.“ Er deutete auf die Soldaten, die soeben einen Mann in den Raum schleiften und vor den Sultan zerrten. „Er trug die Kleidung eines preußischen Generals, als man ihn gefangen nahm“, erläuterte der Wesir.

Süleymann betrachtete den Preußen interessiert. Man hatte ihn in ein weißes, osmanisches Hemd gehüllt. Kraftlos hing der Mann in den Armen der beiden Soldaten, die ihn flankierten. Als er keine Anstalten machte, sich zu regen, warfen sie ihn auf den Boden und zwangen ihn in die Knie. Der Gefangene stöhnte schmerzerfüllt auf. Beinahe verspürte Süleymann Mitleid mit ihm. Er sah zum Erbarmen aus. So schwach, wie er offensichtlich war, drohte keine Gefahr von dem ehemaligen Kriegsmann. Dieser Umstand machte den Sultan mutiger, sodass er sich von seinem Diwan erhob und auf den knienden Mann zuging. Nun erkannte er die Schweißperlen auf des Preußen Stirn, sah die vielen Verletzungen, das Blut, das die Bandagen und das Hemd nässte.

Der Sultan wandte seinen Blick von dem gebrochenen Mann ab und schaute seinen Großwesir an. „Pascha Mustafa. Sagt, habt Ihr diesen Mann gefangen genommen?“

Der Wesir, ein schlanker, großgewachsener Mann im selben Alter des Sultans, trat einen Schritt vor und verneigte sich. „Ja, mein Herrscher“, antwortete er demütig.

„Weshalb wurde er noch nicht verhört?“, verlangte der Sultan gereizt zu wissen.

„Der Gefangene war schwer verwundet, mein Herrscher. Er war bis heute nicht ansprechbar. Und seine Mitgefangenen konnten oder wollten ihn nicht identifizieren.“

Süleymann verschränkte die Arme vor der Brust und musterte den Preußen mit zusammengezogenen Brauen.

Der Mann schaffte es kaum, die Augen offen zu halten, sein Kopf kippte immer wieder kraftlos nach vorn.

„Spricht er unsere Sprache?“, wollte Süleymann von den Soldaten, die den Gefangenen noch immer stützten, wissen.

Der Dienstältere senkte den Blick und antwortete: „Nein, mein Gebieter. Er scheint unsere Befehle nicht zu verstehen und redet nur in der Sprache des Kaisers.“

„Dann holt den Dragoman!“, bellte der Sultan durch die Halle.

 

Matthes befürchtete, die Besinnung zu verlieren. Er fühlte sich so elend, so schwach. Aber er zwang sich, einigermaßen aufrecht vor dem Sultan zu knien. Obschon er die Worte, die der Herrscher mit seinen Untergebenen wechselte, nicht verstand, so war er sich bewusst, dass diese Worte über sein Leben entscheiden konnten.

Ein edel gekleideter, hellhäutiger Mann trat an seine Seite. Matthes’ Vermutung, den Dolmetscher vor sich zu haben, bestätigte sich, als dieser ihm in aktenzfreiem Deutsch die Worte des Sultans übersetzte.

„Sultan Süleymann verlangt Euren Namen und das Regiment, in welchem Ihr gedient habt, zu erfahren.“

Matthes sah mit müdem Blick in das düstere Gesicht des Herrschers. Um dessen Wut nicht noch zu steigern, entschied er, mit einer Lüge zu antworten. „Lukas“, krächzte er und hustete trocken. Seine Kehle schmerzte, aber er zwang sich weiterzusprechen. „Lukas Garber“, nannte er den Namen seines Adjutanten. Etwas Besseres kam ihm auf die Schnelle nicht in den Sinn. „Ich diente im Infanterie-Regiment unter General Graf von Derfflinger.“

Der Sultan verengte die Augen zu Schlitzen.

Der Dolmetscher sprach: „Der Sultan wurde darüber unterrichtet, dass Ihr in der Uniform eines Generals gefasst wurdet. Sultan Süleymann sieht es nicht gerne, wenn er angelogen wird.“

Matthes’ Herzschlag beschleunigte sich. „Das …“ Er schluckte hart. „Das war die Uniform des Grafen von Derfflinger“, sagte er mit rauer Stimme und überlegte sich fieberhaft eine logische Erklärung dafür.

„Also seid Ihr ein einfacher Soldat? Wie kamt Ihr dann in den Besitz der Uniform des Generals?“

„N-nein“, antwortete Matthes hastig. Er wusste, er musste seinen Wert steigern, damit sich für die Türken eine Lösegeldforderung oder ein Gefangenenaustausch lohnte. Aber dass er ein General war, durften sie auch nicht erfahren. Zu groß wäre dann sein Wert und der Kaiser würde auf die überrissenen Forderungen der Türken sicherlich nicht eingehen. Und ein Gefangenenaustausch dauerte in der Regel Jahre.

„Ich … ich war oberster Feldhauptmann.“ Sein Herz raste, er fühlte, wie ihm der Schweiß über die Stirn und über den Rücken floss. Er zitterte vor Anstrengung und Angst am ganzen Körper. „I-ich … kämpfte Seite an Seite mit dem General in der Schlacht, als … als ich sah, wie der General fiel.“ Der Griff der Soldaten um seine Arme wurde fester, während er unruhig auf den Knien herumrutschte. Ein schmerzverzerrtes Stöhnen entwich seinen Lippen, doch er biss die Zähne zusammen und fuhr gepeinigt fort. „Ich nahm die Jacke des Generals an mich, als ich kurz darauf auch schon selbst niedergestreckt wurde.“

Nachdem der Dolmetscher Matthes’ Worte übersetzt hatte, wurde die Stimme des Sultans lauter, wütender. Er tobte und visierte Matthes mit solch vernichtendem Blick an, dass ihm der Atem stockte. Hatte der Sultan womöglich gerade sein Todesurteil gesprochen?

„Der Sultan weiß, dass es keinen Oberst mit dem Namen Garber unter General Derfflinger gibt. Alle Namen der vermissten und totgeglaubten Hauptmänner, deren Oberste und Generäle wurden dem Sultan bekanntgegeben. Sultan Süleymann gewährt Euch eine letzte Chance, die Wahrheit zu sprechen.“

Sämtliches Blut wich aus Matthes’ Wangen. Er presste die Lippen zu einer dünnen Linie und schwieg. Der bedrohliche Blick des Herrschers bereitete ihm eine Gänsehaut.

Wieder sprudelten ungehaltene Worte aus des Sultans Mund.

„Gesteht Ihr, die Jacke des Generals gestohlen zu haben?“

Matthes blieb still, sein Kiefer mahlte und seine Atmung ging schleppend. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, sprach er sich selbst gut zu.

„Der Sultan nimmt Euer Schweigen als Zuspruch. Ihr seid ein gewöhnlicher Dieb, und als solcher verdient Ihr den Tod.“

Matthes schnappte nach Luft. Nein!, hätte er beinahe laut geschrien. So darf es nicht enden! Schmerzhaft schlug ihm das Herz gegen den Brustkorb.

„Doch der Sultan …“ Der Dolmetscher hielt kurz inne, als ihm der Herrscher weitere Anweisungen zu geben schien. „Der Sultan sieht unter dem Umstand, dass Ihr trotz der schweren Verletzungen heute hier vor ihm steht, ein Zeichen Allahs. Sonst hättet Ihr nicht überlebt.“

Matthes stutzte. Er starrte in das nun verschlossen wirkende Gesicht des Herrschers, der über sein Leben oder seinen Tod entschied.

„Sultan Süleymann schenkt Euch Euer Leben.“

Wie eine Flutwelle erfasste Matthes die Erleichterung. Er würde nicht sterben! Nicht heute. Erlöst schloss er die Augen und lauschte den weiteren Worten des Dolmetschers, sammelte die letzten Kraftreserven, um aufrecht zu bleiben und nicht wie ein Häufchen Elend in sich zusammenzufallen. Der Dolmetscher wechselte zum Du und machte eine abfällige Handbewegung.

„Vom heutigen Tag an sollst du auf den Namen Abdul hören. Er bedeutet: Diener Allahs.“

Matthes versuchte sich zu beherrschen, seine Verärgerung über diesen Identitätsraub nicht nach außen dringen zu lassen. Dennoch traten seine Kieferknochen weiß hervor und zeugten von seiner Anspannung.

„Abdul, du wirst in Arrest genommen, bis der Sultan eine geeignete Aufgabe für dich findet.“

Matthes wurde auf die Füße gezerrt. Der Sultan schenkte ihm ein stolzes Lächeln und deutete den Soldaten, den Gefangenen abzuführen. Diese packten ihn fester und zerrten ihn aus dem Thronsaal auf die zugigen Gänge des Palastes. Matthes schaffte es gerade noch, aufrecht zu gehen, bis sich die Türen des Saales hinter ihnen schlossen. Dann knickte er ein, der Schwindel übermannte ihn, und er sank erneut in einen dunklen Schlund.

 

***

 

Matthes wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis er wieder zur Besinnung kam. Diesmal fiel es ihm leichter, die Augen zu öffnen und seine Umgebung klar wahrzunehmen. Doch die Schmerzen in seinen Gliedern waren noch da und zwangen ihn dazu, in seiner Position auf dem Rücken zu verharren. Frustriert blickte er an den kahlen Steinwänden empor, ließ seine Augen über die gewölbte Decke und die mit Eisenstäben verrammelten Fensteröffnungen gleiten. Überrascht hielt er inne, als er eine Bewegung aus einer Ecke seines Verlieses ausmachte. Ein Mann, in ein edles dunkelrotes Gewand gehüllt, trat auf ihn zu. Matthes setzte sich ganz langsam auf, kämpfte gegen die lähmenden Schmerzen an und unterdrückte ein Stöhnen.

„Hier“, meinte der ihm unbekannte Mann lapidar und streckte ihm einen Becher und ein Stück Brot entgegen. „Nehmt meine Ration. Ihr seht so aus, als ob Ihr sie gebrauchen könntet.“

Matthes nahm das Angebot ohne zu zögern an und trank. Das kühle Wasser linderte den Schmerz in seiner Kehle, sodass er sogar ein klares „Danke“, hervorbrachte.

Der Zellengenosse deutete ein Nicken an, lehnte sich auf seiner Pritsche zurück und faltete die Finger hinter dem Kopf. „Ihr seid Preuße, richtig?“, fragte er musternd und kaute nachdenklich auf der Innenseite seiner Wange.

Matthes stopfte sich gierig das harte Brot in den Mund und nickte.

Schwungvoll erhob sich der Mann von seinem Lager und lief, die Hände auf dem Rücken verschränkt, aufgeregt auf und ab. Matthes beobachtete ihn argwöhnisch und schluckte den letzten Bissen des kargen Mahles hinunter.

Plötzlich blieb der Mann stehen und stierte ihn mit Abscheu in den Augen an. „Dann kennt Ihr doch sicherlich General Donat Heißler?“, forschte er mit unverhohlener Verachtung in der Stimme.

Matthes begriff, dass dessen Abneigung nicht ihm galt, sondern diesem Heißler.

„Nur vom Hörensagen“, krächzte er und räusperte sich sogleich.

„Verzeiht“, meinte der Mann entschuldigend und fuhr sich über den Schnurrbart. „Ich vergaß mich vorzustellen. Mein Name ist Emmerich Thököly.“

Matthes hustete. Thököly!, dachte er aufgewühlt und versuchte, seine Emotionen nicht nach außen dringen zu lassen. Thököly, dieser Hund! Er musste sich beherrschen, dieser Ratte nicht an die Gurgel zu springen und ihm deutlich die Meinung zu sagen.

„Wie ist Euer Name, mein Freund?“, wollte der Fürst wissen. 

„Scheint so, als würde ich nun auf Abdul hören.“ Matthes kam nicht umhin, seinen neuen Namen mit einer verächtlichen Note auszusprechen.

Thököly lachte laut, nickte dann jedoch wohlwissend. „Nun, Abdul, das ist gar nicht schlecht. Es bedeutet, dass der Sultan irgendwann auf Eure Dienste zurückgreifen wird.“

Matthes erwiderte nichts. Stattdessen versuchte er seine Fäuste ruhig zu halten, und unterdrückte den Wunsch, den Fürsten bewusstlos zu schlagen.

„Womöglich, kann ich ja ein gutes Wort beim Sultan für Euch einlegen. Ihr seht so aus, als wärt Ihr ein guter Soldat. Ein lebenshungriger Soldat. Und solche Männer kann ich in meinen Einheiten gebrauchen.“

Nun wurde Matthes hellhörig. „Von welchen Einheiten sprecht Ihr?“, wollte er wissen. „Ihr seid doch ein Gefangener, genau wie ich.“

„O nein, mein Freund. Wir beide …“ Er fasste Matthes vorsichtig bei den Schultern, darauf bedacht, dessen Verletzungen nicht zu berühren, und fuhr mit einem wissenden Lächeln fort: „Wir beide sind keine herkömmlichen Gefangenen. Wenn dem so wäre, hätte man uns längst auf einem Sklavenmarkt verschachert. Der Sultan sieht in uns beiden noch einen Wert – einen Vorteil. Deshalb wird er zu gegebener Zeit auf uns zurückgreifen.“

Matthes kniff irritiert die Augenbrauen zusammen. „Und wann wird dies der Fall sein?“

Thököly schnaubte und ließ die Arme hängen. „Bei mir dauerte es das letzte Mal fast ein halbes Jahr.“

Matthes schluckte. Ein halbes Jahr in Gefangenschaft!

„Doch das Warten lohnt sich“, knurrte Thököly düster. „Und eines schwöre ich: Ich werde es diesem Heißler heimzahlen! Ich werde ihn umbringen! So wahr ich hier stehe! Und ich weiß auch schon genau wie!“

Matthes lauschte still den Hasstiraden des Mannes, den er selbst so sehr verachtete. Des Mannes, der verantwortlich für die Zerstörung der Preßburg sowie vieler weiterer ungrischen Ortschaften und den Tod vieler guter Männer war. Und mit jedem neuen hasserfüllten Wort des Fürsten wurde Matthes erschreckend klar, was der Mann vorhatte. Je deutlicher wurde, wie verheerend die Pläne des Fürsten ausfallen würden, desto entschlossener fasste Matthes den Vorsatz, seine Männer vor dem Vorhaben Thökölys zu warnen.

Er ballte seine Fäuste, bis es knackte. Er wusste noch nicht wie, doch er würde einen Weg finden! So wahr er Matthes von Derfflinger hieß!

 

Kapitel 2 – 8. Dezember 1688

Adrianopel

 

Matthes lag auf dem Rücken auf der Pritsche und zählte die Kerben in der Wand seines Verlieses. Vier Wochen, vier verdammt lange Wochen, saß er bereits in dieser dunklen, miefenden Zelle. Zu seinem Glück hatte ihn bisher keiner der übrigen Kriegsgefangenen, die ihn womöglich erkannt hätten, verraten.

Die Stunden und Tage flossen zäh dahin. Was hätte er dafür gegeben, die Sonne auf der Haut und den Wind in den Haaren zu spüren!

Matthes setzte sich auf den Rand seiner Pritsche und fuhr sich müde über den dichten, struppigen Bart. Wie so oft zermarterte er sich das Hirn, wie er die Garnison von Heißler vor dem Vorhaben Thökölys warnen könnte. Doch solange er sich in Gefangenschaft befand, waren ihm die Hände gebunden.

Matthes hatte den Grafen als einen ruhigen, liebenswerten Menschen mit Einfühlungsvermögen kennengelernt. Der Mann verfügte über einen scharfen Verstand und einen geübten Schwertarm. Und dennoch war sich Matthes der ernsten Lage, in der sich Heißler befand, nur zu sehr bewusst.

Als er Poltern und das Klappern von Schlüsseln vernahm, stand er auf und straffte die Schultern. Er wollte nicht wie ein Häufchen Elend wirken, er wollte auch unter widrigsten Umständen Stärke zeigen.

Die Tür schob sich knarrend auf und ein bärtiger, stämmiger Soldat trat ein. „Giaur!“, brüllte er Matthes an, der bereits wusste, dass dies die allgemeine Bezeichnung für einen Ungläubigen war. „Der Sultan verlangt nach dir!“

Matthes nickte erleichtert. Es war nicht der Folterknecht, der erneut nach ihm verlangte, um ihm die Haut aufzuschlitzen, zu verbrennen oder die Gliedmaßen zu strecken und so an Informationen über das preußische Heer zu gelangen.

Gehorsam folgte Matthes dem Soldaten über die Gänge der Katakomben, bis sie über eine breite Treppe das Kerkerloch hinter sich ließen. Genussvoll sog er die kalte Winterluft ein. Er roch das Brennholz der Öfen und Badehäuser und wünschte sich sogleich bei der nächsten kalten Böe an ein wärmendes Feuer. Eine schwere Tür wurde geöffnet und strahlendes Sonnenlicht blendete ihn. Blind stolperte er die letzten Stufen empor und fing ungelenk sein Gewicht auf. Sofort packten ihn zu beiden Seiten zwei starke Arme und rissen ihn mit sich. Hilflos und vor Scham über seine Schwäche gepeinigt, blinzelte er erneut gegen das viel zu helle Sonnenlicht. Schemenhaft erkannte er einen riesigen Platz, umsäumt von kolossalen Torbögen und fast genauso hohen Zypressen. Es war ein schmuckloser Ort, stellte Matthes überrascht fest. Aus den Augenwinkeln registrierte er einige Reiter. Es waren keine Türken, wahrscheinlich Italiener, ihrer eleganten Kleidung nach zu urteilen. Vielleicht an der Küste Gestrandete.

Die Männer zügelten ihre Gäule und sprangen hektisch von deren Rücken. Auch seine beiden Häscher schienen von einer plötzlichen Unruhe erfasst und trieben ihn zur Eile an. Befehle wurden gerufen, die Matthes nicht verstand. Der Griff um seine Arme wurde noch fester, jemand packte ihn im Nacken und zwang ihn auf die Knie. Sein Kopf wurde auf die kalten Fliesen gedrückt, wo er bewegungslos verharrte. Plötzlich war es mucksmäuschenstill. Ein kalter Schauer überlief Matthes’ Körper. Niemals hätte er geglaubt, dass es in Konstantinopel jemals so kalt sein könnte. Nur kurz durchzuckte ihn eine Erinnerung wie ein Blitzstrahl und er schloss stöhnend die Augen.

 

Weiße, glitzernde Flocken fliegen durch die kalte Winterluft.

Matthes spürt Yanas bewundernde Blicke auf sich ruhen.

Sie saugt die kalte Schneeluft in sich auf, schließt die Augen und lässt ihr Gesicht von den Sonnenstrahlen streicheln. Wohlig seufzt sie auf, als Matthes’ leises Lachen sie die Stirn krausziehen lässt. Irritiert blinzelt sie in die Mittagssonne und sieht ihm in die Augen. Matthes verzieht die Mundwinkel zu einem Schmunzeln und bemüht sich, nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Verstohlen blickt er sich um und als er sicher ist, dass sie das Dorf weit genug hinter sich gelassen haben, nimmt er sanft ihre Hand und drückt seine Lippen auf ihren Handrücken. Sie lächelt ihn an. Er fühlt ihre kleine Hand in seiner, als sie über die schneebedeckten Felder laufen, vorbei an weiß gezuckerten Tannen. Der Neuschnee glitzert in der Sonne wie funkelnde Diamanten und vertreibt jegliche Ängste und Sorgen der Zukunft.

 

Die Kälte der Fliesen fraß sich in Matthes’ Körper. Er zitterte und in seiner Kehle hatte sich ein fester Knoten gebildet. Blinzelnd öffnete er die Augen und kämpfte gegen das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Seine Augen gewöhnten sich an das Sonnenlicht und er erkannte die drei Reiter, die nun ebenfalls in demütiger Haltung mit der Stirn auf dem Boden verharrten. Der Sultan!, durchfuhr es ihn. Dies konnte nur bedeuten, dass der Sultan zugegen war. Denn dem Schehzade, dem Prinzen, und der Valide Sultan, der Sultansmutter, war es niemals gestattet, den Harem zu verlassen. Das hatte Matthes in all der Zeit als Gefangener bereits herausgefunden. Und um wen sonst noch hätte man einen solchen Wirbel gemacht?

Matthes wollte den Kopf heben, um zu sehen, was hier vor sich ging, denn der Sultan war für gewöhnlich nicht in solchen Teilen des Palastes anzutreffen. Doch gerade als er das Knarren der Tore und das Klappern der Schritte auf dem Marmor vernahm, registrierte er eine Bewegung in den Augenwinkeln. Überrascht schielte er in Richtung der drei Reiter, als ihn etwas blendete. Der kleinste und wahrscheinlich jüngste der Männer – Matthes schätzte ihn auf höchstens zwanzig Jahre – hielt etwas in den Händen. Der Gegenstand funkelte auffällig im Sonnenlicht. Doch außer ihm schien es niemand zu bemerken.

Die Schritte der Gefolgschaft des Sultans kamen näher, ein Sprecher bestätigte die Ankunft des Herrschers. Matthes fixierte den jungen Mann mit der Waffe, der nervös auf den Knien herumrutschte. Auf einmal sprang der Mann auf, und Matthes wurde augenblicklich bewusst, was dieser vorhatte. Ohne zu überlegen, riss Matthes sich aus dem Griff der Soldaten, die plötzlich aufgeregt durcheinanderschrien und ihn zu fassen versuchten. Matthes ließ sich jedoch nicht aufhalten, sprang über die Balustrade der überdachten Laubengänge und stürzte sich mit letzten Kraftreserven auf den verdutzten Mann. Matthes schlug ihm seine Faust in den Magen, doch der junge Mann hatte sich rasch gefasst. Zielsicher ließ er das Messer auf Matthes’ Schulter hinabfahren und schrie dabei irgendwelche gehässigen Verwünschungen auf Latein. Matthes fühlte, wie sich die Klinge in sein Fleisch bohrte, doch das hielt ihn nicht davon ab, dem Attentäter seine Faust schmecken zu lassen. Ein gezielter Hieb reichte aus, um den Mann zusammensacken zu lassen. Das Messer fiel klirrend auf den Kies des großen Platzes.

Ehe Matthes überhaupt registrierte, wie ihm geschah, wurde er ergriffen und auf die Knie gezwungen. Man packte ihn am Schopf und bog seinen Kopf brutal in den Nacken. Matthes spürte das kalte Metall des Krummsäbels an seinem Hals. Er fühlte das Donnern seines Herzens und hörte die lauten, aufgebrachten Rufe der Osmanen, die flehentlichen Bitten der italienischen Delegation.

Ein einziges Wort des Sultans reichte aus, und alles verstummte. Schritte kamen auf Matthes zu, doch er nahm alles nur durch einen dichten Nebel wahr. Der Schmerz war plötzlich da, seine Schulter brannte wie Feuer. Die Monate der Tatenlosigkeit hatten sein Kampfvermögen stark in Mitleidenschaft gezogen, stellte er frustriert fest. Ein Schmerzenslaut kam über seine Lippen, als einer der Soldaten noch fester an seinen Haaren riss und ihn auf Türkisch anschrie. Da er die Worte nicht verstand, zwang er sich, die Augen zu öffnen.

Er schnappte nach Luft, als er geradewegs in das feindselige Gesicht des Sultans blickte. Der Herrscher zog die Augen zu kleinen Schlitzen und die Furche zwischen seinen Brauen vertiefte sich noch. Der Sultan zischte bedrohliche Worte und deutete auf den bewusstlosen Italiener, der zu beiden Seiten von einem Soldaten flankiert wurde. Obwohl Matthes nicht verstand, was der Sultan sprach, wagte er den Versuch, sein Verhalten zu erklären. „Er hatte ein Messer. Er wollte Euch umbringen, mein Herrscher“, brachte er mit zusammengepressten Zähnen hervor.

Ein erneuter Schwall aufgebrachter Worte drang an seine Ohren.

„Lüften!“, sprach Matthes laut, was – soviel er wusste – bitte hieß. „Ich spreche die Wahrheit! Lüften, Dragoman!“ Er brauchte den Dragoman, den Übersetzer.

Da trat ein Soldat mit dem Kinn auf der Brust neben den Sultan, in seinen Händen das blutverschmierte Messer des Italieners.

Der Herrscher gab einen sonderbaren Laut von sich und erblasste sogleich. Mit einer gebieterischen Handbewegung und einigen gebellten Worten drehte er sich um und verschwand mit seiner Gefolgschaft auf demselben Weg, wie er gekommen war.

Der Griff um Matthes’ Nacken lockerte sich, das kalte Metall an seinem Hals verschwand, doch die Angst und der Schmerz in seinen Eingeweiden blieb. Warum holte man nicht den Dragoman? Sein Herz raste, Panik ergriff ihn, als die Soldaten ihn weiter mit sich zogen. Die drei Italiener wurden ebenfalls gefesselt und abgeführt. Was hatte das zu bedeuten?

 

***

 

Sultan Süleyman zitterte am ganzen Körper. Ihm war mehr als deutlich bewusst, dass er nur knapp einem Attentat entkommen war. Aber ein Italiener? Das schien ihm höchst folgewidrig. Viel eher hätte er ein solches Verhalten aus seinen eigenen Reihen erwartet, von einem Janitschar oder einem der dunkelhäutigen Eunuchen, die zwar gegen weibliche Reize, nicht jedoch gegen ein ordentliches Bestechungsgeld immun waren.

Fahrig fuhr er sich über die verschwitzte Stirn und setzte sich erschöpft auf den Diwan im Thronsaal. Der Appetit war ihm gehörig vergangen und so winkte er die Diener mit den Speisen wieder fort. „Bringt mir Kaffee!“, befahl er. Dieser würde seine Nerven hoffentlich beruhigen.

 

Es dauerte nicht lange, da nippte der Sultan an seinem Lieblingsgetränk und sinnierte über seine missliche Lage, als sich die Pforten des Saales öffneten und ein Diener den habsburgischen Soldaten ankündigte.

Süleyman nickte und forderte die Männer auf, den Gefangenen vorzuführen.

Mit auf dem Rücken gebundenen Armen stießen die Soldaten den Mann in den Raum. Er fiel auf die Knie und verharrte in der Verbeugung auf dem Boden.

Der Dragoman stellte sich mit geneigtem Kopf zwischen den Sultan und den Gefangenen.

„Bringt mir das Messer!“, bellte der Herrscher und erhob sich aus seinen Kissen. Er hob die in ein weißes Tuch eingewickelte Waffe hoch und hielt sie dem Habsburger vor die Nase. Als dieser nicht aufsah, riss ihm einer der Soldaten an den Haaren den Kopf nach oben. Der Mann kniff vor Schmerz die Augen zusammen.

„Jetzt sprecht!“, befahl der Sultan.

Der Dragoman übersetzte die gepressten Worte des Gefangenen, der sichtlich mit seinen Schmerzen zu kämpfen hatte. „Abdul versichert Euch, mein Gebieter, nur des Sultans Wohl im Sinn gehabt zu haben, als er so unbesonnen reagierte. Er sah das Messer in des Italieners Hand und war sich sofort der Gefahr, in der sich mein Gebieter befand, bewusst. Er hielt es für seine Pflicht, den Sultan mit seinem Leben zu beschützen.“

Süleymann stutzte. Er übergab das Messer zurück an seinen Wesir und musterte den Mann vor sich mit vor der Brust gefalteten Armen.

„Ich hatte vor, dich mit einer Gruppe meiner Männer für eine Lösegeldforderung nach Wien zu schicken. Du hättest mit deinem Leben für die Sicherheit meiner Männer garantiert. Doch … jetzt bin ich der Meinung, dass du mir hier, bei Hofe, von weitaus größerem Nutzen bist.“

Als der Dragoman die Worte übersetzt hatte, blickte der Mann voller Entsetzen auf. Süleyman war bewusst, dass der Giaur viel lieber in seine Heimat zurückgekehrt wäre und dass seine Entscheidung für den Mann eher einer Bestrafung glich, denn einer Belohnung für sein mutiges Handeln. Dennoch fühlte sich der Sultan sogleich sicherer, wenn er getreue Männer um sich scharen konnte. Und dieser hier schien ihm offensichtlich wohlgeneigt, ansonsten hätte er nicht sein Leben gerettet.

„Du bist verletzt“, stellte er mit einem Nicken auf dessen blutende Schulter fest. „Ich hätte dir gerne einen Posten in meiner Leibgarde angeboten. Doch dies scheint mir unvernünftig.“

Nun schaute der Mann überrascht auf. Der Sultan wurde sich das erste Mal dessen hellblauen, beinahe durchsichtigen Augen bewusst.

„Ich stelle dich, Abdul, unter die Obhut des Tierpflegers der Menagerie, bis du dich weitgehend erholt hast und eine Aufnahme in meine Leibgarde möglich erscheint. Bis dahin empfehle ich dir, dich ganz dem Islam hinzugeben und deinem Gott Isa abzuschwören.“

Abdul sah dem Sultan fest in die Augen, nachdem der Dragoman übersetzt hatte. „Evet“, sprach der Habsburger. „Inschallah.“

Die Lippen Süleymans kräuselten sich erfreut. Ihm gefiel, was er hörte. „Du lernst schnell, Abdul. Möge Allah dir beistehen auf dem Weg der Erleuchtung.“

Der Sultan wandte sich ab und ließ sich nunmehr zufrieden in die Kissen fallen. „Kümmert euch um seine Verletzungen und bringt ihn zu Ibrahim, dem obersten Tierpfleger. Er soll sich seiner annehmen. Und jetzt schleppt mir den Italiener, diesen Hund, her!“, knurrte er mit kaum verhohlenem Hass in der Stimme.

 

 

Wien

 

Yana war sich sicher, der Schmerz in ihrer Brust würde niemals nachlassen. Die Nachricht von Matthes’ Tod hatte ihr jegliches Gefühl geraubt. Alle Hoffnung, den geliebten Hauptmann jemals wieder zu sehen und nach Aregs Tod womöglich gar eine Zukunft mit ihm aufzubauen, war gänzlich zerschlagen.

Seufzend fuhr sie sich über den Nasenrücken, legte die Finanzbücher des Blauen Flascherls beiseite und blickte verloren aus den beschlagenen Butzenscheiben.

Wie gewöhnlich drang das laute Treiben der Stadt durch die Fenster an ihre Ohren.

Die Stadt erblühte zu neuem Leben, von den Schrecken der Belagerung der Stadt durch die Türken war nichts mehr zu sehen und zu spüren. Der Bürgermeister Schuster hatte seine Sache gut gemacht. Und auch sein Nachfolger Fockhy schien auf den Fortschritt der Stadt bedacht. Er führte neue Reformen ein, sorgte für eine funktionierende Straßenbeleuchtung und die neue Feuerordnung hatte schon viele Menschenleben gerettet.

Aber das alles änderte nichts am Umstand, dass sie jeden Tag an ihre Grenzen stieß. Niemand wollte mit der jungen Witwe des Kaffeesieders Areg Theodat Geschäfte machen. Niemand war bereit, ihr die dringend benötigten Waren, insbesondere Kaffee, Mandeln und Honig, zu verkaufen. Sie wollten schlichtweg nicht mit einer Frau verhandeln.

Wie immer, wenn sie an diese himmelschreiende Ungerechtigkeit dachte, zog sich ihre Stirn kraus.

„Belgrad“, sprach sie ihre Gedanken laut aus. Georg Kolschitzky hatte ihr geraten, nach Belgrad zu reisen und dort Kaffee zu kaufen. Die Idee war gut. Das Einzige, was sie davon abhielt, war die lange Reise. Es brach ihr das Herz beim Gedanken, ihre kleine Tochter Ayla allein zu lassen. Auch Seda, Johannes’ Frau, und deren drei Kinder lagen ihr am Herzen und sie befürchtete, dass Seda nicht dazu in der Lage war, für sich, ihre Kinder und das Kaffeehaus zu sorgen.

Gohar, Johannes und ihr eigener Vater waren offiziell die Besitzer des Kaffeehauses gewesen, welches sie von ihrem gemeinsamen Vater geerbt hatten. Yanas Vater war jedoch schon lange tot, und Johannes galt als vermisst. Er war auf der Flucht und niemand wusste, ob er überhaupt noch am Leben war. Gohar war eine Frau und somit ging ihr Besitz direkt auf ihren Sohn Areg über. Doch Areg war tot und der nächste männliche Verwandte war dessen Cousin, Samuel. Doch Samuel, Sedas Ältester, zählte erst elf Jahre und er konnte die Verantwortung für das Blaue Flascherl unmöglich schon übernehmen. Er besuchte, genauso wie sein jüngerer Bruder Narek, die Jesuitenschule und kam nur selten nach Hause. Also hing alles an ihr, an Yana, der Witwe des jungen Theodats. Sie war fest entschlossen, ihre Sache gut zu machen, bis Samuel alt genug war, um die Geschäfte zu übernehmen.

Yana musste für Nachschub für das Blaue Flascherl sorgen, es blieb ihr also gar nichts anderes übrig, als dieses Wagnis einzugehen.

Seufzend erhob sie sich aus Aregs altem Arbeitsstuhl, der ein ächzendes Quietschen von sich gab. Sie vermisste Areg. Sie vermisste seine unbekümmerte Art und seine Begabung, sie stets zum Lachen zu bringen.

Nicht minder stark vermisste sie aber auch ihren Hauptmann. Den grantigen Bären, ihre erste große Liebe. Aber keiner der beiden würde je zu ihr zurückkehren … Der Tod hatte sie ihr alle genommen.

Sie kämpfte gegen die Erinnerungen und den Schmerz in ihrem Herzen, als es an der Tür klopfte.

Auf ihr hastiges „Herein“ trat ein gut gelaunter Georg Kolschitzky in das Arbeitszimmer. Theatralisch lüpfte er den Hut, küsste Yana die Hand und ließ sich schwungvoll auf einem der gepolsterten Sessel nieder.

„Was gibt es Neues an vorderster Front des Blauen Flascherls?“, fragte er und kreuzte galant die Beine.

Yana trat auf ihn zu und lehnte sich mit verschränkten Armen an den massiven Schreibtisch. „Erinnerst du dich an unser Gespräch

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Mia Mazur
Bildmaterialien: Fotolia: Coffee in Turkish style © yuliakotina / Portrait of a beautiful woman in traditional clothes of India ©Diana Savich - stock.adobe.com
Cover: Mia Mazur
Lektorat/Korrektorat: Gaby Hoffmann
Satz: Mia Mazur
Tag der Veröffentlichung: 28.02.2020
ISBN: 978-3-7487-3059-0

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