Cover

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Buch & Autorin

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Achtundvierzig

Epilog

Das Buch

Frauen sind unberechenbar. Sie zu unterschätzen, bedeutet den Tod.

In einem Sternerestaurant in Pisa fällt ein Mann während des Abendessens mit dem Gesicht voran in die Balsamico-Soße seines Hauptgangs. Er verstirbt im Krankenhaus, und seine Begleiterin verschwindet spurlos. Tags darauf verliert ein Restaurantgast fünfzig Kilometer entfernt das Bewusstsein. Die Frau an seiner Seite löst sich ebenfalls in Luft auf. Das Einzige, was die beiden Vorfälle verbindet, ist die Anwesenheit eines berühmten Restaurantkritikers, der seit einiger Zeit anonyme Nachrichten erhält.

Die scheinbar natürlichen Todesfälle sind nur die Oberfläche des Sumpfes aus Intrigen, Geld und Macht, den die Adeligen und Reichen als ihre Spielwiese auserkoren haben. Allen voran eine Frau, deren Identität niemand kennt und die wie eine Puppenspielerin die Fäden zieht.

Das Netz ist bereits so dicht verwoben, dass es für den florentinischen Colonello Lorenzo Valleverde und seinen Partner Tommaso Lo Bianco unmöglich scheint, durch die Maschen zu blicken ...

 

Die Autorin

Elsa Bergh ist Autorin und Journalistin. Sie lebt in London. Nach dem großen Erfolg von "Waffenkinder" ist "Gourmetkiller" ihr zweiter Thriller.

Colonello B. S. und Commissario Capo R. A.
in Freundschaft und mit Dank gewidmet.

Es könnte keine besseren Vorbilder für
Lorenzo Valleverde und Tommaso Lo Bianco geben.

 

ELSA BERGH

PROLOG

Bleistiftabsätze klapperten über den Steinboden des Flurs des historischen Palazzo und kündigten ihr Kommen an, bevor sie die Tür aufstieß, die gegen die Wand krachte. Die Frau trug einen dieser kleinen Hüte mit Schleier, die man heutzutage fast nur noch in Filmen sah. Oder auf Begräbnissen. Mit dem schwarzen Mantel und den gleichfarbigen Accessoires sah sie ohnehin so aus, als ob sie von einem solchen käme.

»Das hier ist ein privates Meeting«, sagte der Mann an der Stirnseite des riesigen Besprechungstisches, der alle anderen selbst sitzend überragte.

»Eines, zu dem ich eingeladen bin.« Ihre Stimme war heiser, der Ton schnippisch.

»Das ist mir nicht bekannt. Wir sind vollzählig«, konterte er.

»Stellen Sie sich nicht dümmer, als Sie sind.« Sie hüstelte.

Um seine Mundwinkel zuckte es. Die anderen vier Männer, je zwei an den Längsseiten, vermieden es, ihn oder die Frau anzusehen.

»Was wollen Sie?«, knurrte er unwirsch.

Sie machte ein paar Schritte in den Raum hinein und blieb am Rand des Aubusson stehen, der unter dem ausladenden Tisch und den Stühlen lag. Immer noch verblieben etliche Meter zwischen ihr und den Männern.

»Das, was mir zusteht. Ich bin seine Universalerbin, sein Anteil ist nun meiner.«

Als ob sie ihre Worte damit unterstreichen könnte, rückte sie mit einer resoluten Geste den Trageriemen ihrer eleganten Handtasche, eine golden gefärbte Kette, zurecht.

Unruhe machte sich breit. Ein angestupster Kugelschreiber rollte von der Tischplatte und fiel zu Boden. Einer der Männer flüsterte etwas Unverständliches. Ein anderer griff nach einem Trinkglas und schubste es zwischen seinen Händen auf der glatt polierten Platte hin und her.

Derjenige, der bisher gesprochen hatte, schob seinen Stuhl ein Stück zurück, umfasste die Armlehnen und fragte: »Wovon?«

Dieses eine emotionslos ausgesprochene Wort brachte die Frau sichtlich in Rage. Sie hielt die Luft an, japste, zog die Schlaufe des Gürtels, mit dem ihr Mantel gehalten wurde, enger.

»Das ist ja wohl klar, immerhin war er euer Freund und Partner!«

»Er war ein Bekannter, kein Freund«, konterte der große Mann. »Aber wie Sie richtig sagen«, er machte eine bedeutungsvolle Pause und dehnte das nächste Wort in die Länge, »war er unser Geschäftspartner. Mit Betonung auf war, denn jetzt ist er tot.«

Die Frau atmete hörbar aus und das feine Netz des Schleiers vor ihrem Gesicht bewegte sich. Allerdings nicht genug, um ihre Nase oder gar ihre Augen freizugeben. Nur ihre karmesinrot geschminkten Lippen blitzten darunter hervor.

»Er hatte die Idee«, stieß sie aus.

»Gemeinsam mit uns.«

Die Frau hielt kurz inne und schien zu überlegen.

»Er hat seinen Anteil auf das Projektkonto eingezahlt.« Der Triumph in ihrer Stimme war unüberhörbar.

»Der am Tag nach seinem Tod zurücküberwiesen wurde.«

Sie taumelte leicht und flüsterte: »Das kann nicht sein!«

»Sie wissen es nicht?« Der Mann lachte auf. »Eigenartig, wo Sie angeblich die Universalerbin sind.«

»Natürlich bin ich das, ich war doch seine Frau«, keifte sie heiser zurück.

Er setzte sich kerzengerade auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Nein, seine Frau waren Sie nicht. Sie waren nur die letzte seiner Gespielinnen, diejenige, die zum Zeitpunkt seines Todes an seiner Seite war. Das ist alles. Und jetzt gehen Sie bitte, das Gespräch ist beendet.«

Sie wankte. Einen Moment lang sah es so aus, als ob die Bleistiftabsätze unter ihrem Körpergewicht einknicken wollten, doch dann fing sie sich. Die goldene Kette rutschte von ihrer Schulter. Sie zog die flache Handtasche an ihre Brust und hielt sie mit beiden Händen fest.

»Dafür werdet ihr bezahlen! Glaubt nicht, dass ihr damit so einfach davonkommt!«, spie sie mit heiserer kippender Stimme aus.

Der Mann zeigte mit dem ausgestreckten Arm zur immer noch offen stehenden Tür.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, machte sie kehrt und stöckelte aus dem Raum. Erst als das Geklapper ihrer Absätze am Ende des Flurs verklang und kurz darauf die schwere Eingangstür ins Schloss fiel, wandte einer der Anwesenden sich den anderen zu.

»Ich frage mich, was er an dieser Schlange gefunden hat. So eine würde ich nicht einmal mit der Kneifzange anfassen.«

»Kanntest du sie schon?«, fragte sein Gegenüber.

»Nie zuvor gesehen. Und ihr?«

Einstimmiges Kopfschütteln war die Antwort.

»Eben. Sie ist niemand, und sie hat auch keine Anteile von etwas, was es noch gar nicht gibt.« Der Mann, der als Einziger mit der Frau gesprochen hatte, rückte mit dem Stuhl näher an den Tisch und schlug die Mappe auf, die vor ihm lag. »Wir halten uns weiterhin bedeckt und gründen die Gesellschaft zum geplanten Datum. Bis dahin läuft alles wie bisher. Irgendwelche Einwände?«

Einer räusperte sich. »Wir sind also nur noch fünf?«

Der, der neben ihm saß, schlug ihm auf die Schulter. »Das ist doch perfekt. Dann hat jeder von uns anstatt eines Sechstels ein Fünftel der Gewinne!«

Alle stimmten in sein Lachen ein.

EINS

Pisa, an einem Mittwochabend einige Wochen später

Genießerisch atmete der Mann den Geruch ein. Seine Augen waren halb geschlossen. Es schien, als wartete er auf einen zärtlichen, glückseligen Kuss. Seine rechte Hand näherte den Dessertlöffel dem Mund, vorsichtig öffnete er die Lippen. Die Zunge stieß hervor, um von dem weißlichen Schaum zu kosten. Sobald das Zitronenparfait seine Geschmackspapillen erreichte, verzauberte ein zufriedenes, fast ekstatisches Lächeln sein Gesicht. Gleichzeitig verdoppelten sich die kleinen Schweißtropfen auf seiner Stirn. Mit einer lästigen Bewegung wischte er sie mit dem Einstecktuch, das sich scheinbar nur deshalb in der Tasche der Weste befand, weg. Dann machte er sich daran, die cremige Süßspeise in sich hineinzulöffeln.

Die Jacke des eleganten Maßanzugs aus dunkelgrauem Glencheck hatte er schon kurz nach den Antipasti über die Sessellehne gehängt, die beiden oberen Knöpfe des weißen Hemdes waren geöffnet. Die Krawatte war sorgfältig aufgerollt in einer Hosentasche verschwunden. Eine locker geschnittene schwarze Weste kaschierte meisterhaft den Bauch des Mannes, der sich nun zufrieden zurücklehnte. Er nahm die Stoffserviette von seinen Knien und legte sie neben den Teller auf den Tisch.

Durch das einseitig verspiegelte Bullaugenfenster der Pantry beobachtete der Maître Enrico Gallo die Mimik des Gastes. Dann stieg er mit dem Absatz des eleganten, schwarzen Schuhs auf den Druckknopf im Boden, der die automatische Tür zum Gastraum öffnete. Er bewegte sich lautlos zum Tisch des Mannes, der ohne Begleitung an einem Fenstertisch saß. Mit einem leichten Nicken signalisierte er dem Mitarbeiter, der soeben das Dessertgeschirr abräumte, dass der Gast nun von ihm betreut würde.

»Alles in Ordnung, Signore?«, fragte er mit höflichem Lächeln. »Darf ich Ihnen noch etwas bringen?«

Enrico kannte den Gastrokritiker seit vielen Jahren und wusste, dass man von seinem Gesichtsausdruck nichts ablesen konnte. Von den Artikeln und Bewertungen des Journalisten hing das Schicksal der Restaurants ab, die heute ganz oben waren und morgen in Vergessenheit gerieten. Nando Natuzzi arbeitete unter anderem für einen weltweit berühmten Restaurantführer, der seit Jahrzehnten Sterne vergeben und ebenso schnell wieder aberkennen konnte. Seine unangekündigten Besuche versetzten Restaurantbesitzer und deren Mitarbeiter immer in Aufregung – vor allem, weil sie ihn gut kannten. Jetzt hob Natuzzi das Kinn leicht an und antwortete, den Blick der wasserblauen Augen auf den Maître gerichtet.

»Einen Caffè Ristretto und einen Grappa Tocai.« Dann drehte er den Kopf zur Seite und starrte gedankenverloren aus dem Fenster.

Enrico bereitete persönlich das kleine Tablett vor, auf dem die Auswahl verschiedener Zucker und der kurze, starke Espresso serviert wurden, und übergab es dem jungen Kellner. Dann näherte er sich mit dem eleganten Servierwagen, auf dem neben einigen tulpenförmigen Grappagläsern eine Flasche mit goldfarbenem Grappa aus Tokajer-Trauben stand, dem Tisch des Kritikers. Der Journalist warf einen Kennerblick auf den im Barrique gealterten Likör und nickte diskret. Als der Maître den Flaschenhals über dem Glas neigte, erklang ein schriller Schrei.

 

Beide Männer drehten ruckartig die Köpfe dorthin, wo jetzt weinerliche Jammerlaute zu hören waren. Eine schlanke Frau stand neben dem Stuhl ihres Begleiters, dessen Stirn in der Balsamico-Soße auf dem Teller seines Hauptgangs, eines Rinderfilets, lag. Seine Arme hingen beiderseits der Beine reglos nach unten.

»Ein Arzt, ein Arzt«, rief die rot gekleidete Frau hysterisch mit hoher Stimme, auch noch, als der Maître bereits neben dem Tisch stand. Er versuchte, den Kopf des Gastes vorsichtig anzuheben, doch der hatte offensichtlich das Bewusstsein verloren. Geistesgegenwärtig deutete er dem herbeigeeilten Mitarbeiter, einen Wandschirm näher zu rücken, um den Mann vor neugierigen Blicken zu schützen. Mittlerweile erklärte er auf seinem Handy dem Notruf kurz und bündig den Vorfall.

Dann legte er der Frau beschwichtigend einen Arm um die Schulter und drückte sie behutsam auf den Sessel, während sie unaufhörlich mit weinerlicher Stimme »Amore mio, non capisco« murmelte.

Nun, auch Enrico Gallo verstand nicht und hätte gern gewusst, was los war. Hatte die Bewusstlosigkeit des Gastes mit dem Abendessen zu tun? Sofort verwarf er den Gedanken. Nein, niemals. Mimmo Santagati, der Besitzer und Sternekoch des Restaurants, verwendete nur erstklassige, frische Zutaten.

 

Knappe zehn Minuten später beugte sich der Notarzt über den Mann, der sich noch immer nicht bewegte, und fühlte dessen Puls an der Halsschlagader. Dann nickte er dem Sanitäter zu, der den Bewusstlosen aus dem Jackett schälte und den Hemdsärmel aufrollte, und legte ihm die Blutdruckmanschette an. Währenddessen stellte er der Frau einige knappe Fragen über den Begleiter, der ihren Angaben nach achtundvierzig Jahre alt und bei allerbester Gesundheit war. Er lief jeden Tag fünf Kilometer und spielte zweimal wöchentlich Tennis und nahm, soweit sie wusste, keine Medikamente. Der Arzt zog vorsichtig den Kopf des Mannes hoch, griff ihm unter die Schultern und hob ihn an. Dann legte er ihn mit seinem Kollegen auf die aufgeklappte Rettungsliege. Die Frau war aufgesprungen und wischte dem Bewusstlosen mit einer Serviette die Balsamico-Soße von der Stirn, wurde jedoch unsanft vom Sanitäter zurückgedrängt.

Erneut kontrollierte der Arzt den Blutdruck. Wahrscheinlich hatte er gehofft, dass die liegende Position eine Änderung herbeiführte, dem war aber offensichtlich nicht so. Mit einem irritierten Kopfschütteln zog er eine Spritze mit Adrenalin auf und injizierte es. Der Mann reagierte nicht. »Gehen Sie vor«, sagte der Notarzt an den Maître gewandt, der zur Tür eilte und diese aufhielt. Die beiden Notfallhelfer schoben die Liege aus dem Gastraum und dem Restaurant.

Die rot gekleidete Frau nahm ihre Tasche und die Jacke des Mannes und lief mit trippelnden Schritten auf ihren schwarz-roten High Heels hinterher. Nando Natuzzi war nicht der Einzige, dessen Blick den sich wiegenden Hüften und den schlanken Beinen, die oberhalb der Kniekehlen vom fließenden Stoff des roten Kleides umspielt wurden, folgte.

 

Die Liege mit dem Patienten war bereits im Wagen, als Enrico Gallo eine Hand auf den Arm des Notarztes legte. »Haben Sie eine Ahnung, warum der Mann bewusstlos ist?«

Der zuckte mit den Achseln. »Kreislauf oder Herz. Wir haben in der Ambulanz nur die Mittel für die Erste Hilfe. Wir fahren ins Krankenhaus. Die Kollegen im Ospedale Cisanello werden ihn gründlich untersuchen.« Mit diesen Worten stieg er in den Fond des Rettungswagens und schloss die Türen hinter sich.

Der Maître sah der Ambulanz nach, die sich rasch mit Blaulicht entfernte. Dann drehte er sich um und ging zurück ins Restaurant. Mit ruhigem Tonfall beruhigte er kurz die Gäste des Raumes und erklärte, dass der Mann ein Kreislaufproblem gehabt hatte und nun auf dem Weg ins Krankenhaus war.

Fast hatte er Nando Natuzzi vergessen, der ihm nun neugierig entgegenblickte und die Frage stellte, die ihm vorhin durch den Kopf geschossen war.

»Hat der Gast irgendetwas gegessen, was ihm nicht bekommen ist?« Enrico wiederholte die Aussage des Notarztes. Dann schenkte er dem Gastrokritiker ein weiteres Glas Grappa ein, entschuldigte sich und ging eilig in die Küche.

 

Mimmo Santagati, der applaudierte Sternekoch des Ristorante Da Mimmo, krönte zwei Dessertvariationen mit Minzblättern und betätigte die Glocke für den Service. Dann erst hob er den Blick und sah seinen Freund und Maître fragend an. Natürlich hatte Mimmo alles mitbekommen, dachte Enrico, wie immer. Obwohl er den Großteil des Abends in seinem Heiligtum verbrachte, spürte er mit seinem sechsten Sinn, sobald etwas geschah, auch wenn es nur eine Gabel war, die zu Boden fiel. Enrico umriss kurz die Situation und verließ die Küche. Er druckte die Rechnung für Natuzzi zum Vollpreis aus, nur den zweiten Grappa hatte er aufs Haus boniert.

Vor vielen Jahren hatte er den Fehler gemacht, einen Gastrokritiker einzuladen. Einmal und nie wieder. Man hatte ihnen vorgeworfen, darauf angewiesen zu sein, sich gute Kritiken zu kaufen. Sie hatten Monate gebraucht, um erneut das uneingeschränkte Vertrauen seitens ihrer Gäste wiederherzustellen.

Jetzt ging er mit dem Beleg und der Kreditkarte in der kleinen roten Ledermappe zurück zu Natuzzis Tisch. Der Journalist unterschrieb, legte zwanzig Euro Trinkgeld in die Mappe und stand auf. Der Maître half ihm in die Jacke und der große Mann, der ihn fast einen Kopf überragte, reichte ihm zum Abschied die Hand. Ob das Essen und der Service seinen hohen Ansprüchen entsprochen hatten, würden sie in einem Artikel und im nächsten Restaurantführer erfahren.

 

Kurz vor elf verließ Mimmo Santagati die Küche, duschte in den Umkleideräumen des Personals und ging hinüber ins Restaurant. Er war mit einem Meter siebzig kein großer, aber ein attraktiver Mann. Seine schwarzen, an den Schläfen leicht angegrauten, welligen Haare und die rußfarbenen Augen ließen auf seine Herkunft schließen. Der gebürtige Sizilianer hatte die heimatliche Insel bereits mit fünfzehn Jahren verlassen, um in einem der besten Restaurants in Rom seinen Traumberuf zu erlernen. Für die Hotelfachschule hatten ihm Lust und Lernfreudigkeit und seinen Eltern das Geld gefehlt. Nach dem glänzenden Lehrabschluss hatte er seine Fähigkeiten in verschiedenen berühmten Lokalen verfeinert. Noch vor seinem dreißigsten Geburtstag hatte er in seiner Wahlheimat Toskana sein eigenes kleines Restaurant am Stadtrand eröffnet. Zehn Jahre später war er damit in den historischen Palazzo gezogen und hatte bald darauf seinen ersten Stern erkocht. Heute, mit zwei Sternen, öffnete das Ristorante Da Mimmo fünf Tage pro Woche abends und drei mittags.

Domenico, von allen nur Mimmo genannt, durchquerte die Gasträume und nickte den wenigen verbliebenen Gästen freundlich zu. An der Bar schenkte er aus dem Dekanter zwei Gläser Sangiovese ein, den sie beide dem Chianti vorzogen, und genoss vorerst den Geruch. Geduldig wartete er auf Enrico, um mit dem freundschaftlichen Ritual den Abend zu beschließen. Gemeinsam gingen sie in das modern eingerichtete Büro Teresas. Mimmos Frau erledigte dort die administrativen Belange des Restaurants. In der gemütlichen Sofaecke und bei geöffnetem Fenster konnten sie in Ruhe eine Zigarre rauchen, doch heute waren sie nicht zum Scherzen aufgelegt wie sonst. Enrico hatte im Krankenhaus angerufen, um über den Zustand des Gastes informiert zu werden, der ihr Lokal ohnmächtig verlassen hatte. Er war von der diensthabenden Nachtschwester der Notaufnahme freundlich, doch bestimmt abgewiesen worden. Auskünfte gab es nur für Angehörige, die persönlich vorsprachen.

»Keine Sorge. Sicher geht es dem Mann wieder besser«, meinte Mimmo zum wiederholten Mal, während er die Eingangstür des Restaurants von außen abschloss. Es klang, als ob er nicht nur den Freund, sondern auch sich selbst beruhigen wollte.

ZWEI

Viareggio, Donnerstagvormittag

Nando Natuzzi stand mit bloßen Füßen auf dem wohltemperierten Marmorboden seines luxuriösen Badezimmers und schaute nervös auf die Waage. Dieses morgendliche Ritual war sein Albtraum, seitdem er vor Jahren die Hundertdreißig-Kilo-Marke gekratzt hatte und trotz seinem Meter siebenundachtzig schlichtweg fett gewesen war. Damals hatte er sich geschworen, dass er stets beim Erreichen der hundertzehn Kilo das nächste Flugzeug in die Schweiz nehmen würde. In der exklusiven Privatklinik konnte er schlafend, ohne an extremem Hunger zu leiden, bis zu zwanzig Prozent seines Körpergewichts verlieren. Mit abgewandtem Blick stieg er auf die verspiegelte und tarierte Glasplatte und wartete ein paar Sekunden, bevor ihm die elektronisch gesteuerte weibliche Stimme »einhundertacht« mitteilte. Zwei Kilo noch, dachte er beruhigt, öffnete die Kristalltür der immensen Dusche und aktivierte das zehnminütige Dampfbadprogramm.

Zweihundert Gramm leichter und mit dem wohligen Gefühl, das ihm die Hydromassage vermittelte, setzte er sich in legerer Hauskleidung an den Frühstückstisch. Er war ein Genussmensch, aber kein Vielfraß, obwohl das allgemein vermutet wurde. Bei ihm schlugen die Kalorien eben mehr an als bei anderen Menschen. Nach einem Glas frisch gepressten Orangensafts und einem gemischten Obstteller genoss er den aromatischen Kaffee, morgens nicht zu kurz und aus frisch gemahlenem Robusta, des höheren Koffeingehalts wegen.

Natuzzis massiger Körper war der Grund, warum man in seinem beruflichen Umfeld davon ausging, dass er nur ans Essen und Trinken dachte. Böse Zungen behaupteten sogar, dass er seine Artikel nach Schema F und die Bewertungen mit geschlossenen Augen schrieb. Welche Absurdität!

Er war im Restaurant seiner Eltern an der ligurischen Küste aufgewachsen, hatte Teller gewaschen, Gemüse geputzt, die Kaffeemaschine bedient, serviert und natürlich kochen gelernt. Nach dem Abschluss der Hotelfachschule in La Spezia hatte er viele Jahre an Bord von Kreuzfahrtschiffen verbracht – in der Küche. Das Leben auf Luxusschiffen war hart, aber lehrreich. Er hatte sich vom einfachen Commis de Cuisine zum Souschef hochgearbeitet, indem er mit Fantasie und Wagemut exotische Gewürze einsetzte, als noch kaum jemand im europäischen Raum davon Gebrauch machte. Er war nicht einmal dreißig, als ein Journalist auf ihn aufmerksam wurde und sein Name erstmals in einer renommierten Fachzeitschrift erwähnt wurde. Er nahm diesen Artikel zum Anlass, um ins heimatliche Portovenere in Ligurien zurückzukehren und den Platz seines Vaters am Herd einzunehmen. Innerhalb kurzer Zeit brachte er die alte Möwe, wie seine Mutter das Ristorante Il Gabbiano nannte, unter die führenden Restaurants der italienischen Riviera. Doch er wollte mehr.

Er hatte keine Lust darauf, die nächsten vierzig oder fünfzig Jahre in einer Küche zu verbringen und immer dann zu arbeiten, wenn andere Feierabend hatten. Sein Ziel war es, das Leben zu genießen und sich bedienen zu lassen, anstatt zu bedienen. Seine Kenntnis der gehobenen Gastronomie brachte ihn auf die Idee, Restaurants zu rezensieren. Ab dem Moment verbrachte er den einzigen freien Abend pro Woche in irgendeinem Lokal, das in aller Munde war. Dafür nahm er auch einige Stunden Autofahrt in Kauf und verfasste nach seiner Heimkehr eine detaillierte Bewertung, die er noch nachts an mehrere Fachzeitschriften schickte. Bald wurden seine Artikel veröffentlicht, er erhielt zielgerichtete Aufträge und Anfragen verschiedener Medien eine kontinuierliche Zusammenarbeit betreffend. Als sein Vater starb, der seine Mutter nur ein paar Monate überlebte, hielt ihn nichts mehr. Er verkaufte das elterliche Restaurant, zog in das weiter südlich gelegene Viareggio in der nahen Toskana und war fortan als kulinarischer Journalist tätig, wie er sich selbst bezeichnete. Damals hatte er nicht ahnen können, dass er bald eine der maßgeblichen Personen des internationalen Restaurantführers werden würde, der die ersehnten Sterne vergab.

Vor wenigen Wochen hatte er seinen fünfundvierzigsten Geburtstag zum Anlass genommen, um ein neues Kochbuch, diesmal mit ligurischen Rezepten, vorzustellen. Seine Finger bewegten sich mittlerweile genauso leicht und rasch über die Tasten des Computers wie zwischen Pfannen und Töpfen – und er liebte es, in seiner Küche zu experimentieren. Sein Vorteil war, dass er beide Seiten der Barrikade kannte. Er war Koch, Gastrokritiker, Restauranttester und Kochbuchautor in Personalunion, ein Umstand, der jedoch auch unzählige Neider mit sich brachte, die nicht nur im Stillen geiferten. So hatte ihn ein Möchtegern-Journalist per Mail und Briefen an die Redaktion von Gastronomia Italiana attackiert. Gemeinsam mit dem Verlagschef war er gezwungen gewesen, gegen den Mann wegen übler Nachrede vorzugehen.

Nando Natuzzi war diskret, hatte nie gern und viel über sich erzählt, lehnte jede Art von Interviews generell ab. Das, was er zu sagen hatte, teilte er mittels seiner Artikel mit, darüber hinaus gab es nichts, was er mit der Allgemeinheit teilen wollte. Seine Zurückhaltung hatte natürlich zu Vermutungen geführt, allen voran sein Sexualleben betreffend. Doch er hielt sich bedeckt und betrat Restaurants immer allein oder mit einer kleinen Gruppe von Freunden, niemals zu zweit. Er ignorierte den Gedanken, der sich plötzlich in seinen Kopf stahl, und zog die Tastatur näher.

Mit wenigen Worten beantwortete er eine Mail seines Verlegers. Dann verfasste er die Bewertung des Ristorante Da Mimmo für die Prüfungskommission des Restaurantführers. Mimmo Santagati und sein Team, allen voran der Maître Enrico Gallo, leisteten erstklassige Arbeit. Sie hielten das Niveau sowohl im Service als auch in der Kulinarik, die beiden Sterne waren ihnen weiterhin sicher. Er ließ die Hände sinken und fixierte den Bildschirm seines Computers. Plötzlich sah er den Mann vor sich, der das Lokal bewusstlos in einer Ambulanz verlassen hatte. Die Neugier überkam ihn. Doch online gab es nicht einmal die allerkleinste Notiz von dem eigenartigen Vorfall des Vorabends. Warum denn auch? Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Kein Journalist schrieb von jemandem, nur weil die Sanitäter gerufen wurden. So etwas passierte tagtäglich – Blaulichter und Martinshörner von Notfallwagen zeugten davon. Sie gehörten vor allem zum abendlichen Bild der Städte wie die Straßenbeleuchtung.

Bevor er sich an die Pflichtlektüre der Zeitungen und Zeitschriften machte, die auf dem Lesetischchen auf ihn warteten, griff Nando Natuzzi nach dem Handy. Mit unterdrückter Nummer rief er in dem Restaurant an, das er heute Abend testen würde, um nachzufragen, ob die Reservierung auf den Namen Bruno Bianchi vorlag. Chiara, die Sekretärin des Chefredakteurs, koordinierte stets alle Termine der Mitarbeiter der Gastronomia Italiana von einem Anschluss, der keinen Rückschluss auf den Anrufer zuließ. Aber Vertrauen war gut, Kontrolle besser. Er hatte keine Lust, nach einer Stunde Fahrt festzustellen, dass er unverrichteter Dinge und mit leerem Magen wieder heimfahren musste. Mit einem zufriedenen Nicken beendete er das Gespräch und griff nach der Tageszeitung La Nazione.

DREI

Florenz, zur gleichen Zeit

Sie zog den Gürtel des Morgenrocks enger um ihren schmalen Körper und beugte sich vor. Die Ringe unter ihren Augen waren handtellergroß und dunkelgrau. Sie blinzelte, aber das schreckliche Spiegelbild verschwand nicht.

Nichts war mehr wie zuvor. Selbst ihr Körper stellte sich gegen sie!

Sie kämpfte gegen den Drang an, auf den Absätzen umzudrehen und sich wieder ins Bett zu legen. Stattdessen griff sie nach der Fettcreme und einem Wattepad und rieb sich damit über die Augen.

Das Wichtigste war, den gewohnten Tagesablauf beizubehalten.

Trotz allem.

Die Galle kam ihr hoch, als sie an den Mann dachte, mit dem sie den Vorabend verbracht hatte. Er hatte sie tatsächlich gefragt, welcher sportlichen Betätigung sie wie viele Stunden pro Woche nachging. Als ob sie ihn als Fitnesstrainer engagiert hätte! Dabei war er wahrlich kein attraktives Exemplar seiner Gattung. Gewesen, korrigierte sie sich in Gedanken. Denn er weilte nicht mehr unter den Lebenden.

Sie schüttelte genervt den Kopf. Das war Vergangenheit, und sie musste sich auf das Jetzt konzentrieren und auf den Plan. Und darauf, ihren normalen Tagesablauf einzuhalten.

Der Portier, die Kellnerin im Kaffeehaus, selbst die Frau in dem Blumenladen, an dem sie unweigerlich vorbeikam, sobald sie tagsüber das Haus verließ, alle kannten ihre Gewohnheiten. Niemand durfte Verdacht schöpfen, dass irgendetwas in ihrem Leben nun anders lief als vorher.

Apropos. Sie musste den Computer hochfahren, die Mails checken, zumindest eine sofort beantworten und kurz an irgendeinem Dokument arbeiten, wie sie es bereits in der Nacht gemacht hatte, als sie endlich heimgekommen war. Und am Vorabend, bevor sie das Haus verlassen hatte.

Eilig ging sie hinüber in sein Arbeitszimmer, setzte sich auf seinen Stuhl und betrachtete sein Bild in dem silbernen Rahmen, während der Bildschirm zum Leben erwachte.

»Warum nur?«, fragte sie flüsternd, streckte die Hand aus und fuhr mit den Fingerspitzen die Konturen seines Gesichts nach. Schockiert über das eigenartige Gefühl, das ihre Kehle verengte, blinzelte sie die aufkommenden Tränen weg und starrte den Mann auf dem Foto an.

»Das hättest du mir nicht antun dürfen. Du bist schuld!«, schrie sie und stieß den Bilderrahmen um, sodass sie sein Foto nicht mehr sehen musste.

Dann zog sie schwer atmend, als ob sie soeben einen Berggipfel erklommen hätte, die Tastatur seines Rechners näher und öffnete das Mailprogramm.

VIER

Pisa, Donnerstagvormittag

Teresa Santagati, Mimmos Frau, entsprach dem Bild einer Flamenco-Tänzerin. Sie war in Florenz aufgewachsen, wo ihre kalabrischen Eltern als Oberstufenlehrer arbeiteten. Nach der Hochzeit hatte die Bankkauffrau um Versetzung in die Filiale von Pisa ersucht und neben ihrem Job persönlich die Administration des Restaurants übernommen. Doch mit dem neuen Lokal und den Auszeichnungen waren die kaufmännischen Anforderungen angewachsen. »Warum einem Fremden ein Gehalt bezahlen?«, hatte sie gemeint und Mimmos Einwände abgewinkt, als sie in der Bank kündigte.

Kurz nach halb elf saß sie mit einem Cappuccino und den Kreditkartenbelegen des Vorabends in ihrem Büro, als jemand an der Tür des Restaurants klopfte. Eigenartig, dachte sie, der Lieferanteneingang ist doch allen bekannt, und konzentrierte sich wieder auf ihre Arbeit. Aber wenig später pochte es erneut an der Tür. Sie stieß den Sessel zurück und nahm die Treppe.

»Wir haben noch geschlossen«, sagte sie forsch, drehte den Schlüssel und zog die Tür auf. Jedes weitere Wort verstarb auf ihren Lippen. Sie musste den Blick erheben, um den beiden Carabinieri in die Augen zu sehen. Der Ranghöhere stellte sich als Capitano Fabiani vor und beide folgten ihr. Sie lehnten den angebotenen Kaffee ab und setzten sie ohne jedwede Gemütsregung davon in Kenntnis, dass der Carlo Conti vor einigen Stunden verstorben war.

»Wer?«, fragte Teresa erstaunt.

»Nun, der Gast, der hier gestern das Bewusstsein verloren und nicht mehr wiedererlangt hat, trotz aller Bemühungen seitens der Ärzte im Cisanello. Er ist am frühen Morgen verstorben«, antwortete Fabiani.

»Signora Santagati, die Todesursache konnte noch nicht einwandfrei festgestellt werden, diese wird erst die Autopsie klären. Ihr Restaurant könnte der Tatort eines Gewaltverbrechens sein.«

Teresa Santagati war nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. Doch jetzt erbleichte sie. Ihr Kinn und die Schultern klappten gleichermaßen nach unten, die Knie knickten ein, und wäre die Bank der Sitznische nicht unmittelbar hinter ihr gewesen, wäre sie wohl zu Boden gesunken. Der zweite Carabiniere holte ihr ein Glas Wasser, während der Capitano weiterredete.

»Es handelt sich um eine Formsache, Signora Santagati, da Signor Conti in Ihrem Restaurant die Besinnung verloren hat. Das verstehen Sie doch?«

Teresa murmelte: »Ich rufe meinen Mann an.«

»Wir müssen auch mit dem Maître sprechen.«

 

Während sie auf die beiden warteten, führte sie die Carabinieri durch das Restaurant. Das Ristorante Da Mimmo war bei seinen Gästen nicht nur für die ausgezeichnete Küche bekannt, sondern auch der diskreten Aufteilung der Räumlichkeiten wegen geschätzt. Die vier Gasträume waren einzeln von einer zentralen Eingangshalle zu betreten und die wenigen Tische jedes Raums mit antiken Kredenzen und Wandschirmen voneinander getrennt. In der großen Diele war auch die Bar, wo die Kellner die Getränke holten. Über eine Treppe gelangte man ins Obergeschoss zu Teresas Büro und zum Untergeschoss. Dort befanden sich Waschräume und Toiletten und der Zugang zum Felsenkeller, in dessen Gewölben Wein gelagert wurde.

Wenige Minuten später traf Mimmo Santagati ein, der in der Nähe bei seinem Fischlieferanten die bestellten Goldbrassen abgeholt hatte.

Maître Enrico war im Laufdress, kam direkt vom Lungoarno, dem Fußufer, wo er jeden Vormittag lief.

Capitano Fabiani stellte Fragen den Vorabend betreffend und bat um den Restaurantbon des Tisches von Signor Conti. Er hatte exakt um 20:08 Uhr bestellt und nach den Antipasti Siciliani zweimal Rindsfilet medium mit Balsamico-Soße und gebratenem Radicchio erhalten. Die Hauptspeisen waren um 21:05 Uhr aus der Küche gekommen und der Gast zehn Minuten später mit dem Gesicht auf den Teller gefallen.

Der Maître erinnerte sich genau, da er unmittelbar nach dem Schrei der Begleiterin des Mannes einen Blick auf seine Armbanduhr geworfen hatte. Ansonsten war der chronologische Ablauf exakt zu rekonstruieren. Das elektronische Boniersystem des Restaurants erfasste Uhrzeiten und Details jeden Tisches.

»Das Dessert war natürlich nicht mehr serviert worden, die Rechnung auch nicht«, erklärte Enrico Gallo. »Außer einer Flasche Mineralwasser hat das Paar nur zwei Gläser Chianti Classico getrunken, der einzige Rote, den wir glasweise verkaufen.« Auf die Frage nach der Herkunft des Weines antwortete er, dass mehrere Gäste den Rotwein aus demselben Fiasco erhalten hatten wie jeden Abend. »Von diesen Zwei-Liter-Korbflaschen stehen immer einige im Barbereich und werden bei Bedarf geöffnet.«

»Signor Conti und seine Begleiterin haben also nicht nur das Gleiche gegessen, sondern auch getrunken«, fasste Capitano Fabiani zusammen und fragte dann: »Können Sie die Signora beschreiben, die Signor Conti begleitete?«

»Ich war den ganzen Abend in der Küche beschäftigt und meine Frau ist abends nie im Restaurant«, erwiderte Mimmo Santagati und schaute zu seinem Freund.

»Sie war mittelgroß, vielleicht einen Meter siebzig, wenn man sich die hohen Absätze wegdenkt, und schlank«, begann Enrico Gallo. »Die dunklen Haare waren schulterlang und glatt. An die Augenfarbe kann ich mich nicht erinnern, ebenso wenig an die Form der Nase oder den Mund. Sie trug ein tief ausgeschnittenes, rotes Kleid und hohe schwarz-rote Stöckelschuhe. Die Tasche passte genau dazu, so eine kleine, flache, mit einer goldenen Kette.« Er runzelte die Stirn. »Ach ja, und sie hatte Strümpfe mit Naht an.«

Teresa meinte lakonisch, dass diese Frau nicht besonders hübsch gewesen sein musste, sonst könnte er sich wohl besser erinnern. Immerhin hatte das Paar bis zum Vorfall bereits eine Stunde in dem Gastraum gesessen.

Die vier Männer wechselten ein einvernehmliches Lächeln.

»Wie alt war sie?«

Enrico schaute den Capitano an, als ob der ihn gefragt hätte, ob er noch an den Weihnachtsmann glaubte. Dann zuckte er mit den Achseln.

»Nicht mehr jung, würde ich sagen, aber auch nicht alt. Mitte/Ende dreißig vielleicht?« Er formulierte die Antwort wie eine Frage und fügte gleich noch eine an. »Haben Sie denn nicht die Personaldaten der Signora? Die ist doch mit der Ambulanz mitgefahren.«

»Richtig, sie hat Signor Conti ins Ospedale Cisanello begleitet und im Wartesaal der Notaufnahme Platz genommen. Erst Stunden später, nach dem Tod von Carlo Conti, fiel ihr Verschwinden auf. Das Krankenhaus hat uns daraufhin informiert und die Kollegen in Florenz, wo der Mann wohnhaft war, haben Signor Contis Ehefrau ausfindig gemacht. Die ist aus allen Wolken gefallen, als sie von seinem Tod erfuhr. Sie hatte ihren Mann auf einem zweitägigen Seminar in Rom vermutet. Seine Begleiterin an dem Abend war also eine andere Person.«

Capitano Fabiani drückte keinerlei Emotion aus, es war ohnehin klar, dass sie alle dasselbe dachten. Ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, stand der Carabiniere auf und ging, seinem Kollegen folgend, zum Ausgang. Dort drehte er sich nochmals um.

»Hier sind wir fertig. Was auch immer der Grund für den plötzlichen Tod des Signor Conti war, er ist sicher nicht hier zu finden.«

Teresa seufzte erleichtert auf, nachdem sie die beiden Carabinieri verabschiedet und die Tür hinter ihnen abgeschlossen hatte.

»So leid es mir um den Mann tut«, sagte Mimmo, »jetzt ist mir besser. So. Auf geht’s, die Goldbrassen warten.«

FÜNF

Montecatini, Donnerstagabend

Nando Natuzzi hatte seinen Mercedes S-Klasse bei der Talstation der Zahnradbahn von Montecatini Terme geparkt und genoss den langsamen Anstieg zum mittelalterlichen Montecatini Alto. Er dachte an die wenigen Informationen, die er über das Lokal in Erfahrung gebracht hatte. Das Ristorante Gufo Grigio, was so viel wie graue Eule bedeutete, war in einer antiken Residenz unweit vom Castello untergebracht, die der verstorbene Besitzer seinem Enkel hinterlassen hatte. Woher dieser das Geld für die Renovierung hatte, wusste niemand, doch er hatte vor etwa einem halben Jahr eröffnet. Letzte Woche war ein schmeichelhafter Artikel in der florentinischen Ausgabe des Corriere della Sera erschienen, der seine Neugier geweckt hatte. Mittlerweile hatte er die kurze Strecke von der Bergstation zurückgelegt und legte die Hand auf den Türgriff des Restaurants.

Von einem kleinen Vorraum mit Garderobe gelangte man direkt in einen großen Gastraum. Die im Raum verteilten Tische waren von allen Seiten her einsehbar. Zum Glück hatte ihm die Kellnerin einen an der Wand zugeteilt. So fühlte er sich etwas geschützter und hatte einen guten Überblick über das Lokal. Mehr als die Hälfte der grob geschätzten sechzig Plätze waren bereits besetzt, obwohl es erst kurz nach neunzehn Uhr war. Eine Gruppe von Männern schaufelten das Dessert in sich hinein, offensichtlich Kurgäste, die heute auf die Diät pfiffen. An den anderen Tischen saßen nur Paare, Nando war der einzige Gast ohne Begleitung.

Das Mobiliar aus dunklem Holz, die elfenbeinfarbene Tischwäsche und die schlicht gerahmten antiken Drucke von Montecatini gaben dem Lokal Charakter. Die angenehme indirekte Beleuchtung ebenfalls. Der Wein wurde in wohlgeformten, aber billigen Gläsern serviert. Als Amuse-Gueule stellte man einen kleinen Teller mit zwei Stückchen Melone und etwas Rohschinken vor ihn. Einfallslos, dachte er enttäuscht und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Was ihm auffiel, waren die jungen Frauen im Service. Es mochte zwar diskriminierend erscheinen, doch die gehobene Gastronomie erkennt man auch heute noch am männlichen Personal. So hatte er kürzlich in einem Artikel geschrieben und würde sich nach dem heutigen Abend wohl wiederholen.

Nando hatte auf Antipasti verzichtet, dabei konnte nicht einmal ein schlechter Koch etwas falsch machen. Jetzt betrachtete er interessiert die Pappardelle al sugo di lepre, einen der typischen Primi der toskanischen Küche. Die breiten Pastastreifen waren perfekt kernig gekocht und das Ragout aus Hasenfleisch exzellent gewürzt. Während er an seinem Wasser nippte, das er gewählt hatte, um den absehbaren polizeilichen Kontrollen auf der Rückfahrt ruhig entgegenblicken zu können, beobachtete er die Gäste an den beiden Tischen in seiner Nähe.

Zwei, ein Paar im Pensionsalter, waren sicher deutsche Touristen, wie er anhand ihrer Kleidung und den von roten Äderchen durchzogenen, bleichen Gesichtern erkannte. Selig lächelnd aßen sie ihre Bistecca alla Fiorentina und nippten immer wieder an ihrem Chianti.

Die anderen entsprachen dem klassischen Klischee einer Affäre. Der Mann war teuer und elegant gekleidet, etwa Mitte fünfzig, trug eine protzige Uhr am Handgelenk und hatte das Grau der Haare rotbraun übertönt. Er machte auf Nando den Eindruck eines Emporkömmlings. Die Frau an seiner Seite schätzte er um die vierzig. Sie war mit einem schlichten taubengrauen Tailleur mit weißer Bluse bekleidet. Der Gedanke lag nah, dass sie seine Sekretärin war. Der blonde Pagenkopf war perfekt geschnitten, und mit ihrem kirschrot bemalten Mund deutete sie immer wieder Küsse in die Richtung ihres Begleiters an, der ihre Hand auf der Tischdecke in seiner hielt. Beide hatten einen Teller Pappardelle mit Hasenragout vor sich, die auch Nando gegessen hatte. Dazu tranken sie Chianti.

Überrascht blickte Nando auf, als ein Mann mit seinem Hauptgang, dem Ossobuco alla Fiorentina, auf seinen Tisch zukam. Hat der Maître endlich seinen Weg zu den Gästen gefunden, fragte er sich, als der Mittdreißiger den Teller einstellte und ihn ansprach.

»Guten Abend, Signor Bianchi, mein Name ist Mario Gori. Ich bin der Geschäftsführer.«

Und der Besitzer, der dieses historische Gebäude vom Großvater geerbt hat, ergänzte Nando in Gedanken. Die Tatsache, dass Gori ihn mit dem Namen ansprach, unter dem er reserviert hatte, bedeutete gar nichts. Man konnte ihn auch erkannt haben oder vermuten, dass er ein Kritiker war. Selten aß

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Verlag: Elaria

Texte: © 2019 Elsa Bergh (ElsaBergh@gmx.co.uk)
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Lektorat/Korrektorat: SW-Korrekturen e.U
Tag der Veröffentlichung: 03.06.2019
ISBN: 978-3-96465-146-4

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