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Nächster Halt: Kronprinzenstraße

Die Straßenbahn schlingerte durch eine Kurve. Schlagartig war ich hellwach. Meine erschrockenen Augen vernahmen, dass es zu regnen begonnen hatte. Fette Tropfen seilten sich an denknarrenden Scheiben ab und fielen dann auf die vorbeirauschenden Schienen, da sie der ständig zunehmenden Geschwindigkeit der Straßenbahn nicht mehr trotzen konnten. Ich hasste es, wenn es regnete, das Wetter passte jedoch zu diesem Tag, eigentlich war es ein krönender Abschluss.

 

 Ich hatte am Nachmittag meinen Job verloren, Kündigung aus betrieblichen Gründen, mein Posten wurde einfach dem Erdboden gleichgemacht.

 

„Das Unternehmen muss halt sparen!“, erzählte mir jemand aus dem Vorstand, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, während er fein säuberlich seine Krawattennadel zurechtrückte und mir mit einem arroganten Zahnpastalächeln stolz seinen Nadelstreifenanzug präsentierte. Insgesamt 38 Leute mussten heute gehen. Allesamt saßen wir nun auf der Straße – und all das nach so vielen Jahren. Ich war wütend auf die ganze Welt, vor allem jedoch auf diesen arroganten Schnösel mit seinem widerlichen Lächeln. Ich war aber auch sauer auf mich. Immer wieder stellte ich mir die Frage „Weshalb gerade ich? Ich war doch nicht so schlecht in meinem Job, oder?“ Darauf bot sich mir keine Antwort, führte dazu, dass ich mich von Sekunde zu Sekunde schlechter fühlte. Bestimmt würde ich keine Beschäftigung mehr finden und müsste von nun an mein Leben als Arbeitsloser verbringen.

 

 An der nächsten Haltestelle stieg ich aus – Kronprinzenstraße! Ich wusste, dass es in der Nähe eine gute Kneipe gab, in der man seinen Frust leicht im Bier ersaufen konnte. Verflixte Scheiße, es regnete noch immer. Völlig durchnässt stand ich vor der Tür der Location. „Heute Ruhetag!“

 

 „Mist!“, dachte ich und lief weiter durch die Straßen – beinahe ziellos. Dann entdeckte ich einen Supermarkt. Ich ging hinein, kaufte eine Flasche Wodka und ein paar Kippen und setzte mich damit auf eine Parkbank. Nass war ich eh schon genug, der Regen geriet mehr und mehr in den Hintergrund.

 

 Nach einer halben Flasche wurde mir übel. Ich stand auf und ging ein Stück, mein Mantel war vom Wasser schwer wie Blei. Doch auch das war mir einerlei. Ich wusste, dass ich am Ende war. Schluss, aus, vorbei!

 

„Du kannst dich schon einmal daran gewöhnen, wie ein Penner durch die Straßen zu laufen, du Versager“, rief mir meine innere Stimme zu.

 

„Nein! Das werde ich nicht zulassen. Soweit lasse ich es nicht kommen. Ich werde nicht als Versager enden! Niemals!!!“

 

Kurzerhand taumelte ich zur nahegelegenen Autobahnbrücke. Für einen Moment blieb ich stehen und schaute auf die nasse Fahrbahn, auf der eine ewig lange Blechschlange ihr Abblendlicht in die Tropfen setzte.

 

„Wenn ich jetzt springen würde ...“, flüsterte ich mir selbst zu, „... dann gäbe es keine Probleme mehr.“

 

Ich lachte und zündete mir eine Zigarette an.

 

„Rauchen ist ungesund!“, las ich auf der Schachtel.

 

„Na und? Ist doch egal, wenn ich draufgehe!“

 

Dann stellte ich mich auf die Brüstung. Meine Hände zitterten, mein Herz schlug wie wild.

 

„Gleich wird es ruhig sein!“, dachte ich, schloss die Augen und spürte, wie ich fiel.

 

 Plötzlich schlingerte die Straßenbahn heftig durch eine Kurve. Erschrocken schlug ich die Augen auf. Eine ältere Dame saß mir gegenüber und lächelte mich an.

 

„Sie haben wohl schlecht geträumt?", fragte sie mich.

 

Ich schaute sie verdutzt an, zuckte mit den Schultern und stand auf. Sonnenstrahlen kitzelten mich freundlich durch die großflächigen Scheibenfronten.

 

 „Nächster Halt – Kronprinzenstraße!“

 

Dort stieg ich aus.

 

 

Ihr Autor Frank Böhm

„Ich schreibe diese Zeilen – weil sie in meinem Inneren weilen.“

 

Das ist der Leitsatz des in der Nähe von Bielefeld geborenen Autors Frank Böhm. Abgesehen von lyrischen Texten, Märchen, Poesie und Kurzgeschichten diverser Genres, sind auch ständig größere Projekte geplant. Viel wird noch nicht darüber verraten, immerhin soll es ja spannend bleiben.

 

Häufig kann man den vor mehreren Jahren nach Schleswig-Holstein verzogenen Frank Böhm auf weihnachtlichen Lesungen in Altenheimen antreffen. Dort konnte er sich bereits eine kleine, aber feine Stammhörerschaft aufbauen, die ihn jährlich immer wieder bucht.

 

Zu weiteren Veröffentlichungen von Frank Böhm befragen Sie am besten die Suchmaschine Ihres Vertrauens.

 

 

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Texte: alle Rechte beim Autor
Bildmaterialien: Cover by pixabay.de
Tag der Veröffentlichung: 20.09.2013

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