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Kunibert kann nicht klagen

 

 

 

Ich bin Kunibert Hundertmark und muss mich auch mal zu Wort melden. Meine Brüder Hubert, Herbert und Norbert kennen Sie ja schon, wurde mir gesagt. Es ist nämlich so, dass ich unbedingt Hilfe brauche. Vor einiger Zeit habe ich endlich erfolgreich mein Jura-Studium abgeschlossen, auch wenn es – das muss ich zugeben – etwas länger gedauert hat. Aber wir Hundertmarks sind nun einmal gründlich und etwas langsam.

 

Hubert als Mitarbeiter der Buxtehuder Stadtverwaltung hat in der Stelle für Hundesteuer auch immer viel zu tun. Er ist sehr kritisch und hinterfragt alles, so war er schon als Kind. Darum will ja auch Bundeskanzler werden. Wenn das klappt, werde ich Justizminister. Das wäre gar nicht so schlecht, denn mein Erfolg als Anwalt hält sich momentan noch in Grenzen, obwohl ich mir sehr viel Fachliteratur besorgt habe und täglich mehrere Tageszeitungen lese.

 

Meine Klage gegen meinen Bruder Hubert wegen des Nudelsalates mit den Nüssen bei seiner Hochzeitsfeier habe ich ja zurückgezogen, nachdem der Familienrat das so beschlossen hat. Immerhin hat mir das etwas Geld eingebracht, als Entschädigung für den verdorbenen Magen und dem Hautausschlag. So eine Nussallergie hat auch Vorteile.

 

Meine Mutter, bei der ich immer noch wohne, drängt aber darauf, dass ich auch endlich mal etwas leiste. „Mit Mitte Fünfzig solltest du bald erwachsen werden“, sagte sie erst kürzlich. Sie ist ja noch recht fit, obwohl sie fast achtzig ist. Dann ergänzte sie noch: „All deine Brüder und deine Schwester haben es zu etwas gebracht, nur du nicht. Dein Vater dreht sich bestimmt im Grabe um!“ Das hatte gesessen. Ich konnte nicht länger kneifen.

 

Doch dann ergab sich eine neue Gelegenheit. Mein Bruder Hubert hatte sich für sein Büro einige Goldfische besorgt, obwohl man ihm gewarnt hatte, dass diese zu viel Hektik in die Hundesteuerstelle bringen würden. Schon einige Tage später bemerkte sein Kollege Hilmar Hintergesäß, dass alle Fische Schuppen hatten. Hubert war entsetzt und beschwerte sich unverzüglich beim Tierhändler. „Da kann ich nichts machen. Das ist normal, Herr Hundertmark“, entgegnete dieser frecherweise. Daraufhin hat sich Hubert Anti-Schuppen-Shampoo besorgt und dieses ins Goldfischglas getan.

 

Raten Sie mal, was dann passierte. Geholfen hat das überhaupt nicht. Die Fische hatten immer noch ihre Schuppen und schwammen dann bäuchlings auf der Wasseroberfläche. Hubert war geschockt und wütend zugleich wegen der toten Tiere. Er rief mich sofort an, und ich sicherte zu, eine Klage gegen den Hersteller des Shampoos einzureichen. Ich forschte im Internet nach vergleichbaren Fällen. In den U. S. A. hätte uns das Millionen Dollar eingebracht. Dort hatte jemand seine Katze in eine Mikrowelle gesteckt, welche dann leider verstarb. Er kassierte viel Geld als Entschädigung. Das muss man doch auch in Deutschland schaffen!

 

Voller Zuversicht begab ich mich mit meiner Klageschrift in die Rechtsantragsstelle des hiesigen Amtsgerichtes. Natürlich hätte ich das auch per Post machen können, aber ich bin ja kostenbewusst. Außerdem wollte ich da mal vorstellen. Die zuständige Mitarbeiterin hat dann erst mal herzlich gelacht, als sie die Klage las. Aber nicht das Schicksal der armen Goldfische hat die Frau so amüsiert. Sie sagte: „So geht das wirklich nicht, Herr Hundertmark! Zum einen ist immer das Amtsgericht des Geschäfts- oder Wohnsitzes des Beklagten zuständig, nicht das des Klägers oder gar des Anwaltes. Außerdem strotzt das Ganze voller Formfehler, von der Rechtschreibung will ich gar nicht erst reden. So können sie jedenfalls nicht klagen, Herr Hundertmark!“

 

Frustriert und enttäuscht kehrte ich meine Kanzlei zurück. Hubert hat das noch relativ gelassen aufgenommen, aber die Schimpfattacke meiner Mutter übertraf alles, was ich bislang von ihr kannte. Es nahm man gar kein Ende.

 

Und jetzt komme ich auf meine Bitte vom Anfang zurück. Kennen Sie zufällig einen Anwalt der Verstärkung in sein Team benötigt? Ich bin dabei durchaus zu einem Ortswechsel bereit. Das würde mich dann auch endlich von meiner Mutter loslösen. Talent habe ich ja durchaus, jedoch noch recht wenig Erfahrung. Aber die kann man ja erwerben, sage ich immer. Wenn alle Stricke reißen, werde ich dann doch Justizminister in Huberts Kabinett. Als Politiker muss man keine Ahnung von der Materie haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bildmaterialien: www.waldruderinger.19.de
Tag der Veröffentlichung: 04.11.2018

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