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Leseprobe

 

 

 

 

 

CHRISTIAN DÖRGE (HRSG.)

 

Der silberne Spiegel

 

 

 

 

Erzählungen

 

 

Apex Horror, Band 19

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

Sir Arthur Conan Doyle: DER SILBERNE SPIEGEL (The Silver Mirror)  

Joan Aiken: STROMAUSFALL (Power Cut) 

Michael Avallone: ENTZÜCKENDE VEILCHEN (Sweet Violets) 

Mary W. Shelley: DIE VERWANDLUNG (The Transformation) 

Michael Bishop: DIE JAHRESZEITEN DES GLAUBENS (Seasons Of Belief) 

Robert Bloch: DAS MEISTERWERK (The Masterpiece) 

Ray Bradbury: DER SENDBOTE (The Emissary) 

Aleister Crowley: MAGDALENA BLAIRS TESTAMENT (The Testament Of Magdalen Blair) 

Marion Zimmer Bradley: DAS KREUZ DES BÖSEN (Treason Of The Blood) 

Gary Brandner: JULIANS HAND (Julian's Hand) 

John Brunner: DER LETZTE EINSAME MENSCH (The Last Lonely Man) 

Arthur C. Clarke: DIE VISION EINER ZUKUNFT (The Curse) 

Ramsey Campbell: MACKINTOSH WILLY (Mackintosh Willy) 

Richard Denning: ZU FINSTER FÜR PUSHKIN (Too Gloomy For Private Pushkin) 

Thomas M. Disch: DER FÖTUS (The Foetus) 

H. P. Lovecraft: DER GEISTLICHE (The Evil Clergyman) 

Stanley Ellin: DIE HAUSPARTY (The House Party) 

David Ely: STETS DAHEIM (Always Home)  

Alan Dean Foster und Jane Cozart: DER STUHL (The Chair) 

Howard Goldsmith: HEIMKEHR (Homecoming) 

Harry Harrison: ENDLICH – DIE WAHRHEIT ÜBER FRANKENSTEIN  

(At Last, The True Story Of Frankenstein) 

Barry N. Malzberg: TRANSFER (Transfer) 

Henry Slesar: DER EINDRINGLING (The Intruder) 

Josh Pachter: DER ANRUF (Crank Call) 

Algernon Blackwood: IMMER WENN DIE SPINNE KAM (Along Came A Spider) 

Robert Bloch: DER KOPFJÄGER (The Head Hunter) 

Edward D. Hoch: DER TAG DES VAMPIRS (The Vampire) 

Ellery Queen: DAS ABENTEUER DER TOTEN KATZE (The Adventures Of The Dead Cat) 

Craig Shaw Gardner: INS HERZ GETROFFEN (Aim For The Heart) 

Christian Dörge: OKTOBER 

 

Das Buch

 

Dreißig Erzählungen internationaler Spitzen-Autoren und -Autorinnen, vereint in einer Horror-Anthologie der Extra-Klasse (zusammengestellt und herausgegeben von Christian Dörge): u. a. von Ray Bradbury, Arthur C. Clarke, Marion Zimmer Bradley, Michael Bishop, Alan Dean Foster, H. P. Lovecraft, Mary W. Shelley, Sir Arthur Conan Doyle, Ramsey Campbell, Harry Harrison, Joan Aiken, John Brunner, Robert Bloch, Thomas M. Disch, Aleister Crowley und Christian Dörge.

DER SILBERNE SPIEGEL - Band 19 der Reihe APEX HORROR!

  Sir Arthur Conan Doyle: DER SILBERNE SPIEGEL

  (The Silver Mirror) 

 

 

3. Januar.

Die Sache mit den White und Wotherspoons ist eine gigantische Aufgabe. Es gab zwanzig dicke Rechnungsbücher, die untersucht und überprüft werden mussten. Wer sollte mein Partner dabei sein? Es ist jedoch die erste große Sache, die ich ganz allein erledigen kann. Das muss ich rechtfertigen. Die Aufgabe muss so rechtzeitig beendet sein, dass die Anwälte noch genügend Zeit haben werden, das Ergebnis für die Verhandlung zu verwerten. Johnson sagte heute Morgen, dass ich vor dem 20. des Monats alles herausgefunden haben müsste. Guter Gott! Nun, soll es so sein, und wenn die menschlichen Nerven und der Geist so stark sind, dass sie diese Strapaze ertragen können, dann werde ich mit der Sache fertig werden. Das bedeutet Arbeit, Arbeit im Büro von zehn bis fünf Uhr und dann eine zweite Arbeitsperiode von acht Uhr bis ein Uhr morgens. Ein Buchhalter führt ein aufregendes Leben. Wenn ich in den frühen Stunden dasitze, während die ganze Welt schläft, und Zahlensäulen auf Zahlensäulen nach den fehlenden Beträgen durchforsche, die aus einem respektierten Ratsherren einen Verbrecher machen werden, dann weiß ich, dass es doch nicht so ein prosaischer Beruf ist.

Am Montag fand ich die erste Spur der Veruntreuung. Kein Großwildjäger könnte jemals erregter sein, wenn er zum ersten Mal die Spur seiner Beute sieht. Aber ich blicke auf die zwanzig Rechnungsbücher und denke an den Dschungel, durch den ich ihn noch verfolgen muss, bevor ich meinen tödlichen Schuss abfeuern kann. Harte Arbeit - aber selten! Einmal habe ich diesen fetten Burschen bei einem Essen gesehen, als sein rotes Gesicht über einer weißen Serviette glühte. Er sah auf den kleinen blassen Mann herab, der am anderen Ende des Tisches saß. Auch er wäre jetzt blass, hätte er meine Aufgabe gesehen.

 

6. Januar.

Welch perfekter Unsinn der Ärzte, einem Ruhe zu verordnen, wenn man sich einfach keine Ruhe leisten kann! Idioten! Genauso gut könnten sie einen Mann anschreien, dem ein Rudel Wölfe auf den Fersen folgt, dass er absolute Ruhe brauche. Zu einem ganz bestimmten Tag muss ich mit meiner Arbeit fertig werden. Wenn ich das nicht schaffe, dann vergebe ich die Chance meines Lebens - wie zum Teufel kann ich also ausruhen? Nach der Verhandlung werde ich mir eine Woche Urlaub nehmen.

Vielleicht war ich selbst ein Narr, dennoch zum Arzt zu gehen. Aber ich werde nervös und sehr abgespannt, wenn ich nachts allein über meiner Arbeit sitze. Es ist kein Scherz - nur ein Gefühl, dass der Kopf übervoll ist und sich gelegentlich ein Dunst vor den Augen bildet. Ich dachte, dass mir vielleicht etwas Brom oder Chlorhydrat helfen könnte. Aber mit der Arbeit aufhören? Es ist einfach absurd, so etwas von mir zu verlangen. Es ist genauso wie ein Langstreckenrennen. Zuerst fühlt man sich eigenartig, und das Herz schlägt, und die Lungen brennen, aber wenn man genügend Energie aufbringt weiterzumachen, dann erholt man sich wieder. Ich werde weitermachen und auf meine Erholung warten. Kommt sie nicht - dann macht es auch nichts, ich werde Weiterarbeiten. Mit zwei Rechnungsbüchern bin ich fertig, und auch das dritte habe ich schon fast geschafft. Der Schurke hat seine Spuren gut verschleiert, aber ich werde sie dennoch aufspüren.

 

9. Januar.

Ich hatte nicht vor, wieder den Arzt aufzusuchen. Aber ich habe es dennoch getan. Die Nerven strapazieren, einen vollständigen Zusammenbruch riskieren und sogar meine Gesundheit gefährden. Das ist ein netter Satz, wird er einem entgegengeschleudert. Nun, ich werde die Anstrengung ertragen, ich nehme auch das Risiko auf mich, und solange ich auf einem Stuhl sitzen und eine Feder führen kann, werde ich dem alten Sünder folgen.

Aber genauso gut kann ich an dieser Stelle von der merkwürdigen Erfahrung berichten, die mich veranlasste, zum zweitenmal den Arzt aufzusuchen. Ich führe über meine Symptome und Gefühle genau Buch, denn sie sind in sich selbst sehr interessant - eine genaue psycho-physiologische Untersuchung, meinte der Arzt -, und auch deshalb, weil ich mir äußerst sicher bin, dass sie, wenn ich damit fertig sein werde, mir alle als eingebildet und unwirklich erscheinen werden, so wie ein merkwürdiger Traum zwischen Schlafen und Wachen. Während aber meine Erinnerung noch frisch ist, werde ich darüber berichten, auch wenn es nur eine Abwechslung nach diesen endlosen Zahlenreihen sein mag.

In meinem Raum hängt ein alter Spiegel in einem Silberrahmen. Ein Freund, der eine Vorliebe für Antiquitäten besitzt, hat ihn mir einmal geschenkt; wie ich weiß, hat er ihn auf einer öffentlichen Versteigerung erstanden und keine Ahnung, woher der Spiegel stammt. Er ist sehr groß - drei Fuß breit und zwei hoch - und steht an der Rückseite eines Seitentisches, zu meiner Linken, wenn ich schreibe. Der Rahmen ist flach, ungefähr drei Inch breit und sehr alt. Viel zu alt für einen Feingehaltsstempel oder andere Methoden, um sein Alter zu bestimmen. Das Glas ist geschliffen, mit abgeschränkten Rändern, und reflektiert das Licht so ausgezeichnet, wie es nur bei alten Spiegeln der Fall ist. Wenn man in den Spiegel blickt, bekommt man ein Gefühl der Perspektive, so wie es bei keinem modernen Glas der Fall ist. Der Spiegel ist so gestellt, dass, wenn ich am Tisch sitze, er gewöhnlich nichts außer den roten Fenstervorhängen reflektiert. Aber letzte Nacht geschah etwas Ungewöhnliches. Ich hatte schon einige Stunden gearbeitet, sehr gegen meinen Willen, wobei mir häufig der Dunst vor den Augen erschienen war, über den ich mich beklagt hatte. Immer wieder musste ich meine Arbeit unterbrechen, um meine Augen zu erholen. Nun, bei einer dieser Gelegenheiten blickte ich zufällig in den Spiegel. Ich erblickte die sonderbarste Erscheinung. Die roten Vorhänge, die er eigentlich wiedergeben sollte, waren nicht mehr zu sehen,  das Glas wirkte wolkig und trüb, nicht auf der Oberfläche, die wie Stahl glitzerte, sondern sehr tief innen. Als ich starr darauf blickte, schien sich der Nebel zu bewegen, bis er sich zu einer dicken weißen Wolke formte, die in schweren Girlanden herumwirbelte. Sie war wirklich und fest, und ich war so vernünftig, dass ich mich erinnerte, mich umzudrehen, und glaubte, dass die Vorhänge Feuer gefangen hätten. Aber alles war entsetzlich ruhig in dem Raum, kein Geräusch, nur das Ticken der Uhr, keine Bewegung, nur die langsame Drehung dieser Wolke, tief im Herzen des alten Spiegels.

Als ich dann wieder hinsah, schien sich der Dunst, der Rauch oder die Wolke oder was auch immer es war, an zwei nahe beieinander liegenden Stellen zu verschmelzen, und ich war mir bewusst, mehr mit einem Schauer der Erregung als aus Furcht, dass dies zwei Augen waren, die den Raum betrachteten. Vage konnte ich die Umrisse eines Kopfes ausmachen - dem Haar nach der einer Frau, aber dies konnte ich nur sehr undeutlich erkennen. Nur die Augen waren sehr deutlich: dunkel, glänzend, in ihnen glühte eine leidenschaftliche Gefühlsregung, Zorn oder Entsetzen, aber auch das konnte ich nicht genau ausmachen. Noch nie habe ich so intensive Augen gesehen, in denen sich das Leben so lebendig widerspiegelte. Sie waren nicht starr auf mich gerichtet, sondern blickten in den Raum. Als ich mich dann aufrichtete, die Hand auf die Stirn legte und versuchte, mich unter großer Anstrengung zu beherrschen, verblasste der undeutliche Kopf in der allgemeinen Undurchsichtigkeit, langsam wurde der Spiegel wieder klar, und ich konnte auch wieder die roten Vorhänge sehen.

Ein Skeptiker würde natürlich sagen, ich sei über meinen Zahlen eingeschlafen und hätte einen Traum gehabt. Aber Tatsache ist, dass ich noch nie in meinem Leben wacher gewesen war. Ich konnte sogar, selbst während ich es betrachtete, darüber sprechen und mir sagen, dass es nur ein subjektiver Eindruck sei, ein Trugbild der Nerven - durch Sorgen und Schlaflosigkeit hervorgerufen. Aber warum dieser besondere Umriss? Und wer ist die Frau, und welches ist die fürchterliche Emotion, die ich in diesen wunderbaren braunen Augen erkannt hatte? Sie stellten sich zwischen mich und meine Arbeit. Zum ersten Mal habe ich weniger geschafft als das tägliche Pensum, welches ich mir vorgenommen hatte. Vielleicht hatte ich deshalb keine außergewöhnlichen Träume in dieser Nacht. Morgen muss ich wieder arbeiten, komme, was kommen mag!

 

11. Januar.

Alles ist in Ordnung, und meine Arbeit geht auch zügig voran. Masche um Masche winde ich das Netz um den fetten Burschen. Denn er wird als letzter lachen, auch wenn meine Nerven darüber zusammenbrechen. Der Spiegel könnte so etwas wie ein Barometer sein, der meinen Gehirndruck misst. Jede Nacht habe ich beobachtet, dass er sich eintrübt, bevor ich mit meiner Arbeit zu Ende war.

Dr. Sinclair (der, so scheint es, auch ein wenig Psychologe ist) war an meiner Erzählung so interessiert, dass er an diesem Abend zu mir kam, um auch einmal den Spiegel zu sehen. Ich hatte schon bemerkt, dass irgendetwas in verschwommenen alten Zeichen auf die Rückseite gekritzelt war. Er untersuchte diese Zeichen genau mit einer Lupe, konnte sich aber auch keinen Reim darauf machen. Sanc. X. Pal. entzifferte er schließlich, aber das brachte uns auch nicht weiter. Er riet mir, den Spiegel in einen anderen Raum zu stellen; aber nach allem, was auch immer ich darin sehen mag, ist es ein Symptom. In der Ursache liegt die Gefahr. Die zwanzig Rechnungsbücher - nicht der Spiegel - sollten fortgetragen werden, wenn es nur möglich wäre. Jetzt bin ich schon beim achten, ich mache Fortschritte.

 

13. Januar.

Vielleicht wäre es doch klüger gewesen, wenn ich den Spiegel fortgestellt hätte. Letzte Nacht hatte ich ein außergewöhnliches Erlebnis mit diesem Spiegel. Aber ich finde alles so interessant, so faszinierend, dass ich ihn selbst noch an seinem Platz belasse. Was zum Teufel soll das Ganze bedeuten? Ich glaube, es war ein Uhr morgens, und ich schloss meine Bücher, um ins Bett zu wanken, als ich sie wieder vor mir sah. Der Zustand der Eintrübung und die Bildentwicklung der Gestalt musste unbemerkt von mir stattgefunden haben, und da war sie, in ihrer ganzen Schönheit, Leidenschaft und Qual - genauso deutlich, als wenn sie mir leiblich gegenübergestanden hätte. Die Gestalt war klein, aber sehr deutlich - so deutlich, dass jeder Gesichtszug, jedes Detail der Kleidung für immer in meinem Gedächtnis verhaftet bleiben wird. Sie befindet sich auf der äußersten linken Seite des Spiegels. Eine undeutliche Gestalt kauert neben ihr, ich kann ungefähr wahrnehmen, dass es ein Mann ist, und hinter ihnen befindet sich eine Wolke, in der ich Gestalten erkennen kann - Gestalten, die sich bewegen. Es ist kein reines Bild, das ich betrachte. Es ist eine lebendige Szene, eine tatsächliche Episode. Sie kauert und zittert. Der Mann neben ihr beugt sich nieder. Die undeutlichen Gestalten machen abrupte Gesten und Bewegungen. Meine Furcht wurde von meinem ungeheuren Interesse überlagert. Es war zum Verrücktwerden, so viel zu sehen und doch nicht mehr erfahren zu können. Aber immerhin kann ich die Frau bis auf die kleinste Kleinigkeit beschreiben. Sie ist sehr hübsch und sehr jung - ich würde sagen, nicht älter als fünfundzwanzig. Ihr Haar ist tiefbraun, ein warmes Walnussbraun, welches sich zu den Spitzen hin in leichte Goldtöne färbt. Eine kleine flache Kappe sitzt auf ihrem Haupt, sie besteht aus Spitzen, deren Seiten mit Perlen bestickt sind. Die Stirn ist hoch, für eine perfekte Schönheit vielleicht zu hoch; aber so ist sie. Sie verleiht dem Gesicht, das sonst nur weich und fraulich gewesen wäre, eine gewisse Kraft und Stärke. Die Brauen schwingen sich graziös über den schweren Augenlidern, darunter liegen diese wunderbaren Augen - so groß, so dunkel, so voll der größten Emotion, voller Zorn und Entsetzen. Sie zeigen auch eine stolze Selbstbeherrschung, die sie vor dem Verrücktwerden bewahrt! Die Wangen sind blass, die Lippen weiß vor Grauen, Kinn und Nacken herrlich. Die Gestalt sitzt in einem Stuhl und beugt sich vor, gespannt und starr vor Entsetzen. Sie ist in schwarzen Samt gekleidet, wie eine Flamme glüht auf der Brust ein Juwel, und im Schatten einer Falte hängt ein goldenes Kruzifix. Dies ist die Dame, deren Vorstellung immer noch in dem alten Silberspiegel lebt. Welche fürchterliche Tat kann es sein, die ihr Bild dort gelassen hat, so dass sie jetzt, in einem anderen Zeitalter, wenn sich ihm der Geist eines Mannes zuwendet, es sich immer noch bewusst sein kann, dass es zugegen ist?

Eine andere Einzelheit: an der linken Seite des schwarzen Samtkleides bemerkte ich, wie ich zuerst vermutete, mehrere weiße Rippen. Als ich dann genau hinsah, oder als die Vision deutlicher wurde, stellte ich fest, was es war. Es war die Hand eines Mannes, vor Grauen verkrampft, die sich an einer Falte des Kleides festklammerte. Das übrige dieser kauernden Gestalt war nur in vagen Umrissen zu sehen, aber die energische Hand war deutlich auf dem dunklen Hintergrund des Kleides auszumachen; ihr verzweifeltes Anklammern vermittelte mir die Vorstellung einer Tragödie. Der Mann hatte Angst - er hatte entsetzliche Angst. Das kann ich ganz deutlich erkennen. Aber wovor hat er solche Angst? Warum klammert er sich am Kleid der Frau fest? Die Antwort liegt bei den sich bewegenden Gestalten im Hintergrund. Sie bringen sowohl für ihn als auch für sie Gefahr. Das Ding faszinierte mich. Ich dachte nicht mehr daran, wie es auf meine Nerven wirkte. Ich starrte und starrte, als ob ich mich in einem Theater befand. Ich konnte nichts mehr weiter erkennen. Der Dunst wurde dünner. Dann erkannte ich tumultartige Bewegungen, die in allen Figuren entwickelt waren. Und dann war der Spiegel wieder einmal klar.

Der Doktor sagt, ich muss für einen Tag mit der Arbeit aussetzen; ich kann mir das auch leisten, denn ich habe in den letzten Tagen ziemliche Fortschritte gemacht. Es ist ganz offensichtlich, dass die Vision etwas mit meiner nervlichen Verfassung zu tun hat, denn ich saß heute Nacht eine Stunde vor dem Spiegel, aber ohne jedes Ergebnis. Ich frage mich, ob ich je dahinterkommen werde, was das zu bedeuten hat. Heute Abend habe ich bei gutem Licht diesen Spiegel untersucht und bis auf die geheimnisvolle Inschrift Sanc. X. Pal. noch einige heraldische Zeichen bemerkt, die schon fast ausgelöscht sind. Soviel ich erkennen konnte, bestanden sie aus drei Lanzenspitzen, zwei oben und eine darunter. Wenn morgen der Arzt kommt, werde ich sie ihm zeigen.

 

14. Januar.

Ich fühle mich wieder völlig wohl und habe beschlossen, dass mich nichts mehr aufhalten kann, bevor ich nicht meine Arbeit beendet haben werde. Ich habe dem Arzt die Zeichen auf dem Spiegel gezeigt, und er stimmte mir zu, dass sie etwas bedeuteten, was mit Waffen zusammenhängt. Er ist sehr stark an all dem interessiert, was ich ihm berichte, und befragt mich aufs Genaueste über alle Einzelheiten. Es macht mir Spaß zu beobachten, wie er zwischen zwei sich widersprechenden Verlangen hin- und hergerissen wird - dem einen, dass sein Patient sich wieder erholt, und dem anderen, dass sein Medium - als solches bezeichnet er mich das Geheimnis der Vergangenheit lösen wird. Er riet mir, mich weiterhin zu erholen, aber widersprach mir nicht allzu heftig, als ich ihm erklärte, dass das völlig unmöglich sei, bevor nicht die noch verbleibenden zehn Rechnungsbücher durchgearbeitet seien.

 

17. Januar.

Drei Nächte lang habe ich keine Erscheinung gehabt - mein Erholungstag hat Früchte getragen. Jetzt liegt nur noch ein Viertel meiner Aufgabe vor mir, aber ich muss mich doppelt bemühen, denn die Rechtsanwälte verlangen verstärkt ihr Material. Ich werde es zeitig genug liefern. Schon jetzt habe ich ihn fast hundertprozentig festgenagelt. Wenn sie sehen, welch schlüpfriger, betrügerischer Bursche er ist, dann sollte mir dieser Fall auch etwas einbringen. Falsche Handelsbilanz, falsche Überweisungen, vom Kapital gezogene Dividenden, Verluste als Gewinn eingetragen, Unterschlagung der Arbeitsausgaben, Manipulation mit dem Bargeld - das ist eine herrliche Ansammlung.

 

18. Januar.

Kopfschmerzen, nervöses Zucken, Schleier vor den Augen, Pochen in den Schläfen - alles Warnungen vor Schwierigkeiten, und die Schwierigkeiten kenne ich auch. Aber meine Sorge ist nicht so sehr, dass die Vision wieder erscheint, sondern dass sie verblasst, bevor ich alles erfahren habe.

Aber in dieser Nacht habe ich mehr gesehen. Der kauernde Mann war genauso deutlich sichtbar wie die Dame, an deren Gewand er sich festklammert. Er ist ein kleiner dunkelhäutiger Bursche mit einem spitzen schwarzen Bart. Er trägt einen weiten Umhang aus Damast, der mit Pelz besetzt ist. Die überwiegende Farbe seines Gewandes ist Rot. Aber in welcher Furcht sich dieser Mann befindet! Er kauert und zittert und starrt über die Schulter hinter sich. In der anderen Hand hält er ein kleines Messer, aber er zittert zu sehr und ist zu verängstigt, um es zu benutzen. Jetzt nehme ich auch deutlich die Gestalten im Hintergrund wahr. Teuflische Gesichter, bärtig und dunkel, werden jetzt im Dunst deutlicher. Ich erkenne eine entsetzliche Gestalt, das reinste Skelett, deren Wangen und Augen eingefallen sind. Auch er hält ein Messer in der Hand. Zur Rechten der Dame steht ein sehr junger großer Mann mit wachsblondem Haar, sein Gesicht wirkt mürrisch und grimmig. Bittend sieht die wunderschöne Frau zu ihm auf, ebenso der Mann, der auf dem Boden kauert. Dieser junge Mann scheint der Herr ihres Schicksals zu sein. Der kauernde Mann drängt sich näher heran und scheint sich in den Kleiderfalten zu verstecken. Der große junge Mann beugt sich vor und versucht, ihn von der Frau fortzuzerren. Soviel konnte ich letzte Nacht sehen, bevor der Spiegel wieder klar wurde. Werde ich niemals erfahren, wohin das alles führt und was die Ursachen dafür sind? Ich bin mir völlig sicher, dass es sich nicht um eine reine Einbildung von mir handelt. Irgendwo, irgendwann ist dies alles einmal geschehen, und in diesem alten Spiegel ist das ganze Ereignis widergespiegelt worden. Aber wann - und wo?

 

20. Januar.

Meine Arbeit nähert sich dem Ende, es wird auch Zeit. Ich fühle in meinem Kopf eine Spannung, eine unerträgliche Spannung, die mir sagt, dass irgendetwas geschehen wird. Bis an meine äußersten Grenzen habe ich mich abgearbeitet. Aber heute Nacht soll die letzte Nacht werden. Mit äußerster Anstrengung werde ich das letzte Rechnungsbuch durchsehen können und so den Fall zu Ende bringen, bevor ich mich wieder von meinem Stuhl erhebe. Ich werde es schaffen. Ich werde es!

 

7. Februar.

Ich habe es geschafft. Mein Gott, welch eine Erfahrung! Ich weiß kaum, ob ich noch genügend Kraft habe, mich zu setzen.

Lassen Sie mich zuerst erklären, dass ich all dies in Dr. Sinclairs Privathospital niederschreibe, ungefähr drei Wochen nach meiner letzten Eintragung in meinem Tagebuch. In der Nacht zum 20. Januar bekam ich einen Nervenzusammenbruch, und ich kann mich an nichts mehr erinnern, bis ich mich vor drei Tagen in diesem Haus der Erholung wiederfand. Mit gutem Gewissen kann ich mich jetzt hier erholen. Meine Arbeit war beendet, bevor ich zusammenbrach. Jetzt sind meine Zahlen in der Hand des Anklägers. Die Jagd ist beendet.

Doch jetzt muss ich diese letzte Nacht beschreiben. Ich hatte geschworen, meine Arbeit zu beenden, und ich arbeitete so fieberhaft, obwohl mir der Kopf zu platzen schien, dass ich nicht aufblickte, bevor nicht die letzte Zahlenreihe überprüft war. Das war eine sehr starke Selbstbeherrschung, denn die ganze Zeit über wusste ich, dass in dem Spiegel wundersame Dinge geschahen. Aber hätte ich aufgeblickt, dann wäre meine Arbeit nicht beendet worden. Deshalb blickte ich nicht auf, bis ich wirklich die letzte Zahl überprüft hatte. Als ich dann schließlich mit pochenden Schläfen meinen Bleistift auf den Tisch warf und meine Augen hob, was sah ich da!

Der Spiegel wirkte wie eine Bühne in seinem silbernen Rahmen, hell erleuchtet, in dem sich ein Drama abspielte. Diesmal war kein Dunst vorhanden. Der Druck meiner Nerven hatte diese Klarheit bewirkt. Jeder Gesichtszug, jede Bewegung war so deutlich wie im wirklichen Leben zu sehen. Daran zu denken, dass ich, ein übermüdeter Buchhalter, der prosaischste aller Menschen, mit den Rechnungsbüchern eines betrügerischen Bankrotteurs vor mir, von allen menschlichen Wesen erwählt sein sollte, all dies zu sehen!

Es waren die gleiche Szene und die gleichen Gestalten, aber das Drama war fortgeschritten. Der große junge Mann hielt die Frau in den Armen. Sie wehrte sich gegen ihn und blickte mit einem Ausdruck des Hasses auf ihn nieder. Den kauernden Mann hatten sie von der Frau fortgezerrt. Ein Dutzend Gestalten umringten ihn - düstere bärtige Männer. Mit Messern stießen sie auf ihn ein. Er schien völlig zerschnitten zu werden. Ihre Arme hoben und senkten sich. Sein Blut floss nicht - es spritzte aus ihm heraus. Sein rotes Gewand war völlig mit Blut besudelt. Er warf sich hierhin und dorthin, purpur auf karmesinrot, wie eine überreife Pflaume. Sie hackten immer noch auf ihn ein, und immer noch schoss das Blut aus ihm heraus. Es war entsetzlich - grauenhaft! Mit Fußtritten zerrten sie ihn zur Tür. Als die Frau ihm über die Schulter nachblickte, stand ihr Mund vor Entsetzen weit offen. Ich konnte nichts hören, wusste aber, dass sie schrie. Und dann, ob es nun diese nervenzerreißende Vision vor mir war oder aber, da meine Arbeit jetzt beendet war, die Überarbeitung der letzten Wochen mich jetzt auf einmal überwältigte, tanzte der Raum um mich herum, der Boden schien zu sinken - an mehr kann ich mich nicht erinnern. Am frühen Morgen fand mich die Haushälterin bewegungslos vor dem silbernen Spiegel liegend, aber ich weiß nichts, bis ich vor drei Tagen in dem ruhigen Frieden des Hauses meines Arztes wieder erwachte.

 

9. Februar.

Erst vor zwei Tagen habe ich Dr. Sinclair ausführlich von meinen seltsamen Erlebnissen berichtet. Er hatte mir nicht erlaubt, vorher über diese Dinge zu sprechen. Aufs äußerste interessiert, lauschte er meinem Bericht. »Und Sie identifizieren dies nicht mit einem hinreichend bekannten Ereignis in der Vergangenheit?«, fragte er mich, wobei Verdacht in seinen Augen aufglomm. Ich versicherte ihm, dass ich ein solches Ereignis nicht kannte. »Haben Sie keine Ahnung, wem der Spiegel gehörte, bevor er zu Ihnen kam?«, fuhr er fort. »Es ist unglaublich«, meinte er, »aber wie sonst sollte man dies erklären? Die Szenen, die Sie früher beschrieben haben, legen die Vermutung nahe, aber jetzt ist jeglicher Zufall ausgeschlossen. Gegen Abend werde ich Ihnen einige Bücher bringen.«

Später. Gerade hat er mich verlassen. Lassen Sie mich seine Worte so genau wiederholen, wie ich mich an sie erinnern kann. Er begann damit, dass er mehrere dicke Bücher auf mein Bett legte.

»Diese Bücher können Sie zu Ihrem Vergnügen lesen«, erklärte er. »Hier habe ich einige Aufzeichnungen, die Sie sicher überzeugen werden. Es besteht nicht der geringste Zweifel, dass das, was Sie beobachtet haben, die Ermordung Rizzios durch die schottischen Adligen war, wobei Maria Stuart zugegen war; dies alles hat sich im März 1566 ereignet. Ihre Beschreibung der Frau ist äußerst zutreffend. Die hohe Stirn und schweren Augenlider zusammen mit ihrer überragenden Schönheit, all das kann kaum auf zwei Frauen zutreffen. Der große junge Mann war ihr Ehegatte Darnley. Rizzio, so sagen die Annalen, war in ein weites Nachtgewand mit pelzbesetztem Damast gekleidet; er trug lange kastanienrote Samtstrümpfe. Mit einer Hand umklammerte er Marias Kleid, in der anderen hielt er einen Dolch. Ihr teuflischer hohläugiger Mann war Ruthven, der sich gerade vom Krankenbett erhoben hatte. Jede Einzelheit stimmt.«

»Warum gerade ich?«, fragte ich verwundert. »Warum unter allen Menschen ausgerechnet ich?«

»Weil Sie sich in dem echten geistigen Zustand befanden, diesen Eindruck zu empfangen. Weil Sie zufällig der Besitzer dieses Spiegels waren, der diesen Eindruck vermittelte.«

»Der Spiegel! Sie glauben, es war Maria Stuarts Spiegel - dass er in dem Raum stand, in dem das Verbrechen verübt worden war?«

»Ich bin überzeugt davon, dass es Marias Spiegel ist. Sie war Frankreichs Königin gewesen. Ihr persönliches Besitztum war mit den königlichen Waffen gekennzeichnet. Was Sie für drei Speerspitzen gehalten haben, waren Frankreichs Lilien.«

»Und die Inschrift?«

»Sanc. X. Pal. Man kann es zu Sanctae Crucis Palatium erweitern. Irgendjemand hat auf dem Spiegel eine Nachricht hinterlassen, woher er kam. Es war der Palast des Heiligen Kreuzes.«

»Das Heilige Kreuz!«, rief ich aus. »Genau, Ihr Spiegel kam vom Heiligen Kreuz. Sie haben ein äußerst seltenes Erlebnis gehabt, und Sie sind entkommen. Ich bin mir sicher, freiwillig werden Sie sich niemals wieder einem solchen Erlebnis aussetzen.«

 

 

 

 

 

  Joan Aiken: STROMAUSFALL (Power Cut)

 

 

Ich hasse Maschinen. Das tue ich wirklich. Maschinen haben die Aufgabe, uns das Leben leichter zu machen, doch stattdessen machen sie uns das Leben schwerer. Vierzig Minuten lang stehst du über den Rasenmäher gebeugt und versuchst, das Ding zu starten, indem du an dem verdammten Strick ziehst. Du ziehst so lange, bis du keine Luft mehr kriegst und dein Kreuz nicht mehr spürst. Nehmen wir an, du bringst den Rasenmäher wirklich zum Laufen. Wenn die Wiese halb gemäht ist, bleibt er wieder stehen. Er bleibt stehen, oder ein Rad fällt ab, oder das ganze Ding fliegt in die Luft. In der gleichen Zeit hättest du den Rasen mit der Sense dreimal schneiden können.

Da ich eine Frau bin, habe ich den ganzen Tag mit Maschinen zu tun. Mit einer Waschmaschine, die leckt, die ihre Haube absprengt, die Betttücher zerfetzt. Mit einer Nähmaschine, bei der die Nadel abbricht, und wenn die Nadel nicht abbricht, dann näht sie die letzten Zentimeter, als litte sie an einer besonders schlimmen Form von Orientierungslosigkeit. Mit einem Fotokopiergerät, das statt Kopien triefendes, schwarzes Papier produziert, und das, wenn die Kopien binnen zehn Minuten bei der Post sein müssen. Mit einem Mixer, der eine Drachensaat aus kleinen, scharfgeschliffenen Stahlstückchen in die Suppe rührt. Mit einem Plattenspieler, der nicht spielt oder nicht zu spielen aufhört. Mit einem Wäschetrockner, der sich nicht mehr öffnen lässt, sondern immer weiter schleudert, obwohl deine Wäsche schon zu einer Handvoll Pappmache zusammengeschrumpft ist. Mit einem Auto, das... Ich könnte ein ganzes Buch über die hassenswerten Attentate schreiben, die Autos auf uns verüben.

Dann gibt es noch die gesellschaftliche Maschinerie. Meine nächste U-Bahnstation ist Shepherds Bush. Um den Eingang zur Station zu erreichen, muss man eine Fußgängerbrücke überqueren. Diese Fußgängerbrücke wird mit Rolltreppen bedient, auf beiden Seiten. Vier Rolltreppen insgesamt. Nie in fünfzehn Jahren, ich schwöre es, waren alle vier Rolltreppen in Funktion. Und natürlich war auch der Fahrstuhl, mit dem man von der Straßenebene zum unterirdischen Bahnhof hinunterfahren kann, meistens ka- putt. Ich will hier, weil das zu lang werden würde, nicht über die Fahrkartenautomaten sprechen.

Tatsache bleibt, dass die Maschinen uns hassen. Warum auch nicht? Wir haben sie dazu bestimmt, uns als Sklaven zu dienen, es ist nur logisch, dass sie uns böse sind.

Von solchen Maschinen... handelt meine Geschichte.

 

Der Wind war wie ein flatterndes Tuch, er schlug und peitschte, er stieß und hämmerte, er zog und rüttelte, er ließ die Türen erzittern und die Fensterflügel ächzen. Der Wind heulte im Kamin wie eine verwunschene Seele, er sang sein Lied in den Leitungen, die in den Wänden verborgen lagen, er zerrte an der Fernsehantenne auf dem Dach des Hauses. Regen ergoss sich auf das Schieferdach und rann in Kaskaden an den Scheiben herunter. Das Landhaus war massiv gebaut, es stand in Cornwall, und die Wände waren zwei Fuß dick, sie bestanden aus Felsgestein. Es war ein Haus, das keine Angst zu haben brauchte vor dem Sturm. Aber die Luft im Inneren des Hauses war in Unruhe geraten, es gab Luftlöcher und Wirbel, und obwohl alle Türen fest geschlossen waren, obwohl die Läden vor den Fenstern verhakt worden waren, schien das Unwetter durch das Haus hindurchzufegen, als sei es ein Skelett. Thomas legte seine Hand auf die Wand. Die Wand fühlte sich schwer und fest an, allerdings auch kühl und feucht. Er hob die Hand, und sofort waren die Luftwirbel wieder da, und Thomas kam sich vor, als stünde er mitten im sturmumtosten Moor.

Oder am Ende der Welt.

Er rief: »Celia, wo bist du?«

Die Antwort kam über die Treppe. »Ich bin oben. Ich stelle die ganzen Heizgeräte an. Ich lüfte die Laken aus. Hier ist alles fürchterlich feucht. Warum ist diese verdammte Mrs. Tredinnick nicht gekommen und hat die Nachtspeicherheizung angestellt, wie ich es ihr gesagt habe... Würdest du bitte den Heizlüfter im Wohnzimmer anstellen?«

»Mach' ich.«

Er tastete sich an der Küchenwand entlang, ließ die Hand über das glatte Metall gleiten, orientierte sich an den Kanten der Geräte. Kühlschrank, Herd, Waschmaschine, Wäschetrockner, Geschirrspülmaschine, zwei Spülen aus rostfreiem Stahl (unter einer befand sich der Mülleimer), elektrischer Backofen, dann ein Schrank. Er überschritt die Schwelle zur Wohnhalle. In London war alles anders, da brauchte er sich nicht so an den Wänden entlangzutasten. Sie wohnten seit zwanzig Jahren in ihrem Stadthaus, so dass er sich in den Räumen bestens auskannte. Aber das Landhaus in Cornwall war Neuland. Er hatte seit sieben oder acht Jahren keinen Fuß mehr in dieses Haus gesetzt. Hatte keine Lust dazu gehabt.

Als sie das Landhaus kauften, war es eine heitere Zufluchtsstätte gewesen, ein Haus, wohin man sich vor der bösen Welt zurückziehen und seine Wunden lecken konnte. Gewiss, alles war zunächst etwas primitiv, arg einfach gewesen. Wenn man aus dem Fenster schaute, sah man auf Grasland und Heide. Sie waren damals nur zum Wochenende hergekommen und in den Ferien, mit den Kindern. Sie hatten ein bisschen Camping gespielt. Sie hatten Würste gebraten am offenen Feuer. Damals... Sie hatten in der Quelle gebadet, der die Kinder den Spitznamen Der Unendliche Brunnen verpasst hatten, die Kinder hatten Schwimmwesten getragen, wenn sie in die Quelle stiegen, für den Fall, dass sie einen Wadenkrampf in dem eiskalten Wasser bekamen. Eltern und Kinder hatten am Strom geangelt und lange Spaziergänge durchs Moor gemacht.

Dann war das Haus zu einem Versteck umgemodelt worden, die Eltern versteckten sich vor ihren Kindern, vor Kindern, die keine mehr waren. Während sie nach Cornwall auswichen, nahmen die Freunde ihrer Kinder von dem Haus in London Besitz wie ein Expeditionskommando von einem feindlichen Stern. In jener zweiten Phase hatte Celia das Haus wohnlich gemacht, er selbst hatte für solche Arbeiten wenig Sinn. Elektrisches Licht war verlegt worden, das Haus war mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet worden, die der elektrische Strom uns zugänglich macht, mit einem Radio, mit einem Fernsehgerät, mit einer Tiefkühltruhe, mit schöneren Möbeln und Teppichen. Celia hatte auch für eine neue, ansprechende Abstimmung der Farben im Haus gesorgt.

Celias Freund, der Innenarchitekt Gerard Barron, hatte sich die neuen Farben ausgedacht. Das Haus wurde so schön, dass es in der Farbbeilage einer Zeitung eines größeren Berichtes für würdig erachtet wurde.

Dann kam die Zeit, wo Celia an den Wochenenden allein nach Cornwall gefahren war oder nur mit Gerard Barron, ohne Thomas.

Es folgte die Zeit, in der das Haus, theoretisch, Simon, dem ältesten Sohn, gehörte. Theoretisch hatte Simon Miete für das Haus gezahlt. Diese Phase hatte drei oder vier Jahre gedauert, und es hatte reichlich Zank gegeben.

»Wann hat der Junge dir eigentlich die letzte Miete gezahlt? Nun sag' schon, hat er dieses Jahr überhaupt schon mal Miete gezahlt?«

»Nun...«

»Nun was?«

»Er hat mir zwei Bilder anstelle einer Zahlung gegeben. Er hat gesagt, die Bilder würden, wenn er sie einer Galerie verkaufte, wenigstens hundert Pfund bringen...«

»An welche Galerie will er sie denn verkaufen? Wer nimmt diese Schmierereien denn? Booker hat sich die Bilder angesehen, er sagt, das ist von einem geisteskranken Vierjährigen gemalt worden. Die Miete muss in bar bezahlt werden, oder er fliegt raus, mitsamt seinen fabelhaften Freunden. Gott weiß, was die in dem Haus dort treiben.«

Dann war Celia von dem Wochenende in Looe zurückgekehrt; Thomas hatte nicht in Erfahrungen bringen wollen, mit wem sie dort gewesen war, mit Gerard Barron jedenfalls nicht, die Sache war längst vorbei. Celia hatte auf der Rückfahrt das Landhaus aufgesucht, der Sohn, der das Haus, theoretisch, gemietet hatte, war nicht dagewesen, und auch sonst niemand. »Aber ein Durcheinander, Thomas! Ich habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen! Sie haben unsere farblich aufeinander abgestimmten Tapeten mit wirren Zeichnungen übermalt. Dreck und Zigarettenkippen auf den Teppichen. Die Teppiche kannst du vergessen. Schmutz überall. Die Scheiben haben sie mit Silberbronze bemalt, damit man nicht mehr raussehen kann. Die Möbel in der Wohnhalle sehen aus wie Sperrmüll. Der schöne Tisch aus Rosenholz! Ich hätte weinen können. So etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert.«

Simon wurde wütend, als sie ihn darauf ansprachen.

»Ihr habt gesagt, ich kann in dem Haus machen, was ich will. Ihr habt gesagt, das Haus gehört jetzt mir.«

»Wir haben nicht gesagt, dass du unsere teuren Möbel ruinieren kannst. Wir haben auch nicht gesagt, dass du das Haus auf den Kopf stellen kannst. Auf dem Boden essen! Ihr habt den Geschirrspüler offenstehen lassen, bis er eingerostet ist. Und die Mattscheibe vom Fernseher habt Ihr auch zerdeppert!«

»Das ist nun mal die Art, wie meine Freunde und ich gern leben. Wir brauchen den ganzen Luxus nicht. Ein Anrufbeantworter in Bodmin Moor, da fasst man sich doch an den Kopf!«

Sie hatten Simon gesagt, dass er dann eben wieder ausziehen müsse aus dem Landhaus. Nach einigem Hin und Her hatte er das auch getan, er hatte Celia allerdings wissen lassen, dass er ihr das nie vergeben würde. Das Haus war, aus steuerlichen Gründen, auf Celias Namen erworben worden.

Sie hatte das Haus aufgeräumt, gereinigt, die Räume neu eingerichtet. Nicht mehr mit dem gleichen Schwung wie beim ersten Mal.

Einige Jahre waren vergangen, sie waren nur noch sehr selten nach Cornwall gefahren.

Und dann...

 

Er hatte den Heizlüfter in der Wohnhalle angestellt, und alsbald hatte sich ein deprimierender Geruch nach Moder verbreitet. Danach war Thomas in die Küche zurückgekehrt. Hier gab es, im Unterschied zur Wohnhalle, eine Zugklappe im Kamin, so dass der Sturm in der Küche nicht so laut zu hören war.

»Noch was?«, rief er hinauf.

»Nein, nein...« Celias Stimme klang missgestimmt. »Oder warte mal, doch... Stell die Kochplatten an, das hilft die Wohnung austrocknen.«

Er tastete sich zum Herd und betätigte die Knöpfe. Er hielt die Hände über die Platten und spürte die Wärme aufsteigen.

Sie waren ins Landhaus gefahren, um ihre Ehe zu flicken. Ein fast aussichtsloses Unterfangen. Das Wetter war jedenfalls nicht gerade hilfreich. Anfang Juni, und dann so kalt. Sie brauchten Ruhe, um Simons Tod zu verkraften. Sie würden zugleich versuchen, die Gefühle füreinander zu ordnen. Sie würden das Haus aufräumen und zum Verkauf herrichten. Jawohl, das Landhaus würde verkauft werden, und damit würde auch die Erinnerung an Simon begraben werden.

»Ich will den Jungen keinen Tag mehr im Haus haben, das sage ich dir.«

»Aber Thomas, der Junge ist krank. Er sieht aus wie ein Geist. Wenn du ihn nur sehen könntest...«

Damit hatte Celia einen taktischen Irrtum begangen.

»Ich brauche ihn nicht zu sehen, bitte nicht. Ich kann ihn riechen, sobald er das Zimmer betritt. Er stinkt nach Hasch drei Meilen weit. Und hören kann ich ihn ja auch. Wenn er diese Platte noch einmal auflegt... Gimme, gimme, gimme all you promised me!« 

Dann war die Polizei gekommen; sie hatten ein Pfund Cannabis in Simons Zimmer gefunden.

»Nein, ich denke gar nicht daran, die Kaution für ihn zu stellen. Lass ihn doch im eigenen Saft schmoren. Ich wasche meine Hände in Unschuld. Du hast den Jungen sträflich verwöhnt... Hast ihm alles gegeben, was er wollte.«

»Weißt du, was du bist? Ein kaltherziger, rachsüchtiger Scheißkerl. Du wirfst ihm tatsächlich noch vor, was vor zwanzig Jahren geschehen ist...«

Seit zwanzig Jahren war Thomas blind. Glaubte sie etwa, dass er sich in diesen zwanzig Jahren an den Verlust seines Sehvermögens gewöhnt hatte? Es war jetzt zwanzig Jahre her, dass er zum letzten Mal den schwarzblauen Sturmhimmel bewundert hatte. Seitdem musste er sich vorstellen, was dort oben am Firmament vorging. Wenn er das Gemisch aus Stahlblau und Bernsteingelb sehen wollte, das die Wolken über Cornwall einfärbte, musste er es sich vorstellen, und er musste sich die Regenschauer vorstellen, die über das Moor jagten.

»Mein Gott, der Junge war doch damals erst vier Jahre alt, er wusste doch gar nicht, was er tat...«

Ein verwöhnter, starker, tyrannischer Vierjähriger, der schlechte Laune hatte und mit einer Dose Backofenspray durchs Haus pirschte...

Ein hartes, deutliches Klopfen war zu hören. Das Geräusch kam von der Hintertür, es war so laut, dass es das Heulen des Sturms übertönte. Nach einer Pause wiederholte sich das Klopfen. Bäng-bäng-bäng! 

»Celia!«, rief er. »Da ist jemand an der Tür.«

»Dann mach doch auf! Tu nicht so verdammt hilflos.« Ihre Stimme ließ Ungeduld und Zorn durchklingen. »Ich bin mitten beim Bettenmachen.«

Er tastete sich aus der Küche in den Flur, der zum rückwärtigen Teil des Hauses führte. In diesem Teil hatten sie die Wände gelassen, wie sie waren. Granit. Er konnte den rauen Stein spüren. Er konnte ihn auch riechen. Er zwängte sich an den Mänteln der Garderobe vorbei. Die rückwärtige Tür war verschlossen. Er musste beide Hände benutzen, um den Schlüssel in dem rostigen Schloss zu bewegen. Die Tür schwang auf, ein Regenschleier wurde ihm ins Gesicht geweht. Es war, als hätte der Sturm nur auf die Gelegenheit gewartet.

»Ja?«, sagte er. »Wer sind Sie?« Celias Nervosität hatte ihn angesteckt.

Er erkannte sofort die brüchige, alte Stimme, obwohl er sie längere Zeit nicht mehr gehört hatte. »Ich bin Anna Tredinnick, Mr. Michaels. Ich komme, um meine Katze zu holen.«

»Guten Abend, Mrs. Tredinnick. Warum...«

Warum zum Teufel haben Sie die Nachtspeicheröfen nicht angemacht, wie meine Frau gesagt hat? Das war die Frage, die er ihr am liebsten gestellt hätte, aber er überlegte es sich anders. Es hatte keinen Sinn, die alte Jungfer gegen sich aufzubringen. Sie war ihr einziger Nachbar, sie war zugleich die einzige Frau, die als Hilfe zur Verfügung stand, wenn sie jemanden brauchten. Er änderte seine Frage in »Warum kommen Sie nicht herein?«

»Nein«, sagte sie. »Auf keinen Fall. Ich bin völlig durchnässt - völlig durchnässt.« Sie wiederholte in ihrem merkwürdigen Singsang, dass sie völlig durchnässt sei. »Fühlen Sie nur, wie durchnässt ich bin, Mr. Michaels.« Ehe er einen Schritt zurück machen konnte, hatte sie seine Hand gepackt und gegen ein weiches, filzähnliches Material geführt, aus dem der Regen heraustropfte. Er entzog ihr die Hand, sobald ihre kalte, knochige Klaue seine Finger freigaben.

»Nun«, sagte er irritiert, »was war das mit Ihrer Katze?«

»Der junge Herr Simon. Als er neulich hier war. Er hat sich die Katze ins Haus geholt. Er mochte Katzen ja so gern, der junge Herr Simon.«

»Simon war hier? Aber wir haben Ihnen doch gesagt, Mrs. Tredinnick, dass Sie Simon unter keinen Umständen mehr den Schlüssel fürs Haus geben dürfen. Wir haben Ihnen auch erklärt, warum. Nach allem, was er und seine Freunde hier angerichtet haben.« (Wann war er eigentlich hier gewesen?)

»So hab' ich's ihm auch gesagt, Mr. Michaels. Ich hab' ihm gesagt, Sie dürfen da nicht mehr rein, Mr. Simon. Und wenn Sie nicht verschwinden, ruf' ich die Polizei, hab' ich gesagt, so wie's Mr. Michaels mir befohlen hat. Und er hat gesagt, kümmere dich um deinen eigenen Dreck, du alte Hexe. Er war richtig grob, wissen Sie. Er hat sich überhaupt nicht um das gekümmert, was ich gesagt habe, aber den Schlüssel habe ich ihm trotzdem nicht gegeben, er hatte seinen eigenen Schlüssel mitgebracht, Mr. Michaels. Ich konnte gar nichts machen, er ist einfach in Ihr Haus reingegangen, und meine Katze hat er auch mitgenommen, die war ja vorher auch bei ihm, immer ist sie in dieses Haus gegangen, wenn der junge Herr Simon da war. Und deshalb hab' ich auch die Polizei gerufen. Sergeant Pollard ist extra aus Bodmin gekommen. Ich hab' ihm meinen Schlüssel für das Haus gegeben, aber als er hinkam, war der junge Herr Simon nicht mehr da. Vielleicht ist er nur gekommen, weil er was vergessen hat im Haus. Aber die Katze ist nicht mehr heimgekommen, und den jungen Herrn Simon hab' ich danach nie mehr wiedergesehen.«

»Es tut mir leid, Mrs. Tredinnick, aber wir haben Ihre Katze nicht. Sie können gern hereinkommen und sich umsehen...«

Er hoffte sehr, dass die Alte das nicht wörtlich nahm. Die Frau roch entsetzlich nach nasser Wolle, sie roch, wie alte Menschen riechen, die sich ein Jahr nicht gewaschen haben.

»Wenn Ihre Katze hier gewesen wäre, die wäre uns ja entgegengesprungen, als wir das Haus aufmachten...«

Oder auch nicht. Es kam darauf an, wie lange... Er musste würgen, weil der Sturm den Gestank aus ihren Kleidern ins Haus wehte.

»Wann genau, sagten Sie, war Simon hier, Mrs. Tredinnick?«

Denn es war jetzt fünf Wochen her, dass Simon tot aufgefunden worden war. Er hatte eineinhalb Jahre im Gefängnis gesessen, war entlassen worden, und dann war er in einer Scheune verbrannt; er war verbrannt, die Scheune war verbrannt, alles war verbrannt. Leichtsinn beim Rauchen, hatte die Polizei bei ihren Ermittlungen festgestellt, ein Unglücksfall. Wie es schien, war Simon kurz vorherbei Mrs. Tredinnick aufgetaucht, er war ins Landhaus gegangen, zu dem er sich einen Schlüssel verwahrt hatte. Offenbar hatte er hier etwas versteckt gehabt, was er sich holen wollte. Oder aber er hatte sich in dem Landhaus einnisten wollen, nachdem ihm der Vater in London kaltblütig die Tür gewiesen hatte.

»Nein, Simon, du kommst mir nicht mehr ins Haus. Tut mir leid.«

Es hatte ihm nicht leid getan. Er war sehr erleichtert gewesen.

Aber wenn die Katze fünf Wochen im Haus eingeschlossen gewesen war, dann lebte sie nicht mehr.

»Celia?« Er hatte sich umgewandt und die Hände an den Mund gelegt. »Mrs. Tredinnick ist hier, sie fragt nach ihrer Katze. Hast du irgendwo im Haus eine Katze gesehen?«

»Was? Ich kann dich nicht verstehen.«

Er tastete sich bis zum Treppenhaus und wiederholte seine Frage. Wenig später kam Celia die Treppe heruntergelaufen.

»Verdammt noch mal, mach doch die Haustür zu!«, schrie sie ihn an. »Der halbe Atlantik weht uns ins Haus, im Flur ist schon eine richtige Überschwemmung!«

Voller Ungeduld drängte sie sich an ihm vorbei. Sie warf die Tür ins Schloss.

»Aber Mrs. Tredinnick steht doch vor der Tür!«

»Niemand steht vor der Tür, keine Mrs. Tredinnick und niemand!«

»Bist du sicher?«

»Ganz sicher.«

»Nun ja«, sagte er, »sie ist wahrscheinlich wieder weggegangen, nachdem ihr klargeworden ist, dass wir ihre Katze nicht haben. Ich hoffe doch, du hast wirklich nirgendwo eine Katze gesehen. Mrs. Tredinnick klang sehr beunruhigt. Ich hoffe, das Tier ist nicht in irgendeinem Zimmer eingeschlossen.« Er schnüffelte. »Ich kann den Geruch dieser Frau nicht ertragen.«

»Thomas.« Celias Stimme klang wie im Traum.

»Ja?«

»Simon muss hier gewesen sein. Er muss hier gewesen sein, bevor... Sein Bett ist benutzt. Er muss eine Nacht hier verbracht haben.«

»Ja«, sagte er. »Das gleiche habe ich eben von Mrs. Tredinnick erfahren. Simon hatte einen Schlüssel, von dem wir nichts wussten. Aber sie hat dann die Polizei gerufen. Als die Polizei das Haus durchsuchte, war er schon wieder weg.«

»Oh, mein Gott. Oh, mein Gott!« Dem Geräusch nach zu urteilen, hatte sich Celia an den Küchentisch gesetzt. Sie hielt ihren Kopf mit den Händen umfangen. »Der arme Junge... Gehetzt wie ein Verbrecher, als ob er ein Monstrum gewesen wäre... Und dann ist er jämmerlich in der Scheune verbrannt...«

»Er war ja auch ein Monstrum«, sagte Thomas kalt. »Er hat planmäßig alle Regeln des zivilisierten Zusammenlebens verletzt.«

»Und du? Was hast du getan? Du hast dein eigenes Kind verstoßen!«

»Halt den Mund, Celia! Das haben wir doch alles schon einmal durchgekaut. Ich sehe keinen Sinn darin, das noch einmal durchzuhecheln. Nimm dich doch ein bisschen zusammen. Wir sind hier in unserem Landhaus, mitten im Moor, draußen tobt ein Sturm, das ist wirklich nicht die Gelegenheit für hysterische Anfälle.«

»Ich weiß nicht, warum wir überhaupt hergekommen sind«, sagte sie schroff. Das Rücken des Stuhls war zu hören. Ihre Stimme veränderte sich, sie war aufgestanden. »Es ist alles so sinnlos. Dieses Haus ist verflucht. Es war eine verrückte Idee, herzufahren...«

»Irgendwann mussten wir ja herfahren«, sagte er, betont sachlich. »Wenn wir das Haus verkaufen wollen, müssen wir es zum Verkauf herrichten, sonst finden wir keinen Interessenten. Komm, nimm dich zusammen. Du kannst solche Probleme nicht lösen, indem du vor ihnen davonläufst.«

»Vor Problemen davonlaufen? Das hast du dein ganzes Leben lang getan«, sagte sie wütend. »Du hast nicht ein einziges Mal... Oh!«

»Was ist denn jetzt?«, fragte er. Ihr Ausruf war ihm unverständlich.

»Alle Lichter sind ausgegangen. Wahrscheinlich hat der Sturm die Überlandleitung weggefegt. Und damit sitzen wir ganz schön in der Tinte. Wir können nicht hierbleiben, in einem Haus, wo nichts funktioniert.«

»Warum denn nicht? Die Leitung wird sicher bald wieder repariert. Wir können ja Kerzen anzünden, und für den Kamin nehmen wir Torf, ich hoffe, es ist noch etwas Torf im Schuppen.«

»Red doch keinen Unsinn! Wir würden erfrieren. Das ganze Haus ist klitschnass. Wir können nicht kochen, wir können kein Wasser erhitzen, wir haben nicht einmal Wasser, weil die elektrische Pumpe nicht geht...«

Strom, dachte er. Der Zauber, der ein totes Haus zum Leben brachte. Strom.

Eine Schublade wurde geöffnet. Er hörte, wie Celia nach Kerzen zu suchen begann. Als sie sprach, war Panik in ihrer Stimme. »Mein Gott, wie dunkel das ist! Ich hatte ganz vergessen, wie dunkel es im Moor ist.«

Jetzt weißt du, wie dunkel es in meiner Welt ist, dachte er.

»Ich finde keine Kerzen«, sagte sie. »Simon muss sie alle aufgebraucht haben.«

Vielleicht hat er sie mitgenommen, um die Scheune damit in Brand zu setzen, dachte er.

»Ich werde Mrs. Tredinnick anrufen und sie fragen, ob sie uns mit ein paar Kerzen aushelfen kann«, sagte er.

Aber das Telefon im Wohnzimmer war tot. Offensichtlich hatte der Sturm auch die Telefonleitungen zerstört. Als er den Hörer auf die Gabel zurücklegte, stieß er mit dem Ellenbogen an den Anrufbeantworter. Das war ihm schon oft passiert. Irgendwie hatte er sich die Stelle, wo das verdammte Ding stand, nie merken können. Er rieb sich die schmerzende Stelle und fluchte. Plötzlich war ein Rauschen zu hören. Er musste wohl, als er an das Gerät stieß, an die Funktionstaste geraten sein. Und jetzt kam seine Stimme aus dem Lautsprecher, unmittelbar über seinem rechten Ohr.

»Simon, hör gut zu, was ich dir sage. Ich habe dies auf Band gesprochen, um dich zu warnen. Wenn du dieses Haus betrittst, dann wird Mrs. Tredinnick die Polizei rufen. Ich verbiete dir, dieses Haus zu benutzen, du hast hier nichts mehr zu suchen. Ist das verstanden?«

Die Stimme, durch die Kraft der Batterien auf die doppelte Lautstärke gebracht, klang hart und nervös. Zugleich war da ein Flehen, ein Anflug von Wahnsinn, eine Angst, die nicht zu dem drohenden Ton passte.

Und dann war die Stimme seines Sohnes zu hören, spöttisch, ironisch und ätzend.

»Hallo, Daddy? Hörst du mich, mein lieber Daddy? Wenn du deinen fabelhaften Anrufbeantworter in Gang setzt, bin ich schon wieder weg. Du kannst dann in aller Ruhe die Annehmlichkeiten deines Hauses genießen. Ist das nicht herrlich, Daddy? Die Kraft fließt in alle Geräte, die es in deinem wunderschönen Haus gibt, du kannst mit der Küchenmaschine herumspielen, mit dem Mixer und dem Staubsauger, mit der Geschirrspülmaschine, mit dem Abfallzerkleinerer, und den wirst du wirklich brauchen, Daddy, den Abfallzerkleinerer, du kannst den Fernseher anstellen, und wenn du dir was Gutes tun willst, kannst du sogar eine meiner Platten auflegen? Na, ist das nicht phantastisch? Du kannst dir tiefgefrorene Lasagne zubereiten, du brauchst die Packung nur in den elektrischen Heißluftherd zu schieben, und abends dann kannst du dich in deine elektrisch geheizte Bettdecke kuscheln, aber vorher willst du ja sicher noch zu Abend essen, und bevor du zu Abend ißt, würde ich dir empfehlen, die Geschirrspülmaschine einer näheren Untersuchung zu unterziehen, du wirst verstehen, dass Mrs. Tredinnick ihre Katze wiederhaben möchte, und wie's der Teufel will, hat sich die Katze vielleicht in der Geschirrspülmaschine versteckt. Du weißt ja, wie Katzen sind, Daddy, oder? Das war's schon, Daddy. Ich liebe dich. Simon.«

Das Band war zu Ende, der Lautsprecher begann zu piepsen. Dann schaltete sich die Spule ab.

Das bilde ich mir alles nur ein, dachte er. Ob das Gerät mit Batterien lief? Er wusste es nicht. Wahrscheinlich waren seine Nerven überreizt. Seine Phantasie war mit ihm durchgegangen.

Er tastete nach dem Telefon und hob den Hörer ab. Immer noch tot. Er tastete sich zur Küche.

Er rief: »Celia! Celia!«

»Was ist?« Ihre Stimme kam vom rückwärtigen Flur, sie klang gedämpft. Wahrscheinlich hat sie sich einen Mantel mit Kapuze übergezogen, dachte er.

»Ist immer noch kein Strom?«

»Nein. Ich hole ein paar Kerzen von Mrs. Tredinnick.«

»Zu Fuß?«

»Bei dem Wetter? Du machst wohl Scherze. Nein, ich nehme den Wagen. Wenn Mrs. Tredinnick keine Kerzen hat, hole ich den Kramladenbesitzer aus dem Bett.«

»Kommst du auch bestimmt zurück?« Er hasste sich für den bittenden Unterton, den er seiner Frage gegeben hatte.

»Ja.« Ob sie das auch so meinte, wie sie's sagte? Thomas war sich da nicht sicher.

Die vordere Haustür fiel ins Schloss. Kaum war der Hall im Eingangsgewölbe verklungen, da vernahm Thomas ganz andere Laute. Das Jaulen einer Katze war zu hören, das verzweifelte Miauen eines Tieres, das irgendwo eingeschlossen war. Das ganze Haus schien von diesem furchtbaren Jaulen erfüllt.

Er hasste Katzen. Er mied Katzen.

Er mochte Katzen weder im Haus noch im Freien. Er mochte sie überhaupt nicht. Es war gar nicht so einfach gewesen, das den Kindern klarzumachen. Als sie klein waren, hatten sie gebettelt, er sollte ihnen doch die Katzenjungen lassen, die idiotische Nachbarn ihnen geschenkt hatten. Simon hatte sogar einmal eine Katze in seinem Zimmer versteckt. Sein Vater hatte dafür gesorgt, dass das Tier wieder verschwand.

Thomas tastete sich bis zur vorderen Haustür. Er öffnete die Tür und rief: »Celia! Celia! Warte noch! Die verdammte Katze ist irgendwo hier im Haus. Komm zurück!«

Aber Celia gab keine Antwort. Das Motorengeräusch des Wagens war zu hören, leiser werdend, und dann nur noch das Heulen des Sturms.

Er ging in die Küche zurück. Das Miauen war lauter geworden. Es schien aus einer ganz bestimmten Ecke zu kommen. Thomas tastete sich an der Stoßkante des Kühlschranks entlang, am Herd, der inzwischen wieder kalt geworden war, an der Waschmaschine, an der Trockenmaschine, und dann stand er vor der Geschirrspülmaschine. Das Gerät zitterte und dröhnte, weil sich die gefangene Kreatur mit wilden Sprüngen aus der Trommel zu befreien suchte. Die Katze hat Glück gehabt, dachte Thomas. Sie hat Glück gehabt, dass niemand die Maschine eingeschaltet hat.

Aber wenn es wirklich die Katze war, was da einen solchen Spektakel aufführte, warum war sie vorher nicht zu hören gewesen? Wie hatte sie fünf Wochen in ihrem winzigen Gefängnis überleben können?

Wer sie da eingeschlossen hatte, war ja klar. Thomas packte den Griff der Tür und öffnete das Gerät.

Er hatte erwartet, dass die Katze ihr Gefängnis mit einem Sprung verlassen würde, sie würde an ihm vorbeischießen und das Weite suchen. Aber er hatte sich getäuscht. Das Miauen, das aus den Tiefen des Geschirrspülers zu kommen schien, ging weiter. Hatte Simon das Tier etwa in der Maschine festgebunden?

Behutsam, voller Widerwillen steckte Thomas seine rechte Hand zwischen die Rollgitter - und zog sie mit einem Aufschrei wieder zurück. Der Schrei war lauter gewesen als das Miauen der gefangenen Katze. Er hatte eine glitschige Masse aus Fleisch, Knochen und Fell berührt, eine kalte, klebrige Substanz, und der Ekel, der ihn überkam, war so intensiv gewesen, dass der Schauder auf seinem Rücken wie tausend Nadelstiche brannte.

Er fluchte und tastete sich zur Spüle. Er drehte den Hahn auf, um sich den widerlichen Schleim von den Fingern zu spülen. Aber es kam kein Tropfen Wasser aus dem Hahn. Erst nach einigem Suchen fand er ein Tuch, mit dem er sich die Finger rieb. Er rieb, rieb und rieb, aber die Erinnerung an das Gefühl, als seine Fingerspitzen in das faulende Fell und in das triefende Mark der Knochen stießen, war nicht wegzuwischen.

Inzwischen erfüllte der Gestank nach Fell und Katzenurin die ganze Küche. Thomas verstand jetzt, was sein Sohn gemeint hatte, als er sagte: Den Abfallzerkleinerer, den wirst du wirklich brauchen, Daddy.

Wie hatte Simon so etwas tun können! Er, der Katzen liebte!

 

Das Dorf lag in völliger Dunkelheit, auch dort gab's keinen Strom, und als Celia an Mrs. Tredinnicks Tür klopfte, öffnete ihr niemand. Nach einer Weile kam eine Nachbarin, mit einer Taschenlampe in der Hand. »In diesem Haus wohnt niemand mehr, Lady. Haben Sie denn nicht davon gehört? Mrs. Tredinnick ist vergangenen Freitag im Moor ertrunken, es war eine stockdunkle Nacht und neblig, und die Leute sagen, sie hat dort ihre arme Katze gesucht...«

 

Auch in der Küche des Landhauses war es stockdunkel. Thomas stand da, das Grauen, das ihm bei der Berührung des Kadavers in die Knochen gefahren war, wurde zu einer dunklen Zwinge, die sich um seine Stirn legte. Er hörte, wie der Sturm abebbte, aber in die Stille, die sich auszubreiten begann, schnitt der Lärm, den Maschinen machen, die vom Menschen geschaffene Sklaven, die Kraft und die Herrlichkeit durchflutete das Haus, der Kühlschrank begann bedrohlich zu summen, die Trommel des Wäschetrockners drehte sich und surrte, der Staubsauger heulte auf, das Telefon läutete wie verrückt, der Fernseher blökte, das Mixgerät klapperte, der Abfallzerkleinerer gurgelte, und nachdem sich die Nadel des Plattenspielers in die Rille gesenkt hatte, dröhnte aus den Stereo-Lautsprechern eine Melodie, die Thomas mindestens so fürchtete wie die Trompeten des Jüngsten Gerichts:

»Gimme, gimme, gimme all you promised me...«

Er stieß die Haustür auf und rannte in die Nacht hinein, umschwebt von den Schatten seiner Seele.

 

 

 

 

  Michael Avallone: ENTZÜCKENDE VEILCHEN (Sweet Violets)

 

 

 

»Ich weiß, wer Jack the Ripper ist«, sagte Mollie Lamkin nicht ohne Stolz. Sie legte die Gabel auf den Tisch zurück, und das Geräusch war derart laut, dass es das Baby im Raum nebenan hätte wecken könnte.

John Lamkin betrachtete nachdenklich seine Hammelkeule. Er tupfte sich die Lippen mit der Serviette ab. »Wer denn, mein Schatz? Ach so, ich kann's mir schon denken. Der Briefträger. Der junge Mann, der dir immer so schöne Augen macht.«

»Lachen Sie nur, Mr. Lamkin. Lachen Sie nur. Ich spreche nicht von unserem Briefträger, ich spreche von Sutter, dritter Stock, die hintere Wohnung.« In Mollie Lamkins Augen leuchtete die göttliche Weisheit.

Ihr Gemahl wand sich auf seinem Stuhl. »Jetzt komm aber mal wieder auf den Boden, Mädchen. Sutter würde seine schönen Handschuhe doch nicht einmal mit Ketchup beschmutzen, geschweige denn mit Blut, wie es dieser Jack the Ripper tut, ich meine, so ein Messergriff ist ja hinterher ziemlich blutig, oder?«

»Mein lieber Johnnie, wie man sich täuschen kann. Sutter macht lange Spaziergänge nach Sonnenuntergang. Tagsüber schließt er sich in seinem Zimmer ein. Er wohnt jetzt eine Woche hier, und niemand hat ihn bisher zu Gesicht bekommen. Gibt dir das nicht zu denken?«

John Lamkin holte sich die Abendzeitung heran, die er in Reichweite auf dem Tisch liegen hatte. Es war eine tröstliche Aussicht, dem Gespräch mit Mollie durch einen Blick in die Zeitung zu entrinnen. Vor vier Wochen hatte es angefangen. Die Sache in Whitechapel war eine ziemliche Schlächterei gewesen. Ganz London sprach von dem Ripper, es schien gar kein anderes Thema mehr zu geben. Die Leute zerbrachen sich den Kopf. Wer war der Ripper? Wo verbarg er sich? Wann würde er das nächste Mal zuschlagen? Es war so weit gekommen, dass ein hart arbeitender Ehemann, im Falle von John Lamkin sogar ein äußerst hart arbeitender Ehemann, nicht mehr nach Hause kommen und seine Hammelkeule essen konnte, ohne dass ihm die Dame des Hauses mit ihren Mutmaßungen über den teuflischen Ripper zusetzte.

»Also gut, mein Schatz«, sagte Lamkin, und ein sarkastisches Lächeln entstellte seine Züge, »du rufst jetzt die Bobbies an und sagst ihnen, was du rausgefunden hast. Wenn Sutter der Ripper ist, muss man ihm das Handwerk legen.«

Mollie Lamkin umfing ihren Oberkörper mit beiden Armen, es war eine dramatische Bewegung, die sie bei solchen Gesprächen recht gern einbrachte. »Du würdest nicht mehr so ironisch daherreden, wenn der Ripper jemand in diesem Haus umgebracht hätte, Johnnie Lamkin!«

Mollies Gemahl quittierte die Rüge mit einem verächtlichen Schnaufen. Er zog seine Pfeife aus der Tasche. Die Geographie ist auf meiner Seite, dachte er. Der Ripper mordete immer nur in Whitechapel. Hier in Soho Square waren sie sicher vor seinen furchtbaren Anschlägen. Es war nicht schlimm, wenn die gnädige Frau sich in der Richtung etwas Sorgen machte, dann war sie wenigstens beschäftigt. Eine wirkliche Gefahr bestand nicht. Andererseits war es schon etwas komisch, dass sich eine Frau, die immerhin ein Kind zu versorgen hatte, mit solchen Grübeleien schier zu Tode ängstigte, statt erst einmal ihren Verstand zu gebrauchen.

Der kleine Johnnie im Nebenraum war aufgewacht. Mollie Lamkin vergaß Jack the Ripper, sie vergaß ihren wütenden Mann, sie war jetzt nur noch Mutter. Sie wechselte dem Kind die Windeln.

Im Herzen wusste sie, dass John Lamkin einen Fehler machte. Alles Übel dieser Welt erwuchs aus der Tatsache, dass die Männer nicht taten, was die Frauen ihnen sagten.

 

Mr. Sutter befand sich - Mollie hatte es sehr richtig beschrieben - in einem Raum im dritten Stock, die hintere Wohnung. Es war ein kleiner Raum, und Mr. Sutter war schwer beschäftigt. Hätten die Lamkins ihm jetzt Zusehen können, Mollie hätte einen Schrei des Entsetzens ausgestoßen, und John hätte auf der Stelle einen Schwur abgelegt, seiner Frau nie mehr zu widersprechen. Nie mehr.

Mr. Sutter zerstückelte einen Leichnam.

Die Tür zu seinem Zimmer hatte er verriegelt, und damit war der kleine Raum luftdicht abgeschlossen wie ein Schrank. Das Rollo vor dem Fenster war heruntergezogen, und die einzige Beleuchtung bestand aus zwei hohen dünnen Wachsstöcken, die Mr. Sutter auf zwei Stühle gestellt hatte. Die Stühle standen soweit wie möglich voneinander entfernt, einer an jedem Ende des länglichen Raumes.

Mr. Sutter kniete auf dem Boden, zusammengekrümmt in der Weise, wie teuflische Wesen sich bei ihren Unternehmungen zusammenkrümmen. In seiner Hand lag das Skalpell eines Chirurgen. Er trug Handschuhe, die ihm bis zu den Ellenbogen reichten. Er trug außerdem einen weißen Metzgerkittel, der seinen kleinen, dicken Körper irgendwie viereckig aussehen ließ. Sein Gesicht war genetzt vom Schweiß des Wahnsinns. Sein kahler Schädel erglühte im stetigen Schein der Kerzen.

Die Leiche, auf der sich Mr. Sutter rittlings niedergelassen hatte, war die Leiche einer sehr jungen Frau. Die Frau war seit zwanzig Minuten tot. Mr. Sutter hatte sie mit dem Versprechen, dass er ihr für ihre Dienste fünf Pfund geben würde, in sein Zimmer gelockt. Er hatte ihr den Schädel zerschmettert, mit dem gleichen Bügeleisen, das er zum Plätten seines schmutzfarbenen Anzugs benutzte.

Mr. Sutter brauchte zwei volle Stunden, um sein Werk zu vollenden. Das Wachs der Kerzen floss über die Messingständer, und als die zwei Stunden zu Ende gingen, hatten die beiden Flämmchen zu flackern begonnen.

Als sein Werk vollbracht war, stand Mr. Sutter auf, er rührte jetzt nichts mehr an in seinem Zimmer, er zog sich nur seinen schweren Regenmantel aus imprägniertem Baumwollstoff an. Er verließ den Raum und schloss von außen sorgfältig zu.

Er ging die spärlich beleuchtete Treppe hinunter, ohne irgendjemandem zu begegnen.

Als er auf die Straße trat, waren die Gaslaternen bereits angezündet. Ein dicker, suppiger Nebel quoll über die Bürgersteige, Nebel nach Londoner Art.

Ein Polizist in Uniform löste sich aus dem Nebel, großgewachsen und stramm.

Mr. Sutter bedachte ihn im Vorbeigehen mit einem höflichen Senken des Kopfes. »Guten Abend, Constable.«

Als Constable Briggs am nächsten Morgen von seinen Vorgesetzten zur Person des Mannes befragt wurde, der ihn so höflich gegrüßt hatte, gab er zu Protokoll, der Mörder Marcia Wooleys sei ein Mensch, der Herzlichkeit und Frohsinn ausstrahlte. Nicht einmal seine eigene Mutter, so beschrieb es Briggs, sei so nett und freundlich wie dieser Mann.

 

Nein, Mollie Lamkin dachte gar nicht daran, zu Kreuze zu kriechen. Nicht vor ihrem Gemahl. Gerade vor ihm nicht. Der Schreck war ihr in die Glieder gefahren, soweit dort noch Schreck Platz hatte. Der Ripper hatte zugeschlagen, in unmittelbarer Nähe. Mollies Lippen waren versiegelt. Sie war so still, dass ihr Mann sich richtig Sorgen machte. John Lamkin war seit einigen Minuten dabei, seine erkaltete Pfeife anzuzünden, aber so oft er es auch versuchte, die Pfeife brannte nicht. Er verbrauchte ein Streichholz nach dem anderen. Es war zum Verzweifeln.

»Mollie, nun sag doch etwas. Du hast dir doch schließlieh nichts zuschulden kommen lassen in der Sache. Im Gegenteil.«

Mollie Lamkin wippte mit ihrem Schaukelstuhl und schwieg.

»Wenn überhaupt, dann bin ich schuld. Ich hätte auf dich hören sollen.« Er erschauderte. »Der Mann wäre festgenommen worden, und damit hätte die furchtbare Metzelei ein Ende gehabt. Wenn ich mir vorstelle, dass er die ganze Zeit mit uns unter einem Dach gelebt hat, dass er spät in der Nacht die Treppe hinaufgestapft ist, nachdem er sein blutiges Handwerk verrichtet hatte...«

Seine Gemahlin hatte ihrem Schaukelstuhl einen neuen Stoß versetzt. Sie war drauf und dran, einen erstickten Schrei auszustoßen.

»Mein armer kleiner Liebling«, sagte John Lamkin. Er betrachtete sie mit zärtlicher Besorgnis. »Du darfst dir das nicht so nahegehen lassen. So wie jetzt kannst du nicht weiterleben. Denk an das Baby und überhaupt...«

Sie schüttelte den Kopf. Ein glasiger Schimmer stand in ihren Augen. Ihre Lippen formten sich zum Schrei.

Aber dann bezwang sie ihren Schmerz. »Nicht«, sagte sie leise. »Bitte, nicht, John. Du darfst nie wieder mit mir darüber sprechen. Nie wieder, sonst verliere ich den Verstand.«

Ihre Stimme war ein Wimmern, das wie der Schatten des Todes durch die gemütlich eingerichtete Wohnung irrte.

 

Mr. Sutter hatte ein neues Domizil gefunden, nur zwei Meilen von dem Haus entfernt, wo er Marcia Wooley ermordet hatte. Seine neue Zimmerwirtin fand, Mr. Sutter war ein würdiger, netter Herr, sie hatte ihm den Raum im rückwärtigen Teil ihrer großen Wohnung zugewiesen, dies war ein ruhiges Zimmer, wo der Mieter durch die Geräusche im Wohnzimmer nicht beeinträchtigt sein würde.

Der Mann der Zimmerwirtin las gerade in der Times. Er faltete das Blatt zusammen und grunzte. Seine Frau war in die Küche gelaufen gekommen. Sie hielt eine knisternd neue Fünfpfundnote in der Hand.

»Das nenne ich einen anständigen Mieter, Harold. Er hat die Miete einen Monat im Voraus bezahlt. Bar in die Hand.«

Harold tarnte seine Befriedigung über die Transaktion mit einem zweiten Grunzen. »Ein anständiger Mieter?«

»Aber ja! Vollendete Manieren, Harold. Wirklich. Madame vorne und Madame hinten, und hätten Sie was dagegen, wenn ich mein Frühstück schon um neun einnehme, besser kann man's gar nicht antreffen. Ich glaube, er ist Professor. Irgendeine Art von Professor.«

Es war zum ersten Mal in dieser Woche, dass Harold seine Lippen zu einem Lächeln verzog. »Freut mich, das zu hören. Die letzten Mieter waren nicht gerade erste Garnitur, wenn ich das mal so sagen darf. Und unser Haus ist ja auch nicht so, dass der Herzog von Edinburgh hier absteigen würde. Ein Wunder, dass der Ripper hier noch nicht aufgetaucht ist, Ellie. Das wäre doch der ideale Unterschlupf für ihn.«

Ellie gab sich schockiert. »Du solltest dich schämen, so etwas zu sagen, Harold. Der Ripper als möblierter Herr in unserem Haus. Also wirklich...« Sie warf ihrem Mann einen feindseligen Blick zu. Er verbarg sich hinter seiner Times. Es kam jetzt darauf an, das Gesicht zu wahren.

»Wie auch immer, Ellie. Professor oder nicht, man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein.«

 

Mr. Sutter hatte es sich in seinem neuen Heim gemütlich gemacht. Ein Sträußchen mit den Blumen, die er so liebte, stand auf dem Tisch. Veilchen. Er stand da und sog den Duft ein. Er schloss die Augen. Neben der Vase mit den Veilchen lag Mr. Sutters schwarze Tasche. Der Tisch stand an der Wand. Auf der anderen Seite war das Bett. Mr. Sutters Finger glitten über die glitzernden Instrumente. Er legte die Skalpelle in Reih und Glied. Ordnung und Harmonie, Hoffnung und Zukunft. Es war Zeit, neue Pläne zu schmieden. Es galt, ein neues Opfer im Nebel zu finden.

Er hob die Hände und führte die abgespreizten Finger an seine Schläfen. Der kahle Schädel schimmerte im Licht der Kerzen. Er verstärkte den Druck der Fingerspitzen, bis sich die Schädeldecke hob. Langes, dunkles Haar quoll hervor, legte sich in üppigen Locken um Mr. Sutters Gesicht. Mr. Sutter war nicht mehr kahl.

Mr. Sutter hatte aufgehört, ein Mann zu sein...

Sie stand vor dem zerbrochenen Ankleidespiegel und betrachtete die Fülle ihrer Haare. Ein geisterhaftes Lächeln spielte um ihre schönen Lippen. Das Skalpell des Rippers würde ein neues Opfer finden. Gab es eine bessere Tarnung, als wenn sie so durch die Londoner Nacht ging, wie Gott sie geschaffen hatte?

 

 

 

 

  Mary W. Shelley: DIE VERWANDLUNG (The Transformation)

 

 

Ich habe gehört, dass, wenn einem menschlichen Wesen ein merkwürdiges, übernatürliches und geisterhaftes Abenteuer widerfährt, dieses Wesen, wie eifrig auch immer es dies verbergen will, sich zu gewissen Zeiten wie von einem geistigen Erdbeben erschüttert fühlt und wie unter Zwang einem anderen seinen inneren Abgrund entblößen muss. Ich bin Zeuge, dass dies wahr ist. Ich habe geschworen, dass ich niemals menschlichen Ohren das Entsetzen offenbaren werde, dem ich mich einmal, im Übermaß meines Hochmutes, auslieferte. Der heilige Mann, der meine Beichte gehört und mich wieder mit der Kirche in Einklang gebracht hat, ist tot. Niemand weiß, dass einmal... Warum sollte es nicht so sein? Warum eine Geschichte von ruchloser, verführerischer Vorsehung und die Seele bezwingender Erniedrigung berichten? Warum? Antwortet mir, Ihr, die Ihr um die Geheimnisse der menschlichen Natur wisst! Ich weiß nur, dass es so ist; und trotz einer festen Entschlossenheit - eines Stolzes, der mich zu stark beherrscht - und trotz Scham und sogar auch aus Furcht, mich selbst so abscheulich gegen meine eigene Spezies zu äußern - muss ich sprechen.

Genua, mein Geburtsort - stolze Stadt! Wie sie auf das blaue Mittelmeer schaut - erinnerst du dich an meine Jugend, als die Klippen und Vorgebirge, der strahlende Himmel und die fröhlichen Weinberge meine Welt bedeuteten? Glückliche Zeit, wenn dem jungen Herzen ein eng begrenztes Universum, welches durch seine wirklich engen Grenzen der Vorstellung freien Lauf gewährt, unsere physischen Energien fesselt und, während unseres einzigen Lebensabschnittes, Unschuld und Freude vereint sind. Aber wer kann auf seine eigene Kindheit zurückblicken und sich nicht an die Sorgen und quälenden Ängste erinnern! Ich wurde mit dem herrischsten, hochmütigsten und ungebändigtsten Geist geboren. Nur vor meinem Vater habe ich gezittert; und er, ein generöser und edler Mann, aber kapriziös und tyrannisch, entdeckte das wilde Ungestüm meines Charakters und förderte es; er verlangte Gehorsam, flößte mir jedoch keinen Respekt für seine Motive ein, die seinen Befehlen zugrunde lagen. Ein Mann zu sein, frei und unabhängig, oder, mit besseren Worten, anmaßend und dominierend, das war die Hoffnung, das Gebet meines rebellierenden Herzens.

Mein Vater hatte einen reichen Edelmann aus Genua zum Freund, der in einem politischen Aufruhr plötzlich zur Verbannung verurteilt wurde und dessen ganzes Vermögen eingezogen wurde. Der Marchese ging allein ins Exil. Wie mein Vater, so war auch er Witwer. Er hatte ein Kind, die noch sehr junge Juliet, die unter der Obhut meines Vaters zurückblieb. Sicherlich hätte ich dem lieblichen Mädchen gegenüber unfreundlich sein können, aber durch meine Stellung wurde ich zu ihrem Beschützer verpflichtet. Viele verschiedene kindliche Ereignisse führten alle zu dem gleichen Ergebnis - Juliet betrachtete mich als Fels der Verteidigung. Wir wuchsen gemeinsam auf. Wenn die Rosen im Mai aufbrachen, dann war das nicht lieblicher anzusehen als dieses zauberhafte Mädchen. Strahlende Schönheit lag auf ihrem Gesicht. Ihr Körper, ihre Schritte, ihre Stimme - selbst jetzt weint mein Herz noch, wenn ich daran denke, wie sie auf mich baute, wenn ich an all das Freundliche, Liebenswerte und Reine denke, das in ihr war. Als ich elf und Juliet acht Jahre alt war, kümmerte sich ein Cousin von mir, der viel älter als wir beide war - für uns war er schon ein richtiger Mann -, sehr aufmerksam um meine Spielgefährtin; er nannte sie seine Braut und bat sie, ihn zu heiraten. Sie wollte nicht, aber er bestand darauf und zog die sich Sträubende an sich. Mit dem Gesichtsausdruck und den Gefühlen eines Wahnsinnigen warf ich mich auf ihn - ich kämpfte darum, an sein Schwert zu gelangen - ich klammerte mich mit dem teuflischen Entschluss an seinen Nacken, ihn zu erwürgen; er musste um Hilfe rufen, um sich von mir befreien zu können. An diesem Abend führte ich Juliet zu der kleinen Kapelle in der Nähe unseres Hauses. Ich ließ sie die heiligen Reliquien berühren - quälte ihr kindliches Herz und entweihte ihre kindlichen Lippen durch einen Eid, dass sie mein sein würde, und nur mein.

Nun, diese Tage vergingen. Nach ein paar Jahren kehrte Torella – Juliets Vater - aus der Verbannung zurück und wurde reicher und erfolgreicher als zuvor. Als ich siebzehn Jahre alt war, starb mein Vater; er hatte bis hin zur Verschwendungssucht prachtvoll gelebt, so dass Torella hocherfreut darüber war, dass meine Minderjährigkeit noch Gelegenheit schaffen würde, mein Vermögen wieder aufzubessern. Neben dem Totenbett meines Vaters wurden Juliet und ich verlobt. Torella war ein zweiter Vater für mich.

Ich wollte gern die Welt sehen und konnte mir auch diesen Wunsch erfüllen. Ich reiste nach Florenz, Rom, Neapel; von dort aus brach ich nach Toulon auf und erreichte schließlich Paris, die Stadt, die schon lange das Ziel meiner Wünsche gewesen war. In Paris herrschte ein hektisches Leben. Der arme König Karl VI. - mal gesund, mal wahnsinnig, bisweilen Monarch, dann wieder jämmerlicher Sklave - glich einer unbarmherzigen Karikatur eines Menschen. Die Königin, der Dauphin, der Herzog von Burgund, abwechselnd befreundet und befeindet - die jetzt auf verschwenderischen Festen zusammenkamen, dann in ihrer Rivalität wieder Blut vergossen -, waren den schlechten Zuständen ihres Landes gegenüber blind und gaben sich völlig den zügellosesten Freuden oder dem grimmigsten Kampfe hin. Meine Wesensart verließ mich nicht. Ich war arrogant und selbstherrlich. Ich liebte Machtentfaltung und darüber hinaus warf ich jegliche Kontrolle ab. Meine jungen Freunde waren eifrig damit beschäftigt, Leidenschaften zu frönen, die ihnen Vergnügen bereiteten. Man hielt mich für gut aussehend - ich war ein Meister in jeglicher ritterlicher Vervollkommnung. Mit keiner politischen Partei hatte ich etwas zu tun. Ich wurde der Liebling aller. Meine Anmaßung und Arroganz wurden mir verziehen, da ich noch so jung war. Ich wurde ein verwöhntes Kind. Wer konnte mich zügeln? Nicht Torellas Briefe und Ratschläge - nur eine starke Notwendigkeit, die sich bei der abscheulichen Leere in meiner Geldtasche einstellte. Aber es gab Möglichkeiten, sie wieder aufzufüllen. Ich verkaufte jeden Zoll meines Landes, Besitztum nach Besitztum. Meine Kleider, meine Juwelen, meine Pferde und ihre Ausstattung waren fast ohne ihresgleichen in dem prachtvollen Paris, während die Ländereien meines Erbes in den Besitz anderer übergingen.

Der Herzog von Burgund überfiel den Herzog von Orleans und ermordete ihn. Furcht und Entsetzen erfüllten Paris. Der Dauphin und die Königin zogen sich in ihre Gemächer zurück. Sämtliche Vergnügungen wurden abgesagt. Ich wurde dieses Zustandes überdrüssig, und mein Herz sehnte sich nach den Bildern der Vergangenheit. Ich war beinahe zum Bettler geworden, aber trotzdem würde ich nach Italien zurückkehren, meine Braut zu mir nehmen und meine Besitztümer neu aufbauen. Ein paar glückliche kaufmännische Geschäfte würden mich wieder reich machen. Aber bestimmt wollte ich nicht in demütiger Haltung zurückkehren. Meine letzte Handlung bestand darin, mein mir noch verbliebenes Besitztum in der Nähe von Albaro für die Hälfte seines Wertes zu verkaufen, damit ich etwas Bargeld in die Hände bekam. Dann schickte ich Kunsthandwerker und Möbel von königlicher Pracht, um das letzte Überbleibsel meines Erbes, meinen Palast in Genua, wieder herzurichten. Ich hielt mich noch ein wenig in Paris auf, da ich mich der Rolle des verschwenderischen Rückkehrers schämte, die ich fürchtete, spielen zu müssen. Einen spanischen Rappen ohnegleichen schickte ich meiner mir versprochenen Braut; sein Zaumzeug zierten flammende Juwelen, die Satteldecke war aus goldenen Fäden. Auf jedes Teil ließ ich die Initialen von Juliet und ihrem Guido flechten. Mein Geschenk fand Gefallen in ihren wie auch in den Augen ihres Vaters.

Aber als bekannter Verschwender, als Zielscheibe unverschämter Verwunderung, vielleicht sogar der Verachtung zurückzukehren und allein den Vorwürfen oder Schmähungen meiner Mitbürger zu begegnen, all das war keine verlockende Vorstellung. Um mich gegen die Kritik zu wappnen, lud ich einige der unbekümmertsten meiner Kameraden ein, mich zu begleiten; so zog ich gegen die Welt gefeit los, wobei ich mit gespielter Tapferkeit ein nagendes Gefühl der Reue verbarg.

Ich erreichte Genua. Ich schritt über den Boden meines ererbten Palastes. Mein stolzer Schritt spiegelte nicht die Gefühle meines Herzens wider, denn tief in mir fühlte ich, dass ich, obwohl von Luxus umgeben, dennoch ein Bettler war. Überall sah ich Verachtung oder Mitleid. Ich stellte mir vor, dass die Reichen und Armen, die Jungen und Alten mich mit Hohn beachteten...

Torella kam nicht in meine Nähe. Keine Frage, dass mein zweiter Vater die Ehrerbietung seines Sohnes erwartete, zuerst bei ihm seine Aufwartung zu machen. Aber verärgert und gepeinigt durch das Gefühl für meine Torheiten und mein Verschulden, bemühte ich mich, anderen die Schuld zuzuschieben. Zunächst feierten wir im Palast Carega rauschende Feste. Auf schlaflose, ausgelassene Nächte folgten schweigsame, untätige Morgen. Zum Ave Maria zeigten wir Verwöhnten uns auf der Straße, verspotteten die nüchternen Bürger und betrachteten die zurückweichenden Frauen mit unverschämten Blicken. Juliet befand sich nicht unter ihnen - nein, nein, wenn sie dagewesen wäre, dann hätte mich die Scham fortgetrieben, wenn mich die Liebe nicht hätte ihr zu Füßen fallen lassen.

Allmählich wurde ich dieses Lebens überdrüssig. Plötzlich stattete ich dem Marchese einen Besuch ab. Er war in seiner Villa, einer der vielen, die den Vorort San Pietro d'Arena überragen. Es war im Mai, die Blüten der Obstbäume verblassten unter dicken, grünen Blättern; die Weinreben schossen auf; auf der Erde lagen überall die Blüten der Oliven; die Leuchtkäfer schwirrten in den immergrünen Hecken; Himmel und Erde waren ein Gewand von erdrückender Schönheit. Torella hieß mich freundlich willkommen, aber er war sehr ernst. Doch selbst sein Anflug von Unmut verflüchtigte sich bald. Irgendeine Ähnlichkeit mit meinem Vater, irgendetwas am Aussehen oder dem Tonfall von jugendlicher Unbekümmertheit besänftigte das Herz dieses guten alten Mannes. Er ließ seine Tochter rufen und stellte mich ihr als ihren Verlobten vor. Als sie den kleinen Raum betrat, wurde er von ihrem heiligen Licht geweiht. Sie sah aus wie ein Cherubim; diese großen, sanften Augen, die vollen Wangen mit den Grübchen, der Mund von kindlicher Weichheit, all das drückte die seltene Vereinigung von Glück und Liebe aus. Zuerst ergriff Bewunderung Besitz von mir. Sie gehört mir! war das zweite stolze Gefühl, und meine Lippen wölbten sich in arrogantem Triumph. Ich war nicht umsonst das enfant gate der Schönheiten Frankreichs gewesen, als dass ich nicht gelernt hätte, wie man das weiche Herz einer Frau erfreuen kann. Wenn ich Männern gegenüber tyrannisch war, dann stand die Ehrerbietung, die ich Frauen gegenüber aufbrachte, in genauem Gegensatz dazu. Ich begann meine Werbung mit der Entfaltung von tausend Freundlichkeiten Juliet gegenüber, die die Ehrerbietungen anderer niemals angenommen hatte, so wie sie es mir in ihrer Kindheit geschworen hatte, und die, obwohl sie an das Bezeugen von Bewunderung gewohnt war, in der Sprache der Liebe noch unberührt war.

Ein paar Tage lang verlief alles gut. Torella spielte nie auf meine Extravaganzen an; er behandelte mich wie seinen Lieblingssohn. Aber die Zeit kam, dass wir die Einzelheiten meiner Verbindung mit seiner Tochter besprachen und der freundliche Anschein der Situation überschattet wurde. Zu Lebzeiten meines Vaters war ein Vertrag abgeschlossen worden. Tatsächlich hatte ich diesen Vertrag zunichte gemacht, da ich sämtlichen Reichtum, der von Juliet und mir geteilt werden sollte, durchgebracht hatte. Die Folge davon war, dass Torella diesen Vertrag als ungültig bezeichnete und einen anderen vorschlug, in dem, obwohl sein Reichtum über die

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Authors/Apex-Verlag.
Bildmaterialien: Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Cover: Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Lektorat/Korrektorat: Zasu Menil.
Übersetzung: Christian Dörge/Rosmarie Kahn-Ackermann/Marion Dill/Sonja Hauser (Original-Zusammenstellung).
Satz: Apex-Verlag.
Tag der Veröffentlichung: 28.10.2018
ISBN: 978-3-7438-8479-3

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