Cover

Antonias Gipsbein


 

Don`t be afraid to take that big step.

(Chinesische Weisheit aus einem Glückskeks)

 

        

Die achtjährige Lotte und die neunjährige Marie waren Freundinnen, solange sie denken konnten. Sie spielten jeden Tag zusammen – manchmal nur zu zweit, manchmal auch mit den anderen Kindern aus dem Dorf. In Lottes Straße wohnten gleich nebenan die Stahl Kinder: Mona und Pia, sowie Paulchen Kaiser und sein großer nun fast fünfzehnjähriger Bruder Jo. Biggy Mettmann war auch immer mit von der Partie – sie war das stärkste Mädchen im ganzen Dorf und war nie ohne ihren Zwergschnauzer Biene anzutreffen.

Ganz besonders gerne spielten Lotte und Marie mit Antonia Wolkenburg, dem schüchternen Einzelkind, das in dem schicken Bungalow ebenfalls ganz in Lottes Nähe wohnte.

An einem sonnigen Tag im Spätherbst spielten Lotte und Marie auf der Straße wie so oft einmal wieder Huckekasten. Sie hatten sich mit Kreidesteinen ein Spielfeld aufgemalt, Marie war schon bei der zweiten Runde und hüpfte ganz in das Spiel versunken von einem Kasten zum anderen. Lotte schaute etwas gelangweilt in die Gegend und sah plötzlich den schicken Mercedes der Wolkenburgs langsam die Straße herauffahren. Antonia saß auf dem Rücksitz und winkte Lotte zu.

„Guck mal, Antonia ist zu Hause. Vielleicht spielt sie mit uns Huckekasten!“, schlug Lotte fröhlich vor. Marie hörte mit dem Hüpfen auf und spähte ebenfalls zu Antonia hinüber. Das war ungewöhnlich. Wieso war Antonia um drei Uhr schon zu Hause? Lotte wunderte sich und dachte nach, wann sie Antonia das letzte Mal bei Tageslicht gesehen hatte. Das musste irgendwann im Sommer gewesen sein. Meistens waren Antonias Termine gegen 19 Uhr zu Ende und dann durfte sie nicht mehr auf die Straße, weil es schon fast dunkel war. Lotte und Marie hatten Antonia oft von Weitem zugewinkt und Hallo oder Tschüß gesagt.

Dann sahen sie, dass Antonia humpelnd aus dem Auto stieg und ein Gipsbein hatte.

 

 

Ihre Mutter half ihr mit den Krücken und sie versuchten, die Treppe bis zur Haustür hochzukommen. Lotte und Marie liefen sofort zu ihr und fragten neugierig: „Antonia, was ist denn passiert?“ „Ich bin vom Pferd gefallen!“, antwortete Antonia fröhlich.

„Dann musste ich ins Krankenhaus zum Röntgen und jetzt habe ich diesen Gips. Wollt ihr darauf unterschreiben?“ Lotte und Marie wollten gerne unterschreiben und durften mit ins Haus kommen. Bei Wolkenburgs war alles so anders: Es roch überall so gut und der Parkettfußboden glänzte sauber. Nirgends lag etwas herum und alles war aufgeräumt. Unwillkürlich fingen Lotte und Marie in der Eingangshalle an zu flüstern. „Sollen wir unsere Schuhe lieber ausziehen?“ „Ja!“, sagte Frau Wolkenburg. „Und dann geht ihr gleich in Antonias Zimmer und wartet kurz, sie wird gleich zu euch kommen.“ Lotte und Marie hatten bisher erst ganz selten bei Antonia gespielt, denn sie war fast nie zu Hause.

Montags hatte sie Reitstunde, dienstags Klavierunterricht, mittwochs Ballettunterricht, donnerstags Tennisunterricht und freitags Blockflötenunterricht. An den Wochenenden musste sie häufig an irgendwelchen Meisterschaften oder Wettkämpfen teilnehmen.

Lotte und Marie standen in Antonias Zimmer und staunten. Es war das schönste Zimmer, was sie je gesehen hatten: Rosa Flauschteppiche lagen in mehreren Schichten übereinander, hellrosa Gardinen flatterten vor einem halb geöffneten Fenster und umrahmten ein selbst gestaltetes Fensterbild, auf dem drei Elfen abgebildet waren, die einen Reigen tanzen. Von der Decke baumelte eine Lampe, sie aussah wie eine Wolke und anging, wenn man dreimal in die Hände klatschte. An den Wänden klebten eingerahmte Pferdeposter und einige Urkunden, die Antonia gewonnen hatte. Außerdem hing über ihrem Bett ein Portraitbild in Öl, auf dem Antonia aussah wie eine echte Prinzessin.

„Guck mal, das tolle Bild!“, sagte Lotte mit großen Augen. „Hat das dein Bruder gemalt?“

„Nein!“, antwortete Marie. „Mein Bruder kann nur Gebäude und Bäume malen! Und manchmal weiß man noch nicht einmal, ob er ein Gebäude oder einen Baum gemalt hat!“

Ein lebensgroßer Kuschelbär saß in einer Ecke und sagte „Guten Tag, guten Tag!“ Lotte hatte ein wenig Angst, denn als sie klein war und hier gespielt hatte, glaubte sie immer, Antonias Vater würde in dem Teddy stecken. Sie klammerte sich an Marie fest und sah sich weiter in dem Zimmer um. Plötzlich schrieen die beiden Mädchen auf. Sie hatten einen ganz besonderen Schatz entdeckt: „Das Barbiehaus!“, riefen sie wie aus einem Mund. In der hinteren Ecke stand neben dem Aquarium das große Barbiehaus mit Fahrstuhl, das sich Lotte und Marie schon immer so gewünscht hatten. Ehrfürchtig gingen sie näher heran und drückten auf den Fahrstuhlknopf, der den Fahrstuhl mit einem surrenden Geräusch nach oben fahren ließ. „So habe ich mir das immer vorgestellt!“, flüsterte Lotte und hatte Tränen in den Augen. „Ich glaube, ich bin in einem Paradies! Hier ist es noch viel schöner als bei Meinecke in der Spielzeugabteilung!“, stotterte Marie aufgewühlt.

Antonia humpelte in ihr Zimmer und strahlte.

„So, jetzt könnt ihr unterschreiben!“, sagte sie auffordernd und hielt Marie und Lotte einen goldenen Stift hin. „Antonia, du freust dich ja so!“, bemerkte Lotte schließlich. „Tut denn dein Gips gar nicht weh?“ „Nein, nur am Anfang ein bisschen!“, lachte Antonia. „Aber wisst ihr, was das Beste daran ist?“

„Das Beste ist, dass du jetzt ganz viele Unterschriften sammeln kannst!“, vermutete Marie.„Das Beste ist, dass du jetzt mit den lustigen Krücken laufen darfst!“, riet Lotte, die sich die Krücken bereits geschnappt hatte und das Laufen damit auch mal ausprobieren wollte. „Das ist doch nicht so lustig!“, sagte sie schnell und stellte die Krücken wieder beiseite.

„Ich dachte, es wäre ein bisschen wie Stelzenlaufen!“ Antonia lachte nur und sagte: „Nein, das Beste ist, dass ich jetzt fast keine Termine mehr habe. Denn mit dem Gips kann ich nicht reiten, nicht zum Ballett und nicht zu den Turnieren!“ Antonia klatschte vor Freude in die Hände. Lotte und Marie verstanden nicht ganz, was sie meinte und Lotte wunderte sich: „Ich dachte, du gehst gerne zum Reiten oder zum Ballett. Macht das denn keinen Spaß?“ „Nicht so richtig!“, gestand Antonia. „Ich würde viel lieber auch mal Huckekasten spielen oder einfach nur mit meinen Spielsachen etwas machen.“ „Du spielst nicht mit deinen Spielsachen?“, fragte Marie erstaunt. „Nein, ich habe keine Zeit dafür. Wenn ich abends nach meinem Termin zu Hause bin, muss ich noch Hausaufgaben machen und Vokabeln wiederholen. Dann lese ich noch ein Kapitel aus der Bibel und dann macht meine Mutter das Licht aus.“ Lotte und Marie sahen sich betroffen an. Von dieser Seite hatten sie Antonias Leben noch nie gesehen. Antonia war immer das Mädchen mit den tollen Spielsachen und den coolsten Klamotten. Sie sah immer so fein aus und war nie bekleckert. Sie war das wohl erzogenste Kind im ganzen Dorf und konnte mit ihren zehn Jahren schon fließend Französisch sprechen. Die Leute im Dorf nannten sie die kleine Prinzessin und waren sich sicher, dass dieses Mädchen einmal in eine Königsfamilie einheiraten würde so wie damals Königin Silvia.

Als Lotte und Marie eine Weile betroffen geschwiegen und über alles nachgedacht hatten, fragten sie gleichzeitig: „Können wir dann auch morgen zum Spielen vorbeikommen?“ Antonia rief fröhlich: „Ja, natürlich, ihr kommt jeden Tag. Das werden herrliche acht Wochen! Ihr könnt mir auch helfen, die Geschenke von meinem letzten Geburtstag auszupacken. Dazu hatte ich nämlich noch gar keine Zeit!“ So ausgelassen hatten Lotte und Marie die Freundin noch nie gesehen. Die hatte ein wahres Funkeln in den Augen und zog energisch das Zopfgummi aus ihrem dünnen blonden Haar. Dann schüttelte sie ihre Mähne und rief: „Ich bin frei! Ich bin frei!“ Sie humpelte zu ihrem Kleiderschrank, zog das Ballettkleidchen heraus und schmiss es aus dem Fenster.

„Auf nimmer Wiedersehen du alter Fetzen!“ Dann riss sie den Tennisschläger vom Haken und feuerte diesen ebenfalls hinaus, so dass es draußen plötzlich krachte. „Hoffentlich hat sie nicht den Mercedes getroffen!“, dachte Lotte verzweifelt und hielt die Luft an. Antonia machte sich darum keine Gedanken und steuerte auf ihr Aquarium zu. Marie und Lotte hatten Angst um die vielen kleinen Fische, die neugierig ihre Köpfchen an der Glaswand plattdrückten und lustige Bläschen machten. Vermutlich dachten sie, Antonia wirft jetzt Futter ins Wasser. Marie und Lotte wussten nicht so richtig, wie sie sich verhalten sollten und versuchten Antonias Aufmerksamkeit auf das Barbiehaus zu lenken.„ Du hast so ein tolles Haus!“, sagte Lotte und drückte wieder auf den Fahrstuhlknopf. „So? Habe ich das? Damit habe ich noch nie gespielt!“, rief Antonia mit ungewöhnlich hoher Stimme. „Erklärt mit mal, wie das mit dem Fahrstuhl geht!“ Lotte und Marie atmeten erleichtert auf. Antonias Wutanfall war wie weggeblasen und sie war wieder das freundliche Nachbarskind.

Dann spielten sie den ganzen Nachmittag mit dem Barbiehaus und versprachen, am kommenden Tag gleich wieder zu kommen.

Lotte und Marie hatten sich schon tolle Sachen überlegt, die sie spielen konnten, und standen am folgenden Tag pünktlich mit ihren Barbies vor Wolkenburgs Haustür und klingelten. Der Dreiklanggong hallte melodisch durch den geräumigen Flur und Antonia humpelte mit wüsten Haaren und roten Wangen auf ihren Krücken zur Haustür. Lotte und Marie wollten gerade „Hallo, Antonia!“, sagen, da kam diese ihnen zuvor und sagte statt einer Begrüßung: „Schnell, ihr müsst mir helfen, ich will abhauen von zu Hause und bei meiner Tante Silke in Hamburg leben! Aber ich finde ihre Adresse nicht – helft mir, die Akten zu durchwühlen!“

Lotte und Marie blickten sich verzweifelt an. Sie wollten doch mit dem Barbiehaus spielen und nicht irgendwelche Tanten suchen. „Aber, aber … was sollen wir denn machen?“, fragte Marie schließlich. Die Mädchen folgten Antonia zögernd in das Arbeitszimmer und hatten ein mulmiges Gefühl im Bauch. „Schnell, schnell, es ist keiner da, Marie hält Wache an der Tür und Lotte und ich durchwühlen die Akten. Ich muss den Adressordner finden!“

„Aber Antonia, wenn wir dann Ärger kriegen?“, Lotte hatte Angst, dass sie da unfreiwillig in eine gefährliche Lage geraten war. „Ich denke, du bist meine Freundin, also, los, such!“, fauchte Antonia sie an und zog immer mehr Ordner aus dem Schrank. Marie stand an der Haustür und hatte Herzklopfen. Wenn jetzt Herr oder Frau Wolkenburg kämen? Was sollte sie dann machen? Sie war geliefert.

„Warum willst du denn bei deiner Tante leben?“, fragte Lotte verzweifelt und blätterte in irgendwelchen Beihilfeunterlagen herum. „Ich will weg von hier, ich will zu ihr!“, sagte Antonia und durchwühlte einige Stapel mit der Aufschrift Steuererklärungen 2009/2010.

„Ich hab etwas!“, rief Lotte plötzlich und zog eine orange leuchtende Mappe aus dem Regal. Ihre Stimme zitterte und sie fühlte wie ihr Herz begann zu rasen. Das hier alles war wie in einem Krimi. Schnell hatte sie die erste Seite aufgeschlagen. Ein fett gedruckter Name fiel ihr sofort auf. „Silke Born aus Bienenbüttel! Das ist doch bei Hamburg, oder?“, rief sie und es klang wie eine Erlösung. Antonia sah sie mit weit aufgerissenen Augen an und ließ vor Schreck einen Ordner fallen. Doch dann fiel ihr plötzlich ein, dass es nicht die Tante Silke war. „Das ist nur meine Kinderärztin!“, brachte Antonia enttäuscht hervor und wühlte wie besessen weiter. „Sie kommen, sie kommen!“, schrie Marie plötzlich und Lotte und Antonia stopften so schnell es ging die Akten wieder in die Schränke und Regale zurück. „Nein, doch nicht, es waren Stahls!“, berichtigte Marie sich kleinlaut, die die Automarken nie richtig unterscheiden konnte und schon häufig verwechselt hatte. Mercedes oder Volvo, was machte das für einen Unterschied.

Lotte und Antonia machten sich erneut an die Arbeit und zogen mit zitternden Händen die Akten wieder heraus. Ihre Herzen pochten wie nach einem Marathonlauf. Marie hatte ihnen einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Eine Weile arbeiteten sie schweigend vor sich hin. Lotte wunderte sich, wie viel Aktenberge Menschen besitzen konnten. Wozu brauchte man all diese Rechnungen und diese langweiligen Briefe? Wer heftete Adressenlisten in Ordnern ab?

„Frag doch einfach deine Mutter, sie sagt dir bestimmt die Adresse!“, versuchte Lotte Antonia schließlich zu überzeugen. „Das kann ich nicht, dann weiß sie, dass ich weg will und dann geht mein Plan nicht auf!“, sagte Antonia traurig, die sich alles schon genau überlegt hatte.

Marie stand immer noch an der gläsernen Haustür und starrte auf die Straße. So hatte sie sich ihren Nachmittag nicht vorgestellt. Sie wollte spielen, dass die Barbies zu einer Party wollen und im Fahrstuhl stecken bleiben. Wie hatte sie sich darauf gefreut! Ob sie ihren Aussichtsposten leise verlassen konnte? Antonia und Lotte würden es nicht merken, die wühlten nur in den doofen Akten. Und wenn sie Antonias Kinderzimmerfenster ein wenig kippte, würde sie bestimmt den Motor von Wolkenburgs Mercedes hören. Leise schlich sie sich davon und gab den Kontrollposten auf.

„Aber du kannst doch mit deiner Mutter reden, vielleicht musst du dann gar nicht mehr zu so vielen Terminen und gehst nur noch zum Blockflötespielen?“, überlegte Lotte, die Antonia wirklich helfen wollte. „Blockflöte ist das Schlimmste! Kennst du Herrn Dittmeyer?“, fragte Antonia mit zitternder Stimme und Lotte lief ein Schauder über den Rücken. Natürlich kannte sie Herrn Dittmeyer. Er war der ewig schlecht gelaunte Mann ihrer Akkordeonlehrerin, der ihr immer weis machen wollte, dass der schreckliche schwarze Hund nicht beißen würde. Wenn Herr Dittmeyer wütend war ( und das war er eigentlich immer ), wölbte sich eine dicke, rote Falte auf seiner Stirn und seine Stimme hörte sich so an wie die des Grüffelos. Lotte nickte. „Siehst du, dieser Herr Dittmeyer gibt uns immer ganz viel zum Üben auf und wenn wir es Weihnachten in der Kirche wieder so falsch spielen wie letztes Jahr, dann will er uns die Ohren lang ziehen!“, heulte Antonia und hielt sich schützend die Hände über die Ohren. „Das ist doch nur so ein Spruch!“, versuchte Lotte die Freundin zu trösten. „Das sagt mein Vater auch immer zu mir!“„Ehrlich?“, fragte Antonia.„Ja!“, bestätigte Lotte. „Ohren lang ziehen geht doch gar nicht!“ Lotte zog sich gerade selber an den Ohren, da hörten die beiden Mädchen eine Stimme.

„Was macht ihr denn mit meinen ganzen Akten?“ Herr Wolkenburg starrte entsetzt auf seine Tochter, die zusammenzuckte und dann in lautes Weinen ausbrach.„Ich will hier weg!“, heulte sie. Lotte wollte zu Marie laufen, fand sie aber nicht auf ihrem Posten vor. „Marie! Marie, wo bist du?“, rief sie verzweifelt. Lotte lief in Antonias Zimmer und sah Marie vor dem Barbiehaus ganz in ihr Spiel vertieft sitzen. „Marie!“, rief sie wütend und Marie fuhr herum. „Du hast uns nicht gewarnt, und jetzt bekommt Antonia einen riesengroßen Ärger!“, schimpfte Lotte und Marie war das sehr peinlich. Warum hatte sie das Auto nicht gehört? Sie lief zum Fenster: „ Es ist gar kein Auto da!“, rief sie Lotte zu. „Dann ist der Vater wahrscheinlich zu Fuß gekommen!“, sagte Lotte verzweifelt, die nicht wusste, was sie jetzt machen sollte. Gehen oder bleiben? Warten oder weg laufen?
Antonia saß inzwischen neben ihrem Vater auf dem Sofa und schüttete ihm ihr Herz aus. Betroffen hörte er zu und sagte schließlich: „Warum hast du uns das nicht alles viel früher gesagt? Wir können doch über alles reden! Wir dachten, du fühlst dich wohl!“

„Nein, ganz und gar nicht!“, heulte Antonia in ihr inzwischen aufgeweichtes Taschentuch. „Ich will auch einfach mal nur so spielen wie Lotte und Marie. Ich will auch im Sommer barfuß über die Wiese laufen bis ich Schmetterlinge im Bauch und grüne Füße habe. Ich will zum Eismann gehen und mit den Kindern auf Vogtländers Zaun sitzen. Ich will Rollschuh fahren und Krach machen, bis die alte Frau Struck aus ihrem Haus kommt und meckert. Ich will nicht mehr die brave Antonia sein, das Vorbild für alle Kinder im Dorf. Im Winter will ich mit meinem Schlitten den Netteberg heruntersausen, ohne irgendwelche Urkunden dafür zu kriegen. Ich möchte dienstags Biene Maja gucken und dabei eine ganze Tüte Chips futtern! Und nicht immer Salatblätter essen, nur damit ich noch in mein Ballettkleid passe. Ich mag nicht mehr den Rotbäckchensaft trinken! Ich möchte keine Vokabeln mehr wiederholen, ich hasse Französisch. Ich möchte meine Hefte ins Osterfeuer schmeißen, ich will einfach wieder Kind sein und nicht wie eine kleine Erwachsene leben, mit einem vollen Terminkalender. Verstehst du das?“

 

 

 

 

Antonias Wangen glühten vor Aufregung und Herr Wolkenburg hatte Tränen in den Augen. „Alles, was du willst, Antonia. Wir haben so viel falsch gemacht!“, sagte er mit bedrückter Stimme und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Sie hatten immer nur das Beste für Antonia im Auge gehabt und ihr dabei die Kindheit genommen. Wie konnte das passieren? Alles sollte ab jetzt anders werden. Er musste unbedingt mit seiner Frau reden.„Ich mach uns erst mal allen einen grünen Tee!“, sagte Herr Wolkenburg schließlich und schlurfte in die Küche.Lotte und Marie standen betroffen im Türrahmen und hatten Antonias Gefühlsausbruch mit angehört. Nun war ja alles geklärt.

„Können wir jetzt mit dem Barbiehaus spielen?“, fragte Marie ungeduldig, die lange Reden hasste. Antonia sah von einem zum anderen und musste plötzlich lachen: „Aber natürlich!“, sagte sie und so hatten die drei Mädchen doch noch einen herrlichen Spielnachmittag, der der Beginn von Antonias neuem Leben sein sollte.

Das Unglück vom Netteberg

Der Wintereinbruch kam in diesem Jahr sehr früh. Bereits Ende November fing es an zu schneien und war bitterkalt. Die Kinder waren voller Freude, denn der Netteberg verwandelte sich in ein regelrechtes Winterparadies. Als genug Schnee zum Schlittenfahren gefallen war, zog es alle Kinder zwischen drei und achtzehn Jahren mit ihren Schlitten in die verschneite Feldmark, die sich wie ein Winterwunderland vor ihnen ausbreitete. Tobias und Robert, Maries älteren Brüder, hatten ihre Schlittenkufen mit Kerzen gut glatt gemacht und waren die ersten, die in diesem Winter den Abfahrthügel erreichten. Die Sonne schien von einem blauen Winterhimmel und der Schnee glitzerte wie tausend Juwelen. Hier und da sah man einige Tierspuren und die alte Försterei lag malerisch mit ihrem schneebedeckten Dach am Rande des verschneiten Feldweges. Kein Laut war zu hören, nur ganz von fern vernahm man Glöckchenklingeln von Manuela Neumanns Pferdeschlitten, die am Waldrand entlang durch die Winterlandschaft ritt.

„Hey, wir sind die Ersten!“, jubelten Tobias und Robert und zogen ihre Schlitten den steilen Berg empor. So ganz ungefährlich war die Abfahrt nicht, denn am Fuße des Berges war ein alter Stacheldrahtzaun, der im Sommer die Wiese von Heino Braunes Kühen umgab. Man musste entweder eine leichte Kurve fahren oder sich vor dem Stacheldrahtzaun in den Schnee schmeißen. Tobias und Robert liebten beide Varianten. Für die beiden konnte es nicht schnell genug gehen, denn sie brauchten diesen Nervenkitzel.

Nach und nach kamen die Kinder aus ihren Häusern. Wie kleine Karawanen zogen sie durch den Schnee. Manche von ihnen hatten nach der Schule sogar auf das Mittagessen verzichtet, den Schulranzen gegen den Schlitten eingetauscht und waren trotz der besorgten Rufe der Mütter sofort weiter gezogen. Andere hatten die Hausaufgaben abgekürzt oder gar nicht erst gemacht. Insgeheim hoffte jeder auf Schulausfall, denn die Wetterbedingungen waren für die Busse wirklich nicht ideal.

Lotte und Marie hatten sich wie immer um drei Uhr verabredet und zogen natürlich auch sofort los. „Fahren wir erst mal getrennt und dann zusammen?“, fragte Lotte, die vor Freude und vor Kälte ganz glühende Wangen hatte und aussah wie das Mädchen auf dem Rotbäckchensaft.

„Wir wechseln immer ab!“, schlug Marie vor. „Und am Schluss binden wir die Schlitten zusammen, das macht Spaß!“ Plötzlich bekam sie von hinten einen Schneeball an den Kopf gefeuert. Sie schrie laut auf und drehte sich wütend um. Christoph Iwen und Martin Jäger waren kurz hinter ihnen und fingen schon wieder an zu ärgern. „Jetzt habt ihr mal eine ordentliche Abreibung verdient!“, riefen sie, packten die Mädchen und steckten sie mit den Köpfen in eine Schneewehe. Lotte und Marie strampelten und schrieen vor Wut.

Da kamen plötzlich Tristan und Werner den Weg entlang. Sie lebten mit ihren Eltern und ihren zwei steinalten Omas am Rande des Dorfes in einem Herrenhaus und führten ein sehr zurückgezogenes Leben. Tristan verbrachte den Sommer regelmäßig mit Fußballschießen gegen das Garagentor und Werner war unglücklich in das Nachbarsmädchen Mareike verliebt, die er einmal nach einem Dorfvergnügen nach Hause bringen durfte. Sie hatte die Erlaubnis der Eltern erhalten, bis um 23 Uhr zu bleiben, aber Werner bestand darauf, sie bereits schon um 22 Uhr nach Hause zu bringen, weil er einen zuverlässigen Eindruck machen wollte. Mareike war daraufhin aber sehr enttäuscht und sprach kein Wort mehr mit ihm. So vergrub er sich in seiner Einsamkeit und fand Trost beim Beobachten der heimischen Singvögel.

Das Verrückteste, was Tristan in seinem Leben gemacht hatte, war der Streich, den er den Gästen seiner Omas einmal gespielt hatte. Die alten Damen waren wieder einmal zum Kaffeekränzchen erschienen und freuten sich über den selbstgebackenen Pflaumenkuchen und die berühmte Käsetorte. Da stibitze Tristan heimlich die Handtaschen und kippte deren Inhalte auf einen großen Haufen. Als die Omis sich nach drei Stunden Kaffeklatsch auf den Rückweg machen wollten, gab es eine böse Überraschung und sie fanden ihre Habseligkeiten in dem Wirrwar von Schlüsseln, Geldbörsen und Lippenstiften kaum wieder. Das Gejammer war groß und Tristans Omas waren sehr wütend auf den damals sechsjährigen Enkel.

Tristan war inzwischen 14 Jahre alt und Werner 18. Sie interessierten sich nicht für das Schlittenfahren und waren heute mal wieder unterwegs, um Vögel zu beobachten.

 

 

 

Mit Ferngläsern um den Hals und Vogelbüchern in ihren Rucksäcken kamen sie daher und sahen, wie Lotte und Marie sich kaum gegen Christoph und Martin wehren konnten und schon ganz nass vom Schnee waren. „Lasst die beiden Mädchen los!“, sagte Werner schließlich. Aber Christoph und Martin ließen sich davon nicht beeindrucken und machten einfach weiter. „Los, Tristan, hol meine Brüder, die sind schon auf dem Netteberg!“, rief Marie, bevor sie wieder in den Schnee geduckt wurde. „Wer sind denn deine Brüder?“, fragte Tristan zögerlich, der sich nie etwas merken konnte und auch nicht wusste, dass die beiden Mädchen im Schnee Lotte und Marie waren. „Meine Brüder sind Tobi und Robert und Lukas und Andreas!“, schrie Marie verzweifelt. Tristan wollte wirklich helfen und blickte durch sein Fernglas zum Netteberg. „Haben deine Brüder rote Mützen auf?“, fragte er, denn er hatte zwei Jungen gesichtet, die mit roten Pudelmützen eine waghalsige Sprungschanze bauten. „Ja!“, rief Marie. „Nun geh schon! Schnell!“ „Und was genau soll ich sagen?“, fragte Tristan etwas dusselig. Er fühlte sich sehr unwohl und wollte endlich Vögel beobachten. „Sag, dass wir Hilfe brauchen!“, sagte Lotte und schnappte nach Luft, als sie kurz wieder die Gelegenheit hatte, aufzutauchen. Tristan trabte los und stolperte über seine eigenen Beine. Der Länge nach fiel er in den weichen Pulverschnee und musste sich anschließend erst mal den Schnee abklopfen und sein Fernglas wieder richtig umhängen und putzen. Werner war unterdessen schon vorgegangen und rief ungeduldig: „Tristan, wo bleibst du? Denkst du, die Vögel warten ewig auf uns?“ Schließlich sagte Christoph zu Martin: „Komm, wir hören auf, ich will endlich Schlitten fahren!“ Gelangweilt ließ Martin Marie in den Schnee fallen und zog seinen Schlitten hinter sich her. „Ihr seid so fies, so gemein!“, heulte Marie und klopfte sich den Schnee ab. „Bei Mädchen traut ihr euch, aber bei Jungen habt ihr Angst!“, brüllte Lotte den beiden Dorfschlägern noch hinterher und holte ihr Handtuch aus dem Rucksack, was sie für solche Fälle immer dabei hatte.

Lotte und Marie waren schon oft von den blöden Jungs im Schnee gewaschen worden und wollten dann nicht extra

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Dörte Müller
Bildmaterialien: Dörte Müller
Cover: Dörte Müller
Tag der Veröffentlichung: 27.02.2016
ISBN: 978-3-7396-3994-9

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /