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Leseprobe

 

 

 

 

Alexander Besher

 

 

Cyber Blues

Dritter Roman der RIM-Trilogie

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Der Autor 

 

PHASE 1: Larve 

Katoey Butterfly 

Bangkok-Regen 

Chi-Time 

Gehirnschaden 

Schadensbegrenzung 

Monkey See, Monkey Do 

Tommy 

Die No-Name-Bar 

B. S., I Love You 

Green Thumb Valley 

Nita 

Die Pattaya Queen 

Kreuzwege 

Pinang Hill 

 

PHASE 2: Puppe 

Thorax 

Download 

Die Queen Rim-Affäre 

Pheromone 

Jordan 

Made in Thailand 

'Shu Fong' und der Affe 

Die goldenen Raupen 

Slo-Mo 

 

PHASE 3: Raupe 

Khao San Road 

Chi-Augen 

Patpong Airways 

Schmetterlings-Sushi 

Helium-Chi 

Peachy 's =  Pfirsiche 

Das Herz-Sutra-Hoe-Down 

Schwarze Sonne, interaktiv 

White Saga - die Weiße Legende 

Stone Age Steak 

Kerbau Karma 

 

PHASE 4: Schmetterling 

Das Kuss-Mudra 

Ziggy Stardust's 

Kinnari 

Long Neck 

 

EPILOG 

Die Kinder des Chi 

 

Danksagungen 

 

Das Buch

Das Jahr: 2038. Wing Fat, der Pate des südostasiatischen Biotech-Drogenkartells, lässt Menschen, die er auf Plantagen im Goldenen Dreieck gefangen hält, lebenswichtige Chi-Energie entziehen. Die illegalen Chi-Produkte bieten ihren Konsumenten alles, was sie sich erträumen - erhöhte Intelligenz, sexuelle Potenz, vermehrte Kreativität, sogar Kurzzeit-Unsterblichkeit. Doch selbst der über 300 Kilo schwere Chi-Pate, der eine heimliche Affäre mit seinem intelligenten Fahrstuhl hat, kann nicht alles haben - dafür sorgen Frank und Trevor Gobi, die VR-Detektive. Das Vater-Sohn-Gespann kommt Wing Fat in die Quere, als sie auf ein organisches Interspezies-VR-Netzwerk stoßen, durch das unterschiedliche Tierarten miteinander kommunizieren können. Auch Wing Fat, der Orang-Utans chirurgisch und genetisch verändert und zu Ersatz-Kindern heranzüchtet, erfährt von diesem »Internet der Natur« und erkennt die unglaublichen Möglichkeiten, die sich ihm hierdurch eröffnen.

Für Frank und Trevor Gobi beginnt eine unglaubliche Achterbahnfahrt zwischen den echten und den virtuellen Welten...

 

CYBER BLUES von Alexander Besher – die Fortsetzung von VIRTUAL TATTOO und dritter Teil der RIM-Trilogie – ist ein spektakulärer Science-Fiction-Roman in der Tradition von Douglas Adams, William Gibson und Neal Stephenson.

 

»Ein irrer Feger durch die bedrohlich näher rückende Zukunft.«

 (New Scientist) 

 

»Eine fantastische Mischung aus William Gibson und Douglas Adams!« (Entertainment Weekly) 

Der Autor

 

Alexander Besher, Jahrgang 1951.

Alexander Besher ist US-amerikanischer Schriftsteller, Journalist und Autor von Drehbüchern.

Geboren in China (als Sohn russischer Eltern) wuchs Besher in Japan auf, wo er zwanzig Jahre lang lebte. Er promovierte an der Canadian Academy-Highschool in Kobe sowie anschließend an der Sophia-University in Tokio.

Für den San Francisco Chronicle verfasste er sechs Jahre lang die Kolumne Pacific Rim, in welcher er Essays über technologische, kulturelle und marktwirtschaftliche Trends/Innovationen veröffentlichte; diese Essays erschienen im Jahre 1991 in zusammengefasster (Buch-)Form unter dem Titel The Pacific Rim Almanac. 

1994 veröffentliche Alexander Besher den - für den Philip K. Dick-Award nominierten - Roman Rim (dt. Satori City 2.0), einen komplexen Cyberpunk-Roman (und Auftakt der Rim-Trilogie), der im Japan der 2020er und 2030er Jahre spielt. Es folgten die Fortsetzungen Mir (dt. Virtual Tattoo, 1998) und Chi (dt. Cyber Blues, 1999). 

Seit 2002 veröffentlichte er mehrere Kabbalah-Noir-Erzählungen, darunter der Roman/das Drehbuch The Clinging und die Semi-Sequels The Night Of The Golem und The Unchosen. 

Im Apex-Verlag erscheinen die Romane der Rim-Trilogie als sowie Beshers neuester Roman The Manga Man als E-Books. 

 

Alexander Besher lebt und arbeitet in San Francisco, Californien, USA.

 

 

 

 

 

 

Für Shurinka,

meinen wunderschönen roten Schmetterling.

Für Koize, den Hüter der Bienen.

Für Nicky, die Affenkönigin.

Bolshoya Spasiba an Fima und Ada und für die Family Everywhere.

 

 

 

 

 

 

Chi (gesprochen tschieh; buchstabiert qi in Pinyin):

 

Der chinesische Name für die Lebenskraft oder Energie, von der man annimmt, dass sie alle Materie belebt; die präatomaren Bausteine der Energie. Auch bekannt als Äther (Aristoteles), Prana (Indien), Ka (Ägypten), Ki (Japan), Manu (Hawaii), Ache (Yornba), Mumia (Paracelsus), Primärenergie, Weltraumenergie, Nullpunkt-Energie, Schwerkraft, G-Feld-Energie, eloptische Energie (Dr. Thomas Gale Hieronymous), Tachyonenfeld (Prof. G. Feinberg), morphische Felder (Dr. Rupert Sheldrake), Higgs-Feld (Peter W. Higgs), X-Kraft (Dr. Eerman), Neutrino-Meer (Prof Dirac), Strahlungsenergie (Dr. TH. Moray), schwache Elektrostatik (Nikola Tesla), Organenergie (Wilhelm Reich), biokosmische Energie (Dr. Brunler), lebendes Wasser (Viktor Schaunberger), Odkraft (Baron von Reichenbach), animalischer Magnetismus (Franz Mesmer), Vril (das universelle plastische Medium der Okkultisten), Anima Mundi (Alchimie), Fermi-Meer (Dr. Enrico Fermi), Die Macht (Obi-Wan Kenobi in George Lucas' Film Star Wars), Die Scheiße, die zum Himmel der Evolution stinkt (anonym).

 

Quelle: The Aeonian Press 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  PHASE 1: Larve

 

 

 

 

  Katoey Butterfly

 

 

 

Kho Sami, Golf von Thailand,

12. April 2038, 22 Uhr 30

 

Butterfly, der transsexuelle Katoey, kannte die Routine und atmete vor der Tür seines Bungalows tief ein; es roch stark nach Orchideen und Jasmin und verschwitzten Farangs, diesen Ausländern, die von ihrem Tag am Strand nach Kokosnussöl stanken.

Die meisten Farangs, die in der Reihe billiger Bungalows wohnten (100 Baht die Nacht,4 $),schliefen schon seit der Nachmittagssiesta, obwohl der Katoey sich nicht vorstellen konnte, wie sie in ihren stickigen Einmatten-Zellen mit der Hitze und den Mücken fertig wurden.

Wahrscheinlich besinnungslos vom Mekong-Whiskey, vielleicht auch von Sangthip, dem hiesigen Thai-Rum, oder dahingerafft vom Ganja, das sie in rauen Mengen rauchten und das Butterfly ihnen zu horrenden Preisen in kleinen Thai-Medizinbeuteln mit Reißverschluss verkaufte.

Butterfly hörte einen von ihnen in der Hütte neben ihm stöhnen, als erwache er aus einem Albtraum. Erwachen, das war der Albtraum - er runzelte die Stirn. Er wollte nicht Teil ihrer Albträume sein. Wenn man nicht aufpasste, färbten die Albträume anderer auf einen ab.

Butterfly fröstelte, als jähes Unbehagen ihn befiel. Sang hoon hai. Eine plötzliche Ahnung, dass etwas Furchtbares geschehen würde.

Blödsinn, das verging wieder. Er spuckte auf den Boden. Er konnte es sich nicht leisten, sich vom Albtraum eines Farang unterkriegen zu lassen.

Nicht heute Abend, wo so viel auf dem Spiel stand. Bald würde er hier weg sein; vielleicht würde er eine eigene Bar in Patpong eröffnen. Oder Bangkok, da konnte er leicht untertauchen, das war eine Million Meilen entfernt, oben im Norden.

Katoeys - Strichjungen - brachte man dort mehr Respekt entgegen. Hier mussten sie ihren Hintern im Coffee Boys' Club hinhalten oder an noch schlimmeren Orten. Er hatte es selbst getan, bevor er es besser getroffen hatte.

Wie mit diesem Job zum Beispiel. Er war nicht frei von Risiken, brachte aber zehnmal mehr ein, als auf der Bühne aufgetakelt und mit Silikontitten umherzustolzieren oder mit dem Hintern eine alte Broadway-Melodie zu pfeifen.

Butterfly holte noch einmal tief Luft. Bald würden wieder die Schwelger unterwegs sein, sie mussten jeden Moment auftauchen. Da. Da kamen sie gerade. Er sah sie über die Brücke gehen.

Es wurde Zeit, dass Butterfly seine Arbeit machte. Die Arbeit eines Katoey war nie getan, besonders, wenn es so viel zu ernten galt. Er musste seine Quote erfüllen.

Kroon, sein Boss, dem das Rasta Palace gehörte, war unter anderem auch der hiesige Polizeichef. Wenn er's verpatzte, konnte es passieren, dass Kroon ihn verprügeln und nach Laos deportieren ließ.

Was sonst noch passieren konnte, wollte er sich lieber nicht vorstellen. Man bedenke, was Pung widerfahren war. Was war Pung eigentlich widerfahren? Noch so eine tragische Katoey-Geschichte. Gerüchteweise hieß es, dass er die Ware selbst herstellen wollte. Er hatte ein eigenes Labor aufgezogen, den vergrabenen Schatz ausgebuddelt (wie sie Pung kannte, hatte er ihn vermutlich hinter seinem Bungalow in den Büschen gleich am Wegrand verstaut) und war dabei entweder von Kroon oder einem seiner Leute erwischt worden; vielleicht hatte er auch dabei selbst einen Kurzen fabriziert. Dämliche Gans.

Chi von einem Chi-Implantat zu übertragen war ein bisschen was anderes als bei sich einen Brainscan durchzuführen, was Pung angeblich immer tat, um auf dem neuesten Stand der Medotechnologie zu bleiben.

Er war zu einem Quacksalber in Chaweng gegangen, der sich auf die Behandlung von Farangs spezialisiert hatte (Gehirnerschütterungen durch Verkehrsunfälle, Tauchunglücke, Geschlechtskrankheiten, diese Art Dinge), und der hatte ihm einen Kurzlehrgang im Absaugen von Chi gegeben. Das hatten sie mehr oder weniger alle drauf.

Es war ein Nebenerwerb der hiesigen Touristikbranche, illegales Chi zu entfernen, für das die Farangs so teuer bezahlten, um es sich in exquisiten Kliniken auf dem Festland implantieren zu lassen.

Ein Chi-Implantat kostete in Surathani, auf der anderen Seite des Golfs von Thailand, 125.000 Baht! Fünftausend US-Dollar! Davon konnte man ein Jahr lang leben - und auch noch seine Familie in der Provinz ernähren. Oder selbst ein Geschäft aufziehen, indem man in Patpong oder Soi Cowboy oder im Na Na Plaza eine Katoey-Bar eröffnete...

Butterfly spürte, wie sein Herz schneller schlug. Das alles war jetzt so viel näher, in Reichweite, regelrecht machbar. Wenn er sein Blatt richtig ausspielte.

Für die Farangs bedeutete ein Chi-Implantat die Verheißung ewiger Jugend und aller Freuden, die damit einhergehen. Sex, Drogen, endlose Vitalität, ohne dass man es übertreiben konnte. Eine Durchhaltegarantie. Für diesen Preis konnten sie sich Unsterblichkeit auf Zeit erkaufen. Wen scherte es also, wenn irgendein armer Thai, der sich die Nase am Fenster eines exklusiven Clubs platt drückte, hin und wieder etwas von ihnen abzog?

Wenn er sich ein bisschen von diesem robusten Leben borgte und es für die einheimische Bevölkerung wieder aufbereitete? Nur ein klein wenig...

Kroon ging natürlich einen Schritt weiter, deshalb war Kroon ja auch Kroon. Der Big Boss. Mit dem legte sich niemand an, nicht die hiesigen Behörden, nicht die Generäle, nicht die Politiker (die alle ihren Schnitt machten - dafür sorgte Kroon schon)und erst recht nicht irgendwer, der zufällig im Rasta Palace für Kroon arbeitete.

Wie Pung zum Beispiel. Pung, den es jetzt nicht mehr gab. Oder wie Butterfly. Butterfly, der gern seine grellbunten Spandex-Schwingen ausgebreitet hätte und fortgeflogen wäre, weit, weit fort - an einen Ort, an dem der Dschungel ihm Frieden bescherte.

 

Butterfly trat in den Schatten vor seinem Bungalow hinaus und ließ einen offenen Plastikkoffer zurück, überall auf der Matte Kleidungsstücke, eine Kerosinlampe und einen Kalender, seine gesamte Habe.

Er ging forsch durch den Palmenhain, an den verrottenden Müllbergen vorbei, die in der feuchten Nachtluft zum Erbrechen stanken, und setzte eine glückliche Smiley-Miene auf.

Auf dieser Lichtung hatte mal ein Rasta-Tempel gestanden, der schon vor langer Zeit niedergebrannt war, und lediglich die Stumpen der Barstühle und das verkohlte Abbild von Bob Marleys Gesicht an der einzigen Wand waren noch von ihm übrig.

Er blieb für einen Moment stehen und rückte die Träger seines blauen Oberteils zurecht, damit seine Brüste zur Geltung kamen und die richtige Wölbung im Spandex-BH entstand, um die Farangs mit seinem Ausschnitt zu entzücken.

Dann ging er energisch den Pfad entlang, dorthin, wo die Action war.

Das Bumm-bumm-bumm des Rasta Palace hallte in der tropischen Nacht über die Lagune hinweg wider. Schilf raschelte im Wind, und die Heerschar quakender Frösche verstummte, schüttelte mit dickhäutiger Verachtung die Wucht der Nacht ab.

Etwas früher am Abend, bevor die Reggae-Musik aus den Megalautsprechern, die in die riesigen, vor dem Club Wache stehenden polynesischen tiki-Skulpturen eingebaut waren, zu plärren begonnen hatte, waren die Frösche in das Gebrüll des Kerbau eingefallen, des Wasserbüffels, der an den Banyanbaum gebunden war.

   Es war ein irrsinniges, rasendes Vorspiel für den Lärm gewesen - das heisere Quaken der Frösche und das ekstatische, empfängliche Brüllen des Kerbau. Das hätte jeden angemacht.

Nun steigerte sich die wahre Musik der Nacht in einen weiteren Orgasmus, an dem sie keinen Anteil hatten. Sie konnten lediglich durch den schlammigen Rücklauf des Wassers die Schwingungen aufnehmen.

Die lange, klapprige Holzbrücke, die vom Dorf bis zur Disco-Insel führte, schwankte und knarrte unter der Last der eintreffenden Mopeds. Die zu Fuß Kommenden blieben in einer Reihe stehen, um die knatternden Mopeds vorbeizulassen, dann setzten sie ihre Prozession auf nackten Sohlen, in Plastiklatschen oder tevas-Sandalen wieder fort, strebten auf den riesigen palmwedelgedeckten Thai-Pavillon zu, der mit märchenhaften Lichterketten geschmückt war.

 

Die Farangs kamen meistens allein: jung, mittel und alt, aus Europa, Amerika, Australien, Neuseeland und den reicheren Gebieten Asiens, mit genug Baht in den Taschen, um sich auf der anderen Seite der Brücke eine schöne Zeit machen zu können.

Manche hatten ihre Mädchen dabei, junge Thai-Freudenmädchen, die sie für kurze Zeit gemietet hatten, wie kurz die Zeit auch immer sein mochte, eine Nacht, eine Woche, zwei Wochen, solange ihre Lust und ihre Baht eben reichten.

Oder sie brachten sie von der anderen Seite mit - aus Surathani, Phuket, Krabi, den Phi-Phi-Inseln oder sogar Bangkok.

Die Mädchen waren hübsch, anmutig und zart gebaut, manche erst vierzehn, doch die meisten Anfang zwanzig, mit langen schwarzen Haaren, muschelförmigen braunen Augen, in Tank-Tops, Sarongs und knappe weiße Shorts gekleidet, die ihre schokoladenbraunen Oberschenkel enthüllten.

Die, die hinter ihren Farang-Freiern saßen, hatten die Arme um deren Taillen geschlungen und kauerten wie Vögel auf der Rückseite eines dahinrasenden Käfigs.

Hemmungslos hoben sie ihr Schwanzgefieder und stellten auf den verschwitzten Sitzen der Hondas und Kawasakis ihre kokosnussförmigen Hintern zur Schau.

Butterfly erwartete sie am Ende der Brücke, an den Ständen, die Satay-Spieße und geröstete Shrimps verkauften, gleich neben dem VDO-Freilichtkino, in dem der neueste flackernde Film lief, den sich nur die benommensten Farangs mit ihren Mädchen ansahen, um vom Gerangel auf dem Boden zu verschnaufen oder einfach nur den Schweiß trocknen zu lassen.

Butterfly war schon bei der Arbeit, mischte sich unter die Farangs und maß ihr Chi. Er hatte seinen Chi-Zähler im Makramee-Täschchen versteckt, das er um den schmalen Hals gebunden trug.

Die gescannten Ergebnisse wurden an Kroons Leute im Hinterzimmer des Clubs gesendet, wo sie auf ihren Schwarzmarktwert hin analysiert und nach dem täglichen Ausdruck der meistgesuchten Exportartikel ausgewertet wurden.

Es wurden so viele unterschiedliche Arten von Chi-Lebensenergie zum Verkauf angeboten: unterschiedliche Qualitäten, unterschiedliche Bandbreiten, unterschiedliche Färbungen und Schattierungen menschlicher Gelüste, menschlichen Potenzials, der Brainpower, des Sexappeals und intelligenter, auf den Körper tätowierter Websites. Alles hatte seinen speziellen Preis, seine eigene Qualität und vorher festgelegte Lebensdauer.

Somit hatte auch jede Art von Chi irgendwo auf dem schwarzen Markt ihren potenziellen Käufer, sei es in Singapur oder Kuala Lumpur, Peking oder in Brüssel, London, New York oder Moskau.

Kroons Netzwerk war weit gefächert, er stand mit jedem größeren Syndikat und Chi-Broker auf der ganzen Welt in Verbindung. Eine Multitrillionen-Dollar-Industrie.

Manchmal spazierte ein Farang ins Rasta Palace, und die Chi-Anzeige spielte verrückt. Dann wies das Implantat eine Besonderheit auf, vielleicht eine Eigentümlichkeit, etwas, das zu etwas anderem führen konnte, was sich dann wirklich auszahlte.

Vielleicht war es die geheime Kontonummer eines Waffenhändlers bei einer Vor-Küsten-Bank auf den Gran Turks- oder Cayman-Inseln. Oder die Formel für eine neue Biosoft-Arznei, die sich an eine Konkurrenzfirma verkaufen ließ, oder gar der Teil eines Algorithmus, der in Verbindung mit einer anderen Kleinigkeit - einem Enzym, einem DNA-Faden - eine solide neue Industrie entstehen oder den Preis für Aktien in den Himmel schießen lassen konnte.

Dieser Farang würde den Club nie mehr verlassen, denn Kroons Mädchen oder Jungs würden sich bei ihm an die Arbeit machen. Irgendwann würde man ihn nach oben in eine der zeitweisen Gäste-Suiten locken, die Kroon für diesen Zweck eingerichtet hatte. T. D. O. - Tod durch Orgasmus - nannte Kroon es; so viel gönnte er ihnen noch, bevor er sich ihrer entledigte.

Er hatte das Gerät selbst entwickelt und es perverserweise die Todesauster genannt. Das Freudenmädchen oder der Stricher, je nachdem, wer den Auftrag erhalten hatte, führte den ovalen Zylinder in sein Loch ein. Sexuelle Reibung - und Stoßen - trieb dann die Giftnadel in die Vorderseite des Penis. Es war der Ausdruck des Entsetzens - mehr noch als der Schmerz war es der Ausdruck des Entsetzens auf dem Gesicht des Farang, diese endgültige, schicksalhafte Erkenntnis -, was Kroon so sehr liebte.

Kroon war selber ein alter Katoey, sechzig Jahre alt, doch mit dem Körper einer Zwanzigjährigen, ein platinblondes Thai-Mädchen mit einem Körper, für den man morden könnte und der auch für ihn mordete.

Manchmal, bloß um in Übung zu bleiben, verführte er die Farangs selbst. Dann beobachtete er wieder alles nur durch den doppelseitigen Spiegel und zeichnete die Snuff-Szene auf. Das war ein weiterer Nebenerwerb von Kroon: Er hatte eine Liste reicher Privatsammler auf der ganzen Welt, die alle reichlich Kohle für solche Todes-Soaps abdrückten.

Die Leiche des Farang wurde schnell tiefgekühlt, das Chi-Implantat entfernt und noch in derselben Nacht per Luftbote zu einem Umschlagplatz auf dem Festland gebracht, damit es am nächsten Tag weltweit zugestellt werden konnte.

 

Butterfly bemerkte den Farang sofort, sogar noch bevor Tan, Kroons Chi-Anzeiger Nr. 1, die Daten analysieren und mit der richtigen Diagnose aufwarten konnte. Er hatte einfach vom ersten Moment an, als sein Blick auf ihn fiel, dieses Gefühl.

Butterfly ließ sich oft von seinem sechsten Sinn leiten - oder war es der siebte? Der gleiche Sinn, der ihn zur Hure machte -zu keiner sehr erfolgreichen, aber immerhin kam er über die Runden -, hatte einst tief und stolz seinen Familienstammbaum durchzogen.

Generationen zuvor war einer seiner Ahnherren Dorfmedizinmann gewesen, ein maw pii, der seine Arbeit unter den Bergstämmen von Laos verrichtete. Er war auf Knochenzauber spezialisiert und konnte die Toten von ihren Gebeinen befreien (sonst verweilten sie auf der irdischen Ebene und machten sich und ihrer Verwandtschaft nur Ärger; hungrige Geister waren zornige Geister).

Manchmal rief der maw pii sie sogar gegen ein Entgelt durch eine Mischung aus Kräutern und einigen kunstvollen Anrufungen der Sterne ins Leben zurück.

 

Butterfly spürte, wie sein Ururgroßvater sich in ihm regte und jede Faser seines Seins durchdrang, wobei er gerade lange genug innehielt, um sich an die Katoey-Hülle seiner Haut zu gewöhnen.

Nein, Butterfly brauchte keinen tragbaren Chi-Anzeiger, um zu wissen, dass dieser Mann etwas Besonderes war. Irgendwie war er nicht einmal ein Mann, gewissermaßen. Er gehörte nicht dazu - nicht so, wie ein Katoey weder dem einen noch dem anderen Geschlecht angehörte-, sondern auf greifbarere, augenfälligere Weise.

Jenseits des Katoey-jenseits dieses Körpers, doch noch in der gleichen Gestalt...

Jedenfalls lächelte er ihn an, als wüsste er Bescheid. Er wusste es. Er wusste, was Butterfly tat! Er war blond, dieser Farang, braun gebrannt, gut gebaut und jung, sah aus, als gehörte er nicht ins Rasta Palace. Es war nicht seine Suche nach Vergnügungen, die Butterfly und die anderen in diesem gottverlassenen Höllenpfuhl betörte.

Weder Lustknabe noch Freudenmädchen, nichts dergleichen, nicht für ihn. Butterfly konnte einen Schauder verspäteten Erkennens nicht unterdrücken.

Nicht für es? Das wahre es? 

Seine Augen waren grün, strahlten irgendwie, fast wie Algen von einem schwachen Leuchten erfüllt, mit einem Glitzern wie von Wald und Meer. Er trug ein schlichtes weißes Thai-Baumwollhemd und eine weite Baumwollhose. Seine Füße waren sonnenverbrannt, goldenes Haar glitzerte auf den muskulösen Unterarmen; Hände und Finger waren wohlproportioniert, breit und liefen doch spitz zu.

Er blieb vor ihm stehen und sprach ihn auf Thailändisch an, was ungewöhnlich genug war für Farangs, die sich noch nicht so weit verloren hatten, um in diesem Land des Lächelns Wurzeln schlagen zu können.

»Bruderschwester«, wandte der Mann sich mit leiser Stimme an sie, die in Butterflys Ohren lauter zu klingen schien als das Plärren der Reggae-Musik aus den Lautsprechern an den tiki-Totems.

»Du dachtest daran, dass heute vielleicht die Nacht ist, in der du das Chi stehlen könntest, das du brauchst, um von hier fortzugehen und ein neues Leben zu beginnen.«

Butterfly keuchte auf. Er hatte Kroon eine seiner Todesaustern gestohlen und trug sie nun in sich. Wie zum Teufel konnte er das wissen? 

Butterfly starrte ihn an, und die Trauer in seinem Blick wurde von der Woge eines seltsamen neuen Gefühls davongeschwemmt. Des Gefühls, dass sein Leben, so wie er es kannte, nun endete, dass es aber einfach von etwas anderem ersetzt wurde, einem neuen Wunder, das ihn nicht zwang, sein Glück rational fassen oder sich dem unerträglichen Schmerz des Lebens aussetzen zu müssen.

Hatte seine Vorahnung eines sang hoon jai sich darauf bezogen? Etwas Schreckliches, etwas Wunderschönes würde in sein Leben Einzug halten.

Der blonde Farang klang jetzt beinahe schüchtern, als wollte er etwas vorschlagen, für das er nicht die richtigen Worte fand. »Ich kam gerade vorbei, unterwegs zu einem anderen Ort«, erklärte er. »Da spürte ich dich. Ich spürte deinen Ruf. Deshalb musste ich kommen...« Sein Kinn mit dem Grübchen schob sich wie der Punkt eines Ausrufezeichens vor. »Ich musste hierher kommen...« 

Er warf ihm abermals einen Blick zu, der ihn mit Beherztheit erfüllte, der häufig irreführenden Beherztheit, die wieder Hoffnung bringt. Er sprach sanft zu ihm, freundlich. »Du wolltest dafür stehlen, vielleicht sogar töten. Ich bin hier, um es dir zu schenken. Es gehört dir schon, ist in diesem Moment dein Eigen. Es steht dir vor Augen. Siehst du nicht den Unterschied? Der Rest, all dies...« Er breitete die Hände nach den Seiten aus. »... ist falsch. Es ist absolut nicht echt. Nicht das wahre Chi...«

Der Katoey sah es. Wichtiger noch - er verstand. Dann sagte er hastig zu dem Mann, platzte heraus: »Du musst von hier verschwinden. Wenn nötig, finde ich dich. Falls es der richtige Weg ist. Aber du musst gehen. Sofort.«

Er warf einen raschen Blick hinter sich zum Eingang des Rasta Palace. Die Farangs und ihre Thai-Gespielinnen schlenderten die Stufen hinab, vom Rhythmus angezogen, von den lodernden Fackeln angezogen, die im Inneren brannten, wo mit zum gewölbeartigen Gebälk des Tanzclubs erhobenen Händen Bob Marleys gewaltige Gipsfigur stand.

»It's hot-hot-hot, feeling hot-hot-hot...«  Der Schlangentanz zuckte nach den Klängen der Band auf der Bühne. Kroons Männer waren noch nicht aufgetaucht, doch Butterfly war sicher, dass es jeden Moment so weit sein konnte.

Als er sich umdrehte, war der Fremde fort. Er glaubte noch, ihn über die lange Brücke zur Lagune gehen zu sehen, doch im Getümmel der Motorräder und Dröhnen der songthaews, der überdachten Minitruck-Taxis mit ihren harten Sitzbänken, die ihre betrunkenen Fahrgäste vor dem Eingang des Rasta Palace abluden, betäubte der Wirrwarr des Augenblicks Butterflys Sinne.

Dann sah er Kroon und seine beiden Helfer Doom und Krik mit den auf die Arme tätowierten verschlungenen blauen chinesischen Drachen. Sie kamen auf ihn zu, und Kroon schlug ihm derb ins Gesicht.

 

 

 

 

 

  Bangkok-Regen

 

Wing Fat hob eine Braue - eine dünne emaillierte Linie, die über den mandelförmigen Halbmonden seiner opiatschwarzen Augen verlief. Er rauchte gerade seine vierte Pfeife an diesem Abend, und das zunehmende Gefühl der Entrückung, das an diesem Punkt gewöhnlich einsetzte, wurde von der möglichen Ironie all dessen wieder zunichte gemacht.

Kein Aal, sagte er sich, sondern ein Drache... aber waren sie nicht alle verkleidete Drachen? Diese kleinen Enthüllungen, die sich entlang des Weges zu einer größeren, gewaltigeren Mehrheit anhäuften? Oder war es nur Madame O., die mit dem Versprechen auf einen großen Fang seine Glaubwürdigkeit auf die Probe stellte? 

Wing Fat lag in seinem weltläufigen, klimatisierten Wohnzimmer auf seiner Opiumcouch aus Rosenholz hingestreckt; Figuren aus der T'ang-Dynastie standen von wachsamen Spots beleuchtet in den vier Ecken des Vorzimmers, eine kleine Terrakotta-Armee aus Soldaten, mit Laser speienden Lanzen vernetzt, um ihn gegen Eindringlinge zu beschützen.

Kostbare Teppiche aus Samarkand lagen verteilt auf dem funkelnden Teakholzboden. Eine dünne Rauchfahne aus seltenem Sandelholz-Räucherwerk erhob sich vor der Kwan-Yin-Figur im Alkoven aus einer Bronzeurne.

Die Göttin der Barmherzigkeit könnte genauso gut eine Angestellte in Wing Fats Haus sein. Er war ihrer Barmherzigkeit schon lange überdrüssig... An diesem Punkt seines Lebens brauchte er Erlösung, und dazu dienten ihm die Pfeifen...

Was war er eigentlich? Wing Fat ging die Möglichkeiten durch. Er war ein fetter, wohlhabender, erfolgreicher Geschäftsmann, in eine durchscheinende schwarze chinesische Seidenrobe gehüllt. Sei ehrlich. Wie fett? Sechshundertfünfzig Pfund.

Er hatte Bedienstete, die sich um all seine Bedürfnisse kümmerten. Um seine Mahlzeiten, um Sex, um das Herumchauffieren in seinem sonderangefertigten Sedan durch die dicht gedrängten Straßen von Bangkok.

Sein von Nissan erbauter Water Buffalo hatte hydraulische Hörner, um die dreirädrigen tuk-tuks aus dem Weg schubsen zu können, mit einer Magnetschwebeoption zum Navigieren im Geflecht der Freeways, die kreuz und quer am Himmel über der Stadt verliefen.

Wing Fat hatte einen eigenen Privatlift, der zum dreißigsten Stock seines luxuriösen Hochhausapartments führte, das ihm den Blick über den wimmelnden Chao-Phraya-Fluss im exklusiven Chinesenviertel Balamphung gewährte.

Der Lift war intelligent und schnappte alle Gerüchte über die Mitmieter im Gebäude auf - ebenfalls chinesische Millionäre, durchtriebene Händler, die ihre Finger in tausend verschiedenen Geschäften hatten, einige sogar auf seinem Arbeitsgebiet.

Wing Fat bezahlte seinem intelligenten Lift eine stattliche Summe, für die er Anteilsscheine von Otis Asia erwarb. Eines Tages würde er das gesamte Netzwerk der Otis-Fahrstühle in der Region kontrollieren; er betrachtete es als gut angelegtes Geld.

Long Neck war einer seiner besten Informanten.

Er hatte auch Bedienstete wie Little Min, der schon von Kindesbeinen an bei ihm war. Wing Fatwar zweiunddreißig Jahre alt. Little Min galt buchstäblich als seine rechte Hand. Er stopfte ihm die Pfeifen. Er kannte Wing Fats Grenzen und forderte ihn auf, über sie hinauszuwachsen. Ihre tägliche Übung bestand darin, die bestehenden Grenzen weiter auszudehnen.

Dekadenz war eine Kampfkunst, egal, was die Leute sagten. Dann zog Little Min ihn wieder in ruhige Gewässer zurück, in diese Welt.

Little Min war die einzige Person, der Wing Fat so weit vertraute, dass sie für ihn das vernetzte Geisterhaus führen durfte, er sich Kostproben von ihm mitbringen ließ und ihm erlaubte, die kunstvolle Präsentation der Chi-Specimen vorzubereiten, um anschließend ihren Transfer an die Vielzahl seiner ausländischen Klienten auf der ganzen Welt zu veranlassen.

Little Min sog den Missbrauch, mit dem Wing Fat ihm dankte, ohne den geringsten Anflug von Klage ein. Er strahlte den perfekten Gleichmut des Sklaven aus, der akzeptiert, dass seine wahre Stellung im Leben darin besteht, reglos unter dem Berg zu liegen.

Diese Stellung bot Little Min den besten Rundblick auf die Welt. Außerdem konnte er den Berg ja jederzeit verschieben, wenn ihm danach war. Er kannte alle Akupressurpunkte von Wing Fats Psyche.

Wie jetzt, wenn er ihm die neuesten Proben aus dem Geisterhaus brachte...

Little Min hatte das kodierte Päckchen entschlüsselt und brachte es seinem Herrn auf einem schwarzen Lacktablett. Er nahm das Seidenbrokat herunter, das die Holo-DNA-Probe in der Petrischale bedeckte, und verneigte sich.

Siehst du, wie der Berg sich regt, sogar noch nach vier Pfeifen? Es war erstaunlich, wie dieser mächtige Klotz und Klumpen geschmeidig und schlau wurde wie ein Akrobat auf der Bühne eines Kabaretts in Schanghai... Dieser Mann barg eine ganze Stadt mit Tausenden von Einwohnern in sich, so unterschiedlich wie Wing Fats viele Launen...  

In dieser Nacht hatte Wing Fat nach dem Verzehr seiner zwei Dutzend Gänge, wobei die Essstäbchen in Windeseile von Schale zu Schale gehuscht waren -Spatzenzungen, sautierte Galle von Tigerjungen, eine köstlich angerichtete gebratene Bärentatze, das Auslöffeln des Gehirns lebender Affen-, wie gewöhnlich zu viel getrunken.

Zu viel Cognac, zu viele Flaschen eisgekühlten Singha-Biers, zu viele Tassen Soochow-Tee, und er hielt dem Druck nicht mehr stand. Seine Blase wollte sich augenblicklich entleeren, und Little Min gelang es gerade noch, Wing Fat in den Waschraum zu bugsieren.

»Schnell, schnell«, befahl Wing Fat in plötzlicher Gereiztheit. »Ich halt's nicht länger aus, du Trottel! Hol ihn schon raus, sonst bepisse ich mich!«

Little Min hantierte an der Seidenrobe seines Herrn, und nicht einmal mit Höchstgeschwindigkeit schaffte er es, unter den massigen Fleischfalten Wing Fats Armatur ausfindig zu machen.

»Min! Beeil dich!«

Der feiste Berg vergoss heiße Tränen der Frustration; zu Zeiten wie diesen war er ein richtiges Kind. Er bedurfte sogar Little Mins neutraler Hand, um seinen Stall voller Konkubinen zu beglücken; Little Min war wie ein Zimmermann der Lust, der sich auf das Verschmelzen von Fleisch spezialisiert hatte, damit der Frühlingsregen kam...

»Tut mir leid, Gebieter«, lärmte Little Min (er wusste genau, wann und wie er diese exquisiten kleinen Momente der Rache ausspielen konnte). »Aber ich fürchte, ich kann Ihr Blumenstöckl nicht finden.«

»Tausend Flüche auf deine Ahnen, Min, du hattest ihn doch zuletzt!«

Wortlos brachte Little Min den Bauchwärmer zum Vorschein, zielte mit dem Wasserstrahl des Herrn auf die Schüssel, und Wing Fat schloss ekstatisch für drei oder vier Minuten die Augen, bis seine Blase ratzeputz leer war.

»Tu mir das nie wieder an«, warnte Wing Fat ihn und schlug Little Min mit einer Dankbarkeit, die aus der üblichen Verachtung geboren war, auf den Hinterkopf.

Nun lag Wing Fat auf seiner Couch und angelte in den Traumteichen seiner Kindheit. Er war der Nachkomme des Nachkommen eines Nachkommen, seine Familie ließ sich bis auf die Qing-Dynastie im neunzehnten Jahrhundert zurückverfolgen. Seine Vorfahren waren Compadres der tai-pans gewesen, der Drogenlords des britischen Imperiums, die auf seiner Inselenklave Shamian, flussaufwärts des geschäftigen südchinesischen Hafens Canton am Pearl River, mit Opiumhandel ihr Dasein gefristet hatten.

Wing Fats Vorfahren hatten natürlich kräftig mitgemischt - und selbst bei jeder sich bietenden Möglichkeit mit Opium gedealt, manchmal auf dem Festland, manchmal auch, indem sie den Stoff durch ein weit verzweigtes Netzwerk von Klansmitgliedern, die über ganz Südostasien verteilt waren, verschifften.

Was hatte sich seit jener Zeit schon geändert? Wing Fat nahm die fünfte Pfeife aus Little Mins Händen entgegen und inhalierte den süßlichen Rauch. Sein eigener Zweig der Familie hatte sich in Thailand niedergelassen, in Bangkok, wo er die Opiumtitte des Goldenen Dreiecks gemolken hatte.

Doch Wing Fat hatte das Familiengeschäft abwechslungsreicher gestaltet. In Stanford ausgebildet - mit einem Doktorimplantat auf dem Gebiet der bioenergetischen Pharmazeutik -, war er ein außergewöhnlicher Chi-Broker.

Er vermochte die geringsten Mengen Chi aufzuspüren und mit dem Geschmackssinn eines Connaisseurs zu genießen, der seine Palette an Tees kennt und jedes Blatt-bis zur ultimativen Perfektion gebrüht - mit bebender Bewusstheit voll auskostet.

»Kam das eben erst herein?« Seine Stimme, obwohl kehlig vom Rauch, wurde anlässlich des konkreten Gedankens lauter.

   Ein Gedanke nach dem anderen, mit nadelscharfem Sinn durch jede Schlaufe gezogen, bis die Stickerei der Erkenntnis vollendet war. Was für ein raffinierter Gedanke! Bisweilen war es regelrecht ermüdend, jede noch so kleine Abstraktion in dem deliziös frittierten cloissoné abzulegen, bis es als vollständiges Kunstwerk wiederauferstand.

»Gerade eben, vom Geisterhaus«, antwortete Little Min ihm. Jedes Thaigebäude, jedes Thaigeschäft hatte ein Geisterhaus auf seinem Grund und Boden, in dem vor einem Altar den Göttern Opfer dargebracht wurden. Ohne Wissen und Zustimmung der Götter wäre schlechtes joss, Unglück, die Folge.

Wing Fats Geisterhaus stand auf einer blutroten Säule auf dem Balkon vor seinem Wohnzimmer und Büro.

Es barg einen Toshiba-Cray-Biosupercomputer mit Satellitenverbindung in seinem Allerheiligsten. Durch sein DNA-Fax-Board konnte man praktisch ein menschliches Lebewesen verschicken. Jedenfalls konnte man es wiederherstellen, doch Wing Fats Meinung nach war es immer noch billiger, mit einer Dragon Fly Concorde zu fliegen.

Dreißig Stockwerke unter Wing Fats Apartment zogen die Barken, lange Boote, und Fähren ihre Bahn auf dem gewundenen Flussarm des Chao Phraya mit seinem weit verzweigten Aderngeflecht der klongs, der Kanäle, die das abnorm aufgeblähte Herz der Stadt Bangkok speisten.

»Herkunft?« Wing Fats Blick sagte ihm, dass er einem solchen Specimen noch nie zuvor begegnet war. Noch nie zuvor begegnet. Was entweder hieß, dass es ganz und gar neu war oder so echt und neu, dass es sich um einen Schwindel handeln musste, eine raffinierte Fälschung, wie sie in diesem Geschäft nur allzu weit verbreitet waren.

Leider sind einige Dinge einfach zu schön, um wahr zu sein. Wing Fat seufzte.

»Von Kho Samui. Über Kroon«, erwiderte Little Min aufmerksam.

»Doch nicht wieder eine dieser auf wundersame Weise Leben spendenden Chi-Sporen von einer der sagenhaften Inseln der Unsterblichen, eh? Mit anderen Worten, Pilze für Deppen.«

Little Min blinzelte ungerührt. Er war ebenso vertraut mit den uralten Legenden wie jeder andere auch, der mit chinesischen Märchen über die taoistischen Unsterblichen aus der mythischen Vergangenheit des Mittleren Königreichs aufgewachsen war.

»Sei's drum, führen wir eben den üblichen Test durch. Wenn wir schon Deppen sein müssen, dann wenigstens Deppen in der ruhmreichen Idiotie unserer Privatsphäre. Bring Xiaoling her. Sie war wieder ein kleines Luder, hat heute Morgen auf den Teppich geschissen. Ihre kostbaren Perlen auf einen Schatz der Ming-Dynastie im Wert von einer Milliarde Baht gesetzt.« Wing Fat lachte säuerlich. »Und das ist der Schwarzmarktwert, vergiss das nicht. Ich habe diesen Teppich erst letztes Jahr an der Hintertür des Palastmuseums in Taipei erworben...«

Little Min verneigte sich und verließ den Raum. Einen Moment später kehrte er mit einem hektisch hechelnden Pekinesen zurück, der sein seidengrau haihautfarbenes Fell mit Speichelfäden besabberte.

Xiaoling war eine weitere von Wing Fats Neuerwerbungen, eine direkte Nachfahrin von einem der Würfe chinesischer Palasthunde aus der Zucht der Kaiserinwitwe Tzu-Hsi in der Verbotenen Stadt. Sie hatte das Gesicht eines aufgeschwemmten Karpfens und den Hochmut eines Eunuchen, der die Schlüssel zum Lagerhaus mit den kaiserlichen Schätzen verwahrte.

»Setz sie auf den Tisch«, befahl Wing Fat.

Little Min streichelte Xiaolings Kopf, hielt sie jedoch fest unter dem Arm. Er blickte Wing Fat an, der nickend sein Einverständnis erklärte. Little Min presste die kleine Kehle des Pekinesen zusammen; das Tierchen schauderte kurz, war aber bereits tot, bevor der nächste Speichelfaden seine Brust erreichte.

»Ist sie tot?«, fragte Wing Fat.

Little Min nickte. »Ihr Herz schlägt nicht mehr.« »Jetzt die Spritze.«

Little Min brachte den Apparat zum Vorschein, lud das Instrument mit der Probe und sprühte Xiaoling das Aerosol-Chi in die Nasenlöcher. Die beiden Männer warteten. Wing Fat war zu abgestumpft, um Neugier zu zeigen, Little Min dagegen zu neugierig, um irgendwelche sichtbaren Zeichen von Interesse zu bekunden.

»Nichts«, sagte Wing Fat nach einer Weile, während der er Xiaolings leblose Gestalt gemustert hatte. »Wieder nur ein Märchen, von denen hören wir in letzter Zeit viele. Sag Kroon, dass er nachlässig wird, und zieh von seinem Anteil an der nächsten Fracht acht Prozent ab. Das ist ein Märchen, an das er glauben wird...«

Noch bevor die Worte Wing Fats Lippen verlassen hatten, beendete die Chi-Infusion ihren Spiralzyklus durch das Lebenszentrum des Hundes, und sein Speichelfluss setzte wieder ein. Xiaoling öffnete die wassermelonenkernschwarzen Augen und erhob sich ein wenig wacklig auf alle viere, winselte, als hätte man ihn vorübergehend beim Schwingen auf der Schaukel des Lebens unterbrochen. Dann schiffte er auf Wing Fats Opiumpfeife und löschte die Glut im Pfeifenkopf.

Wing Fat lächelte ungläubig, wollte nicht so einfach akzeptieren, was er gerade erlebt hatte. Er wandte sich an Little Min und sagte kühl zu ihm: »Ich weiß, dass du mich manchmal gern zum Besten hältst. Das ist doch nicht einer deiner Tricks, oder? Wenn ja, dann wird es jetzt nämlich vergnüglicher für dich sein, den Scherz einzugestehen, als für mich, dich später zu töten.«

Little Min starrte seinen Gebieter an und schüttelte den Kopf. Das genügte Wing Fat. Er war mit den Lügen und Manipulationen seines Leibdieners vertraut, doch mehr als dieser Ausdruck auf seinem Gesicht war nicht nötig, um ihn zu überzeugen. Das hier geschah wirklich. Vielleicht war es ja eine Täuschung, doch es geschah wirklich.

»Setz dich mit Kroon in Verbindung«, befahl Wing Fat. »Teile ihm mit, dass wir - dass ich - seine Geste und seinen Anteil an diesem Geschenk zu schätzen weiß. Teile ihm außerdem mit, dass wir noch mehr brauchen. Wir müssen die Quelle erfahren, dafür wird er großzügig entlohnt. Er ist ein alter Freund, ein geschätzter und vertrauenswürdiger Freund...«

Wing Fat hielt inne. »Wenn wir dann mehr haben, womit wir arbeiten können, werden wir mit unserem anderen geschätzten Freund in Verbindung treten. In Amerika.« Wing Fats Augen verengten sich zu kaum noch wahrnehmbaren Schlitzen, und sein grobes Gesicht verlor plötzlich die weibischen Konturen. »Das wird diese Deedee-Frau freuen. Es wird sie ganz ungeheuer freuen, davon bin ich überzeugt.«

Little Min verneigte sich und machte kehrt, um mit dem hechelnden Pekinesen unter dem Arm den Raum zu verlassen.

»Eines noch«, hielt Wing Fats Stimme ihn jäh zurück; sie hatte jetzt diesen rauen Unterton, einen Singsang, der stets Gefahr verhieß.

»Bevor du gehst, mach das hier erst sauber.« Er nickte hinüber zur Opiumpfeife und der Pfütze auf dem Tisch mit den Perlmutt-Einlegearbeiten in Form von Eisvogelfedern.

Little Min zog ein Tuch aus der Tasche seiner Hausjacke, das er immer benutzte, wenn sein Gebieter etwas verschwappt hatte, doch Wing Fat stoppte ihn erneut. »Bevor du den Tisch abwischst, kümmere dich um den Hund.«

Little Min zögerte nicht. »Ja, Herr«, erwiderte er. Er ging zur gläsernen Schiebetür am Balkon, öffnete sie und ließ Xiaoling dreißig Stockwerke tief in die fließende Dunkelheit des Chao Phraya fallen.

Little Min verstand, dass die Warnung ihm galt. Xiaoling war ein sehr, sehr kostbarer Hund. Im Vergleich dazu war Mins eigenes Leben nur Billigware wie die illegalen Chi-Implantate, die Straßenhändler in den Seitengassen der Silom Road feilboten.

Er blickte hoch, als er mit einem Mal spürte, wie Regentropfen sein Gesicht trafen. Es war einer dieser plötzlichen Regenstürme, die aus dem Nichts heraus entstanden, aus der Raserei der Leere.

Bangkok-Regen.

»Gibt es sonst noch etwas, Herr?«, erkundigte Little Min sich, während er reglos auf dem Balkon stand, der sich in einen rauschenden Wasserfall verwandelt hatte. Wing Fat ließ ihn einen Moment lang die volle Gewalt der Fluten spüren. Die Natur hatte für ihn gesprochen, wunderschön und beredt.

Vielleicht konnte man die Natur nicht beherrschen, noch nicht - aber man konnte wie ein Bauchredner mit Stürmen, Donnerschlägen und anderen Naturkräften spielen. Es zählte ohnehin nur die Illusion.

Genau wie dieses Chi-Specimen, das ihn bis ins Mark erschüttert hatte. Ob echt oder nicht, es hatte gewirkt, und nur darum ging's. Umso besser, wenn es seinen Zauber auf die Farangs im Westen ausübte. Der Chinese kontrollierte trotzdem die Quelle. Fing Wat würde mehr als nur reich werden, er würde die intellektuellen Besitzrechte an der Unsterblichkeit haben.

»Nein, das war alles.« Wing Fat wedelte mit der Hand und entließ Little Min. »Du kannst jetzt gehen, aber achte darauf, dass du auf dem Boden keine Spur hinterlässt. Ich ziehe dir für jeden nassen Fußstapfen tausend Baht von deinem Lohn ab.«

   

 

 

 

 

  Chi-Time

 

 

San Francisco

 

»Nicht Sie schon wieder, Sykes«, blaffte Harry Morgan, der hoch gewachsene Texaner mit der Gürteltierlederweste und den dazu passenden Jeans Paul Sykes an. Als wäre der freie Autor aus England nur ein Kadaver am Straßenrand, der noch nichts von seinem Unglück wusste, in Morgans Sammlung von gris-gris-Voodoo-Talismanen einverleibt zu werden.

»Ich dachte, ich hätte Ihnen geraten, mir nicht mehr unter die Augen zu kommen«, zischte Morgan. »Sie sind auf meinen Veranstaltungen nicht willkommen. Verpissen Sie sich.«

Morgan war für sein Hobby bekannt- das Häkeln von Fetisch-Häuten. Er hatte sogar einen Laden, Ruined Skins, voll von dem Zeug in Fillmore und Haight. Wiedergeborene Deadheads trugen die bunt gefärbten Skalps zu den Full Moon Garcia Raves, die Morgan am Limantour Beach in Marin County abhielt. Für die psychedelischen Massen in Inverness bot er auch Carlos-Castaneda-Nächte an, mit DJ brujas, mexikanischen Schamanen, die Acid-House-Country-&-Western-Ragas spielten, bis Don Juans überschäumendes Chi durch die Metaflicken eindrang, die sie auf ihren Schädeln trugen.

Sein Vermögen hatte Morgan jedoch als erfolgreicher Promoter der Whole-Chi-Expo gemacht, einer dreitägigen Veranstaltung, die alljährlich auf dem weitläufigen Ausstellungsgelände an einem der Stege von Fisherman's Wharf abgehalten wurde.

Sie war der Welt größter Kongress für neueste Chi-Technologie, komplett mit organischen und postorganischen Produktdarbietungen, noch erheblich größer als die unmittelbare Konkurrenz, die Chi Comdex, die jeden Herbst in Las Vegas stattfand.

Harry hätte schon vor einer Million Jahren in Rente gehen können, dachte Paul Sykes bei sich. Er hatte alles - eine 400 Morgen große Ranch in den Bergen von Santa Cruz, einen Whirlpool aus Redwoodholz von olympischen Ausmaßen und voller gefügiger Babes - drallen Chi-Groupies mit blonden Rastalocken und schier unersättlichen Sexualzentren im ersten Chakra - und mehr als genug Spielzeug, um den Mistkerl für den Rest seines Lebens zu beschäftigen.

Warum hasste er Sykes dann so sehr? Lag es an der Satire, die er über ihn in der Aura Times veröffentlicht hatte?

Paul Sykes trieb sich gerade am Falafel-Stand herum, als Morgan in den Gang einbog und ihn erspähte.

Sykes hatte Hunger und war ein wenig deprimierter als gewöhnlich; er befand sich mitten in dem Entscheidungsprozess, ob er seine Zähne in einen grünen Algenburger schlagen oder sein Geld für das Cablecar-Ticket aufheben sollte - oder ob er einfach weitermachen, jetzt etwas essen und später versuchen sollte, eine Gratisfahrt den Russischen Berg hinauf zu ergattern... 

Es waren jede Menge Touris in der Stadt und Tausende Chi-Kongressteilnehmer, und er könnte an der Ecke Union und Hyde locker abspringen, bevor der Schaffner bei ihm war, und dann zu Fuß zu seinem trostlosen Ein-Zimmer-Apartment in der Valencia Street im Bezirk Mission gehen, gut und gern ein Spaziergang von 45 Minuten, aber zum Teufel...

Jetzt musste er ja ausgerechnet Harry Morgan über den Weg laufen. Scheiße.

Paul Sykes musste eine Story über die Chi-Expo abliefern, an die Zeitschrift Primal Tube. Große Sache, was? Aber er brauchte die Kröten. In jedem x-beliebigen Medium hätte er sein Zeug verbraten, wenn die Leute nur mit der Knete rüberkamen. Er hörte noch die Herausgeberin Rita Volkov, die ihr editorisches Mantra herunterbetete, immer dieselbe alte Leier über Empfängnis-Theologie:

»Wenn die Leute ihre Erfahrung als reifes Ei im Eierstock noch einmal durchleben, berichten sie routinemäßig von Empfindungen, die von jähem Bedauern über das Verlassen der Schwesternschaft bis zu äußerstem Entsetzen über den Eintritt in die Leere oder das Angesicht des sicheren Todes reicht. Wir wollen, dass Sie die Expo aus dem Blickwinkel des reifen Eies behandeln, Paul. Schaffen Sie das? Mit 2500 Wörtern oder weniger; aber das darf natürlich nicht Ihren Stil verhunzen...« 

»Geht klar«, hatte er erwidert. »Zweihundertfünfzig Dollar und die üblichen Spesen?« 

Rita hatte ihm ein mattes Lächeln geschenkt, das so viel besagte wie: Packen Sie's an. Der Himmel wusste, warum sie ihn mochte. Vielleicht wollte sie einfach nur flachgelegt werden, war sich aber nicht sicher, wie herum er tickte. Er hatte sie im Ungewissen gelassen, sie war nicht sein Typ - zu viel Gaia in den Hüften und ständig stapfte sie in diesen Gesundheitslatschen herum, die Paul für die sexuell tödlichste Fußbekleidung hielt, seit der Mensch den Fetisch Fuß entdeckt hatte; trotzdem war er ihr für den Auftrag dankbar.

Überlebende müssen dankbar sein. Dankbarkeit bedeutet, dass es wenigstens etwas gibt, wofür man dankbar sein kann...

 

Paul Sykes war Engländer; 32, sah nicht schlecht aus, hatte für einen Engländer recht gute Zähne und besaß einen schier unerschöpflichen Vorrat an bösartigen Einzeilern. Wie Oscar Wilde auf Steroiden, hatte einer seiner amerikanischen Redakteure einmal über ihn gesagt. 

Sie erwarteten britischen Humor von ihm - eines der letzten großen Exportgüter seines Landes. Es verlieh seinem Schreiben einen leichten Vorteil gegenüber der hiesigen Konkurrenz. Er war ein Schaumschläger; ohne zwangsläufig auch der letzte Arsch zu sein. Auch für diese Gabe war er dankbar; so wie für all die anderen Dinge, die für ihn sprachen... 

Sykes trug einen angesagten Haarschnitt mit blasslila Mähne nach Art der Semiolen. Er war eindrucksvoll tätowiert, mit einem Faksimile der Titelgravur der Erstausgabe von Die Pickwickler auf der linken Gesäßhälfte, auch hatte er mal ein Genitalpiercing gehabt, einen Prinz Albert, doch das hatte man entfernen müssen, um Nierensteine zertrümmern zu können.

Zu Sykes Lebenslauf: Er war einmal Theologiestudent in einer New-Age-Abtei in Salisbury bei Stonehenge gewesen, doch hatte er seinen Glauben verloren, nachdem er entdeckte, dass der Abt und seine kundalini-Jünger darauf abfuhren, die Auren der jüngeren Studenten zu missbrauchen. Die zufällige Begegnung mit einem polnischen Anarchisten führte ihn zu der Überzeugung, dass sie ohnehin alle den falschen Baum ankläfften. 

Die nächste große Religion war natürlich der Nazi-Okkultismus gewesen. Und als Antwort auf die beliebten gnostischen Selbstmordkulte dieser Tage zeichnete sich schon die nächste Welle eines teufelsverehrenden Crowleyismus ab...

Nachdem er seine Träume, der Priesterschaft beizutreten, aufgegeben hatte, arbeitete Sykes eine Weile als Handelsvertreter für Aura-Versicherungen. (»Wenn Sie sechs blaue versichern, kriegen Sie eine grüne gratis.«) Es war ein entmutigendes Geschäft, und nach zwei Monaten wurde er gefeuert, weil es ihm nicht gelungen war, die Quoten der Firma zu erfüllen.

(»Zwölf neue Policen pro Woche, Sykes, das ist das Minimum«, ließ Ajit Kirpalani, sein Verkaufsmanager bei der Poona Brother's Prana & After-Life Insurance Co. Ltd., ihn bei ihrem letzten Gespräch wissen.)

Im Gefolge dieses Karriererückschlags bekam Sykes zum ersten Mal einen Vorgeschmack auf Festanstellung: Er machte die einzigartige Erfahrung, einige Jahre außerhalb von London als Totengräber tätig zu sein. Die Arbeit machte ihm Spaß - er vergrub sich sozusagen darin.

Sie gab ihm die Möglichkeit zum Nachdenken, all die tiefgründigen Fragen zu stellen, die er schon immer hatte stellen wollen, und die Flüchtigkeit allen Seins zu erkennen. Wenn es keine Antworten gab, vielleicht gab es ja auch keine Fragen?

Das war, bevor er sich für den freien Journalismus entschied. Dabei hatte Sykes' jüngerer Bruder Charlie, 27, Pate gestanden, denn es war Charlie gewesen, der ihn in die Staaten gelockt hatte. Charlie hatte einen Mordstreffer gelandet und war der Geliebte eines berühmten englischen Produzenten einer Anzahl von Hit-Musicals geworden (Kundalini Girls, Beach Blanket Shambhala, Chakra Cabaret und sein einziger Box-Office-Flopp Mondo Mandala). 

Charlie lebte umgeben von wunderbarem Luxus in New York, vertrieb sich die Zeit mit den Reichen und Berühmten und jettete zu den Bermudas und nach Beverly Hills, mit Abstechern zur Villa seines Liebhabers auf Martinique. Einmal hatte er Paul und ihre Mom zum Urlaub nach Martinique fliegen lassen und war für sämtliche Kosten aufgekommen.

Mom war eine alte Raverin und warf schon seit dreißig Jahren Ecstasy ein. Das hatte natürlich Spuren hinterlassen, und sie schwebte jetzt ständig auf Wolke sieben, war aber nach wie vor eine Mordsfrau.

Paul war stolz auf sie. Ständig schien sie ein fieberhaftes Interesse an allem und jedem zu haben, was die Welt ihr zu bieten hatte. Alle Mysterien waren für sie immer noch neu, so neu wie damals in ihrer Jugend. Sie hatte an Tim Learys Bettrand gesessen, als er ins bartlos eingegangen war: Sie war sogar auf den Kanarischen Inseln gewesen, als die Pegasus-Rakete mit Learys Asche im Orbit explodierte, zusammen mit den pranischen Überresten des Star Trek-Schöpfers Gene Roddenberry. 

Dad stammte im Gegensatz dazu aus der Arbeiterklasse und war Maurer im Alten Internet gewesen, wo er für altehrwürdige Institutionen wie Lloyd's London und die Bank of England Firewalls errichtete; er war bisher noch nicht einmal in den Omnispace übergewechselt. 

»Wozu?«, brauste er immer wieder auf »Die ersetzen doch bloß das Eine durch etwas anderes... Tradition, mein Junge, das hat etwas für sich.« Und dabei blickte er nachdenklich Pauls Mom an. Worin bestand das Geheimnis, das sie schon so viele Jahre zusammenschweißte?

Vielleicht sehnte sein Dad sich in seinem tiefsten Inneren nach dem ureigenen Konservatismus des Universums. Seiner politischen Gesinnung nach war er radikaler Vegetarier und wählte stets die Grünen Torys. (»Lasst das ausländische Gemüse draußen«, lautete ein weiterer seiner Lieblingssprüche.) Im Grunde war sein Dad Paul Sykes ein Rätsel, noch erheblich mehr als seine Mom, die so überschwänglich, freimütig und ungebärdig lebte. Im Gegensatz dazu behielt Dad sein drittes Auge weitgehend für sich; er war unerschütterlicher Isolationist.

Jedenfalls war es Charlie während des Urlaubs auf Martinique mit seinen prächtigen Sonnenuntergängen und den langen kühlen tropischen Drinks auf der Veranda gelungen, Paul zu überreden - als hätte man ihn diesbezüglich überhaupt noch ermutigen müssen-, sein Glück in Amerika zu versuchen.

 

   »Wieso versuchst du es nicht mal mit dem Schreiben? Du hast doch auch früher schon Gräber geschaufelt. Das macht keinen großen Unterschied. Es geht lediglich um eine andere Demografie, mehr nicht... Hadley« - so lautete der Name von Charlies Liebhaber - »kennt einen Verleger, der ein brandneues Magazin herausbringen will. Mondo 3000. Sie suchen noch neue Talente. Sie wollen eine Titelstory über ihn bringen, und du weißt doch, wie schwer man an ihn herankommt. Wer weiß, vielleicht könnte ich Hadley ja überreden - und du könntest Bestandteil des Pakets werden? Sie würden es nicht wagen abzulehnen. Ich müsste dich nur bitten, den Plunder mit der richtigen Menge kriecherischer Verehrung auszutarieren. Ich meine, immerhin habe ich ein Verhältnis mit ihm, weißt du – mach' mir das nicht kaputt. Ich versuche nur, dir einen Gefallen zu tun, das ist alles.« 

»Charlie, mein Bruder«, erwiderte Paul und klopfte ihm auf die Schulter, während ihre Mom den Augenblick strahlend auskostete. »Du kannst mir vertrauen, ich treibe mit deinem Freund kein Schindluder: Der Handel gilt.«

Der langen Rede kurzer Sinn: So gelangte Paul Sykes nach Amerika. Von einer Grabstätte zur anderen, doch mit einem besseren Wechselkurs zum Überleben.

»Was ist los mit Ihnen, Mr. Sykes, Sir? Haben Sie mich beim ersten Mal nicht gehört?«, spottete Harry Morgan. »Sie sollen sich verpissen.«

Morgan drehte sich zu den beiden Sicherheitshelfern um, die an seiner Seite aufgetaucht waren, ganz Muskeln und Walkie-Talkies. »überprüft seinen Presseausweis«, befahl er. »Ich hege starke Zweifel, ob er noch gültig ist - oder echt. Jedenfalls erinnere ich mich nicht, seinen Namen in der Presseliste gesehen zu haben, so viel steht fest. Daran würde ich mich erinnern.«

Paul Sykes blinzelte, als ihm bewusst wurde, was ihm jetzt bevorstand.

Scheiße, Scheiße, Scheiße - und nochmals Scheiße!

Das waren schlechte Neuigkeiten, denn er konnte es sich nicht leisten, den Auftrag der Primal Tube zu verlieren. Er war mit der Miete einen Monat im Rückstand, und Anne war ausgezogen und hatte es ohnehin satt, ihn zu unterstützen. Seinen neuen Mitbewohner konnte er auch nicht beschwatzen, die Miete des ersten und des letzten Monats gleichzeitig zu löhnen, weil Zev immer nur für einen Monat bezahlte, bis er selbst etwas gefunden hatte. 

Und das sollte sein Glücksjahr werden, verdammt. Nach dem chinesischen Horoskop das Jahr des Hundes oder der Ratte oder des beschissenen Maulwurfs.

Sykes hatte sich gratis die Hand lesen lassen (das Lesen der zweiten Hand wurde 50 Prozent billiger angeboten, also hatte er sich nur für eine Hand entschieden: seine linke, sein männlicher yang-Energieerzeuger; d. h. seine Karrierehand).

Das Medium vom Terra-Linda-Institut für Transzendental Geschädigte (»Wir helfen bedürftigen Alphabet-Tafeln« lautete das Motto auf ihrem T-Shirt) hatte seine Hand wie ein glühendes Stück Kohle fallen lassen.

»Sie sind heiß, Mister«, sagte sie mit verblüffter Miene. »Ihr Chi ist drauf und dran, durch sämtliche Poren zu schießen. Wo waren Sie, zehn Jahre lang zum Meditieren auf dem Mount Kailas? Wer ist Ihr Meister? Vom äußeren Anschein her ist es kaum zu glauben, aber Sie sind ein Chi-Adept zehnten Grades. Sie haben 's voll drauf, Mann! Wieso wollten Sie sich von mir die Hand lesen lassen? Um meine Qualifikation herauszufinden? Jetzt kapiere ich, woher der Wind weht, machen Sie bloß die Fliege, Kumpel...« 

Und jetzt war er hier, und man riet ihm schon wieder, sich zu verpissen. Dieses schlechte Chi verfolgte ihn wie sein angebliches Glück, das es irgendwie geschafft hatte, den Bach runterzugehen.

Jedenfalls hatte er diesen Eindruck. Vielleicht war Glück ja einfach nur Pech, dessen Inneres nach außen gewendet ist, was ihn zum glücklichsten kleinen Scheißer diesseits von Wechselfallhausen machen würde...

»Morgan.« Sykes versuchte vernünftig mit dem Mann zu reden, was vermutlich keine große Aussicht auf Erfolg hatte. »Wenn Sie mich fragen, überreagieren Sie ein wenig. Falls es an dem Artikel liegt, den ich über Sie geschrieben habe, finde ich...«

»Was finden Sie?« Harrys Apachenharnisch aus Kojotenknochen klapperte, als er zu seinen Wachmännern herumfuhr. Sein graumelierter Pferdeschwanz, in den kleine tierförmige Zini-Fetische eingeflochten waren, gab ein hässliches peitschendes Geräusch von sich.

»Schafft diesen traurigen Haufen Scheiße sofort hier weg«, murmelte Morgan mit erstickter Stimme, wobei sein Gesicht bedenklich rot anlief. »Mundo Kundaba Kun, du Hurensohn«, verfluchte er Sykes, der wusste, was der amazonische Fluch bedeutete. »Der Hexendoktor will deinen Kopf...« 

Nur für den Fall, dass Sykes die Botschaft nicht vernommen hatte, zog Morgan seine Schlüsselkette heraus – (die mit dem kleinen Schrumpfkopf am einen Ende) -und ließ sie hämisch kreisen.

Doch bevor die Wachmänner reagieren konnten, war Paul Sykes schon auf Händen und Füßen und krabbelte wie ein Käfer unter den Falafelstand. Jesus, was war nur in ihn gefahren? Solche Reflexe hatte er doch früher nicht gehabt... 

Er hatte keine Ahnung, wohin er wollte, er bewegte sich nur schnell, denn er musste von diesen Kerlen wegkommen. Ein Skarabäus mit einem Honda-Motor unterm Hintern. So huschte er dahin -schlüpfte zwischen den Beinen der Menschen hindurch und sah ihre verdutzten Blicke, als sie versuchten, nicht über ihn zu stolpern.

War er ein Scheißinsekt - oder was?!

Er schob sich unter der Plane des Cosmic Bodypainting Pavillon hindurch, wo sie die Kirlian-Auren der zahlenden Kunden schweben ließen und in die heilenden Farben eines Bottichs tauchten, der Föten-Chi aus Kaschmir enthielt. Dann war er wieder draußen und an einem seltsam dunklen Ort. Er glich einem langen schmalen Eingang in ein Iglu, der nie ganz bis in die Mitte führte.

Er war einfach nur lang, lang, lang und schien kein Ende zu nehmen. An den Seiten des Ganges gab es membranartige Rahmen und aufblitzende Kometenschweife - Moment mal! Das waren Ektospermien! 

Er musste irgendwie in den Primal Pavillon gekrochen sein, der Chi-Suchenden eine simulierte Reise bot. Von der Seele durch die Zelle zur Stadtmitte, wie das Plakat vor dem Stand verkündete. Vor dieser Ausstellung hatten nicht allzu viele Leute Schlange gestanden, als Sykes vorhin vorbeigekommen war.

»Nun werden Sie erfahren, wie das pränatale Trauma in Ihren intimsten Beziehungen den Verlust von Leidenschaft hervorrufen kann...«

Er lauschte der aufgezeichneten Stimme der Moderatorin Jean Parvati Schaeffer, die im Hintergrund ablief. Die Erfahrung in diesem Pavillon war eine synästhetische Werbung für einen ihrer Workshops über prä- und perinatale Regression - ein Kratzen und Schnüffeln für die Seele.

Pränatale Möchtegerns, dachte Sykes bei sich, als er auf Händen und Knien durch die Dunkelheit eines schier endlosen Eileiters kroch.

Dann sah er das Licht.

 

Er lag unter einem Stapel Kisten in einem privaten Ausstellungsraum auf dem Boden der Chi-Expo. Hier gab es Käfige voller Vögel, Affen und etliche merkwürdig aussehende Wesen, alle mit traurigen Mienen; eines davon war ein weiblicher Orang-Utan.

Wo zum Teufel befand er sich?

Er wollte sich gerade aus seiner Kauerstellung erheben, als die Orang-Utan-Dame ihre rosa Finger durch den Käfig stieß und sein Handgelenk packte. Dann hob sie einen Finger an ihre Lippen und sagte: »Schscht«, und schüttelte betrübt den Kopf.

Dieser Primat hatte mit ihm kommuniziert, er hatte mit ihm gesprochen! Oder gehörte Schscht zu einer Art universeller Sprache, die alle Primaten beherrschten? Paul Sykes war in Sachen Tier-Berlitz nicht auf dem neuesten Stand, sondern ziemlich verwirrt. Dann hörte er Stimmen - Menschenstimmen - und erstarrte hinter den Kisten.

Eine der Stimmen - die schroffere der beiden - gehörte einer Frau! Was sie sagte, erschreckte ihn sogar noch mehr als der beinahe menschliche Ausdruck

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Alexander Besher/Apex-Verlag/Published by arrangement with Waterside Productions Inc., Cardiff-By-The-Sea, CA 92007 USA/Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.
Bildmaterialien: Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Cover: Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Lektorat/Korrektorat: Zasu Menil.
Übersetzung: Michael Nagula (OT: Chi).
Satz: Apex-Verlag.
Tag der Veröffentlichung: 01.11.2017
ISBN: 978-3-7438-3913-7

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