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Prolog


In den Nachrichten wurde von ihm berichtet. Auf den Straßen herrschte Angst und Aufruhe. Es gab viele Polizisten in den Straßen, besonders nachts. Auch wenn in der Dunkelheit niemand mehr draußen war.
Für unsere Gegend war es eine Zeit des Schreckens als man hörte, dass ein neuer Mörder und Schänder unter uns weilte.
Aber als kleiner Bürger konnte man nichts machen. Mum und Dad passten immer auf mich auf, nach der Schule gingen wir zu dritt zurück. Abends war ich kaum noch draußen. Diese Angst die bei mir, meinen Eltern, in der ganzen Gegend herrschte, ließ uns nicht mehr richtig leben.
Dieser eine Mann, hatte zu viel Leben auf sein Gewissen. Manchmal hatte ich mir ausgemalt, was ich zu ihm sagen würde, falls ich ihn treffen würde. Dass ich zu einer Art Kampfmaschine werden würde und ihn verletzte vielleicht sogar töten würde. Aber eigentlich wollte ich ihn nicht treffen und meine Meinung würde ihn nicht interessieren. Aber dass ich ihm auch nur einen Kratzer zufügen könnte, wäre noch das absolut Unwahrscheinlichste. Ein kraftloses Mädchen wie mich könnte keinem etwas antun. Doch dennoch waren solche Gedanken aufmunternd, damit ich nicht so viel Angst hatte. Es waren schon drei Kinder, etwas über mein Alter, von ihm entführt worden. Alle waren tot, die Eltern waren nun in Therapie. Ich kannte sie und konnte nicht einmal ausdrücken, wie sehr es mir Leid tat.
Mein Leben wurde beherrscht von Angst und Schrecken.
Es gab selten Tage an denen ich Lachen konnte.
Und wenn es welche gab wurden sie getrübt von den Morden die passierten.

Eins


Meine Geschichte ist anders als ich es mir erhofft habe. Ich schloss meine Schule nicht ab, ich ging nicht aufs College und hatte danach keinen super tollen Job, auf den ich mich freuen konnte. Ich hatte auch keinen Mann an meiner Seite, auf den ich mich freuen konnte, wäre ich abends nach Hause gekommen.
Mein Leben lief nicht so einfach ab wie bei vielen anderen.
Aber es sollte nicht so sein, und so schlimm fand ich es nicht. Mein Leben war nicht perfekt, aber es hatte schöne Seiten, auch wenn sie viele nicht sahen. Wer versteht auch schon einen Menschen wie mich.
Oft erzählte ich ihnen meine Gefühle, doch sie akzeptierten sie nicht.
Ich versuchte sie in Worte zu fassen, um sie nie zu verlieren.

Es war dunkel und nebelig, auch wenn es nicht abends war. Es war einfach ein düsteres Wetter, düster und nebelig. Gerade machte ich mich auf den Weg zu einer Freundin, als es passierte. Kaum jemand war auf der Straße, viele blieben im Haus. Meine Eltern waren arbeiten und ich hatte mit meiner Freundin ausgemacht, dass ich zu ihr ging.
Doch nie kam es dazu.
Ich kam nie an.
Es war Leroy der mich mitnahm – entführte. Ganz plötzlich. Keinen Aufschrei, keinen Laut gab ich von mir. Wie gelähmt war mein Körper. Ich spürte nur seine kalten Hände um meinen Körper. Er drückte mich in ein Auto. Er drückte mir ein Tuch vor dem Mund. Ab da bekam ich nichts mehr mit.
Als ich wieder aufwachte überfiel mich die Angst. Angst um mein Leben. Mein Körper zitterte, meine Zähne klapperten. Doch ich saß in der Dunkelheit fest. Keiner war da, außer ich in einem Verließ. Dieses Verließ wurde zu meinem Zuhause.



Tage danach sah ich ihn. Vielleicht kam er vorher schon vorbei, vielleicht hatte ich schon mein Zeitgefühl verloren in der immerwährenden Dunkelheit, die nur durch die wenigen Lichtstrahlen verdrängt wurde, die durch die Gitterstäbe kam. Doch als ich ihn zum ersten Mal sah, wusste ich auch, dass ich es nicht überleben würde. Niemand wusste wie er wirklich aussah. Man hatte sicherlich Phantomfotos, aber es waren nur Aussagen von eventuellen Zeugen. Doch ich sah ihn in einem flackernden Kerzenlicht an der Tür stehen. Sein Bild war anders als ich es erwartet hatte und doch so wie man sich einen Mörder vorstellte.
Groß und kräftig und in seinen Augen spiegelte sich die Lust wieder. Die Lust zu verletzen und mich zu töten. Sein Lachen war eine Grimasse, schrecklich und furchterregend. Nur seine Stimme war anders. Sie war normal, kontrolliert. Sie war ruhig und angenehm. Auch wenn seine Augen meinen Tod zeigten.
Er hatte viele Narben, auf dem Arm und eine im Gesicht. Seine Haare waren ungeschnitten oder selbstgeschnitten. Es sah nicht gut aus, aber er war ein gesuchter Mörder. Seine Kleidung war teilweise zerrissen. Aber als ich ihn das erste Mal sah, trug er dünne Sachen und deshalb wusste ich, dass draußen die Sonne schien und es wieder warm war.
Leroy drückte mir einen Teller in die Hand mit einer Suppe, lächelte hinterhältig und verschwand.

Zwei


Ich sah ihn nicht sehr oft - meinen Mörder. Ich malte mir sehr oft aus, wie er mich töten würde. Schnell oder langsam. Mit seinen Händen, ertränken, verhungern. Mir fielen viele Dinge ein. Zu viele.
Doch dann kam er wieder.
Er stürmte in mein Zimmer, so lange schien ich schon dort in dem Verließ zu sitzen, dass es mir wie etwas Gemütliches vorkam. Er stürmte herein. Seine Augen glühten. Ich dacht, dass nun mein Ende nahte. Doch es war ganz anders. Noch saß ich im Schneidersitz auf den zwei Matratzen. Meine Augen vor Schreck geweitet. Kurz kamen Bilder von schönen Tagen in mein Gedächtnis: von meinen Eltern, meinem Geburtstag, der Sonne, dem Meer…
Doch er tötete mich an diesem Tag nicht. Er hatte etwas anderes mit mir vor und ich wusste nicht, ob er das erst mit allen seinen Opfern machte. Ich wehrte mich nicht gegen ihn. Sein Gewicht lag leicht auf meinen Körper und er würde mich zu schnell zum Stillschweigen bringen.
Er nahm mich diesen Tag nicht nur einmal. Nachdem er fertig mit mir war wickelte ich mich in eine Decke ein und sah ihn an. Er schien sich beruhigt zu haben und nicht mehr so aggressiv zu sein. Er sah fast friedlich aus.

Ich wusste nicht wie lange ich schon von Zuhause weg war. Aber der letzte Blick, den er mir zuwandte, erinnerte mich an Zuhause. Dies war der Moment

.
Das, was er mir vor den paar Minuten noch antat, fand ich nicht mehr so schlimm. Es war auch nicht schlimm gewesen. Es sollte nur schlimm sein, weil Leroy es war. Ein Mörder. Jemanden der mich töten wollte und doch war es mit mir geschehen. So schnell, dass meine Gedanken sich überschlugen.

Drei


Es ging zu schnell. Die Zeit war für mich nicht mehr erreichbar und doch wollte ich wissen wie lange es her war, als er bei mir war. Ich wollte wissen wie lange ich schon von meiner Familie getrennt war.
Ich hatte das Gefühl verrückt zu werden, weil ich nichts mehr wusste. Das Zimmer wurde erdrückend, die Matratze hart. Es war der Augenblick an dem ich zum ersten Mal anfing zu weinen. Es war komisch, aber vorher ging es um mein Überleben, dass ich hier rauskomme irgendwie. Aber jetzt schien ich verrückt zu werden. Ich wollte, dass jemand bei mir ist. Jemand, jemand wie Leroy.
Mein Wunsch ging in Erfüllung. Er stand an der Tür und beobachtete mich. Er stand lässig da, auch wenn seine Augen Abscheu zeigten. Ich hoffte, dass er wieder mit mir schlafen würde, weil seine Nähe so gut tat, aber er stand nur so da und beobachtete mich. Ich fragte ihn, ob er mich umbringen will. Jetzt. Er schüttelte den Kopf und verzog seine Lippen zu einem kleinen gefährlichen Grinsen. Aber ich hatte keine Angst. Nicht davor. Er war der einzige Mensch, den ich sehen konnte und er gab mir Halt. >>Ich habe keine Angst<<, flüsterte ich ihm zu und er nickte.
>>Warum nicht<<, fragte er und seine Stimme erfüllte den Raum.
>>Ich spüre nichts mehr<<, gab ich von mir Preis und er musterte mich erneut. Ich überlegte ihn zu Bitten mich gehen zu lassen, aber es würde nichts bringen. Er hatte seine Pläne mit mir. Erst spielen und dann töten. Die Zeit dazwischen war die schlimmste.
Er kam näher und brachte mir einen Teller mit Essen und einen Krug mit Wasser. Ich nahm sie und stellte sie auf den Boden.
>> Wie lange bin ich schon hier? << Ich blickte durch die vier Gitterstangen, die etwas Licht hereinbrachten. Etwas.
>> Spielt das eine Rolle? << Und ich schüttelte den Kopf.
Er wollte wieder gehen und mich meinen Schicksal überlassen, aber ich griff nach seiner Hand.
>> Denk immer daran, wer hier der Böse ist. <<, seine düstere Stimme war nicht mehr ruhig und beruhigend. Aber trotzdem konnte ich keine Angst spüren.
>> Ich komm hier nicht mehr heraus. Was interessiert es mich, wer hier mein Mörder ist? <<, fragte ich ihn und meine Stimmer war unnatürlich hoch.
Doch er drückte mich nur auf die Matratze, fast fürsorglich.

Vier


Leroy war mein Mörder. Aber es gab so viele Geschichten in denen der Mörder auch der Geliebte war.
Er war kein Mann, den ich je zu lieben gedacht hatte. Aber er war der letzte den ich lieben würde. Und von ihm ermordet zu werden, wäre wie in so vielen Tragödien schlimm und doch auch ein besonderes Ende.
Meine Gedanken gingen immer wieder in die Richtung. Die eine Nacht schien mir nicht mehr Angst zu machen, sie war besonders.
Ich sah das Licht, dass er immer mitbrachte. Wieder gab er mir etwas zu Essen. Immer wieder gab er mir erst das Essen, wenn ich aufwachte. Das machte mich glücklich. Ich lächelte ihm zu und klopfte auf den Platz neben mir auf der Matratze.
Er schüttelte den Kopf.
>> Viele Mörder waren auch Geliebte <<, sagte ich ihm und hoffte, dass er mich verstand.
>> Du hast nicht mehr viel Zeit. Du hast einen Wunsch. <<, sagte er und lächelte.
>> Küss mich. <<

Seine Augen sprachen mehr als er sagen konnte. Er verlor all seine Gesichtszüge. Die Maske fiel. Er war geschockt. Ich wusste nicht, was seine anderen Opfer sagten. > Bring mich nach Hause. Sag meinen Eltern, wo ich bin. Töte mich nicht.

Epilog


Ich wurde nicht ermordet. Leroy wurde kurz vorher geschnappt und ich wurde in Sicherheit gebracht.
Meine Eltern hatten mich wieder, aber die Zeit in der ich bei Leroy war, war Besonders.
Als ich vor das Gericht musste, sagte ich ihnen, dass es nicht schlimm war, dass ich nicht wollte, dass er eine hohe Strafe bekam – ich wurde als nicht zurechnungsfähig eingestuft und meine Aussage wurde nicht miteinbezogen.
Meine Eltern waren glücklich mich wieder zu haben.
Aber sie wollten nicht verstehen, dass ich einen Mörder liebte. Es wäre der Schock, ich wäre verrückt. Aber ich weiß, dass es nicht so ist.
Leroy bekam Lebenslänglich.
Ich liebte ihn immer noch jeden Tag, aber eigentlich dürfte ich ihn nicht lieben.
Nicht einmal in seine Besuchszeit darf ich gehen, stattdessen muss ich eine Therapie machen.
Die Monate in denen ich gefangen war, waren nicht perfekt, aber er machte sie für mich perfekt.
Damals dachte ich, er wäre der letzte den ich lieben würde, weil mein Tod nahe war.
Heute sage ich dasselbe, aber weil ich weiß, dass er mir sagen wollte, dass er mich auch liebt. Ich sah es an dem Tag, wo ich sterben sollte. Ich sah seinen Schmerz. Der Schmerz war tief unter seiner Fassade aus Gier und Lust, aber sie war da. Er war kein schlechter Mann.
Manchmal vermisste ich die kalten Wände des Gebäudes. Sie trugen meine Erinnerungen, aber ich kannte den Weg nicht zu dem Gebäude. Nur meine Erinnerungen waren da. Sie und die die an den Mann, den ich liebte.

Impressum

Texte: by Julia R.
Bildmaterialien: by Lara K.
Tag der Veröffentlichung: 01.09.2012

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