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Das Klo im vierten Stock


Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus. Es gibt in diesem großen Kasten zehn Wohnungen, eine davon bewohne ich seit zehn Jahren. Hier geben sich die Mieter öfter die Klinke in die Hand, als das Treppenhaus geputzt wird. Doch das stört mich nicht. Es gibt nur eine Sache, die in unserem Haus komisch ist. Das Klo auf der vierten Etage.
In diesem Zusammenhang sollte ich erwähnen, das Haus ist schon alt, sehr alt. Bevor es vor einigen Jahren renoviert wurde, befanden sich Gemeinschaftsbäder auf jeder Etage. In der Zwischenzeit hat jede Wohnung ein separates Bad bekommen, doch im vierten Stock ist ebenfalls das Etagenbad noch geblieben. Vermutlich, weil die alte Lady, die noch bis vor zehn Jahren eine Wohnung in diesem Stockwerk bewohnt hat, es immer benutzte. Sie war die einzige Mieterin gewesen, die kein Bad in der Wohnung haben wollte.
Mittlerweile gibt es dennoch eines. Nach ihrem Tod wurde die Wohnung geräumt und saniert. Ohne ein Bad wäre der Hausbesitzer die Wohnung nicht losgeworden. Das geschah kurz nach meinem Einzug hier, aus diesem Grund weiß ich das alles.
Doch zurück zu dem Klo im vierten Stock. Ich nehme an, das ist der Grund, weshalb hier so viele Mieter die Flucht ergreifen und rasch wieder ausziehen. Dieses Klo ist unheimlich. Wenngleich es von niemandem benutzt wird, keiner traut sich dort hinein. Wenn es in der Tat jemand wagt, diese Nasszelle zu betreten, kommt er nicht wieder heraus. Die Geräusche, die aus dem Raum heraus zu hören sind, reichen aus, dass man dort nicht einen Schritt hineinsetzen will. Unheimliche Laute erklingen ab und an. Gruseliges Gurgeln, meiner Ansicht nach von der Spülung ausgelöst, schallte immer wieder durch das Haus. Ich höre obendrein viele andere Geräusche, die ich nicht zuordnen kann, doch sie klingen beängstigend. Das Schlimme daran ist, meine Wohnung liegt genau über diesem Etagenbad. Alles, was sich dort abspielt, ist laut und deutlich für mich zu hören. Leider.
Ihr fragt euch vermutlich, warum ich euch das alles erzähle. Nun, es ist völlig simpel. Ich wohne hier seit zehn Jahren. In dieser Zeit sind drei Menschen in dieses Klo hineinspaziert und nicht wieder herausgekommen. Ein Jahr nach meinem Einzug war es ein Mann, in etwa Mitte vierzig. Er war bekanntermaßen ein hochgradiger Alkoholiker und er ist, wie zu vermuten ist, sturzbetrunken in dieses Höllending hineingelaufen. Einzig die Geräusche, die durch die Decke zu mir durchgedrungen sind, ließen erahnen, dass er an diesem Tag seinen letzten Korn getrunken hatte.
Vor drei Jahren war es ein älterer Herr. Ich vermute, er hatte es absichtlich getan. Seine Frau war zwei Wochen zuvor verstorben und man sah ihm deutlich an, dass er nicht ohne sie leben wollte. Ich persönlich hätte mir für meinen Selbstmord etwas weniger Grauenvolles ausgesucht, doch der Alte hat in seiner Traurigkeit diesen Weg gewählt. Sein unvermeidliches Sterben mit anzuhören war grauenhaft. Es ging rasch, das muss ich in Bezug darauf gestehen. Der Alte hat nicht lange aushalten müssen, bis das Ding im Klo ihn besiegt hatte.
Im letzten Jahr war es eine Frau. Sie war die Nachmieterin der alten Dame und hat es erstaunlich lange hier in diesem maroden Haus ausgehalten. Ich weiß nicht, was sie dazu bewegt hat, das Etagenbad zu betreten. Doch ich brauche nicht zu spekulieren, warum, wieso und weshalb. Es ist definitiv, dass sie wie die anderen das Bad nicht mehr verlassen hat. Ihre Schreie werde ich nie in meinem Leben vergessen. Sie gingen mir durch und durch und brachten mich dazu, mich vor Ekel zu schütteln. Geräusche vermitteln in manchen Fällen ein gutes Bild von Geschehnissen. Das war bei ihr der Fall. Als das Wesen im Klo sie besiegt hatte, stürzte ich in mein eigenes Bad und übergab mich.
Der gestrige Tag brachte mich zu dem Entschluss, euch das hier alles zu erzählen. Denn gestern hat das Klo im vierten Stock sein viertes Opfer verschlungen. Einen Menschen, der meiner Ansicht nach viel zu jung zum Sterben war. Was mich an dieser Tatsache ein wenig erstaunt … diese besondere Tür in diesem, von Gott verlassenen Haus, ist verschlossen worden! Mit einem Riegel und einem Vorhängeschloss daran. Wie der Bursche gestern da rein kam, ist mir schleierhaft. Wahrhaftig. Doch von vorne, ich will ja nicht das Pferd von hinten aufziehen.
Der junge Mann

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Sophie R. Nikolay
Bildmaterialien: Sophie R. Nikolay
Tag der Veröffentlichung: 25.02.2012
ISBN: 978-3-86479-335-6

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