Cover

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Buch & Autorin

PROLOG

DER ERSTE TAG

Eins

DER ZWEITE TAG

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

DER DRITTE TAG

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

DER VIERTE TAG

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

DER FÜNFTE TAG

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Fünfzig

Einundfünfzig

Zweiundfünfzig

Dreiundfünfzig

Vierundfünfzig

Fünfundfünfzig

Sechsundfünfzig

Siebenundfünfzig

Achtundfünfzig

DER SECHSTE TAG

Neunundfünfzig

Sechzig

Einundsechzig

Zweiundsechzig

Dreiundsechzig

Vierundsechzig

Fünfundsechzig

Sechsundsechzig

Siebenundsechzig

Achtundsechzig

Neunundsechzig

Siebzig

Einundsiebzig

Zweiundsiebzig

Dreiundsiebzig

Vierundsiebzig

DER SIEBTE TAG

Fünfundsiebzig

Sechsundsiebzig

Siebenundsiebzig

Achtundsiebzig

Neunundsiebzig

Achtzig

Einundachtzig

Zweiundachtzig

Dreiundachtzig

Vierundachtzig

Das Buch

Der neunjährige Benjamin verschwindet spurlos aus dem Park einer exklusiven Schweizer Privatschule.

In Südfrankreich löst sich die zehnjährige Caroline vor dem Haus ihrer Großeltern in Luft auf.

Die Verbindung zwischen den Entführungen wird schnell klar: Beide Kinder haben Familienmitglieder, die in hohen Positionen für die Leonberg-Werke arbeiten – eines der größten Unternehmen der deutschen Rüstungsindustrie. Die Entführer wollen kein Lösegeld, sondern die sofortige Annullierung aller Waffenlieferungen in die heißesten Krisengebiete der Welt.

Der Privatermittler Werner Steger wird mit der Suche nach den Kindern betraut, doch die Jagd auf die gefährlichen Unbekannten wird zum Hürdenlauf. Für Steger und sein Team beginnt ein Wettrennen gegen die Zeit und quer durch Europa, bei dem es gilt, Interpol und BKA zu täuschen, wütende Kunden in Afrika und im mittleren Osten zu beschwichtigen und sich einem skrupellosen Gegner zu stellen, der zu allem bereit und fähig scheint …

 

Die Autorin

Elsa Bergh ist Autorin und Journalistin. Sie lebt in London. Mit »Waffenkinder« veröffentlicht sie ihren ersten Thriller.

Die Rüstungsindustrie ist in der Tat eine
der größten Gefährdungen der Menschheit.

ALBERT EINSTEIN

PROLOG

Benjamin

Er wurde geschüttelt und gerüttelt wie ein Eiswürfel in einem Cocktailshaker. Zumindest kam es ihm so vor, als er aufwachte. Die Schädeldecke stieß immer wieder heftig an eine Wand. Egal, worauf er lag, es war keine Matratze, sondern steinhart. Sein Körper schien unbeweglich, wie gelähmt, Arme und Beine. Er konnte nichts erkennen, absolute Dunkelheit umgab ihn. Oder hatte er die Sehkraft verloren? Verzweiflung überkam ihn. Wie kam er nur hierher?

Plötzlich flog er unsanft einige Zentimeter hoch, schlug mit der Nase gegen eine harte Oberfläche. Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen. Die drängte er zurück, denn Männer weinen nicht. Reflexartig wollte er das schmerzende Gesicht abtasten, aber die Hände, die er endlich wieder fühlte, kribbelten unangenehm. Lähmung ausgeschlossen, überlegte er nahezu erfreut, trotz des Ziehens in den Gliedmaßen. Doch die eng gefesselten Handgelenke, Knöchel und Knie machten ihn panisch.

Benjamin hatte das Gefühl, dass das Blut keinen Weg durch Adern und Arterien fand, sein Schädel schien zu zerspringen. Bis auf ein paar blaue Flecken, Schürfwunden und eine rinnende Nase kannte er weder Schmerzen noch Kinderkrankheiten. Die andauernden Schläge des Kopfes gegen die Wand verursachten Übelkeit. Atemluft fehlte. Es roch wie an einer Tankstelle, nach Benzin. Endlich weiß ich, wo ich bin, dachte er. Im Kofferraum eines fahrenden Autos!

Sein Blick versuchte erneut die Dunkelheit zu durchdringen, doch es war sinnlos. Jetzt traten ihm Tränen in die Augen. Benjamin hatte Angst. Egal, was andere denken konnten, er musste nicht den Starken spielen, niemand sah ihn. Vor allem Jens und die Bande, allesamt durch die Bank kräftiger und älter als er – und weit weg. Obwohl Erwachsene meinten, dass er für neun Jahre sehr groß sei, machte er sich aus dem Staub, sobald sie auftauchten. Doch was hätte er jetzt um ihre Nähe gegeben!

 

Caroline

Ihre Augen waren von einer Gesichtsmaske bedeckt, ähnlich der, mit der ihre Mutter schlief. Der Mundknebel trocknete ihre Kehle aus. Es kam ihr vor, als würde er stetig an Größe zunehmen. Sie hatte eine Riesenangst, zu ersticken, und atmete deshalb zunehmend rascher durch die Nase. Hin und wieder kam ein unangenehm nach Schweiß riechender Typ, lockerte unwirsch das Tuch vor ihrem Mund, entfernte den Knebel und forderte sie auf zu trinken. Dazu schob er ihr mit Gewalt einen Strohhalm zwischen die Lippen – ob sie wollte oder nicht. Das dickflüssige Getränk schmeckte schokoladig und bitter zugleich. Sobald sie trank, verflog der Hunger, doch sie schlief sofort ein.

Caroline wachte auf, als ihr ein maskierter Mann behutsam die Binde von den Augen nahm, bevor er sie in das Zimmer schob. Endlich konnte sie sich frei bewegen, ohne enge Plastikfesseln an Armen und Beinen. Man hatte ihr die abgeschundenen und leicht blutenden Handgelenke mit einer Salbe bestrichen und verbunden. Jetzt war der Schmerz erträglicher.

Ihr Blick streifte vorsichtig durch den halbdunklen Raum, über die saubere, in Plastik verpackte Matratze, auf der ein Plaid und ein Kissen lagen. An der gegenüberliegenden Wand hing ein Waschbecken, daneben, auf dem blanken Steinboden, stand ein abgesplitterter Holzsessel. Darauf ein Handtuch, eine Seife, eine Bürste und eine Klopapierrolle. Ein orangefarbener Raumteiler trennte eine kleine Kabine ab. Wie in der Schule, überlegte das Mädchen, da ist sicher ein Klo dahinter. Doch es roch wie in einem Wald mit Pinien im Sommer. Sie sah zwar keinen Heizkörper, jedoch zwei dicke Rohre unterhalb der Decke. Für das Heißwasser, dachte sie, und sie wärmen das Zimmer. Das Licht drang spärlich durch ein längliches, weit oben in der Wand eingelassenes Fenster. Das Glas wurde außen von einem Gitter geschützt. Selbst wenn sie auf den Sessel stieg, konnte sie nicht hinaussehen, bestenfalls nur Tag und Nacht unterscheiden. Der Lichtschalter neben der Tür funktionierte, entzündete die Neonleuchte an der Zimmerdecke.

Alles in allem hatte diese Unterbringung etwas Komfort. Caroline verzog ihr Gesicht zu einem Lächeln, dem ersten, seitdem man sie aus ihrem normalen Leben gerissen hatte. Sie erinnerte sich, dass es soeben zu regnen begonnen hatte. Für den Weg zwischen dem Haus Annes und dem von Mamie und Papy, ihren Großeltern, musste sie nur an zwei Gärten vorbei. Das Gewitter kam näher. Sie beschleunigte den Schritt, wollte den Hauseingang noch halbwegs trocken erreichen. In Gedanken war sie bereits beim Abendessen, freute sich auf die Lasagne. Plötzlich packte sie jemand von hinten, drückte ein übel riechendes Tuch auf ihren Mund und die Beine sackten unter ihrem Körper weg. Das war ihre letzte Erinnerung an den Nachmittag, als noch alles in Ordnung war, denn als sie wieder aufwachte, lag sie mit verbundenen Augen auf dem kalten Boden des ersten Gefängnisses.

Sie wusste nicht, wie oft sie von einem Ort zu einem anderen gebracht worden war, einmal im Kofferraum einer Limousine, dann im rückwärtigen Teil eines Lieferwagens. Im Transporter konnte sie auf einer harten Bank sitzen. Das war bequemer als im dunklen, engen Stauraum eines Autos. Auch besser als in dem feuchten Raum mit Steinboden, in dem es nach Schimmel gerochen hatte.

Immer wieder hatte man sie betäubt mit dem Milchgetränk oder dem Wasser, das man ihr gab. Wann hatte sie zuletzt etwas gegessen? Wenn sie aufwachte, so mit verbundenen Augen. Caroline hatte keine Ahnung, wie viel Zeit seit Freitagnachmittag vergangen war und weshalb man sie ständig woanders hinbrachte.

Wo bin ich? Warum hört dieser Albtraum nicht auf? Sie rollte sich wie ein Kätzchen auf der himmelblauen Matratze zusammen und schloss die Lider. Langsam kullerten Tränen über ihre Wangen. Sie dachte mit Sehnsucht an Bruno, ihren Teddy, den sie im Bett stets fest an sich drückte. An einigen Stellen fehlte ihm sein braunes Fell, doch sie liebte ihn so wie damals, als er auf dem Gabentisch gelegen hatte. Das war vor langer Zeit, zu ihrem fünften Geburtstag, als sie klein war und noch gemeinsam mit ihren Eltern in einem Haus lebte. Jetzt war sie doppelt so alt.

DER ERSTE TAG

  • Eins

Das Palais der Familie Leonberg an der Wiener Ringstraße war nur einer der Prachtbauten, die der weltberühmte dänische Architekt Theophil Hansen seiner österreichischen Wahlheimat überlassen hatte. Doch so beeindruckend das Palais auf all diejenigen wirkte, die eine Einladung zu einem der raren Empfänge erhielten, Ludwig Leonberg ertrug es nicht.

Die hohen Räume im Untergeschoss waren seit mehr als einem Jahrhundert mit den Originalmöbeln eingerichtet, spiegelten den griechischen Einfluss des Erbauers wider. Der Hausherr war jedoch nach eigener Aussage ein typischer Landmensch, der Wiesen und Wälder zum Leben brauchte wie Fische das Wasser. Daher lebte er, sobald er in Wien war, nur im zweiten Stock, überließ das Erdgeschoss den repräsentativen Zwecken, die seine soziale Position zeitweilig erforderten.

Ludwig Leonberg saß in seinem ledernen Drehsessel am modernen, schlichten Schreibtisch und starrte gedankenverloren auf den Screensaver seines Computers. Seifenblasen bewegten sich unhörbar quer über den Bildschirm, kamen von irgendwo und verschwanden nach nirgendwo. Immer noch hielt er sein Smartphone auf Kopfhöhe, obwohl der Anrufer längst aufgelegt hatte.

Es hatte um 19:10 geläutet. Urs Egli, der Direktor der elitären Schweizer Privatschule, hatte ihm mitgeteilt, dass Benjamin unauffindbar war. Sein geliebter Enkel, der seiner verstorbenen Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war, hatte sich in Luft aufgelöst. Er hatte den Jungen mit sechs Jahren in das Swiss-Institut bei Luzern eingeschrieben, wo er die bestmögliche internationale Ausbildung erhalten konnte. Zudem wurden die Sprösslinge reicher Familien aus aller Welt in der alpinen Abgeschiedenheit rund um die Uhr von militärisch geschultem Personal bewacht. Er selbst hatte sich damals vor Ort von den angepriesenen Sicherheitsmaßnahmen des Instituts überzeugt.

Seine Vorfahren verdankten ihr Vermögen der Fertigung von Waffen, vor allem Jagdgewehren. Heute produzierten die Düsseldorfer Leonberg-Werke hochtechnologische Waffen und weitere Güter, die für den friedlichen Gebrauch wie in bewaffneten Konflikten benötigt wurden. Ebenfalls weltweit bekannt waren die beiden Münchner Firmen, die Leonberg-IT-Solutions und die Leonberg-Security, die er gegründet hatte. Ludwig war davon überzeugt gewesen, für seinen Enkel mit dem Swiss-Institut die beste Wahl getroffen zu haben – auch sicherheitstechnisch. Aber jetzt war er verschwunden.

Egli hatte beruhigend auf ihn eingeredet, die Sachlage klar beschrieben. Benjamin war um sechs Uhr nicht zum Abendessen erschienen. Einige Kameraden hatten den Jungen zuletzt am Ende des Basketballtrainings in der Garderobe der Sporthalle gesehen. Da war es kurz nach fünf. Dies wurde auch vom Coach bestätigt, der noch mit älteren Schülern in der Halle trainierte. Benjamin war der Letzte seiner Gruppe gewesen, was dem Charakter und den Gewohnheiten des verschlossenen Jungen entsprach.

Als der Schüler um sieben Uhr unauffindbar war, hatte man es vorgezogen, den Großvater zu verständigen. Das Schul- und Sicherheitspersonal hatte sämtliche Gebäude auf dem Areal bis in den letzten Winkel durchsucht, Geräteschuppen und Garagen inklusive, und Suchmannschaften mit Hunden ausgeschickt. Es galt, knapp neunzig Hektar an Wiesen und Wäldern zu durchforsten, den Fluss in der Klamm beiderseits zu kontrollieren und jede Felsspalte des weitläufigen Klettergartens abzusuchen. Man musste davon ausgehen, dass der Junge irgendwo abgerutscht oder gefallen war und sich verletzt hatte. Allerdings war dies sicher nicht auf dem Weg von der Sporthalle zum Wohngebäude geschehen, da dieser gut ausgeleuchtet und kaum zweihundert Meter lang war.

Leonbergs Gedanken wurden abrupt unterbrochen.

Werner Steger stieß die halb geöffnete Tür mit einem Fuß auf und trat mit ihrem kalten Abendessen ein.

»Ungarische Salami, Peperoni und Liptauer, mein Lieber«, meinte er lachend, stellte das Tablett ab und sah auf. Ein Blick auf Ludwigs Gesichtsausdruck reichte aus, um sein Lächeln verschwinden zu lassen. »Was ist passiert?«

»Benjamin ist verschwunden.«

 

In den letzten fünfzehn Jahren hatte sich zwischen ihnen anfangs ein freundschaftliches, später ein fast brüderliches Verhältnis entwickelt. Wie jeden Abend setzte sich Werner ihm gegenüber an den Schreibtisch und griff nach einem Sandwich. Gedankenverloren tat es ihm der Unternehmer gleich, biss in das Brot und räusperte sich. Mit wenigen Worten berichtete er von dem Anruf, der kaum fünf Minuten zurücklag, und fragte seinen Vertrauten, wie er vorgehen sollte.

Ludwig Leonberg hatte Steger direkt vom KSK, dem Kommando Spezialkräfte der deutschen Bundeswehr, abgeworben. Der damals erst Dreiunddreißigjährige war bereits eine Legende der militärischen Spezialeinheit und sehnte sich nach einer neuen Herausforderung. Kurzerhand hatte er die Stelle des Sicherheitsverantwortlichen für den Leonbergschen Privatbesitz übernommen, Familienangehörige inklusive.

Damals war Ludwig achtunddreißig und alleinerziehender Vater eines pubertierenden Teenagers. Seine Frau war bei der Geburt ihrer Tochter Susanne an den Folgen eines Blutsturzes gestorben und hatte ihn mit fünfundzwanzig zum Witwer gemacht. Wenige Jahre darauf erlitt sein Vater auf dem Flug von Wien nach München am Steuer seiner Cessna einen Infarkt. Die kleine Maschine fiel führerlos vom Himmel wie ein Stein, erzählten die befragten Augenzeugen. Auf einen Schlag verlor der geschwisterlose Ludwig auch die Eltern, trug plötzlich die Alleinverantwortung für seine kleine Tochter und das Firmenimperium.

Susanne war ein Ausbund an Fröhlichkeit und Energie. Ihr am stärksten ausgeprägter Charakterzug war ihr Eigensinn. Kurz gesagt: Sie war dickköpfig und hatte das Interesse für Technik von ihren Vorfahren geerbt. Nach dem Abitur wählte sie das MIT in Cambridge. Es bestand kein Zweifel, dass sie eines Tages die Leonberg-Werke leiten würde. Nur zehn Monate nach Studienbeginn war sie überraschend heimgekehrt mit einem Bauch, der die fortgeschrittene Schwangerschaft nicht nur erahnen ließ. Susanne war neunzehneinhalb, als Benjamin zur Welt kam. Stur, wie sie schon immer gewesen war, weigerte sie sich, den Namen des Kindsvaters preiszugeben. Werner und Ludwig liebten den Kleinen vom ersten Augenblick an und verbrachten all ihre freie Zeit mit dem Kind, wenn sie daheim waren.

Kurz nach der Geburt ihres Sohnes immatrikulierte Susanne an der Technischen Universität München, teilte fortan ihre Zeit zwischen Benjamin und dem Studium. Diskotheken und Feste interessierten sie ebenso wenig wie Männer. Am Abend nach der letzten Prüfung vor dem Staatsexamen fuhr sie mit einem Jugendfreund, der in der Nachbarschaft wohnte, von München heim nach Starnberg. Der Student wollte einem Reh ausweichen, das die Fahrbahn querte, und knallte mit dem Wagen frontal an einen Baum. Beide Fahrzeuginsassen waren auf der Stelle tot.

Ludwig und Werner, die den kleinen Jungen vergötterten, übernahmen in ihrem großen Schmerz die Erziehungsfunktion als Ersatzeltern. Das hatte sich bis zum heutigen Tag nicht geändert – und jetzt war ihr Kind verschwunden.

 

»Pack deine Tasche, wir fliegen in die Schweiz«, entschied Werner Steger, der ihm zugehört hatte, ohne ihn zu unterbrechen. Dann griff er zum Haustelefon und sprach kurz mit den Piloten, die in einem der Personalzimmer im letzten Stockwerk des Palais Leonberg untergebracht waren. Zwei Stunden später saßen sie einander im Passagierraum des Firmenjets gegenüber. Der Pilot teilte ihnen die Freigabe des Starts mit. Ludwig beendete das Gespräch mit der Schule, wo die Suche nach Benjamin weiterging. Urs Egli erwartete sie, egal, zu welcher Uhrzeit, Zimmer im Gästehaus des Swiss-Instituts standen bereit.

Sie flogen nach Zürich. »Auf dem großen internationalen Flughafen sollte die Ankunft des Leonberg-Firmenjets weniger Beachtung finden als in Luzern«, hatte Werner gemeint. Er sprach es nicht aus, aber ihnen war beiden klar, was das spurlose Verschwinden Benjamins, des zukünftigen Erben eines der größten deutschen Rüstungsunternehmen, bedeuten konnte.

Um 23:46 Uhr setzte der Bombardier Learjet 60 XR auf und rollte von der Landebahn zur Parking Position, wo ein Mercedes 500 der S-Klasse mit Chauffeur wartete. Einreiseformalitäten und die Zollabfertigung erledigte ein freundlicher Mitarbeiter des Flughafens Kloten direkt auf der Piste. Kopien der Dokumente Leonbergs, Stegers und des Flugzeugs lagen hier seit Jahren vor, ebenso wie in anderen Destinationen, die sie regelmäßig anflogen. Kurz vor Mitternacht verließ die Limousine den Flughafenbereich in Richtung Luzern.

  • DER ZWEITE TAG

  • Zwei

Während der knapp einstündigen Fahrt versuchte Ludwig Leonberg, die Bilder möglicher Horrorszenarien aus seinem Unterbewusstsein zu ignorieren – natürlich vergeblich. Werner ging es nicht anders, das Gesicht seines Freundes sprach Bände. Die Limousine fuhr auf das verschlossene eiserne Doppelflügeltor des Swiss-Instituts und das kleine Wachhäuschen zu. Der Blick des Security-Mannes war auf einen Bildschirm gerichtet. Die Identität jedes einzelnen Besuchers wurde mithilfe einer Kamera festgestellt, die mühelos durch dunkel getönte Scheiben sah. Das biometrische Verfahren erfasste alle Insassen der passierenden Fahrzeuge, egal ob Schüler, Angehörige, Mitarbeiter oder Lieferanten. Wer einmal registriert war, konnte passieren. Ihr hier unbekannter Chauffeur musste hingegen sein Dokument vorlegen, das vom Sicherheitsmann in das System eingescannt wurde. Um 00:57 Uhr fuhren sie auf das Institutsgelände.

Ludwig und Werner stiegen direkt vor dem hell erleuchteten Eingangsportal aus, wo sie der Direktor erwartete. Urs Egli wies ihren Fahrer an, das persönliche Gepäck der Herren Leonberg und Steger in das naheliegende Gästehaus zu bringen und den Wagen davor abzustellen. Dann deutete er ihnen mitzukommen und umriss bereits im Gehen die Situation. Mehr als fünfzig Personen suchten nach Benjamin. Alle Mitarbeiter des Sicherheitspersonals waren einberufen, Freigänge gestrichen, die Nachtruhe unterbrochen worden. Man hatte bereits neunzig Prozent des Areals kontrolliert. In etwa vierzig Minuten, sobald das gesamte Gelände durchsucht war, würde der Security-Chief zu ihnen kommen.

Die drei Männer saßen in einem privaten Salon, einem von mehreren zur exklusiven Verfügung von Angehörigen und Besuchern. In dem Flachbau waren auch Küche und die beiden Schüler-Restaurants untergebracht. Ein Serviermädchen erfragte ihre Wünsche und brachte kurz darauf dampfenden Kaffee, belegte Brote und einen Teller mit Keksen, bevor sie sich diskret zurückzog. Keiner von ihnen hatte Lust, irgendwelche Hypothesen anzustellen. Sie saßen auf lederbezogenen Lehnstühlen und nippten hin und wieder an den heißen Getränken, ohne zu sprechen. Doch die Atmosphäre war energiegeladen, man konnte die Nervosität im Raum förmlich spüren.

Werner Steger zog die Augenbrauen erstaunt hoch, als ein massiger, dunkelhäutiger Mann eintrat.

Jason Mulenga, knapp zwei Meter und durchtrainiert, wurde 1976 als Jüngster von vier Brüdern in den Vereinigten Staaten geboren. Seine Eltern hatten ihre Heimat Anfang der Siebzigerjahre verlassen, nachdem Idi Amin Dada die Herrschaft über das Land erzwungen hatte. Jason hatte als Einziger seiner Familie die Militärlaufbahn eingeschlagen. Mit nur zweiunddreißig Jahren hatte er die Navy-Seals als Commander verlassen und war nach Europa gezogen, um vor Ort seine Deutschkenntnisse zu vertiefen und Französisch zu lernen. Längere Zeit hatte er als privater Bodyguard für einen Schweizer Industriellen gearbeitet, dessen Kinder das Swiss-Institut frequentierten. Vor zwei Jahren hatte er hier die Position des Security-Chiefs übernommen. Benjamins Verschwinden war das erste negative Vorkommnis seither.

Urs Egli spulte alle Angaben über seinen Mitarbeiter mit den stählernen Muskeln emotionslos herunter, während er sie mit Handschlag begrüßte. Werner Steger erkannte sofort die Kompetenz und Entschlossenheit in dem beeindruckenden Mann, dessen berufliche Erfahrung der seinen ähnlich war. Sie wechselten einen tiefgründigen Blick und nickten einander zu. Dann schenkte Mulenga sich eine große Tasse Kaffee ein, schwarz und ungezuckert, und sprach mit ruhiger, tiefer Stimme. »Wir haben das gesamte Areal flächendeckend abgesucht, daher können wir ausschließen, dass sich Ihr Enkel auf dem Schulgelände befindet, Herr Leonberg. Doch dass der Junge spurlos von hier verschwinden konnte, ist unerklärlich, um nicht zu sagen unmöglich.«

»Und doch ist es passiert«, murmelte Ludwig. Niemand antwortete.

Die Sicherheitsleute hatten sämtliche Videoaufzeichnungen kontrolliert ab dem Moment, an dem Benjamin aus den Umkleideräumen der Sporthalle gekommen war. Die Überwachung auf dem Schulareal war komplett in der Nähe aller Gebäude, Hintereingänge, Werkstätten, Garagen und Personalunterkünfte inklusive. Die Einfahrt und die Zufahrtsallee wurden ebenso erfasst wie die Gehwege zwischen den verschiedenen Häusern und Sportanlagen. »Benjamin hat von der Turnhalle den direkten Weg zum Internat genommen«, erklärte Mulenga. »Plötzlich ist er stehen geblieben, hat den Kopf gedreht und genickt. Dann hat er den Weg verlassen. Es ist anzunehmen, dass er über den Rasen auf jemanden zugegangen ist, der ihn gerufen hat. Wie gesagt, die Videoüberwachung schließt Wiesenflächen, das Waldgebiet und die Felsschlucht nicht mit ein, daher gibt es weder Aufnahmen von der unbekannten Person noch von Benjamin, der ab 17:27 Uhr von keiner Kamera mehr erfasst wurde.«

»Mein Enkel ist mit einem Meter zweiundvierzig für sein Alter überdurchschnittlich groß und somit unübersehbar«, sagte Leonberg gereizt. »Kann mir jemand erklären, wie sich dreißig Kilo einfach in Luft auflösen können?« Dann stützte er den Kopf in die Hände, und nur das Beben seiner Schultern verriet, dass der unverwüstliche Unternehmer weinte.

  • Drei

Ludwig Leonberg wurde um 06:45 Uhr vom Summen des Handys aus dem Schlaf gerissen. Stundenlang hatte er sich schlaflos im Bett herumgeworfen, bevor er erschöpft eingeschlafen war. Die Entscheidung, die sie in der Nacht getroffen hatten, war die richtige. Übermüdet schlüpfte er in die Jogginghose und ein langärmeliges Shirt, zog die Laufschuhe an und verließ das Zimmer. Die zwanzig Minuten morgendlichen Trainings benötigte er zu Hause und auf Reisen. Laufen hielt seinen Körper fit und die erhöhte Sauerstoffzufuhr während des Sports befreite den Kopf von unnötigen Gedanken. Hoffentlich auch heute, überlegte er, als er aus dem Hauseingang trat. Nur war dem nicht so, wie er bemerkte, während er sich rasierte. Er verpasste der Krawatte soeben einen perfekten Knoten, als an der Zimmertür geklopft wurde. Werner Steger hatte, wie er auch, dunkle Ringe unter den Augen, doch man sah ihnen nur ihre Entschlossenheit an, als sie in den privaten Salon des Swiss-Instituts traten.

Neben Urs Egli saß der Präsident und Miteigentümer der Schule. Sie kannten einander seit einigen Jahren, wenn auch nur oberflächlich. Am Kugelbauch und den geröteten Wangen in dem runden Gesicht des kleinwüchsigen Heinz Berimann erkannte man in dem etwa Sechzigjährigen den Genussmenschen. Er fasste mit beiden Händen nach Leonbergs rechter und sah ihm fest in die Augen. »Bis dato keine Neuigkeiten, Ludwig, doch lasst uns etwas essen, solange wir auf Jason Mulenga warten. Er spricht noch mit dem Personal, das soeben Dienst angetreten hat.«

Während sie den exzellenten Kaffee, frisch gepressten Orangensaft, Rührei aus legefrischen Eiern aus dem schuleigenen Hühnerstall, Croissants und hausgemachte Marmelade zu sich nahmen, sprach niemand ein Wort. Werner und Ludwig wirkten äußerlich besonnen und schwiegen einvernehmlich.

Ungewöhnliche Situationen erfordern eiskalte Überlegungen, rief sich Ludwig ins Gedächtnis, Schlaf und ein voller Magen sind die Basis für rationale Entscheidungen. Nach dieser Devise lebten sie, und auch wenn es um Benjamin ging, durften und wollten sie sich nicht von ihren Gefühlen leiten lassen. Kurz vor acht Uhr erhielt Berimann einen Anruf. Er hörte wenige Sekunden zu und beendete das Gespräch mit einem knappen Ja. »Der Security-Chief erwartet uns. Können wir?« Er stand auf und bedeutete den Männern, ihm zu folgen.

Die Zentrale der Security war im Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes untergebracht, einem schlossähnlichen, alten Haus zwischen dem Internat und dem Unterrichtsgebäude. Das geräumige Büro war mit einem Schreibtisch, einem Besprechungstisch und einigen Wandschränken eingerichtet. Mulenga deutete auf die Stühle vor der Fensterfront gegenüber dem überdimensionierten Videoschirm. Jetzt sahen sie die Aufnahmen, die Mulenga letzte Nacht beschrieben hatte. Benjamin kam aus der Sporthalle und schlug den Weg zum Internat ein. Kurz darauf verlangsamte er, drehte den Kopf, blieb stehen. Er nickte zweimal heftig und betrat den Rasen, verschwand aus dem Blickfeld der Kamera. Der Security-Chief berichtete, dass niemandem des befragten Personals am gestrigen Nachmittag etwas Ungewöhnliches aufgefallen war. Eine der Putzfrauen, die das Schulareal zu Fuß verlassen hatte, erinnerte sich jedoch an einige Kinder, die auf der Wiese mit gesenktem Blick um etwas herumstanden. Sie war sich der Uhrzeit sicher, da ihr Bus wie immer pünktlich um halb sechs vor dem Tor Richtung Stadt abfuhr und sie in Eile war. Die Frau konnte nicht sagen, ob es drei oder vier Kinder gewesen waren, doch alle trugen die vorgeschriebene Freizeitkleidung. Nur die kleine Japanerin hatte eine dunkelrote Jacke an. An das Mädchen erinnerte sie sich gut, da die bezaubernde Yokiko sich auch nach Monaten standhaft weigerte, eine Uniform anzuziehen.

Egli seufzte auf. »Die Schülerin ist erst seit dem Beginn des Schuljahres im Swiss-Institut und mit der japanischen Herrscherfamilie verwandt«, erklärte er. »Da sie gerade mal sechs Jahre alt ist, zeigt man wegen der Bekleidung Geduld, wie mit allen Kindern im ersten Jahrgang.« Noch während er sprach, klopfte es an die Tür, und das betreffende kleine Mädchen wurde vorsichtig von einer jungen Frau in das Büro geschoben. Mit gesenktem Blick, als ob sie vor der Inquisition stünde, blieb sie mitten im Raum stehen.

Mit einem freundlichen Lächeln um die Lippen näherte sich Urs Egli der Kleinen, ging vor ihr in die Knie und sprach sie leise auf Augenhöhe an. Auf Englisch erklärte er, dass die Herren hier waren, um den verschwundenen Benjamin zu finden. »Du hast ihn doch gestern vor dem Abendessen im Park getroffen, Yokiko. Erzählst du uns davon?«

Das Mädchen hob den Kopf und ihr Gesicht mit den dunklen Mandelaugen erhellte sich. In fließendem Englisch begann sie zu erzählen. »Wir waren auf dem Rückweg vom Spielplatz, Marc, Anita und ich, quer über die Wiese, da geht es schneller. Anita hat eine Taube entdeckt, die lag dort. Da hat Marc den Benjamin gesehen und ihn gerufen. Die Jungen haben versucht, den Vogel mit einem Holzzweig anzustoßen, doch er bewegte sich nicht, war tot, meinte Benjamin. Er wollte ihn bestatten und begann mit den Händen ein Loch zu graben. Anita war kalt und ich musste aufs Klo, außerdem gab es doch bald Abendessen, da sind wir gegangen.« Auf die Frage, wohin, meinte das Kind mit einem Achselzucken: »In die Schlafräume, umziehen.« Dann fragte sie, ob sie nun in den Unterricht dürfe, und verließ mit der Lehrassistentin das Zimmer.

Wortlos stieß Werner Steger seinen Stuhl zurück und ging aus dem Raum. Er eilte zum Ausgang und näherte sich mit raschem Schritt der besagten Stelle, wo Benjamin die Taube begraben hatte. Jason Mulenga war ihm eilig gefolgt, fotografierte mit dem Handy das umgewühlte Erdreich, bevor er das Loch aushob. Tatsächlich lag eine Taube dort und sie konnte noch nicht lange tot sein. »Benjamin hat den Vogel bestattet, wie er es im Garten daheim in Bayern schon oft mit Mäusen getan hat, die der Hauskatze zum Opfer fallen«, erklärte Werner dem Amerikaner, während sie gemeinsam zurück in dessen Büro gingen.

Die Aussage der kleinen Yokiko war rasch kontrolliert. Die drei besagten Kinder waren um 17.42 Uhr von der Wiese auf den Hauptweg gelangt und dort von der Kamera erfasst worden. Benjamin jedoch blieb verschwunden.

Mulengas Assistentin brachte eine Liste mit der Aufstellung aller Fahrzeuge, die gestern ab fünfzehn Uhr ein oder aus gefahren waren. Die überwachte Einfahrt war die einzige Öffnung in der lückenlosen Begrenzung des Schulareals. Daher gab es keinen Zweifel an der Vollständigkeit des Verzeichnisses. Es handelte sich mehrheitlich um die Privatautos der Mitarbeiter, die zwischen 16.30 und 17.30 Uhr ihren Dienst beendeten. Das Personal von Küche und Service hatte das Schulgelände um etwa 19.15 Uhr verlassen, als die Suche nach Benjamin bereits im Gange war.

Grundsätzlich erfolgten Lieferungen an die Schule im Laufe des Vormittags. Nur Servicetechniker, die wegen dringender Reparaturen gerufen wurden, hielten sich falls erforderlich noch später im Swiss-Institut auf. Technische Probleme hatte es in den letzten Tagen keine gegeben, allerdings hatte gestern gegen halb sechs Uhr der Lieferwagen des Bäckers das Tor passiert und war um 17:49 Uhr hinausgefahren. Der Küchenchef hatte zusätzliche rohe Croissants für das Frühstück bestellen müssen, da einem Lehrling beim Zählen der Vorräte ein Fehler unterlaufen war. Der Fahrer des Transporters, ein langjähriger Mitarbeiter der Bäckerei Moos, war sowohl dem Sicherheitspersonal am Tor als auch in der Küche bekannt.

»Trotz dieses einen, etwas aus dem Rahmen fallenden Vorfalls ist gestern alles hier wie immer abgelaufen«, fasste Werner Steger zusammen. »Demnach müssen wir davon ausgehen, dass Benjamin von Profis entführt wurde. Diese scheinen die exakten Winkeleinstellungen der Videokameras zu kennen, um das Kind ungesehen vom Schulareal zu bringen.« Er wandte sich Ludwig direkt zu und setzte fort. »Ich denke, wir sollten die offiziellen Stellen einschalten.«

Sein Freund senkte im selben Moment den Blick und griff nach dem auf dem Tisch liegenden vibrierenden Smartphone. Es war 08:30 Uhr. Mit dem Wischen des Zeigefingers öffnete er die Nachricht und zog Werner am Hemdsärmel. Es handelte sich um ein Foto ohne Text. Benjamin hielt die heutige Neue Züricher Zeitung in den Händen und starrte verschreckt in die Kamera.

  • Vier

Jean Meyer schloss die lederne Unterschriftsmappe und schob sie von sich. Der fünfzigjährige General Manager der Leonberg-Werke Düsseldorf kontrollierte jeden Morgen zuallererst die Dokumente in der Mappe und unterschrieb, was keiner Korrektur benötigte. Er drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage, die ihn mit seinem Vorzimmer verband, und sagte: »Ich bin fertig, Frau Hauser.« Kurz darauf schwang die Tür auf und seine effiziente Sekretärin, im perfekten silbergrauen Tailleur und den natürlich grauen, auftoupierten Haaren, trat ein. Wie immer schien sie einem Modemagazin der Sechzigerjahre entsprungen. Sie stellte das Silbertablett mit der dampfenden Kaffeetasse, dem kleinen Sahnekännchen und zwei Stück Mandelgebäck vor ihm ab und nahm die Mappe vom Tisch. Ohne ein Wort verließ sie das Zimmer und zog die Tür leise zu.

Alles wie gewohnt, dachte er zufrieden und goss Sahne in den Kaffee. Mit der Tasse in der Hand betrachtete er das Foto von Caroline im schlichten Silberrahmen. Sie hatte es ihm kurz vor der Abreise für den Schreibtisch geschenkt. Schon am Mittwoch, noch vor dem offiziellen Beginn der Osterferien, war sie mit ihrer Mutter zu den Großeltern nach Grasse gefahren. Jeans ehemalige Schwiegereltern, Elsässer wie er, lebten bereits in der Welthauptstadt des Parfums, als er Isabelle kennenlernte. Er liebte die hinreißende Stadt im Département Alpes-Maritimes, genau wie seine Tochter. Man konnte dort rasch die Zeit vergessen, vor allem in ihrem Alter. Aber vier Tage ohne SMS waren eigenartig. Normalerweise antwortete sie, sobald er ihr einen »Guten Morgen« wünschte oder mit einem Smiley den Gutenachtkuss simste, meist meldete sie sich sogar vor ihm. Er hatte auch versucht, sie telefonisch zu erreichen, doch die metallene Stimme des Telefonproviders antwortete: »Der Teilnehmer ist derzeit nicht erreichbar.« Heute Abend würde er seine innere Ablehnung überwinden, das kleinere Übel wählen und die Eltern seiner Exfrau anrufen und nach seiner Tochter fragen. Der eiskalten Stimme Isabelles zog er deren redefreudige Mutter vor. Mit einem letzten Blick auf das Foto von Caroline trank er den verbliebenen Kaffee, schob das Tablett von sich und zog die Tastatur heran.

Im gleichen Moment summte das Handy, und es fiel ihm fast aus der Hand, als er eilig danach griff. Eine Nachricht, endlich. Doch als er sie öffnete, erstarrte er. Was er sah, war ein Foto seiner Tochter, die mit dem heutigen Le Figaro zwischen den Fingern und mit verweintem Gesicht in die Kamera schaute. Text und Absender fehlten. Die digitale Anzeige auf dem Computerbildschirm zeigte 8:30 Uhr an.

Er schickte das Foto an seine private Mailadresse, während er vom Festnetz die Nummer in Grasse wählte, die er auswendig kannte. Zum Glück antwortete sein ehemaliger Schwiegervater, nicht dessen redselige Frau. Victor grüßte ihn freundlich und ein wenig erstaunt. Jeans Unruhe nahm zu.

»Hält euch Caroline auf Trab?«, fragte er hoffnungsvoll.

»Sie ist mit ihrer Mutter auf der Jacht von Bekannten.«

Bei Victors Antwort ballte sich sein Magen zusammen. »Seit wann sind sie denn unterwegs?«

»Nun, seit Freitagabend. Isabelle hat gegen Mittag ein Taxi gerufen, um an Bord zu gehen. Caroline hatte keine Lust dazu und ist hinüber zu ihrer Freundin Anne gegangen. Nicht ohne für das Abendessen Lasagne zu bestellen. Du weißt ja, wie gerne sie die mag. Ja, also. Wir fuhren nach Antibes, um in der angenehmen Frühlingssonne am Strand zu spazieren und ein Eis zu essen.« Der alte Mann hatte den Faden verloren, brauchte ein paar Sekunden, dann fuhr er fort. »Wir kamen um halb sieben heim und eine halbe Stunde später läutete das Telefon. Jeanne hob ab. Es war Isabelle, die sagte, dass wir uns nicht sorgen sollen. Sie hatte Caroline während unserer Abwesenheit rasch zur Kreuzfahrt abgeholt und sie werden Mittwoch oder Donnerstag zurückkommen. Die Verbindung war sehr schlecht, Isabelles Stimme klang verzerrt und metallisch. Das Gespräch brach ab. Das war der letzte Kontakt mit ihr, aber du kennst sie ja. Nur …« Er unterbrach sich wieder, schien unsicher, ob er weitersprechen sollte.

»Weiter, Victor«, drängte sein ehemaliger Schwiegersohn ungeduldig, »du musst mir alles sagen.«

»Jeanne wunderte sich, da Caroline ihren Teddy dagelassen hat. Du weißt ja, ohne Bruno geht sie nirgendwohin. Aber Isabelle ist ja immer so hektisch, sicher war sie in Eile und hat Bruno mittlerweile mit einem anderen Plüschtier ersetzt.« Dann sagte er zaghaft und mit leiser Stimme: »Ist irgendwas, Jean? Müssen wir uns Sorgen machen?«

Er zwang sich, fröhlich zu klingen. Keinesfalls wollte er den alten Mann, der erst vor wenigen Monaten einen schweren Herzinfarkt überstanden hatte, in Unruhe versetzen. »Aber nein, wo denkst du hin, lieber Victor!«, erwiderte er mit einem Auflachen. »Du kennst mich doch«, fährt er beschwichtigend fort. »Ich kann nicht leben, ohne meine Tochter zumindest zu hören. Das ist alles.« Er sprach noch einige beruhigende Floskeln aus, bevor er auflegte. Dann griff er nach der Computermaus, klickte auf das Bild und vergrößerte es, bis er auch jedes einzelne Komma des Leitartikels lesen konnte.

Es gab keinen Zweifel. Das Foto war authentisch. Man hatte Caroline entführt. Und er hatte nicht die geringste Ahnung warum.

  • Fünf

Sie hatten das Swiss-Institut mit der plausiblen Erklärung verlassen, dass ihre Anwesenheit dringend in der Firma notwendig sei. Um 11:35 Uhr landete der Learjet in München. Wenige Minuten später verabschiedeten sich Ludwig Leonberg und Werner Steger von den Piloten und eilten die Gangway hinab. Karl Braun, Chauffeur und seit undenklichen Zeiten Faktotum der Familie Leonberg, verstaute ihr Gepäck und sie stiegen in den Mercedes 500. Endlich gab es keine Lauscher mehr.

»Karl, irgendjemand hat Benjamin entführt.« Leonberg sprach mit fester Stimme, noch bevor sich der schwere Wagen in Bewegung setzte. Braun drehte sich um, den Blick zuerst erstaunt, dann irritiert.

»Verdammt«, sagte der grauhaarige, jugendlich wirkende Mann. Als er den Dienst im Hause Leonberg angetreten hatte, war Ludwig erst zehn. Der zwanzigjährige Karl, ein junger Spund, war damals bereits mit Maria verheiratet. Seine Frau, anfangs Dienstmädchen, leitete mit starker Hand seit Jahrzehnten als Haushälterin das Starnberger Anwesen. Kein Wunder, dass Ludwig Leonberg die beiden, so wie Werner, als seine Familie, Freunde und Vertraute betrachtete.

Die Limousine setzte sich in Bewegung, verließ das Flughafengelände und fuhr auf die Autobahn auf. Während der Fahrt erzählten der Unternehmer und Werner Steger abwechselnd jedes Detail, alles, was seit dem gestrigen Abend geschehen war. Schließlich war es sein Freund und engster Mitarbeiter, der das nachfolgende Schweigen unterbrach.

»Wir müssen versuchen herauszufinden, von wem die Nachricht abgesendet wurde. Dazu brauchen wir Ricky von Leonberg-IT-Solutions. Ich rufe ihn an, er soll zu uns nach Starnberg kommen. Das Gleiche gilt für zwei Männer von Leonberg-Security, die in der Schweiz diskrete Nachforschungen durchführen werden. Was meint ihr?«

Karl nickte zustimmend, den Blick weiterhin auf die Fahrbahn gerichtet.

»Einverstanden. Irgendwo müssen wir ja beginnen – und dabei unsichtbar bleiben. Zumindest solange wir nicht wissen, wer dahintersteckt und welche Forderungen gestellt werden«, erwiderte Ludwig und kontrollierte zum hundertsten Mal sein Handy, das störrisch schwieg.

Der schwere Wagen fuhr durch das blickdichte Eisentor, das der Chauffeur mit der Fernbedienung geöffnet hatte, durchquerte den Park mit dem alten Baumbestand und hielt vor dem Herrenhaus. Jim und Jack, die beiden irischen Setter, und Jona, der Rauhaardackel, den sich Benjamin zu seinem sechsten Geburtstag gewünscht hatte, traten aufgeregt und schwanzwedelnd von einem Bein aufs andere. Ludwig streichelte jeden der geliebten Hunde. Werner sagte: »Ich stelle kurz meine Sachen ab«, und ging zum Eingang der Dependance.

Der Unternehmer wirkte heute älter, mit den leicht vorgebeugten Schultern und dem schweren Gang, die so gar nicht zu ihm passten. Als er mit den Worten »In einer Viertelstunde bei mir« verschwand, folgte ihm Karls besorgter Blick. Mit seinen Hunden betrat Leonberg das Haus, das von einem betörenden Geruch nach Hausmannskost durchzogen wurde. Maria hatte, wie immer, die Tür zur Küche offen gelassen und lächelte strahlend, als er zu ihr kam und neugierig in die Töpfe und den Ofen sah.

»Für wie viele Leute soll ich denn decken?«, fragte die rundliche Frau.

»Vier, Maria, du isst mit uns. Wir haben etwas Wichtiges zu besprechen«, antwortete er und ging in den Wohnraum, dessen Fensterfront die komplette Außenwand einnahm.

Die drei einladenden Ledersofas vor dem Kamin, der Spieltisch und die Ecke mit der Bar waren immer noch die, die seine Eltern ausgesucht hatten. Dicke Teppiche und indirekt beleuchtete Bilder unterstrichen die Gemütlichkeit des Raumes. Links hatte er bereits vor vielen Jahren die Wand zum Arbeitszimmer entfernen lassen. Der elegante Schreibtisch und der kleine Besprechungstisch, über zwei Stufen erreichbar, gaben von ihrer erhöhten Position freie Sicht auf den Wohnraum und den Garten. Ludwig liebte die Weite, den Blick auf die hohen Bäume, die leicht abfallende Wiese und das Seeufer. Seufzend drehte er sich um, als Maria zum Essen rief, und ging in das angrenzende Speisezimmer.

Die Leberknödelsuppe wurde von Werners Zusammenfassung der Ereignisse begleitet. Maria sollte informiert sein. Die Frau senkte den Löffel, als sie begriff. Mit tränengefüllten Augen räumte sie die Suppenteller ab und trug sie in die Küche. Als Schweinebraten mit Biersoße und Bratkartoffeln auf dem Tisch standen, nahm sich jeder nur eine kleine Portion. Niemand hatte Hunger, die Sorgen bedrückten sie, doch Ludwig bestand darauf, dass sie die Gewohnheiten einhalten und essen mussten. »Es hat keinen Sinn, dass wir trauernd herumsitzen. Wir müssen stark sein, um zu reagieren.«

»Ludwig hat recht, außerdem werden bald unsere Mitarbeiter hier sein und es schmeckt fantastisch, Maria. Beeilen wir uns, bevor es die Hunde bekommen.« Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit zwinkerte Werner der Frau nicht zu – und sie verzichteten alle auf das Dessert.

Mit den soeben eingetroffenen Besuchern aus München gingen sie in den Wohnraum, als Ludwigs Handy, das er inzwischen laut gestellt hatte, eine Message ankündigte. Der Text war kurz und in deutscher Sprache: STORNIEREN SIE DIE AUFTRÄGE AZAWAD, TUAREG UND DARFUR, DANN IST BENJAMIN FREI.

13:30 Uhr. Seit der ersten Nachricht waren exakt fünf Stunden vergangen.

  • Sechs

Jean Meyer hatte sich dazu gezwungen, die Vormittagstermine wahrzunehmen. Zwar fiel seinen Mitarbeitern auf, dass er nicht so richtig bei der Sache war, waren doch die Besprechungen mit dem General Manager für alle reine Routine. Er wollte immer über die wichtigsten Arbeitsprozesse und den Stand der Auftragsabwicklung informiert sein, ohne jedoch seinerseits bereits getroffene Entscheidungen umzuwerfen oder anzuzweifeln. Er vertraute seinen engsten Mitarbeitern und gab ihnen die Freiheit, eigenverantwortlich zu arbeiten. Ob Abteilungsleiter oder Sachbearbeiter, im Betrieb gab es niemanden, der schlecht über ihn sprach.

Als sich die Tür hinter seiner Sekretärin schloss, hatte die Mittagspause schon längst begonnen. Arbeiter und Angestellte aßen zwischen zwölf und vierzehn Uhr im festgelegten halbstündigen Turnus. Das Essen der Mensa wurde von allen gelobt, und das nicht nur, weil das dreigängige Wahlmenü mit Getränk vom Unternehmen bezahlt wurde. Franziska Hauser, die Chefsekretärin, ging, wann immer es die Arbeit erlaubte.

So saß er jetzt ungestört am Schreibtisch, kontrollierte ununterbrochen das Display des Handys und überlegte, wen er um Hilfe bitten konnte. Den Gedanken an Isabelle hatte er längst beiseitegeschoben. Er fand keine Erklärung dafür, dass eine Mutter ihr Kind schlichtweg vergaß, und glaubte nicht daran, dass sie im Hause der Eltern angerufen oder Caroline auf die Jacht geholt hatte. Seine Exfrau dachte nur an den eigenen Vorteil und ihr Vergnügen. Ein junger Liebhaber und eine Kreuzfahrt, vor allem aber der enge Raum, schlossen die Tochter automatisch aus.

Isabelle lebte in einer Art Torschlusspanik, trotz des hübschen Gesichts und der perfekten Figur, dem Resultat sündhaft teurer Eingriffe ihres persönlichen Schönheitschirurgen. Niemand schätzte die Vierzigjährige älter als Mitte dreißig. Sie hatte ihn vor fünf Jahren weggeworfen, ausrangiert wie ein aus der Mode gekommenes Kleidungsstück, obwohl er sich täglich sportlich betätigte und als attraktiver Mann galt. Niemals hatte er den zehn Jahren Altersunterschied zwischen ihnen Bedeutung beigemessen, bis sie ihn immer öfter als alt bezeichnete. Die Scheidung war rasch über die Bühne gegangen, da er ihre Forderungen nicht diskutiert hatte. Er hatte ihr das Penthouse überlassen und eine einmalige Abfindung in Millionenhöhe bezahlt.

Das alles interessierte ihn nicht. Wichtig war nur seine Tochter. Caroline lebte mit ihm, sah Isabelle nur wenige Stunden pro Woche und verbrachte hin und wieder einen Urlaub mit ihr. Früher kam dies mehrmals pro Jahr vor, doch jetzt begleitete sie ihre Mutter nur noch nach Grasse. Sie war glücklich, wenn sie ein paar Tage mit den Großeltern und mit Anne, der Tochter von Isabelles Jugendfreundin, verbringen konnte, während ihre Mutter sich allein amüsierte.

Er überlegte, ob er bei den Freunden anrufen, Anne nach Freitagnachmittag befragen und dann Isabelle informieren sollte. Doch was konnte er ihr sagen? Solange er nicht wusste, was man von ihm wollte und wer Caroline entführt hatte, durfte er mit niemandem sprechen. Als er die Tastatur wieder zu sich zog, summte das Handy. Es war eine Nachricht in deutscher Sprache: STORNIEREN SIE DIE AUFTRÄGE SYRIEN, IRAK UND JEMEN, DANN IST CAROLINE FREI.

Die Zeiger der Uhr standen auf 13:30 Uhr.

 

Jean Meyer war nicht ohne Grund rasch auf der Karriereleiter hinaufgestiegen. In Colmar geboren hatte er in Berlin parallel Ingenieurwissenschaften und Informatik studiert und an beiden Fakultäten promoviert. Mit siebenundzwanzig war er als Praktikant in die Leonberg-Werke in Düsseldorf eingetreten. Er galt international als Kenner der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, kurz SVI genannt. Als ihm Ludwig Leonberg vor sieben Jahren die höchste Position des Düsseldorfer Firmensitzes angeboten hatte, blieben zwei ältere, betriebsinterne Kandidaten auf der Strecke.

Jean hatte akzeptiert, die beiden Konkurrenten hingegen beleidigt gekündigt und seine Frau hatte ein rauschendes Fest gegeben. Die Ehekrise wurde mit der Ernennung zum General Manager von einem kurzen Waffenstillstand unterbrochen. Isabelle schien ihn damals nicht mehr so alt zu finden. In Wirklichkeit hatte sie einfach darauf gewartet, dass das wesentlich höhere Jahreseinkommen die Abfindung bei der Scheidung vergrößerte, nachdem sie den Plafond ihrer Kreditkarte erhöhen ließ und komplett ausnutzte.

Mit dem ihm eigenen Eifer, seiner Liebe zur Perfektion und der sympathischen Art hatte er innerhalb kurzer Zeit sogar das Vertrauen derjenigen gewonnen, die ihm anfangs ablehnend gegenüberstanden. Er traf tagtäglich rasch und effizient Entscheidungen, ohne sich ständig abzusichern oder die Rückendeckung seines einzigen Vorgesetzten zu erbitten. Doch hier ging es nicht nur um das Leben seiner Tochter, sondern auch um die Zukunft des Unternehmens. Jetzt wusste er, was zu tun war.

Er speicherte Foto und Textnachricht auf einem USB-Stick und in einem neuen Folder in seiner Dropbox. Schließlich ging er zum Wandsafe, der mit einer Nummernkombination und einem Schloss doppelt gesichert und nur ihm persönlich zugängig war, und legte den USB-Stick hinein. Erst dann griff er nach dem Handy und gab Ludwig Leonbergs Kurzwahl ein.

  • Sieben

Sie saßen im Arbeitsbereich des Wohnzimmers. Auf dem Tisch hatte Maria Wasser und eine Thermoskanne mit Kaffee abgestellt. »Versprecht mir, dass ihr ihn findet. Ich will, dass der Junge rasch wieder gesund daheim ist«, hatte sie geflüstert, bevor sie den Raum verließ.

Werner Steger briefte zwei seiner engsten Mitarbeiter, die aus München gekommen waren, über die Situation im und um das Swiss-Institut in Luzern. Sie sollten vor Ort verdeckt ermitteln, so wie sie es aus unzähligen internationalen Einsätzen gewohnt waren. Die beiden Männer mit den Decknamen Blitz und Donner hatten schon beim KSK unter ihm gedient, und er hatte sie vor Jahren von seiner ehemaligen Einheit abgeworben.

Während er mit Bernd und Harry sprach, kauerte Richard Mews, von allen nur Ricky genannt, im Schneidersitz mit seinem MacBook auf dem Teppich vor dem Kamin. Die schlanken Finger des IT-Genies der Leonberg-IT-Solutions flogen über die Tasten. Richard Mews war genial, weshalb Ludwig und er auch geflissentlich die langen Rasta-Locken, die zerrissenen Jeans und die farbenfrohen T-Shirts des Amerikaners übersahen. Er hatte als strafunmündiger Teenager die Datenbank einer Softwarefirma im Silicon Valley gehackt und die Firmenleitung gezwungen, ihm das Studium am MIT, dem Massachusetts Institut of Technology, zu bezahlen. Seine Mutter, die sich und den Sohn als Putzfrau durchbrachte, konnte das Geld für die Highschool unmöglich aufbringen. Den Vater kannte er nicht. Mit einundzwanzig hielt er den Doktortitel in Händen und arbeitete die darauffolgenden fünf Jahre, wie vereinbart, für ein Taschengeld. Er wurde international im Rüstungssektor bekannt, als er ein innovatives Programm für die Kontrolle von Fernlenkgeschossen kreierte. Ludwig hatte zuerst die lückenlose Ermittlung des Lebenslaufes dieses Genies angeordnet, dann suchte er ihn persönlich auf und machte ihm ein unwiderstehliches Angebot.

Ricky arbeitete seit knapp zwei Jahren in der Münchner Firmenzentrale und hatte eine Vorliebe für Weißbier und Weißwürste entwickelt. Er sprach ein passables Deutsch mit bayrischem Einschlag und ging in seiner Arbeit auf. Er entsprach der allgemeinen Meinung über Computerfreaks, kam so gut wie nie ans Tageslicht und lebte in einer virtuellen Welt. Doch Richard Mews wirkte weder magersüchtig noch bleich. Seine dunklen Augen blitzten im milchschokoladebraunen Gesicht auf, als er laut »Yeah!« ausrief.

»Die Entführer mögen zwar als solche Profis sein, jedoch nicht beim Versenden der Nachrichten, trotz anonymisierter IP-Adresse und sonstiger Versuche, die Lokalisierung unmöglich zu machen. Bei einer wäre es ihnen vielleicht gelungen, aber bei zweien ...«

»Jetzt sag schon«, knurrte Werner.

Ricky verdrehte die Augen, doch als der andere andeutete, aufzustehen, um ihn am Schlafittchen zu packen, machte er eine beschwichtigende Geste. »Ich habe die Nachrichten zurückverfolgt. Sie wurden im Osten Österreichs abgeschickt, genauer gesagt im Großraum Wien.«

Noch bevor irgendjemand auf seine Erklärung antworten oder Fragen stellen konnte, läutete Ludwigs Handy.

Es war 13:44 Uhr. Er wollte mit niemandem reden, doch als er den Namen des Anrufers sah, entschied er sich dagegen. »Jean, wie geht es in Düsseldorf? Alles in Ordnung?« Kurz darauf veränderte sich sein Gesichtsausdruck von angespannt in schockiert. »Jean, ich schicke den Jet sofort los, fahr zum Flughafen. Auch Benjamin ist entführt worden, ich habe ähnliche Nachrichten erhalten. Keine weiteren Gespräche am Telefon. Bis später.«

Ludwig Leonberg durchquerte den Wohnraum und ging zur Bar, griff nach einem Glas und der Karaffe mit dem Whisky. Er schenkte sich zwei Fingerbreit ein und trank die goldbraune Flüssigkeit in einem Zug aus. Dann erst sprach er.

»Man hat Jean Meyers Tochter Caroline entführt, sicherlich schon Freitagnachmittag. Sie war mit ihrer Mutter in Grasse bei den Großeltern. Die beiden denken, sie ist mit Isabelle auf einer Jacht von Freunden. Die Nachrichten an Jean tragen die gleiche Handschrift wie meine. Bitte, Werner, kontaktiere unsere Piloten, sie sollen ihn abholen.«

Daraufhin wandte er sich Ricky zu: »Jean hat uns bereits den Link zu dem Dropbox-Folder geschickt, wo die Nachrichten abgespeichert sind.« Mehr musste er nicht sagen. Ricky konnte, falls nötig, jederzeit auf sämtliche Firmenhandys und Mailaccounts zugreifen. Er wusste, was zu tun war.

Wenig später fuhren Blitz und Donner los. Die Zeit drängte, und sie wollten noch bei Tageslicht in Luzern ankommen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen.

 

Ludwig und Werner versuchten abzuschätzen, wie viele Security-Mitarbeiter wo eingesetzt werden konnten. Vorsicht war geboten, um das Leben der beiden Kinder keinesfalls zu gefährden. Sie mussten effizient, rasch, aber nicht allzu auffällig agieren. Werner beorderte zwei weitere Teams für halb fünf Uhr und reisefertig in die Starnberger Villa. Außerdem wollte er sich zur gleichen Uhrzeit bei dem Security-Chief des Swiss-Instituts melden. Sie mussten wissen, welche Schritte die dortige Polizei unternommen hatte und wer in der Schweiz für die Suche nach Benjamin zuständig war.

Karl informierte seine Frau, dass Jean Meyer erwartet wurde und die Nacht in der Villa verbringen würde, und bat sie, ein kaltes Abendessen für acht bis zehn Personen vorzubereiten. Er selbst würde den General Manager der Düsseldorfer Leonberg-Werke vom Flughafen abholen.

Unterdessen hatte Ricky auf den Folder in der Dropbox von Jean Meyer zugegriffen, hatte zudem auf dessen Handy zugegriffen und die beiden SMS analysiert. Das Ergebnis war identisch mit dem der Meldungen an Ludwig Leonberg. Wer auch immer die erpresserischen Nachrichten verschickt hatte, saß an irgendeinem Ort in Wien. Diese Person zu finden war schwieriger als die sprichwörtliche Stecknadel in einem Heuhaufen.

  • Acht

Ludwig Leonberg beobachtete den Drucker, der ein Blatt nach dem anderen ausspuckte, und seine Gedanken drifteten wieder zu den Forderungen der Entführer ab. Sie hatten seinen Enkel entführt, um Waffendeals zu unterbinden – zumindest sah es auf den ersten Blick so aus. Aber das konnte nicht sein. Er kannte die Branche seit viel zu langer Zeit und bis in die hintersten, dunkelsten Winkel, um einen solchen Bluff für bare Münze zu nehmen.

Die Bezeichnung Sicherheits- und Verteidigungsindustrie war ein harmloser Begriff für einen in der Öffentlichkeit nahezu totgeschwiegenen Wirtschaftszweig. Viele der in den Bereich der SVI zuzuordnenden Produkte dienen friedlichen Zwecken. Fahrzeuge und Hubschrauber, Überwachungs- und Alarmsysteme, IT-Sicherheitstechnik, Nachrichten- und Navigationstechnik, Bekämpfungsmittel, aber auch Stromgeneratoren gehören dazu, doch der ursprünglich einzige Sektor, die Waffenherstellung, war für die meisten in der Branche tätigen Unternehmen das wichtigste Standbein. Deutschland lag, nach den Vereinigten Staaten, Russland und China, an vierter Stelle der weltweit größten waffenproduzierenden Länder und somit an erster in Europa. Alle hoch entwickelten Rüstungsbetriebe standen in einem erbitterten gegenseitigen Konkurrenzkampf und arbeiteten kontinuierlich an der Verbesserung, Modernisierung und Entwicklung von Waffensystemen. Mittlerweile generierten die Leonberg-Werke etwa ein Drittel des Umsatzes durch die Produktion von Dual-Use-Gütern. Dabei handelt es sich um Produkte, die für zivile Zwecke hergestellt, jedoch im militärischen Bereich verwendet werden können. Eine kleine hoch entwickelte Sparte der Fertigung war die der Jagdwaffen, die Mitte des 19. Jahrhunderts den Grundstein des Familienunternehmens gelegt hatte – und die Ludwig bevorzugte.

Seine Vorfahren lebten damals noch im berühmtesten europäischen Waffenschmiedezentrum, in Nürnberg. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sein Großvater die Fabrik der logistischen Notwendigkeiten wegen nach Düsseldorf und das Verwaltungszentrum nach München verlegt. Dann kam Hitler. Das Naziregime kontrollierte die Leonberg-Werke direkt. Die Machthaber diktierten die Herstellung von Waffen jeder Art, Ludwigs Großvater führte aus. Als sie besiegt waren, übernahmen die Alliierten die Herrschaft über Deutschland. In den vier Jahren bis Ende April 1949 standen in der russischen Besatzungszone die industriellen Demontagen an der Tagesordnung, während im Ruhrgebiet die Amerikaner das Sagen hatten. Als sie abzogen, wurde die deutsche Schwerindustrie durch das soeben beschlossene Ruhrstatut und die Internationale Ruhrbehörde geregelt, doch der Kalte Krieg zwischen den Westmächten und dem Ostblock hatte längst begonnen. Mit dem sich zuspitzenden Ost-West-Konflikt stieg die Nachfrage nach Waffen und die Aufrüstung trieb den Umsatz der Leonberg-Werke in die Höhe. Ludwigs Vater und Großvater warfen alle Bedenken über Bord und produzierten alles, was in der Wirtschaftswunderzeit gefragt war und ihren Reichtum vergrößerte. Damals kannte man keine ethischen Bedenken. Das Einzige, was man in Deutschland fürchtete, war ein weiterer Krieg, in dem man sich nicht verteidigen konnte.

Ludwig erinnerte sich an die Diskussionen mit seinem Vater, die ungefähr zur Zeit seines Eintritts in die Oberstufe begannen, als er sich immer mehr mit dem Familienunternehmen auseinandersetzte. Zwei Generationen und Denkweisen prallten aufeinander. Es dauerte einige Jahre, bis sich der alte Leonberg nach und nach den Erwägungen seines Sohnes öffnete. Die erste nennenswerte Umstellung in der Produktion setzte jedoch erst Ludwig um – nach dem viel zu frühen Tod seiner Eltern.

Aber alten Mustern kann man nicht entkommen. Obwohl die Leonberg-Werke heute, ein Vierteljahrhundert später, Fahrzeuge wie Triebwagen und Busse, vor allem aber die als Dual-Use-Güter kategorisierten Transportpanzer fertigte, stellte man in Düsseldorf Aufstellvorrichtungen für Waffen aus eigener Produktion her. Denn den Löwenanteil des Umsatzes erzielte die Herstellung von Kriegswaffen, und Ludwig konnte nicht die Augen davor verschließen, dass diese überwiegend exportiert wurden. Doch trotz moralischer Bedenken, die ihm oft und vor allem nachts aufs Gemüt schlugen, konnte er nicht anders, als vorwärts zu schauen und weiterzumachen. Sein Unternehmen war die Existenzgrundlage von knapp zweitausend Mitarbeitern und ihren Familien. Da jeder Auftrag seitens der Bundesregierung kontrolliert und genehmigt werden musste, fühlte er sich von höchster Stelle sanktioniert. Ungeachtet des mulmigen Gefühls. Die Genehmigung fiel, je nach Ware, in die Zuständigkeit der Bundesministerien für Wirtschaft und Verteidigung, dem Auswärtigen Amt, dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle oder dem Bundessicherheitsrat. Das war alles äußerst kompliziert, dennoch konnten die Rüstungsexportgenehmigungsverfahren sogar im Expressverfahren abgewickelt werden. Umsatz, Gewinn und die damit verbundenen Steuereinnahmen waren ein vordringliches Anliegen des Staates.

Die Rüstungsexporte der Bundesrepublik Deutschland beliefen sich im Jahr 2016 auf 6,85 Milliarden Euro, was einem Weltanteil von etwa fünf Prozent entspricht und aus seinem Heimatland einen der größten Waffenexporteure der Welt machte. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass der Umsatz 2017 auf 5,8 Milliarden gesunken und 2018 noch geringer ausgefallen war. Natürlich strichen die altbekannten Kolosse im Ruhrgebiet den größten Teil der Gewinne ein, die Leonberg-Werke waren ein nahezu unbedeutender Akteur. Ludwig Leonberg war absolut bewusst, dass er sich mit dieser Aussage in die eigene Tasche log, aber zumindest konnte man ihn und sein Unternehmen nicht mit der Herstellung von ABC-Waffen in Verbindung bringen. Atomare, biologische und chemische Kriegsführung waren ihm abgrundtief verhasst, weshalb er auch immer mehr in IT-Solutions im Sicherheitsbereich, sowie den Personen- und Objektschutz investierte. Immerhin bekannte sich der Industriezweig SVI ja öffentlich zur Wahrung von Sicherheit und Verteidigung, nicht zur Kriegsführung.

 

Es war 15:15 Uhr und der Drucker auf dem Sideboard spuckte immer noch Papier aus. Werner und Ludwig ordneten die Blätter auf dem Schreibtisch in sechs Stöße. Es handelte sich um alle aktuellen, noch auszuliefernden Aufträge der Düsseldorfer Werke. Richard Mews war damit beschäftigt, nicht nur die elektronischen Protokolle der betreffenden Bestellungen und des entsprechenden Schriftverkehrs zusammenzustellen, er suchte auch nach Spuren illegaler Zugriffe.

Sie mussten davon ausgehen, dass trotz der restriktiven Sicherheitsvorkehrungen irgendjemand von außen auf die topsecret eingestuften Daten zugegriffen hatte. Wenn dem nicht so ist, hatte Ludwig gesagt, gäbe es einen Maulwurf. Welches dabei das schlimmere Übel wäre, darüber wollte er im Moment gar nicht nachdenken.

Die Forderungen der Entführer der beiden Kinder bezogen sich auf Lieferungen in die aktuell heißesten Krisengebiete der Welt. Alle Kontrahenten der angeführten bewaffneten Konflikte wurden von der internationalen Rüstungsindustrie beliefert. Ludwig und Werner machten sich daran, den Gesamtumfang der betreffenden Aufträge zu eruieren.

Im Azawad-Konflikt in Nordmali waren 2013 französische Streitkräfte der malischen Armee zu Hilfe geeilt, um die vordrängenden Islamisten aus Nordmali fernzuhalten. Die Opération Serval war im Dezember 2012 vom UN-Sicherheitsrat genehmigt worden. Die Leonberg-Werke belieferten die Regierungstruppen, die nächste Lieferung sollte innerhalb von zwei Wochen erfolgen, Auftragswert eine knappe halbe Million Euro.

Das stolze Wüstenvolk der Tuareg kämpfte lange Zeit um die Anerkennung eines eigenen Staates. Die nationale Minderheit hatte die Situation zwischen der terroristischen islamischen Front, dem IS, und der Regierung genutzt, und im Südwesten Libyens einen praktisch unabhängigen eigenen Staat errichtet. Sie benötigten Waffen, um ihre prekäre Position zu verteidigen. Den Leonberg-Werken lagen Aufträge geringen Wertes auf Abruf vor.

Der Kampf verschiedener Volksgruppen und der sudanesischen Regierung begann bereits 2003. Schwarzafrikanische Rebellen forderten mehr Mitspracherecht und Entwicklungshilfe für ihre Region. Der Darfur-Konflikt bedeutete seitdem eine Konstante in den Auftragsbüchern, auch nach der von der Regierung geforderten verpflichtenden Waffenabgabe im Oktober 2017. Die Bestellungen zur Nachrüstung tröpfelten langsam, aber kontinuierlich, wobei Ludwig Leonberg sich weiterhin verweigerte, die Rebellen zu beliefern. Sein Kunde war die sudanesische Regierung. Der Container der nächsten Lieferung ging in drei Wochen ab, Auftragswert 250.000 Euro.

Aus einem friedlichen Protest im Arabischen Frühling entwickelte sich Anfang 2011 in Syrien der Bürgerkrieg. Die Regierung und die Opposition mit ihren Verbündeten sowie Kurden und ihre Nahestehenden kämpften gegeneinander. Die ursprüngliche Motivation der Opposition, die Demokratisierung Syriens, war längst vergessen. Stattdessen trat der Kampf aus ethnischen und religiösen Gründen verschiedenster Gruppierungen in den Vordergrund – und die Beteiligung mehrerer fremder Mächte erschwerte die Beendigung des Bürgerkriegs. Der syrische Konflikt war die Goldgrube der internationalen Rüstungsindustrie und der Waffenhändler. Die Leonberg-Werke belieferten Regierung und Opposition, jedoch nicht die Kurden, die keine Bankgarantie vorlegen konnten. Innerhalb der nächsten drei Monate sollten Produkte im Wert von einer knappen Million Euro geliefert werden.

Nach dem Rückzug der US-Truppen aus dem Irak im Dezember 2011 stieg der Gewaltlevel an. Aufständische kämpften gegen das Regime, die Kurden um ihre Unabhängigkeit, und die im syrischen Bürgerkrieg erstarkte Terrororganisation Islamischer Staat startete im

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Verlag: Elaria

Texte: © 2019 Elsa Bergh
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Cover: Chris Gilcher (buchcoverdesign.de)
Lektorat/Korrektorat: SW-Korrekturen e.U.
Tag der Veröffentlichung: 24.02.2019
ISBN: 978-3-96465-129-7

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