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Leseprobe

 

 

 

 

 

EDGAR RICE BURROUGHS

 

Krieg auf der Venus

Dritter Band der VENUS-Tetralogie

 

 

 

Roman

 

Apex Science-Fiction-Klassiker, Band 19

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Der Autor 

KRIEG AUF DER VENUS 

 

Vorwort 

1. 

2. 

3. 

4. 

5. 

6. 

7. 

8. 

9. 

10. 

11. 

12. 

13. 

14. 

15. 

16. 

17. 

18. 

19. 

20. 

 

Das Buch

 

Der amerikanische Astronaut Carson Napier ist auf dem Planeten Venus gestrandet. Er verfügt über keine technischen Hilfsmittel, denn seine Rakete ist zerschellt. Um den täglichen Kampf gegen die Natur und die Bewohner des wilden Planeten zu bestehen, ist er allein auf seine Intelligenz und Geschicklichkeit angewiesen.

Der Terraner setzt sich durch. Selbst in aussichtslosen Situationen findet er einen rettenden Ausweg. So auch jetzt: Mit einer selbstkonstruierten Flugmaschine entzieht er sich dem Zugriff seiner Gegner und startet zum großen Flug um die Venus...

 

Der Amtor- oder Venus-Zyklus von Edgar Rice Burroughs gehört zu den bekanntesten Science-Fiction-Romanen des Tarzan-Autors. In seiner Reihe APEX SF-KLASSIKER veröffentlicht der Apex-Verlag diese vier Romane aus durchgesehene Neu-Ausgabe (in der Übersetzung von Thomas Schlück). Der fünfte Band, Zauberer der Venus, erscheint als deutsche Erstveröffentlichung.

  Der Autor

Edgar Rice Burroughs - * 01. September 1875, † 19. März 1950.

 

Edgar Rice Burroughs war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der bekannt wurde als als Erzähler diverser Abenteuergeschichten, die sich vor allem dem frühen Fantasy- und Science-Fiction-Genre zuordnen lassen. Die bekanntesten von ihm eingeführten - und in der Folge von anderen in zahlreichen Filmen und Comics etablierten -  Heldencharaktere sind Tarzan, John Carter, Carson Napier.

Der Sohn des Fabrikanten und Bürgerkriegsveteranen Major George Tyler Burroughs (1833–1913) und der Lehrerin Mary Evaline Zieger (1840–1920) verlebte nach dem Besuch mehrerer Privatschulen den Großteil seiner Jugend auf der Ranch seiner Brüder in Idaho.

Nach seinem Abschluss auf der Michigan Military Academy im Jahr 1895 trat Burroughs in die 7. US-Kavallerie ein. Als ein Armeearzt bei ihm einen Herzfehler diagnostizierte und er deshalb nicht Offizier werden konnte, verließ Burroughs die Armee vorzeitig im Jahr 1897 und arbeitete bis 1899 wieder auf der Ranch seines Bruders. Danach ging er zurück nach Chicago und arbeitete in der Firma seines Vaters.

Am 1. Januar 1900 heiratete Burroughs seine Jugendliebe Emma Centennia Hulbert. Das Paar bekam drei Kinder: Joan Burroughs Pierce (1908–1972), Hulbert Burroughs (1909–1991) und John Coleman Burroughs (1913–1979). Da die tägliche Routine in der Fabrik seines Vaters Burroughs nicht zufriedenstellte, verließ das Ehepaar 1904 Chicago, um abermals in Idaho zu leben. Mit seinen Brüdern, die inzwischen ihre Ranch aufgegeben hatten, versuchte er sich erfolglos als Goldgräber. Kurze Zeit später arbeitete er als Eisenbahnpolizist in Salt Lake City. Auch diesen Job gab Burroughs auf und zog mit seiner Frau wieder zurück nach Chicago, wo er eine Reihe Jobs annahm, unter anderem als Vertreter. 1911 investierte er sein letztes Geld in einer Handelsagentur für Bleistiftanspitzer und scheiterte.

Burroughs, der zu dieser Zeit an schweren Depressionen litt und, nach einigen seiner Biographen, an Selbstmord dachte, kam auf die Idee, eine Geschichte für ein Magazin zu schreiben, in dem er zuvor Anzeigen für seine Bleistiftanspitzer geschaltet hatte. Seine erste Erzählung Dejah Thoris, Princess of Mars (unter dem Pseudonym Normal Bean für das All-Story-Magazin von Thomas Metcalf geschrieben) wurde zwischen Februar und Juli 1912 als Fortsetzung veröffentlicht.

Metcalf hatte sein Pseudonym in Norman Bean geändert, und auch der Titel seiner Geschichte wurde zu Under the Moon of Mars abgewandelt. Auf Burroughs Beschwerde bezüglich der Änderungen, lenkte Metcalf ein und bot an, Burroughs nächste Geschichte unter seinem richtigen Namen zu drucken. Eine weitere Beschwerde Burroughs betraf den Zusatz For all Rights auf seinem Honorarscheck. Nach längerem Briefwechsel erreichte er, dass die 400 Dollar nur für den Erstabdruck galten.

Burroughs zweite Geschichte, The Outlaw of Torn, wurde jedoch von All-Story abgelehnt. Der große Erfolg kam mit Burroughs drittem Anlauf, Tarzan of the Apes.

Die Geschichte von Tarzan wurde ebenfalls 1912 von All-Story veröffentlicht. Burroughs schrieb in der Folgezeit immer wieder neue Tarzan-Geschichten und konnte sich - kaum zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Tarzan of the Apes - ein riesiges Stück Land in der Nähe von Los Angeles kaufen. Selbst nach Burroughs Tod im Jahr 1950 erschienen weitere Tarzan-Geschichten. Das Landstück bei Los Angeles ist heute die Gemeinde Tarzana.

In den frühen 1930er Jahren wurde sein schriftstellerischer Erfolg allerdings immer mehr von privaten Problemen überschattet. 1934 ließ er sich scheiden und heiratete ein Jahr später Florence Dearholt. Doch schon 1942 wurde auch diese Ehe geschieden. Nach der Bombardierung von Pearl Harbor begab sich Burroughs 1941 als Kriegsreporter nach Hawaii. Nach dem Krieg kehrte er nach Kalifornien zurück, wo er, nach vielen gesundheitlichen Problemen, 1950 einem Herzanfall erlag.

 

 In Burroughs Werk vermischen sich Science Fiction und Fantasy. Er etablierte Geschichten vor einem planetarischen Hintergrund in der Science Fiction. Dabei war Burroughs bewusst, dass seine Literatur bei den Kritikern nicht ankam. Er machte auch nie ein Hehl daraus, dass er schrieb, um Geld zu verdienen.

Die Helden seiner Romane und Erzählungen haben keine Alltagsprobleme. Bei den Charakterzeichnungen schwach, sprudeln Burroughs Geschichten über vor Ideen und Action. Die Helden seiner Romane haben verschiedene Merkmale gemeinsam, beispielsweise das Geheimnis um ihre Herkunft. Entweder haben die Helden nie eine Kindheit erlebt, oder können sich nicht daran erinnern, oder aber sie sind wie Tarzan und The Cave Girl Waisen. Ein weiteres Merkmal von Burroughs Geschichten ist der, wie Brian W. Aldiss es nennt, ausgeprägte sexuelle Dimorphismus. Das jeweils dominante Geschlecht ist hässlich.

Obwohl es in den Romanen und Geschichten Burroughs von schönen, nackten Frauen nur so wimmelt, werden sexuelle Beziehungen weder angedeutet noch erwähnt. Burroughs Welt scheint eine präpubertäre zu sein. Doch ist die Jungfräulichkeit immer in Gefahr (vgl. Aldiss). Fast schon zwanghaft mutet an, dass es in den Geschichten Burroughs, die zwischen 1911 und 1915 geschrieben wurden, nicht weniger als 76 Mal zu Vergewaltigungsdrohungen kommt, die natürlich alle abgewendet werden können. Zu den Bedrohern der weiblichen Unschuld gehören verschiedene Marsianer, Sultane, Höhlenmenschen, japanische Kopfjäger und Affen.

E. F. Bleiler schreibt über Burroughs, seine Texte seien „Fantasien von Erotik und Macht.“

 

Der Apex-Verlag veröffentlicht Burroughs' Venus-Romane (in der deutschen Übersetzung von Thomas Schlück) sowie Neu-Übersetzungen des Tarzan-Zyklus.

KRIEG AUF DER VENUS

 

  

 

 

  Vorwort

 

 

 

Indien ist eine eigene fremde Welt, die ihre besonderen Sitten und ihren eigenen Okkultismus hat. Selbst im entfernten Barsoom oder gar in Amtor mag man keine verwirrenderen Geheimnisse finden als bei diesem Volk. Von den vielen guten Dingen, die uns Indien gegeben hat, beschäftigt mich im Augenblick nur eins - die Fähigkeit, die der alte Chand Kabi dem Sohn eines englischen Offiziers vermittelte, die Fähigkeit der Gedanken- und Bildübertragung über Entfernungen, die sogar die Abgründe zwischen den Planeten überbrücken. Dieser Fähigkeit verdanken wir die Tatsache, dass Carson Napier durch mich die Geschichte seiner Abenteuer auf der Venus aufzeichnen ließ.

Als er in seiner gewaltigen Rakete von der Insel Guadalupe zum Mars startete, war ich geistiger Zeuge dieses epochalen Fluges, der wegen eines Rechenfehlers auf der Venus endete. Ich folgte seinen Abenteuern, die im Inselkönigreich Vepaja ihren Anfang nahmen, als er sich hoffnungslos in die unerreichbare Tochter des Königs verliebte. Ich nahm teil an den Reisen der beiden jungen Menschen über Meere und Kontinente; zusammen mit ihnen lernte ich die feindlichen Städte Kapdor und Kormor kennen - und schließlich das herrliche Havatoo, wo Duare aufgrund einer seltsamen Justiz zum Tode verurteilt wurde. Ich bangte mit ihnen, bis die Flucht in dem Flugzeug gelang, das Carson Napier auf Bitten der Herrscher von Havatoo gebaut hatte. Und ich litt mit Napier, weil Duare aufgrund ihrer Erziehung in seinen Liebesbeteuerungen nichts anderes sehen konnte als eine Beleidigung. Schließlich durfte ich aber miterleben, dass sie die Wahrheit erkannte. Das geschah unmittelbar nach ihrer Flucht, als sie im Flugzeug über dem Fluss des Todes schwebten und auf eine unbekannte Küste zuhielten. Ihre Suche nach Duares Heimat schien hoffnungslos. 

Monate vergingen. Ich begann schon zu befürchten, dass den beiden etwas zugestoßen war, als ich plötzlich wieder Kontakt mit Napier bekam. Wie bisher werde ich seine Botschaften so exakt wie möglich in seinen eigenen Worten wiedergeben.

 

 

 

 

 

 

  1.

 

 

 

Wer schon einmal geflogen ist, erinnert sich sicher an die Freude, die ein erster Flug über vertrautes Gelände bereiten kann - die Überraschung, altvertraute Dinge plötzlich aus neuer Perspektive zu sehen, die Beruhigung, einen Flughafen in der Nähe zu haben und zu wissen, wohin man sich nach der Landung wenden kann.

Aber als Duare und ich im Feuer der Verfolger aus Havatoo aufstiegen, lag ein unbekanntes Land voller unvorstellbarer Gefahren unter uns. Dennoch war dieser Start der glücklichste und zugleich aufregendste Augenblick meines Lebens. Die Frau meines Herzens hatte mir soeben ihre Liebe offenbart, ich saß wieder am Steuer meines Flugzeugs, und ich war frei! Zweifellos hatten wir noch zahlreiche unbekannte Gefahren zu überstehen, ehe wir unser Ziel erreichten, wenn wir Vepaja jemals fanden. Aber im Augenblick konnte nichts meine Stimmung trüben Wie es um Duare stand, weiß ich nicht; vielleicht wurde sie von Furcht beherrscht, denn bis zu diesem Tage hatte sie nicht gewusst, dass es Maschinen gab, die fliegen konnten. Sie war jedoch sehr mutig und ließ sich ihre Unsicherheit nicht anmerken.

Das Flugzeug war eine kleine Maschine, von einer auf der Erde bisher nicht erreichten Perfektion. Die Wissenschaftler Havatoos hatten mir synthetische Materialien von außerordentlicher Haltbarkeit und Leichtigkeit zur Verfügung gestellt und mir versichert, dass die Lebensdauer des Flugzeugs mindestens fünfzig Jahre betragen würde. Für diese Zeit hatte ich auch Treibstoff an Bord - eine Handvoll des amtorischen Elements Lor, das die Substanz Yor-San enthält. Kommen diese Substanzen mit einem Metall zusammen, das Vik-ro genannt wird, ergibt sich eine völlige Auflösung des Lor, und aus dieser Reaktion bezieht der Antrieb unseres Flugzeugs seine Energie.

Soweit es sich um das Flugzeug handelte, hätten wir theoretisch fünfzig Jahre lang ununterbrochen fliegen können; das ließ sich jedoch schon deswegen nicht realisieren, weil wir keine Vorräte an Bord hatten. Unser überstürzter Abflug hatte es mir unmöglich gemacht, Vorsorge zu treffen. Wir waren knapp mit dem Leben davongekommen und mussten es zufrieden sein.

Aber Duare scheute vor dem Gedanken an die Zukunft nicht zurück; unschuldig fragte sie: »Wohin fliegen wir?«

»Wir suchen Vepaja«, erwiderte ich. »Ich will versuchen, dich nach Hause zu bringen.«

Aber sie schüttelte den Kopf. »Nein, das können wir nicht.«

»Aber das wolltest du doch immer!«

»Jetzt nicht mehr, Carson. Mein Vater, der König, würde dich vernichten. Wir haben uns unsere Liebe gestanden, und das darf eine Königstochter nicht, ehe sie zwanzig ist. Das weißt du sehr wohl.«

»Oh, ja«, sagte ich. »Du hast es mir oft genug gesagt.«

»Aber nur zu deinem eigenen Schutz. In Wirklichkeit habe ich dich von Anfang an geliebt.«

»Dann hast du dich aber gut verstellt, denn ich glaubte, du hättest nichts für mich übrig. Nur manchmal war ich mir dessen nicht so sicher.«

»Und weil ich dich liebe, darfst du nie in die Hände meines Vaters fallen.«

»Aber was können wir tun? Wo könnten wir auf dieser Welt in Frieden leben? In Vepaja wärst wenigstens du in Sicherheit. Vielleicht lässt sich dein Vater umstimmen.«

»Nein, das würde dir nie gelingen. Unsere ungeschriebenen Gesetze machen aus der Königsfamilie so etwas wie Götter, und eine Königstochter ist besonders sakrosankt. Niemand darf sie anschauen oder gar mit ihr sprechen.«

»Ein verrücktes Gesetz!«, sagte ich. »Du wärst heute tot, wenn ich es nicht gebrochen hätte. Würde sich dein Vater mir nicht verpflichtet fühlen?«

»Als Vater sicherlich - nicht aber als Jong. Und da er natürlich in erster Linie Jong ist, können wir nicht nach Vepaja zurückkehren«, sagte sie nachdrücklich.

Welch ironischen Streich hatte mir das Schicksal da gespielt! In wie viele Mädchen hätte ich mich verlieben können - und ausgerechnet eine Göttin hatte ich mir erwählt! Trotzdem hätte ich es mir nicht anders gewünscht. Duare zu haben - in dem Bewusstsein, dass diese Liebe erwidert wurde -, war mehr wert als ein Leben mit irgendeiner anderen Frau.

Duares Entscheidung, nicht nach Vepaja zurückzukehren, stellte mich vor neue Probleme. Obwohl ich mir nicht sicher war, dass ich Vepaja jemals gefunden hätte, war das doch wenigstens ein Ziel gewesen, und jetzt hatte ich nichts. Havatoo war eine großartige Stadt, aber die unverständliche Verurteilung Duares nach ihrer Rettung aus der Stadt der Toten machte eine Umkehr unmöglich. Und sich eine andere gastfreundliche Stadt zu suchen, schien von vornherein ein hoffnungsloses Unterfangen; zu verwirrend waren die Lebensformen auf diesem seltsamen Planeten. Amtor war eine Welt der Gegensätze, Anomalitäten und Paradoxe, die es unmöglich machten, sich irgendwo sicher zu fühlen. Welche Hoffnung bestand unter diesen Umständen für mich und Duare, einen sicheren Unterschlupf zu finden? Insgeheim kam ich in diesem Augenblick zu dem Entschluss, Duare doch nach Vepaja zurückzubringen, damit wenigstens sie in Sicherheit war.

Wir flogen südwärts am Gerlat kum Rov, dem Fluss des Todes, entlang, der uns irgendwann einmal zum Meer führen würde. Ich flog niedrig, damit wir die Landschaft betrachten konnten - Wälder, Hügel und Ebenen, in der Entfernung begrenzt von geheimnisvollen Höhenzügen. Ober allem lastete wie ein schweres Zeltdach der innere Wolkengürtel, der den Planeten völlig umspannt und der die Sonnenstrahlung derart absorbiert, dass die Lebensbedingungen auf der Venusoberfläche erträglich werden. Wir beobachteten riesige Tierherden, die auf den Ebenen grasten; nur Menschen oder menschliche Siedlungen sahen wir nicht. Es war eine anscheinend unberührte Wildnis, die sich unter uns erstreckte, eine wunderhübsche Szene, die aber sicher ihre Gefahren hatte.

Ich steuerte nach Süden - in der Annahme, dass ich das vor uns liegende Meer überqueren musste, um Vepaja zu erreichen. Da ich wusste, dass dieses Land eine Insel war, hatte ich mein Flugzeug vorsichtshalber mit einziehbaren Schwimmern ausgerüstet.

Der Anblick der Herden unter uns regte meinen Appetit an, und ich leitete die Landung ein.

»Ehe du das Ding gelandet hast, sind schon alle Tiere in die Flucht geschlagen«, sagte Duare.

»Bitte nenne mein schönes Schiff nicht Ding«, sagte ich.

»Aber es ist kein Schiff«, erwiderte sie. »Ein Schiff schwimmt im Wasser. Oh, ich habe einen guten Namen, Carson - wir nennen es Anotar!«

»Wunderbar!«, sagte ich. »Das passt bestens.«

In der amtorischen Sprache bedeutet notar Schiff, und mit an werden die Vögel bezeichnet - Duare nannte unser Flugzeug also Vogelschiff - eine romantische Bezeichnung, die mir gut gefiel.

Da unser Motor fast geräuschlos lief, bemerkten uns die grasenden Tiere nicht, als ich zur Landung einschwebte. Nur Duare hielt den Atem an und klammerte sich an meinem Arm fest. Diese erste Landung muss für sie besonders fürchterlich gewesen sein.

Wir stürzten förmlich dem Boden entgegen, als eines der grasenden Tiere nach oben blickte und sofort warnend schnaubte. Im gleichen Augenblick galoppierte es davon, gefolgt von der ausbrechenden Herde.

Ich halte es nicht für sehr sportlich, ein Tier vom Flugzeug aus zu erlegen, aber ich hatte es auf Nahrung abgesehen. Ohne Gewissensbisse zog ich daher meine Pistole und erlegte ein Tier, das noch recht jung und saftig wirkte. Die Jagd hatte uns in gefährliche Nähe eines Waldrandes gebracht, und ich musste ziemlich steil in die Höhe ziehen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Ich warf einen Blick auf Duare, die mit bleichem Gesicht neben mir saß; aber sie hielt sich gut.

Als ich bei unserer Beute landete, war die Herde nicht mehr zu sehen.

Ich ließ Duare im Cockpit zurück und machte mich daran, das Tier zu zerlegen. Ich wollte so viel Fleisch wie möglich an Bord nehmen, damit wir eine Zeitlang auskommen konnten, bis wir einen besseren Lagerplatz fanden. Ich arbeitete dicht am Flugzeug, und weder Duare noch ich achteten auf den Waldrand, der ziemlich nahe war. Wir hätten besser aufpassen müssen, aber ich war bestrebt, meine Arbeit so schnell wie möglich zu beenden.

Die erste Gewissheit, dass etwas nicht stimmte, vermittelte mir Duares entsetzter Schrei. Ich fuhr herum und erblickte mindestens zehn Angreifer, die sich mit erhobenen Schwertern auf mich stürzten. Ich hatte keine Chance und wurde schon in der nächsten Sekunde zu Boden geschlagen. Ehe ich ohnmächtig wurde, sah ich noch, dass es sich bei meinen Angreifern ausnahmslos um Frauen handelte.

Als ich wieder zu Bewusstsein kam, war ich allein; die kriegerischen Frauen und Duare waren verschwunden.

 

 

 

 

 

 

  2.

 

 

 

Ich war in diesem ersten Augenblick so niedergeschlagen wie noch nie in meinem Leben. Nach einigen wenigen glücklichen Stunden war mir Duare wieder entrissen worden, und einen Augenblick lang wusste ich nicht, was ich tun sollte.

Ich war verletzt; am Oberkörper und Kopf hatte ich mehrere Schwertwunden. Ich weiß noch heute nicht, warum ich nicht daran gestorben bin, jedenfalls hatten die Frauen mich für tot gehalten, als sie den Rückzug antraten.

Ich konnte mich noch einigermaßen bewegen, auch wenn ich viel Blut verloren hatte.

Das Flugzeug war offensichtlich unbeschädigt, und wie ich durch einen kurzen Rundblick feststellte, hatte es mir das Leben gerettet. In einiger Entfernung trieben sich gefährlich aussehende Tiere herum, die wahrscheinlich nur durch das unheimliche Monstrum, das da über mich wachte, von einer Annäherung abgehalten worden waren.

Soweit ich mich erinnerte, hatten die kriegerischen Frauen einen gewissen Grad der Zivilisation erreicht; Kleidung und Waffen ließen das deutlich erkennen. Ich schloss daraus, dass sie in einem Dorf wohnen mussten, das - da sie zu Fuß gekommen waren - nicht allzu weit entfernt sein konnte. Da sie sicher auch aus dem Wald gekommen waren, wusste ich auch die ungefähre Richtung, in der ich Duare suchen musste. Allerdings hatten wir vor der Landung kein Dorf gesehen. Es wäre daher sinnlos gewesen, meine Suche zu Fuß zu beginnen - nicht zuletzt auch wegen der wilden Tiere -, und wenn sich das Dorf doch im Freien befand, ließ es sich aus der Luft leichter feststellen.

Als ich mich hinter die Kontrollen setzte, war mir ziemlich schwindlig zumute, aber ich nahm mich zusammen. Der Start verlief befriedigend, und als ich schließlich in der Luft war, nahm mich die Suche so gefangen, dass ich meine Schmerzen fast völlig vergaß. Ich flog ganz niedrig, denn obwohl das Dorf im Wald getarnt sein mochte, konnte ich es doch vielleicht hören, da meine Maschine wirklich lautlos flog.

Der Wald war nicht sehr groß, und ich hatte ihn bald durchgekämmt, ohne eine Siedlung zu finden. Auf einer kleinen Hügelkette bemerkte ich aber einen deutlich ausgetretenen Pfad, den ich jetzt überflog. Aber auch hier war kein Dorf zu sehen, obwohl sich die Landschaft dahinter überschaubar vor mir ausbreitete.

Die Hügel waren mit kleinen Tälern und Canons durchsetzt, in denen sich eine Siedlung kaum verbergen konnte. Ich kehrte also an den Ausgangspunkt meiner Suche zurück, um von vorn zu beginnen.

Plötzlich wurde meine Aufmerksamkeit auf eine Gestalt gelenkt, die über eine Ebene marschierte. Es war ein Mann, der schnell ausschritt und sich dabei immer wieder furchtsam umblickte. Mein Flugzeug hatte er noch nicht entdeckt, denn seine Aufmerksamkeit wurde von einem Verfolger in Anspruch genommen - einem löwenähnlichen Raubtier, das ich kannte; ich hatte mit Tharbans schon unangenehme Erfahrungen gemacht und wusste, dass dieses Tier kurz vor dem Angriff stand. Ich setzte eben noch rechtzeitig zum Sturzflug an, zog meine Pistole und gab einen Strahlschuss auf das heranschnellende Monstrum ab, gerade als ich die Maschine wieder hochzog. Es war wohl mehr Glück als Treffsicherheit, das mich mein Ziel finden ließ. Sanft setzte ich hinter dem Mann auf.

Ich weiß nicht, warum er keinen Fluchtversuch unternahm; sicherlich hatte ihn das Flugzeug zu Tode erschreckt. Jedenfalls nährte er sich nicht vom Fleck, als ich näher heranrollte und schließlich zu Boden sprang.

Vorsichtig trat ich auf ihn zu. Er war ein unscheinbarer Bursche mit einem Lendentuch, das fast wie ein Rock wirkte. Um den Hals trug er mehrere farbenfrohe Ketten; dazu weiße Armringe, Broschen und Knöchelringe. Er hatte langes schwarzes Haar, das an den Schläfen zu Knoten gewunden war, in denen kleine farbige Federn steckten. Bewaffnet war er mit Schwert, Speer und Jagdmesser.

Vorsichtig wich er einige Schritte zurück. »Wer bist du?«, fragte er auf Amtorisch. »Ich will dich nicht töten, aber wenn du noch näher kommst, bleibt mir nichts anderes übrig. Was willst du?«

»Ich will dir nichts tun«, erwiderte ich. »Ich möchte nur mit dir sprechen.«

»Sage mir zuerst, warum du den Tharban umgebracht hast, der mich töten und fressen wollte.«

»Damit er dich nicht tötet und frisst.«

Er schüttelte den Kopf. »Seltsam. Du kennst mich nicht, warum willst du dann mein Leben retten?«

»Weil wir beide Männer sind.«

»Das klingt gut«, erwiderte er. »Wenn alle so dächten, würden wir sicher besser behandelt. Aber die meisten hätten auch dann sicher große Angst. Was ist das für ein Ding, in dem du geflogen bist? Ich sehe, dass es kein Tier ist - warum stürzt es nicht zu Boden und tötet dich?«

Ich verspürte wenig Neigung, ihm die Probleme der Aeronautik zu erklären, und sagte ihm daher nur, dass das Flugzeug oben bliebe, weil ich es so wollte.

»Du musst ein mächtiger Mann sein«, sagte er bewundernd. »Wie ist dein Name?«

»Carson - und wie heißt du?«

»Lula«, erwiderte er. »Aber sag mir - Carson ist ein seltsamer Name für einen Mann. Klingt eher wie ein Frauenname.«

»Mehr als Lula?«, fragte ich und unterdrückte ein Lächeln.

»Oh, ja - Lula ist ein sehr männlicher Name, ein sehr hübscher Name, findest du nicht auch?«

»Gewiss«, sagte ich beruhigend. »Sag mir, wo wohnst du, Lula?«

Er deutete in die Richtung, aus der ich eben gekommen war. »Ich lebe in Houtomai im Kleinen Canon.«

»Und wie weit ist es bis dahin?«

»Oh, zwei Kloobob.«

Das waren nur etwa vier Kilometer, und ich hatte das ganze Hügelgebiet doch schon vergeblich abgesucht!

»Vor einiger Zeit habe ich eine Gruppe weiblicher Krieger mit Schwertern und Speeren gesehen«, sagte ich. »Weißt du vielleicht, wo sie wohnen?«

»Oh, vielleicht in Houtomai, vielleicht auch in einem der anderen Dörfer der Gegend. Wir Samary haben viele Dörfer - wir sind sehr mächtig. Hatte eine der Frauen eine große Narbe auf der Wange?«

»Ich hatte eigentlich nicht die Zeit, das festzustellen.«

»Es hätte Bund sein können - Bund ist meine Gattin. Sie ist sehr stark und müsste eigentlich Häuptling sein.« Er sagte Jong, was eigentlich König bedeutet, aber die Bezeichnung Häuptling scheint mir hier besser zu passen.

»Bringst du mich nach Houtomai?«, fragte ich.

»Gnade dir der Himmel - nein! Sie würden dich umbringen! Männer gefallen ihnen nicht sehr, und sie töten jeden Fremden, der sich in die Gegend verläuft. Sie würden auch uns umbringen, wenn sie dann nicht befürchten müssten, dass der Stamm ausstirbt. Manchmal werden sie so wütend, dass sie einen von uns töten, und ich bin erst gestern Bund entwischt und habe mich die Nacht über versteckt. Ich hoffe, dass sie sich inzwischen beruhigt hat und ich mich wieder sehen lassen kann.«

»Nehmen wir einmal an, die Frauen hätten ein fremdes Mädchen gefangen«, fragte ich. »Was würden sie mit ihr machen?«

»Wahrscheinlich müsste die Gefangene als Sklavin arbeiten.«

»Und würde man sie gut behandeln?«

»Die Frauen behandeln niemanden gut - außer sich selbst.«

»Aber sie würden ihre Sklavin doch nicht umbringen?«, fragte ich angstvoll.

»Vielleicht doch. Sie sind sehr launisch, und wenn eine Sklavin einen Fehler macht, würde sie sicher ausgepeitscht. Und das hat manchmal schon zum Tode geführt.«

»Fühlst du dich zu Bund sehr hingezogen?«, fragte ich.

»Hingezogen? Wer hat schon von einem Mann gehört, der sich zu einer Frau hingezogen fühlt? Ich hasse sie alle, aber was kann man dagegen tun? Wenn ich versuchen würde, auszuwandern, wäre es sofort um mich geschehen. Wenn ich hierbleibe und Bund zu Gefallen bin, werde ich wenigstens geschützt und ernährt und weiß, wo ich schlafen kann. Und wenn wir Lendentücher oder Sandalen machen, haben wir manchmal schon ein wenig Spaß. So ein Leben ist jedenfalls besser, als tot zu sein.«

»Lula, ich bin in Schwierigkeiten und möchte dich bitten, mir zu helfen. Du weißt ja, dass wir Männer Zusammenhalten müssen. Ich möchte gern, dass du mich nach Houtomai bringst.«

Er starrte mich misstrauisch an, ohne etwas zu erwidern.

»Vergiss nicht, dass ich dir das Leben gerettet habe«, mahnte ich ihn.

»Das stimmt, und ich bin dir auch etwas schuldig. Aber warum willst du nach Houtomai?«

»Ich möchte feststellen, ob meine Gefährtin dort ist. Sie wurde heute Morgen von einigen Kriegerfrauen entführt.«

»Warum willst du sie wiederhaben? Ich wünschte mir, jemand würde Bund entführen!«

»Das verstehst du vielleicht nicht, Lula; aber ich möchte sie wiederhaben. Willst du mir helfen?«

»Bis zum Eingang des kleinen Canons könnte ich dich führen - nicht aber ins Dorf. Mit deinen komischen hellen Haaren würdest du sofort auffallen, und man würde uns beide umbringen. Wenn du schwarzes Haar hättest, könntest du dich in der Nacht ins Dorf schleichen und mit mir in einer der Höhlen wohnen.

Ich bin sicher, dass du lange Zeit ungeschoren davonkommen könntest. Überhaupt kümmern sich die Frauen wenig um uns Männer.«

»Aber würden mich die anderen Männer nicht verraten?«

»Nein - sie werden es für einen großartigen Witz halten, die Frauen an der Nase herumzuführen. Und wenn du entdeckt werden solltest, würden sie sagen, dass du uns ebenfalls getäuscht hast. Schade, dass du kein schwarzes Haar hast.«

Das fand ich auch, und es dauerte nicht lange, bis ein Plan in mir reifte.

»Lula, hast du schon einmal einen Anotar gesehen?«, fragte ich und deutete auf das Schiff.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, noch nie.«

»Möchtest du dir's mal ansehen?«

Er stimmte zu, und ich stieg in das Cockpit und forderte ihn auf, mir zu folgen. Als er sich neben mir niedergelassen hatte, legte ich ihm den Sicherheitsgurt an und erklärte ihm den Zweck.

»Wollen wir mal los?«, fragte ich.

»In die Luft? Oh, nein!«

»Naja, dann nur ein wenig am Boden?«

»Gut, nur ein kleines Stückchen am Boden!«

Ich ließ das Flugzeug anrollen, fuhr ein wenig hin und her und drehte es schließlich in den Wind. Dann setzte ich zum Start an.

»Nicht so schnell!«, kreischte er und versuchte hinauszuspringen. Dabei war ihm der Sicherheitsgurt im Wege, den er nicht so schnell öffnen konnte, und als er wieder aufblickte, hingen wir schon in der Luft. Er schrie auf und schloss die Augen.

»Du hast mich belogen!«, brüllte er.

»Ich habe gesagt, wir rollen ein wenig am Boden. Dass wir nicht starten, habe ich dir nicht versprochen!« Ich gebe zu, dass das ein billiger Trick war, aber immerhin stand einiges für mich auf dem Spiel. »Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin schon Millionen Kloobob damit geflogen. Du wirst dich schon daran gewöhnen. Du wirst sogar Spaß an der Sache haben, denn hier oben bist du sicherer als dort unten. Du bist für alle Frauen und Tharbans unerreichbar.«

Er beruhigte sich schnell wieder und begann sich tatsächlich bald für die Landschaft zu interessieren.

»Und du kannst stolz sein, Lula«, fuhr ich fort.

»Wieso?«

»Soweit ich weiß, bist du der dritte Mensch, der in der Atmosphäre Amtors geflogen ist, wenn man mal von den Klangan absieht. Aber die sind ja keine Menschen.«

Ich steuerte die Stelle am Waldrand an, wo ich das Tier getötet hatte. Bei einer kurzen Zwischenlandung nahm ich einige Streifen fettes Fleisch an Bord und stieg sofort wieder auf. Lula war bereits zum begeisterten Flugpassagier geworden, und ohne den Sicherheitsgurt wäre er sicher hinausgefallen.

»He!«, rief er plötzlich. »Du fliegst in die falsche Richtung - Houtomai ist dort drüben!«

»Ich muss mir erst mal schwarzes Haar beschaffen«, erwiderte ich.

Er starrte mich entsetzt an; wahrscheinlich glaubte er sich einem Wahnsinnigen ausgeliefert. Er sagte nichts, aber von Zeit zu Zeit musterte er mich aus den Augenwinkeln.

Ich steuerte den Fluss des Todes an, in dessen Bett ich eine flache Insel bemerkt hatte. Vorsichtig landete

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Edgar Rice Burroughs/Apex-Verlag.
Bildmaterialien: Christian Dörge/Apex Graphixx.
Cover: Christian Dörge/Apex Graphixx.
Lektorat/Korrektorat: Zasu Menil.
Übersetzung: Thomas Schlück (OT: Carson Of Venus).
Satz: Apex-Verlag.
Tag der Veröffentlichung: 19.04.2018
ISBN: 978-3-7438-6594-5

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