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Hesse und der Lutscher

Hesse und der Lutscher

 

"Das Paradies pflegt sich erst dann als Paradies zu erkennen zu geben, wenn wir daraus vertrieben wurden."(Hermann Hesse)

 

Dieser elegante Satz von Hermann Hesse vermittelt lediglich die allgemein bekannte Binsenweisheit: „Man weiß etwas erst zu schätzen, wenn es weg ist“. Wenn ein Mensch geht, der einem Tag für Tag das Leben leichter und schöner gemacht hat, wenn ein nützlicher Gegenstand kaputt ist oder ganz banal, wenn der Lolli-Lutscher irgendwann mal ausgelutscht ist, erkennt man die bittere Süße auf der Zunge, die langsam schwindet und nie wieder zurück kehrt. Ich wähle das Beispiel des Lutschers nicht willkürlich. Diese süße Metapher wird mir später noch dienlich sein.

Hesse fand sein Paradies am Ende seiner Tage in Italien, in einem Haus, das er von einem seiner Gönner geschenkt bekommen hatte. Den Garten dieses Hauses pflegte er bis an sein Lebensende und fand zwischen seinen geliebten Pflanzen Ruhe und Muße, um zu malen oder Briefe zu beantworten, die ihm seine Leser zahlreich schickten. Sein Paradies erkannte Hesse also nicht nachdem er es verloren hatte, sondern bereits davor, oder besser gesagt, während er darin verweilte. Also stimmt der oben zitierte Satz nur bedingt. Vielmehr beschreibt er die ersten Schritte und Fehltritte auf der Suche nach dem Paradies. Am Ende, oder trefflicher gesagt, mit steigender Lebenserfahrung, kann man diesem äußerst unangenehmen Phänomen der Paradiesverlusterkennung sehr effektiv entgegenwirken. Sie werden sich fragen, wie? Nun lesen Sie weiter, vielleicht ist Ihr Paradies näher als Sie es glauben.

Mit meinen vorigen Überlegungen stellt sich nur heraus, wie es bei viele hesse'schen Weisheiten der Fall ist, dass sie nur für junge Menschen zu gelten scheinen. Nicht umsonst sagte ein gewisser Herr Ranicki einmal, dass man Hesses Werke am besten dreimal im Leben lesen sollte, weil sie in jeder Lebensphase eine andere Wirkung entfalten. Also, verzeihen Sie mir, wenn ich aus meiner bescheidenen jungen Sichtweise zu urteilen wage.

Wie man unschwer erkennen kann, bezieht sich Hesse auf die biblische Geschichte von Adam und Eva, die aus dem Paradies vertrieben wurden. Dieser Aspekt verleiht seiner Aussage eine weitere Dimension. Dadurch lassen sich zahlreiche andere Assoziationen entwickeln als nur die eine kleine Wahrheit der Binsenweisheit, z.B. die Erbschuld, die Frage nach dem wirklichen Wert des Paradieses oder überhaupt die Frage nach den Möglichkeiten der Menschheit aktiv im Paradies zu bleiben, denn das Paradies – nicht wir – pflegt sich zu zeigen. Doch solche Überlegungen überlasse ich lieber den erfahreneren Philosophen mit genügend Bibelfestigkeit und Muße, diese vorzuführen.

Vielleicht ist es nicht die beste Art, gleich am Anfang all das aufzuzählen, was ich Ihnen nicht zu erklären in der Lage bin. Doch hilft mir das, meine Überlegungen einzugrenzen und zu präzisieren, ohne dabei wichtige Punkte außer Acht zu lassen. Aber nun genug der Erklärungen und Entschuldigungen. Wir wollen uns dem wirklichen Gehalt dieses Satzes widmen. Und natürlich dürfen wir nicht den Lolli-Lutscher vergessen. Sie fragen sich sicherlich, was ich damit vorhaben könnte. - Geduld.

Es kann vorkommen, und mir scheint dieser Fall sogar der häufigere zu sein, dass man den Wert einer Sache schon erkennt oder erahnt, bevor man sie besitzt. Stichwort: Vorfreude. Wenn man auf ein Ziel hinarbeitet oder sich etwas sehr wünscht, dann wird das ganze Gemüt von dem Wunschgedanken eingenommen. Ja, man sagt nicht umsonst, um hier noch eine weit verbreitete Weisheit in die Manege zu führen: „Vorfreude ist die schönste Freude.“ Ich denke, dass die Liebe, oder konkreter, das Verknalltsein, das beste Beispiel für echte Vorfreude ist. Denken Sie nur an das Gefühl, wenn man verliebt ist und sich vorstellt, mit dem Menschen der Begierde zusammen zu sein. (Natürlich ist Liebe nicht nur Vorfreude, aber in einer abgewandelten und verallgemeinerten, vereinfachten und in eine Schublade gesteckten Weise ist sie es schon.)

Nun habe ich die beiden Extreme ausgeführt, nämlich das Extrem des Verlustes, also das Gefühl danach, und das Extrem der Vorfreude, also das Gefühl davor. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was mit der goldenen Mitte ist. Ist sie es überhaupt wert, golden genannt zu werden?- Meine klare Antwort: ja! Wieso? Um diese Frage zu beantworten, muss ich wieder differenzieren und die Mitte in zwei Teile aufsplitten. Erster Teil: Die Mitte des vorfreudig Erlangten. Zweiter Teil: Die Mitte des verlustig Gewordenen (auch wenn hier das Wort lustig vorkommt, ist es alles andere als lustig, wobei man auch sagt, dass allem Traurigem und Tragischem auch etwas Komisches beiwohnt. Doch das wäre wieder zu weit ausgeholt und dafür reicht der Platz in dieser Klammer nicht aus, die ich möglichst klein halten wollte). Erster Teil: Nachdem man etwas erlangt, was man lange Zeit angestrebt hatte – der subjektive Wert steigt mit der präventiven Vorleistung –, fällt der Enthusiasmus ab oder anders gesagt, das Interesse schwindet. Das ist je nach Sache unterschiedlich, aber der Trend ist immer derselbe: abwärts. Als Beispiel will ich ein sehr plakatives, aber jedem bekanntes Beispiel aufführen: der neue Lebensabschnittspartner. (Damit bleibe ich auch beim oben aufgeführten Beispiel für Vorfreude.) Zuerst ist man verliebt, euphorisch, begeistert, doch mit der Zeit nimmt der Hormonspiegel ab und, naja, Sie wissen, was dann passiert. Damit komme ich auch schon zum zweiten Teil: die goldene Mitte. Die Gewohnheit kehrt ein, man sieht seinen Partner als etwas Selbstverständliches an und behandelt ihn auch so. Dadurch kommt es zwangsläufig zu Konflikten. Hier erkennen wir auch ganz deutlich den abwärts Trend, der schließlich im Verlust endet.

Damit haben wir vier separate Stufen definiert, die, um bei Hesses Vokabular zu bleiben, die Zeit vor dem Paradies (Vorfreude), die erste Zeit darin (erster Teil), die Zeit kurz vor dem Verlassen (zweiter Teil) und die Zeit danach (Verlust) erklären. Aber was nützt uns das? Wir wissen, wie die Sachlage ist, aber nicht, welche Erkenntnisse wir aus ihr gewinnen können. Ich tue mich auch sehr schwer damit, hier Lösungswege vorzuschlagen, da ich damit nicht jedem Fall gerecht werden kann und sehr gut weiß, dass man nicht alles, was im echten Leben passiert, so schön und theoretisch in vier Stufen aufteilen kann. Das Leben ist keine philosophische Überlegung. Angenommen, es wäre eine … würde man dann nicht überall grübelnde Menschen sehen, die versuchen alles zu verstehen? Nein, denn dann gäbe es auch nichts zu verstehen, alles würde nur eine Überlegung sein, also nichts, was man praktisch umsetzen kann. Was wäre das für eine Welt? An dieser Stelle würde ich gerne einen Schriftsteller zitieren, dessen Name mir leider entfallen ist. Dadurch verliert sein Zitat aber nicht an Wert. „Ein Mensch, der sein Leben nur mit Philosophie verbringt, erscheint mir demjenigen gleich, der sich nur von Meerrettich ernährt.“

Ich möchte meine Annahmen mit einem weiteren Gedanken von Hesse beenden. „Das, was wahr ist, und wie das Leben eigentlich eingerichtet ist, das muß ein jeder sich selber ausdenken und kann es aus keinem Buch lernen.“

Also, lassen Sie uns weniger nachdenken und nach Wahrheiten suchen. Wir können kein Paradies halten, egal wie viel wir darüber wissen. Was wir tun können, ist leben und scheitern, gewinnen und verlieren, lernen und weitergeben, denn keine Weisheit und kein Besitz sind ewig. Und wie sollte es anders sein in einem Text voller Zitate und Binsenweisheiten? - Natürlich, der letzte Satz ist eine Kombination aus beiden: „Das Geld ist nicht weg.- Es hat nur jemand anderes.“

 

PS: Natürlich will ich mein Versprechen einhalten und Ihnen erklären, welche Funktion der Lolli-Lutscher in meinem Text hat. Es ist ganz einfach: er ist ein praktisches Beispiel für Vorfreude oder besser gesagt, Neugierde, die Sie beim Lesen vielleicht verspürten. So gesehen, um mit meinem vierstufigen Modell zu sprechen, ist der Lolli Stufe eins, also die Aussicht auf etwas, ein Lockmittel zur Vorfreude, dieser Text ist Stufe zwei und drei, also die Phase des Habens oder des aktiven Wahrnehmens (in diesem Fall ist das Lesen dieses Textes das aktive Wahrnehmen), und Stufe vier werden Sie genau dann erreicht haben, wenn Sie den letzten Satz dieses Textes gelesen haben.

 

Impressum

Bildmaterialien: http://www.torange-de.com/photo/17/13/Gro%C3%9Fe-Lutscher-1359013004_35.jpg
Lektorat/Korrektorat: CaroRox
Tag der Veröffentlichung: 14.07.2013

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