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Leseprobe

 

 

 

 

HORST FRIEDRICHS

 

 

Wild Palms

 

 

 

Roman

 

 

Apex Science-Fiction-Klassiker, Band 43

 

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

WILD PALMS 

Die Hauptpersonen 

Vorwort 

Erstes Kapitel: Der erste Abend 

Zweites Kapitel: Der zweite Abend 

Drittes Kapitel: Die schwimmende Welt 

Viertes Kapitel: Söhne, die sich erheben 

Fünftes Kapitel: Die Wildnis-Zone 

Sechstes Kapitel: Alles ist vergänglich 

 

Das Buch

Das Jahr 2007: Ein machtbesessener Politiker lässt das Fernsehen der Neuen Realisten Wirklichkeit werden. Mit Hilfe von hochentwickelter Computer-Technologie erscheinen lebensechte Personen als synthetische Hologramme in den Wohnzimmern Amerikas und der Welt.

Senator Tony Kreutzer ist der Mann, der mit den ungeahnten Möglichkeiten dieser Technologie viel mehr erreichen will: die Weltherrschaft und das ewige Leben für sich persönlich.

Harry Wyckoff ahnt nicht, dass er in den geheimen Plänen des Senators eine wichtige Rolle spielt. Bevor Harry in der Lage ist, das grausame Intrigenspiel zu durchschauen, verliert er den Bezug zur Wirklichkeit. Nichts ist mehr so, wie es zu sein scheint. Und genau das lehrt Synthiotics: »Es existiert mehr als nur eine Realität...« 

 

»Wild Palms gleicht dem Fantasiegebilde eines LSD-Freaks […] Die schiere Dichte von Wild Palms kann stellenweise undurchdringlich erscheinen. […] Haben Sie sich mal etwas anderes als das Übliche gewünscht? Hier ist es. Und zufällig ist Wild Palms auch noch grandios!« – John J. O'Connor, The New York Times  

 

Wild Palms ist die Roman-Adaption des TV-Ereignisses aus dem Jahr 1993 – die 5teilige Cyberpunk-Serie von Oliver Stone (basierend auf den Comics von Bruce Wagner und Julian Allen) setzte ähnlich wie David Lynchs Twin Peaks Maßstäbe, welche sich nachhaltig auf die US-amerikanische TV-Landschaft auswirkten. In den Hauptrollen: James Belushi, Dana Delany, Robert Loggia, Kim Cattrall, Angie Dickinson und David Warner (und William Gibson, der sich in einem Cameo-Auftritt selbst spielt).  

WILD PALMS

 

 

 

 

  Die Hauptpersonen

 

 

Harry Wyckoff

Ein Rechtsanwalt, der sich immer nur für seine berufliche Karriere und seine Familie interessiert hat. Mit Politik wollte er nie etwas zu tun haben.

 

Grace Ito-Wyckoff

Eine Ehefrau und Mutter mit Geheimnissen. Sie weiß von Dingen, die sie Harry auch nach zwölf Ehejahren noch nicht anvertrauen mag.

 

Coty Wyckoff

Ein zwölfjähriger Junge, der seinen Eltern durch extreme Gefühlskälte auf fällt.

 

Deirdre Wyckoff

Harrys Lieblingstochter, die selbst im vierten Lebensjahr noch kein einziges Wort gesprochen hat.

 

Senator Tony Kreutzer

Heißt eigentlich Anton, war früher Science-Fiction-Autor und begründete die Church of Synthiotics. Sein persönlicher Jungbrunnen ist der Go-Chip; ihn sucht er, um Unsterblichkeit zu erlangen.

 

Josie Ito

Graces Mutter. Nach der Ehe mit einem japanischen Software-Tycoon behielt Josie dessen Namen.

 

Paige Katz

Nach fünfzehn Jahren taucht sie plötzlich wieder in Harry Wyckoffs Leben auf. Nur, um ihm Rätsel aufzugeben?

 

Eli Levitt

Ein Mann, der für das Gute auf der Welt zu kämpfen scheint.

Seine Anhänger sind die Friends, die erbitterten politischen Gegner der Fathers.

 

Tabba Schwartzkopf

Als Schauspielerin ist sie eine Berühmtheit, und als Favoritin des Senators wird sie als erstes synthetisches Hologramm durch den Fernsehsender Channel Three ausgestrahlt.

 

Tommy Laszlo

Ein sanfter schwarzer Riese - Harry Wyckoffs Freund seit der gemeinsamen Schulzeit.

 

Tully Woiwode

Ein Maler, der die Politik nicht scheut. Seine Undurchschaubarkeit wirft für Harry Wyckoff viele Fragen auf.

 

Dr. Tobias Schenk

Psychotherapeut. Bei ihm lädt Harry seine Probleme ab. Dr. Schenk ist ein geduldiger Zuhörer - vor allem dann, als sich für Harry Fragen über Fragen auf türmen.

 

Chickie Levitt

Der junge Einstein der Computer-Animation. Seine Welt ist der Cyberspace. Es heißt, dass er Zugang zum Go-Chip hat.

 

Gavin Whitehall

Public-Relations-Manager bei Channel Three. Ein humorvoller Mensch, der Harry auf Anhieb sympathisch ist.

 

Chap Starfall

Die Glanzzeit als Sänger hat er schon hinter sich. Aber seine alten Frank-Sinatra-Songs sind wieder gefragt.

 

Peter

Ein Junge, der sich in der Wirklichkeit auskennt. Die Stadtpläne, die er verkauft, führen zu den Häusern der Stars.

 

 

 

 

 

 

  Vorwort

 

 

Kalifornien war schon immer Amerikas Land der Träume gewesen. So war es möglicherweise kein Zufall, dass sich eben dort einige der kühnsten Menschheitsträume zu verwirklichen begannen. Unter den Palmen Kaliforniens hatte sich bereits im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts eine Entwicklung abgezeichnet, die das Leben auf der Erde verändern sollte.

Silicon Valley ebnete den Weg.

Und wurde zur Legende.

Silicon Valley war Sinnbild für den ersten großen Boom in der Computergeschichte. Dort, unter den Palmen Kaliforniens, legten Techniker und Wissenschaftler den Grundstein für die Verbreitung des Mikrochips. Die Weltbevölkerung erlangte Zugriff auf eine Technologie, die bis dato großen Unternehmen und der Staatsmacht Vorbehalten geblieben war. Nachdem der Personal-Computer seinen Siegeszug bis in private Haushalte, Studentenbuden und Kinderzimmer angetreten hatte, war das die Plattform für unglaubliche Fortschritte.

Schon in den neunziger Jahren begegneten die Menschen den faszinierenden Effekten der Computeranimation. Auf der Kinoleinwand und auf Fernsehbildschirmen wurden Wesen lebendig, die ein Menschenauge noch nie zu sehen bekommen hatte. Saurier bewegten sich auf diese Weise in der Neuzeit, als seien sie nicht vor fünfundsechzig Millionen Jahren ausgestorben. Cro-Magnon-Menschen und Neandertaler geisterten durch Filmstudios. Und schließlich waren es die alten Hollywood-Stars, die aus ihren Gräbern auferstanden und gemeinsam mit ihren jungen Kollegen von heute in neuen Filmen mitspielten.

Und gleichzeitig lernten die Menschen eine andere Variante der virtuellen Realität kennen - jener scheinbaren Wirklichkeit, die der Computer zu schaffen imstande war:

Cyberspace.

Eine Scheinwelt, zusammengefügt aus den Erkenntnissen der Kybernetik und den sich selbst übertreffenden Fähigkeiten der Elektronengehirne.

In den Anfängen war das noch ein Spiel. Man setzte einen besonderen Helm auf, streifte spezielle Handschuhe über und wechselte Zeit und Raum. Hinterher, wenn die Menschen aus der vom Computer geschaffenen Welt zurückkehrten, sahen sie etwa so aus wie ihre Urgroßeltern, wenn sie auf dem Jahrmarkt aus der Geisterbahn gewankt waren. Doch wie die Menschen sich an die Geisterbahn gewöhnt hatten, gewöhnten sie sich an die immer gewaltigeren Leistungen der Prozessoren in ihren immer kleiner werdenden Computern.

Es war im Jahr 2007, als ein weiterer Menschheitstraum in Kalifornien Wirklichkeit zu werden begann.

Der Traum von der Unsterblichkeit.

Doch Tod und Verderben begleiteten den Weg derer, die jenen Traum mit aller Macht verwirklichen wollten - ohne Rücksicht selbst auf die, die ihnen nahestanden.

Harry Wyckoff war einer von denen, die in den Sog des Geschehens gerieten.

Verheerende Kräfte entfalteten sich mit dem alleinigen Ziel, alles niederzuwalzen, was sich ihnen in den Weg stellte:

Ihnen, die als Unsterbliche die Welt beherrschen wollten.

 

 

 

 

  Erstes Kapitel: Der erste Abend

 

 

Es begann mit einem Alptraum.

Ein schwarzblauer Nachthimmel drang in Harry Wyckoffs Unterbewusstsein ein. Die Dunkelheit und das Silberlicht der Sterne ergriffen Besitz von seinen Gedanken. Das Unbekannte, das seine Traumwelt beherrschte, ließ ihn mächtige Palmen sehen, wie sie sich im Nachtwind bogen. Silberlicht von Mond und Sternen überflutete die Palmwedel und ihre filigranen Blätter.

Es war, als ob die majestätischen Bäume ein Eigenleben entwickelten. Die Blätter fächerten an schlangengleichen Armen, nicht länger auf den Wind als treibende Kraft angewiesen. Etwas Lockendes und zugleich Majestätisches ging von ihnen aus, als handelte es sich um die betörende Darstellungskunst einer orientalischen Tänzerin.

Die Palmen riefen ihn.

Sie übten eine magische Anziehungskraft auf ihn aus. Er spürte es mit allen Fasern seiner Sinne. Er wollte zu ihnen. Mit aller Macht. Aber da war etwas, das ihn festhielt. Verzweifelt kämpfte er dagegen an. Die überirdische Schönheit der Palmwedel war verheißungsvoll. Ein Geheimnis verbarg sich dahinter. Er wollte es ergründen, um jeden Preis. Aber die Kraft, die ihn zurückhielt, ließ es nicht zu. Er strengte sich immer mehr an.

Und verzweifelte.

Es führte dazu, dass er die Augen weit aufriss. Er war schweißgebadet. Keuchte. Sekundenlang lag er regungslos, horchte auf das Hämmern seines Herzens und starrte in die weiße Weite des Schlafzimmers. Es war nicht völlig dunkel. Das Licht von Mond und Sternen drang herein.

Als sich sein Herzschlag beruhigte, schlug er die Decke beiseite, stand auf. Grace bemerkte es nicht. Sie schlief tief und fest, auf ihrer Seite des breiten weißen Betts. Auf nackten Sohlen tappte er hinaus, nur mit den leichten Bermudas bekleidet. Es war mäßig kühl im Haus. Die Klimaanlage arbeitete nachts mit geringerer Leistung.

Mildes Mondlicht und bleierne Wärme empfingen ihn auf der Terrasse. Er nahm an, dass es die Zeit zwischen Mitternacht und Morgen war. Der Nachtwind, der ihn umfächerte, hatte keine Abkühlung gebracht, und die Schweißperlen auf seiner Haut wollten nicht trocknen. Er ging an den Gartenmöbeln vorbei, auf den Swimmingpool zu. Es war kein Wasser im Becken. Die Fliesen glänzten klinisch rein unter dem Sternenhimmel.

Er hatte den Schutz des Bungalows verlassen. Die wuchtigen weißen Wände und das blasse Rot der Dachziegel schützten ihn nicht mehr. Er fühlte sich ausgeliefert, und er wusste nicht, warum.

Erst im nächsten Moment, als er schweißüberströmt an den Beckenrand trat, traf es ihn wie ein donnernder Schlag.

Er erstarrte. Seine Augen weiteten sich. Sein Mund öffnete sich, seine Lippen formten den Schrei. Doch er brachte keinen Laut hervor.

Das Tier stand im Schwimmbecken.

Ganz hinten, wo es am tiefsten war.

Ein Rhinozeros.

Harry hatte den Eindruck, als reckte es ihm sein gewaltiges spitzes Horn entgegen. Aber der Eindruck mochte ebenso täuschen wie jener, dass die kleinen Augen bösartig und tückisch aus der Panzerhaut des massigen Schädels funkelten. Das Tier war ein Koloß, mit Beinen wie Pfeilern. Eine Drohung ging von ihm aus, die sich nicht in Worte kleiden ließ. Nur das Ergebnis war spürbar, messbar: die Angst, wie sie sich in Harrys Eingeweide fraß und dort für alle Zeiten einnistete. Dieses Gefühl hatte er jedenfalls. Er war überzeugt, sich von der Angst niemals aus eigener Kraft befreien zu können.

Er hörte sich flüstern, hörte seine eigene heisere Stimme wie die eines Fremden.

»So fängt es also an...«

Plötzlich gellte ein Schrei aus dem Haus.

»Daddy!«

Harry wirbelte herum.

»Daddy hilf mir!« schrillte die Stimme seines Sohnes in höchster Not. »Daddy! Komm schnell! Hilfe!«

Harry löste sich aus seiner Erstarrung. Er rannte los, überquerte die Terrasse mit Riesensätzen. Er war fit, wenigstens körperlich, und er traute sich einiges zu. Was es auch war, das seinen Sohn in panische Angst versetzte - er würde damit fertig werden. Er, Harry Wyckoff, fürchtete sich vor dem Rhinozeros. Aber wenn es darum ging, seine Familie zu beschützen, fürchtete er weder Tod noch Teufel.

Er rannte den Korridor hinunter, an dessen Ende sich die Kinderzimmer befanden. Cotys Tür stand weit offen. Ein seltsamer Lichtschein fiel heraus. Grelles Licht.

Es malte ein Kreuz auf die Wand gegenüber von Cotys Zimmer.

Das Kreuz der Christen.

Harry schrie vor Entsetzen.

Er fuhr im Bett hoch. Sitzend, mit weit geöffnetem Mund, rang er nach Atem. Und Grace war neben ihm. Sie strich fürsorglich über seinen Nacken, legte ihren Arm um ihn. Er brauchte lange, um in die Wirklichkeit zurückzufinden. Sein Verstand konnte sich nur allmählich damit abfinden, dass er weder das Bett, geschweige denn das Haus verlassen hatte. Was er so furchteinflößend real erlebt hatte, war ein Alptraum gewesen, nichts weiter.

Unter der sanften Hand seiner Frau beruhigte er sich.

 

Der strahlende Sonnenschein des neuen Tages entschädigte Harry Wyckoff für die Schrecken der Nacht. Als er sich zum Frühstück in die Küche begab, empfing ihn der Duft frisch aufgebrühten Kaffees. Allein der Duft wirkte schon belebend. Es war ein Morgen, der ihn heiter stimmte.

Und war er nicht der glücklichste Mensch der Welt?

Er war mit der schönsten Frau der Welt verheiratet. Grace Ito-Wyckoff. Schwarzhaarig wie eine Römerin, zierlich wie eine Japanerin, humorvoll wie eine Engländerin. All das war aus der Ehe einer Amerikanerin mit einem Japaner hervorgegangen. Josie Ito, Graces Mutter, war Witwe. Ihr verstorbener Mann war ein japanischer Software-Tycoon gewesen. Grace war Modedesignerin. Ihr gehörte eine Boutique an der Melrose Avenue, mit Namen Vestiges. Zu ihren Kunden gehörten viele junge Berühmtheiten. Fernsehstars vor allem.

Harry hatte die prächtigsten Kinder der Welt.

Deirdre, seine kleine Tochter, war ein Engel. Er liebte sie über alles, und wenn sie ihn mit ihren großen schwarzen Augen ansah, konnte er alles um sich herum vergessen. Sie war vier geworden, aber sie hatte noch immer kein Wort gesprochen. Doch sie lächelte oft, und sie weinte nie. Das war ein Ausgleich für Harrys Sorge um ihre Sprachlosigkeit. Grace und er nannten sie Little Buddha, weil sie manchmal stundenlang dasaß und irgendetwas anstarrte - den Fernseher meist, wenn ihr Bruder eine seiner heißgeliebten Comicsendungen eingeschaltet hatte.

Coty war zwölf Jahre alt, und Harry fragte sich in letzter Zeit immer öfter, wie der Junge das geschafft hatte. Harry musste vor sich selbst gestehen, nicht sehr viel von Cotys Entwicklung mitbekommen zu haben. Er hatte zu wenig Zeit für den Jungen gehabt. Das musste er leider zugeben.

Es war die Zeit gewesen, in der er an seiner Karriere gebastelt hatte. Durch seinen Beruf hatte er es zu überdurchschnittlichem Wohlstand gebracht. Er war Anwalt, arbeitete bei der Firma Baum, Weiss & Latimer. Seine Vorgesetzten hatten versprochen, ihn zum Partner zu machen - bald, irgendwann. Sie hatten ihn immer wieder vertröstet, in den Jahren. Irgendwie hatte er sich an diesen Zustand gewöhnt: Er wartete geduldig darauf, Teilhaber der großen, renommierten Anwaltskanzlei zu werden. Vielleicht wartete er vergeblich - und freute sich deshalb über das gute Geld, das man auch als angestellter Rechtsanwalt verdiente.

Er besaß ein Traumhaus im besten Wohngebiet der Stadt. Das zweigeschossige Gebäude im mediterranen Stil hatte weiße Wände und eindrucksvolle Portalbogen. Eine Villa, wenn man so wollte. Drei Garagen boten ausreichenden Platz für den Familien-Fuhrpark. Der bestand zurzeit aus einer fünfundvierzig Jahre alten Corvette, perfekt aufgearbeitet, und einem Jeep Wagoneer jüngeren Datums.

Harry setzte sich auf seinen Stammplatz am Küchentresen. Die Platte bestand aus hochglänzendem Granit. Grace hantierte mit der chromblitzenden Espressomaschine. Harry nahm die Zeitung zur Hand, blätterte, ohne etwas Lesenswertes zu finden. Er fühlte sich blendend. Nach dem Alptraum hatte er noch ein paar Stunden geschlafen. Wie ein Murmeltier. Er war fertig angekleidet, brauchte nur noch das Jackett überzustreifen, bevor er losfuhr. Das weiße Hemd, die Krawatte und die schwarze Weste saßen ausgezeichnet. Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die nur ein paar Jahre älter waren, hatte er noch keine Probleme mit seiner Figur. Auch der Stehkragen machte ihm nichts aus. Manche fanden die Vatermörder-Mode beklemmend und einengend - im wahrsten Wortsinn. Harry störte sich nicht daran; schließlich waren die Männer zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auch schon mal so rumgelaufen, und statt eines kragenbedingten Erstickungstodes waren sie durchaus in der Lage gewesen, ihren Beitrag zum Fortbestand der Menschheit zu leisten.

Grace setzte die Dampfdruckdüse der Espressomaschine in Betrieb. Harry blickte von der Zeitung auf und sah seiner Frau bewundernd zu, wie sie die Milch in einem Edelstahlbecher aufschäumte. Nicht, weil dies eine Tätigkeit war, die besondere Fähigkeiten verlangt hätte. Nein, Harry bewunderte seine Frau wegen all der Eigenschaften, die sie so perfekt miteinander verband. Als Geschäftsfrau hatte sie großen Erfolg. Was sie aber nicht daran hinderte, eine gute Mutter und eine gute Hausfrau zu sein.

Außerdem war Grace die perfekte Ehefrau. Was den Punkt anbelangte, war Harry in letzter Zeit überzeugt, ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Als Liebhaber hatte er sich zum Versager entwickelt. Sein Psychiater, Dr. Schenk, sah die Gründe in beruflichem Frust. Harry war von der Theorie allerdings nicht überzeugt. Ebenso wenig davon, dass seine nächtlichen Alpträume Bestandteil eines Teufelskreises waren, aus dem er sich befreien musste. Er hatte die unerklärbare Ahnung, dass er die Ursache für die Alpträume finden musste. Dann erst würde er in der Lage sein, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Vielleicht war es auch nur eine Hoffnung, an die er sich klammerte. Vielleicht wollte er einfach nicht, dass Dr. Schenk Recht hatte.

Harry wusste, dass in seiner Gedankenwelt ein ständiger Verdrängungswettbewerb stattfand. Die eine innere Stimme war immer zaghafter geworden, meldete sich kaum noch zu Wort. Es war die Stimme, die ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, wie sehr er in Wahrheit darunter litt, bei Baum, Weiss & Latimer noch immer kein Partner zu sein. Seine andere innere Stimme hatte alles niedergebrüllt. Mit schlagenden Argumenten: Sei zufrieden mit dem, was du hast! Du lebst in Wohlstand. Dir fehlt es an nichts. Also hör auf, ständig mehr zu erwarten!

War es vielleicht dieser ungelöste innere Zwist, der zu seinen Alpträumen führte?

Nein, ausgeschlossen.

Er hatte noch nie etwas darüber gelesen oder gehört, dass Männer in ähnlichen Situationen anfingen, ein Nashorn in ihrem Swimmingpool zu sehen. Oder ein Kreuz aus Licht, projiziert aus dem Zimmer ihres Sohnes.

Verdammt, er war ein komplizierter Einzelfall. Darauf lief es leider hinaus. Nüchtern betrachtet. Ohne Selbstmitleid. Und ohne den Ehrgeiz, der hypochondrische Wunderknabe des Jahrzehnts zu werden. Niemand nahm ihn ernst. Nicht mal seine Freunde und Kollegen, und sogar Dr. Schenk schien sich ein Grinsen zu verkneifen, wenn er die Geschichte von dem Schwimmbad-Rhinozeros hörte.

Grace versuchte immerhin, ihn zu verstehen. Sie gab sich alle Mühe, ihn zu trösten, wenn er aus den Alpträumen erwachte. Aber ihn zu verstehen, war auch für sie schwer.

An diesem Morgen trug sie ein weinrotes Kleid mit gekreuzten Trägern. Ein sportliches, saloppes Design. Es unterstrich die Stimmung, in der Grace sich befand. Morgens war sie unternehmungslustig, energiegeladen, gutgelaunt, fit für den neuen Tag. Die Tage, an denen er sie anders erlebt hatte, konnte er an den Fingern einer Hand abzählen.

»Mmmh!«, machte Harry, als sie den Cappuccino für ihn zubereitete, indem sie einen Teil der aufgeschäumten Milch in eine Tasse mit nachtschwarzem italienischem Kaffee füllte. »Das sieht ja gut aus! Ist es koffeinfreier Kaffee?«

Grace hatte den Cappuccino schon halb um den Tresen herum getragen. Sie stoppte ihre Schritte und machte kehrt. »Möchtest du koffeinfreien?«, fragte sie, während sie auf dem Rückweg zur Espressomaschine war.

»Nein, nein, nein!«, wehrte Harry rasch ab. »Ist schon in Ordnung!«

Grace wandte sich abermals um und trug die Tasse auf die andere Seite des Tresens.

»Mmmh!« schwärmte Harry abermals, indem er sich schnuppernd über die Tasse beugte. »Was für ein Schaum! Ich muss sagen, Darling, auf dem Gebiet hast du wirklich was drauf!«

»Du weißt, ich bin Hausfrau mit Leib und Seele!« Grace lachte voller Selbstironie. »Die Bagels sind gleich fertig.« Sie eilte zum Herd und brachte den Teller mit gekochten Eiern.

Harry rührte Zucker in seine Tasse. Genussvoll trank er einen Schluck Kaffee durch den Schaum hindurch. »Das war vielleicht eine Nacht«, sagte er.

»Erinnerst du dich an deinen Traum?«, erkundigte sich Grace, während sie ihm den Salzstreuer und die Pfeffermühle brachte.

»Es war schrecklich - so viel weiß ich noch.«

»Du hast mir vielleicht Angst eingejagt.« Grace setzte sich mit ihrem eigenen Cappuccino neben ihren Mann.

»Wo sind die Kinder?«, fragte Harry.

»Little Buddha wird gerade gebadet. Coty hat sich, glaube ich, was weggeholt. Deshalb habe ich gesagt, er soll zu Hause bleiben.«

Harry schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht, warum der Junge so eine Anziehungskraft auf Bazillen hat!«

»Wahrscheinlich fühlen sie sich bei ihm besonders wohl.« Grace hob den Kopf. »Oh, übrigens - der Regisseur, der mit ihm den Zahnpasta-Werbespot machen will, hat zurückgerufen!«

Harry ging nicht darauf ein. Er schlürfte seinen Kaffee. »Meinst du, dass wir mal seinen Bauch untersuchen lassen sollten?«

»Er hat nur einen nervösen Magen. Wie sein alter Herr.« Grace beugte sich zu Harry hinüber, um ihn zu küssen.

»Mh, mh, mh!«, wehrte er ab, den Kaffee noch im Mund. Er schluckte hinunter, zeigte auf den Toaster aus Edelstahl. Das dickbauchige Gerät war einem preisgekrönten Design aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nachgebaut worden. Originalgetreu bis auf die letzte Schraube. Technische Erinnerungsstücke aus der Zeit vor der Computer-Ära waren heute der letzte Schrei, regelrechte Kultobjekte für die Küche. So, wie es als schick galt, restaurierte Auto-Veteranen aus den fünfziger und sechziger Jahren zu fahren.

»Bedienung!«, rief Harry. »Ich glaube, mein Bagel brennt.«

Grace stieß einen erschrockenen Laut aus. Rasch drückte sie die Hebel, und die beiden rauchenden Hälften des süßen Brötchens floppten aus den Toasterschlitzen.

»Ach, du liebe Güte!« Grace hob die Bagel-Hälften auf und betrachtete sie. »Die sehen aber ziemlich verkohlt aus.«

»Macht nichts«, sagte Harry. »Ich mag sie so.«

Grace nahm einen frischen Bagel. »Ich mache dir einen neuen«, sagte sie.

»Willst du wohl gehorchen, Frau!«, knurrte Harry. »Ich habe gesagt, ich mag sie so! Also her damit!«

Grace warf die verkohlten Dinger auf einen Teller und befolgte seine Anweisung. »Was bist du doch für ein unausstehlicher Kerl!« schmunzelte sie.

Das Kindermädchen kam herein. »Hier ist sie!« Deirdre war in ein großes Badetuch gehüllt, aus dem nur ihr Gesicht und die lockige Haarpracht hervorlugten.

Grace sprang auf, klatschte vor Freude in die Hände, während Harry die rabenschwarzen Bagelhälften begutachtete.

»Oh, da ist ja unser kleiner Schatz!«, rief Grace. »Direkt aus der Wanne!« Sie nahm dem Kindermädchen ihre kleine Tochter ab, die sich mit leuchtenden Augen an sie schmiegte. Grace wiegte sie auf den Armen. »Was ist unser Kleiner Buddha heute wieder kuschelig!«

Harry stand auf, nachdem er beschlossen hatte, seinen Kohle-Bagel nun doch nicht zu essen. »Ich sehe mal nach unserem magenkranken Junior«, teilte er mit. Er verließ die Küche zusammen mit dem Kindermädchen.

In Cotys Zimmer lief der Fernseher. Der Apparat war immer auf denselben Sender eingestellt, den Kinder-Channel. Das Wort hatten sie mit Hilfe der deutschen Sprache zurechtgebastelt, wie so manches heutzutage. Der Sender brachte Comics rund um die Uhr. Coty zog ihn den anderen Kinder-Kanälen vor, die vierundzwanzig Stunden pro Tag alte Actionfilme oder Computerspiele brachten.

Harry schaltete den Apparat aus, als er das Zimmer betrat. Coty lag auf dem Bett, auf dem Rücken. Harry ging neben dem Bett in die Knie.

»Ich hab mich angesteckt«, sagte Coty.

»Tatsächlich?« Harry fühlte nach der Stirn des Jungen. Dann lächelte er aufmunternd. »Also, ich bin sicher, dein Abwehrsystem ist fit genug, um die Bazillen in die Flucht zu schlagen!«

»Ich hab dich lieb, Daddy«, sagte Coty. Er drehte sich auf die Seite, als Harry das Zimmer verließ.

Coty schloss die Augen. Einen Moment danach öffnete er sie wieder, und Harry Wyckoff hätte einen Fremden vor sich geglaubt, wenn er das Gesicht seines Sohnes jetzt gesehen hätte. Ein metallischer Glanz bildete sich in Cotys Augen. Seine Miene war von eisiger Härte, spiegelte etwas, das aus dem Kindergesicht das eines Erwachsenen machte - auf eine Weise, die Furcht einflößen konnte.

 

Harry fuhr den sonnendurchglühten Boulevard hinunter. Mächtige Palmen säumten die Fahrbahn, auf der kaum ein anderes Auto unterwegs war. Die Zeiten, in denen sich praktisch jeder einen Wagen leisten konnte, waren zum Glück vorbei. Der Abstand zwischen arm und reich war immer größer geworden, die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer. Und die Zahl der Armen war sprunghaft angestiegen. Von Autos und all den anderen feinen Sachen konnten sie nur noch träumen. Der Staat hatte ein System gefunden, die sozial Schwachen und Hilflosen aus dem Gesichtskreis der Reichen und Wohlhabenden zu verbannen. Die Privilegierten waren nun endlich wieder in der Lage, ihre Privilegien ungestört zu genießen.

Harry Wyckoff musste zugeben, dass er sich über solche Zusammenhänge nie sonderlich viel Gedanken gemacht hatte. Beruf und Karriere hatten seine ganze Energie gefordert.

Seine 62er Corvette glitt wie auf Samtpfoten über den Asphalt. Ein Prachtstück, dieser Wagen. Und er brauchte sich keine Sorgen zu machen. Noch vor etwas mehr als zehn Jahren hätte man so etwas in einer doppelt und dreifach gesicherten Garage verstecken müssen. Heute wurden keine Autos mehr gestohlen. Der Staat hatte die Dinge im Griff. Der Staat war allgegenwärtig; Polizei und sonstige Ordnungskräfte funktionierten wie ein Uhrwerk. Dafür zahlte man zwar eine Menge Steuern. Aber es lohnte sich.

Man konnte sich zurücklehnen.

Man musste es nur schaffen, in den Kreis derer aufzusteigen, die den Ton angaben. Dann revanchierte sich der Staat für den Beitrag, den man leistete, und zwar fühlbar. Lästiger Kleinkram wurde einem abgenommen. Noch in den neunziger Jahren hatten die wohlhabenden Leute auf ihren Grundstücken einen Wahnsinnsaufwand mit Alarmanlagen treiben müssen. Manche hatten sogar Leibwächter einstellen müssen. Das war alles überflüssig geworden. Heute war es wieder so wie vor hundert Jahren. Man brauchte seine Haustür nicht abzuschließen, man brauchte sein Auto nicht abzuschließen. Das freieste Land der Welt hatte sich zum Paradies zurückentwickelt - jedenfalls für die Sorte Mensch, die der göttlichen Daseinsform am nächsten kam.

Das war eine von Tommy Laszlos Formulierungen. Harry grinste bei dem Gedanken. Tommy war sein bester Kumpel, und er war heute noch genauso verrückt wie damals, als sie zusammen zur Beverly Hills High School gegangen waren. Tommy war Schwarzer - der Typ, den man für einen internationalen Basketballstar halten konnte. Wer Geld hatte, konnte Hautfarben und Rassenschranken ignorieren. Das war wohl auch schon früher so gewesen.

Harrys Aufmerksamkeit wurde abgelenkt.

Er rückte seine Sonnenbrille zurecht, als er eine Reihe von gepflegten Wohngrundstücken passierte. Bungalows, ein paar größere Häuser. Vor den Garagen und in den Einfahrten standen meist mehrere Autos. Limousinen unterschiedlicher Größe. Minivans. Hier lebte der gehobene Mittelstand von Los Angeles. Leitende Angestellte, aber auch Inhaber von Einzelhandelsgeschäften und kleineren Unternehmen. Die typische amerikanische Vorstadtsiedlung, wie sie das Hollywood der fünfziger Jahre auf die Kinoleinwand gebracht hatte, war auferstanden - glanzvoller als je zuvor.

Was ihn ablenkte, sah Harry erst auf den zweiten Blick. Die mächtigen Palmenstämme verdeckten sein Blickfeld teilweise.

Männer auf dem Gehsteig.

Sie bewegten sich hektisch, unnatürlich. Ihnen fehlte die souveräne Gelassenheit, die diese Gegend ausstrahlte, die hier angebracht gewesen wäre.

Harry runzelte die Stirn. Er nahm Gas weg.

Vier Männer waren es. Im ersten Moment sah es aus wie ein Handgemenge, in das sie verwickelt waren. Oder zumindest in eine erregte Diskussion. Doch dann, im langsamen Vorbeifahren, erkannte Harry, was es wirklich war.

Drei Männer schlugen auf den vierten ein.

Die drei trugen dunkle Anzüge und Sonnenbrillen. Ihr Opfer war noch mit weißem Hemd und Weste bekleidet, hatte sein Jackett noch nicht übergezogen. Es sah fast so aus, als ob sie ihn vom Frühstückstisch weggeholt hatten. Nach draußen. Mit Gewalt.

Verdammt, sie schlugen den Mann regelrecht zusammen!

Harry war bestürzt. Reflexartig wollte er auf die Bremse treten. Etwas hielt ihn davon ab, obwohl er deutlich hörte, wie der Mann unter den brutalen Fausthieben stöhnte und wimmerte.

Was, in aller Welt, hatte das zu bedeuten?

Harry bog nach rechts ab, behielt die unfassbare Szene im Augenwinkel. Was er da sah, gehörte nicht in diese Gegend. Hier prügelte man sich nicht. Aber die Männer in den schwarzen Anzügen sahen beileibe nicht aus wie Gangster. Eher wie...

Harry wusste jetzt, was ihn vom Eingreifen abgehalten hatte. Die Männer in Schwarz waren Polizisten. Kriminalbeamte vermutlich. Oder Geheimpolizei. Staatsschutz. Von so etwas ließ man besser die Finger. Sich einzumischen konnte unangenehme Folgen haben. Andererseits - wenn jemand auf diese Weise geprügelt wurde, hatte das eigentlich mit ordnungsgemäßer Polizeiarbeit wenig zu tun. Es war nicht die Aufgabe der Cops, Verdächtige oder Festgenommene zusammenzuschlagen. Schon gar nicht in aller Öffentlichkeit. Und der Mann in der Weste sah beileibe nicht so aus, als ob er versucht hätte, wegzulaufen oder die Beamten anzugreifen.

Harry war verwirrt.

Er musste das Gesehene aus seinem Gedächtnis löschen. Es passte nicht zu dem Bild, das er sich von der Welt machte. Bis heute hatte in dieser Welt alles seine Ordnung gehabt. Oder etwa nicht? Hatte er vielleicht nur nicht darauf geachtet, was nicht in Ordnung war?

Unsinn, sagte er sich, das liegt alles an diesem verdammten Alptraum. Oder an deiner beruflichen Unzufriedenheit. Es wird mal wieder Zeit, Dr. Schenk aufzusuchen.

Harry sah einen Wagenkonvoi im Außenspiegel. Er zog die Corvette an die Bordsteinkante und hielt an. Der Motor seines kostbaren Sportwagens summte im Leerlauf, wurde gleich darauf übertönt von den Motorgeräuschen der herannahenden Fahrzeuge.

Harry drehte sich um.

Sie fuhren auf der linken Spur in zügigem Schritttempo. Der erste Wagen war ein schwarzer Cadillac. Es folgte ein schwarzer Kastenwagen.

Dann die Männer in Weiß.

Jogger.

Neun Männer waren es. Sie trugen weiße Trainingsanzüge, und sie liefen in militärisch geordneter Formation hinter dem Kastenwagen her; in Dreierreihe.

Den Abschluss des Konvois bildete ein Jeep.

Acht der weißgekleideten Jogger waren Leibwächter, das erkannte Harry sofort. Auch bei den Männern in den Fahrzeugen handelte es sich bestimmt um Bodyguards. Nur Politiker und ähnlich hochgestellte Persönlichkeiten absolvierten ihre täglichen Fitnessprogramme unter einem derartig massiven Schutz.

Die acht Leibwächter bildeten ein Rechteck um ihren Schutzbefohlenen. Er lief im Zentrum der Formation, in der Mitte der mittleren Reihe.

Harry sah den Mann erst, als der Konvoi auf gleicher Höhe mit der haltenden Corvette war. Unwillkürlich hielt Harry den Atem an. Die Szene löste erneute Verwirrung in ihm aus, anders jedoch als beim Anblick der drei eleganten Schläger, wie sie ihr wehrloses Opfer misshandelten. Harry hätte sich bloß umzudrehen brauchen, um zu sehen, ob sie immer noch dabei waren. Aber das, was er jetzt vor sich sah, zog ihn in seinen Bann.

Das schneeweiße Haar des Mannes - kurzgeschoren auf einem kantigen Schädel.

Seine braungebrannte Haut, fast ohne Falten - dieser Kontrast zu dem weichen Weiß des Jogginganzugs.

Die jugendliche Energie, die er ausstrahlte - diese geradezu bullige Kraft.

Ein Mann, der es gewohnt war, an den Schalthebeln der Macht zu sitzen. Ein Mann, der Ehrfurcht einflößte. Ein Mann, der Menschenmassen so beeinflussen konnte, wie er es beabsichtigte. Einer, zu dem sie aufblickten. Einer, dessen rhetorische Fähigkeiten überwältigend waren. Im wahrsten Sinn des Wortes.

Der Mann war Kreutzer.

Senator Tony Kreutzer.

Harry starrte ihn an, wie er vorbeilief. Der Senator bemerkte es und wandte den Kopf. Ein Lächeln schien sich in seine Mundwinkel zu kerben. Ein Lächeln des Erkennens? Nein, ausgeschlossen. Man sagte Kreutzer ein phänomenales Gedächtnis nach; aber er konnte nicht jeden Einwohner von Kalifornien kennen.

Im nächsten Moment war der Konvoi bereits vorüber.

Harry blickte in die andere Richtung. Die Schläger und ihr Opfer waren verschwunden. Wohin brachten sie den armen Kerl? Oder hatte er etwas ausgefressen, das ein hartes Durchgreifen rechtfertigte? Und der Senator? Dass er in diesem Teil von Los Angeles seine Jogging-Runden drehte, war neu. Nun, er hatte das Recht, überall da herumzulaufen, wo es ihm gefiel.

Harry fuhr weiter - in seinem Gedächtnis kramend.

Tony Kreutzer.

Anton Kreutzer war sein richtiger Name.

In den sechziger Jahren hatte er zum ersten Mal Schlagzeilen gemacht - damals noch als Science-Fiction-Autor, der auf die Idee gekommen war, seine eigene Religion zu gründen.

Richtig!

Harry versuchte, sich dieses Kunstwort in Erinnerung zu rufen. Kreutzer war ein Genie auf dem Gebiet. Als Verfasser von Science-Fiction-Romanen hatte er über Jahre hinaus Unmengen von künstlichen Wortschöpfungen ersonnen. Eine Mischung aus lateinischen, altgriechischen und englischen Wortteilen meist, angereichert mit pseudo-technischen und pseudo-wissenschaftlichen Fachausdrücken. Seine Leser waren voll darauf abgefahren. Ebenso die Anhänger seiner neuen Religionsgemeinschaft. Von der Science-Fiction-Diktion auf religiöse Formulierungen umzusteigen, war für Anton Kreutzer kein Problem gewesen. Und genauso leicht war es ihm gefallen, sich anschließend auch noch den Sprachgebrauch der Politiker anzueignen. Was die drei Bereiche gemeinsam hatten, lag auf der Hand:

Menschen durch die Sprache beeinflussen. Sie in den Griff bekommen.

Plötzlich hatte Harry das Wort.

Synthiotics.

Richtig! So nannte Kreutzer die Religion, die er in den sechziger Jahren ausgerufen hatte. So hieß auch sein erstes Buch, das er damals auf den Markt gebracht hatte. Synthiotics - ein Kunstwort, eine Konstruktion aus Silben. Auch das zweite Buch, damals, war ein Grundstein für die rasch anwachsende Glaubensgemeinschaft gewesen: »On The Way To The Garden.« Womit Kreutzer natürlich den Weg zum Garten Eden gemeint hatte, den Weg ins Paradies.

Seit Kreutzer Senator war, standen seine Synthiotics- Jünger nicht länger in der Nische, in der man sie früher belächelt hatte. Kreutzer hatte seine wirtschaftliche und politische Macht systematisch ausgebaut. Heute wagte es niemand mehr, Synthiotics zu belächeln oder gar zu kritisieren. Jedenfalls nicht öffentlich.

In den Gerüchten hatte es immer geheißen, dass Kreutzer nicht allein durch die Honorare für seine Science-Fiction-Romane zu Reichtum gekommen sein konnte. Vermutlich stimmten auch jene Gerüchte, die besagten, dass Kreutzer erst durch die Mitgliedsbeiträge seiner Anhänger groß herausgekommen war. Und sie hatten ihn dafür bejubelt, denn er tat das alles ja, um die Kernaussage von Synthiotics zu erforschen:

Es gibt mehr als nur eine Wirklichkeit.

Punkt.

Seit es Religionen auf der Welt gab, klammerten sich die Menschen ja nur zu gern an solche Aussagen. Die Angst vor dem Tod und die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod hatte sie schon immer jenen Verkündern nachlaufen lassen, die eben dies verhießen. Nur war im Fall von Anton Kreutzer alles anders. Seine Prophezeiungen waren technisch-mystischer Art, alles andere als aus der Luft gegriffen.

Er hatte eine Gesellschaft gegründet, die WILD PALMS GROUP. Deren alleinige Aufgabe war es, die verschiedenen Wirklichkeiten durch Computer erforschen zu lassen. Kreutzers Anhänger umjubelten ihn für die Fortschritte, die seine Wissenschaftler erzielten. Häppchenweise teilte er diese Fortschritte der Öffentlichkeit mit.

Seine Anhänger nannten sich nun auch Neue Realisten, und es war für sie nur folgerichtig, dass Tony Kreutzer einen Tempel für sie kaufte: den Wolkenkratzer, in dem er seine neugegründete Fernsehgesellschaft WILD PALMS NETWORK, kurz WPN, unterbrachte - einschließlich aller technischen Einrichtungen für den Sender, den er Channel Three nannte.

In seiner Eigenwerbung prophezeite der Sender neuerdings eine Fernsehzukunft, von der sich noch vor einem Jahr niemand etwas habe träumen lassen. Und der Senator präsentierte sich dem Wahlvolk regelmäßig in glanzvollen Selbstdarstellungen - interviewt von Moderatoren, die im Katzbuckeln nicht zu übertreffen waren.

 

In dem Bürogebäude summte es vor Hektik. Wie jeden Morgen.

Die blitzblanken Korridore gefielen Harry. Polierter Marmor als Fußboden, polierter Marmor als Wandverkleidung. Nichts wirkte gediegener. Dazu ein paar toskanische Cotto-Kübel mit Zimmerpflanzen, und der Gesamteindruck einer heilen Anwaltswelt war perfekt. In der Führungsetage von Baum, Weiss & Latimer wusste man ziemlich genau, wie man mit Äußerlichkeiten starken Eindruck auf Klienten machte. In der Marmorpracht dieses Gebäudes roch alles nach Erfolg. Und erfolgreiche Anwälte lagen mit ihren Honorarforderungen immer etwas höher als die weniger erfolgreichen Anwälte. Das leuchtete jedem ein, der sich noch nicht ganz sicher war, wen er mit der Vertretung seiner Rechte beauftragen sollte. Es war eben schon immer etwas teurer gewesen, hochqualifizierte Leute für sich arbeiten zu lassen.

Harry war ein paar Minuten später dran als gewöhnlich. Das lag vermutlich an den beiden merkwürdigen Begegnungen, die er auf der Herfahrt gehabt hatte. Auf seiner Büroetage waren die meisten Mitarbeiter schon in ihre Arbeitshöhlen abgetaucht. Alle waren fleißig damit beschäftigt, einen neuen Arbeitstag lang den Wohlstand der Firma zu mehren. Und die Gewinnanteile der Partner in die Höhe zu treiben. Harry spürte etwas wie einen Knoten im Magen.

Das Wort Partner löste neuerdings die seltsamsten Reaktionen in seinem Nervensystem aus. Das wurde ihm in diesem Augenblick überraschend bewusst. Er nahm sich vor, diese Erkenntnis bei nächster Gelegenheit zu analysieren. Vielleicht gemeinsam mit Dr. Schenk.

In der Anmeldungshalle erblickte er seine Sekretärin, an den U-förmigen Tresen gelehnt, im Gespräch mit ihren beiden Kolleginnen, die dort arbeiteten. Harrys engste Mitarbeiterin war schlank, schwarzhaarig, hübsch und von freundlicher Wesensart. Der Typ, mit dem man Pferde stehlen konnte. Mit ihr zusammen war es die reine Freude, den Arbeitsalltag in den Griff zu kriegen.

»Hi, Harry!«, rief sie, als sie ihn erblickte. Sie klappte den dicken Terminkalender zu, in dem sie Eintragungen gemacht hatte.

»Guten Morgen!«, antwortete Harry, und es gelang ihm, gutgelaunt zu klingen. Seine Sekretärin schloss sich ihm an, als er in einem schwungvollen Bogen auf den Korridor zusteuerte, der zu seinem Büro führte. »Tolles Kleid«, sagte er mit einem Seitenblick auf das tief ausgeschnittene Schwarze, das sie trug. Der glockig schwingende Rock war mit zwei weißen Händen verziert. Eine ruhte besitzergreifend auf ihrer rechten Hüfte, die andere schwang knapp über Saumhöhe mit.

»Danke!« strahlte sie, während sie in seinem von morgendlichem Tatendrang bestimmten Schritttempo mithielt. »Ich hab's im Laden Ihrer Frau gekauft!«

»Also - dieses inzestuöse Verhalten geht mir langsam zu weit.« Harry grinste. Trocken fügte er hinzu: »Sie sind gefeuert!«

Weil sie seine Scherze kannte, ging sie nicht darauf ein. »Oh, Harry, da fällt mir ein...«, sagte sie stattdessen. »Meine Kinder sind heute Nachmittag im Theater. Ich müsste deshalb um vier Uhr Feierabend machen.«

»In Ordnung«, entgegnete er großzügig. »Überlassen Sie mich ruhig meinem Schicksal!« Während er auf den offenen Büroeingang zustrebte, erkundigte er sich: »Was steht denn für heute Mittag auf meinem Plan?«

Sie kam nicht sofort dazu, ihm die Frage zu beantworten.

»Hey, Kumpel!« erscholl eine aufdringlich-fröhliche Stimme. Der dazugehörige Typ saß auf Harrys Schreibtischkante, auf der Besucherseite. Morty Wynaker, angestellter Anwalt wie Harry. Er trug einen von seinen beigefarbenen Anzügen. Selten sah man ihn in einem anderen Farbton. Morty war groß und schlank, fast hager. Er hatte eine Geiernase. Seine Frisur bestand zu siebzig Prozent aus einer blanken Platte. Spärlicher Resthaarwuchs lag wie eine schwarze Manschette um seinen Hinterkopf, reichte nur bis zu den Ohren.

»Hi, Morty!«, erwiderte Harry. »Mach, dass du von meinem Schreibtisch runterkommst!«

Morty sah ihn entgeistert an. Er grinste unverschämt und lachte wie über einen guten neuen Witz.

Harry trat an seinen angestammten Platz auf der anderen Seite, stellte die Aktentasche auf die Schreibtischplatte und scheuchte Morty mit jener Handbewegung runter, mit der man eine lästige Fliege verjagt.

Konsterniert bequemte sich der Kahlkopf zu besseren Manieren. Er klappte seinen Schnellhefter zu und warf ihn auf die freigewordene Schreibtischfläche. Während er mit etwas mehr Respekt vor Harrys Arbeitsmöbel Aufstellung nahm, lutschte er einen Bonbon, der ihm wie eine Kartoffel im Mund lag.

Allein der Sonnenschein und der Ausblick auf Los Angeles hielten Harrys annehmbare Laune aufrecht. Wenigstens in dem einen Punkt hatte er es weiter gebracht als Kotzbrocken Morty. Harrys Büro, im zwanzigsten Stock gelegen, bot diesen unvergleichlichen Panoramablick über den schöneren Teil der Stadt. Das war sonst eigentlich den Partnern Vorbehalten. Morty dagegen musste sich noch immer mit einem Innenbüro begnügen; das war wie eine Schiffskabine ohne Bullaugen, in einem der mittleren Decks gelegen.

Was Harry Wyckoff und Morty Wynaker verband, war so etwas wie erzwungene Kollegialität. Ihre Freundlichkeit reichte zwar bis zu gelegentlichen privaten Kontakten. Doch in Wahrheit belauerten sie sich nur gegenseitig - als das, was sie letzten Endes waren.

Rivalen.

Harry hatte bislang zwar stets die Oberhand behalten, hatte sich in den innerbetrieblichen Querelen souverän durchgesetzt.

Aber man durfte Morty und sein füchsisches Grinsen nicht mit einem Achselzucken abtun. Irgendwann würde er sich seinen Vorteil verschaffen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Er war der Typ dafür.

»Sie sind um ein Uhr mit Mr. Laszlo zum Lunch verabredet«, erklärte Harrys Sekretärin. Sie war neben Morty Wynaker vor dem Schreibtisch stehengeblieben. »Und zwar im City-Restaurant.«

»Ist das an der dritten oder an der sechsten?«

»Ecke La Brea und Second Avenue«, antworteten Morty und Harrys Sekretärin im Chor. Morty zollte ihr seine Anerkennung, indem er ihren Unterarm tätschelte.

»Also...« Morty stützte sich auf die Schreibtischkante und beugte sich vor. »Also - wann ist denn nun der große Tag?«, fragte er mit vertrauensseligem Unterton.

Harry sah seine Sekretärin mit todernster Miene an. »Morty und ich wollen heiraten«, sagte er ohne jegliches Zwinkern. »Ich habe mir gedacht, Sie sollten eine der ersten sein, die es erfährt.«

Sie lachte.

»Komm, Harry!«, rief Morty bonbonlutschend. »Sei nicht so zurückhaltend! Jeder weiß, dass du bald Partner wirst!«

Harry nahm seine Aktentasche und trug sie zur Fensterbank. »Gerüchte, Morty! Nichts als Gerüchte!«

»Mein Gott«, entgegnete Wynaker. »Warum kannst du dich denn nicht einmal klar und deutlich dazu äußern!«

Harry kehrte zum Schreibtisch zurück, und seine Sekretärin, die gute Seele, half ihm, vom Thema abzulenken. Sie deutete auf die Tür zum Vorzimmer. »Paige Katz ist hier!«

Harry zog die Augenbrauen hoch. »Großartig!«, sagte er und überlegte einen Moment. Dann hob er die Arme ein Stück und ließ sie zurückfallen. »Okay, schicken Sie sie herein.«

»Wer ist Paige Katz?«, fragte Morty. Gegen seine angeborene Neugier konnte er nichts machen.

Harry ging auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter. »Verzieh dich, Morty!« Mit sanftem Nachdruck bugsierte er ihn zur Tür hin. Harrys Sekretärin war bereits nebenan verschwunden.

Wynaker drehte sich noch einmal um, tippte Harry auf die Krawatte, um ihn aufzuhalten. »Äh - äh - hab ich dir eigentlich schon gesagt, dass Ann wieder schwanger ist?«

»Oh, das ist ja großartig«, sagte Harry mit mühsam erzwungener Geduld.

»Sie klagt nur noch über dieses Gefühl der Aufgedunsenheit«, fuhr Morty redselig fort. »Ich hab ihr gesagt, sie soll allen Leuten erzählen, dass sie eine Tochter in Vorbereitung hat.«

Harry lachte pflichtschuldig.

Morty grinste und tänzelte vor ihm. »Du verstehst?« zwinkerte er.

Harry hatte keine Lust, ihn zu fragen, was an der Sache schwer zu verstehen war. »Klar«, sagte er und schob ihn weiter zur Tür hin.

»Wir sehen uns später«, versprach Morty.

»Okay, okay«, ächzte Harry. »Nun hau schon ab!«

Morty blinzelte noch einmal vertrauensselig. »Partner!«, sagte er dumpf und mit Verschwörermiene. Dann, endlich, machte er kehrt.

»Mein Gott«, seufzte Harry. »Der Tag fängt ja gut an!«

Morty Wynakers Verzögerungstaktik war erfolgreich gewesen. Im Vorbeigehen konnte er einen ausgiebigen Blick auf Harrys Besucherin werfen. Die Sekretärin hatte sie aus dem Wartezimmer geholt.

Diese geheimnisvolle Lady namens Paige Katz war atemberaubend schön. Wie ein Filmstar. Ihr schwarzes Haar trug sie in einer geometrisch exakten Frisur, ohne jede Krause, doch voluminös gebauscht um die feingezeichneten Linien ihres Gesichts. Es war von der klassischen Sanftheit einer Römerin. Das einzig unregelmäßige war ein punktförmiges Muttermal unter der Unterlippe, in der Nähe ihres linken Mundwinkels. Eben dies aber gab ihrem hinreißenden Aussehen etwas zusätzlich Interessantes. Aber ein Star war sie nicht, denn sonst hätte man ihren Namen ja schon mal gehört. Morty nahm sich vor, Erkundigungen einzuziehen. Vor allem würde es interessant sein, herauszufinden, warum Harry Wyckoff nicht locker blieb und damit herausrückte, warum die unbekannte Lady ihn besuchte.

Harry konnte Mortys Gedanken buchstäblich lesen, auch wenn er schon außer Sichtweite war. Harry war froh, den aufdringlichen Kerl endlich losgeworden zu sein. Denn Paige Katz war eine Besucherin, auf die er sich konzentrieren musste. Sie war es wert, dass man ihr seine ganze Aufmerksamkeit widmete.

Er war ihr am letzten Wochenende begegnet. Es war eine dieser Zufallsbegegnungen gewesen, die man als absolute Seltenheit im Leben eines Menschen bezeichnen konnte. Und es war auch nicht hundertprozentig angenehm gewesen.

Sie waren sich im Kunstmuseum begegnet. Harry hatte die neue Ausstellung gemeinsam mit Grace und den Kindern besucht. Er hatte gespürt, dass Grace nicht gerade begeistert gewesen war, als er mit Paige geredet hatte.

Paige und er hatten sich eine Ewigkeit nicht gesehen. Damals, auf dem College, waren sie ein Liebespaar gewesen. Und mehr als das. Sexuelle Besessenheit hatte sie verbunden. Sie hatten sich gemeinsam dazu bekannt, und sie waren glücklich darüber gewesen. Dann, mit dem Beginn der jeweiligen beruflichen Karrieren, hatten sie einander aus den Augen verloren.

Ein paar Tage nach ihrem Zufallstreffen im Museum hatte Paige ihn angerufen und diesen Termin vereinbart. Harry war erfreut darüber gewesen, obwohl sich zugleich sein schlechtes Gewissen meldete. Grace würde nicht begeistert sein, wenn sie erfuhr, dass er seine große Liebe aus der Studentenzeit im Büro empfing.

Als Paige eintrat, waren Harrys Gedanken wie weggewischt. Und zugleich spürte er, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Er kam sich vor wie ein Jüngling, der zum ersten Mal seiner Traumfrau gegenüber stand.

Paige trug ein schwarzes, figurbetonendes Kostüm. Einzige Kontraste waren der graue Stehkragen und das rautenförmige Dekollete - letzteres natürlich der aufregendere der beiden Kontraste. Dieses Stück nackte Haut von ihr zu sehen, einschließlich des Ansatzes ihrer Brüste, rief Erinnerungen wach, die sich nicht verdrängen ließen.

Spürte sie es?

War ihr Lächeln das Zeichen dafür, dass sie seine Erinnerungen provozieren wollte? Er wusste es nicht. Die Zeiten, in denen er ihre Stimmungen und Gefühle aus den winzigsten Nuancen ihres Mienenspiels ablesen konnte, waren lange vorbei. Inzwischen hatte eine andere Frau diesen Platz eingenommen. Mit Grace war er logischerweise vertrauter, als er es mit Paige jemals gewesen war.

Und doch...

Die Erinnerung hatte eine ungeheure Macht.

War es Paige selbst, die diese Macht ausstrahlte?

»Hi, Paige!«, zwang er sich zu sagen, und seine Stimme kam ihm komisch vor, hatte einen heiseren Klang. Insgeheim rief er sich zur Ordnung. Starre nicht auf ihre Brüste! Starre sie auch sonst nicht an! Bleib locker, behandle sie wie jede andere Besucherin!

»Es ist mir nicht leichtgefallen, dich anzurufen«, sagte sie sanft, beinahe verlegen.

»Aber warum denn!«, entgegnete er, und mit seinem Lächeln kehrte seine Selbstsicherheit zurück. »Ich freue mich riesig, dich zu sehen. Bitte .. «, er wies auf die Polstermöbel für Besucher, »...setz dich doch!«

Paige erwiderte sein Lächeln dankbar. Zugleich lag in diesem Lächeln und im Leuchten ihrer Augen ein Maß von Vertraulichkeit, das ihm unter die Haut ging. Harry spürte bereits, dass es keiner geistigen Klimmzüge bedürfen würde, um ihr wieder so nahe zu kommen wie damals.

»Möchtest du einen Cappuccino?«, fragte er. »Oder Mineralwasser?«

»Nein, danke«, erwiderte sie gedehnt, während sie seiner Aufforderung folgte und sich auf das breite Ledersofa setzte.

Harry nahm ihr gegenüber Platz, in dem Sessel, der auch bei Klienten-Gesprächen sein gewohnter Platz war. »Tja...«, sagte er, nach Belanglosigkeiten suchend, »du siehst großartig aus - einfach großartig!« Er lehnte sich zurück. »Aber irgendwie trifft's mich schon überraschend.«

»Wie ein Blitz aus heiterem Himmel?« Paige lachte.

»Wie lange ist es jetzt her?«, fragte Harry versonnen.

»Fünfzehn Jahre.«

»Hm...« Er zog die Augenbrauen hoch, nickte nachdenklich.

»Du bist natürlich verheiratet, nicht wahr?«

Er betrachtete seinen Ehering. »Oh - ja.«

»Glücklich?«

»Natürlich!«, antwortete er schmunzelnd.

»Kinder?«

»Zwei. Und du?«

»Ich habe einen Sohn - unehelich.«

»Oh!«, entgegnete Harry betroffen. »Und - arbeitest du?«

»Ja. Ich bin als Beraterin für die Wild Palms Group tätig.« Übergangslos wechselte sie das Thema. »Zwei Kinder, sagst du?«

»Tja - na, ja...« Harry lächelte stolz und verlegen zugleich.

»Ich habe immer gewusst, dass du der geborene Vater bist.«

»Nun, ich weiß nicht...« Ihm gingen die Worte aus. Er entschloss sich, das zu sagen, was er empfand: »Danke!«

Paige reagierte mit Schweigen.

Ihre Blicke suchten sich zu ergründen, während sie beide dieses aus Verlegenheit und Höflichkeit geborene Lächeln beibehielten.

Schließlich war es Harry, der das Schweigen brach. »Du bist gekommen, um - mit mir über etwas Bestimmtes zu sprechen?«

»Ich wollte dich bitten, jemanden für mich zu suchen.«

»Mein Gott, Paige!« Er lachte. »Das hört sich an, als würde an meiner Tür draußen stehen Mike Hammer, Privatdetektiv. Meinst du nicht auch? Ich bin Patentanwalt!«

»Es geht um meinen Sohn Peter«, sagte Paige ernst. »Er verschwand vor fünf Jahren. Heute müsste er zwölf sein.«

Harry starrte sie an. Er hörte, was sie sagte. Er verstand, wie furchtbar es für sie sein musste, ihren Sohn verloren zu haben. Und doch konnte er plötzlich nur noch daran denken, wie es früher mit ihr gewesen war. Er versuchte sich vorzustellen, wie er sie küsste. Die Vorstellung gelang ihm. Ebenso die Vorstellung, wie er mit seiner Zunge in ihren Mund eindrang, und wie sie auf sein Eroberer-Verhalten reagierte.

Atemberaubend.

 

Grace war in ihrem Element. Der Morgen, der Sonnenschein, ihre Boutique, die Kleider - alles zusammen bewirkte vollkommenes Wohlbefinden. Sie genoss den Textilienduft, und es bereitete ihr Freude, die gerade eingetroffenen neuen Modellkleider einzusortieren. Lee, ihre Mitarbeiterin, verabschiedete eine Kundin. Meist waren es Stammkundinnen, die früh am Morgen hereinschauten, auf dem Weg zum Arbeitsplatz. Weibliche Angestellte in verantwortlichen Positionen fanden in Grace Ito-Wyckoffs Boutique Vestiges immer etwas für ihre speziellen Zwecke. Elegantes und Zweckmäßiges, nicht zu Extravagantes für den Job - Schrilles und Ausgefallenes für die Party oder den Theaterbesuch am Wochenende.

Im Laufe des Tages wechselte das Publikum. Die Melrose Avenue bot eine hervorragende Lage. Touristinnen schauten ins Vestiges, ebenso wie bekannte und betuchte Leute, die aus den Vororten zum Shopping-Bummel angereist kamen. Das Vestiges stand bei den meisten auf der Adressenliste.

Es war ein abwechslungsreicher Tagesablauf für Grace. Kein Tag glich dem anderen, und sie hatte häufig Gelegenheit, interessante Gespräche zu führen. Es war Graces Welt. Sie hatte es noch zu keinem Zeitpunkt bereut, die Boutique eröffnet zu haben. Dank der Hilfe ihrer Mutter war sie völlig unabhängig. Sie hatte die Möglichkeit, sich selbst etwas zu beweisen und ihre eigene Karriere zu machen. Und sie hatte ihr eigenes Geld, ihren eigenen Geschäftsgewinn, mit dem sie schalten und walten konnte. Ein grandioses Gefühl war das. Harry hatte sich anfangs brüskiert gefühlt, wohl in seiner männlichen Eitelkeit verletzt. Es hatte ihn gestört, dass nicht er es gewesen war, der seiner Frau die kleine Nebenbeschäftigung ermöglichen durfte, indem er ihr die Boutique finanzierte. Doch er war so einsichtig und verständnisvoll gewesen wie immer. Nicht ein einziges Mal hatte er ihr das Gefühl gegeben, dass ihn irgendetwas an ihrem Erfolg störte. Und kein einziges Mal hatte er ihr vorgeworfen, dass sie die Kinder vernachlässigte. Harry war fair in der Beziehung. Er sah vor allem, dass er selbst kaum Zeit für Coty und Deirdre hatte. Bevor er andere kritisierte, tat er das, was so manchen Menschen gutgetan hätte: vor der eigenen Haustür kehren. Grace liebte ihn wegen dieser und vieler anderer guter Eigenschaften.

»War irgendwas?«, fragte sie ihre Mitarbeiterin, nachdem die Kundin gegangen war. Wegen Cotys Magenverstimmung war sie an diesem Morgen eine halbe Stunde später gekommen als gewöhnlich. Als Inhaberin hielt sie sich normalerweise strikt an den Grundsatz, morgens immer die erste und abends immer die letzte im Geschäft zu sein.

»Deine Mutter hat angerufen«, antwortete Lee, während sie herausgenommene Kleider wieder an ihren Platz hängte.

»Oh, nein!«, ächzte Grace. Sie verteilte einen Stapel Blusen auf die Regale in Lees Nähe. »Also muss ich sie wieder abholen! Womit hab ich das verdient? Ich bin eine erwachsene Frau. Ich habe mein eigenes Leben. Warum fühle ich mich so verpflichtet, meine Mutter aus dem Krankenhaus abzuholen - nach ihrem siebenundfünfzigsten Face-Lifting?«

»Soll ich darauf antworten?«, erwiderte Lee und sandte einen Blick zur Decke.

Grace begann, die Jacken durchzusehen, als ihr jemand draußen vor der Glasscheibe der Tür auffiel. Sie verharrte und staunte: »Ist das nicht Tabba Schwartzkopf?«

»Die Schauspielerin?« Lee kam zu ihr herüber und blickte ebenfalls zur Tür.

»Ja, sie ist es!«, hauchte Grace entzückt. »Sie kommt herein!«

Lee flüsterte: »Bleib locker, Grace! Hast du sie in Magnificent Obsession gesehen? Oder in dem anderen Stück - warte mal, wie hieß das doch noch?«

»Ich weiß, was du meinst. Das war letzte Woche. War sie nicht phantastisch?«

»Mein Gott, ja! Sie war einfach himmlisch!«

Tabba Schwartzkopf war eine schlanke, beinahe gazellenhafte Frau. Sie trug eine lachsfarbene Sommerjacke und einen langen schwarzen Rock. Haarfrisur, Sonnenbrille, Handschuhe, Strümpfe und Designer-Schuhe waren gleichfalls in der Modefarbe Schwarz gehalten. Tabba hatte eine große braune Handtasche geschultert und war außerdem mit einem halben Dutzend Einkaufstüten beladen. Während sie auf die beiden Frauen zueilte, schob sie die Sonnenbrille hoch, bis sie auf der lockeren Frisur Halt fand.

»Hi«, sagte sie. »Ich muss Sie etwas fragen, das Ihnen wahrscheinlich die Galle hochsteigen lässt.«

»Sie möchten telefonieren«, tippte Grace.

»Schlimmer. Ich würde gern Ihre Toilette benutzen.«

»Oh, nein!«, rief Grace in gespielter Empörung.

»Ich weiß, ich bin eine schreckliche Person.«

»Ja, und Sie können sich so wenig zurückhalten wie ein kleines Mädchen!«

Die Frauen lachten.

Grace wandte sich an ihre Mitarbeiterin: »Lee, würden Sie Miss Schwartzkopf bitte die Toiletten zeigen?«

Lee ging voraus.

»Du lieber Himmel, sie kennt sogar meinen Namen«, murmelte die Schauspielerin, während sie der blonden Boutique-Angestellten folgte.

»Ich habe all Ihre Filme gesehen!«, rief Grace lachend.

»Und ich werde wenigstens Ihre Toiletten gesehen haben!«, erwiderte Tabba Schwartzkopf, indem sie sich schmunzelnd umwandte.

Wieder musste Grace lachen, und sie blickte der sympathischen Frau nach. Sie schien nicht die geringsten Starallüren zu haben.

 

Grace lenkte den Jeep Wagoneer in die Einfahrt der Beverly Clinic. Ein Palast aus weißem Beton und riesigen Glasflächen, die im Wintergartenstil aus den Fassaden herausragten. Grace fand einen Parkplatz direkt vor dem Eingang. Sie drehte den Zündschlüssel herum und zog die Handbremse an.

Noch bevor sie sich ins Freie schwang, sah sie ihre Mutter.

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Horst Friedrich/Apex-Verlag. Published by arrangement with Greengrass Productions Inc./ABC.
Bildmaterialien: Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Cover: Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Lektorat: Zasu Menil.
Satz: Apex-Verlag.
Tag der Veröffentlichung: 07.01.2019
ISBN: 978-3-7438-9258-3

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