Cover

Lucifers Rückkehr

Non serviam / I will not serve.

- Lucifer

~*~

 

„Alors. Du hast also die Seele eines Engels in dir?“

„Ja.“

„Und du bist auf der Flucht vor anderen Engeln.“

„Ja.“

„Die dich töten, wenn sie dich finden.“

„Ja.“

„D’accord. Du brauchst einen Drink.“

„Absolut.“

Ich grinste den Barkeeper an und stützte mein Kinn auf meinen Händen ab. Gaspar mixte das Getränk mit einer mühelosen Eleganz, die von jahrelanger Erfahrung zeugte. Dann stellte er das Glas vor mir auf den Tresen. Schwungvoll zog er das Geschirrtuch von seiner Schulter und widmete sich wieder dem Abtrocknen.

„Cin cin“, sagte ich und prostete ihm zu.

„Santé.“

Der Gin biss mir in die Zunge und das Tonic Water tat das Übrige. Ich schloss für einen Moment die Augen, um das brennende Gefühl auszukosten.

„Ich muss schon sagen, ma chérie. Ich habe in meiner Zeit hier einige verrückten Geschichten gehört. Aber nichts in Vergleich zu dieser.“

„Da kann ich mich nur anschließen“, gab ich trocken zurück.

Gaspar musterte mich eindringlich. Das Glas in seinen Händen war bereits auf Hochglanz poliert, doch er stellte es nicht ab. Von einem Moment auf den anderen ging ein Ruck durch seinen Körper und er lachte.

„Du solltest Schriftstellerin werden, oder Schauspielerin.“

Ich zwang mich zu einem Lächeln und wandte mich meinem Drink zu. Gaspars Aufmerksamkeit wurde am anderen Ende des Tresens verlangt und er verließ mich.

Gedankenverloren malte ich kleine Kreise auf das vom Kondenswasser benetzte Glas. Es war einfach, die anderen Unterhaltungen in der Bar auszublenden. Mein Französisch, das ich mir notgedrungen nach unserer Ankunft in Paris angeeignet hatte, reichte bei Weitem nicht aus, um hier etwas zu verstehen. Gaspar sprach zu meinem Glück Italienisch. Einer der Gründe, warum ich das Caprice zu meiner Stammkneipe auserkoren hatte. Ein anderer war die Überschaubarkeit des Etablissements. Innerhalb kürzester Zeit konnte man mit jeder Ecke der Kellerbar vertraut werden. Und Vertrautheit war mir im Moment ein kostbares Gut. Seit Desirée und ich Bonassola im vergangenen Sommer verlassen hatten, waren wir nirgends lange genug geblieben, als dass ich das Gefühl gehabt hätte, mich auszukennen. Auch Paris, wo wir uns bereits ungewöhnlich lange aufhielten, machte es mir nicht gerade einfach. Die vielen Quartiers, die verwinkelten Straßen und hohen Gebäude, die vielen Brücken, die sich über die Seine wanden – alles ähnelte sich in meinen Augen. Ich hatte nie in einer Großstadt gelebt, schon gar nicht in einem Land, dessen Sprache ich nur bruchstückhaft verstand. Die Straßennamen und Haltestellen der Metro, deren Aussprache sich nur vage erahnen ließ, hatten mehr als einmal dazu geführt, dass ich doppelt so lang wie geplant für den Heimweg brauchte.

Doch es gab eine Sache, mit der die Millionenstadt mir sehr entgegen kam: Anonymität. Der Blick über die Schulter war zu einer lästigen Gewohnheit geworden, seit unserer Flucht. Dabei wusste ich gar nicht, wonach ich Ausschau halten sollte. Ich wusste nicht, wie menschenähnlich die Cherubim aussahen und ob sie sich unter die Passanten mischen konnten, ohne aufzufallen. Halb Mensch, halb Tier müssten sie ihre Gestalt unter einem Umhang verbergen. Und würde ich die Engelkrieger, die die totbringenden Flammenschwerter trugen, überhaupt bemerken? Wenn sie mich aufspürten, würden sie mir sicher den Kopf abschlagen, ohne so freundlich zu sein, mich zu letzten Worten aufzufordern. Zumindest war dies laut Desirée der Fall.

Ein Mitglied der Camerata Avalia, des Ordens der Menschen mit besonderen Gaben, der die Engel auf Erden vertrat und flüchtige Dämonen zurück ins Pandaimonion schickte, würde mir vielleicht noch eher eine Chance geben. Die zweifarbigen Augen, eines grün, das andere blau, würde ich überall erkennen. Doch ob die Camerata tatsächlich nach mir suchte, war fraglich. Desirée bezweifelte, dass die Seraphim, die zwölf unsterblichen Engel, die in den Arkadien regierten, ihren Fauxpas, ein Mischwesen fast zwei Jahrzehnte lang übersehen zu haben, durchsickern lassen würden. Andererseits wusste es Sirja, die Hohepriesterin, die mich magisch durchleuchtet und dabei die Engelsseele in mir entdeckt hatte. Desirée war davon überzeugt, dass die Seraphim über Leichen gingen, um ihr Geheimnis zu wahren, und längst alle Zeugen beseitigt hatten. Wenn ich ganz ehrlich zu mir war, dann würde ich um Sirjas Tod keine Träne vergießen. Sie hätte mich ohne noch einmal nachzufragen hingerichtet. Allerdings waren da noch der Geist Hitchcock und der sprechende Kater Abeecy, die in Bonassola stationierten Avalim. Der schrullige alte Mann und das kratzbürstige Tier waren mir in den wenigen Tagen, in denen sich mein Leben so drastisch geändert hatte, ans Herz gewachsen. An ihren Tod wollte ich unter keinen Umständen glauben. Zu guter Letzt war da noch ein weiterer Aval. Einer, dessen bloßer Name mir beinahe körperliche Schmerzen bereitete.

Jeff.

Wenn Jeff etwas zugestoßen war … Mir wurde übel und ich genehmigte mir einen großen Schluck Gin. Ich hätte nie gedacht, dass man einen Menschen so sehr vermissen konnte. Dass ein anderer Mensch so sehr Teil von mir werden konnte, dass ich mich ohne ihn unvollständig fühlte. In diesem Augenblick wünschte ich mir nichts sehnlicher als ihn zu sehen. Nur für einen Moment, um in seine zweifarbigen Augen zu blicken und zu wissen, dass es ihm gut ging. Dass er mich genauso vermisste wie ich ihn. Um ihn zu berühren und die elektrischen Funken zu spüren, die physische Manifestation der mysteriösen Verbindung zwischen uns.

Ich seufzte tief und starrte auf meine Reflexion im Spiegel, der hinter der Bar hing. Es war richtig so, dass Jeff nicht hier war. Wir konnten nicht zusammen sein. Nicht jetzt. Zum einen würde es ihn in große Gefahr bringen und ihm das Leben, das er sich als Dämonenjäger der Camerata aufgebaut hatte, unmöglich machen. Zum anderen, und das war der weitaus selbstsüchtigere Grund, war es mir einfach nicht möglich, jetzt mit ihm zusammen zu sein. Egal wie sehr ich es wollte. Ich hatte gerade erst erfahren, was ich war. Wobei ich mir dabei noch nicht mal im Klaren darüber war, wer ich war. Wie groß war der Anteil meines Wesens, den Aurora ausmachte? Welchen Einfluss konnte die Seele des Engels auf meine Entscheidungen nehmen? Andererseits war ich schon immer so gewesen. Ein Teil von mir war ein gefallener Engel. Eine Schwester Lucifers, der von den Seraphim ins Pandaimonion verbannt worden war. Und ich fühlte eine tiefe Verbundenheit zu unserer Schwester Desirée, obwohl ich sie erst seit ein paar Monaten kannte. Meine Seele kannte sie.

Ich hatte nie einen Platz in der Welt gehabt, doch jetzt, wo ich ihn gefunden hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich ihn halten konnte. Und das wollte ich. Ich wollte so sein wie Desirée. Ich wollte zu jemandem gehören, auch wenn das bedeutete, dass ich dafür zuerst etwas aufgeben musste.

„Wow.“

Die Stimme riss mich aus meinen verworrenen Gedanken und beförderte mich unsanft zurück in die Wirklichkeit. Ich sah von meinem Gin Tonic auf. Der Mann, der neben mir an der Bar lehnte, schenkte mir ein anzügliches Lächeln. Er hatte kurze schwarze Locken, eine aristokratische Nase und breite Schultern, die unter einer Lederjacke steckten.

Ein Schalter in meinem Kopf legte sich um. Ich hatte Desirée unzählige Male dabei beobachtet und bei jedem Mal war der Hunger in mir gewachsen.

Es ist deine Natur. Wehr dich nicht dagegen.

„Selber wow“, gab ich zurück und lächelte.

Er sagte etwas auf Französisch. Ich verstand die Worte nicht. Es war auch nicht nötig. Mir war klar, was er wollte. Ich lächelte etwas breiter. Der Mann legte eine Hand auf meine Schulter und ließ sie beim Sprechen meinen Rücken hinuntergleiten. Ich konnte die leise Aufregung in mir nicht länger unterdrücken.

Greif zu.

Ich glitt vom Barhocker und nahm die Hand des Mannes. Ich konnte das Vibrieren seiner Energie spüren. Er war jung, vielleicht Ende zwanzig. Sein Körper war trainiert, unverbraucht. Ebenso seine Seele. Mein Hunger wuchs.

Ich schluckte. Dies war der Weg, den ich gewählt hatte. Ein Weg, der mir bestimmt zu sein schien. Welchen Sinn hatte es, jetzt umzukehren?

Er lachte, als ich ihn durch die Hintertür in die dunkle Gasse hinter der Bar führte. Der kalte Dezemberwind fuhr unter meinen Wollpullover und Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus. Doch ich bemerkte es nur am Rande. Ich schob den Mann gegen die Backsteinwand. Ich war mir der Lippen, die ich küsste, kaum bewusst.

Er schmeckte nach Bier und Zigaretten. Jeff hatte nie nach Zigaretten geschmeckt, obwohl er rauchte. Jeff. Was würde er nur denken, wenn er wüsste, was ich im Begriff war zu tun? Er würde mich hassen. Er würde nie wieder mit mir reden.

Die Hände des Mannes wanderten auf meinen Hintern. Ich spürte seine Erregung, doch zum ersten Mal in meinem Leben war mir Sex vollkommen egal. Jetzt, wo ich wusste, wonach es mich all die Jahre verlangt hatte, wo ich wusste, wie ich dieses Verlangen stillen konnte, wollte ich nichts anderes mehr.

Jeff würde es verstehen. Ich wusste, dass ich mir mit diesem Gedanken selbst etwas vormachte, doch es ging nicht anders. Ich konnte nicht aufhören und Jeff wusste nicht, wie es wirklich war. Ich war kein Dämon, ich würde den Mann nicht töten. Und dennoch nahm ich ihm etwas, was mir nicht gehörte.

Seit ich Jeff am Waldrand zurückgelassen hatte, hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Das war jetzt fast vier Monate her. Wenn wir uns wiedersahen, war er sicher viel zu froh, um mich zu hassen. Unsere Verbindung war so stark, dass sie alles andere in den Schatten stellte. Selbst das hier. Aber Jeff war nicht da und der verführerische Geschmack der Energie des Mannes lag mir bereits auf der Zunge.

Meine Finger krallten sich in die Schultern des Mannes und er stöhnte auf.

Jeff würde es verstehen. Wenn ich es ihm erklärte, würde er es verstehen.

Der Mann murmelte irgendetwas von seinem Apartment, doch ich hörte nicht hin.

Wenn ich doch nur Jeffs Handynummer hätte! Wenn ich ihn doch nur irgendwie erreichen könnte …

„Kommst du heute nochmal zur Sache?“

Ich zuckte zusammen und fuhr herum.

Am Ende der Gasse stand eine Frau. Im dunstigen Licht der Straßenlaternen sah sie aus wie eine göttliche Erscheinung. Ihr langes schwarzes Haar fiel wie Seide über ihre Schultern, und das lange Kleid, das sie unter ihrem dünnen Trenchcoat trug, setzte ihre Kurven spektakulär in Szene. Sie spürte die Kälte nicht. Sehr zum Vorteil ihrer modischen Präferenzen. Das war nur einer der Pluspunkte eines unsterblichen Körpers. Denn der erste Eindruck täuschte nur in gewisser Weise. Mit Gott hatte Desirée zwar nichts zu tun, doch sie war wirklich nicht von dieser Welt. Oder zumindest aus einer anderen Dimension.

Ihre Pfennigabsätze klackerten auf dem Kopfsteinpflaster, als sie elegant auf uns zuschritt.

Der Mann, immer noch an die Wand gelehnt, keuchte und sein Mund klappte auf. Desirée hatte diese Wirkung auf Männer. Meistens auch auf Frauen.

„Du machst hier schon seit fünf Minuten rum“, stellte sie fest, als sie uns erreicht hatte.

Ich biss mir auf die Zunge.

„Wie hast du mich gefunden?“

Sie lächelte und legte mir einen Arm um die Schultern.

„Glaubst du wirklich, ich würde dich allein durch die Nacht wandern lassen, wenn ich nicht wüsste, wo du bist?“

„Ich habe keine Angst hier draußen allein zu sein“, gab ich automatisch zurück.

„Aber ich“, sagte Desirée, ohne dass sich ihr Gesichtsausdruck im Geringsten veränderte.

Dennoch wusste ich, was in ihr vorging. Wir hatten fast vier Monate jeden Tag gemeinsam verbracht. Ich hatte gelernt, ihr Pokerface zu lesen. Jeder andere hätte ihren Blick wohl als unbeteiligt gedeutet, doch ich sah die Angst und die Schuldgefühle, die auf ihr lasteten. Als Aurora gestorben war, hatte Desirée sie zurückgelassen. Obwohl sie nie etwas dergleichen gesagt hatte, wusste ich, dass sie sich das nie verziehen hatte und dass sie nie wieder zulassen würde, dass ihrer Schwester etwas geschah.

Der Ausdruck verschwand aus ihren Augen und ihr Lächeln wurde etwas breiter. Sie drehte mich an den Schultern wieder zu dem Mann.

„Jetzt, wo ich hier bin, kannst du gerne loslegen“, schnurrte sie.

„Ich kann es nicht“, seufzte ich resigniert.

„Natürlich kannst du es. Du hast es doch auch letzte Woche mit diesem anderen Kerl gemacht.“

Auf mein Schweigen hin wanderte eine ihrer perfekten Augenbrauen nach oben. Ich zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Ich will es ja. Aber es kommt mir einfach nicht richtig vor.“

„Aber es hat dir doch gefallen, als wir es zusammen gemacht haben.“

Der Mann, der offensichtlich ein bisschen Italienisch verstand, setzte zu einem begeisterten Kommentar an. Ohne hinzusehen, hob Desirée ihre Hand und drückte sie auf seinen Mund. Die Kraft in ihrem zierlichen Arm war so immens, dass sein Kopf mit einem leisen Rums gegen die Wand knallte.

„Was ist los?“, fragte sie mich sanft und strich mir über die Wange.

„Ich fühle mich, als würde ich sie beklauen. Ihre Energie gehört ihnen. Außerdem könnte ich jemanden umbringen, wenn ich die Kontrolle verliere.“

Dass meine Bedenken hauptsächlich mit Jeff zu tun hatten, erwähnte ich nicht.

„Deshalb bin ich ja hier. Ich habe dir versprochen, dass du nicht töten musst, und ich werde dir auch beibringen, es nicht zu tun. Nur musst du dafür auch mal anfangen.“

Ihre wunderschönen großen Augen bedachten mich mit einem liebevollen Blick.

„Na los. Fang an, ich passe auf.“

Ich sah zu dem Mann. Auch er schien so langsam zu begreifen, dass es sich hier nicht um seine ultimative sexuelle Fantasie handelte.

Ich streckte vorsichtig meine Fühler aus und ertastete die pulsierende Energie, die seinen Körper umgab.

„Ich finde das wirklich nicht richtig“, beharrte ich, obwohl mein Atem sich bereits beschleunigte.

„Diana. Unser Bruder hat mich nicht ohne Grund zu dir geführt. Lucifer muss einen Plan haben, um seinem Gefängnis zu entkommen, und wenn es soweit ist, müssen wir so stark sein wie möglich.“

Sie schob mich sanft aber bestimmt zu dem Mann. Ich spürte das Verlangen in mir. Ich kannte es, ich hatte es schon früher gespürt, nur hatte ich es damals für Lust gehalten. Die namenlosen One Night Stands hatten mich nie ganz befriedigen können, und jetzt wusste ich endlich, wonach ich verlangte.

Vielleicht würde Jeff es verstehen, wenn ich es ihm erklärte. Falls ich ihn je wiedersah.

Ich legte meine zitternden Hände auf die Schultern des Mannes. Ich konnte seine Energie vibrieren spüren. Desirée nahm die Hand von seinem Mund, und bevor er protestieren konnte, nahmen meine Lippen ihren Platz ein. Sein Widerstand brach augenblicklich zusammen und er stöhnte, als seine Energie in mich strömte. Ich keuchte. Pures Leben durchdrang meine Lungen. Ich presste mich enger an ihn. Hätte Desirée nicht neben mir gestanden, wäre ich hier und jetzt über ihn hergefallen.

„Das reicht“, hörte ich sie sagen.

Ich wollte noch nicht aufhören. Ich konnte noch nicht.

„Diana.“

Sie zog mich weg und der Energiestrom riss ab. Ich schnappte nach Luft.

Der Mann sackte mit einem seligen Lächeln gegen die Wand.

Mein Körper bebte.

„Es ist alles in Ordnung“, säuselte Desirée ruhig und beugte sich zu dem Mann.

Ein tiefer Blick in ihre Augen reichte und er würde uns vergessen. Sie hatte mir diesen Trick bereits gezeigt, doch jetzt war ich dankbar, dass sie es übernahm.

Mich fröstelte. Ich schlang meine Arme um meinen Körper und starrte mit glasigem Blick auf den Mann, dessen Energie ich soeben getrunken hatte.

Wortlos schlüpfte Desirée aus ihrem Mantel und legte ihn mir um die Schultern.

„Ist dir schlecht?“, fragte sie und rieb mir über die Arme.

„Ein bisschen.“

Es fiel mir schwer, deutlich zu sprechen. Mir war schwindelig von meinem Rausch und ich begrüßte Desirées Arm um meine Taille, als wir durch die nächtlichen Straßen von Paris nachhause schlenderten.

 

~*~

 

Der Wind fuhr mit einem gespenstischen Heulen durch die Schlucht und riss Amabilis aus dem Schlaf. Sie hatte sich in einer Nische im schwarzen Fels zusammengerollt, in der Hoffnung auf etwas Erholung. Sie war ausgelaugt und ihre Glieder fühlten sich steif und zerbrechlich an. Langsam richtete sie sich auf und ein stechender Schmerz fuhr durch ihre Flügel in ihre Schultern. Sie schrie auf und sank zurück auf den Boden. Bewegungslos harrte sie aus, bis sie wieder zu Atem gekommen war.

Die schweren Ketten, die ihre Flügel an ihrem Körper fixierten, schnitten in ihr Fleisch. Ihr Blick wanderte zur gegenüberliegenden Wand, die kaum zwei Meter entfernt war. Warum sollte sie überhaupt aufstehen? Sehnsüchtig sah Amabilis nach oben, wo ein leichter Schimmer des arkadischen Lichts das Ende ihres finsteren Gefängnisses markierte. Das Licht reichte gerade so dazu aus, sie am Leben zu erhalten, doch es war zu weit entfernt, um sie zu stärken.

Es war hoffnungslos. Es gab kein Entkommen. Egal, wie weit Amabilis die Schlucht hinab wanderte, sie würde niemals enden. Sie war eine Gefangene der trostlosen Leere, die in sie eingedrungen war und ihren Geist erfüllte. Amabilis‘ Eingeweide verkrampften sich und zwangen ihrem Körper ein Schütteln auf, das erbarmungslos an ihren starren Flügeln riss. Ihr Heulen hallte ungehört durch die Schlucht und hielt ihr ihre Einsamkeit noch deutlicher vor Auge.

„Lasst mich doch sterben“, schluchzte sie ins Nichts. „Lasst mich doch bitte einfach sterben!“

Ihr Leben hatte keinen Sinn mehr. Sie hatte sich Stück für Stück ihre eigenen Organe herausgerissen, hatte ihre Familie verraten, um bei den Engeln zu bleiben, und hatte die Engel verraten, um ihre Familie zu schützen. Ihre Geschwister hassten sie, und die Engel hatten sie in dieses Verlies verdammt – zu Recht – nachdem sie ihre Tat gestanden hatte.

Nur ein letztes Geheimnis ruhte tief in Amabilis, so tief, dass sie es nicht einmal in ihrer größten Verzweiflung der Leere anvertraute. Sie wusste nicht, ob es überhaupt noch Sinn hatte, das Geheimnis zu bewahren, oder ob längst alles verloren war. Aber allein die Existenz des Geheimnisses, der letzten Sache, die Amabilis noch gehörte, verhinderte, dass sie ihren Verstand vollkommen verlor. Und so würde sie sich bis zu ihrem Tod daran festklammern.

„Galgal.“

Sie schreckte auf. Es war so lange her, dass sie ein Geräusch gehört hatte, das nicht von ihr selbst verursacht worden war. Zuerst dachte sie, es wäre eine Einbildung, ein Hirngespinst ihres Wahns. Doch dann fanden ihre müden Augen den Engel, der vor ihr in der Schlucht gelandet war.

Der Cherub erschien ihr wie eine Todesfee, gekommen, um ihren Atem zu ersticken. Sein flammendes Schwert warf flackerndes Licht gegen das rohe Gestein, das sie umgab. Sie kämpfte sich auf die Knie, faltete ihre Hände im Schoß und senkte das Haupt, bereit, ihren Tod zu empfangen. Ihr blondes Haar, einst so seidig und weich, nun verfilzt und struppig, fiel ihr ins Gesicht.

Würde es ihr vergönnt sein, die silbernen Tränen des Todes auf ihren Wangen zu spüren, oder würde er sie direkt enthaupten? Es war ihr egal. Sie hatte dieses Ende verdient. Sie war nicht mehr wert als ein gemeiner Mörder.

„Nicht hier. Die Seraphim werden dein Urteil fällen.“

Sie sah auf. Hatten sie einen Schauprozess arrangiert? Sollte ihr Tod ein mahnendes Beispiel für andere werden, die die Prinzipien der Engel verrieten?

Bevor sie sich selbst auf ihre schwachen Beine erheben konnte, hatte der Cherub sein flammendes Schwert in die Scheide auf seinem Rücken gesteckt und sie auf seine Arme gehoben. Er trug sie durch die Lüfte, und je näher sie dem Licht kamen, umso tiefer wurden Amabilis‘ Atemzüge. Obwohl die Helligkeit auf ihrer Netzhaut brannte, schloss sie die Augen nicht, als sie die Schlucht verließen. Sie wollte das Licht mit jedem Zentimeter ihres Körpers aufsaugen. Es war, als hätte jemand sie unter Wasser gedrückt, bis sie fast ertrunken wäre, und nun drang wieder Sauerstoff in ihre Lungen.

Sie erreichten die Wolkenfestung in kürzester Zeit. Die zwölf Seraphim waren bereits versammelt, doch kein anderer Engel war zu sehen.

Als der Cherub Amabilis absetzte, gaben ihre Beine nach und sie fiel auf die Knie in den umherwirbelnden Dunst. Sie störte sich nicht daran, denn dort gehörte sie in diesem Moment hin. In den Staub zu den Füßen derer, die ihr überlegen waren. Auf einen Wink des oberen Seraph entfernte sich der Cherub. Stille kehrte ein, doch Amabilis wagte es nicht, aufzublicken.

„Amabilis.“

Ihre Augenlider schlossen sich flatternd, als der Seraph sie ansprach.

„Wir sind hier, um deinen Fall neu zu verhandeln.“

Eine neue Verhandlung? Amabilis‘ Augen flogen überrascht auf. Sie war davon überzeugt gewesen, dass ihr Todesurteil bereits gefällt worden war.

„Bekennst du dich nach wie vor schuldig deiner Vergehen?“

„Ja“, sagte sie demütig.

„Nenne sie.“

Amabilis räusperte sich. Ihre Kehle war rau und das Sprechen fiel ihr schwer.

„In der Nacht, in der die Cherubim meine verbannten Schwestern aufspürten, befand ich mich in Iridion. Durch die Verbindung, die alle arkadischen Geschwister teilen, spürte ich es, als meine Schwester starb.“ Ihr Körper bebte. „Ich erreichte ihren Körper, bevor ihre Seele ihn verlassen hatte. Obwohl ich meine Schwester lange nicht gesehen hatte und sie für das, was sie getan hatte, verurteilte, war mein Schmerz zu groß. Ich missbrauchte meine Macht als Seelenhirte und … verhinderte, dass sie ins Pandaimonion gesogen wurde. Ich fand ein neugeborenes Menschenkind.“ Ein Schluchzer unterbrach ihre Schilderung, doch sie zwang sich dazu weiterzusprechen. „Ich legte die Seele meiner Schwester in den Körper des Neugeborenen, anstatt ihm eine neue, reine Seele aus dem Seelenbrunnen zu schöpfen. Damit brach ich alle Prinzipien der Engel und Seelenhirten und verhinderte den Tod eines gefallenen Engels.“

Sie schlug die Hände vors Gesicht, um ihre Schluchzer zu dämpfen.

„Und du hast niemandem von deiner Tat berichtet, bis uns die Nachricht der Hohepriesterin erreichte, dass sie ein Mischwesen in eben dem Dorf gefunden hatte, in dem der gefallene Engel getötet worden war.“

„Nein“, presste sie hervor.

Die Stille, welche folgte, war erdrückend. Doch die Seraphim verharrten schweigend, bis Amabilis die Kontrolle über ihren Körper wiedererlangt hatte und die Hände von ihrem Gesicht nahm.

„Bist du verärgert über die Strafe, die wir dir auferlegt hatten?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich habe sie verdient und noch mehr.“

Wieder folgte Stille. Dann fuhr der obere Seraph fort.

„Wir haben deinen Fall ausführlich diskutiert. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass du, trotz deiner Geschwister, welche gänzlich verdorben sind, ein treuer, guter Engel bist. Der einen Fehler, den du in den hunderten Jahren deiner Existenz gemacht hast, geschah aus geschwisterlicher Liebe. Eine Schwäche, die zu vergeben ist. Außerdem hast du in dem Moment, in dem die Seele deiner Schwester entdeckt wurde, sofort und ohne Bedenken alles aufgedeckt. Nur so konnten wir schnell genug handeln, bevor die Nachricht über das Mischwesen an weitere Zeugen gelangen konnte.“

Vor Ambilis‘ innerem Auge loderte das Feuer auf, mit dem sie das Save House und die drei Avalim darin verbrannt hatte. Bis zu jenem Tag hatte sie noch nie ein Leben ausgelöscht, und sie hatte spüren müssen, wie ein Teil ihrer Seele verkümmerte. Doch nach ihrem Verrat verdiente sie auch keine reine Seele mehr.

„Der Krieg der Nephilim war lange vor deiner Zeit, Amabilis“, sagte der Seraph.

Bei dem Wort Nephilim griff nackte Angst nach ihrem Hals und ihre Augen weiteten sich.

„Die Kinder der Engel und Menschen waren grausam und mächtig. Sie nahmen viele mit in den Tod, doch glücklicherweise gelang es uns, sie zu bezwingen. Seither existiert das strikte Verbot vom Vermischen der Rassen. Die Seele eines Engels im menschlichen Körper kommt den Nephilim gefährlich nahe. Das Mischwesen muss getötet werden, bevor es eine weitere Katastrophe auslösen kann und damit die drei Dimensionen aufs Neue ins Chaos stürzt. Nicht einmal das Wissen um die Existenz der Nephilim darf die Arkadien jemals verlassen. Deshalb mussten die Zeugen augenblicklich vernichtet werden.“

Amabilis nickte langsam.

„Doch wie du weißt, entkam das Mischwesen.“

Jeder einzelne Muskel in Amabilis‘ Körper verspannte sich und sie glaubte auseinander zu reißen.

„Du warst mehr als drei iridische Monate im Verließ. In dieser Zeit ist es niemandem gelungen, auch nur eine deiner zwei Schwestern aufzuspüren.“

Zum ersten Mal, seit die Verhandlung begonnen hatte, hob Amabilis den Kopf.

„Durch die Verbindung, die ihr teilt, sollte es dir möglich sein, sie zu finden.“

Sie nickte langsam. Als sie vor ein paar Monaten ihre Schwester hatte aufspüren sollen, war es ihr problemlos gelungen. Obwohl sie jahrelang nicht mehr nach dem Geist ihrer Schwester getastet hatte.

„In jener Nacht, in der du deine Schwester vor dem Tod bewahren wolltest, hast du deine Prinzipien verraten. Doch wir wissen, wie tief diese Prinzipien in dir verwurzelt sind, und dass du ihnen sonst immer treu warst. Wir gestatten dir eine letzte Chance, um deine Ergebenheit und Reinheit zu beweisen. Geh nach Iridion und finde deine lebende Schwester und das Mischwesen. Wenn beide ihr Ende durch die flammenden Schwerter der Cherubim finden noch bevor das neue Jahr beginnt, werden wir dir vergeben und dich wieder als Seelenhirte in unseren Reihen willkommen heißen. Wenn du uns enttäuschst, die verdorbene Seite deines Charakters bestätigst und den Frieden der Welt weiter der drohenden Gefahr des Mischwesens aussetzt, wird stattdessen deiner Existenz ein Ende bereitet. Deine Seele wird keine Erlösung finden und du wirst verbannt werden wie deine Geschwister, auf dass kein Engel jemals wieder deinen Namen aussprechen wird. Bis zu deinem Erfolg darfst du die Arkadien nicht mehr betreten.“

Amabilis erhob sich langsam. Alles hatte sich geändert. Eine Vision formte sich in ihrem Kopf. Es gab einen Weg, alles wieder ins Reine zu bringen. Sie konnte ihre Fehler korrigieren und würde Vergebung erhalten.

„Ich werde sofort aufbrechen.“

 

~*~

 

Ich erwachte sehr langsam. An irgendeinem Punkt wurde ich mir bewusst, dass meine Augen schon eine Weile offen waren. Ich atmete tief ein, um den Schlaf aus meinem Körper zu vertreiben. Desirée lag neben mir auf dem Bett. Sie schlief zusammengerollt wie eine Katze. Solange ihre Lider geschlossen waren und man nicht das Funkeln in ihren Augen sah, hätte man denken können, sie wäre nichts weiter als eine junge, wunderschöne Frau. Ein unschuldiges, schlafendes Schneewittchen, das auf ihren Prinzen wartete.

Ich musterte ihre feinen Gesichtszüge und ihre schimmernde elfenbeinfarbene Haut. Gut, wunderschön war vielleicht untertrieben. Sie war ein Engel. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Möglichst leise, um sie nicht zu wecken, krabbelte ich aus dem Bett und ging ins Bad, um zu duschen.

Der Rausch der vergangenen Nacht war verraucht, doch die Erinnerung war geblieben. Ich starrte mein Spiegelbild an, während ich mir das nasse Haar bürstete, und suchte nach Veränderungen. Doch bis auf etwas wachere Augen, als man es kurz nach dem Aufstehen erwarten würde, sah ich nichts. Warum auch. Ich war immerhin noch die gleiche Person. Wer auch immer das war.

Ich war so energiegeladen, dass es mir schwer fiel, lange genug still zu halten, bis ich meine Haare geföhnt und mich angezogen hatte. Als ich endlich fertig war hüpfte ich förmlich in die Küche.

„Guten Morgen, Gerome“, rief ich.

Der Mann, in dessen Apartment Desirée und ich wohnten, seit wir in Paris waren, sah von seiner Zeitung auf.

Gerome war ein Hexenmeister, einer der wenigen, die nicht für den Orden tätig waren. Tatsächlich war er der Camerata Avalia verwiesen worden. Warum, wusste ich nicht, nur, dass er und Desirée danach Freunde geworden waren. Sie schien Freunde dieser Art überall auf der Welt zu haben, aber das passierte wohl, wenn man jahrhundertelang im Untergrund lebte. Einen dieser speziellen Freunde hatten wir bereits wenige Stunden nach unserer Flucht aus Bonassola aufgesucht. Es war eine Hexe namens Belladonna, auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, dass das ihr echter Name war. Sie hatte einen Zauber auf uns gelegt, der es unmöglich machte, uns mittels Magie aufzuspüren. Desirée hatte sie dafür mit etwas entlohnt, was die Hexe sich sehr gewünscht hatte. Ich wusste nicht, was es war und hatte damals auch nicht den Wunsch verspürt, nachzufragen. Als wir wenige Wochen darauf Paris erreichten, nachdem wir eine Weile in der Schweiz untergetaucht waren, hatte Gerome den Zauber erneuert und dabei etwas Interessantes herausgefunden. Anscheinend war mein Körper bereits von einem Schutzbann umschlossen, der schon einmal eine Untersuchung abgewehrt hatte. Alabaster, Jeffs Ältester, hatte mich damals durchleuchtet – oder es zumindest versucht. Der Bann war so stark, dass Gerome es für effektiver gehalten hatte, ihn auf Desirée zu übertragen, anstatt einen neuen zu entwerfen. Wir wussten nicht, woher dieser Bann kam, doch Desirée war begeistert gewesen, als sie merkte, dass er stark genug war, um die Verbindung zu ihrer Schwester Amabilis zu unterbrechen. Mit ihm waren wir absolut sicher. Es sei denn natürlich, jemand sah und erkannte uns.

„Mittag wohl eher, aber ich lasse es durchgehen. Ihr hattet eine aufregende Nacht, nehme ich an?“

Sein Italienisch hatte einen starken französischen Akzent, doch ansonsten war es fehlerfrei.

„Ja“, gab ich schuldbewusst zu.

„Na, na, Diana. Es ist deine Natur.“

Ich wiegte leicht den Kopf hin und her.

„Da bin ich mir nicht so sicher. Ich muss mich nicht von Energie ernähren. Ich bin ein Mensch.“

Zum Teil.

„Aber du kannst es.“

„Man sollte nicht alles tun, was man kann.“

Gerome hob die Augenbrauen.

„Es ist ein Teil deiner Natur. Ich habe lange gebraucht, um meine zu akzeptieren. Lass dir von den Ansichten der Camerata keine Steine in den Weg legen.“

Ich wollte widersprechen, doch ich gab auf. Es hatte keinen Sinn, mit Gerome oder Desirée über moralische Werte zu diskutieren. Nicht, dass sie keine hatten. Es waren nur komplett andere als meine.

„Weißt du, wovon Engel sich ernähren?“, fragte Gerome.

Ich nickte langsam. Desirée hatte es mir in einer der endlosen Nächte in der Schweiz erzählt, in denen ich sie mit Fragen gelöchert hatte, bei dem Versuch, ihre Welt zu verstehen.

„Es ist das Licht in den Arkadien. Es ist pure Energie.“

Gerome nickte und strich sich das wasserstoffblonde Haar aus den Augen. Das Shirt, das er trug, spannte sich, als er sich im Küchenstuhl zurücklehnte, und die Pailletten, mit denen es bestickt war, glitzerten wild in der Wintersonne.

„Die gefallenen Engel haben keinen Zugriff darauf. Daher ernähren sie sich wie Dämonen von der Energie der Menschen.“

„Machen sie es immer wie Sukkubi?“, fragte ich.

Desirées Art zu „essen“ glich der von Dämonen, die sich von sexueller Energie ernährten. Sukkubi waren die stärksten unter den Dämonen. Leider war es auch ein Sukkubus gewesen, der Jeffs ältere Schwester getötet hatte. Diese Tatsache hinderte mich am meisten daran, meinen neuen Speiseplan zu akzeptieren. Zwar hatte ich nichts mit einem Sukkubus gemein, aber es erschien mir trotzdem falsch und respektlos.

„Ja. Ich denke, es ist einfach am praktischsten. Nach Hoffnung oder Trauer muss man suchen. Aber Lust ist überall, wo Menschen sind. Es ist auch die stärkste und natürlichste Energie.“

„Was ist mit Liebe?“

Gerome lächelte auf eine Art, mit der man naive Kinder bedachte, doch ich wusste, dass er es nicht böse meinte. Geduldig wartete ich auf seine Antwort.

„Engel haben ein anderes Konzept von Liebe als wir Menschen. Für Menschen empfinden sie nichts als eine universelle Zuneigung, die meiner Meinung nach Gleichgültigkeit näher kommt als wahrer Liebe. Sie sind keine romantischen oder sexuellen Wesen. Sie verlieben sich nicht ineinander und vermehren sich nur, um fortzubestehen.“

„Ist ihnen die Familie deshalb so wichtig? Weil das die tiefste Liebe ist, die sie empfinden können?“

Ich wusste, wie sehr Desirée Lucifer vermisste, obwohl sie ihn fast nie erwähnte. Und ich wusste auch, dass ihre Liebe für Aurora tief genug ging, um mich, die ich eine völlig Fremde war, von der ersten Sekunde an ohne Bedenken als Schwester aufzunehmen. Sie hatte viel damit riskiert, als sie sich entschlossen hatte, mich zu retten, und so erneut die Aufmerksamkeit der Engel auf sich gezogen.

„Ja. Das Band der Geschwister ist unzertrennlich. Bis auf manche bedauerliche Fälle.“

Ich wusste, wen er damit meinte. Desirée hasste sie so sehr, wie sie Aurora liebte. Doch auch sie erwähnte Desirée fast nie.

„Für gefallene Engel trifft das mit dem Sex aber offensichtlich nicht zu“, stellte ich fest, um der Mine namens Amabilis auszuweichen.

Desirée liebte Sex und sie hatte ihn öfter als es gesund sein konnte. Und auch ich hatte eine lange Liste von One Night Stands vorzuweisen. Nach meinen neuesten Erkenntnissen schob ich dies auf den gefallenen Engel in mir, auch wenn ich mir nicht ganz sicher war, ob es das besser oder schlechter machte.

„Ja. Sie empfinden Leidenschaft, doch ihr Hunger kann nie ganz gestillt werden, es sei denn sie ernähren sich wie Sukkubi. Außerdem können gefallene Engel sich nicht vermehren.“

Ich hielt inne. Das hatte ich nicht gewusst. Es machte Sinn, andernfalls hätte Desirée wahrscheinlich schon hunderte Nachkommen. Ich fragte mich, ob der gefallene Engel in mir ausreichte, um diesen Bereich zu beeinflussen. Zwar hatte ich bisher nie in Erwägung gezogen, irgendwann Kinder zu bekommen, aber ich war auch noch jung. Falls es mich betraf, hätte

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Clara Schilling
Cover: Coverdesign von Sabrina Gleichmann, book-cover.eu
Tag der Veröffentlichung: 19.10.2018
ISBN: 978-3-7438-8482-3

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /