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Ich saß auf dem schwarzen Ledersofa, das so stand, dass man direkt durch die große Fensterfront auf Tokio herab blicken konnte. Neonwerbetafeln, Blinklichter und Autoscheinwerfer erhellten die dunkle Nacht. Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt. Ich hatte die Beine angezogen und die Arme um sie geschlungen. Während ich die nächtliche Stadt betrachtete versuchte ich alles andere auszublenden. Die kalte Luft an meiner Haut. Das Brennen in meinen Augen und den Schmerz. Den Schmerz, der tief in mir saß und mich auffraß und auszehrte. Den Schmerz, den ich nach einer Woche Tränen und Verzweiflung eingeschlossen hatte und nicht mehr zuließ. Genau wie alles andere. Die Tage zogen an mir vorbei, ohne dass ich etwas davon mitbekam. Ich saß herum, eingesperrt in der Wohnung. Aber wo hätte ich schon hinsollen? Ich wusste, dass ich nicht mehr lange in „Freiheit“ leben würde, da ich eine Doppelbegabte war und für den Rat eine Art wissenschaftliches Phänomen war. Sie würden mich in ihren Labors einsperren, so stellte ich es mir zumindest vor. Ich hatte nicht nachgefragt, vielleicht war da doch noch ein kleiner Teil in mir, der Wiederstand leistete und Angst vor der Antwort hatte.
Ich hätte weglaufen können. Ich konnte mich schon über kurze Entfernungen teleportieren und hatte diese Gabe unter Kontrolle. Die Telekinese beherrschte ich sehr gut, doch auch sie benutzte ich nicht. Ich wollte gar nicht flüchten. Was hatte ich denn noch im Leben? Keine Eltern, keine Freunde und keinen Freund. Ich hatte einmal mit dem Gedanken gespielt zu William zu gehen. Aber sie würden mich dort schnell finden und außerdem wollte ich ihn nicht in Gefahr bringen. Zwar hatte ich keine Angst vor den Voluntas Dei, aber seitdem mir der unheimliche Mann im Park in London begegnet war, wusste ich, dass sie nicht nur eine vage Vorstellung von mir, sondern durch aus real waren.
„Du bist ja noch wach.“
Ich drehte den Kopf und sah Jack, meinen neuen Beschützer, im Türrahmen stehen. Er trug ein T-Shirt und Boxershorts. Seine Haare waren verstrubelt und er hatte seine Augen nur halb geöffnet.
„Ich konnte nicht einschlafen“, sagte ich teilnahmslos.
Jack kam zu mir und ließ sich neben mich aufs Sofa fallen.
„Warum?“, fragte er müde und sah mich halbwegs aufmerksam an.
„Einfach so.“
Er schwieg kurz, dann meinte er sanft: „Ich weiß ja, dass du das nicht hören willst, aber du solltest ihn vergessen, Jenna. Das macht dich noch kaputt.“
„Ich will nicht darüber reden“, sagte ich scharf. Jack hatte keine Ahnung. Er wusste nichts über mich und … IHN. Er kannte mich nicht einmal richtig. Obwohl Jack und ich seit zwei Wochen in der gleichen Wohnung lebten, unterhielten wir uns kaum. Manchmal kam John vorbei und erzählte Jack das Neueste. Dann ging ich aber immer in mein Zimmer. Ich wollte nicht hören, was John zu erzählen hatte. Ich vermied alles, was mich an IHN erinnerte. Nur so, schaffte ich es den Schmerz zu ignorieren.
„Komm, Jenna. Geh wieder ins Bett.“ Jack stand auf und hielt mir die Hand hin. Ich ergriff sie und ließ mich von ihm hochziehen. Er brachte mich in mein Zimmer und wünschte mir eine gute Nacht. Bevor er den Raum verließ hielt er jedoch noch einmal kurz inne.
„Dadurch, dass du dich so abkapselst, wird es doch nicht besser. Fang wieder an zu leben, Jenna.“
„Wofür denn?“, fragte ich, doch da hatte er schon die Tür hinter sich geschlossen und mich mit meinen dunklen Gedanken zurückgelassen.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich seltsam. Ich wusste nicht woran es lag, aber ich verspürte seit zwei Wochen wieder den Drang aufzustehen und zu frühstücken. In letzter Zeit hatte ich nur etwas zu mir genommen, wenn Jack es mir direkt unter die Nase gehalten hatte. Aber heute war es anders.
Ich schlich in die Küche, da es noch sehr früh war und ich Jack nicht wecken wollte. Ich aß zwei Scheiben Brot und trank ein Glas Saft. Dann ging ich ins Bad und duschte lang und kalt. Das eisige Wasser machte mich richtig wach und als ich tropfend und zitternd vor dem Badezimmerspiegel stand versuchte ich zu lächeln. Es glich eher einer Grimasse, aber der Wille zählte.
Es gab absolut keinen Grund wieder aufzustehen und weiter zu machen. Aber das war mir egal.
Ich trocknete mich ab und schlüpfte in Jeans und Pullover. In der Wohnung war es zwar immer warm, aber draußen war der Herbst schon richtig in Stimmung. Ich föhnte meine braunen Haare und atmete tief ein und aus. Dann verließ ich das Bad und ging über den Flur zum Wohnzimmer. Doch als ich es betreten wollte hörte ich Johns Stimme:
„… Wie geht es ihr?“
Ich erstarrte und harte mucksmäuschenstill aus.
„Ich weiß nicht. Sie ist immer so teilnahmslos, als würde sie nichts mehr interessieren, nicht einmal ihr eigenes Leben“, seufzte Jack. „Sie will nicht über das Geschehene reden, aber auch über sonst nichts.“
„Weint sie noch?“
„Nein, und das ist es ja, was mich so verwirrt! Sie ist so still und leer. Aber dass sie jetzt schon wach ist, wundert mich. Vielleicht ist es ja ein gutes Zeichen…“
Woher wussten sie…? Ach so, klar. Vermutlich hatten sie die Dusche gehört. Ich straffte die Schultern, dann stieß ich die Tür auf und trat ein.
„Guten Morgen, Jungs.“ Diesmal schaffte ich es zu lächeln, auch wenn es nicht meine Augen erreichte.
„Guten Morgen“, machte Jack verblüfft.
„Hi Jenna“, sagte John und lächelte zurück. Wie immer trug er einen Trainingsanzug.
„Hast du heute frei?“, fragte ich und ließ mich neben Jack auf die Couch fallen.
„Ja.“ John arbeitete nicht wie die meisten Teleporter als Beschützer oder bei einem Rettungsdienst, sondern bei Scotland Yard. Dank seiner Fähigkeit die Erinnerungen eines Raumes zu sehen, war er sehr erfolgreich. Allerdings wussten seine Vorgesetzten nichts von seiner übernatürlichen Begabung, was die Sache etwas schwerer gestaltete.
„Cool. Wie läuft’s eigentlich mit Tessa?“, fragte ich und glaubte zu sehen wie sich Johns dunkle Wangen rötlich färbten. Tessa war die Schwester von Brandon (ich zwang mich seinen Namen zu denken) und als ich sie auf einer Party kennengelernt hatte, war sie mir sofort sympathisch gewesen. Außerdem hatte ich mitbekommen, dass sie und John auf einander standen.
„Äh, ganz gut. Warum?“, fragte John.
„Nur so.“ Ich zuckte mit den Schultern. Dann schwiegen wir.
Nach einer Weile fragte ich in die unangenehme Stille hinein: „Was passiert jetzt eigentlich?“ Meine Stimme klang belegt.
John sah mich verwirrt an, doch Jack verstand schneller.
„Also, der Rat möchte dich kennenlernen. Und zwar schon morgen.“
„Was? Warum hast du das nicht schon früher gesagt?“
Er schwieg und ich wusste warum. Weil es mich bis vor ein paar Stunden noch nicht interessiert hatte.
„Du musst keine Angst haben. Niemand will dich einsperren oder so…“
„Jack, ich bin schon längst eingesperrt“, bemerkte ich trocken und es war die Wahrheit. Selbst wenn ich gewollt hätte, dürfte ich die Wohnung nicht verlassen. Aus Sicherheitsgründen.
„Ehm, naja. Sie wollen jedenfalls nur mit dir reden und ein Arzt nimmt dir ein bisschen Blut ab und so.“ Jack sah mich vorsichtig an.
„Das ist alles?“, fragte ich verblüfft.
„Fürs erste schon.“
„Oh.“ Das war… ganz anders als ich erwartet hatte. Also kein Labor und kein Käfig? Nun gut, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Und so sah ich dem nächsten Tag mit gemischten Gefühlen entgegen.

„Bereit?“, fragte Jack und streckte mir seine Hand entgegen.
„Kein bisschen“, meinte ich und zwei Sekunden nach dem ich Jacks Hand genommen hatte, waren wir auch schon weg teleportiert. Mir war schlecht, was aber ausnahmsweise nicht am Teleportieren lag. Ich war total nervös, was dieser Rat von mir wollte. Mich kennenlernen. Hatte ich irgendwelche Aufgaben als Doppelbegabte? Was für Erwartungen hatten sie an mich? Wollte ich diese Erwartungen überhaupt erfüllen?
Ich hatte wieder festen Boden unter den Füßen und ließ Jakes Hand los. Wir befanden uns in einer großen Empfangshalle. Die Wände waren hoch und an der Decke hing ein riesiger prunkvoller Kronleuchter. Die Wände waren mit kunstvollen Wandmalereien verziert und der Boden war mit Marmor und Edelstein Mosaiken verziert.
Hinter uns war eine große Doppeltür aus dunklem Eichenholz, doch sie war geschlossen und ich sah auch sofort warum. Die ganzen Leute, die still durch die Halle eilten verschwanden einfach beim Laufen. Die wenigen Frauen die unter ihnen waren, hasteten jedoch durch kleinere Türen an den Seiten der Halle. Alle trugen förmliche Anzüge oder Kostüme. Rechts von uns gab es einen großen Tresen hinter dem drei Sekretärinnen saßen.
„Wo sind wir hier?“, fragte ich Jack flüsternd.
„Im „Regierungsgebäude“ der Teleporter und Telekinesen. Herzlich Willkommen in Rom, Jenna.“ Jack grinste mich an, dann ging er auf den Tresen zu. Ich folgte ihm zögerlich.
„Guten Tag“, einte Jack mit leiser Stimme und eine der Sekretärinnen hob den Blick. Sie hatte ihre braunen Haare streng nach hinten gesteckt und trug eine Brille mit rechteckigen Gläsern. Mit ihrem grauen Kostüm und der gestärkten weißen Bluse saß sie aus wie eine Schaufensterpuppe.
„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“, fragte die junge Frau und ihre Stimme klang irgendwie gepresst und viel zu hoch.
„Mein Name ist Jack Nixon und ich bin hier mit Jenna Gorden. Wir haben einen Termin beim Obersten Rat.“ Er lächelte die Frau freundlich an und diese errötete. Sie mochte nicht viel älter sein als wir, doch in ihrem Aufzug sah sie aus wie 30. Ich trat neben Jack und konnte auf ihrem kleinen Namensschild lesen, dass sie Amy Johnson hieß.
Amy. So hieß auch meine ehemalige beste Freundin. Ich hatte mich nicht mehr bei ihr gemeldet, seit Brandon in mein Leben getreten war.
„Einen Moment, bitte“, sagte Amy Johnson und wählte die Eins auf dem Telefon, das neben ihr stand.
Jack beobachtete jede ihrer Bewegungen, während sie darauf wartete, dass der Anruf angenommen wurde.
„Hallo Dean, hier sind Mr Nixon und Miss Gorden … Ja, ich bring sie hoch.“ Sie legte auf und erhob sich. „Folgen Sie mir bitte.“
Während wir der Frau durch die Halle folgten, fragte ich Jack leise: „Warum teleportieren wir nicht hoch?“
„Auf allen Räumen in der oberen Etage sind Teleportierbanne. Eine Art Schutzmaßnahme.“
„Ist das denn nötig?“
„Alle wichtigen Ratsmitglieder halten sich dort auf. Und nicht jeder Teleporter ist anständig.“
Ich sah ihn erschrocken an, doch er beachtete mich nicht weiter. Wir standen vor einem Aufzug und warteten darauf, dass sich die mit Holz vertäfelten Türen öffneten.
„Entschuldigen Sie bitte, es sind momentan nur zwei Aufzüge intakt, deshalb muss man etwas länger warten“, meinte Amy Johnson nervös.
„Du musst mich nicht siezen“, meinte Jack, der direkt neben Amy stand und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die beiden sich schon länger kannten.
„Im Gegensatz zu manch anderen trenne ich privates von geschäftlichem“, sagte Amy spitz, doch sie wurde rot.
„Jetzt komm schon, bist du mir etwa immer noch böse, weil ich dich vor einem Jahr versetzt habe? Ich schwöre dir, ich hatte gute Gründe, und ich würde dir alles erklären, wenn du mich lassen…“
„Ich bin dir nicht böse, weil du mich versetzt hast. Ich bin stinkwütend, weil du mich vor all meinen Freunden blamiert hast und dich nicht mehr gemeldet hast.“ Wenn Blicke töten könnten, würde Jack nicht mehr unter den Lebenden wandeln. Er zog nur den Kopf ein und schaute Amy verdrießlich an, doch diese beachtete ihn nicht weiter.
Der Fahrstuhl öffnete sich und Jack und ich traten ein. Amy lehnte sich vor, drückte auf den Knopf mit Pfeil nach oben, dann drehte sie sich um und ging ohne ein weiteres Wort davon.
Die Aufzugtüren glitten geräuschlos zu und ich lehnte mich an die verspiegelte Rückwand. Es war mir total peinlich, dass Gespräch zwischen Jack und Amy gehört zu haben, da sie ja anscheinend einmal was mit einander gehabt hatten und es nicht gut ausgegangen war. Jack schaute missmutig auf den Boden, doch dann straffte er die Schultern und sah mich an.
„Egal was sie dich fragen, antworte möglichst wahrheitsgemäß. Und schweif nicht zu weit aus. Am besten sagst du gar nichts, wo nach nicht ausdrücklich gefragte wurde.“
„Okay“, sagte ich nervös. Dann hielt der Aufzug und die Türen öffneten sich.
Der Raum, den wir betraten, sah aus wie das Vorzimmer einer Arztpraxis. In der Ecke stand eine Topfpflanze, die Wände waren in einem hellen Ocker Ton gestrichen und hinter dem Empfangsschalter saß ein Mann mit schütterem braunem Haar. Ich vermutete, dass dies Dean war, der Mann, den Amy angerufen hatte, bevor sie uns nach oben geschickt hatte.
„Guten Tag, Jack. Wie geht’s dir?“, fragte Dean. Seine Stimme klang angenehm tief und leise.
„Hey Dean. Ja, ganz gut. Und dir? Wie geht es Doreen?“
„Gut, gut. Sie ist schon wieder schwanger.“ Dean zuckte lachend mit den Schultern.
Jack musste wohl oft hier sein, wenn die sich alle so gut kannten.
„Darf ich dir Jenna Gorden vorstellen?“, sagte Jack und zog mich etwas nach vorn.
Dean beugte sich vor und schüttelte meine Hand.
„Ist mir eine Ehre Sie persönlich kennenzulernen.“
Ich lächelte, war aber viel zu nervös um einen Ton raus zu bekommen.
„Gut, ihr könnt schon rein. Einfach den Gang runter, die letzte Tür. Du kennst dich ja aus, Jack.“
Ich folgte Jack den Gang entlang und als wir am Ende des Gangs vor der Tür standen, die bedrohlich über uns aufragte, hielt ich Jack zurück.
„Ich… ich hab Angst“, sagte ich und sah ihn hilfesuchend an.
„Wir kriegen das schon hin. Keine Sorge, ich bin ja da.“
Während er die Tür öffnete zog ein Schatten über mein Gesicht. Ja, er war da. Doch er war nicht Brandon. Ich erlaubte mir seit langem wieder, mir sein Gesicht vorzustellen und bereute es sofort. Ich hatte ihn wieder fort geschickt, als er sich entschuldigen wollte. Es war alles meine Schuld…
Ich blinzelte die Tränen weg und straffte die Schultern. Dann betrat ich hinter Jack den Raum.
Er erinnerte mich an einen kleinen Gerichtssaal. Wir schritten durch einen Mittelgang und links und rechts waren Bänke auf denen Männer und Frauen saßen. Ein bulliger Mann öffnete uns eine Gartentor ähnliche Tür und wir betraten den Bereich vor einem Podest auf dem vier Männer und zwei Frauen saßen und streng herab blickten. Jack setzte sich auf eine Bank direkt bei dem Törchen. Der Raum war von einer drückenden Stille erfüllt.
Dann sagte einer der Männer auf dem Podest: „Willkommen Miss Gorden. Setzten Sie sich doch, wir sind alle schrecklich gespannt Sie endlich kennen zu lernen.“
Ich setzte mich auf den einsamen Stuhl der in der Mitte des Bereichs stand. Wie bei einem Verhör, schoss es mir durch den Kopf und ich fühlte mich noch unwohler.
Der Mann, der mich begrüßt hatte, stellte sich und die anderen nun mit seinem starken Akzent vor: „Mein Name ist Doccici, der Vorsitzende des Rats. Hier rechts von mir sind Mr Edg aus England und Mrs Étrange aus Frankreich. Links sitzen Mr Fui-Sangi aus China, Mr Sangue aus Brasilien und Mrs Goeie aus Südafrika. Wir sind der Oberste Rat.“
Ich musterte den Rat genauer. Mr Edg saß seltsam steif auf seinem Stuhl und trug einen Tweed Anzug dessen Farbe an Erbrochenes erinnerte. Er hatte einen Schnauzer und dunkelbraune Haare.
Mrs Étrange trug ein enges hoch geschlossenes schwarzes Kleid und ihre schwarzen Haare vielen wie ein Wasserfall über ihre Schultern. Ich fand sie war zu stark geschminkt, doch irgendwie passte es zu ihr.
Fui-Sangi war klein und ziemlich dünn. Er trug als einziger légère Kleidung: ein weites weißes Hemd und eine blaue Jacke. Sein Blick war aufrichtig und erhaben und er erschien mir am sympathischsten von allen.
Mr Sangue wäre ich lieber nicht alleine in einer dunklen Gasse begegnet. Er hatte kurze schwarze Haare und harte, kantige Gesichtszüge und seltsame rote Narbe am Hals. Er saß zwar nicht so angespannt wie Edg da, doch sein Blick war wachsam und furchteinflößend.
Mrs Goeie hatte sehr dunkle Haut, die ihre verwirrend hellen Augen strahlen ließ. Ihre Haare waren zu Dred Locks frisiert und hingen an ihrem Kopf herab. Sie trug ein grünrotes Kleid, das aber sehr formell aussah.
Doccici selber sah einfach nur schleimig und heuchlerisch aus. Er hatte einen dünnen Oberlippenbart und zurück gegelte Haare. Sein Nadelstreifenanzug sah ziemlich teuer aus und das lila Einstecktuch mochte ein Vermögen gekostet haben.
„Sie sind in Broadstairs geboren, ist das richtig?“, fragte Doccici.
„Ja.“ Ich wollte noch mehr sagen, doch Jacks Worte spukten durch meinen Kopf und ich biss mir auf die Zunge.
„Geschwister?“
„Nein.“ Ich räusperte mich. Meine Stimme klang rau und heißer.
„Sind Ihre Eltern auch dort aufgewachsen?“
„Nein, meine Mutter ist… war aus Irland und mein Vater aus Wales. Sie haben sich im Urlaub in Broadstairs kennengelernt und sind dann einfach dort geblieben.“
„Ihre Eltern sind kürzlich verstorben.“ Es klang mehr wie eine Feststellung, doch ich antwortete trotzdem.
„Ja. Aber ich glaube nicht, dass es ein Unfall war.“ Ich sah den Italiener fest an und dieser runzelte die Stirn.
„Darüber liegt nichts vor. Bitte behalten Sie für sich, was Sie nicht beweisen können.“
Ich riss meine Augen auf. Dieser Rat bildete sich ein, mich aus meinem Leben zu reisen, weil diese dumme Sekte mich entdecken könnte, aber ich durfte nicht einmal das Offensichtliche ansprechen?
„Sind Sie verheiratet oder haben Sie Kinder?“, fuhr er mit seiner Befragung fort, von der ich wusste, dass er alle Antworten bereits kannte.
„Nein und nein. Ich bitte Sie, ich bin erst 20.“ Ich versuchte höflich zu bleiben, aber das war in dieser Situation schier unmöglich.
„Wie weit sind Sie ausgebildet?“, fragte Edg jetzt mit sonorer Stimme.
„Ähm, ich hab nicht studiert oder so, wenn Sie das meinen“, sagte ich verwirrt.
„Er meint, in wie weit du in deinen übernatürlichen Gaben unterrichtet wurdest“, klärte mich der Chinese freundlicher Weise.
Ich schluckte und mein Blick verschleierte sich, als ich an Brandons Unterricht zurück dachte. Dann fiel mir ein, dass niemand außer unseren Freunden jemals von unserer kurzen Beziehung erfahren durfte und richtete mich auf.
„Ich kann Telekinese eigentlich ziemlich gut und ich kann kontrollieren, dass ich mich nicht ausversehen weg teleportiere. Und mit Absicht kann ich mich nur an Plätze teleportieren, die in Sichtweite sind.“
„Das ist erstaunlich“, meinte Goeie kehlig. Und musterte mich eindringlich. „Hast du schon herausgefunden was deine Gabe ist?“
„Nein.“
„Ich könnte es dir vielleicht sagen“, meinte Fui-Sangi nachdenklich und ich hob eine Augenbraue.
„Fuis Gabe besteht darin, die Gaben anderer zu sehen“, erkläre die Französin lächelnd. Ihre Augen blieben unbewegt während sich ihre Mundwinkel hoben.
„Aber wenn ich es herausfände, hättest du nicht mehr die Erleuchtung am Ende deiner Suche“, meinte Fui-Sangi langsam.
Ich hob noch die andere Augenbraue und starrte ihn an. Die hatten doch alle eine an der Waffel.
„Nun denn“, sagte Doccici. „Ich denke, wir werden einmal pro Woche einen Aufseher zu Ihnen schicken, der Ihre Fortschritte überprüft. Mr Nixon, von Ihnen erwarte ich volle Kooperation. Ich möchte immer wissen wo sie sich aufhalten und ich will nicht wieder so ein undiszipliniertes Verhalten wie bei Ihrem Vorgänger.“
„Natürlich, Sir“, hörte ich Jack hinter mir steif sagen.
Nach unzähligen langweiligen und unbedeutenden Fragen über meine Kindheit durfte ich endlich gehen.
„Schauen Sie bitte noch in der unteren Abteilung vorbei. Dean wird Sie begleiten. Auf Wiedersehen, Miss Gorden.“
Damit erhob sich der Rat und verschwand durch eine Hintertür.
Ich sprang auf wie von der Tarantel gestochen und hastete zu Jack und schob ihn den Gang hoch nach draußen. Er hatte es wohl auch eilig zu verschwinden.
„Ach du Scheiße, was war das denn?“, keuchte ich als wir wieder im Vorzimmer waren. „Was war der Sinn von dem ganzen Geblubber? Ich hätte denen auch einfach meinen Lebenslauf mailen können.“ Ich verdrehte die Augen. Dadurch, dass ich mich aufregte, versteckte ich die Anspannung die mir noch in den Knochen saß.
„Was hat Doccici mit undiszipliniertem Verhalten gemeint?“ Ich dämpfte meine Stimme. „Ich meine, er weiß es doch nicht, oder?“
Jack schüttelte den Kopf und mein Puls beruhigte sich etwas. „Er meinte damit, dass … Brandon dich alleine nach draußen gelassen hat und so.“
Dean erklärte uns, dass er keine Zeit hatte um uns runter zu bringen und rief im Erdgeschoss an.
Während wir vor einem Fahrstuhl warteten biss ich nervös auf meiner Unterlippe herum.
„Was soll ich denn in dieser unteren Abteilung?“, fragte ich.
„Das ist die… Forschungsabteilung. Aber keine Angst, die nehmen dir nur Blut ab und untersuchen dich kurz. Nichts Schlimmes also.“
Ich nickte und der Fahrstuhl öffnete sich. Darin stand eine höchst schlecht gelaunte Amy. Wir traten neben sie, wobei ich mich in eine Ecke drängte und Jack dichter bei ihr stand als nötig. Ich fragte mich was zwischen den beiden vorgefallen war.
„Kommst du mit nach unten?“, fragte Jack.
Amy nickte knapp und lehnte sich gegen die Wand des Aufzugs ohne Jack eines Blickes zu würdigen. Dieser sah sie unverwandt an.
„Gehst du mit mir aus?“
„Nein.“
„Bitte?“
„Nein.“
„Wann hast du heute Feierabend?“
„Ich habe nein gesagt, Jack.“
Jack musterte sie ausführlich, dann sagte er: „Du solltest deine Haare offen tragen. Das sieht besser aus.“
Amy sah ihn verwirrt an und Jack grinste breit.
„Gib mir noch eine Chance. Komm schon, Süße, nur eine.“
„Such dir jemand anderen zum Nerven“, zischte Amy und verließ den Fahrstuhl der sich soeben geöffnet hatte. Wir folgten ihr. Ich mit etwas Abstand, Jack direkt neben ihr.
Sie zankten sich leise und ich konnte heraus hören, dass Amy nichts von einem Playboy wollte und Jack beteuerte, dass er keiner war.
Wir gingen durch schlecht beleuchtete Gänge und begegnete kaum anderen Menschen. Schließlich blieben wir vor einer Tür stehen. Amy drehte sich zu mir um und meinte höflich: „Doktor James wird Sie kurz untersuchen, dann können Sie gehen.“
Sie wollten gehen, doch ich hielt sie zurück: „Wie heißt der Doktor? James?“
„Ja“, meinte Amy verwirrt. „Don James.“
„Das ist jetzt aber keine Abkürzung von Brandon James?“, fiepte ich ängstlich.
„Nein. Aber er ist sein Vater.“ Mit diesen Worten ging Amy und ließ mich und Jack vor der Tür zurück.
„Ist das… Da drin, das ist doch nicht etwa…“
„Doch, ich fürchte schon.“
„Scheiße.“
Dann öffnete sich die Tür und vor uns stand ein älterer Mann im Arztkittel. Er sah Brandon zum Verwechseln ähnlich, nur dass er älter, dicker und kurzhaariger war als sein Sohn.
Ich schluckte.
„Guten Tag, Miss Gorden. Kommen Sie doch rein.“
„Ich warte hier“, rief Jack noch, dann fiel die Tür ins Schloss und ich war in befand mich in einem Behandlungszimmer.
„Setzten Sie sich doch.“ Brandons Vater deutete auf eine blaue Liege ich ließ mich auf der äußersten Kante nieder. Ich war total nervös. So hatte ich mir das erste Zusammentreffen mit dem Vater meines Exfreundes nicht vorgestellt. Wusste er überhaupt, dass ich mit seinem Sohn zusammen gewesen war?
„Würden Sie bitte ihr Oberteil ausziehen?“, fragte der Arzt beiläufig während er in einer Schublade kramte.
Ich riss erschrocken die Augen auf, doch dann fiel mir ein, dass man das ja bei Arztbesuchen so machte.
Etwas unwohl schlüpfte ich aus meinem Oberteil und legte es neben mich auf die Liege. Ich trug einen lila BH mit ausgefranzter Spitzenfassung. Der Arzt trat zu mir und hielt mir eins von diesen Herzschlagabhördingern an die Brust.
„Tief einatmen bitte.“
Ich tat wie geheißen. Von Doktor James berührt zu werden fühlte sich total unangenehm an, weil ich die ganze Zeit an Brandon dachte. Beinahe wären mir Tränen in die Augen gestiegen, doch ich konnte es gerade noch verhindern.
„Okay.“ Der Arzt trat einen Schritt zurück. Dann lächelte er höflich. „Ich muss Ihnen jetzt Blut abnehmen. Ich hoffe, Sie haben keine Angst vor Blut?“
„Nein, kein Problem.“ Ich beobachtete, wie Doktor James eine Spritze bereit machte.
Ich hatte das Gefühl etwas sagen zu müssen, doch er kam mir zuvor.
„Wie geht es Ihnen?“
Ich blinzelte ihn verwirrt an.
„Ähm, ganz gut?“
„Sie sehen etwas unausgeruht aus. Haben Sie Schlafprobleme?“
„Manchmal. Ich… habe Alpträume“, meinte ich und machte eine abwertende Handbewegung.
„Jede Nacht?“, fragte er weiter und wickelte mir eine Manschette um den Oberarm um das Blut unten zu stauen.
„Äh…“ Warum fragte er das? Und konnte ich ihm wahrheitsgemäß antworten? „Ja“, sagte ich schließlich. „Aber meistens kann ich gar nicht einschlafen.“
„Nehmen Sie Schlaftabletten?“
„Nein, ich hab da… was anderes.“ Jacks Gabe hatte mir am Anfang sehr geholfen. Mir war es zwar egal gewesen ob ich schlief oder nicht, aber so hatte ich mich wenigstens ein bisschen ausruhen können und Jack wurde von meiner Nachahmung eines Schlosshundes verschont.
Der Arzt nickte und schien zu verstehen. Wahrscheinlich war er über meinen Beschützer informiert und kannte ihn am Ende sogar.
Er wischte mit einem kleinen Tuch über meinen Unterarm. Dann stach er ohne Vorwarnung zu und ich zischte erschrocken.
„Tut mir leid. Ich denke, diese Blutprobe wird vorerst reichen. Aber wahrscheinlich wollen die Forscher, dass wir jede Woche etwas Frisches nehmen, vielleicht auch noch öfter.“
Ich hob eine Augenbraue. „Bis ich blutleer bin?“
„Nein, natürlich nicht. Immer nur ganz wenig. So, das war’s auch schon, Sie können sich anziehen.“
Er nahm die Manschette ab und stellte die Spritze in einen hölzernen Ständer.
Ich zog mich schnell wieder an und sprang auf.
„Ach ja, hier. Wenn Sie nicht schlafen können, nehmen Sie eine.“ Brandons Vater drückte mir ein Tablettenschächtelchen in die Hand.
„Danke.“ Ich nahm die Tabletten, obwohl ich nichts von so etwas hielt. „Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“
Ich öffnete die Tür und verließ schnell das Behandlungszimmer. Jack war nirgends zu sehen also ging ich allein zum Aufzug und fuhr ins Erdgeschoss.
Ich fühlte mich etwas seltsam als ich den Aufzug verließ und die Halle betrat. Mein Magen knurrte laut und verdeutlichte mir, dass es längst Fütterungszeit war. Seit langem verspürte ich wieder richtigen Appetit. Ich scannte die Halle suchend ab. Jack lehnte grinsend am Tresen und redete auf Amy ein, die feuerrot war und versuchte ihn zu ignorieren. Als ich näher kam, drehte Jack den Kopf und sah mich. Er beugte sich über den Tresen nahm Amys Hände und zwang sie ihn anzusehen.
„Ich muss jetzt gehen, heute Abend hab ich aber frei. Bitte geh mit mir aus.“
Amy seufzte ergeben. „Das ist deine aller letzte Chance. Hol mich um acht Uhr ab.“
„Geht klar, Süße.“
Jack drehte sich breit grinsend zu mir um und fragte: „Wie war’s beim Arzt?“
„Seltsam, fast beängstigend. Ich sterbe vor Hunger, können wir gehen?“
Zur Antwort nahm Jack meine Hand und der Boden unter meinen Füßen verschwand.

Sekunden später stand ich dicht neben Jack in einem engen Raum. Eine Toilettenkabine.
„Sag mal spinnst du?“, zischte ich.
Er legte einen Finger auf meine Lippen, öffnete die Tür und trat zu den Waschbecken. Er sah nach links und rechts, dann winkte er mich zu sich.
Zögernd trat ich zu ihm und folgte ihm durch eine weitere Türe auf einen Gang. Er lief zielsicher weiter. Ich hörte leise Musik, dann machte der Gang einen Knick und wir standen in einem Restaurant. Jetzt erkannte ich, dass die Musik italienisch war.
„Ich hoffe du magst italienisch?“
Ich starrte Jack entgeistert an. Die Worte kamen mir vertraut vor und ich wusste sofort woher. Mein Innerstes zog sich zusammen. Brandon hatte mich das auch damals in der Karibik gefragt.
Ich schüttelte den Kopf um den Gedanken an ihn los zu werden und ließ mich von Jack an einen Tisch ziehen.
„Also, du bist in diese Amy verknallt?“, fragte ich schließlich um ein Gespräch in Gang zu bekommen.
Jacks Kopf schoss hoch. „Ähm…“ war das Einzige, das er raus brachte.
„Ich bitte dich. Du hast sie angebettelt mit dir auszugehen obwohl du fast jede andere haben könntest.“ Ich schnaubte. „Gib wenigstens zu, dass du auf sie stehst.“
Jack grinste. „Nach dem ich-könnte-jede-andere-haben hab ich nichts mehr gehört.“
„Das ist so typisch Macho.“ Ich schüttelte den Kopf. „Außerdem habe ich FAST jede andere gesagt und nicht JEDE andere.“
„Wen zum Beispiel nicht?“, fragte Jack tatsächlich interessiert.
„Alle die glücklich vergeben, hoffnungslos verliebt oder lesbisch sind. An die kommst du nicht ran.“
„Zu welcher Kategorie gehörst du?“ Ich wusste, dass er mich nur aufmuntern wollte, aber ich hob skeptisch eine Augenbraue.
„Zur zweiten?“, sagte ich, als wäre es klar. War es aber auch. Ich beschloss Jack nicht mit ewigem depressiv sein die Laune zu vermiesen und sagte mit schiefem Grinsen: „Obwohl ich überlege in die dritte Kategorie zu wechseln. Frauen sind einfach nicht so bescheuert wie Männer.“
„Ich bitte dich. Nur weil es ein paar Idioten gibt, ist das kein Grund das Ufer zu wechseln. Sieh mich an! Ich bin auch total nett.“
„Und trotzdem hat Amy anscheinend einen gute Grund auf dich sauer zu sein.“
„Das war doch nur ein Missverständnis!“
„Nachdem du dich nicht mehr bei ihr gemeldet hast.“
„Weil ich mitten in einem Auftrag war!“ Er wollte noch mehr sagen, doch ein Kellner trat an unseren Tisch um die Bestellung aufzunehmen.
„Prego?“, fragte er und Jack bestellte in etwas holprigem Italienisch zwei Pizzas. Glaubte ich zumindest.
Als der Kellner weg war, sah Jack mich wieder an. „Du hast doch bestimmt irgendwelche männlichen Freunde gegen die du keine so absurden Argumente hast wie gegen mich?“
„Hab ich. Aber ich darf ihn nicht mehr sehen, was mir im Übrigen sowieso nicht möglich ist, weil ich in Tokio wohne und er in London und ich nicht selbstständig soweit teleportieren kann.“ Ich vermisste William schrecklich. Damals hatte ich mich nicht mehr von ihm verabschieden, geschweige denn etwas erklären können.
„Du meinst diesen William?“ Auf meinen fragenden Blick hin meinte Jack: „Brandon hat mir von ihm erzählt und von seiner Werwolf-Theorie.“
„Glaubst du den Schwachsinn etwa?“
„Nicht wirklich. Aber was Seltsames muss an dem Typ schon sein, sonst hätte sich Brandon nicht so aufgeregt.“
„Soll ich dir was sagen? Brandon ist ein eifersüchtiger, kontrollgeiler Arsch, der nicht damit klar gekommen ist, dass ich auch mit anderen Leuten rede.“
Danach sagten wir nichts mehr, aßen schweigend unsere Pizzas und gingen bald wieder heim. Soll heißen, Jack teleportierte uns in die Wohnung in Tokio.

„Schwarz oder blau?“, rief Jack aus seinem Zimmer.
„Schwarz.“ Ich lag mit den Füßen auf der Lehne auf dem Sofa und wartete darauf, dass Jack aus seinem Zimmer kam und mir sein Outfit präsentierte. Er war total nervös wegen seinem Date mit Amy.
„Also was meinst du?“ Jack trat neben mich und sah stirnrunzelnd auf mich herab. Ich musterte ihn ausgiebig.
Er trug ein schwarzes Hemd und Jeans. Seine Haare waren total wirr und seine Augen leuchteten erwartungsvoll.
Ich grinste.
„Sie wird dir zu Füßen liegen.“
„Ich hoffe es. Und es macht dir wirklich nichts aus, dass John auf dich aufpasst solange ich weg bin?“
„Erstens brauche ich keinen Babysitter und zweitens mag ich John, ist also kein Problem.“
John arbeitete heute und morgen nicht und hatte sich deshalb bereit erklärt für Jack einzuspringen. Ich wäre lieber allein gewesen, doch das Dumme war, dass laut Jack und dem Rest der Welt ja plötzlich ein Anhänger der Voluntas Dei auftauchen und mich verschleppen könnte. Den zweiten Grund, warum sie mich nicht allein ließen, wollte keiner aussprechen, doch er lag auf der Hand. Es war kein Geheimnis, dass ich es hasste eingesperrt zu sein, wenn es auch nur zu meinem Schutz war. Sie wollten nicht, dass ich weg lief. Dabei gab es nur einen einzigen Grund aus dem es sich lohnen würde hier weg zu gehen und der hieß William. Ich vermisste meinen besten Freund schrecklich und würde so gern zu ihm gehen um ihm mein plötzliches Verschwinden zu erklären. Der Haken an der Sache war, dass ich erst einmal selbstständig eine große Entfernung zurückgelegt und da war es nicht einmal absichtlich gewesen.
„Wo bleibt der eigentlich? Wenn ich heute zu spät komme, dann…“
„Beruhig dich, Mann. Ich steh hinter dir.“ John war so plötzlich ins Zimmer teleportiert das ich fast von Sofa fiel.
„Hi John.“
„Hey Jenna. Wie war dein Gespräch mit dem Rat?“
„Furchtbar. Ich hab Brandons Dad kennen gelernt.“ Ich sagte es so mir nichts dir nichts, doch es kostete mich einige Anstrengung locker zu klingen.
„Da bist du schon weiter als ich.“
„Wie meinst du das?“ Ich sah ihn verwirrt an.
„Ich kenn ihn nicht und ich bin schon jahrelang mit Brandon befreundet. Er mag seinen Vater nicht besonders.“
„Warum?“
„Frag ihn selber“, meinte John Schulter zuckend.
Ich schnaubte sarkastisch und Jack sagte: „Ich bin dann mal weg. Macht’s gut.“
„Viel Spaß“, rief ich noch, doch da war er bereits weg.
John musterte mich skeptisch.
„Ist es bequem so zu sitzen?“ Er deutete auf meine Beine, die immer noch auf der Sofalehne lagen.
„Ja.“
Er schüttelte den Kopf und setzte sich so neben mich, dass er meine Beine nicht berührte.
„Wie geht’s deiner Freundin?“, fragte ich.
„Sie ist nicht meine Freundin.“
„Ja klar.“
„Zumindest nicht wirklich. Also, was wollen wir machen?“
„Keine Ahnung.“
„Was machst du denn sonst so?“
„Ich bin in einer Wohnung in Tokio eingesperrt. Was glaubst du was ich den ganzen Tag mache?“
„Wir müssen ja nicht hier bleiben…“
Meine Augen wurden groß. John war der erste, der mir anbot mein Verließ zu verlassen. Ich leckte mir über die Lippen und arbeitete sofort einen Plan aus.
„Wir könnten nach London gehen“, wagte ich mich vorsichtig vor.
„Nach London? Okay. Was willst du dort machen?“
Jackpot. Er wusste nichts von William.
„Weißt du wo meine alte Wohnung ist?“
„Ja.“
„Da gibt’s daneben einen Park, da ist um die Uhrzeit niemand mehr. Wir könnten teleportieren üben.“ Ich hoffte er merkte nicht wie aufgeregt ich war.
„Das können wir auch wo anders“, meinte John langsam.
„Aber es ist doch einfacher an einem Ort den man kennt, oder?“
„Da hast du Recht. Du solltest dir aber was anderes anziehen. In London ist es ziemlich kalt.“
Ich grinste breit. „Super. Ich bin gleich wieder da.“ Ich sprang auf und rannte in mein Zimmer. Dort schnappte ich mir einen Zettel und einen Stift. Ich schrieb:

Hey William,
tut mir leid, dass ich mich erst jetzt melde. Es geht mir gut und ich vermisse dich, aber wir können uns wahrscheinlich nicht mehr sehen. Ich bin in einer Art Schutzprogramm. Ich wohne auch nicht mehr in London. Ich hoffe es geht dir gut, und dass ich einen Weg finde dir alles zu erklären.
Jenna

Ich faltete ihn zusammen, steckte ihn in meine Hosentasche, dann ging ich zum Schrank und zog einen Pullover und eine Jacke heraus. Nachdem ich sie übergestreift hatte ging ich wieder ins Wohnzimmer.
„Wir können los!“
„Okay.“ John kam zu mir und legte einen Arm um mich, schon waren wir verschwunden.
Als wir wieder auftauchten standen wir im Parkgebüsch und ich stolperte prompt über eine Wurzel. John wollte mich auffangen, doch ich riss ihn mit zu Boden und wir fielen ins Unterholz.
„Ups“, kicherte John, der auf mir lag.
„Das sagst du, weil du oben liegst. Hier unten ist alles au“, stöhnte ich.
„Tut mir leid, Jenna. Alles klar?“ Er konnte immer noch nicht aufhören zu kichern.
„Du findest das jetzt besonders komisch, wie?“, knurrte ich als wir uns aufrappelten und aus dem Gebüsch auf eine Wiese traten. Weit und breit keine Menschenseele.
„Ja finde ich. Okay. Wie weit kannst du schon?“
„Hä?“, machte ich verwirrt.
„Teleportieren. Wie weit?“ John sah mich an, als wäre ich schwer von Begriff.
„Ach so“, machte ich schnell. „Also ich kann kurze Entfernungen, wo ich mein Ziel sehen kann.“
„Beschreib mir wie du teleportierst.“
„Ich stelle mir vor ich würde nicht mehr hier sondern dort drüben stehen.“
„Wer hat dir das denn beigebracht?“, meinte John skeptisch.
„Niemand eigentlich. Aber ich habe mich zwei Mal aus Versehen teleportiert und da war es so, dass ich an den Ort gedacht habe an den ich will.“
„Na gut. Ich teleportiere mich jetzt nach dort drüben und du versuchst dich einen Meter rechts neben mir zu teleportieren.“
„Okay.“ So ein genaues Ziel hatte ich selten, aber John musste das ja nicht wissen. Wahrscheinlich hielt er mich auch so schon für einen totalen Versager. Ich visierte John an, der am anderen Ende der Wiese stand. Dann schätze ich einen Meter nach rechts ab und schloss die Augen.
Stolpernd kam ich auf und wäre fast umgekippt.
„Das war richtig gut!“, lobte John. „Du musst nur ein bisschen sicherer stehen.“
„Was du nicht sagst“, grinste ich.
Wir übten noch ein paar Mal, bis John ein Ziel wählte, dass nicht mehr in meiner Sichtweite war. Ich wusste, dass das meine beste Chance war zu William zu teleportieren, aber ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde.
Ich atmete ein paar Mal zittrig ein und aus. John stand hinter einem Gebüsch, er konnte mich unmöglich sehen. Ich kniff die Augen zusammen, konzentrierte mich und teleportierte weg.
Stolpernd kam ich direkt vor dem Haus auf, in dem William wohnte. Überrascht über meinen Erfolg lachte ich auf zuckte dann erschrocken zusammen und sah mich hektisch um. Gut, niemand hatte mich gesehen. Ich ging zu den Briefkästen und erstarrte. Ich wusste Williams Nachnamen nicht. Ich ließ meinen Blick über die Schilder schweifen. Mein Herz raste und pumpte mir Adrenalin durch die Adern. Ich wusste, dass ich keine Zeit hatte um lange zu überlegen.
Ich ging die Schilder nochmal durch und fand eines, ganz unten links. Darauf stand kein Name, nur ein W. Das musste er sein! Ich stopfte den Zettel hastig in den Briefkasten und teleportierte zu John.
Dieses Mal landete ich nicht so glücklich und fiel hin.
„Mist!“, fluchte ich und John half mir auf.
„Das war doch gut fürs erste Mal“, sagte er grinsend. Er schöpfte also keinen Verdacht.
„Kann sein. Aber können wir jetzt zurück, ich bin total K.O.“, sagte ich und versuchte meinen Atem und Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen.
„Ja, klar.“

Am nächsten Tag versuchte ich mich so normal wie möglich zu verhalten. Aber Jack hätte es vermutlich nicht mal bemerkt, wenn ich wie ein Clown durch die Gegend spaziert wäre, denn er war viel zu sehr damit beschäftigt, von seinem Date mit Amy zu schwärmen. Anscheinend war alles mehr als gut gelaufen. Der Tag zog sich dahin und ich beschloss etwas zu kochen, einfach so aus Langeweile. Jack freute sich riesig darüber und seine Laune wurde noch besser.
Am Nachmittag wusch ich mir so gründlich wie möglich die Haare, putzte per Telekinese das Bad und brachte so die Zeit herum. Einer der Putzlappen klatschte aber unkontrolliert gegen Spiegel und Wände und landete schließlich perfekt in meinem Gesicht.
In der Nacht konnte ich wieder kaum schlafen. Ich überlegte die ganze Zeit, ob William meine Nachricht erhalten hatte und ob er sauer war.
Am Mittwoch bekamen wir Besuch von einem Gesandten des Rates. Er nahm mir etwas Blut ab und erkundigte sich über meine Vorschritte.
„Und Sie haben immer noch nicht heraus gefunden, was ihre Gabe ist?“, fragte der Mann, der sich als Mr. Peters vorgestellt hatte, schließlich.
„Nein. Ich weiß ja nicht mal nach was ich suchen soll“, seufzte ich frustriert.
Peters notierte etwas auf seinem Protokoll. Dann wandte er sich an Jack.
„Der Rat ist der Meinung, dass es das Beste ist, wenn Sie wieder Ihren Wohnort wechseln. Diesmal nach Rom. Auf diesem Papier finden Sie alle Informationen, die Sie brauchen. Ich komme in ein paar Tagen wieder vorbei.“
Mit diesen Worten verschwand er und ließ uns zurück.
„Bis dann“, sagte ich überflüssiger Weise und Jack hielt das Papier hoch.
„Wir sollten schon mal packen. Da steht, wir sollen noch heute hier weg.“
„Okay. Sag mal, können wir in Rom auch mal raus? Ich meine, es ist ROM. Wenn ich schon so viel herumkomme, möchte ich wenigstens auch was von der Welt sehen.“
„Ich glaube schon. Aber glaub nicht, dass ich dich in einer so großen Stadt aus den Augen lassen.“
„Jaja.“ Ich grinste und ging in mein Zimmer.

Das Haus in Rom war perfekt. Es war im Zentrum der Stadt, aber in einer abgeschiedenen Gasse, sodass man etwas Ruhe von dem Trubel hatte. Es gab eine Dachterrasse, ein gemütliches Wohnzimmer und eine absolut traumhafte Küche.
„Diese ganzen Unterbringungen für Teleporter sind ziemlich luxuriös, was?“, meinte ich an Jack gewandt.
Dieser kratzte sich etwas verlegen am Kopf.
„Naja, also… normalerweise sind die eher heruntergekommen. Aber ich schätze der Rat möchte die Doppelbegabte nicht in eine Bruchbude stecken.“
„Oh.“ Ich fühlte mich sofort unwohl. Ich hasste es, wenn man mir zeigte, dass ich anders war.
Ich ging die Treppe hoch auf die Dachterrasse und setzte mich auf eine Sonnenliege.
Die Sonne war bereits am Untergehen als Jack zu mir hochkam.
„Jenna? Du hast Besuch! Und er hat wahnsinnige Neuigkeiten!“ Er strahlte mich an und ich folgte ihm hinunter ins Wohnzimmer.
Und dort stand er. Mit dem Rücken zu uns, den Blick aus dem Fenster gerichtet. Halb vom Schatten verdeckt, hatte er etwas Bedrohliches, Mystisches. Er drehte sich um.
„Hallo Jenna“, begrüßte mich Brandon leise.
Mein Mund stand offen und ich bekam kein einziges Wort heraus. Seit unserer Trennung hatte ich ihn kein einziges Mal gesehen. Ich wusste gar nicht wie ich auf ihn reagieren sollte. Total verstört, neutral oder wütend? Sollte ich ihm zeigen, dass er mein Herz zersprengt hatte oder sollte ich lieber so tun, als würde es mir nichts ausmachen, dass wir uns getrennt hatten? Selbstmitleid hatte noch nie jemandem geholfen, also entschied ich mich kurzfristig für die zweite Möglichkeit. Ich räusperte mich und straffte die Schultern.
„Hi.“ Meine Stimme klang eher unterkühlt als locker.
„Also…“, meinte Brandon und verschränkte seine Arme vor der Brust.
„Was gibt’s?“, fragte ich, diesmal klang es nicht mehr allzu eisig.
„Ich habe Neuigkeiten.“
„Und zwar?“
Er fuhr sich durch die Haare und mein dummes Herz schlug sofort schneller. Ich wusste, dass Brandon meine Gedanken hören konnte, aber das war mir in diesem Moment egal.
„Wegen deinen Eltern…“, begann er.
„Meine Eltern sind tot, da kann es keine Neuigkeiten geben“, stellte ich trocken fest.
„Eben nicht.“
„Was soll das heißen?!“ Ich riss die Augen auf.
„Sie sind am Leben. Und sie sind hier in Rom.“
Mein Herz schlug unregelmäßig, ich hielt den Atem an und meine Knie wurden weich. Ich zitterte am ganzen Körper und brachte keinen Ton raus.
Brandon stand so plötzlich vor mir, dass ich erschrocken zurück taumelte und gegen Jack stieß. Dieser fing mich gerade noch rechtzeitig auf und setzte mich auf die Couch.
„Ich… ich… warum…?“, war das einzige was ich heraus brachte. Brandon setzte sich mir gegenüber in einen Sessel.
„Du weißt ja, dass deine Mutter die Zukunft sehen kann, stimmt’s? Also, sie muss gesehen haben, dass die Voluntas Dei sie aufgespührt hatten und deine Eltern haben ihren Tod vorgetäuscht und sind untergetaucht.“
„Aber… aber warum haben sie mir denn nichts gesagt?“, fragte ich leise. Tränen, durch den Schock entfesselt, rannen mir unaufhörlich über die Wangen.
„Sie wollten dich schützen.“
„Weiß der Rat davon?“
Brandon schwieg und ich deutete das als nein.
„Der Rat ist auch ein Grund, aus dem sie untergetaucht sind. Ich glaube, es war unseren Obersten nicht recht, eine einfache Bürgerin unter sich zu haben, die die Zukunft sehen kann. Und, da bin ich aber nicht ganz sicher, ich glaube, sie haben etwas über den Rat herausgefunden. Etwas, das nie irgendjemand erfahren sollte.“
Ich starrte ihn entgeistert an. Meine Eltern im Besitz eines Geheimnisses? Gab es ein solches über den Rat überhaupt? Konnte ich Brandon überhaupt glauben, dass sie noch lebten?“
„Hast du mit ihnen gesprochen? Wie geht es ihnen?“
„Ich war bei ihnen. Und ja, es geht ihnen gut.“
„Kann ich… kann…“
„Ja. Wir können sofort los.“ Brandon erhob sich schon als Jack die Hand hob. Er sah seinen Kumpel aufmerksam an.
„Eine Sache interessiert mich noch“, sagte mein neuer Beschützer. „Warum bist du gefeuert worden, Brandon?“
Stille legte sich über den Raum und ich legte den Kopf schief.
„Woher weißt du das?“, fragte Brandon schließlich gedehnt.
„Von Amy.“
„Diese Sekretärin, mit der du vor Ewigkeiten aus warst?“
„Ja. Wir sind jetzt zusammen“, meinte Jack beiläufig.
Auch das hatte ich nicht gewusst. Warum wusste ich eigentlich immer als Letzte Bescheid?
„Ach so.“ Brandon wich unseren Blicken aus.
„Also, was war los?“, hakte Jack nach.
„Das ist eine komplizierte Geschichte…“ Brandon seufzte und sagte dann: „Die waren wohl nicht damit einverstanden, dass ich selbstständig Nachforschungen gemacht habe und rumerzähle, dass es wieder Werwölfe gibt. Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich froh, dass ich nicht mehr für die arbeite.“ Brandon zuckte mit den Schultern.
Jack nickte langsam.
„William ist kein Werwolf“, sagte ich bestimmt.
„Woher willst du das wissen?“, fragte Brandon genervt.
„Überleg doch mal, das ist einfach Schwachsinn! Ihr müsst verrückt sein, wenn ihr das tatsächlich glaubt!“
„Du hast so was Ähnliches gesagt, als wir dir erzählt haben, dass wir Teleporter sind.“
Na super, Jack fiel mir jetzt auch noch in den Rücken. Ich stöhnte und lehnte mich zurück. Ich war zu verwirrt und müde um zu diskutieren. Plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich meine Eltern sehen wollte. Sie hatten mich so lange in dem Glaube gelassen, sie wären tot… Wollten sie mich dann überhaupt sehen? Was hatten sie eigentlich für ein Geheimnis herausgefunden?
Ich massierte mir die Schläfen und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Mein Kopf schien zu platzen… Ich musste hier raus!
Ich sprang auf und ging hoch auf die Dachterrasse. Doch das war nicht genug. Ich teleportierte, bevor ich genauer darüber nachgedacht hatte.
Die Gasse in der ich wieder auftauchte, war gar nicht weit von unserer Hütte entfernt. Ich schlug also die entgegengesetzte Richtung ein und lief ziellos durch das nächtliche Rom. Die meisten Touristen hatten sich auf Plätzen zusammen gefunden und ich begegnete niemandem. Ich liebte diese verwinkelten Fußwege. Aus den Häusern die den Weg säumten drangen Geräusche von Fernsehern. Irgendwo schrie ein Baby.
Der Mond schien hell und als ich nach oben blickte, sah ich, dass Vollmond war.
Ich kicherte leise. Was für eine Ironie. Es wunderte mich, das Brandon heute Nacht nicht seine Werwölfe jagte.
Ich zuckte zusammen. Da, rechts aus der Gasse war ein Geräusch gekommen. Es hörte sich so an, als hätte jemand große Schmerzen.
Zögernd machte ich einen Schritt in die dunkle Gasse.
„Hallo?“, flüsterte ich. Als Antwort bekam ich nur etwas, dass sich ziemlich nach einem Würgen anhörte. „Alles in Ordnung?“
Ich ging weiter in die Gasse und sah ein Stoffbündel am Boden liegen. Das Stoffbündel zuckte hin und her und gab die schrecklichen Geräusche von sich.
Als ich näher kam sah ich, dass das Stoffbündel ein Mensch war.
„Oh Gott, alles klar?“ Ich stürzte zu dem Mann und ging neben ihm in die Knie. Er bog den Kopf zurück und ich erstarrte als ich in das schmerzverzerrte Gesicht von William blickte.
„William, was ist passiert?“, rief ich ängstlich und schrie auf, da plötzlich die Haut seiner Wange aufplatzte und Blut heraus sickerte.
„Du musst… verschwinden“, stöhnte er. „…Gefahr…“
„Wer ist in Gefahr? William, was ist hier los?“
Er rollte sich herum, weg von mir.
„Verschwinde“, meinte er und spuckte dunkle Flüssigkeit aus. Er hustete und sein Körper bebte wie verrückt.
„Oh verdammt, was geschieht mit dir?“ Während ich es aussprach wurde es mir klar. Es war Vollmond. William war ein Werwolf. Und er würde sich mitten in Rom verwandeln.
Gerade kam er schwankend auf die Knie. Er warf den Kopf in den Nacken und riss den Mund auf. Seine Zähne wurden länger und spitzer, sein Rücken breiter.
Das durfte nicht geschehen. Nicht hier, bei all den Unschuldigen.
Ich musste ihn wegteleportieren. Ich legte eine Hand auf seinen zuckenden Unterarm und dachte an den verlassensten Ort, an dem ich je gewesen war: ein Tal in England, wo ich einmal mit meinen Eltern wandern gewesen war.
„Komm schon, komm schon, komm schon!“, wisperte ich vor mich hin, doch wir bewegten uns keinen Zentimeter von der Stelle. Dann fiel es mir ein: Werwölfe waren immun gegen die Fähigkeiten von uns und ließen sich folglich auch nicht teleportieren.
Ich machte einen Satz zurück und stieß gegen eine Hauswand. Es wunderte mich schwer, dass noch keine neugierigen Gaffer durch die Fenster linsten.
William richtete sich langsam, mit dem Rücken zu mir, auf. Er war bestimmt zwei Meter groß und sein breiter Rücken und seine muskulösen Arme waren mit zottigem braunem Fell bedeckt. An den Beinen trug er noch die zerfetzte Jeans, doch sie reichte ihm nur bis zur Hälfte seiner Waden. Dort sah man wieder das Fell und seine großen Füße waren auch damit bedeckt.
Der Werwolf atmete schwer, sein Rücken hob und senkte sich. Dann drehte er sich langsam zu mir um. Sein Gesicht hatte gewisse Ähnlichkeit mit einem Wolf, aber es war viel blutrünstiger und die Intelligenz, die in den Augen der Tiere funkelte, war in diesen roten, blutunterlaufenen Augen nicht zu erkennen.
„Jenna! Bleib ganz ruhig und bewegt dich nicht!“
Ich schielte nach rechts und sah Brandon und hinter ihm Jack in die Gasse kommen. Sie bewegten sich langsam und vorsichtig, doch der Werwolf schenkte ihnen sowieso keine Beachtung.
„Mach keine hektischen Bewegungen und provozier ihn bloß nicht!“, beschwor Brandon mich.
Meine Güte, was waren das denn bitte für hilfreiche Ratschläge? Glaubte er allen Ernstes, ich hatte vor dieses Ding zu beschimpfen? Ich schaute schuldbewusst zu Boden, als mir einfiel, dass unter dem Fell mein bester Freund steckte.
„Was machen wir jetzt?“, rief ich leise in Richtung der Jungs.
„Können wir ihn wegteleportieren?“, fragte Jack.
„Nein, hab ich schon versucht.“
„Ein paar Straßen weiter gibt es einen Park. Wenn wir ihn dort hinlocken, können wir ihn vielleicht in Schach halten, bis er sich zurückverwandelt“, sagte Brandon.
„Sicher, dass wir schneller als William sind?“, flüsterte ich. Er war einen Schritt näher gekommen und zog jetzt langsam die Lefzen hoch.
„Im Notfall teleportieren wir ein Stück, aber er darf uns nicht aus den Augen verlieren. Okay Jenna, auf mein Zeichen teleportierst du zu uns rüber und dann rennen wir los.“
Meine Angst lähmte mich. Das Herz schlug mir schmerzhaft gegen die Brust und meine Finger zitterten. Ich konzentrierte mich. Der Werwolf knurrte leise und machte noch einen Schritt auf mich zu.
„JETZT!“ Und dann geschahen drei Dinge fast gleichzeitig: Der Werwolf sprang auf mich zu, ich teleportierte weg, der Werwolf brüllte und wir rannten los.
Ich nahm gar nichts mehr wahr, mein Gehirn schaltete aus und ich rannte schneller denn je. Dann kam das Parktor in Sicht und der Werwolf war kaum zehn Schritte hinter uns.
„Was machen wir, wenn wir dort sind?“, keuchte ich und warf Brandon einen Blick zu.
„Das sehen wir dann!“, keuchte er zurück und wir teleportierten.
Erneut knurrte der Werwolf wütend, doch das Jagdfieber hatte ihn längst gepackt und er folgte uns in die dunkle Grünanlage.
Wir rannten über den Kies, dann über eine Wiese und schließlich zog Brandon mich ins Gebüsch.
„Wo ist Jack?“, wisperte ich. Der Werwolf hatte gerade die Wiese erreicht. Er war langsamer geworden und schnüffelte jetzt in der Luft. Mir war auf gefallen, dass William als Werwolf nicht humpelte.
„Ich weiß es nicht genau“, flüsterte Brandon zurück.
„Wie bitte?!“, piepste ich.
„Er hat sich, als wir in den Park gekommen sind wegteleportiert. Entweder ist er hier irgendwo und hat eine geniale Idee, oder er holt Verstärkung.“
„Und was machen wir jetzt?“
„Abwarten und hoffen, nicht gefressen zu werden?“ Brandon grinste mich an und kurz war es so wie früher. Mein Herzschlag, der sich eben wieder vom Laufen erholt hatte, legte einen Zahn zu.
„Kann Jack ihn nicht zum Schlafen bringen?“, fragte ich, doch gleichzeitig fiel mir wieder ein, dass das ja nicht ging. „Können wir ihn irgendwie dazu bringen sich zurück zu verwandeln?“
„Ich glaube nicht in einer Vollmondnacht. Ich habe gelesen, dass die Teile sich immer verwandeln, wenn sie extrem wütend sind oder in Lebensgefahr. Und sonst nur in Vollmondnächten.“ Brandon leckte sich nervös über die Lippen. Diese Lippen… „Sonst müsste er sich nur beruhigen, aber jetzt? Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung.“
Die Äste neben uns knackten und Jack tauchte auf.
„Ich habe einen Plan“, flüsterte er. „Ich glaube zwar nicht, dass er funktioniert, aber es ist einen Versuch wert.“
Jacks Großmutter hatte ihm, als er klein war, immer Gruselgeschichten erzählt. Eine hatte von einem kleinen Jungen gehandelt, der nachts zu lange draußen geblieben war. Ein Werwolf hatte ihn angegriffen und der Junge hatte ihn mit seiner Wasserpistole bekämpft, was dazu geführt hatte, dass das Monster sich wieder in einen Menschen verwandelt hatte.
Während ich noch über die Pädagogik, die dahinter steckte, nachdachte, erklärte Jack Brandon eine Stelle im Park wo ein kleiner See war.
„Wir müssen wohl schwimmen gehen.“
„Und du glaubst wirklich, dass er uns folgt?“, fragte ich skeptisch.
Er blieb mir die Antwort schuldig, da der William uns gewittert hatte und auf das Gebüsch zu preschte.
Erneut rannten wir los. Der See war schon in Sichtweite, als ich an etwas hängen blieb. Mein Fuß gab ein unheilvolles Knacken von sich und ich strauchelte. Kurz bevor ich mit dem Boden Bekanntschaft machte, fing ich mich wieder und rannte weiter. Der Schmerz in meinem Fuß war unerträglich, aber dann hatte ich schon das Wasser erreicht und watete so schnell ich konnte hinein. William jaulte wütend, doch ich hörte, wie er mir folgte.
Ich schwamm auf die Mitte das Sees zu, wo Brandon und Jack waren und mir irgendetwas zu schrien. Mir war schwindlig und meine Armen wurden schwer. Eine Pranke schloss sich um meinen kaputten Fuß und ich wurde zurückgezogen. Ich wand mich und schrie verzweifelt, doch nichts half.


Na, fressen oder nicht fressen, that's the question ^^
Bitte, bitte kommentieren. Es geht bald weiter, wenn ihr wissen wollt wann, kommt bitte in meine Gruppe "Bücher von Clara S."!
LG, Clara

Impressum

Texte: ich hab die rechte
Tag der Veröffentlichung: 12.11.2012

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für euch alle da draußen! Und danke für das mega geniale cover, geloeschter.account!!!

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