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Leseprobe

 

 

 

 

GEORGE ALEC EFFINGER

 

 

Hetzjagd auf dem

Planet der Affen

 

 

 

Drei Romane in einem Band

 

 

Apex Science-Fiction-Klassiker, Band 42

 

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

HETZJAGD AUF DEM PLANET DER AFFEN (Man The Fugitive) 

TERROR AUF DEM PLANET DER AFFEN (Escape To Tomorrow) 

GEFANGEN AUF DEM PLANET DER AFFEN (Journey Into Terror) 

 

Das Buch

Zwei Astronauten auf dem Planet der Affen...

Ihre Namen sind Alan Virdon und Pete Burke. Als Astronauten der US-Airforce wurden sie unter härtesten Bedingungen geschult und mannigfaltigen Überlebenstests unterworfen.

Doch als ihr Vorstoß ins All auf der Erde der Zukunft endet, sind Alan und Pete unvorbereitet auf das, was sie erwartet: Die Erde wird beherrscht von intelligenten Affen, und jeder Mensch – egal ob Mann, Frau oder Kind – ist nichts anderes als ein Sklave der Affen...

 

Terror auf dem Planet der Affen basiert auf der US-amerikanischen TV-Serie Planet Of The Apes, die es im Jahr 1974 auf 14 Episoden brachte und die auf der gleichnamigen Kino-Reihe aufbaute. Der vorliegende Band enthält die Adaptionen Hetzjagd auf dem Planet der Affen, Terror auf dem Planet der Affen und Gefangen  auf dem Planet der Affen. 

  HETZJAGD AUF DEM PLANET DER AFFEN

  (Man The Fugitive)

 

 

 

1.

 

 

Das Dorf der Menschen wurde Trion genannt. Es war ein kleines Dorf, selbst für die Verhältnisse der übrigen menschlichen Siedlungen im Umkreis der inneren Zone, die das Kerngebiet der Affengesellschaft war und wo Menschen nur als Sklaven lebten. Die Bewohner Trions hatten es ein wenig besser als jene; sie besaßen ein gewisses Maß an Freiheit, einen winzigen, halb vergessenen Rest von Stolz und Würde. Doch war dieses Stückchen Freiheit ständig gefährdet, denn es wurde von keinem Gesetz garantiert, und die plötzliche Laune irgendeines Affenführers konnte ihm jederzeit ein Ende machen. Patrouillierende Soldaten der Gorillastreitmacht kamen täglich durch das Dorf und brachten es den in Armut und Mühsal lebenden Bewohnern durch ihre bloße Gegenwart in Erinnerung.

Für die Menschen von Trion war das Leben schwer, aber es war - Leben. Sie hatten vor langer Zeit gelernt, dass Widerstand gegen die an Zahl weit überlegenen Affen nur den Tod bringen konnte. Und wo Widerstand und Rebellion Tod bedeuteten, war ein Leben in relativer Sicherheit und Ruhe nur zu haben, wenn man für die herrschende Schicht arbeitete, Die Menschen verstanden und akzeptierten das. Sie arbeiteten, und die Affen ließen sie leben.

Manchmal konnten die Dorfbewohner beinahe glauben, dass sie glücklich seien.

»Oft denke ich, es wäre besser gewesen, ihr wäret nicht gekommen«, sagte Amy, ein kluges, hübsches Mädchen von vierzehn Jahren. Es wanderte mit einem Mann durch die Felder, einem Fremden, der vor einiger Zeit mit seinen zwei Gefährten, einem anderen Mann und einem Schimpansen, ins Dorf gekommen war. Jetzt näherten sich Amy und ihr Freund, Alan Virdon, dem Dorf, nachdem sie den Vormittag mit der Erforschung des Wald- und Sumpflands jenseits der bestellten Felder verbracht hatten.

Virdon blieb stehen und ließ seinen Blick über die eng zusammengedrängten, strohgedeckten Hütten aus lehmbeworfenem Flechtwerk gehen. Eine Handvoll Dorfbewohner arbeitete stumm in den angrenzenden Feldern. Hinter dem Dorf befand sich ein niedriger, lang hingestreckter Hügel, auf dem eine Wachhütte aus Holz und Stein zu sehen war, wo zwei Gorillasoldaten ihren Dienst versahen. Einer von ihnen kam eben hinter den Hütten am rechten Dorfausgang zum Vorschein, ein Gewehr in den schwieligen schwarzen Händen, und beobachtete Virdon und Amy misstrauisch.

»Tut mir leid, dass wir gehen müssen, Amy«, sagte Virdon, ohne den Gorilla aus den Augen zu lassen. Der Wachsoldat blickte noch einen Moment zurück, dann wandte er sich mit geringschätzigem Schnaufen ab und setzte seinen Patrouillengang fort. Virdon atmete auf.

»Warum sagtest du mir, wer ihr seid?«, fragte Amy. »Warum mir und keinem der anderen?«

Virdon schien aus tiefen Gedanken aufgeschreckt. Ehe er antwortete, blickte er mit einem Ausdruck angestrengter Aufmerksamkeit in Amys junges Gesicht, dann sagte er zögernd: »Ich weiß es nicht genau. Vielleicht liegt es daran, dass du mir gefällst und dass ich dich ansehe und mich erinnere, wie es war, als ich in deinem Alter war. Und ich wollte dir sagen, dass das Leben nicht immer so war.«

Es schmerzte Virdon, diese Worte auszusprechen, mehr als er erwartet hatte. Es brachte eine Flut von Erinnerungen zurück, Gedanken, die Virdon aus seinem Bewusstsein verdrängen musste, damit sie ihn nicht überwältigten. Bevor er und sein Astronautenkollege Pete Burke durch irgendein unbekanntes Zusammenwirken von Kräften in die Zukunft und diese alptraumhafte verkehrte Welt geschleudert worden waren, hatte er ein hübsches, mit allen Annehmlichkeiten ausgestattetes Heim in Houston, Texas, besessen. Er hatte eine Frau, die er liebte, und er hatte Kinder. Eine Tochter war gerade in Amys Alter - nur waren seine Tochter und seine Frau und alle anderen, die er aus seinem früheren Leben kannte, seit zweitausend Jahren tot.

Ihre Welt war untergegangen. Alles, was sie gekannt hatten, war zerfallen, verweht und verschwunden; irgendwie war die vertraute alte Welt von dieser verrückten Herrschaft seltsam entwickelter, sprechender Affen abgelöst worden. Die unbedeutenden Überreste, Ruinen und Bruchstücke ihrer eigenen, längst versunkenen Zeit, denen Virdon und Pete Burke auf ihren Wanderungen begegneten, konnten ihr Heimweh nur noch verstärken.

»Das Leben war nicht immer so«, sagte Virdon weiter, seinen Gedanken nachhängend.

»Aber wenn ich es nie gewusst hätte«, meinte Amy zögernd, »dann wäre ich... ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.« Sie blickte zu Virdon auf und schüttelte den Kopf. »Du hättest es mir nicht sagen sollen.« Virdon strich ihr übers Haar. Es hatte genau die gleiche Farbe wie... er drängte den Gedanken gewaltsam zurück.

»Amy«, sagte er, »Wissen hat manches mit Liebe gemeinsam. Einmal hast du Freude daran, ein andermal bereitet es dir Schmerzen. Oder es ist wie eine Wanderung zu einem unbekannten Ort. Sobald man ihn erreicht hat, ist es zu spät, sich zu wünschen, dass man nie losgegangen wäre.«

Amy lächelte ein wenig unsicher, bemüht, ihn zu verstehen. Virdon zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Gehen, und sie gingen langsam durch die gewundene, schmutzige Dorfstraße zur Hütte von Amys Vater.

Vor dem primitiven Bauwerk stand Talbert, Amys Vater, und half Virdons Gefährten, die Rucksäcke auf die Schultern zu heben. Talbert war ein groß gewachsener Mann Mitte der Vierzig, gebräunt und gehärtet von langen Jahren endloser Plackerei. Der menschenähnliche Schimpanse namens Galen, der Virdon und Burke begleitete und das wechselnde Geschick mit ihnen teilte, wartete schon marschbereit. Virdon trat zu seinen Freunden, belud sich mit dem Rucksack und hörte, wie Burke sich bei ihrem Gastgeber bedankte. Amy stand ein paar Schritte entfernt und lauschte stumm und mit trauriger Miene.

»Mein lieber Freund, es wird Zeit, dass wir uns aufmachen«, sagte Burke, ein hagerer, sehniger Mann mit dunklen Haaren und einem jungenhaft unbekümmerten Lächeln. »Danke für die Gastfreundschaft.«

»Warum bleibt ihr nicht und baut euch hier eine Hütte?«, fragte Talbert.

»Das ist eine gute Frage«, erwiderte Burke mit kurzem Auflachen. Er zeigte mit dem Daumen zu Virdon und sagte: »Ich glaube, die Antwort ist, dass ihn die Füße jucken und ich ein Holzkopf bin.«

Talbert runzelte die Stirn und blickte von einem zum anderen. Er und seine Tochter fanden es oft schwierig zu verstehen, was Burke und Virdon meinten. Die beiden Fremden erwähnten häufig Namen und Dinge, die ihm nichts sagten, und sie gebrauchten Redewendungen und Ausdrücke, mit denen er nichts anzufangen wusste.

Burke bemerkte seine Verwirrung und versuchte ihm eine bessere Erklärung zu geben. »Wir wollen von jedem Hügel am Horizont die andere Seite sehen.« Es hörte sich ein wenig kläglich an, doch in Wahrheit hatte er sich nicht ungern mit Virdons geradezu verzehrendem Drang abgefunden, diese Welt zu erforschen, die ihre neue Heimat war. Talbert seufzte; er begriff noch immer nicht ganz, was Burke sagen wollte. Wozu sollte dieses Umherziehen gut sein? Für einen Menschen gab es auf dem Planeten der Affen kein besseres Los als dieses. Er schüttelte ihnen die Hände.

»Ich würde dir gern eine bessere Antwort geben«, sagte Galen, »aber ich weiß selbst keine. Dank für alles.«

Talbert nickte. Pete Burke wandte sich zu Virdon. »Fertig?«

Virdon nickte, ging zu Talbert und drückte ihm die Hand. Ehe er sich umwandte, nickte er zu Amy hinüber und sagte: »Sie ist etwas Besonderes. Gib gut auf sie acht.«

Talbert antwortete nicht. Amy blickte ihren Vater an, aber Talberts Gesichtsausdruck zeigte keine Reaktion. Die zwei Astronauten und ihr schwarzbehaarter Begleiter hielten einen Augenblick inne, um Amy Lebewohl zu sagen.

»Werdet ihr wieder einmal hier durchkommen?«, fragte sie.

»Alles ist möglich«, antwortete Virdon mit freundlichem Lächeln.

Sie machte ein Zeichen, dass er sich zu ihr niederbeugen solle, und als er es tat, flüsterte sie ihm ins Ohr: »Ich werde euer Geheimnis bewahren. Sogar vor meinem Vater.«

»Vielleicht komme ich zurück, nur um dieses Wunder zu erleben«, sagte Pete Burke lachend. Virdon richtete sich hastig auf, und Amy starrte den anderen erschrocken an, offensichtlich bestürzt, dass Burke mitgehört hatte.

»Wunder?«, fragte sie. »Was für ein Wunder?«

»Ach«, erwiderte Burke in wegwerfendem Ton, »dass eine Frau ein Geheimnis für sich behält.«

»Frauen können Geheimnisse für sich behalten«, sagte Amy trotzig.

Burke lächelte. »Ich weiß, ich weiß. Es war nur ein Spaß. Da fällt einem der Abschied leichter.« Amy zögerte, versuchte ein Lächeln. Virdon beugte sich vor und küsste sie auf die Stirn.

»Leb wohl, Amy«, sagte er.

Sie konnte nur nicken. Die drei Gefährten wanderten die Straße hinab zum Dorfausgang, und Amy stand da und sah ihnen nach. Sie versuchte, die Tränen zurückzuhalten, die plötzlich ihre Augen füllten.

Auch Talbert beobachtete die drei Fremdlinge, die ihm während der letzten Zeit und Wochen zu Freunden geworden waren, doch statt Trennungsschmerz empfand er Melancholie. Das tägliche Leben in Trion würde ohne Virdon, Burke und Galen ärmer sein, einförmiger. Vielleicht hatte das seltsame Schwächegefühl in ihm mit der Abreise seiner Gäste zu tun. Er fühlte sich ein wenig matt und lustlos. Er wischte sich Schweiß vom Gesicht und schüttelte den Kopf, um die leichte Benommenheit zu verjagen, doch das Gefühl blieb.

Die drei Wanderer hatten den Ortsrand erreicht, blieben stehen, wandten sich noch einmal um und winkten. Talbert und Amy winkten zurück. Sie sahen einen der massigen Wachtposten auf seinem Patrouillengang stehenbleiben und draußen auf dem Feldweg auf die drei warten. Als sie sich dem Gorilla näherten, hielten sich Virdon und Burke im Hintergrund und ließen Galen vorangehen. Er musste mit der Situation fertig werden. Der Wachtposten hob sein Gewehr.

»Ich bringe diese zwei zum Arbeitseinsatz ins nächste Dorf«, sagte Galen. »Es hat dort Ausfälle durch Krankheit gegeben, und man hat Hilfskräfte angefordert.«

Der uniformierte Wachtposten musterte Virdon und Burke eingehend und prägte sich ihre Gesichter ein. Dann ließ er zögernd das Gewehr sinken und gab den Durchgang frei. Galen lächelte und nickte ihm zu, dann ging er unbekümmert am Wachtposten vorbei, als ob er und die beiden Menschen jeden Anspruch auf Freizügigkeit hätten. Virdon und Burke folgten ihm mit hängenden Schultern und demütig gesenkten Köpfen, zwei unglückliche, aber folgsame Sklaven.

Der Posten - sein Name war Nisa - sah ihnen verdrießlich nach, bedrückt von einem ahnungsvollen Misstrauen, für das er keine Erklärung hatte. Schließlich murmelte er etwas, schüttelte den Kopf, hängte sich das Gewehr um und setzte seinen Rundgang fort.

Der Tag verging den drei Wanderern langsam. Sie sprachen wenig und sparten ihre Kräfte für den mühsamen Marsch. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Virdon fragte sich, ob der nächste Aufenthalt den Hinweis geben würde, den sie suchten, die Information, die ihnen zur Rückkehr in ihre eigene Zeit verhelfen könnte. Burke dagegen war weniger um die Rückkehr in die Welt seiner Geburt bekümmert. Er ahnte, dass sie für immer in dieser Welt der Affen gestrandet waren, und dass es darauf ankam, aus diesem neuen Leben das Beste zu machen.

Er war nicht unglücklich über diese Aussichten. Er hatte weder Frau noch Familie und nahm auf sich, was das Schicksal für ihn bereithielt.

Galen wiederum beobachtete die beiden Menschen bei aller Kameradschaft, die unter ihnen herrschte, mit der inneren Distanz des Wissenschaftlers. Ihre Geschichten von technologischen Wunderdingen, die ihre Menschenkultur angeblich geschaffen hatte, faszinierten ihn, und während er sich mit ihnen auf gemeinsamer Flucht vor den Nachstellungen von Polizei und Militär befand, wollte er so viel wie möglich über die Astronauten erfahren.

Unter einer gnadenlosen Sonne durchwanderten sie die felsige Einöde einer Karsthochfläche, dann stiegen sie in ein Tal ab und durchwateten faulig riechende Sumpfflächen. Sie halfen einander weiter, so gut sie konnten, mit stützender Hand oder ein paar ermutigenden Worten; vor allem aber teilten sie eine nie erlahmende Wachsamkeit und Furcht vor den möglichen Gefahren ihrer Reise.

 

Der Nachmittag wurde zum Abend, und graublaue Schatten breiteten sich unmerklich durch die Täler aus. Im Dorf Trion wälzte sich Talbert unruhig auf seinem Strohsack. Sein Gesicht glänzte vom Schweiß und zeigte einen Ausdruck ungewohnter Angst. Fröstelnde Schauer gingen ihm durch den Körper. Als er sich aufrichten wollte, um ein wenig Wasser zu trinken und seine ausgedörrte Kehle zu befeuchten, erwies sich die Anstrengung als zu groß, und Talbert ließ sich mit einer gemurmelten Verwünschung zurückfallen.

Als Amy kurz darauf in die Hütte kam, einen alten Flechtkorb mit frisch geerntetem Gemüse im Arm, erschrak sie beim Anblick ihres Vaters. Sie kam an sein Lager, beugte sich über ihn und wischte mit dem Rocksaum Schweißperlen von der fiebernden Stirn. »Vater«, sagte sie besorgt, »was ist geschehen? Bist du krank?«

Talbert zeigte ihr ein mattes Lächeln, konnte aber nicht verhindern, dass seine Zähne aufeinander- schlugen. »Es hat nichts zu bedeuten«, sagte er mit schwacher Stimme. »Ich bin bloß ein bisschen müde. Ein wenig erschöpft...«

»Ich werde Wasser holen und dir einen feuchten Lappen auf die Stirn legen«, sagte Amy in unsicherem Ton. Und sie verließ das Lager, um es zu tun.

 

Als es zu dunkeln begann, machten die drei Wanderer auf einer Waldlichtung am Rand eines klaren Bachlaufs halt. Schon begannen die Erinnerungen an Trion und seine gastfreundlichen Bewohner zu verblassen und eins zu werden mit den Erinnerungen an die vielen anderen Dörfer und ihre Bewohner, die sie seit ihrer unglücklichen Ankunft in dieser ungeahnten Zukunft kennengelernt hatten. Die Härten des neuen Lebens gestatteten den drei Abenteurern nicht den Luxus müßigen und sehnsuchtsvollen Erinnerns; das war nur geeignet, ihre Aufmerksamkeit zu schwächen und abzulenken. Und mangelnde Aufmerksamkeit konnte in dieser unbekannten Welt leicht das Leben kosten.

Burke entledigte sich mit einem tiefen Seufzer seines Rucksacks, kniete am Bachufer nieder und schöpfte mit beiden Händen das kühle Wasser, um Gesicht und Nacken zu erfrischen. Auch Virdon warf seinen Rucksack ins Gras, reckte sich und kniete dann nieder, um den mitgebrachten Proviant auszupacken. Galen hielt sich ein wenig abseits und beobachtete das Tun seiner beiden Gefährten.

Nachdem Burke seinen Durst gestillt hatte, verließ er das Bachufer und machte sich ans Auspacken seines Rucksacks. »Weißt du, als wir vor zweitausend Jahren in der Ausbildung waren und dieses verdammte Überlebenstraining machten«, sagte er, »hasste ich am meisten die Gewaltmärsche und Strapazen und alles das. Vorwärts, weiter, hieß es ständig. Und wohin ging es? Im Kreis herum! Jetzt sind wir zufällig zwanzig Jahrhunderte in unsere eigene Zukunft gestoßen worden, und was stellt sich heraus? Nichts hat sich geändert!«

Virdon lachte. »Nur die Welt um uns«, sagte er ironisch.

»Nun ja«, meinte Burke, »das ist wahr. Und die alte Welt war doch ein wenig angenehmer als diese.«

»Du hättest sie sehen sollen, Galen«, sagte Virdon. »Vielleicht wirst du eines Tages doch noch die Gelegenheit haben. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir irgendwie und irgendwann den Weg zurück finden werden.«

»Da kannst du lange warten«, sagte Burke. »Los jetzt, lass uns Brennholz sammeln, solange wir noch was sehen können.« Er ging am Bachufer entlang zum Waldrand, um dürre Äste und größere Stücke zu suchen, während Virdon Zweige und vorjähriges Laub zusammensuchte und für das Lagerfeuer sorgfältig aufeinanderschichtete. Sie arbeiteten ruhig und gleichmütig, mit der gewohnheitsmäßigen Sicherheit, die sich im Lauf ihrer Wanderungen eingestellt hatte.

Galen war inzwischen zum Rand der Lichtung hinübergegangen, wo er bewegungslos stand und angestrengt lauschte. Gewöhnlich fiel ihm um diese Zeit die Aufgabe zu, größere Äste in handliche Stücke zu zerbrechen. Virdon und Burke staunten immer wieder über die gewaltigen Körperkräfte des entwickelten Schimpansen, der gerade die Größe eines untersetzten Mannes erreichte und der von seinen Verwandten, den Orang-Utans und Gorillas, an Kraft und Größe noch bei weitem übertroffen wurde. Es war kein Wunder, dass die menschliche Bevölkerung, von Krankheiten dezimiert und durch elende Lebensbedingungen auf das Kulturniveau prähistorischer Siedler zurückgesunken, nicht darauf hoffen konnte, ihre frühere Herrschaft wiederzugewinnen.

Nach einer Weile wurde Virdon aufmerksam und zeigte sich sofort besorgt. »Was hast du, Galen?«, fragte er. »Hörst du etwas?«

»Noch nicht«, sagte Galen und bedeutete ihm, still zu sein.

Burke hatte einen Armvoll Brennholz zum Lagerplatz gebracht und gesellte sich zu den beiden. »Wenn du nichts hörst, was erwartest du dann?«, fragte er Galen.

»Ärger«, sagte der andere.

Burke machte ein enttäuschtes Gesicht. »Was soll das heißen? Stört dich etwas?«

»Als ich mich euch beiden anschloss«, sagte Galen ohne ein Zeichen von Verärgerung oder Bitterkeit in der Stimme, »da wusste ich, dass ich genauso wie ihr in Gefahr war, wieder eingefangen zu werden. Es ist sogar denkbar, dass ich auf der Fahndungsliste an erster Stelle stehe. In den Augen meiner Artgenossen bin ich ein Abtrünniger. Ich nehme das auf mich, aber ich dachte, dass wir unter den gegebenen Umständen wenigstens versuchen würden, einander zu schützen.«

Burke benagte nachdenklich die Unterlippe. »Wer hat wen nicht geschützt?«, fragte er. »Ich weiß nicht, wovon du redest. Oder habe ich etwas überhört?«

»Warte, Pete«, sagte Virdon zu seinem Freund. Er wusste sofort, worauf Galens Worte sich bezogen. »Ich habe etwas getan, wogegen du Einwände hast, Galen«, fuhr er zum Schimpansen gewandt fort. »Du weißt, dass ich dich nicht vorsätzlich in Gefahr bringen würde. Das wäre selbstmörderisch. Also kann es nur eine Unachtsamkeit gewesen sein. Lasst uns offen darüber reden und die Sache in Ordnung bringen.«

Galen grunzte. »In einen zerbrochenen Krug kannst du kein Wasser zurückgießen. Du hast selbst oft gesagt, wie vorsichtig wir sein müssten, wie sehr es darauf ankäme, niemandem von uns zu erzählen, wer wir sind und wo ihr zwei hergekommen seid. Nun hast du einem Kind alles das anvertraut. Nicht nur dein eigenes Leben, sondern auch Burkes und das meinige hängen jetzt von der Verschwiegenheit eines Kindes ab. Das ist eine schwere und gefährliche Nachlässigkeit.«

Virdon ließ den Kopf hängen. »Ja, natürlich, ich verstehe. Aber du weißt, dass ich ihr nie ein Wort gesagt hätte, wäre ich nicht sicher gewesen, dass sie diese Dinge niemals ausplaudern würde.«

»Genauso sicher, als wenn du ihr nichts gesagt hättest?«, sagte Galen.

Virdon schwieg. Darauf gab es keine Antwort. Galen hatte Recht; er hatte nicht nur sich selbst, sondern auch zwei andere, die sich auf ihn verließen, unnötig und sinnlos in Gefahr gebracht. Er schämte sich seines Versagens. Pete Burke sah es ihm an und versuchte ihm zu Hilfe zu kommen.

»Vielleicht ist der Krug zerbrochen, wie Galen sagte«, meinte er, »aber unser Argumentieren wird ihn auch nicht ganz machen. Außerdem ist uns keiner nachgekommen, wenigstens bis jetzt noch nicht..

Virdon begriff, dass Burkes Worte an der Sache vorbeigingen, und er machte eine abwinkende Bewegung, um sich dann Galen zuzuwenden. »Du hast natürlich Recht. Ich hätte es ihr nicht sagen sollen. Sie... nun, ich habe selbst ein paar Kinder, und meine Tochter war... ist ungefähr in ihrem Alter. Ich weiß natürlich, dass das keine Entschuldigung ist, es soll auch nur eine Erklärung sein. Es tut mir leid, Galen.«

Eine Weile blieb es still auf der Waldlichtung. Die Geräusche des fließenden Wassers wirkten jetzt lauter, und die Rufe der Vögel ließen die Szene friedlicher erscheinen, als sie war. Vielleicht waren es diese Umstände, die Galens Befürchtungen zerstreuten, wenigstens einstweilen. »Ich dachte nicht, dass du die Absicht hattest, uns Schaden zuzufügen«, sagte er. »Aber warum hast du das Risiko auf dich genommen?«

Burke schnalzte ungeduldig. »Es wird spät, und unser Feuer ist noch immer nicht im Gang«, sagte er. »Bevor wir uns zum Essen setzen, müssen wir die Gegend ein wenig gründlicher auskundschaften und unsere Feldflaschen auf füllen. Und ehe wir uns schlafen legen können, müssen wir den Lagerplatz aufräumen, damit wir morgen frühzeitig aufbrechen können. Alles das ist zu tun, und unser Freund Galen will sich mit Psychoanalyse befassen.«

»Womit?«, fragte Galen.

Burke winkte seufzend ab. »Nichts«, sagte er. »Du kannst von Glück sagen, dass eure Kultur so etwas nicht entwickelt hat. Es war eine Art ritueller Magie. Reinigungsriten und dergleichen.«

»Ihr Menschen verwundert mich immer wieder«, sagte der Schimpanse. »Solche Dinge existieren in der gleichen Gesellschaft, die jene wissenschaftlichen Wunderdinge hervorbringt, von denen ihr ständig redet. Es muss seltsam gewesen sein, in einer solchen Gesellschaft zu leben.«

Burke und Virdon tauschten Blicke aus, in denen sowohl Erheiterung als auch Betretenheit zu lesen waren, und Virdon murmelte, dass es manchmal in der Tat seltsam gewesen sei. Burke machte sich auf einen Rundgang, um die Umgebung des Lagerplatzes auszukundschaften, und Virdon, der bemerkt hatte, dass Galen noch immer auf eine überzeugende Antwort von ihm wartete, sagte nach einigem Zögern:

»Es ist schwierig zu erklären, warum ich es Amy erzählte. Vielleicht war es nur ein Bedürfnis zu sprechen, mich jemandem anzuvertrauen, jemandem mitzuteilen, der mir ein Stück Vergangenheit zurückbrachte. Ich kann es wirklich nicht genauer erklären. Vielleicht solltest du es einfach der Tatsache zuschreiben, dass ich trotz allem nur ein Mensch bin.«

Galen nickte voll Mitgefühl. »Ja«, erwiderte er. »Ich vergesse hin und wieder, dass ihr gegen einige eurer Schwächen wehrlos seid.«

 

Am Himmel erschienen die ersten Sterne. Hoch über dem Westhorizont flammten fiederige Zirruswolken in orangenen und karminroten Tönen, um bald darauf ein blasses Grau anzunehmen, das sich mehr und mehr dem dunkelnden Zwielicht anpasste. In den Hütten des Dorfes wurden Kerzen und Öllampen angezündet, und ein flackernder kleiner Lichtpunkt markierte die Wachhütte der Gorillasoldaten auf dem Hügel.

Amy Talbert trug zwei Wassereimer vom Dorfbrunnen heim, und alle paar Schritte schwappte etwas davon über den Rand und bespritzte den Boden und ihre bloßen Füße. Gewöhnlich trug ihr Vater die schweren Wassereimer, doch an diesem Abend fühlte er sich zu erschöpft und müde. In der Hütte angelangt, stellte Amy die Eimer ab, reckte sich seufzend und ging zum Bett ihres Vaters.

Er hatte Fieber, und sein Zustand schien schlimmer als noch vor ein paar Stunden. Er war nur halb bei Bewusstsein. Obwohl Schweiß auf seinem Gesicht glänzte, zitterte er am ganzen Körper, und sein unverständliches Gemurmel wurde häufig von keuchenden und hustenden Geräuschen unterbrochen. Amy kniete neben seinem Lager nieder, tauchte den herabgefallenen Lappen in frisches kaltes Wasser und legte ihn wieder auf die fiebernde Stirn. »Vater«, sagte sie.

Er reagierte nicht.

»Vater!« Mit wachsender Angst beobachtete Amy das Gesicht des Kranken, dann eilte sie hinaus. Sie stolperte über die im Dunkeln liegende unebene Dorfstraße und in eine der benachbarten Hütten, wo ein älteres Ehepaar wohnte, das mit ihrem Vater befreundet war. Als sie in den Lichtkreis der rauchenden Öllampe kam, verlor sie die bis dahin mühsam bewahrte Fassung und brach in Tränen aus. »Helft mir!« schluchzte sie verzweifelt. »Bitte helft mir! Mein Vater...!«

Die Hütte war derjenigen der Talberts sehr ähnlich. Es gab kaum Möbel, und die wenigen Stücke waren selbstgemacht und primitiv. Es fiel schwer, im ganzen Innenraum irgendeinen Gegenstand zu finden, der nicht rein funktionell war; jegliche Art von Zierat und schmückendem Beiwerk war ein Luxus, den die menschliche Rasse sich nicht länger leisten konnte. Amy befürchtete nicht, dass ihr plötzliches Eindringen in die Wohnung ihrer Nachbarn Verärgerung verursachen würde, denn die Dorfbewohner hatten vor langer Zeit gelernt, dass sie auf ihre gegenseitige Hilfe angewiesen waren. Niemand wusste, wann er seinen Nachbarn brauchen würde, und darum wurde ein Ansuchen um Hilfe niemals abgeschlagen. Überdies war Amy so in Angst und Sorge um ihren Vater, dass sie an die Form ihres Eindringens keinen Gedanken verschwendete.

Vier Schritte in der Hütte blieb sie stehen und blickte wild umher. Niemand schien daheim zu sein. Aber wo konnten die Leute zur Essenszeit sein? Für die Arbeit auf den Feldern war es zu spät; man konnte nicht mehr sehen, was man tat. Dann hörte Amy seltsame Geräusche und wandte ihre Aufmerksamkeit dem rückwärtigen Teil der Hütte zu, der mit einer alten Matte verhängt war.

Als sie hinter die Matte spähte, sah sie den Mann und die Frau auf ihrem Strohlager. Ihre Gesichter waren wächsern und glänzten von Schweiß, ihr Atem ging röchelnd, und sie schienen bewusstlos. Doch während Amy noch entsetzt in die Schlafecke starrte, schien der Mann sie zu bemerken und begann unverständlich zu murmeln, wobei er kurze, matte Handbewegungen machte. Amy wich zurück und warf einen Hocker um. Das laute Poltern erschreckte sie, und sie rannte aus der Hütte, ohne sich noch einmal umzusehen.

Der Zustand ihres Vaters hatte sich nicht verändert. Zögernd trat sie an sein Lager, kniete nieder und umfasste seinen Kopf. »Vater!«, wisperte sie. Er schien nicht zu hören, nicht einmal zu bemerken, dass sie bei ihm war. Erfüllt von einer namenlosen Angst, kroch sie unter ihre eigene Decke und weinte sich in den Schlaf.

 

 

 

2.

 

 

Obwohl es noch nicht Mittag war, herrschte in der Stadt der Affen drückende Hitze. Auf den ungepflasterten Straßen gingen nur wenige Bewohner ihren Geschäften nach. Weitaus zahlreicher als die Affen waren die menschlichen Sklaven, die hauptsächlich als Lastträger arbeiteten und für die es keine Ruhepausen gab. Die Stadt bildete den Mittelpunkt einer ganzen Region, aber sie war nicht groß, und die von Bäumen und Gärten umgebenen, schilfgedeckten Holzhäuser gaben ihr ein eher ländliches Gepräge.

In einem der Verwaltungsgebäude fand zu dieser Stunde eine Sitzung statt, die für viele Menschen, die nicht einmal wussten, dass ihre Herren über sie sprachen, schwerwiegende Folgen haben sollte.

Ein hölzerner Hammer krachte laut auf den Tisch des Vorsitzenden und brachte das aufgeregte Stimmengewirr vorübergehend zum Verstummen. »Bitte«, sagte der Vorsitzende des Ältestenrats, ein intelligenter, fast zwei Meter hoher Orang-Utan namens Zaius, »lasst uns Ruhe bewahren. Ihr schreit durcheinander wie ein Haufen undisziplinierter Menschen.«

»Es steht hier eine Menge auf dem Spiel, Zaius«, erklärte ein Mitglied des Ältestenrats. »Wir haben allen Grund, uns Sorgen zu machen. Unsere Historiker haben mich auf etwas aufmerksam gemacht, was ich hier verlesen möchte, wenn es recht ist...«

»Nur zu«, sagte Zaius.

Der andere nickte und nahm ein Papier auf. »Im ersten Teil der omanischen Periode«, las er vor, »fand man in einer abgelegenen ländlichen Gegend mehrere hundert Menschen, die sämtlich an einem Fieber zugrunde gegangen waren, das den hier beschriebenen Symptomen glich. Das gesamte Gebiet war noch Jahre danach unbewohnbar...«

Das Stimmengewirr hob von neuem an. Die Schimpansen, neugieriger als die anderen, wollten die Gelegenheit nutzen und Experimente durchführen. Die Orang-Utans, welche die Regierung stellten, interessierten sich hauptsächlich für die verwaltungstechnischen Probleme der Krise. Und die Sicherheitskräfte, vertreten durch mehrere hochrangige Offiziere unter der Führung des Gorillagenerals Urko, waren wie stets für die einfachste Lösung, die im allgemeinen auch die gewalttätigste war.

Zaius schlug wieder und wieder mit dem Hammer auf den Tisch, bis die Ruhe endlich wiederhergestellt war. »Ich bin mir des möglichen Verlusts an Arbeitskräften und landwirtschaftlichen Erzeugnissen bewusst«, erklärte er, nachdem er sich Gehör verschafft hatte. »Darum habe ich angeordnet, dass Trion bis zum Abschluss der Untersuchungen unter Quarantäne gestellt wird.«

»Quarantäne?«, rief General Urko verdrießlich. »Wir sollten das Dorf samt seinen Bewohnern niederbrennen und die Krankheit so mit Stumpf und Stiel ausrotten!«

»Bevor wir solche Maßnahmen in Erwägung ziehen, Urko«, erwiderte Zaius, »sollten wir Zoran zu Wort kommen lassen. Als Heilkundiger wird er besser als wir alle zur Beurteilung der Lage imstande sein.«

Er nickte einem ergrauten Schimpansen zu, der sich erhob und selbstsicher umherblickte, ohne die feindseligen Reaktionen der Gorillas zu beachten. Neben Zoran war sein Assistent, ein jüngerer Schimpanse namens Inta. »Seit vielen Jahren habe ich mich unter anderem mit der Erforschung von Krankheiten der niederen Spezies befasst und bestimmte Theorien zur zweckmäßigen Behandlung entwickelt«, sagte er mit kühler Überlegenheit.

»Auch von Leiden wie diesem Fieber.«

General Urko fuchtelte abwehrend mit den mächtigen Armen. Er war der unangefochtene Führer der Polizei- und Militärstreitkräfte des Landes, und der Besitz des Monopols auf die Machtmittel des Staatswesens verlieh ihm eine gewisse Unbekümmertheit und Rücksichtslosigkeit. Er wurde nicht nur von den menschlichen Sklaven und Arbeitern gefürchtet.

»Theorien?«, rief er verächtlich. »Deine Theorien, Zoran, sind nichts als ein Vorwand, um dich hervorzutun und uns mit deinen Spitzfindigkeiten und Vermutungen die Zeit zu stehlen.«

Zoran fasste den General ruhig ins Auge. Mochten die anderen Ratsmitglieder Urkos ungezügeltes Benehmen fürchten, er wollte von Anfang an klarmachen, dass er sich nicht so leicht einschüchtern ließ. Er wartete, bis Urko sich beruhigt hatte, dann fuhr er fort: »Ich habe die Absicht, meine Theorien und Trion zu überprüfen«, sagte er. »Es ist eine gute Gelegenheit.«

Urko war sehr ungehalten. Er schlug mit den mächtigen Fäusten auf den Tisch vor ihm, als wolle er ihn zertrümmern. »Die Arbeitskräfte eines ganzen Dorfes sind in Gefahr, und er will Theorien überprüfen!«

Zaius hatte wiederum Mühe, die Ruhe wiederherzustellen. »Trion liegt sehr isoliert«, sagte er schließlich, »und durch die Quarantäne wird das Risiko erheblich vermindert.«

Zoran ergriff das Wort, ehe Urko von neuem anfangen konnte. »Wenn ich Trion retten kann«, sagte er, »brauchen wir das Fieber nicht mehr zu fürchten. Und das bedeutet, dass es in der Zukunft keine Verluste von Arbeitskräften oder landwirtschaftlichen Erzeugnissen geben wird.«

»Gut, Zoran«, erklärte Zaius mit ruhiger Würde. »Ich glaube, wir haben genug gehört, um uns eine Meinung zu bilden. Lasst uns abstimmen. Wer ist dafür, dass Zoran nach Trion geht und sein Vorhaben ausführt?«

Die Ratsmitglieder steckten die Köpfe zusammen und erörterten die Für und Wider, und schließlich gaben alle bis auf Urko ihre Zustimmung zu erkennen.

»So sei es denn«, sagte Zaius.

Urko war nicht bereit, es damit bewenden zu lassen. Er erhob sich langsam und schwerfällig und ging wortlos auf Zoran zu, während alle Anwesenden ihn beobachteten und überlegten, was er nach der Abstimmungsniederlage sagen oder tun werde. Einige Ratsmitglieder verließen den Raum, um nicht in eine Konfrontation hineingezogen zu werden, die sie fürchteten. Zoran wollte ihnen folgen, doch Urko packte ihn am Arm und hielt ihn zurück.

»Auch ich werde nach Trion gehen und für die Einhaltung der Quarantäne sorgen, Zoran«, sagte der Gorillageneral. »Und wenn deine Theorien versagen...« Er ließ die Drohung unausgesprochen, machte eine abrupte Kehrtwendung und marschierte hinaus. Zoran starrte ihm nach. Schließlich zuckte er die Achseln und wandte sich zum Gehen.

»Ihr werdet euer Vertrauen in mich nicht bereuen«, sagte er im Hinausgehen zu einer Gruppe von Kollegen, die sich am Eingang versammelt hatten. Dann ging er zuversichtlich davon. Sein Assistent folgte ihm nervös.

 

Auf der Waldlichtung am Bachufer beendeten die drei Flüchtlinge ihre Morgenarbeit. Die wenigen Gerätschaften, die für die Bereitung des Frühstücks benötigt worden waren, wurden im Bach gewaschen. Burke grub mit seinem Jagdmesser ein Loch in den Boden, kratzte die Asche des Lagerfeuers hinein und deckte sie mit Erde zu. Der gesamte Lagerplatz wurde mit dürren Zweigen abgefegt und mit Laub und Fallholz getarnt. Als die drei ihre Arbeit beendet hatten, war für einen oberflächlichen Betrachter nicht zu erkennen, dass jemand dagewesen war. Die Gefährten beluden sich mit ihren Rucksäcken und begannen ihre Tageswanderung.

Nach einiger Zeit stießen sie auf einen überwachsenen Weg, der ihre Route kreuzte. Während sie noch standen und beratschlagten, ob sie ihm folgen oder ihre Richtung beibehalten sollten, hörten sie sonderbare knarrende Geräusche, und kurz darauf kam hinter einer Wegbiegung ein abgerissen aussehender Mann in Sicht, der einen zweirädrigen Karren zog. Er hatte die Hände rechts und links auf deichselähnlichen Griffen und ein Zugseil über der Schulter.

Um den mit allerlei grob geschnitzten Holzutensilien beladenen Karren von der Stelle zu bewegen, musste er sich in sein Zuggeschirr legen, und seine vornübergebeugte Haltung brachte es mit sich, dass er die drei Wanderer erst bemerkte, als er auf wenige Schritte herangekommen war. Er machte mit erschrockenem Keuchen halt und starrte die drei an. Als sein Blick auf Galen fiel, verneigte er sich ehrerbietig und bat mit heiserer Stimme um Erlaubnis, vorbeifahren zu dürfen.

Galen nickte.

Der Mann bedankte sich und sagte: »Ihr wollt nicht nach Trion, nicht wahr?«

»Nein«, sagte Virdon. »Wer bist du? Kommst du von dort?«

»Mein Name ist Mason«, antwortete der Fremde. »Das Dorf ist unter Quarantäne gestellt worden. Ein Fieber, eine Art Seuche. Viele sind erkrankt, und es soll Todesfälle gegeben haben. Es heißt, dass viele sterben werden.« Mason blickte von Virdon zu Burke und zurück, und Stolz leuchtete aus seinem Gesicht. Er war der Überbringer wichtiger Nachrichten. Es war das erste Mal in seinem armseligen Leben, dass ihm eine solche Rolle zuteil geworden war.

»Warst du im Dorf?«, fragte Burke.

»Nein«, sagte Mason zögernd, »nicht im Dorf, Gott bewahre. Die Wachtposten lassen keinen hinein und keinen heraus. Ich hörte, ein Mann sei erschossen worden, als er aus dem Dorf zu fliehen versuchte...«

Das vage Geschwätz des Mannes machte Virdon nervös.

»Was weißt du noch?«, fragte er ungeduldig. »Kennst du die Namen der Gestorbenen?«

Mason starrte ihn verdutzt an, dann schüttelte er den Kopf. »Wie denn, ich? Ich wurde verschont, Gott soll mich schützen! Selbst ein Name könnte das Fieber übertragen. Wer weiß?« Er ergriff die Deichselstangen seines Karrens und wandte sich mit einer Verbeugung an Galen. »Ist es erlaubt, dass ich weitergehe?«, fragte er.

Galen nickte, und Mason legte sich in sein Zuggeschirr und zog den Karren weiter, fort von Trion. Virdon und Burke sahen ihm schweigend nach. Galen schmunzelte, vielleicht erheitert vom seltsamen Benehmen des Mannes und dem Gegensatz zwischen seiner offensichtlichen Panik und der Kaltblütigkeit der beiden Astronauten. Alle Menschen waren verschieden, und Galen begann erst jetzt zu erkennen, wieviel er noch zu lernen hatte.

»Da zieht er hin«, bemerkte Burke. »Ein Musterbeispiel dafür, was aus unseren Mitmenschen geworden ist.« Er schüttelte bekümmert den Kopf.

»Ich würde sagen«, meinte Galen, »dass aus einem

Volk nur werden kann, was schon von Anfang an in ihm steckte.«

»Kann schon sein«, erwiderte Virdon unwillig. »Aber ich denke, es gibt jetzt eine wichtigere Frage zu klären.«

Burke seufzte. »Man braucht kein Gedankenleser zu sein, um zu wissen, was du meinst«, sagte er, worauf er sich in gespielter Verzweiflung zu Galen wandte und sagte: »Kannst du diesem Kerl klarmachen, dass es keinen Sinn hat, in das verseuchte Dorf zurückzugehen?«

Galen nickte. »Er hat Recht, Virdon. Selbst wenn wir die Quarantäneabsperrung überwänden und hineinkämen, was würde es nützen?«

Virdon überlegte. Die Stärke seines ursprünglichen Impulses ließ ein wenig nach, als er begriff, dass Galen und Burke Recht hatten. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Aber wie, wenn wir diejenigen wären, die diese Seuche ins Dorf eingeschleppt hätten? Vielleicht haben wir ihnen ein Virus mitgebracht, das für uns harmlos ist, für sie jedoch tödlich?«

»Diese Art von Gedankenspielerei ist typisch menschlich«, sagte Galen. »Selbst wenn wahr wäre, was du sagst, gäbe es dennoch keinen logischen Grund, nach Trion zurückzukehren. Ist es nicht genauso gut möglich, dass ihr euch anstecken würdet, wenn ihr euch unter den Kranken aufhieltet?«

»Du hast vollkommen Recht«, sagte Burke. »Natürlich ist das möglich.« Er blickte missbilligend zu Virdon. »Von allen hirnverbrannten Ideen ist dies eine der schlimmsten.«

»Pete«, sagte Virdon, »meinst du nicht, dass wir wenigstens versuchen sollten, den Leuten zu helfen?«

Burke nagte auf der Unterlippe. »Habe ich gesagt, dass ich das nicht meine? Komm mit.« Und er tat ein paar Schritte in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

»Einen Augenblick.« Galens Stimme brachte ihn wieder zum Stehen.

»Was ist los, Galen?«, fragte Burke. »Benehmen wir uns wieder typisch menschlich? Oder benehmen wir uns nicht typisch menschlich, und du willst wissen, warum?«

»Hattet ihr die Absicht, mich in diesen Rückmarsch nach Trion mit einzubeziehen?«, sagte Galen, ohne auf Burkes Stichelei einzugehen.

Burke blickte fragend zu Virdon.

»Ich dachte, wir würden beisammenbleiben«, sagte Virdon.

Galen ging langsam auf sie zu und machte dabei beschwichtigende Handbewegungen, als belehre er einen besonders schwierigen Schüler. »Erst gestern Abend haben wir alles das erörtert. Der bloße Umstand, dass das Mädchen dich an deine Tochter erinnert, ist kein Grund, der das Risiko der Rückkehr rechtfertigt, jedenfalls nicht für mich. Du musst meine Lage verstehen. Das junge Menschenmädchen übt auf mich nicht die geringste emotionale Anziehung aus. Die gesamte menschliche Siedlung bedeutet mir wenig, wenn ich vom wissenschaftlichen Interesse absehe. Und wenn ihr die Situation unvoreingenommen betrachtet, müsst ihr sehen, dass es auch für euch kaum Veranlassung gibt, in das Dorf zurückzugehen. Dennoch wollt ihr umkehren.«

Virdon blickte Burke an, und Burke zuckte die Schultern. Nach einem Augenblick nickten sie beide.

Galen schaute zum Himmel auf und sprach, als wende er sich an ein wachsames göttliches Wesen über ihnen: »Dass euch der und der! Na, Gott mit uns! Gehen wir.«

Virdon und Burke grinsten einander an. Burke schlug Galen auf die Schulter, eine Geste der Dankbarkeit und Kameradschaft, die Galen indessen nicht verstand. Virdon wollte es ihm erklären, aber dann ließ er es sein und schüttelte bloß den Kopf. Die drei machten sich auf den langen Rückweg nach Trion.

 

Im Dorf herrschte mehr Geschäftigkeit als je zuvor. Unglücklicherweise waren die Bewohner zu sehr mit den Fieberanfällen ihrer erkrankten Angehörigen beschäftigt, um sich viele Gedanken über die Aufmerksamkeit zu machen, die ihre Herren ihnen auf einmal widmeten. Niemand beachtete die uniformierten schwarzen Riesen, die einen Sperrgürtel um das Dorf gezogen hatten und es gegen die Außenwelt abriegelten.

General Urko hatte das Dorf von einer Polizeiabteilung umstellen lassen. Zweimal täglich ritt er auf seinem Pferd durch die umliegenden Felder und inspizierte die am äußeren Rand der bestellten Ländereien rings um das Dorf postierten Wachen. Sein Hauptquartier bestand aus einem großen und mehreren kleinen Zelten, die er mit seinem Stab und dem Hilfspersonal bewohnte.

Nisa, der seit langem in der Nähe des Dorfes Wachdienst versah, fühlte sich durch die Anwesenheit des Generals und die ungewohnte Aktivität gestört. Vor der Epidemie hatten er und seine wenigen Kameraden ein ruhiges und bequemes Leben gehabt. Jetzt waren rauere Zeiten angebrochen, und es wurde auf Disziplin und die Einhaltung des Dienstplanes geachtet. Keinen Augenblick konnte man sicher sein, dass nicht irgendein aufgeblasener Offizier des Weges kam, um nach dem Rechten zu sehen...

Nisa hörte ein Geräusch hinter sich und fuhr zusammen. Als er sich umwandte, sah er statt des erwarteten Inspektionsoffiziers Galen, Virdon und Burke.

»Was wollt ihr hier?«, fragte er, nachdem sie herangekommen waren. »Habt ihr nicht gehört? Im Dorf ist das Fieber ausgebrochen.«

»Wir haben davon gehört und sind mit diesem Problem vertraut«, erwiderte Galen gewandt. »Wir wollen ins Dorf gehen und helfen.«

Nisa lachte geringschätzig. »Der Ältestenrat hat einen Heilkundigen aus der Hauptstadt geschickt, damit er sich der Dinge annehme. Ihr werdet nicht gebraucht. Geht zurück, von wo ihr gekommen seid.« Virdon trat vor, nicht gewillt, sich mit dieser Auskunft abspeisen zu lassen. »Sieh mal«, sagte er, »wir wollen nur...«

Er brach ab, als Nisa das Gewehr hob und auf seine Brust richtete. Der Gorilla schüttelte energisch den Kopf. »Hier kommt keiner durch. Das Dorf steht unter Quarantäne, und ich habe Befehl, jeden zu töten, der den Sperrkreis betreten will.«

Burke kam an Virdons Seite und musterte den Posten mit finsteren Blicken. »Müssen wir uns von einem ehemaligen Zoobewohner sagen lassen, was wir zu tun und zu lassen haben?«, sagte er.

Galen grunzte warnend, und Virdon nahm seinen Freund am Arm und sagte: »Das bringt uns nicht weiter, Pete. Vielleicht hat er Recht. Schließlich folgt er nur seinen Anweisungen.«

»So ist es«, sagte Nisa warnend. Mit dem Gewehr machte er eine auffordernde Bewegung. »Nun geht.«

»Es scheint uns nichts anderes übrigzubleiben«, sagte Galen. Die drei machten zögernd kehrt und entfernten sich auf dem Weg, den sie gekommen waren.

Nordöstlich des Dorfes lag ein Waldgebiet, das Virdon von seinen Spaziergängen mit Amy ein wenig kannte. Unweit vom Dorf ging der Wald allmählich in ein Sumpfgelände über, das vor einigen Jahren entstanden war, als der kleine Fluss ein neues Bett gegraben und Teile des tiefgelegenen Gebiets überschwemmt hatte.

Die drei Wanderer erreichten, aus dem Wald kommend, den Sumpf, und hielten sorgfältig Umschau, bevor sie weitergingen. Allenthalben standen Wassertümpel zwischen dichtem Weidengebüsch und Erlen. Nirgendwo war eine Bewegung auszumachen, und außer dem dünnen Singen der Insekten und gelegentlichem Vogelgezwitscher herrschte völlige Stille. Nisa schien sich nicht weiter um sie zu kümmern. Er war ihnen jedenfalls nicht nachgegangen. Sobald sie sich vergewissert hatten, dass sie unbeobachtet waren, gingen sie weiter, Virdon voran, um das Dorf auf dem Umweg durch die Sumpfgegend zu erreichen.

Die schmatzenden und platschenden Geräusche ihrer Schritte im morastigen Wasser blieben ungehört; der unwegsame Sumpf, kaum zweihundert Meter breit, bildete eine unbewachte Lücke im Sperrkreis. Wenn sie sich still verhielten und die Deckung der Büsche und Bäume nutzten, konnten sie ungesehen ins Dorf gelangen.

Nach einigen hundert Schritten machten sie am Rand eines ziemlich großen und tiefen Tümpels halt und hielten nach Möglichkeiten Ausschau, ihn zu umgehen, ohne sich den Wachtposten zu verraten. Mücken tanzten in dichten Schwärmen über dem Wasser. Burke betrachtete sie eine Weile, dann schlug er unnötig heftig nach einer Mücke, die sich auf seinem linken Handrücken niedergelassen hatte. Er nahm Virdon und Galen bei den Armen und zog sie ein paar Schritte fort.

»Stehendes Wasser und Mücken«, sagte er. »Woran denkt ihr dabei?«

Galen blickte ihn verdutzt an; er verstand nicht, was Burke meinte. Virdon beschränkte sich auf ein grimmiges Nicken, und ehe Galen fragen konnte, woran er denken sollte, setzten die zwei anderen ihren mühsamen Marsch durch Wasser, Schilfgras und Gebüsch fort. Galen folgte ihnen neugierig und verwirrt und wandte mehrmals den Kopf, um die stille Wasseroberfläche anzusehen.

Nachdem sie weitere Tümpel umgangen hatten, erreichten die drei Wanderer endlich den von Weidengebüsch gesäumten Rand des Sumpfgebiets. Zwischen ihnen und den Hütten am Dorfrand war nur noch eine Ackerbreite, und es schienen keine Wachtposten in der Nähe zu sein. Nachdem sie einige Zeit gewartet und beobachtet hatten, überquerten sie im Laufschritt das freie Feld und gelangten zu den Hütten am Dorfrand, ohne Alarmrufe auszulösen.

Das Dorf bot einen trostlosen Anblick. Die wenigen Menschen, die außerhalb ihrer Hütten zu sehen waren, bewegten sich langsam und mit schleppenden Schritten, und die Innenräume der primitiven Behausungen waren voller kranker Männer, Frauen und Kinder mit abgezehrten, gelblichen Gesichtern und fiebrig glänzenden Augen. Ihr Geschick musste ihnen als ein Fluch böser Mächte erscheinen, der über das Dorf gekommen war, und sie nahmen es in dumpfer Ergebung und Apathie hin.

Als Virdon, Burke und Galen durch die Dorfstraße gingen, sahen sie die unbeerdigten Körper mehrerer alter Leute und Kinder, die von ihren kranken Angehörigen vor die Hütten geschleift und liegengelassen worden waren. Ein Kranker war mitten auf dem Weg zusammengebrochen und versuchte sich zu erheben, als er die drei kommen sah. Sein Gesicht war hohlwangig und schmutzig, und als das Aufstehen ihm nicht gelang, fiel er kraftlos zurück und hob bittend die Hand. Virdon und Burke knieten neben ihm nieder.

»Helft mir...«, krächzte der Mann mit heiserer, halb erstickter Stimme.

Virdon fragte ihn, wo er wohne, und gemeinsam trugen sie den Mann in seine Hütte. Sie gaben ihm Wasser und versprachen wiederzukommen. Als sie ins Freie kamen, warf Virdon seinem Gefährten einen bedeutungsvollen Blick zu. »Hast du die gleiche Diagnose wie ich?«, fragte er.

»Malaria«, sagte Burke.

Sie standen beisammen und blickten unschlüssig die Dorfstraße hinunter. »Gott im Himmel«, murmelte Virdon. »Was sollen wir bloß tun?«

Einige Hütten weiter kam Amy Talbert aus einem Eingang. Sie blinzelte in die heiße Sonne und schickte sich an, die Dorfstraße zu überqueren, als sie ihre drei Freunde sah. Sekundenlang stand sie wie erstarrt, unfähig zu glauben, was ihr der Augenschein sagte. Dann hellte Freude ihr mageres Gesicht auf, und sie hob den Arm mit einer impulsiven Gebärde und rief Virdon beim Namen.

Augenblicke später war er bei ihr, legte den Arm um ihre Schultern und fragte sie nach ihrem Ergehen. »Mein Vater«, sagte sie stockend, »mein Vater... ist... tot...«

Virdon wusste nicht, was er sagen sollte. Alle Beileidsworte erschienen ihm in diesem Augenblick unzulänglich. Burke kam zu ihnen, und sie traten in den Schatten unter einem Hüttendach. »Gut, dich zu sehen, Amy«, sagte Burke. »Wie fühlst du dich? Können wir dir helfen?«

Amy waren bei dem Gedanken an ihren Vater wieder die Tränen gekommen, und ihre Stimme klang undeutlich, als sie antwortete. »Ich bin nur müde«, sagte sie, »aber ich bin nicht... krank...«

Virdon strich ihr übers Haar. Es musste etwas geschehen, aber die Maßnahmen, die er empfehlen konnte, würden ohne geeignete Medikamente jämmerlich unzureichend sein. Dennoch musste ein Anfang gemacht werden, oder die Situation würde sich weiter verschlechtern. Nach kurzer Überlegung bat er Amy und Burke, in die Hütten zu gehen und sämtliche gesunden oder nur leicht erkrankten Bewohner zu einer Versammlung auf den Dorfplatz zu bitten. Er selbst wollte sich ebenfalls an der Aktion beteiligen.

Eine knappe Stunde später hatten sich alle, die noch auf den Beinen stehen konnten, auf dem schmutzigen kleinen Dorfplatz eingefunden. Sie umdrängten Virdon, als ob er eine Art Wunderheiler wäre, der sie durch Handauflegen gesundmachen könne. Virdon sah, dass er ihnen nicht zu viel Hoffnung machen durfte.

»Hört mir gut zu«, sagte er mit erhobener Stimme. »Die Zeit arbeitet gegen uns, und wir müssen rasch handeln. Das Wichtigste ist, dass die Toten begraben werden. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr es gerade darauf ankommt. Wenn wir es nicht tun, wird es außer dem Fieber bald andere und schlimmere Krankheiten im Dorf geben.«

Hufschläge galoppierender Pferde wurden hörbar und verstärkten sich, als die Reiter zwischen den Hütten die Dorfstraße herangeprescht kamen. Die kleine Menschenmenge auf dem Platz wurde unruhig und blickte umher, doch war noch niemand zu sehen. »Wir müssen eine gemeinsame Behandlung der Kranken organisieren«, rief Virdon, um die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zurückzugewinnen.

Zoran und sein Assistent Inta zügelten ihre Pferde am Rand des Platzes, saßen ab und kamen herüber. Virdon versuchte fortzufahren: »Wir müssen Arbeitsgruppen bilden und zusammenhelfen, damit die notwendigen Arbeiten rasch und zuverlässig...«

»Ruhe!«, befahl Zoran.

Virdon brach ab. Aller Blicke richteten sich auf Zoran und Inta. Die beiden großgewachsenen, intelligent aussehenden Schimpansen musterten Virdon aufmerksam und misstrauisch.

»Du scheinst hier eine Art Anführer zu sein«, sagte Zoran schließlich. »Ich frage mich, was General Urko sagen würde, wenn er wüsste, dass ein Mensch die Arbeitskräfte zu organisieren versucht.«

»Ich bin kein Anführer, Herr«, sagte Virdon hastig. »Was ich eben sagte, ist nur vernünftig.«

»Wer bist du?«, fragte Zoran.

»Nur ein... ein Arbeitsmann, der seinen Mitmenschen zu helfen sucht«, sagte Virdon.

»Ich bin Zoran, beauftragter Heilkundiger des Ältestenrats. Dies ist mein Assistent Inta. Ich bin gekommen, um in diesem Dorf alle notwendigen Maßnahmen zur Ausrottung der Seuche zu treffen. Von nun an wird allein meinen Anweisungen Folge geleistet.«

Virdon zog sich vorsichtig zurück, bis er zwischen Burke, Galen und Amy stand. Zoran und Inta schienen sich nicht weiter um ihn zu kümmern. Zoran ging langsam über den Platz, um einen der erkrankten Dorfbewohner zu untersuchen, der unter dem strohgedeckten Vordach einer Hütte lag. Virdon schickte sich an, ihm zu folgen, doch Burke hielt ihn zurück. »Bist du verrückt?«, sagte er mit halblauter Stimme. »Was hast du vor?«

»Es ist offensichtlich, dass die Affen keine Ahnung haben, was Malaria ist«, sagte Virdon. »Sie wissen nicht, wie sie verursacht wird, und sie wissen nicht, wie man sie heilt.«

Burke machte ein besorgtes Gesicht. »Wir müssen vorsichtig sein«, sagte er. »Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als hätten wir alle Antworten parat. Das würde den Affen ganz und gar nicht gefallen. Andererseits müssen wir für die Kranken tun, was wir können. Ich weiß nicht, wie wir diese beiden Notwendigkeiten miteinander vereinbaren sollen. Du?«

Virdon zuckte die Schultern und machte sich los. Er eilte Zoran nach, ehe Burke ihn wieder festhalten konnte, und nahm eine ehrerbietige Haltung an. »Wir sind sehr glücklich, dass du zu uns gekommen bist, Herr«, sagte er. »Vielleicht können wir bei der Arbeit helfen.«

Zoran schenkte ihm einen zweifelnden Blick. »Ich kann gut verstehen, dass du mir bei der Arbeit helfen möchtest. Das würde deine Stellung unter deinesgleichen sicherlich erhöhen, nicht wahr? Aber warum in aller Welt sollte ich darauf eingehen?« Er beendete die Untersuchung eines Kranken, dann erhob er sich, streifte die behandschuhten Hände aneinander ab und nickte zuversichtlich.

»Wir werden sofort eine Grube ausheben lassen«, sagte er zu Inta. »Diese Leute werden sie mit Wasser füllen, und ich werde bestimmte Medikamente hinzufügen - gemahlene Nüsse und Wurzeln, und verschiedene natürliche Chemikalien. Sodann werden sich alle Dorfbewohner, die gesunden wie die kranken, entkleiden und in der Lösung untertauchen. Schließlich wird ein jeder einem Aderlass unterzogen, wobei die jeweilige Menge des abzuführenden Blutes von Größe und Alter des Betreffenden abhängig sein wird. Körperliche Kontakte sind weitgehend zu vermeiden, bis wir diese Krankheit unter Kontrolle haben.« Er wandte sich zu Virdon und nickte ihm auffordernd zu. »Du bist begierig, dein Organisationstalent unter Beweis zu stellen. Nun, du sollst eine Gelegenheit dazu erhalten: du wirst das Ausheben der Grube beaufsichtigen.«

Die Unsinnigkeit von Zorans Therapie hatte Virdon die Sprache verschlagen, und er stand benommen da, unfähig zu antworten.

Burke trat zornig vorwärts und sagte: »Mit der Behandlung wirst du hier nichts erreichen, alter Freund. Dann ist es noch besser, die Kranken einfach liegen zu lassen!«

Zoran wandte sich halb um und starrte zuerst verblüfft, dann empört in Burkes Gesicht. »Was nimmst du dir heraus, Kerl?« fuhr er auf. »Noch eine Respektlosigkeit, und ich werde dich der Polizei übergeben. Und wer bist du, dass du dich erdreistest, meine Behandlung zu kritisieren?«

Galen sah, dass die beiden Männer sich wieder einmal in eine Position manövriert hatten, die sie leicht in die größten Schwierigkeiten bringen konnte. Die Astronauten konnten oder wollten einfach nicht begreifen, wie die Dinge in dieser Welt geregelt waren, und weigerten sich noch immer, die natürliche Lebensordnung anzuerkennen, die völlig einleuchtende und vernünftige Herrschaft des entwickelten Affen über den Menschen.

Galen holte tief Luft; er war ein Flüchtling und über seine Heimat hinaus bekannt. Er konnte nur hoffen, dass Zoran ihn nicht erkennen würde. Er war nie zuvor mit dem Heilkundigen zusammengetroffen und glaubte das Risiko eingehen zu können. So nahm er das Wort und sagte in beschwichtigendem Ton: »Er wollte nur andeuten, dass diese besondere Krankheit, mit der er vertraut ist, nach einer speziellen Behandlung verlangt.«

»Wer bist du?«, fragte Zoran gereizt. »Was hast du hier in diesem Dorf verloren?«

Galen seufzte erleichtert auf. Er war sicher. »Ich wollte diese zwei in ein anderes Dorf bringen, wo Arbeitskräfte gebraucht wurden, aber die Quarantäne hielt uns hier zurück. Höre auf sie, Herr. Sie sind intelligenter als die meisten ihrer Artgenossen.« Zoran musterte Galen nachdenklich, während er die Worte überdachte. Das Problem der Seuche war zweifellos schwierig, und er hatte vor dem versammelten Ältestenrat erklärt, dass er eine Lösung finden werde. Sein Ruf und seine Zukunft standen auf dem Spiel. In Anbetracht dessen konnte es nicht schaden, wenn er sich anhörte, was dieser vorlaute Mensch zu sagen hatte. Er nickte Burke zu. »Du bist also mit dieser Krankheit vertraut, wie?«, sagte er spöttisch.

Burke nickte. »Es ist Malaria.«

Zoran lachte laut auf. Er wandte sich seinem Assistenten zu und sagte: »Er hat sogar schon einen Namen für die Krankheit! Geh und hol die Wachen, Inta. Ich habe keine Zeit, mich mit diesem Dummkopf abzugeben.«

Inta nickte, lief zu seinem Pferd und ritt davon. Galen rang bekümmert die Hände. »Herr«, sagte er schnell, »die Wachen werden nicht notwendig sein.« Virdon hatte auf gehört, um seine eigene Sicherheit besorgt zu sein. Er musste diesen Zoran von der Wahrheit seines Wissens überzeugen, oder die Einwohner Trions waren so gut wie zum Tode verurteilt. Die Zeit war knapp, und die Erfolgsaussichten waren gering, aber er musste den Versuch machen.

»Hör mich an, Herr«, sagte er in beschwörendem Ton. »Malaria bedeutet schlechte Luft. Gemeint ist damit die feuchtheiße Luft über Sümpfen und morastigen Tümpeln, wie wir sie auf dem Weg zu diesem Dorf nicht weit von hier gesehen haben. Die Mücken, die in solchen Gewässern ausgebrütet werden, tragen die Krankheit mit sich und geben sie durch ihren Stich weiter.«

Zoran hatte genug. Er war es nicht gewohnt, mit Menschen zu sprechen - wann immer das notwendig wurde, überließ er es Inta -, und er fand es nahezu unerträglich, sich von einem solchen niedrigstehenden Geschöpf widersprechen zu lassen. In einer Weise war er froh, dass Inta fortgeritten war und nicht miterleben konnte, was für Zoran eine schlimme Peinlichkeit war.

»Genug jetzt!«, sagte er scharf. »Ich weiß nicht, ob ich euch wegen Dummheit mit Stockschlägen bestrafen oder wegen Unverschämtheit und Insubordination hängen lassen soll. Seuchen, die mit Insekten durch die Luft fliegen! Krankheiten der niederen Spezies werden durch körperlichen Kontakt übertragen.«

»Diese nicht«, sagte Burke.

Zorans Erregung steigerte sich. »Du wagst es, mir zu widersprechen?«

Galen war der Verzweiflung nahe. Es hatte den Anschein, als versuchten Virdon und Burke, sich vorsätzlich in Schwierigkeiten zu bringen! Begriffen diese Menschen nicht, dass sie eine so mächtige Persönlichkeit wie Zoran nicht herausfordern durften? Es kam nicht darauf an, wer in dieser Sache Recht hatte; wichtig war nur, dass Zoran die Befehlsgewalt hatte und dass Virdon und Burke als rechtlose Arbeitssklaven galten.

»Glaube mir, Herr«, wandte er sich in bittendem

Ton an Zoran, »er ist nicht absichtlich unverschämt. Die Angst hat ihm törichte Worte in den Mund gelegt.«

Pferdegetrappel lenkte die Aufmerksamkeit der Versammelten zur Einmündung der Dorfstraße. Virdon und Burke tauschten nervöse Blicke aus; es begann ihnen klarzuwerden, dass sie sich hier in eine Situation manövriert haben mochten, aus der sie sich kaum würden herausreden können. Vielleicht würden sie ihr Heil in der Flucht suchen müssen, so wenig ihnen der Gedanke gefiel.

»Angst, wie?«, sagte Zoran, dem ihre Nervosität nicht entgangen war. »Ist das die Ursache ihres törichten Geredes? Nun, mögen sie der Polizei ihre Behandlungsmethoden auseinandersetzen! Ich habe meine Therapie für diese Krankheit.«

»Diese Männer verstehen etwas von Medizin«, sagte Galen in einem letzten Versuch, Zoran umzustimmen. Der Heilkundige winkte ärgerlich ab.

»Rede keinen Unsinn!«

Unterdessen waren die Reiter auf dem Dorfplatz angelangt, Nisa an der Spitze, gefolgt von Inta und einem zweiten Polizisten. Virdon bemerkte, dass Nisa schwitzte und einen erschöpften Eindruck machte. Zoran zeigte auf die zwei Männer und winkte die Polizisten heran. »Verhaftet diese beiden«, befahl er.

Anfangs sah es aus, als beachte Nisa die zornige Anweisung des Heilkundigen nicht, denn er hatte Schwierigkeiten mit seinem Pferd, das den Kopf aufwarf und unruhig tänzelte. Nisa zog heftig an den Zügeln, und das Tier beruhigte sich; er lenkte es näher heran und bedachte Virdon, Burke und Galen mit unheilverkündenden Blicken. »Verhaften?«, sagte er aufgebracht. »Erschießen werde ich sie! Sie haben gegen meinen Befehl die Quarantänegrenze überschritten und sind heimlich in den Sperrkreis eingedrungen.«

Zoran schien unangenehm berührt. Solcher Blutdurst war nicht nach dem Geschmack des mehr intellektuellen Schimpansen. Nichtsdestoweniger war Nisa ein Vertreter der Sicherheitskräfte, die in diesen abgelegenen Gegenden den einzigen Schutz gegen aufsässige Sklavenarbeiter und andere Gefahren darstellten. Sie wussten wahrscheinlich aus Erfahrung, was in solchen Fällen richtig und angemessen war; es war nicht Zorans Sache, sich in Fragen einzumischen, die allein Sache der Exekutive waren. Schließlich hatte er es so schon schwer genug.

»Macht mit ihnen, was ihr wollt«, sagte er schulterzuckend und wandte sich ab.

Die beiden Astronauten wechselten alarmierende Blicke. Galen trat abermals vor und wandte sich an Zoran, der ihm den Rücken zugekehrt hatte und fortging. »Herr«, rief er, »ich muss gegen eine solche Verfahrensweise protestieren...«

Zoran schenkte dem Einwand keine Beachtung und ging weiter. Nisa wiederum war froh, dass er nach eigenem Gutdünken verfahren konnte. Er brachte das Gewehr in Anschlag und zielte auf Virdon. Gleichzeitig hob auch der zweite Polizist das Gewehr und richtete es auf Burke. »Los, an die Wand dort!«, befahl Nisa.

Er gab seinem Pferd die Sporen, um die beiden Todeskandidaten vor sich her zu treiben, doch das unruhige Tier bäumte sich steil auf. Nisas Kräfte reichten nicht mehr aus, um die Herrschaft zurückzugewinnen; er verlor das Gewehr, fiel rücklings aus dem Sattel und prallte hart auf den Boden. Kava, der andere Polizist, trieb sein Reittier heran und ergriff die hängenden Zügel von Nisas Pferd, worauf er das Tier fortzog, um zu verhindern, dass es seinen Herrn zertrampelte. Nisa lag im Staub und schien betäubt.

Die Rufe und das Durcheinander veranlassten Zoran, sich umzuwenden und die Vorgänge zu beobachten. Virdon und Burke beugten sich über den bewusstlosen Gorilla. Nach wenigen Augenblicken richtete sich Burke wieder auf und sagte zu Zoran: »Wie steht es jetzt mit der Theorie? Hatte er vielleicht körperlichen Kontakt mit den niederen Spezies? Er hat Malaria!«

Kava, Nisas Kollege, begann die Sache unheimlich zu werden. Er blickte beunruhigt zu Zoran, während er alle Hände voll zu tun hatte, die beiden Pferde zu halten. »Was sagt er?« verlangte er zu wissen. »Wie kann das möglich sein?«

Zoran kam zurück, winkte die beiden Menschen zur Seite und beugte sich über Nisa. Er ließ Kavas Frage unbeantwortet, denn die jüngste Entwicklung beunruhigte ihn ebenso wie jenen, doch hinzu kam bei ihm die plötzliche Einsicht, dass die Situation bei weitem komplizierter war, als es bisher den Anschein gehabt hatte. Es war nicht auszuschließen, dass diese so selbstsicher auftretenden Menschen doch Recht hatten. Vielleicht war die überlieferte Heilkunde tatsächlich lückenhaft und nicht auf alle Krankheiten anwendbar. Die Vorstellung war mehr als alles andere geeignet, Zorans Weltbild zu erschüttern. Er untersuchte den kranken Nisa und schüttelte ungläubig den Kopf. Alle Logik schien sich in Nichts aufzulösen. »Ich... ich habe keine Erklärung...«, sagte er endlich.

Kava starrte zornig und verächtlich auf ihn herab. »Willst du das auch zu Urko sagen, wenn er dich fragt?«

Darauf wusste Zoran keine Antwort.

 

 

 

3.

 

 

Der folgende Tag war so heiß und sonnig wie der vorausgegangene. Im Dorf starben wieder zwei alte Leute und ein Kind. In Urkos Hauptquartier fand eine hastig zusammengerufene Sitzung des Ältestenrats statt, die eine Entscheidung über das weitere Vorgehen bringen sollte. Die Sitzung verlief weniger glatt als die letzte, denn inzwischen hatten die Standpunkte sich verhärtet, und die Emotionen der Ratsmitglieder schienen sich immer wieder in das logisch kühle Abwägen und Urteilen zu drängen, auf das sie sich so viel zugutehielten. Vor dem Zelt standen zwei Polizisten Wache und versuchten, während sie die Pferde der Ratsmitglieder im Auge behielten, Einzelheiten über den Verlauf der Sitzung zu erlauschen. Doch sie hörten nur die verworrenen Geräusche zorniger Stimmen und gelegentliche Ausrufe, die sich über den allgemeinen Lärm erhoben.

»Feuer!«, brüllte Urko. »Reinigung durch das Feuer! Das ist der einzige Weg, der uns noch bleibt.«

Ein anderer versuchte sich Gehör zu verschaffen. Er nahm mehrere Anläufe, doch jedes Mal ging seine Rede im aufgeregten Streit der anderen unter. Schließlich kam Zaius ihm zu Hilfe und schlug so lange mit dem Hammer auf den Tisch, bis Ruhe einkehrte. Dann erteilte er dem frustrierten Ratsmitglied das Wort.

»Wir haben es jetzt mit einer veränderten Lage zu tun, Zaius«, sagte der Rat. »Bisher waren von der Krankheit nur Menschen betroffen. Nach den jüngsten Ereignissen scheint erwiesen zu sein, dass auch wir von dieser Seuche gefährdet sind.«

»Es ist wahr, dass das Problem eine zusätzliche Dimension gewonnen hat«, erwiderte Zaius. »Aber wir sollten uns nicht zu Panikreaktionen hinreißen lassen. Gerade jetzt ist es wichtig, ruhig und rational zu denken.«

Die Ratsmitglieder ergriffen einhellig die Gelegenheit, um die Stärke ihrer Empfindungen zu demonstrieren. Die vielen gleichzeitigen Kundgebungen führten abermals zu völligem Chaos. Zaius schlug mit dem Holzhammer auf den Tisch, doch gelang es ihm diesmal nicht, die Ruhe wiederherzustellen. Schließlich gab er auf, weil seine Schläge den Lärm und die Konfusion nur noch verstärkten. Lange Minuten vergingen, ehe die Ratsmitglieder erkannten, dass sie so nicht weiterkamen, und sich wieder auf ihre Sitze niederließen.

Zoran hatte an den lauten Kundgebungen nicht teilgenommen und saß still an seinem Platz. Urko sah seinen grüblerischen und von Zweifeln geplagten Gesichtsausdruck und ging sofort zum Angriff über. »Du und deine Theorien!«, brüllte er, den muskulösen Arm ausgestreckt und mit dem Finger auf Zoran weisend. Dann ballte er die Hand drohend zur Faust und wandte sich an die übrigen Sitzungsteilnehmer. »Er sollte mit den anderen verbrannt werden.«

Zaius hatte Mühe, den Aufruhr unter Kontrolle zu bringen, der auf Urkos Worte folgte. »Ich glaube wirklich, dass dieser Vorschlag ein wenig extrem ist, selbst in einer Situation wie dieser«, sagte er. »Ich schlage vor, wir hören uns Zorans Einschätzung der Lage an.«

Die Blicke aller Anwesenden richteten sich erwartungsvoll auf Zoran. Eine plötzliche Stille trat ein, und je länger sie andauerte, desto tiefer und entnervender schien sie zu werden. Zoran holte tief Atem. Es war möglich, dass er aus diesem Dilemma diskreditiert und ruiniert hervorgehen würde. Dabei hatte alles so einfach begonnen! Er wünschte beinahe, dass er Urko bei der letzten Ratsversammlung seinen Willen gelassen hätte. Trotzdem bestand noch immer die Möglichkeit, diese verfahrene Angelegenheit in einen Sieg umzumünzen.

Zoran erhob sich von seinem Platz, und die Gedanken gingen wie ein Mühlrad in seinem Kopf umher. Alle warteten, dass er etwas sagen würde. »Bei meiner Ankunft in Trion«, sagte er mit Bedacht, »entdeckte ich, dass das Fieber... von anderer Art war, als ich vermutet hatte. Es handelt sich um eine seltene Erkrankung mit Namen... Malaria, die unsereinen genauso befallen kann wie Menschen. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass sie offenbar nicht... durch körperlichen Kontakt übertragen wird...«

»In welcher anderen Weise könnte sie dann übertragen werden?«, fragte Zaius.

Jetzt gab es Zurück mehr. Zoran straffte sich und sagte mutig: »Ich habe Gründe für die Vermutung, dass die Krankheit in stehenden Gewässern wie morastigen Tümpeln entsteht... und durch den Stich von Mücken in den Blutkreislauf gebracht wird.«

Die Ratsmitglieder starrten Zoran verblüfft an. Noch nie hatten sie Derartiges gehört, und dass eine Autorität wie Zoran daran glaubte, verblüffte sie aufs Äußerste.

»Das kann nicht dein Ernst sein!«, sagte einer der Orang-Utans.

Urko lachte rau auf. »Er hat selbst das Fieber.«

Auch unter den übrigen Ratsmitgliedern gab es unfreundliche und ungläubige Bemerkungen. Zaius rief zur Ordnung und sagte: »Ich muss gestehen, Zoran, dass es mir ein wenig schwerfällt, an eine solche Version zu glauben.«

»Nahe bei Trion gibt es morastige Tümpel«, sagte Zoran. »Und sowohl die Menschen als auch die örtlichen Sicherheitskräfte waren den schädlichen Einflüssen ausgesetzt.«

»Und welche Methode zur Seuchenbekämpfung sollten wir jetzt anwenden?«, fragte Zaius.

Das war die Frage, die Zoran fürchtete. Er hatte über die Sache nachgedacht, bis ihm der Verstand heißgelaufen war; er hatte alles erwogen, was die zwei Menschen ihm gesagt hatten, und noch immer ergab es keinen Sinn. Er musste hinhaltend taktieren. Vielleicht würde etwas geschehen, oder vielleicht würde ihm später etwas einfallen.

»Ich werde noch eine Weile brauchen, um aus diesem komplizierten Sachverhalt die geeigneten Schlussfolgerungen zu ziehen«, sagte er in der Manier des Spezialisten, der sich seiner Unentbehrlichkeit nur zu gut bewusst ist.

»Wie lange soll das dauern?«, grollte Urko.

»Vor morgen werde ich kaum eine Behandlungsmethode vorschlagen können«, sagte Zoran. »Aber nachdem diese Krankheit auch für uns gefährlich ist, sollten wir diese Situation in jedem Fall nutzen, um eine Heilbehandlung zu entwickeln. Ich glaube, das wird jedem einleuchten.«

»Sehr richtig«, sagte Zaius zu Zorans großer Erleichterung. »Vielleicht hat dieses Problem auch eine positive Seite. Wir können mit den Menschen experimentieren. Selbst wenn wir das gesamte Dorf verlören, wäre es auf lange Sicht ein Gewinn, sofern es uns gelingt, ein Heilmittel zu finden. Die Geschichte der Heilkunde ist voll von Beispielen, die zeigen, dass der Fortschritt eben durch solche Experimente ermöglicht wurde. Ja, ich glaube, wir sollten diese Gelegenheit wahrnehmen.«

Damit war die Sache entschieden. Zoran wurde zur weiteren Berichterstattung verpflichtet, und

Zaius beendete die Sitzung. Urko hielt sich mit missbilligenden Äußerungen zurück und gab seine ablehnende Haltung nur dadurch zu erkennen, dass er wortlos aus dem Zelt stampfte.

Drückende Hitze lag über dem Land, und Urko beschirmte die Augen, als er ins Freie trat. Eine Weile stand er bewegungslos, dann winkte er seinem Burschen, das Pferd zu bringen. Noch ehe Zoran aus dem Zelt kam, war der General davongeritten.

 

Im Dorf waren unterdessen Arbeitsgruppen gebildet worden. Die kräftigsten unter den noch gesunden Männern und Frauen begruben die Toten, während andere eine der größeren Hütten in ein Lazarett für die bettlägerigen Dorfbewohner verwandelten.

Virdon ging von Gruppe zu Gruppe, begutachtete die Arbeit und fasste mit an. Er ermutigte die Leute, wo er konnte; selbst wenn diese Arbeiten nichts gegen das Fieber ausrichten konnten, so fesselten sie doch die Aufmerksamkeit der Menschen und hinderten sie daran, in Apathie zu versinken.

Burke dachte anders; für ihn war die bloße Tatsache, dass sie die richtige Diagnose gestellt hatten, schon ein enormer Vorteil bei der Bekämpfung der Krankheit. Was sie taten, war wenigstens nicht verkehrt. Sie hoben keine Gruben aus, um sie mit Wasser zu füllen. Sie ließen die Dorfbewohner nicht zur Ader. Er dachte daran, wie die Wissenschaftler seiner Zeit Malaria und Gelbfieber bekämpft hatten. Man hatte Kulturen einer Bakterie entwickelt, welche speziell die Malariamücke Anopheles angriff. Sobald die Bakterien in die Wassertümpel mit den Brutstätten der Malariamücke gebracht wurden, starben die Mückenlarven innerhalb weniger Tage ab. Diese für den Menschen und alle anderen Tierarten harmlose Methode war für die Ökologie der betroffenen Gegend unvergleichlich viel schonender und sicherer als das Besprühen mit Insektiziden.

Burke leitete die Unterbringung und Behandlung der Erkrankten in der Lazaretthütte. Helfer wuschen die Kranken mit eigens herbeigeschafftem Brunnenwasser ab und Burke sorgte dafür, dass sie leichte, vitaminreiche Diät erhielten.

Am Abend nach der Versammlung des Ältestenrats kam Zoran ins Dorf geritten, saß ab und ging umher, um zu sehen, was die zwei Männer unternommen hatten. Dabei stieß er auf ein paar Frauen, die aus Stoffresten Handschuhe und Gesichtsmasken mit Augenschlitzen nähten. »Was machen sie da?«, fragte er Burke.

»Schutzmasken und Handschuhe«, erwiderte der andere. »Wir wollen einen Arbeitstrupp in den Sumpf schicken und Abzugsgräben zur Entwässerung der Teiche ausheben.«

Zoran hörte schweigend zu. Er griff die Vorschläge nicht an, denn seine persönliche Lage war so prekär, dass er jede Hilfe annehmen musste, die er bekommen konnte, so unorthodox sie scheinen mochte. Er hatte sich auf dieses Spiel eingelassen, und nun war es nur vernünftig, es auch bis zum Ende durchzustehen. »Ich bin im Ältestenrat in einer äußerst schwierigen Lage«, sagte er. »Ich habe den Mitgliedern eure... Mückentheorie vorgetragen. Um euch im Falle eines Misserfolgs vor Bestrafung zu schützen, gab ich sie natürlich als meine eigene Theorie aus...«

Virdon und Burke tauschten verwunderte Blicke aus. Diese wohlwollende Haltung war etwas ganz Neues. Gewöhnlich waren die Herren nur zu gern bereit, die Schuld an Fehlschlägen auf die verachteten und rechtlosen Menschen abzuwälzen. »Das ist sehr großzügig, Herr«, sagte Virdon.

Zoran musterte die beiden neugierig. Er fragte sich, ob sie wirklich die einfachen Bauern und Landleute seien, als die sie sich ausgaben. »Es ist nicht nur Großzügigkeit«, sagte er wegwerfend. »Wenn ich dem Rat gesagt hätte, dass ich die Theorie von zwei Menschen habe, so würden sie Fragen gestellt haben: wer ihr seid, wie ihr zu diesen Informationen gekommen seid. Namentlich Urko würde sich sehr für Menschen interessieren, die mehr wissen, als sie wissen sollten. Ich hoffe um unser aller Wohlergehen willen, dass ihr über diese Krankheit Bescheid wisst.«

Virdon und Burke waren alarmiert und besorgt. Niemand war begieriger als General Urko, die Astronauten einzufangen und zu töten; er befürchtete, dass sie ihren unterdrückten Artgenossen Wissen vermitteln und sie zu einem Sklavenaufstand führen könnten. Zoran sah ihre Blicke und fuhr fort: »Ihr habt eine Theorie geliefert, einen Namen für die Krankheit, eine Diagnose. Ob richtig oder falsch, ist dabei weniger wichtig. Aber wie steht es mit der Behandlung?«

»Es gibt ein natürliches Heilmittel für Malaria«, sagte Virdon. »Es heißt Chinin und wird aus der Rinde eines subtropischen Baumes gewonnen, der Fieberrindenbaum oder Cinchona genannt wird.«

Zoran sah plötzlich sehr müde aus. Er seufzte. »Ich habe nie von einem solchen Baum gehört«, sagte er bekümmert.

»Jenseits des Sumpfes liegt ein größeres Waldgebiet«, sagte Burke. »Das Klima ist in dieser Gegend tropisch warm. Wenn wir Glück haben, werden wir einen Cinchona finden.«

Virdon ging in die Hütte, wo Frauen und Kinder eine Anzahl Schutzmasken und Handschuhe fertiggestellt hatten. Er probierte Handschuhe und Gesichtsmaske an, nickte zufrieden und nahm einen zweiten Mückenschutz mit hinaus, um ihn Zoran anzubieten. Der Heilkundige war sofort einverstanden.

Nachdem alle sich mit Schutzkleidung versehen hatten, brachen Virdon, Burke, Galen und Zoran mit mehreren Männern aus dem Dorf ins Sumpfgebiet auf. Die Sonne brannte herab, und unter den Stoffmasken rann der Schweiß in Bächen von den Gesichtern. Aber alle wussten, wie wichtig der Mückenschutz war.

Die Sumpftümpel überraschten Zoran durch ihre Größe. Er kauerte nieder und beobachtete das Wasser. Es wimmelte von den kleinen, an winzige Kaulquappen gemahnenden Mückenlarven. Eine Unzahl ausgewachsener Stechmücken ließ sich auf die Kleider der Gruppe nieder. »Ist es sicher, dass wir hinreichend geschützt sind?«, fragte Zoran unbehaglich.

»Wenn die Mücken einen nicht stechen können, dann können sie auch nicht die Krankheit übertragen«, sagte Burke.

Virdon zeigte dem mit Schaufeln und anderem Grabwerkzeug ausgerüsteten Arbeitstrupp, der mit ihnen gekommen war, wo der Entwässerungsgraben gezogen werden sollte. »Denkt daran«, ermahnte er die Leute, »dass kein Körperteil ungeschützt sein darf, so heiß es auch werden mag.« Dann wandte er sich zu Galen um, der die Arbeiten überwachen sollte, nickte ihm zu und wünschte ihm Glück. Darauf gingen Burke, Virdon und Zoran allein weiter.

Als sie den Rand des Waldgebiets erreicht hatten, zogen sie die Schutzmasken von den Gesichtern und entledigten sich der Handschuhe. Sie wollten mit der Suche beginnen, als dumpfe Hufschläge hörbar wurden. Offenbar waren sie gesehen worden. Augenblicke später kamen General Urko an der Spitze einer Reiterpatrouille aus dem Gebüsch und zügelte sein Pferd wenige Schritte vor Zoran.

Virdon und Burke hatten sich die Masken hastig wieder übergezogen, um ihre Identität zu verbergen. Nun boten sie einen komischen Anblick, der die Reiter sehr erheiterte und zu allerlei Bemerkungen inspirierte. Urko brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen, dann beugte er sich aus dem Sattel und sagte in drohendem Ton: »Was ist los? Willst du aus dem Dorf fortlaufen, Zoran?«

Zoran sah ein, dass ein Außenstehender sein Durchqueren des Sumpfgebiets als Fluchtversuch auslegen konnte. Er warf indigniert den Kopf zurück und sagte: »Das Heilmittel ist in der Rinde eines bestimmten Baumes, und wir glauben, dass ein solcher Baum in diesen Wäldern gefunden werden kann.«

Urko lachte. »Wir glauben?«, fragte er. »Was meinst du mit wir? Ich hatte geglaubt, du hättest hier allein die Leitung.«

»Die habe ich«, erwiderte Zoran mit Würde. »Aber ich habe den anderen den Baum beschrieben, und sie glauben, dass Bäume von der Art in dieser Gegend Vorkommen.«

Urko grunzte und drängte sein Pferd näher an Virdon und Burke heran, denen er jetzt seine Aufmerksamkeit zuwandte. »Wovor fürchtet ihr zwei euch?«, fragte er mit einer Kopfbewegung zu ihren Gesichtsmasken.

»Vor den Mücken, Herr«, antwortete Virdon demütig. Der Stoff der Maske dämpfte und veränderte den Klang seiner Stimme.

Urko erschrak sichtlich, blickte besorgt umher, sah jedoch nichts Verdächtiges. Obwohl in der unmittelbaren Umgebung keine Stechmücken waren, warf er sein Pferd auf der Hinterhand herum und ritt wortlos davon, gefolgt von seinen Soldaten.

Zoran sah dem Trupp eine Weile nach, dann, als er außer Sicht gekommen war, wandte er sich stirnrunzelnd zu Virdon und Burke um.

»Ich sehe, dass ihr zwei wieder eure Gesichtsmasken tragt. Ich erinnere mich auch, dass ihr sie kurz vor General Urkos Ankunft abnahmt. Ich möchte wissen, warum ihr es notwendig fandet, eure Gesichter vor

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: George Alec Effinger/Apex-Verlag. Published by arrangement with Columbia Broadcasting System.
Bildmaterialien: Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Cover: Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Lektorat/Korrektorat: Zasu Menil.
Übersetzung: Walter Brumm und Christian Dörge (OT: Man The Fugitive/Escape To Tomorrow/Journey Into Terror).
Satz: Apex-Verlag.
Tag der Veröffentlichung: 17.12.2018
ISBN: 978-3-7438-9091-6

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