Cover

Leseprobe

 

 

 

 

JOHN DICKSON CARR

 

 

Das Zimmer

der roten Witwe

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 76

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

DAS ZIMMER DER ROTEN WITWE 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Siebzehntes Kapitel 

Achtzehntes Kapitel 

Neunzehntes Kapitel 

Zwanzigstes Kapitel 

 

 

Das Buch

Das Zimmer im Hause Lord Mantlings wurde seit Jahrzehnten nicht benutzt. Hier wohnt nur einer: der Tod.

Bereits vier Menschen kamen darin um, doch nun will der Hausherr den Bann brechen - mit Hilfe von Ärzten, Wissenschaftlern und Kriminalisten. Lange harrt eine mutige Versuchsperson im Mordzimmer aus, in ständiger Sprechverbindung mit den Beobachtern. Dann öffnet man die Tür - und entdeckt, dass man seit einer Stunde mit einer Leiche spricht!

Hat die Rote Witwe abermals einen zu sich ins Grab geholt?

 

John Dickson Carr (* 30. November 1906 in Uniontown, Pennsylvania; † 27. Februar 1977 in Greenville, South Carolina) war ein amerikanischer Autor von Kriminalromanen. Er schrieb auch unter den Pseudonymen Carter Dickson, Carr Dickson und Roger Fairbairn.

Der Roman Das Zimmer der roten Witwe erschien erstmals im Jahr 1935; eine deutsche Erstveröffentlichung folgte 1951.

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

   DAS ZIMMER DER ROTEN WITWE

 

 

 

 

 

   

  Erstes Kapitel

 

 

Als Dr. Michael Tairlaine an jenem Abend im März den Autobus bestieg, schlug sein nicht mehr ganz junges Herz weniger ruhig als gewöhnlich. Der würdige Inhaber des Lehrstuhls für Englisch war, um genau zu sein, so gespannt wie ein Knabe beim Räuberspiel.

Diesen angenehmen Gemütszustand verdankte er seinem Freund Sir George Anstruther, dem Direktor des Britischen Museums, der ihn am Nachmittag aufgesucht hatte und der schuld daran war, dass Tairlaine seine warme Wohnung in Kensington verlassen und sich in den Nebel hinausbegeben hatte, einem unbekannten Abenteuer entgegen.

Tairlaine sah George deutlich vor sich, wie er die kalten Hände dem Feuer entgegenstreckte und, wie es seine Art war, ganz unvermittelt seine Gedanken in Worte fasste.

»Glaubst du«, fragte er ohne alle Umschweife, »dass ein Zimmer töten kann?«

Tairlaine gab ihm einen Whisky-Soda. Er hielt Georges Frage lediglich für den Anfang einer philosophischen Erörterung, die dem Freunde am Herzen lag.

Doch bevor er etwas äußern konnte, fügte George beinahe brüsk hinzu: »Warte, ich weiß, was du sagen willst. Du willst erst einmal die Begriffe festlegen; aber es handelt sich nicht um tiefsinnige Dinge. Ich meine buchstäblich, was ich sage. Glaubst du, dass ein Zimmer töten kann?«

»Ein Zimmer oder eine wirkende Kraft in dem Zimmer?«, fragte Michael Tairlaine zurück.

»Du denkst natürlich sofort an Gespenstergeschichten«, knurrte George. »Davon ist keine Rede. Es handelt sich weder um irgendwelche Geister noch um ein menschliches Agens wie zum Beispiel einen Mörder. Ich will mich deutlicher ausdrücken: Kann deiner Meinung nach ein Zimmer so tödliche Eigenschaften haben, dass eine Person, die sich darin zwei Stunden aufhält, stirbt?«

In Michaels neugierigem, unersättlichem Hirn regte sich etwas. Er paffte seine Pfeife und betrachtete seinen Freund, der mit dem Glas in beiden Händen und tief gefurchter Stirn am Kamin saß. Gemessen antwortete er: »Vor einem Jahr hätte ich diese Frage verneint. Heute neige ich mehr zum Agnostizismus. Sprich weiter. Woran würde diese Person sterben?«

»Vermutlich an Gift.«

»Vermutlich?«

»Das sage ich, weil niemand etwas Bestimmtes weiß, und weil es die einleuchtendste Erklärung zu sein scheint. Der letzte Mensch, den dieses Zimmer tötete, starb vor ungefähr achtzig Jahren, und damals steckte die Obduktion noch in den Kinderschuhen, und die Medizin kannte die Gifte viel weniger als heute. Plötzlicher Tod, schwärzlich verfärbtes Gesicht - das kann alles Mögliche bedeuten. Der springende Punkt ist, dass in dem Zimmer überhaupt kein Gift war.«

»Hüll’ dich doch nicht fortwährend in Geheimnisse!« Leicht gereizt klopfte Michael seine Pfeife aus. »Wenn du eine Geschichte zu erzählen hast, dann erzähle sie gefälligst.«

George sah ihn nachdenklich an. Dann grinste er auf einmal. »Ich habe einen besseren Einfall. Du sollst es selbst erleben. Pass auf, alter Junge. Erinnerst du dich noch an unser Gespräch in der Eisenbahn, als du vor einem halben Jahr nach England kamst? Da beklagtest du dich über den Mangel an Spannung und Abenteuern in deinem braven Gelehrtenleben. Was verstehst du unter Abenteuern?, fragte ich. Meinst du richtige gruselige Abenteuer mit Säbeln, die plötzlich auf blitzen, und mit Geflüster: Karo-Sechs, um Mitternacht am Nordturm, und ähnlichem Unsinn? Und du antwortest allen Ernstes...«

»Dass ich genau das meinte. Nun, und?«

George stand auf. »Dann will ich dir sagen, was du tun musst«, erklärte er mit der Miene eines Menschen, der einen Entschluss gefasst hat. »Folge mir, oder lass es bleiben, wie es dir beliebt. Ich stelle nur die übliche Bedingung: Du darfst nichts fragen. Verstanden?«

Michael nickte.

»Also. Heute Abend fährst du mit dem Autobus zur Clarges Street, wo du kurz vor acht aussteigst. Du musst deinen Smoking anziehen, vergiss das nicht. Du gehst dann von dort zur Curzon Street. Punkt acht gehst du auf der Nordseite der Curzon Street an dem kurzen Stück zwischen der Clarges und der Bolton Street vorbei...«

Michael nahm die Pfeife aus dem Mund. Er kam jedoch nicht zu Wort, denn George war schneller. Sehr ruhig fuhr er fort: »Ich meine es ernst. Vielleicht klappt es nicht. Aber ich rechne damit, dass zu dieser Stunde nicht viele Leute auf der Straße sein werden, und ich rechne mit deinem würdevollen Aussehen...«

»Hört, hört!«

»Wenn es aber klappt und wenn du mich dann später zu sehen bekommst, darfst du mit keiner Andeutung verraten, dass ich dich angestiftet habe. Du bist ganz zufällig hineingeraten, verstanden? Also, du gehst dort bis zehn Minuten nach acht hin und her. Wenn sich bis dahin nichts ereignet hat, wird auch nichts mehr geschehen. Mach dich aber auf etwas Sonderbares gefasst, und wenn sich dir jemand mit einem seltsamen Vorschlag nähert, so geh darauf ein. Iss übrigens vorher nicht zu Nacht. Ist das klar?«

»Vollkommen. Auf was für eine Sonderbarkeit soll ich mich denn gefasst machen?«

»Auf irgendetwas Sonderbares«, versetzte George und blickte ausdruckslos in sein Glas.

Mehr hatte Michael Tairlaine nicht erfahren; aber es hatte genügt, dass er außerordentlich gespannt war, als er um zwanzig Minuten vor acht in den Autobus stieg.

London sah unwirklich aus in dem rauchigen weißen Nebel, der alle Lichter verzerrte und die Wagen zu langsamer Fahrt zwang. Er hatte gut daran getan, früh genug aufzubrechen. Es war schon drei Minuten vor acht, als Michael in die Curzon Street einbog. Er hatte Hunger und verwünschte Sir George Anstruther. Trotzdem erinnerte er sich an die erhaltenen Anweisungen, mäßigte seinen Schritt, überzeugte sich, dass Mantel und Zylinder tadellos saßen, und gab sich alle Mühe, kein Gesicht zu machen, als ob er auf ein spannendes Abenteuer aus wäre, sondern würdig und achtbar auszusehen.

Er ging auf die Nordseite hinüber und betrachtete die Häuser, an denen er gemächlich vorbeischlenderte. Sie waren alle gleich groß und ziemlich dunkel bis auf eines, das die andern überragte und dessen Eingang erleuchtet war. Beim Näherkommen sah er, dass dort jemand stand, regungslos, aber in einer Haltung, als ob der Betreffende ihn belauerte.

Michael schlug einen noch langsameren, noch harmloseren Schritt an; doch fühlte er sein Herz gegen die Rippen klopfen. Als er in den Lichtschein trat, kam die Gestalt die Treppe hinunter. Obwohl Michael Tairlaine den ganzen Abend darauf gewartet hatte, durchzuckte ihn jäher Schrecken, als der Mann ihn ansprach.

»Entschuldigen Sie«, erklang es zögernd.

Michael blieb stehen und wandte den Kopf. Er erkannte einen Diener, dessen Gesicht er allerdings nicht zu sehen vermochte.

Der machte eine leichte Gebärde. »Seine Lordschaft lässt sich wegen der Störung entschuldigen«, fuhr der Mann fort; »aber würden Sie wohl einen Augenblick hereinkommen? Seine Lordschaft möchte gern mit Ihnen sprechen.«

Michael spielte den Erstaunten und äußerte etwas Passendes.

»Nein, es ist kein Irrtum«, versicherte ihm der Diener. »Es ist seltsam, ich weiß; aber ein Irrtum liegt nicht vor. Wenn Sie wollen...«

»Sie sind sicher dreizehn bei Tisch«, sagte Michael, der plötzlich die Gereiztheit des Enttäuschten aufsteigen fühlte, »und deshalb sollen Sie den erstbesten Vorübergehenden hereinbitten. Nicht sehr originell. Ich lasse Harun al Raschid grüßen, aber...«

»Nein, Sie täuschen sich, glauben Sie mir«, unterbrach ihn der Mann mit merkwürdigem Ton. »Seine Lordschaft wird sich natürlich freuen, Sie heute Abend zum Essen bei sich zu sehen. Aber ich nehme an, er wünscht Ihre Anwesenheit bei... bei einem Experiment.« Er zögerte und fügte dann sehr ernst hinzu: »Sie brauchen keine Angst zu haben. Dies ist Haus Mantling. Lord Mantling...«

»Ich habe keine Angst«, sagte Michael kurz. »Also gut.«

Er folgte seinem Führer über die Treppen in eine große weißgetäfelte Halle, wo sich die Kälte des achtzehnten Jahrhunderts in allzu viel Vergoldung und Spiegelglas kundtat. Als Michael den Kristalllüster erblickte, fiel ihm das Schlagwort des verstorbenen Lord Mantling ein: »Kauf das Beste.« Der Diener hatte offenbar angenommen, dass ihm der Name Mantling geläufig sei. Jeder kannte diesen Namen. Die Hälfte aller Wollprodukte aus Manchester gehörte ihm. Erst vor drei oder vier Monaten waren alle Zeitungen voll gewesen mit Nachrufen auf den verstorbenen alten Lord. Und sein Nachfolger?

Doch da wurde Michael abgelenkt. Als der Diener ihm Hut und Mantel abnahm, gewahrte er im Hintergrund der Halle die erste Seltsamkeit.

Er gewahrte einen Regen von Spielkarten.

In dem Kronleuchter brannten nur wenige Birnen, und die vollgestopfte Halle lag im Halbdunkel. Gleichwohl sah er neben einer der Türen im Hintergrund rechts ein Lacktischchen, und er erhaschte einen Blick auf eine Gestalt, deren Hand auf dem Tischdien ruhte und die zu der Tür zurückwich. Ob es Zufall oder Absicht war, jedenfalls flogen Karten durch die Luft und fielen verstreut zu Boden. Die Tür öffnete und schloss sich.

Er schaute den Diener an. Der Mann, der ein rundes, ehrlich wirkendes Gesicht hatte, schien nichts bemerkt zu haben. Aber er sah verlegen aus. Er ließ sich Michaels Namen nennen und führte ihn zu einer Tür auf der linken Seite. Er traf keinerlei Anstalten, die Karten aufzuheben, ja, er beachtete sie gar nicht.

»Doktor Michael Tairlaine, Eure Lordschaft.«

Das kleine Zimmer war teils mit Büchern, teils mit Dingen angefüllt, die Michael für Indianerdecken, Trommeln und Kriegstrophäen hielt. Die rotgelben Decken verliehen dem dunklen Eichenholz eine gewisse Aufmunterung, desgleichen der bunte Schirm einer Lampe, die auf einem großen Schreibtisch mit Klauenfüßen stand. Zwei Männer befanden sich im Zimmer: Sir George Anstruther, über dessen Gesicht ein belustigtes Lächeln zuckte, und ein fester, rothaariger Mann, der sich bei Michaels Eintritt vom Schreibtisch erhob.

»Ich muss Sie wegen dieser Szene aus Tausendundeiner Nacht um Entschuldigung bitten«, sagte er mit hohl klingender Herzlichkeit. »Mein Name ist Mantling. Sie sind mein Gast. Na, George?« Sein Lachen dröhnte. »Sie haben doch noch nicht gegessen? Gut! Darf ich Ihnen einen Sherry anbieten? Gut! Um zur Sache zu kommen: Wenn Sie ein paar Stunden Zeit haben und Spannung lieben, kann ich Ihnen versprechen, dass Sie auf Ihre Kosten kommen werden. Was, George?«

Eine auffallende Gestalt war dieser Gastgeber, dessen breite Hemdbrust vor Vergnügen bebte. Er war baumlang, hatte einen dicken Hals und einen gutmütigen Ausdruck. Um seinen großen Kopf ringelten sich rötliche Locken, und das breite Gesicht war mit Sommersprossen übersät. Unter buschigen roten Brauen zwinkerten blaue Augen, und beim Lachen entblößte er fast alle Zähne. Am kleinen Finger trug er einen massiven Opalring, sein Anzug hatte einen vornehmen Schnitt, und er passte sowohl zu den Indianerdecken als auch zu dem englischen Eichenholz.

Mit der Miene eines Verschwörers reichte er Michael und George eine Zigarrenkiste. »Mir gefiel der Einfall«, erklärte er und reckte sich trotzig, »obwohl Guy dagegen war und Bender keinen Gefallen daran zu finden schien. Es ärgert mich nur, dass Judith nichts davon erfahren soll. Na, jedenfalls habe ich heute Abend meinen Spaß.« Er sann vor sich hin. Dann rieb er sich schmunzelnd die Hände. »Nun, sind Sie bereit zu einer kleinen Zerstreuung?«

Tairlaine setzte sich und antwortete: »Ich bin Ihnen dankbar. Aber ich wüsste gern Näheres.«

»Sie wissen also nichts?« Der Blick der blauen Augen konnte, wie Tairlaine feststellte, recht verwirrend sein. »Ich habe Ihren Namen nicht genau verstanden. Doktor Soundso... Etwa Arzt?«

Tairlaine hätte schwören können, dass der Blick jetzt etwas Argwöhnisches hatte. Es blieb ihm jedoch keine Zeit, darüber nachzudenken; denn Sir George mischte sich ein, stellte Tairlaine mit Titel und Würden vor und erwähnte auch, dass sie einander gut kannten.

»Wenn ich es mir überlege«, fuhr George mit der ihm eigenen Treuherzigkeit fort, die oft täuschte, »so wundert es mich gar nicht, dass Sie gerade Tairlaine eingefangen haben, Mantling. Verflixt, jetzt fällt es mir ein. Du sagtest doch, du wolltest heute Abend zu mir kommen, nicht wahr, Michael? Und da ich ein Stück weiter oben wohne... Entschuldige, ich vergaß völlig...«

Eine ungeschickte Ausrede, fand Michael Tairlaine. George hätte es besser gekonnt, wenn er nicht verlegen gewesen wäre; aber er fragte sich, warum George es für notwendig hielt, diesen Mann mit Glacéhandschuhen anzufassen, und weshalb er eigentlich verlegen war.

Mantling war wieder ganz Liebenswürdigkeit. »Sie müssen wissen, ich habe keine Lebensart«, sagte er lächelnd. »War wohl zu lange im Busch. Aber ich mag nun einmal keine Ärzte. Was, George? Obwohl Judith zufällig mit einem solchen Kurpfuscher verlobt ist. Sie wissen also nicht, was hier gespielt werden soll?«

Michael schüttelte den Kopf. »Vielleicht ein Kartenspiel?«

Mantling starrte ihn an. »Wie kommen Sie denn darauf?«

Zögernd erzählte ihm Michael von den heruntergefallenen Karten.

Mantling ging zur Tür und zog an einem Glockenstrang. Dann öffnete er die Tür, als wollte er dem Diener eine Falle stellen.

Sir George nahm die Gelegenheit wahr, Michael schnell zuzuflüstern: »Erwähne um Gottes willen keine Ärzte.«

Michael wusste tatsächlich nicht, ob er träumte, oder ob das Ganze ein Schabernack sein sollte. Mantlings Haltung ließ jedoch an keinen Schabernack denken. Als der Diener erschien, sagte er: »Hören Sie, Shorter, haben Sie gesehen, dass die Karten in der Halle herumliegen?«

»Jawohl, Sir.«

»Nun? Und wie erklären Sie das?«

Der Diener zauderte. »Sie haben wohl auf dem Tisch gelegen, und da muss jemand sie im Vorbeigehen hinuntergeworfen haben. Der Betreffende ist wahrscheinlich ins Esszimmer gegangen. Ich habe die Karten aufgehoben.«

»Wer hat sie hinuntergeworfen?«

»Das weiß ich nicht, Sir.«

»Und wieso lagen die Karten lose auf dem Tisch?«

»Das ist mir schleierhaft. Ich legte ein neues Päckchen mit der Schachtel in die Schublade. Für heute Abend, wie Sie es angeordnet haben. Man muss sie herausgenommen haben.«

»Scheint so«, gab Mantling gedankenlos zurück. Mit seinem Erobererschritt ging er wieder zu dem Schreibtisch und trommelte darauf. »Wo sind eigentlich die andern?«

»Mr. Carstairs und Monsieur Ravelle sind im Salon, Sir. Mr. Bender ist noch nicht heruntergekommen. Auch Mr. Guy und Miss Isabel sind noch oben. Miss Judith ist schon mit Doktor Arnold fortgegangen.«

»Um etwas möchte ich gebeten haben. Schauen Sie zu, dass wir heute Abend ein neues Kartenspiel haben. Neue Schachtel, unversehrtes Siegel. Das ist alles.« Als die Tür sich hinter dem Diener geschlossen hatte, wandte Mantling sich an Michael, der sich zu fragen begann, ob er am Ende in eine Spielhölle geraten wäre. Mantling schien seine Gedanken zu erraten. Lächelnd drehte er den Ring an seinem Finger. »Sie wundern sich wohl, dass ich solche Vorsichtsmaßnahmen treffe. Aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Sie sind nur als Zeuge eingeladen. Man wird Sie nicht auffordern, sich an dem Spiel zu beteiligen.«

»An dem Spiel?«

»Ja. Sie werden begreifen, warum wir uns vergewissern müssen, dass die Karten nicht - gezinkt sind. Wir haben heute Abend ein Spiel vor, das sich als recht gefährlich erweisen kann. Wir werden Karten ziehen, um auszuknobeln, wer von uns im Verlauf von zwei Stunden sterben soll.«

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Wieder dröhnte Mantlings Lachen. Er sah Michael an, als ob er mit ihm einen Versuch machen wollte. Michael gefiel diese Prüfung nicht; er betrachtete einfach seine Zigarre. Wäre Sir George nicht gewesen, so hätte er sich in einem Irrenhaus geglaubt.

Er raffte sich zu einer Antwort auf. »Eine Art Selbstmörderclub?«

Mantlings gespannter Ausdruck wich, und seine Zähne glänzten in einem bewundernden Grinsen. »Gut! Das weiß ich zu schätzen. Nein, es ist kein Selbstmörderclub. Eine Narretei, wenn Sie so wollen; aber mir macht es Spaß. Nun zur Sache.«

»Wird auch Zeit«, knurrte George.

»Langsam«, sagte Mantling kurz. »Ich erzähle auf meine Weise. Mein Bruder Guy ist der Familienforscher und weiß alle Einzelheiten. Er kann Ihnen alles Geisterhafte aufzählen. Aber ich bin das Familienoberhaupt und eröffne den Ball. Dieses Haus wurde 1751 von meinem Urururgroßvater erbaut. Damals hatten wir weder Titel noch Vermögen. Die ganze Sache heute Abend dreht sich um ein Zimmer in diesem Hause - es liegt am Ende eines Ganges, der vom Esszimmer abgeht -, das seit 1876, das heißt, seit dem Tode meines Großvaters, verschlossen und versperrt ist. Niemand hat es seitdem betreten. Niemand hatte Lust dazu. Und vielleicht wäre es dabei geblieben. Blaubarts Zimmer, was? Ich wäre schon immer gern hineingegangen. Als Kind gelobte ich mir feierlich: wenn du einmal alles geerbt hast, wirst du in das Zimmer übersiedeln und dich überzeugen, dass du nicht binnen zweier Stunden stirbst. Aber das verhinderte mein Vater.«

Mantling nickte nachdrücklich und ließ mit einem Knurren der Bewunderung die Faust auf die Schreibtischplatte fallen. »Noch dazu verdammt geschickt! Testamentarische Bestimmung... Mein alter Herr war ein zäher Knabe. Ich erbte zwar alles; aber das Testament bestimmte, dass kein Mensch das Zimmer betreten dürfe, bis das Haus abgerissen würde.«

Er lachte. »Natürlich wollte ich mir nicht mein eigenes Grab schaufeln. Deshalb unternahm ich bis jetzt nichts. Nun aber ist alles anders. Man baut hier in der Gegend lauter Miethäuser und Kinos. Niemand liebt das Haus außer Isabel und Guy, und ich könnte mir für die Steuern, die ich zahlen muss, eine ganze Insel kaufen. Eine große Baufirma bot mir glatte zwanzigtausend nur für das Grundstück. Ich schloss ab. Übernächste Woche wird mit dem Abreißen begonnen, so dass ich also Blaubarts Zimmer aufschließen kann.«

Er stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch, lehnte sich vor und sah Michael unverwandt an. »Jetzt möchte ich Sie etwas fragen. Sie haben doch von meinem Vater gehört. Meinen Sie, dass dieser gewiegte Geschäftsmann abergläubisch war?«

»Da ich ihn nicht persönlich kannte...«

»Dann will ich es Ihnen sagen.« Mantling lachte wieder. »Er war es nicht. Was, George?« Er blickte kurz hinüber, und George nickte. »Er war der vernünftigste Mensch, der sich denken lässt. Trotzdem glaubte er die Geschichte. Und mein Großvater? Der war ebenfalls ein kühler Geschäftsmann von reinstem Wasser, und er glaubte sie nicht nur, sondern starb sogar auf die gleiche Weise wie die andern in dem Zimmer. Deshalb ließ mein Vater es absperren. Ich erzähle Ihnen das, um Ihnen zu zeigen, dass keine Rede von einem Fluch oder ähnlichem Unsinn ist. Es gibt in dem Zimmer keine Ahnfrau oder sonst ein Gespenst. Aber darin hauste - und haust vielleicht immer noch - der Tod. Noch ein Glas Sherry?«

Während er einschenkte, tauschte Michael mit George einen Blick aus. Ruhig fragte er: »Und wie ist die Todesart?«

»Vergiftung«, knurrte Mantling. »Daran ist nicht zu zweifeln. Einer der Knochenschuster sprach von Angst; aber das ist dummes Zeug. Irgendwo muss sich Gift befinden.« Er redete nachdrücklich, wie um sich selbst zu überzeugen, und er zwang seinen Gästen den Sherry auf, als müssten sie ihm unbedingt folgen. »Es ist eine rein wissenschaftliche Frage - wie bei den Ringen, die man in italienischen Museen findet. Sie wissen ja, solch einen Ring trug man am Finger, drückte einem andern die Hand, und der Mechanismus ging los...«

»Aber soviel ich weiß, sind die meisten dieser Vergiftungsgeschichten aus der Renaissance Fabeln oder Übertreibungen«, wandte Michael ein.

»Das stimmt nicht«, legte sich George ins Mittel. »Die heutigen Wissenschaftler stellen gern solche Behauptungen auf, ohne etwas beweisen zu können. Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, dass die Borgias beispielsweise nur Arsenik benutzten. Man braucht sich aber bloß die Requisiten anzusehen, die ja wirklich vorhanden sind. Wie hätten denn die Giftringe wirken sollen, wenn man lediglich Arsenik kannte und benutzte? Arsenik ist im Blutkreislauf ganz unschädlich; ein Stich mit einem arsenvergifteten Gegenstand wäre nicht gefährlicher als mit einem andern, der Salz an sich hat. Und der anello della morte ist älter als Venedig. Hannibal hat sich damit umgebracht, übrigens auch Demosthenes.«

»Na, und?«, forschte Mantling.

George rieb sich die Stirn. »Die Möglichkeit eines starken Giftes, das im Blut wirkt, stelle ich nicht in Frage. Ich sage nur, dass es nicht in dem Zimmer sein konnte. Sie erzählten mir doch, dass Ihr Vater...«

»Darauf komme ich noch«, unterbrach ihn Mantling, der offenbar gern den Mittelpunkt bildete. »Betrachten wir die Dinge erst einmal praktisch. Dieses Haus wurde also 1751 von meinem Vorfahren Charles Brixham gebaut. Ober vierzig Jahre lang gab es nicht die geringsten Geschichten mit dem Zimmer. Charles Brixham soll es als Arbeitsraum benutzt haben. Dann kehrte sein Sohn Charles 1793 mit seiner französischen Frau aus Frankreich zurück. Sie brachte eine üppige Aussteuer mit, Bettvorhänge, geschnitzte und vergoldete Möbel, Schränke, Spiegel. Es wurde ihr Zimmer. Aber er starb dort als erster. Er wurde eines Morgens - 1803, wenn ich mich nicht irre - mit schwarz verfärbtem Gesicht gefunden.«

»Entschuldigen Sie die Unterbrechung«, sagte Michael eifrig, »da war es ein Schlafzimmer?« Er begriff nicht recht, warum Mantling zum Schluss undeutlich geworden war, warum sein Atem schwer ging und sein Gesicht so blass geworden war, dass die Sommersprossen sich noch mehr abzeichneten.

»Es war ein Schlafzimmer«, antwortete Mantling, sich zusammennehmend, als müsste er einen Gedanken verdrängen. »Es enthielt einen großen Tisch und mehrere Stühle, wurde aber als Schlafzimmer benutzt. Warum wollen Sie das wissen?«

»Wurde seine Frau verletzt?«

»Nein. Sie war schon ein Jahr vorher gestorben. An irgendeiner Krankheit, nicht an einer Vergiftung. Dann kamen noch drei Todesfälle. Der zweite Charles - der in dem Zimmer gestorben war - hatte zwei Kinder, Zwillinge, einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter starb in dem Zimmer am Vorabend ihrer Hochzeit, um 1820 herum. Damals kam das Gerücht auf.«

»Einen Augenblick«, fiel George ein. »War das Zimmer inzwischen benutzt worden?«

»Nein. Den Grund weiß ich nicht. Da müssen Sie Guy fragen. Das junge Mädchen war die erste, die seit dem Tode ihres Vaters, vielleicht aus einer Laune heraus, dort schlief. Eine Magd oder sonst jemand kam herein und fand sie tot - knapp zwei Stunden, nachdem das junge Mädchen hineingegangen war. Man munkelte von einem Fluch und dergleichen Unsinn. Das Zimmer wurde abgeschlossen und nicht mehr benutzt, bis ein französischer Geschäftsfreund meines Großvaters herkam und unbedingt darin schlafen wollte. Ha! Der Mann hat sich nicht einmal ins Bett gelegt. Man fand ihn am nächsten Morgen vor dem Kamin. Das war im Jahre 1870. Mein Großvater versuchte es sechs Jahre später. Er sagte, er wüsste eine Erklärung. Aber er starb. Man hörte ihn rufen, erzählte mein Vater. Er lag in Krämpfen und versuchte auf irgendetwas zu zeigen, als man ihn fand. Er konnte nichts mehr sagen.«

Mantling, der auf und ab gegangen war, drehte sich um. »Nun kommt der vertrackteste Punkt. Mein Vater war damals zwanzig Jahre alt und hatte gesunden Menschenverstand. Er tat alles, wozu die Leute schon meinen Großvater gedrängt hatten: er ließ jedes Stück in dem Zimmer, all den französischen Tand, von einem Möbelfachmann untersuchen. Er wandte sich an Ravelle & Cie., damals die größte Firma, die seit unzähligen Jahren solche Sachen hergestellt hatte. Der alte Ravelle kam persönlich aus Paris und brachte zwei erfahrene Mitarbeiter mit. Alles wurde buchstäblich auseinandergenommen und auf Fußangeln, Fallen oder Nadeln hin untersucht. Ein paar Sachen wurden ganz zerstört. Aber...«

»Nichts?«, warf George mit hochgezogenen Brauen ein.

»Nichts. Dann ließ mein Vater Architekten, Baumeister und was weiß ich kommen. Auch diese Leute nahmen eine gründliche Untersuchung vor. Obwohl sie sogar die Teppiche begutachteten und den Kronleuchter abschraubten, wurde nichts gefunden, das eine Fliege hätte verletzen können. Dieses Nichts aber tötete vier gesunde Menschen. Es muss doch eine Erklärung geben. Man kann doch nicht einfach so sterben! Und wir wollen es finden. Heute Abend.« Mantling reckte sich und sah Michael an. »Wissen Sie, was ich unternommen habe? Heute kommen alle zusammen, die an der Sache interessiert sind, dazu zwei Außenstehende. Erstens einmal mein jüngerer Bruder Guy und meine Tante. Dann George Anstruther, den ich schon lange kenne. Bob Carstairs, ein noch älterer Freund von mir - wir waren zusammen im Busch -, ein Mann, der selbst in den schlimmsten Fällen immer einen kühlen Kopf behält, ob mit oder ohne Büchse. Als Vertreter der Technik kommt der junge Ravelle, ein Abkömmling des Möbelfachmanns, der damals hier war. Lauter vernünftige Menschen, weiß Gott! So vernünftig wie - wie ich.« Er begann wieder auf und ab zu gehen. »Dann ist da noch dieser Bender...«

»Wer ist eigentlich Bender?«, unterbrach George.

»Bender? Sie kennen ihn doch. Ein kleiner, dunkler Kerl von sehr guten Umgangsformen. Immer sanft und teilnehmend. Kommt vor allem mit den Frauen ausgezeichnet aus.« Mantling schmunzelte. »Sie haben ihn doch kennengelernt, oder nicht?«

»Doch. Aber ich meine... Was wissen Sie von ihm?«

Mantling blieb stehen. »Was ich von ihm weiß? Nicht viel. Er ist auch so ein Schützling von Tante Isabel, Maler oder etwas Ähnliches. Stammt aus der Provinz oder irgendwoher. Warum?«

»Ach, nur so. Erzählen Sie weiter von Ihrem Plan.«

»Schön. Dann haben wir da noch die beiden Außenstehenden. Der eine sollte aufs Geratewohl gewählt werden. Ich trug Shorter auf, punkt acht Uhr vors Haus zu gehen und die erste... ähem... die erste anständig aussehende Person, die vorbeikomme, anzureden und zum Nachtessen einzuladen.« Mantling nickte. »Das sind Sie, Doktor Tairlaine. Der zweite wurde richtig ausgesucht, er sollte längst hier sein, der verflixte Kerl. Ich nenne Ihnen nur seine Initialen, das wird genügen. Sie haben doch schon von S. M. gehört?«

Es gab Michael einen Ruck. »Meinen Sie etwa Sir Stanley Merrivale? Den großen Mann vom Geheimdienst?«

»Jawohl, die alte berühmte Schnüffelnase. Die Kanone. Der beste Pokerspieler, den ich kenne«, sagte Mantling befriedigt. »Ich machte seine Bekanntschaft im Diogenes-Club. Er kommt. Und wenn an dieser Sache etwas anrüchig ist, wird er es merken.«

Michael kannte den Namen aus zwei Quellen. Sein Freund John Gaunt hatte ihn mit einer bei ihm seltenen Bewunderung erwähnt, außerdem ein ehemaliger Kommilitone, der Sir Stanley Merrivale über den grünen Klee gepriesen hatte.

Mantling fuhr fort: »Wenn er da ist, gehen wir vier in das besagte Zimmer. Es wird aufgesperrt werden, und wir schauen es uns an. Es wird dort ein schöner Staub liegen nach all den Jahren; aber das macht nichts. Dann gehen wir alle essen - ich sagte Ihnen ja, das Zimmer liegt am Ende eines Flures, der vom Esszimmer abgeht. Nach Tisch ziehen wir alle Karten, um zu entscheiden, wer zwei Stunden dort allein verbringen soll. Das heißt, alle außer den beiden Außenstehenden und meiner Tante.«

George ging nachdenklich zu einem Ledersessel und setzte sich. »Dieses Kartenziehen - war das Ihr Einfall?«, fragte er.

Mantling blickte ihn mit einer gewissen Schärfe an. »Eine gute Idee, was? Nein, leider nicht von mir. Ich wollte in dem Zimmer sitzen. Aber Bob Carstairs sagte: Warum sollen wir nicht alle eine Chance haben? Judith darf natürlich nicht mitmachen. Judith ist meine jüngere Schwester...«

»Warum darf Judith nicht mitmachen? Sie ist doch mündig.«

Mantling drehte sich zu George um. Michael fühlte, dass er sich zurückhielt. »Ich finde, Sie sind auf einmal so unruhig geworden. Immerzu fragen Sie: warum, warum, warum? Weil ich es für das beste halte. Sie isst heute mit Arnold auswärts, und wenn sie heimkommt, ist alles vorüber. Also, einer von uns geht ins Zimmer. Die höchste Karte gewinnt. Die andern bleiben im Esszimmer. Alle Viertelstunden wird der Sieger gerufen, und er muss antworten, damit man weiß, dass alles in Ordnung ist. Nun Schluss mit dem verdammten Warum.«

»Trotzdem stehen noch manche Fragen offen«, beharrte George. »Warum hat sich zum Beispiel jemand an den Karten zu schaffen gemacht?«

»Dummes Zeug! Irgendjemand ist an den Tisch gestoßen...«

»Nachdem der Betreffende sie aus der Schachtel genommen hat? Nein, nein, mein Lieber. Dahinter steckt etwas. Dieser Jemand wünscht, dass ein anderer die höchste Karte zieht.«

Mantling atmete schwer. »Sie glauben also an eine Gefahr?«

»Keine Sorge, ich will mich nicht drücken«, entgegnete George gereizt. »Hat das Zimmer übrigens einen Namen?«

»Einen Namen?«

»In alten Häusern haben die Zimmer gewöhnlich einen Namen«, erklärte George. »Diese Namen sind oft recht aufschlussreich.«

»Es heißt das Zimmer der Witwe. Sagt Ihnen das etwas? Aus welchem Grunde es so genannt wird, weiß ich nicht. Vielleicht ist das eine Anspielung auf die tödliche Wirkung...«

Eine ruhige Stimme sagte: »Weshalb sagst du nicht die Wahrheit, Alan? Du weißt genau Bescheid.«

In diesem Hause, wo überall dicke Teppiche lagen, konnten die Menschen mit erschreckender Plötzlichkeit erscheinen. Alan Mantling war offenbar daran gewöhnt; denn er behielt seine nachlässige Haltung bei, nur seine rötlichen Lider zwinkerten. Michael Tairlaine hingegen fuhr zusammen.

Eine große, magere Frau stand in der Tür, die zur Halle führte. Ihr Alter ließ sich schwer bestimmen. Sie mochte fünfzig Jahre alt sein, konnte aber ebenso gut zehn Jahre älter oder jünger sein. Sie hatte ein schmales, aber nicht hartes Gesicht, eine scharfe Nase wie ihr Neffe, aber einen humorvollen Mund, und ihr gewelltes Haar war wie reines Silber. Michael meinte, sie müsste früher sehr schön gewesen sein, wenn sie andere Augen gehabt hätte. Die Augen waren von einem sehr hellen Blau, so hell, dass die Iris mit dem Augapfel zu verschmelzen schien, und sie blickten in beunruhigender Weise so starr wie die einer Blinden. Ihre Stimme war melodisch, fast allzu melodisch, wie die Stimme einer Radio-Ansagerin.

»Da wir Gäste geladen haben«, fuhr sie fort und sah Michael mit liebreizendem Lächeln an, »sollten wir offen sein.« Sie reichte ihm die Hand. »Doktor Tairlaine, nicht wahr? Shorter nannte mir Ihren Namen. Ich bin Isabel Brixham, die Schwester des verstorbenen Lord Mantling. Es freut mich, Sie in meinem... In unserm Hause begrüßen zu können. Guten Abend, Sir George.«

»Anmutige Gastgeberin«, spöttelte Mantling. Er dehnte die breite Brust. »Nun, wünschest du etwas, Tante Isabel?«

Sie beachtete ihn nicht, sondern drehte sich zu dem Manne um, der hinter ihr hereingekommen war. »Darf ich vorstellen, Mr. Bender, ein guter Freund von uns...«

Später behauptete Michael Tairlaine immer, schon beim ersten Blick auf Bender wäre ihm bewusst geworden, dass etwas Entsetzliches im Anzug war. Wieso und warum, hätte er nicht zu sagen vermocht. Das Äußere dieses Mannes legte den Gedanken gewiss nicht nahe. Er wirkte eher farblos. Er war klein, adrett gekleidet, hatte schütteres dunkles Haar und ein friedliches Gesicht, das die Intelligenz des Mannes zu maskieren schien. Aber er sah nervös aus, vielleicht weniger nervös als unglücklich. Er fühlte sich in seiner Haut nicht wohl. Er hatte eine nervöse Angewohnheit, mit der Zunge in der Backentasche zu bohren, sein Lächeln war gezwungen, und seine Hände zitterten leicht. Vielleicht rührte Michaels erster Eindruck von der Ausbuchtung seiner Brusttasche her. Der verrückte Gedanke an eine Waffe fuhr ihm durch den Kopf, bis er sah, dass die Wölbung nicht stark genug war. Eine Flasche also? Zum Mut antrinken? Nein, zu klein für eine Flasche. Ach, wozu sich den Kopf zerbrechen?

»Wir kennen uns schon«, hörte Michael Sir George sagen. »Sie sehen abgespannt aus, Mr. Bender. Viel gearbeitet heute?«

»Wahrscheinlich«, antwortete Bender. Seine Stimme war angenehm und farblos. »Manchmal setzt einem die Arbeit zu; aber ich habe das gern. Miss Brixham war so liebenswürdig, mich zu ermutigen.«

»Trotzdem sollten Sie sich nicht überanstrengen«, sagte George. »Kann man bald einmal etwas sehen?«

»Hoffentlich bald«, sagte Miss Brixham ruhig. »Aber wir wollen jetzt nicht davon reden.«

Es entstand ein peinliches Schweigen, das Mantling als einziger nicht zu bemerken schien. Ungeduldig schritt er mit den Händen in den Hosentaschen hin und her. Bei einer Konsole blieb er stehen und rückte einen Bronzereiter gerade. Er blickte zu zwei Schwertern mit kurzer, breiter Klinge empor, die hinter einem Rindslederschild gekreuzt waren. Als er die Hand hob, um das eine ebenfalls auszurichten, erklang Isabels allzu melodische Stimme, als ob sie einen angefangenen Satz ruhig fortsetzte: »Wie oft habe ich dich schon gebeten, Alan, diese vergifteten Waffen nicht anzufassen. Die Dienerschaft hat strengen Befehl, sie nicht anzurühren.«

Erzürnt fuhr Mantling herum. »Und wie oft habe ich dich schon gebeten, kein dummes Zeug zu schwatzen.« Er hatte ihren Ton nachgeahmt. »Und wenn du derartige Befehle gegeben hast, werde ich sie widerrufen. Darf ich nun in aller Bescheidenheit fragen, was du hier wünschest? Mein Vater duldete keine Weiber in seinem Zimmer. Ich dulde sie auch nicht. Ist das klar? Außerdem braucht dein weibliches Herz nicht zu bangen. Diese Dinger sind zufällig nicht vergiftet. Arnold hat das ganze Bündel untersucht.«

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: John Dickson Carr/Apex-Verlag.
Bildmaterialien: Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Cover: Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Lektorat/Korrektorat: Dr. Birgit Rehberg.
Übersetzung: N. N. und Christian Dörge (OT: The Red Widow Murders).
Satz: Apex-Verlag.
Tag der Veröffentlichung: 06.03.2020
ISBN: 978-3-7487-3104-7

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /