Cover

Gerner's Herz



Sein Zusammenbruch folgte dem Höhepunkt der Lehman Brothers Pleite. Der Pleite, die seine Welt veränderte. Es traf ihn unvermittelt. Robert Gerner brach zusammen, lag am Boden und hätte sterben können. Sein oder Nichtsein; es war der erste Herzinfarkt. Bis dahin galt der 52-jährige Investmentbanker vor sich und aller Welt als gesund.

„Sie sollten mindestens zehn Kilogramm an Gewicht und Sorgen abnehmen“, empfahl der Chef der Kardiologie bei seiner abschließenden Visite. „Ernährungsumstellung und vor allen Dingen Sport würden Ihnen jetzt gut tun. Und treten sie ein bisschen auf die Bremse. Stress ist Gift für ihr Herz.“

„Ich weiß, ich riskiere mein Leben, damit darf ich nicht spaßen“, resümierte Gerner freudlos. Schwimmen, Walken, Radfahren. Das kannte er von Kollegen, die ihm Voraus waren. Einmal trifft es jeden.

„Mit dem Jetzt dürfen sie nicht spaßen, Herr Gerner. Dann können sie in ihrem Leben noch jede Menge Spaß haben.“ Der Krankenhausarzt entließ seinen Patienten in die Selbstdisziplin. Eigenverantwortlichkeit. Kein Netz. Kein doppelter Boden. Keine Generalprobe. Jetzt.

Gerner entschied sich für Walken, aus dem im Laufe der Zeit Joggen wurde. Das konnte er mit dem werktäglichen Weg zum Bankhaus verknüpfen. Synergie tat ihm gut. Nach drei Monaten hatte er das Gewichtsziel erreicht und widerstand, in den alten Trott zurückzukehren. Seine Bank hatte sich auch wieder gefestigt; handelte neuerdings mit Derivaten dank Milliardenspritzen und Bundesbürgschaften.

Am ersten Jahrestag seines neuen Daseins, so empfand er es zwischenzeitlich, passierte Gerner auf seinem Laufweg vier junge Menschen, an denen er achtlos vorbei geeilt wäre, wenn einer nicht breit und provozierend auf dem Jackenrücken getragen hätte: „No risk no fun“. Verstehe einer diese
jungen Menschen.

Das Rotlicht der Fußgängerampel zwang Gerner abrupt anzuhalten. In einiger Entfernung nahte der Schulbus, von dem er wusste, dass er kurz hinter der Furt zum Aussteigen stoppen würde. Gerner tippelte auf der Stelle, lief um den roten Ampelmast, um in Bewegung zu bleiben und nicht auszukühlen. Das hatte er gelernt in diesen Monaten, dass man nicht stehen bleiben darf, kein Stillstand, sonst trifft es einen.

Die vier jungen Menschen ignorierten das Rotlicht, gingen haltlos weiter und querten an Gerner vorbei die Fahrbahn, so dass der herannahende Schulbus vom Fahrer kopfschüttelnd gebremst werden musste. Was mochten die Kinder denken?

Lachend und albernd stiegen die Grundschüler aus den piepsenden Türen heraus und trugen ihre Ranzen zur Schule. Die Vierergruppe blieb stehen, blockierte den beiden letzten Kindern den Durchgang auf dem von Alleenbäumen gesäumten Fußweg, und das Ampellicht sprang für den Läufer auf Grün um. Mit dem Schließen der Bustüren verstummten das Piepsen und die Verantwortlichkeit des immer noch schauenden Fahrers.

Jetzt war es nur noch Gerner, der unbewegt zuschaute. Das Grünlicht forderte ihn zum Weitergehen auf. Es war kein Spaß, wie die Vier die Zwei hin und her schubsten und Geld und Handy verlangten. Gerner ging über die Straße, ohne den Blick von der Szene abzuwenden. Er merkte gar nicht, dass er auf der anderen Seite ersteinert stehen blieb und aus zehn Schritten Entfernung gleich einem Denkmal beobachtete.

„Lüg’ uns nicht an, du kleiner Wichser! Geld her, oder Mutti kriegt dich als Fleischklops zurück“, riss es Gerner aus seiner Erstarrung. Die Fäuste des Wortführers stießen den um zwei Köpfe kleineren Jungen brutal gegen die Brust und zu Boden. Er stürzte rücklings auf seine Schultasche und sein Hinterkopf schlug mit einem dumpfen Plopp auf die Gehwegsteine. In der rechten Faust des Jugendlichen entfaltete sich spielerisch ein Butterflymesser, und mit der spitzen Klinge auf den Schulkameraden deutend, hörte Gerner ihn drohen: „Die Kohle und Handys her, oder ich mache euch Winzlinge platt!“

Gerner hatte für eigene Kinder nie Zeit. Väterliche Gefühle, Beschützerinstinkte, waren ihm fremd. Dennoch legte sich wie ein erdrückender Ring Beklemmung um seine Brust. Ein Stich durchfuhr ihn. Er fasste sich ans Herz, torkelte auf die Gruppe zu und rief so laut er konnte: „Hilfe! Polizei!“

Die Jugendlichen lachten hämisch als Gerner zusammenbrach und vor den Füßen ihres Anführers mit offenen Augen und offenem Mund, sich an sein Innerstes pressend, um Sauerstoff ringend, um Hilfe winselnd, auf dem Boden lag. Der junge Mensch mit der auffälligen Jacke bückte sich, ergriff Gerners Handy, das ihm aus der Tasche des Jogginganzugs
gerutscht war, und stellte anerkennend fest: „Na also, geht doch!“

Robert Gerner blieb am Boden liegen und starb. Es war sein erster Anfall von Zivilcourage. Bis es ihn traf galt der 53-jährige Derivatehändler, der zwei achtjährigen Schülern vermutlich das Leben gerettet hatte, vor sich und aller Welt als unscheinbar.

Impressum

Texte: Alle Rechte beim Autoren
Tag der Veröffentlichung: 22.03.2011

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Diese Kurzgeschichte nimmt an einem Wettbewerb teil. Ich schreibe Bücher, keine Werbemails. Wenn Dir mein Beitrag gefallen hat, möchte ich dich bitten, diesen kleinen Text weiter zu empfehlen. Vielen Dank Joe Mac Zey

Nächste Seite
Seite 1 /