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Zweikampf


Kapitel 1

 

 

„Herr Krummbein! Aufwachen!“
Jens Krummbein, 23, Informatik-Student aus Hamburg, war überrascht, seinen Namen zu hören. Stimmen vernahm er schon seit einer ganzen Weile. Sie kamen von allen Seiten und untermalten die bunten Bilder, die durch seinen Kopf schwirrten. Jens verstand zwar die einzelnen Worte, konnte den Sinn aber nicht erfassen. Er überlegte gerade, ob Bilder auch plappern konnten, als ihn wieder jemand rief. Jens öffnete die Augen und schaute in ein Gesicht, das ihm bekannt vorkam und nun in der Mitte aufsprang und aus dem es klang:
„Da sind Sie ja wieder! Die Operation ist vorbei. Wir schieben Sie jetzt in Ihr Zimmer. Geht es Ihnen gut?“
Jens hörte jemanden „ja“ sagen und vermutete, dass er es selbst gewesen war. Während er die Augen langsam wieder schloss, meldete sich die andere Stimme noch einmal, nur leiser als zuvor:
„Künftig schwängern Sie keine kleinen Mädchen mehr“.
Jens nahm die Worte mit in den Schlaf, aber für ihn war es wieder nur Geplapper.

Die Arzthelferin, die normalerweise am Empfang saß, aber auch für die beiden Patienten-Zimmer der kleinen Praxis zuständig war, öffnete etwas später leise die Tür und sah lächelnd herein. Jens, der seine Narkose inzwischen komplett abgeschüttelt hatte, lächelte zurück und bat um ein Glas Wasser. Nach ein paar Minuten wurde das Gewünschte gebracht, aber leider nicht von der netten Schwester, sondern von dem Urologen selbst. Jens tastete nach der Fernbedienung, um zurückzuspulen, weil er viel lieber die Schwester noch einmal sehen wollte. Der Arzt hatte inzwischen aber am Fußende auf Jens’ Bett Platz genommen und natürlich war der Patient Jens auch neugierig, wie die Operation verlaufen war.
„Wie wir uns das schon gedacht hatten, handelte es sich um eine harmlose Zyste, die ich entfernt habe. Allerdings gab es da ein kleines Problem…..“
„Ja?“, Jens richtete sich interessiert auf.
„Die Zyste befand sich an einer unglücklichen Stelle. Ihre beiden Samenleiter hatten sich dort, wo sie gewissermaßen zusammenlaufen, entzündet und mussten gekappt werden. Das heißt, dass Sie jetzt zeugungsunfähig sind. Leider“.
„Aber eine Sterilisation kann man doch rückgängig machen, oder?“ Jens war sichtlich betroffen. Der Arzt schüttelte den Kopf.
„In diesem Fall nicht. Die verbliebenen Enden sind zu kurz. Aber nun schlafen Sie erst mal eine Nacht drüber. Morgen sieht dann alles nicht mehr so schlimm aus“.

Jens ließ sich nachdenklich zurücksinken. Irgendwann fiel ihm wieder ein, dass direkt nach der Operation jemand gesagt hatte, dass er nun nie wieder kleine Mädchen schwängern würde. Der Arzt hieß Müller. Jens hatte vor ungefähr zwei Jahren eine Lisa Müller gekannt. War ihr Vater Urologe gewesen? Der Student erinnerte sich nicht. Allerdings sprachen die teure Villa und die Luxus-Karosse, die die sechzehnjährige Prinzessin Lisa zur Schule brachte, durchaus dafür. Während sich in seinem Kopf die Gedanken jagten, schlief Jens irgendwann ein und träumte von einem maskierten Mann, der mit einer riesigen Schere seinen, Jens’ Schatten zerschnippelte.

 

 

 

 




Kapitel 2

 

  

„Für Ihren Hausarzt“.
Dr. Müller reichte Jens einen Brief, lehnte sich in seinen Schreibtisch-Sessel zurück und starrte den jungen Patienten an. Jens nahm den Brief entgegen. Seine Augen aber suchten etwas anderes. Und sie fanden es! Er nahm ein Foto von dem riesigen, alten Schreibtisch in die Hand, entdeckte die Lisa von damals, eine Frau, die wahrscheinlich ihre Mutter war und den Mann, dem er jetzt gegenüber stand. Er warf das Bild anklagend auf den Sekretär. Dr. Müller registrierte das Scheppern des Rahmens ohne mit der Wimper zu zucken. Mit einer kalten, auffallend gefühllosen Stimme beantwortete er Jens’ unausgesprochene Frage.
„Sie wissen es also. - Sie haben meine Lisa auf dem Gewissen. Sie haben sie geschwängert und im Stich gelassen. Das hat sie nicht ertragen und sich das Leben genommen! Nach dem Tod meiner Frau und dem Umzug meines Bruders in die Staaten, hatte ich niemanden mehr. Wie oft habe ich mich gefragt, warum ich morgens überhaupt noch aufstehen sollte. – Und dann tauchten SIE in meiner Praxis auf“.
„Ist Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen, dass Sie im Unrecht sind? Ich KANN Lisa gar nicht geschwängert haben. Wir haben uns nur ein paar Mal getroffen. Mehr war da nicht. Ich war etwas genervt, weil sie so sehr geklammert hat, deswegen hab’ ich die Geschichte frühzeitig beendet. Dieses Klammern war ein Hilferuf nach Aufmerksamkeit, nach Zuwendung und Liebe! Ein Ruf, den SIE nicht gehört haben!“
Jens stützte sich auf den Schreibtisch und fügte scharf hinzu: „Wenn jemand Lisa auf dem Gewissen hat, dann SIE! Sie und ihr kaltes Zuhause mit dem Mangel an Vertrauen!“
„Das hab ich mir schon gedacht, dass Sie nicht Manns genug sind, ihr Fehlverhalten einzugestehen!“ Dr. Müller war aus seinem Sessel gesprungen und hatte sich ebenfalls aufgestützt. Sein Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von Jens Augen entfernt. „Lisas Abschiedsbrief war deutlich genug“.
„Wer weiß schon, was in ihrer gequälten Seele vor sich ging? Vielleicht wollte sie den tatsächlichen Vater schützen“, konterte Jens. „Ich hab’ ebenfalls Briefe von ihr, sie durfte das Haus ja kaum verlassen. Und diese Briefe beweisen meine Unschuld!“
„Und Sie können diese Briefe natürlich vorweisen?“, der Arzt lächelte süffisant.
„Ja, das kann ich. Und dann erwarte ich eine Entschuldigung. Und eine Entschädigung für das, was Sie mir angetan haben!“ Jens ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen und fügte hinzu: „Warum eigentlich erst jetzt? Offenbar wissen Sie durch Lisas Brief ja schon länger von meiner Existenz, und wenn Sie so von meiner Schuld überzeugt sind, hätten Sie mich doch gerichtlich irgendwie belangen oder es zumindest versuchen können“.
„Mein Anwalt hat mir abgeraten. Juristisch gab es keine Handhabe, weil Lisa sechzehn war und es sich um einvernehmlichen Sex gehandelt hatte“.
„Vermeintlichen Sex“, korrigierte ihn Jens.
„Wie auch immer. Wenn Lisas Briefe tatsächlich Ihre Unschuld beweisen, entschuldige ich mich selbstverständlich bei Ihnen. Über das andere reden wir dann noch“.
„’Das andere’, wie Sie es nennen, wird Sie noch teuer zu stehen kommen. Sie haben mir doch mit Absicht die Samenleiter durchtrennt!“ „Das war eine medizinische Notwendigkeit. Ich verbitte mir jegliche Unterstellung!“. Dr. Müller wanderte um den Schreibtisch herum. Seine Stimme wurde versöhnlicher: „Aber, wie gesagt, das besprechen wir alles, wenn es soweit ist.“
Er stand jetzt dicht vor Jens, der wieder aufgestanden war. Die Augen des Urologen verengten sich zu Schlitzen. „Und jetzt raus hier!“, zischte er und zeigte zur Tür. Wortlos drehte sich Jens herum, ging zur Tür, öffnete sie, blieb aber im Rahmen stehen und sagte mit fester Stimme über die Schulter:
„Sie WERDEN sich entschuldigen!“



Kapitel 3

 

 

Ein paar Tage später saß Jens in demselben Sprechzimmer, auf demselben Stuhl und sah zu, wie der Vater die Briefe seiner Tochter studierte. Tags zuvor hatte Jens ihm schon eine E-Mail mit dem Foto der Briefe aufs Handy geschickt. In der Hoffnung, dass der Arzt seine Einstellung Jens gegenüber schon einmal überdachte. Und nun hielt der Vater die vielleicht letzten Briefe seiner Tochter in der Hand. Sie erzählten von Sehnsüchten, Träumen und Teenager-Fantasien über eine romantischen Liebe, die es so nie gegeben hatte. Und sie verneinten definitiv die Frage, ob Absender und Empfänger eine sexuelle Beziehung hatten. Zwischendurch ließ der Arzt das Schreiben, das er gerade in der Hand hielt, sinken und sah Jens sichtlich erschüttert an. Es war ein bisschen so, als würde seine kleine Lisa aus dem Grab zu ihm sprechen. Aber er war noch nicht fähig, etwas zu sagen und so las er aufmerksam weiter.
„Ich glaube Ihnen“, presste er schließlich hervor, „es ist eindeutig die Handschrift meiner Tochter und aus dem Text geht zweifelsfrei hervor, dass sie sich von Ihnen mehr als Händchenhalten gewünscht hat“. Dr. Müller schritt auf Jens zu und reichte ihm die Hand. „Nehmen Sie bitte meine Entschuldigung entgegen. Ich weiß gar nicht, was ich sage soll. Außer, dass ich Sie bitten möchte, mit einem alten Mann und verzweifelten Vater nachsichtig zu sein. – Was ‚das andere’ betrifft: Ich bespreche mich morgen mit meinem Anwalt. Kommen Sie bitte übermorgen noch einmal hier her, ja?“
„Gerne“, entgegnete Jens und fasste mit der freien Hand vertraulich an den Oberarm seines Gegenübers, während er mit der anderen den Händedruck erwiderte.

Nachdem sie sich getrennt hatten, hing jeder seinen Gedanken nach. Aber nur einer grinste dabei in sich hinein.



Kapitel 4

 

 

„Mensch, Kalle! Mit den Briefen hast du dich echt selber übertroffen!“, Jens übertrug seine Begeisterung auf seinen Kumpel und nahm zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank, um mit Karl Dietrich, seinem Mitbewohner, der als Web-Designer arbeitete, anzustoßen. „Der Alte war völlig zerknirscht! Und so klein mit Hut“, Jens zeigte mit Daumen und Zeigefinger, wie klein. Karl grinste und freute sich über das Lob. „Dafür schuldest du mir aber auch etwas; war ‚ne Sauarbeit. Zum Glück hattest du als Vorlage die beiden Briefe von Lisa noch“.
„Jau, das kannst du laut sagen! Mann! Ohne deine Briefe hätte ich für die Verstümmelung keinen Cent gesehen! Weis dem mal nach, dass er das mit Absicht gemacht hat. Und ein Prozess wegen eines Kunstfehlers ist langwierig, teuer und ungewiss. - Gott! Tat das gut, den alten, selbstgerechten, arroganten Sturkopf am Boden zu sehen!“
„Lass dich nur nicht mit ein paar tausend Euro abspeisen“, mahnte Karl. „Schließlich wirst du nie eigene Kinder haben können“.
„Keine Sorge. Der Typ soll bluten. – Zum Schluss hat er mir ja fast leid getan, aber das ändert nichts daran, dass er Richter und Henker in einer Person gespielt und den Falschen erwischt hat. Bin nur gespannt, was sein Anwalt sagt und wie das morgen abläuft“
.„Prost! Auf morgen!“, Karl grinste. „Gib’s ihm!“
„Prost! Auf morgen!“, Jens lachte und fügte hinzu: „Beim nächsten Mal stoßen wir mit Champagner an!“



Kapitel 5

 

 

Rechtsanwalt Dr. Michael Pflüger legte Jens etliche Papiere zur Unterschrift vor.
„Wie Sie sehen, Herr Krummbein, ist die außergerichtliche Einigung mit dem Betrag von 75.000,- Euro recht großzügig ausgefallen. Mein Klient, Dr. Müller, bedauert sein Verhalten wirklich sehr. In diesen Schriftstücken betont er allerdings auch mit Nachdruck, dass sein Angebot keinesfalls mit einer Schuldanerkennung gleichzusetzen ist! In den anderen Papieren bestätigen Sie, dass alle weiteren Forderungen damit abgegolten und obsolet sind. Die übrigen Unterschriften sind nötig, damit juristisch alles korrekt abgeschlossen wird. Auf einer Seite bestätigen Sie mit Ihrer Unterschrift z.B. dass Sie vor der Operation über die Risiken aufgeklärt worden sind und dass bei der Entfernung der Zyste eine eventuell nötige Vasektomie nicht ausgeschlossen werden kann. Na, und so weiter. Unterschreiben Sie bitte hier, hier, hier, hier und hier. In ein paar Tagen wird Ihnen der Betrag dann überwiesen“.

Jens war zufrieden und erfreut über die hohe Summe und unterschrieb, woraufhin der Anwalt sich verabschiedete. Dr. Müller, der bisher schweigend zugesehen hatte, drückte noch einmal sein Bedauern aus und erzählte dem jungen Mann Einzelheiten von Lisas Tod und der schweren Zeit danach. Schließlich stand er auf, verwies auf den nächsten Patienten und schüttelte Jens die Hand. Der verabschiedete sich dankend und eilte grinsend nach Hause, um seinem Freund Karl alles zu erzählen und besonders von den 75.000,- Euro!



Kapitel 6

 

 

Als nach zwei Wochen immer noch kein Geld auf seinem Konto eingegangen war, war Jens’ Grinsen längst verflogen. Kalle mahnte:
„Der verarscht dich! Geh mal lieber hin und hau auf den Tisch!“
Und so machte sich Jens auf den Weg, um sich Klarheit zu verschaffen.

Dr. Müller ließ ihn fast zwei Stunden im Wartezimmer sitzen, bis er ihn endlich zu sich rief und anhörte.
„Ich weiß gar nicht, was Sie von mir wollen“, Dr. Müller tat überrascht. „Sie haben Ihr Geld doch in bar bekommen. Ich habe es einen Tag zuvor von der Bank geholt und Ihnen übergeben. Den Empfang haben Sie schriftlich bestätigt. Erinnern Sie sich nicht? Soll ich Ihnen jetzt noch einmal soviel Geld geben? Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst!“
Jens schluckte und noch bevor er den Mund aufmachte, wusste er, dass er reingelegt worden war. Er hatte nicht alle Schriftstücke vor der Unterschrift durchgelesen.
„Das haben Sie sich ja schön ausgedacht“, schimpfte er. „Sie vergessen wohl, dass ich unschuldig bin und Sie mich zu Unrecht verstümmelt haben!“
„Zu Unrecht? Ich hab Ihre Briefe von einem Sachverständigen begutachten lassen. Vergleichsmaterial hatte ich zuhause genug. Und wenn Sie wirklich unschuldig wären, hätten Sie die Briefe wohl kaum gefälscht!“, erwiderte Dr. Müller triumphierend.
„Es sei denn, ich wäre tatsächlich unschuldig und hätte keine andere Möglichkeit gesehen, zu meinem Recht zu kommen“, entgegnete Jens zerknirscht. „Aber in Ihrer Rechnung fehlt noch eine Unbekannte: Wer hat Lisa geschwängert? Ich weiß es!“
„Sie bluffen doch! Wenn Sie es wüssten, hätten Sie es schon ausposaunt, als Sie die gefälschten Briefe vorbeigebracht haben!“
„Ich sage es Ihnen, dann werden Sie schon sehen. Aber vorher möchte ich, dass Sie – von Mann zu Mann – zugeben, dass Sie mich absichtlich sterilisiert haben!“ Jens streckte kampfeslustig das Kinn vor. „Andernfalls werden Sie es nie erfahren!“ Dr. Müller verlor etwas von seiner Selbstherrlichkeit und fragte misstrauisch:
„Tragen Sie eine Wanze oder so etwas?“ Er ging um den Schreibtisch herum zu Jens und tastete ihn sorgfältig ab. Das Smartphone nahm er ihm weg und gab es im Vorzimmer bei der Sprechstundenhilfe ab. „So“, meinte er schließlich, „nun können wir fortfahren. – Also gut, ja, ich habe Sie absichtlich sterilisiert! Und es hat mir eine tiefe Freude bereitet! Sie sollten nie wieder ein junges Mädchen ins Unglück stürzen! Und manchmal erwische ich mich heute noch dabei, wie ich bei dem Gedanken an das „Schnippeln“ vor mich hin kichere! So! Und nun Sie!“ Dr. Müller lehnte sich erwartungsvoll vor.
„Ich wusste es!“, Jens nickte mit dem Kopf. „Es war also keine medizinische Notwendigkeit!“
„Nicht die Bohne!“, protzte der Arzt. Die Zyste war nicht einmal besonders eitrig. Aber nun raus mit der Sprache! Kenne ich den Kindsvater? Wer war es?“
„Denken Sie mal an Weihnachten vor drei Jahren zurück. Wer war da zu Besuch bei Ihnen und ist bis Neujahr geblieben?“
„Mein Bruder? Das kann ich nicht glauben! Das haben Sie sich gerade ausgedacht!“
„Nein. Deswegen hat sich Lisa umgebracht. Sie wollte die Familie nicht zerstören. Außerdem ist sie ohne Mutter aufgewachsen und ihr Vater hatte kaum Zeit für sie. Und dann hat sie noch ihr eigener Onkel vergewaltigt, oder verführt, wie auch immer. Und dass ich ihre Gefühle nicht erwidern konnte, hat sicher auch seinen Teil dazu beigetragen. Aber damit muss ich zurechtkommen“.

Dr. Müller saß stumm in seinem Drehsessel und wurde immer kleiner. Irgendetwas sagte ihm, dass Jens die Wahrheit erzählt hatte. Er hätte mit einer Lüge nichts zu gewinnen. Jens stand langsam auf und blickte auf sein Gegenüber. Die Mundwinkel des Studenten zogen sich nach oben. Er sah den Arzt nur an und sein Grinsen wurde immer breiter. Zum ersten Mal verspürte der Doktor einen Anflug von Angst.
„Warum grinsen jetzt so blöd?“
„Weil Sie ein so schönes Geständnis abgelegt haben“.
„Aber es nutzt Ihnen nichts. Ich hab’ Sie gründlich abgetastet: Sie tragen kein Abhörgerät und Ihr Handy hab ich hinausgebracht“. Jens kostete die Situation noch etwas aus und entgegnete schließlich:
„Sie hätten nicht MEIN Handy rausbringen sollen, sondern IHRES!“
Der Kopf des Urologen flog herum. Hastig griff er nach seinem Smartphone. Das Display leuchtete nicht, aber es bestand eine Verbindung! Das Gesicht des älteren Herrn wurde bleich. „Ich studiere Informationstechnik, mein Lieber!“, klärte ihn Jens auf. „Ich habe Ihr Smartphone gehackt. Mit Ihrer Hilfe übrigens“.
Der Arzt sah Jens fragend an.
„Nun, Sie haben den Anhang meiner E-Mail an Sie geöffnet. Zusammen mit dem Foto wurde ein Trojaner auf ihrem Smartphone installiert. Von da an hatte ich vollen Zugriff auf Ihr Handy. Und nun hat mein Freund Kalle unser gesamtes Gespräch aufgezeichnet! – Es ist vorbei. Sie sind erledigt“.
Jens steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte zur Tür. Er warf noch einen letzten Blick auf das Häufchen Urologen-Elend und konnte sich nicht verkneifen zu sagen: „Ich muss los. Ich hab jetzt viel zu tun. Schrauben Sie schon einmal Ihr Schild draußen ab! – Ach ja ….. möchten Sie ein Glas Wasser?“

Jens wartete die Antwort nicht ab und trollte sich. Draußen, auf dem Bürgersteig, unter all den Menschen, die hin und her hetzten, fiel die Anspannung von ihm ab. Er, der arme Student, hatte die Auseinandersetzung mit dem arroganten, selbstherrlichen Arzt gewonnen, fühlte sich aber nicht als Sieger.
Ein sechzehnjähriges Mädchen war tot, ihr Vater ein gebrochener Mann.
Und er, Jens, würde niemals Kinder zeugen können.

Missmutig trat er gegen einen kleinen Stein und murmelte: „Scheiß Spiel“.








© Ulrich Seegschütz Mär|2019

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 06.10.2021

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