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Herausgeber

DER KOSTJA-CLAN - TEIL 1

 

© Norma Banzi

 

Bildquellen:

Depositphotos

 

Gestaltung des Covers:

Norma Banzi

 

Edition Banzini

Kurvenstraße 25

22043 Hamburg

www.banzini.de

 

 

 

 

Greif dir in meinem Newsletter die Sonderausgabe des Kompendiums zum Kostja-Clan mit vielen Datenbögen zu den wichtigen Figuren und Leseproben zur Popstar-Reihe:

 

 

[Grabsch]

 

Inhalt

 

Die Zwillinge Finn und Sean Callahan wurden in ihrer Kindheit von einem sadistischen Kriminellen gebrochen. Ihr Befreier Dimitri nimmt sie in seine Familie auf und sie arbeiten für ihn als Verhörspezialisten. Als sie den abenteuerlustigen Angelo Gable kennenlernen, schmelzen langsam ihre Eispanzer. Aber wie stellt man Nähe her, wenn man diese normalerweise nicht aushält?

 

Kann ein russischer Mafiaboss aus der Kriminalität aussteigen und dabei überleben? Der Milliardär Dimitri Kostja hat es geschafft – wahrscheinlich. Auch nach über 10 Jahren in der Legalität ist die Gefahr sein ständiger Begleiter. Seine treuen Leibwächter setzen ihr Leben für ihn und seine Familie ein. Außerdem sichert ein Netz aus Verbündeten Dimitri und seinen Lieben das Wohlergehen. Leider hat ein solches Netz Maschen und wenn eine von ihnen zu groß wird, dann stirbt jemand.

 

Deshalb ist Vincent Gable auch wenig erbaut davon, dass sein Neffe Angelo sich in Dimitris ehemaliges Mündel Finn verliebt und ihm auf die Megayacht des Milliardärs folgt.

 

Auf der Solaris kann Angelo sich nicht zwischen Finn und seinem Zwillingsbruder Sean entscheiden, was ihm aber wenig Kopfzerbrechen bereitet, denn die Brüder geben sich ohnehin unnahbar. Nach und nach versteht Angelo die Gründe dafür und ist entsetzt. Schreckt das grausame Schicksal der Zwillinge ihn ab oder gibt es für die drei einen Weg zueinander?

 

Achtung!: In diesem Buch sind zwei Brüder ganz besonders nett zueinander. Außerdem wisst ihr ja nun schon, dass die meisten meiner Charas stark polyamore Tendenzen haben.

 

Der Kostja-Clan – Teil 1 endet mit einem Happy für den Moment.

 

 

Was bisher geschah

 

In Orlandos Herz – Teil 2 schickt der zwielichtige Milliardär Dimitri Kostja seinen geliebten Lebensgefährten Sascha aus Sicherheitserwägungen nach Los Angeles. Während Orlando und Dimitris Leibwächter in Ottawa herausfinden wollen, wer von Dimitris zahlreichen Feinden ihm aktuell nach dem Leben trachtet, wartet Sascha auf dem gut abgeschirmten Stone-Anwesen komfortabel aber sehnsüchtig auf Nachricht von zuhause.

 

 

Prolog

 

Dimitri Kostja sprang aus dem Hubschrauber und rückte seine schusssichere Weste zurecht. Vier seiner Leibwächter boten ihm Feuerschutz, während er zum Bauernhaus eilte, in dem die Mitarbeiter seiner Sicherheitsfirma Matunus den Mistkerl festgesetzt hatten, der dafür verantwortlich war, dass Dimitri alle seine Besitzungen in Russland verloren hatte und den heimatlichen Boden nicht mehr betreten durfte.

An der Eingangstür grinste ihn der Mallorquiner an, Ausbilder der Truppe, die das einsam gelegene Anwesen in Südfrankreich eingenommen hatten. Ein paar Meter weiter saßen drei Gefangene mit Hand- und Fußfesseln auf einem Kiesweg, überlebende Gefolgsleute des Gegners. Wahrscheinlich war es auf lange Sicht ratsamer, sie zu beseitigen, allerdings war Dimitri kein Schlächter und diese Männer Söldner, die dem Stück Scheiße hoffentlich keinen Schwur geleistet hatten. Söldner gingen einfach ihrer Wege, wenn man sie freiließ. Manchmal konnte der Mallorquiner sie sogar für die Matunus anwerben. Verschworene zettelten dagegen lästige Blutrachestreits an.

Dimitri hätte die Eroberung des Anwesens gerne selbst befehligt und an vorderster Front mitgekämpft, was seine Berater allerdings rigoros abgelehnt hatten.

„Du bist der Boss, die Kämpfer und ich sind deine ausführenden Arme. Also lasse uns die Arbeit machen und steh nicht im Weg rum!“, hatte der Mallorquiner geschnauzt und sich dafür fast einen Fausthieb von Dimitri eingefangen.

„Denk an Sascha! Was passiert mit ihm, wenn du in einem Kugelhagel draufgehst?“

Der Gedanke an seinen geliebten Neffen ernüchterte Dimitri. Klar, er hatte Vorkehrungen getroffen, die Sascha schützten, sollte ihm selbst etwas passieren. Aber er musste zugeben, dass er lebendig die beste Versicherung gegen die gierigen Klauen einiger Männer war, die Sascha gerne als Nachfolger seines verstorbenen Vaters Jegor gesehen hätten. Nur wollte Dimitri unter allen Umständen verhindern, dass Sascha in die dunklen Geschäfte hineingezogen wurde.

„Irgendetwas, das ich wissen müsste, bevor ich das Haus betrete?“, fragte Dimitri den Mallorquiner.

„Kurgan sitzt gefesselt in der Küche. Im Keller gibt es einen verschlossenen Raum, zu dem wir den Schlüssel noch nicht finden konnten. Viel Zeit zum Suchen hatten wir auch nicht.“

„Ich kümmere mich darum“, entgegnete Dimitri, der Mallorquiner nickte ihm zu und mit knappen Gesten befahl er einem seiner Männer, Andrej, Dimitri und seine Gardisten durch das Haus zu geleiten. Andrej führte Dimitri erst in die Küche, wo das Stück Scheiße an einen Stuhl gefesselt auf sein Verhör wartete. Kurgan grinste Dimitri kackfrech an, so, als wäre es ihm egal, dass er das Haus nicht mehr lebend verlassen würde. Das Blut rauschte zornig in Dimitris Ohren, aber er gab seinem Gegner nicht die Genugtuung, ihm seine Wut zu zeigen.

„Weiter!“, befahl er seiner Garde. Dimitri war sich sicher, dass der Mallorquiner das Haus gründlich durchkämmt hatte. Dennoch stiegen seine Gardisten die Kellertreppe vor ihm mit gezogener Waffe hinab. Andrej blieb oben an der Tür als Wache zurück. Sie fanden einen Raum voll mit Folterwerkzeugen und es lief Dimitri eiskalt den Rücken herunter. An der Stahltür daneben rüttelte Dimitri vergeblich.

„Schlüssel suchen!“, befahl er seinen Gardisten.

„Weshalb, Boss?“, fragte Angus. „Wir fackeln das Haus nach dem Verhör doch sowieso ab.“

„Weil ich es befehle!“, bellte Dimitri und der Mann zuckte zusammen. Eilig machten sich die Männer auf die Suche und fanden den Schlüssel schließlich in einer leeren Weinflasche versteckt.

„Bleib etwas zurück, Boss!“, wurde er gebeten.

Angus schloss die Tür auf und öffnete sie einen Spalt. Ein widerlicher Gestank von Exkrementen waberte ihnen entgegen, der selbst Dimitri fast den Magen umdrehte, der einige Schritte von der Tür entfernt stand. Angus und Hugh mussten würgen und hasteten die Kellertreppe hoch, um sich, wo auch immer, zu übergeben. Andrej verließ deshalb seinen Posten und stürmte sie herunter.

„Boah! Was ist das denn für ein ekeliger Gestank?“, keuchte er. Gleichzeitig flog sein Blick in alle möglichen Richtungen, um nach einer potentiellen Gefahrenquelle für Dimitri zu suchen. Guter Mann!

Angus und Hugh: Idioten! Offenbar waren ihre britischen Mägen zu empfindlich, um an der Seite des Mannes zu bleiben, den sie beschützen sollten. Dimitri würde sie dem Mallorquiner zur Nachschulung schicken.

Boris, ein Leibwächter, der aus demselben Dorf stammte wie Dimitri, hielt sich einen Arm vor Mund und Nase und blickte diesen fragend an. „Boss, ich glaube nicht, dass ich es schaffe, da reinzugehen, ohne kotzen zu müssen.“

Der andere Wächter, Denys, rollte genervt mit den Augen, stieß die Tür ganz auf und leuchtete mit der Taschenlampe hinein. „Sauber!“

„Wie witzig!“, grummelte Boris den Kanadier an.

„Keine Gegner!“, verbesserte sich Denys. „Da sind zwei Käfige. Ich glaube, es liegen zwei Leichen darin.“

„Oder die Leichen sind gar nicht tot“, überlegte Dimitri laut.

Boris und Denys sahen sich an, dann Dimitri, und warteten auf Befehle.

Dimitri spuckte mehrmals auf den Boden, was leider nicht half, um den gruseligen Geschmack aus seinem Mund zu entfernen. Er legte sich seinen Unterarm vor Mund und Nase, trat in den Raum und tastete nach dem Lichtschalter, wobei es ihm vor Ekel in der Hand kribbelte, obwohl er Handschuhe trug.

Dimitri zuckte zurück, als er die zarten, dreckverschmierten Gestalten in den Käfigen sah. Seine Kindheit war hart gewesen und seine Jugend geprägt von der schweren Arbeit in der Fabrik und schmierigen Männern, die seinen Körper benutzten. Er stammte aus bitterarmen Verhältnissen und hatte sich seinen Weg ganz nach oben geboxt, kannte Brutalität, sexuelle Gewalt und Mord. Aber was er jetzt sah, das ließ sogar ihn schlucken. Das Stück Scheiße hatte zwei unschuldige junge Menschen in Käfigen verrotten lassen.

Dimitri schaute seine Wächter etwas hilflos an. Das Entsetzen stand den sonst so hart gesottenen Gardisten in den Augen geschrieben. So sah wahrscheinlich auch Dimitri aus. Er unterdrückte den Impuls, aus dem Raum zu flüchten und Kurgan sofort eine Kugel durch den Kopf zu jagen. So ein Tod wäre zu einfach für das sadistische Arschloch. So sehr seine Instinkte ihn drängten, diesen ekelhaften Raum sofort zu verlassen, musst er sich einfach vergewissern, ob den in viel zu kleine Käfige gesperrten Jungs wirklich nicht mehr geholfen werden konnte. Ihre fast bis auf die Knochen abgemagerten Körper waren dreckverschmiert, die beiden mussten in ihren eigenen Exkrementen liegen. Dimitri fiel auf, dass sie ihre Köpfe in ihre Armbeugen gelegt hatten, wahrscheinlich, weil sie das Licht nicht vertragen konnten. Wer stundenlang im Dunkeln ausharren musste, der vertrug plötzlichen Lichteinfall nicht sonderlich gut. Eine kleine Bewegung verriet ihm, dass zumindest eines der beiden Opfer noch lebte. Zu diesem Schluss waren wohl auch Boris und Denys gekommen, denn die beiden widersprachen nicht, als Dimitri ihnen befahl:

„Öffnet die Käfige, aber passt auf, keine Ahnung, wie die beiden reagieren.“

Boris schaute sich im Raum um. Die Schlüssel hingen an einem Haken an der Wand. Die Käfige waren schnell aufgeschlossen und mit dem Fuß stieß Denys die Türen auf. Die Jungs blieben regungslos liegen.

„Vielleicht sind sie doch tot?“, spekulierte Denys.

Keiner von ihnen hatte Lust, das zu überprüfen.

Dimitri sprach die Gefangenen an, erst auf Russisch, dann auf Französisch und als das nicht half, auf Englisch. Einer regte sich endlich ein wenig und Dimitri blieb beim Englisch. „Ich bin Dimitri und neben mir stehen meine Leibwächter Boris und Denys. Wir sind Feinde von Kurgan und werden euch nichts tun. Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Denk daran! Ich habe leider so gar keine Zeit, dein Vertrauen zu erringen, denn wir werden in Kürze das Haus abfackeln. Hier könnt ihr also nicht bleiben. Ihr könnt mit uns kommen. Etwas anderes wird euch auch nicht übrig bleiben, wenn ihr überleben wollt. Hast du das verstanden?“

Ein knappes Nicken.

„Wie heißt du, Junge?“

„Finn“, sagte diese verdreckte, stinkende, armselige Gestalt mit den vielen Wunden und Narben am ganzen Körper. Ihre Stimme klang brüchig und heiser.

„Komm aus diesem Käfig, Finn, damit du später nicht verbrannt wirst. Wie heißt dein Kumpel nebenan?“

„Sean!“

„Vertraut er dir, kannst du ihm helfen?“

Wieder nickte der Junge.

„Also los!“ Dimitri bedeutete seinen Männern zurück zu treten und Finn kroch endlich aus diesem Käfig heraus. Für den Bruchteil eines Moments blickte Finn Dimitri an, der vor seinen kalt wirkenden graublauen Eisaugen erschrak. Während Dimitri sich darüber ärgerte, dass sein Herz zu schnell schlug, und er wegen des Gestanks nicht einmal tief durchatmen konnte, berührte Finn seinen Mitgefangenen am Unterschenkel. Sean zuckte zusammen.

„Boris! Geh nachsehen, ob du irgendwo zwei Decken findest“, befahl Dimitri seinem Leibwächter. Nun drehte sich Sean um und Dimitri konnte sein Gesicht sehen. Das waren eineiige Zwillinge. Himmel! Die Hand seines Bruders schien Sean Mut einzuflößen und er kroch ebenfalls aus dem Käfig. Die beiden Jungs richteten sich auf und Dimitri sah ihnen an, wie schwer ihnen das Stehen fiel. Sie mussten Tage oder sogar Wochen in diesen Käfigen gelegen haben. Boris kehrte mit zwei Decken zurück und mit lang ausgestreckten Armen hielt er sie den zitternden Jungen hin.

„Hüllt euch in die Decken ein!“, befahl Dimitri ihnen. Innerlich war er genervt. Er hatte hier nicht ewig Zeit und der Gefangene oben musste auch noch verhört werden. Allerdings wusste er, mit Ungeduld kam er hier nicht weiter. Das Schicksal hatte ihm gerade die Verantwortung für zwei traumatisierte Gewaltopfer überantwortet, ob er wollte oder nicht. Die Zwillinge brauchten Zeit, sich zu orientieren, sich zu vergegenwärtigen, dass ihre Qual vorbei war und die Freiheit winkte, mussten zumindest ein wenig Vertrauen in ihre Befreier fassen. Das dauerte und es verrannen wertvolle Minuten. Die Aktion hatte einen Zeitplan und sie lagen schon dahinter zurück. Endlich nahm Finn eine Decke und legte sie Sean um die Schultern, die andere verwendete er selbst.

„Kennt ihr euch in diesem Haus aus? Wisst ihr, wo das Bad ist? Duscht euch! So verschmutzt kann ich euch nicht mitnehmen.“

Finn nickte.

„Auf geht es! Nach oben mit euch!“

Himmel! Wie schwer es den beiden fiel, die Treppe zu erklimmen. Ihre Muskeln waren ziemlich zurückgebildet. Andrej, der am unteren Absatz wachte, wollte ihnen schließlich helfen, aber Sean jaulte schrill auf, als seine Hand auch nur in dessen Nähe kam. Sean runzelte seine Stirn und riss seine Augen auf wie ein in die Enge getriebenes Tier, in dem Angst, Verzweiflung und Kampfbereitschaft zu einer gefährlichen Mischung werden konnten. Also ließen sie die Jungs alleine die Treppe bewältigen. Sie mussten sich am Geländer geradezu nach oben ziehen. Dort angekommen, gab es erst einmal für jeden der beiden ein Glas Wasser. Sie rochen misstrauisch am Inhalt der Gläser und Dimitri wollte sie ihnen schon genervt wieder wegnehmen, weil ihm das alles zu lange dauerte, als sie endlich tranken.

„Jetzt geht duschen und trödelt nicht herum!“, sagte Dimitri so freundlich, wie er es vermochte. Der ziemlich kleinlaut wirkende Angus wurde abgestellt, die Dusche der Jungs zu überwachen, Hugh, der den Blick von Dimitri mied, wurde beauftragt, ihnen Kleidung heraus zu suchen. Wahrscheinlich hatte der Mallorquiner die beiden zusammengestaucht, weil sie Dimitris Seite verlassen hatten.

Dimitri ging mit den anderen beiden Leibwächtern in die Küche. Da lag schon eine schöne Sammlung von Küchenmessern auf dem Tisch, die einer von Dimitris Sicherheitskräften dort hingelegt hatte. Dimitri folterte nicht selbst, das überließ er dem Personal.

„Du, wie ist dein Name?“

„Falk“, sagte der Mann mit den blonden, kurz geschorenen Haaren.

„Richtig! Ich habe dich in Deutschland rekrutiert.“

„Stimmt, Chef!“

„Du siehst so aus, als könntest du gut verhören.“

„Ich kann hervorragend verhören.“

„Gut! Wir brauchen noch ein paar Namen wegen der italienischen Sache. Denkst du, du kannst sie aus dem Arschloch herausholen?“

„Ich gebe mein Bestes.“ Falk grinste gehässig. Die Vorfreude in seinem Blick war allerdings nicht so groß, dass sie Dimitri zu denken gegeben hätte. Dimitri brauchte fähige Männer, keine Sadisten.

„Weshalb hast du Küchenmesser bereit gelegt und dich nicht der Werkzeuge unten bedient?“, fragte Dimitri den Deutschen.

„Weil es Kurgan vielleicht gefallen hätte, mit seinen eigenen Spielzeugen gefoltert zu werden, Boss.“

Gut möglich, dachte Dimitri sarkastisch.

Der italienischen Sache verdankte Dimitri den Umstand, dass die anderen Bosse endlich zugestimmt hatten, seinen Todfeind nicht länger zu schützen. Kurgan war für Dimitris Rache unerreichbar gewesen, weil eine Interessensgruppe die Hand über ihn hielt, mit der sich Dimitri nicht anlegen wollte. Bis Kurgan den strategischen Fehler beging, in Kalabrien die falsche Frau entführen zu lassen, um Lösegeld zu erpressen. Man entführte einfach nicht die Töchter von Geschäftspartnern und brachte sie schon gar nicht um. Rasend vor Trauer um sein geliebtes Kind gab Fastigio Dimitri grünes Licht.

Das Verhör dauerte lange. Kurgan war nicht nur ein perverses Schwein, er konnte Schmerzen aushalten. Fast hatte Dimitri das Gefühl, dass er sie bis zu einem gewissen Grad genoss. Seine Widerstandskraft verhöhnte Dimitri und er wurde wütend. Das war einer der Gründe, weshalb er die Sache an Falk übergeben hatte. Folter war selten effektiv, wenn sich der Verhörspezialist gefühlsmäßig zu sehr involvierte. Zwischendurch traten Finn und Sean in die Küche. An ihren Körpern schlackerten viel zu große Männerhemden und sie trugen Shorts. Andere Hosen passten ihnen wohl nicht.

Falk stand gerade an der Terrassentür und rauchte eine Zigarette. Er hatte Kurgan eine zweite Spritze mit einem Wahrheitsserum gesetzt und wartete nun darauf, dass es wirkte.

„Boris! Bring die Jungs hier raus, das sollten sie nicht sehen.“

Finn schrie auf, als ihm Boris sanft eine Hand auf den Rücken legte und sprang nach vorne.

„Offensichtlich mögen die beiden es nicht, angefasst zu werden“, stellte Dimitri trocken fest. „Lass ihnen etwas Freiraum.“

Boris trat zwei Schritte zurück und plötzlich bewegte sich Sean mit einer Geschwindigkeit, die ihm wegen seines geschwächten Zustands niemand zugetraut hätte. Er stürzte zum Tisch, griff sich eines der Messer, rannte zu Kurgan und schnitt ihm die Kehle durch. Im selben Moment erreichte auch Finn den Tisch, schnappte sich ein zweites Messer und bevor auch nur einer der Sicherheitskräfte reagieren konnte, rammte er es Kurgan in den Unterleib und drehte es noch einmal in dessen Eingeweiden. Die beiden Jungs standen vor ihrem Peiniger und sahen mit kalten Augen ungerührt zu, wie er verblutete und keinen Ton mehr von sich geben konnte. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze der Angst und des Entsetzens, als wenn er schon einen Blick in die Hölle werfen konnte, bevor seine Seele seinen Körper verließ. Ganz am Ende verlor er also doch noch seine arrogante Haltung.

In Sekundenbruchteilen rauschten verschiedene, sich widersprechende Gefühle durch Dimitri hindurch. Die Freude, dass Kurgan voller Grauen starb, mischte sich mit der Wut über das eigenmächtige Handeln der Zwillinge.

„Verdammte Scheiße! Das Verhör war noch nicht beendet“, brüllte Dimitri. Er beschwichtigte mit einer Handbewegung seine Leute, die hektisch ihre Waffen zogen und auf Finn und Sean richteten. Die beiden machten nicht den Versuch, jemand anderen anzugreifen, dennoch überlegte Dimitri für einen kurzen Moment, die Jungs erschießen zu lassen. Er hatte wirklich großes Mitleid mit ihnen, aber so zerbrochen, psychotisch und eiskalt waren sie wahrscheinlich eine Gefahr für die Gesellschaft. Das Blut von Kurgan spritzte ihnen auf die Körper und sie scherten sich nicht darum. Ekelhaft! Und dann bemerkte Dimitri, wie Seans zitternde Hand nach der von Finn tastete. Die Brüder rückten einige Zentimeter zusammen, wirkten auf einmal verloren und hilfebedürftig. Dimitri brachte es einfach nicht über das Herz, den Befehl für ihre Ermordung zu geben.

„Sean, leg das Messer weg oder einer meiner Männer muss dich erschießen, und tu es schnell, meine Geduld mit euch ist erschöpft. Zehn, neun, acht …“ Er nickte Boris zu, der zur Bekräftigung seiner Worte die Waffe durchlud. Nichts deutete darauf hin, dass der Junge verstanden hatte, aber sein Bruder Finn besaß einen starken Überlebenswillen, nahm ihm schnell das Messer aus der Hand und legte es auf den Boden.

„Da ihr mit eurem Eingreifen das Verhör verkürzt habt, gibt es für uns nichts weiter zu tun, als das Haus abzufackeln. Seht an, wie ihr euch eingesaut habt. Nun müsst ihr ein zweites Mal duschen und wir müssen neue Kleidung für euch heraus suchen. In zehn Minuten solltet ihr soweit sein, sonst verbrennt ihr. Wir zünden dann das Haus an, egal, ob ihr noch drin seid oder nicht. Habt ihr das verstanden?“

Keiner der beiden antwortete direkt, aber Finn zog seinen apathisch starrenden Bruder eilig in Richtung Bad. Kluges Bürschchen! Hugh seufzte genervt auf, weil er den Jungs einen weiteren Satz Kleidung zusammensuchen sollte.

Himmel! Dimitri rieb sich die Schläfen. Ihm gingen leider die ihm verschworenen Leibwächter aus. Einer saß im Gefängnis, weil er ohne zu zögern einen Mord gestanden hatte, der eigentlich auf Dimitris Konto ging. Die anderen drei hatten vor sechs Monaten Kugeln für ihn eingefangen. Verflucht! Zwei tote Leibwächter und ein gelähmter in einer schrecklichen Nacht.

Die Nachrücker Hugh, Angus, Boris und Denys arbeiteten erst seit etwa zwei Jahren für ihn und hatten noch keinen Schwur geleistet. Nur Andrejs Familie gehörte zum Clan. Ging es nach seinem Vater, sollte er eigentlich auf der mallorquinischen Finca eine Ausbildung zum Koch beginnen, hatte sich aber immer wieder in das Training der Matunus-Mitarbeiter gemogelt, bis der Mallorquiner ihn offiziell in das Ausbildungsprogramm aufnahm. Mit seinen zwanzig Jahren wirkte er schon besonnener als Hugh und Angus mit ihrer Soldatenvergangenheit. Dimitri nahm sich vor, Andrej in seine Garde aufzunehmen, sollte der Mallorquiner keine Bedenken äußern.

Denys hatte seine Karriere als kanadischer Polizist aufgegeben, als der Vergewaltiger seiner Schwester aus Mangel an Beweisen freigelassen worden war und seine Kollegen sich nicht die Mühe machten, den Fall weiter zu verfolgen. Seine russische Großmutter stellte den Kontakt zu Dimitri her, der ihn erst einmal als Internetexperte in Ottawa beschäftigte. Woche für Woche meldete sich Denys bei Dimitri, um ihm zu versichern, dass er seinen Plan nicht aufgeben würde, Rache für seine Schwester zu üben. Nach einem Jahr durfte er endlich nach Mallorca reisen und sich vom Mallorquiner drillen lassen. Seit drei Monaten fehlte von dem Mann, der glaubte, ungestraft indianische Mädchen vergewaltigen zu können, weil sich die Polizei sowieso nicht um solche Fälle kümmerte, jede Spur. Der Mallorquiner persönlich hatte Denys bei dessen Beseitigung geholfen.

Boris und Dimitri stammten aus demselben Dorf. Eigentlich war Boris Ingenieur. Einer seiner Arbeitgeber musste ihn mächtig verarscht haben, denn Boris landete für mehrere Jahre wegen fahrlässiger Tötung im Knast, weil eine von ihm verantwortete Brücke zusammengebrochen war. Dimitri war sich sicher, dass der Pfusch am Bau nicht auf Boris` Konto ging. Er kannte Boris als stillen und pflichtbewussten Jungen, der täglich in die Schule ging und seine Hausaufgaben machte, während Dimitri selbst die meiste Zeit geschwänzt hatte. Sie beide gehörten damals nicht demselben Kreis an. Vor dem Gefängnis war Boris ein Mann gewesen, der auf legalem Weg der Armut und seiner erbärmlichen Herkunft entkommen wollte. Bei seiner Entlassung trug er die Tattoos einer der gefährlichsten russischen Banden auf der Haut. Seine Muskeln sprengten fast seine Kleidung mit der er das Gefängnis betreten hatte und Jahre danach wieder verließ.

„Niemand kann jemals seinem Schicksal entkommen“, hatte er lapidar gesagt, als er sich Dimitri anschloss, der ihn erst einmal nach Mallorca schickte, damit der Mallorquiner ihn unter seine Fittiche nehmen und gleichzeitig beobachten konnte. Immerhin bestand ein gewisses Risiko, dass Boris als U-Boot eines anderen Bandenchefs zu Dimitri geschickt worden war. Diese Befürchtung stellte sich als unbegründet heraus. Wie der Mallorquiner berichtete, hatte Dimitri Boris als Jugendlicher einmal das Leben gerettet, indem er ihn im Winter aus dem eisigen Wasser eines Sees gefischt hatte, in dem sein Schulkamerad eingebrochen war. Diese Episode fiel Dimitri erst wieder im Gespräch mit dem Mallorquiner ein. Im Gefängnis war etwas in Boris zerbrochen, aber nicht seine Dankbarkeit Dimitri gegenüber. Der Mallorquiner glaubte auch, dass Boris in absehbarer Zukunft grausame Rache an den Männern verüben würde, die ihn in den Knast gebracht hatten. Aber bis dahin wäre er ein guter Leibwächter für Dimitri. In Boris setzte Dimitri die meisten Hoffnungen.

 

Der Mallorquiner nahm Dimitri beiseite und fragte leise: „Was soll ich mit den gefesselten Wachen anfangen?“ Sein grimmiges Gesicht ließ keinen Zweifel daran zu, wie er selbst die Sache sah. Dimitri rieb sich den Nacken. Wollte er seinem eigenen Anspruch gerecht werden, kein Schlächter zu sein, konnte er die Sicherheitskräfte seines Feindes nicht einfach abknallen lassen, nur weil ihn das gerade besser in den Kram passte. Daher fragte er:

„Glaubst du, sie wussten, dass Kurgan diese Jungs wie Tiere hielt?“

Der Mallorquiner hob eine Braue, als würde er Dimitri vermitteln wollen, dass sie hier Zeit verschwendeten. Schließlich zuckte er mit den Schultern. „So ein Geheimnis wie das mit den Jungs ist doch ziemlich extrem. Selbst wir wurden überrascht und wir beobachteten Kurgan seit Jahren. Möglicherweise wusste nur der innerste Zirkel davon.“

„Dann finden wir bald heraus, ob diese Männer zum innersten Zirkel gehörten“, grollte Dimitri.

„Aber …!“

Dimitri hob die Hand und der Mallorquiner schloss den Mund. „Stell den Männern ein paar Flaschen Wasser hin, damit sie auf der Wanderung in die nächste Siedlung etwas zu trinken haben. Außerdem legst du ein Messer in ihre Nähe. Wenn wir weg sind, können sie mit etwas Geschick dorthinrobben und sich damit befreien.“

„Merda no!“, grummelte der Mallorquiner.

„Lässt du mich gefälligst ausreden!“, zischte Dimitri.

„Si!“

„Setze sie so hin, dass sie Finn und Sean sehen, wenn die beiden sich gleich zum Hubschrauber quälen. Wer Entsetzen oder irgendein Zeichen von Mitgefühl zeigt, darf leben, andernfalls …“ Dimitri deutete auf die Pistole in der Hand seines Ausbilders.

„Ja, Boss! Deine Entscheidungen sind wie immer von Klugheit und Weitsicht geprägt.“

„Schmier` mir keinen Honig ums Maul!“

Der Mallorquiner schmunzelte.

 

xxx

 

Dimitri wusste nicht so recht, was er mit den verhungerten Gestalten machen sollte, nachdem der Hubschrauber gelandet war. Erst einmal nahm er sie mit in seine Pariser Wohnung, wo er sie in Saschas Zimmer unterbrachte. Er hoffte, sie mit der typischen Einrichtung eines Jungenzimmers und dem ganzen Krempel, den Sascha in seinem Raum aufbewahrte, beruhigen zu können. Sein diskreter, französischer Arzt begutachtete die Jungs und gab ihm den Tipp, sie erst einmal mit Babybrei oder Püriertem zu ernähren, weil sie wahrscheinlich keine festere Nahrung zu sich nehmen konnten. Nach einigem Hin und Her kam Dimitri zu dem Ergebnis, jemanden dafür zu bezahlen, die Vormundschaft für die offensichtlich noch minderjährigen Jungs zu übernehmen. Bei ihm konnten sie auf Dauer nicht bleiben, weil sein geliebter Neffe ihn häufig besuchte. Dimitri wollte Sascha keinen Gefahren aussetzen.

Dessen Klingelton schreckte ihn aus seinen Überlegungen auf. Dimitri ging ans Handy und fragte mit warmer Stimme: „Was gibt es?“

„Mama ist mit einem neuen Lover nach London abgehauen, ich soll zu dir gehen.“

„Das ist jetzt gerade total ungünstig, mein Sonnenschein.“

„Machst du gerade eine schwule Gruppensexparty oder weshalb ist es ungünstig?“, fragte Sascha trocken.

„Wie kommst du darauf?“

„Du schickst mich nur weg, wenn du Sexpartys gibst.“

„Nein, es ist nichts dergleichen, aber ein oder zwei Tage wirst du ja wohl alleine in deiner Wohnung bleiben können. Du behauptest doch immer, du wärst schon so erwachsen. Außerdem ist die Haushälterin bei dir.“

„Ich bin aber schon da“, meinte Sascha fröhlich und da hörte Dimitri auch schon die Klingel seines Penthouses. Der Butler würde Sascha öffnen und Dimitri konnte rein gar nichts dagegen tun. Er stürzte aus seinem Büro den Flur hinunter, aber es war schon zu spät. Sascha stand in seinem Zimmer und starrte Finn und Sean verblüfft an. In der Hand hielt er noch Lenis Katzenkorb. Er brachte seine alte Katze immer mit, wenn er zu Dimitri kam.

„Wer seid denn ihr?“, fragte er sichtlich erfreut und stellte Leni ab. Die beiden blickten ihn an, als hätten sie noch nie einen Jugendlichen von vierzehn Jahren gesehen, schauten dann zu Leni, die ihre Pfote durch das Gitter streckte und versuchte, den Verschluss des Korbs zu öffnen. Sascha hockte sich hin und ließ ihn aufschnappen.

„Finn und Sean!“, antworte Dimitri unbehaglich.

„Ihr seid ja eineiige Zwillinge. Cool! Ich bin Sascha. Wo hat mein Onkel euch aufgelesen?“

Finn zuckte mit den Schultern. Sascha warf sich zwischen Finn und Sean auf die Couch. Gleich darauf folgte ihm Leni und schnüffelte an Seans Kinn. Dimitri hielt erschreckt die Luft an, doch nichts geschah. Die Zwillinge schauten etwas dämlich, blieben aber genau da, wo sie waren, und sagten keinen Ton.

„Mann, seid ihr dünn! Kommt ihr von einem dieser Sozialprojekte, die Dimitri unterstützt, und seid zur Erholung hier?“

Wieder zuckte Finn mit den Schultern.

„Du musst Englisch mit ihnen reden und nein, das sind keine Sozialfälle, Sascha, … oder eigentlich doch. Ich befreite sie aus einem Rattenloch, das ich ausgeräuchert habe, und weiß nicht wohin mit ihnen, da ich ihre Identität noch nicht kenne. Die beiden sind nicht sehr gesprächig.“

Sascha war praktisch bei seinem Onkel aufgewachsen, weil seine Mutter Valentina ihrem Bruder gerne die Verantwortung für den Jungen überließ. Auch, wenn Dimitri sich alle Mühe gab, Scheiße von seinem Neffen fern zu halten, hatte Sascha im Alter von fünf Jahren mit ansehen müssen, wie jemand seinen Vater ermordete. Dimitri hatte sich seinen Neffen geschnappt, war weggerannt, schob ihn eilig in einen Schrank und stellte sich dann dem Angreifer. Seitdem war Sascha nicht mehr direkt mit den illegalen Geschäften in Berührung gekommen. Dennoch machte er sich keine Illusionen, woher er kam und wie sich Dimitri einen Teil seines Vermögens aufgebaut hatte.

Dimitri log seinen Neffen nicht gerne an und Rattenloch ausräuchern war so prima unbestimmt, es deutete an, ohne etwas zu verraten. Dimitri hatte sich erfolgreich die Fassade eines seriösen Geschäftsmanns aufgebaut und die meisten seiner Geschäfte waren mittlerweile auch legal. Sascha wusste, was Dimitri war, auch wenn sie nie direkt darüber gesprochen hatten. Die ganzen Ungereimtheiten im Leben seines Onkels entgingen ihm natürlich nicht. Sascha war ein aufgewecktes Kerlchen. Wenn Dimitri eines Tages in ferner Zukunft starb, erbte Sascha einen sauberen Konzern und alle Altlasten würden entsorgt sein. Und bis dahin mussten eben hin und wieder Rattenlöcher ausgeräuchert werden.

Sascha legte den Kopf schräg. Er knabberte nachdenklich an seiner Unterlippe. Sein Gesichtsausdruck änderte sich und er setzte diesen unwiderstehlichen Blick auf, den er verwendete, wenn er etwas von Dimitri wollte, was dieser ihm eigentlich nicht geben wollte. „Können wir sie dann bei uns behalten?“

„Das ist keine gute Idee, Sascha.“

„Ich habe keine Geschwister, nicht einmal Cousins und Cousinen. Schulfreunde habe ich auch nicht, weil ich von einem Privatlehrer unterrichtet werde. Ich will jemanden um mich haben, der in meinem Alter ist.“ Sascha umarmte Finn und der hielt ganz still. Mit zitternden Fingern fuhr Sean über Lenis Köpfchen.

„Wir wissen noch nicht, wie alt die beiden sind.“

„Sieht man doch, vierzehn, so wie ich. Ich spreche mit ihnen. Ich glaube, du schüchterst sie ein bisschen ein. Lass mich mit ihnen allein, ich werde es schon rausfinden.“ Sascha wedelte selbstbewusst mit der Hand in Richtung Dimitri, um ihn zu verscheuchen. So ein frecher und verwöhnter Bengel!

Dimitri verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich kann dich nicht mit Finn und Sean alleine lassen.“

„Weshalb denn nicht?“ Sascha schaute seinen Onkel überrascht an.

Dimitri überlegte, was er seinem Neffen sagen konnte, ohne ihn zu erschrecken. Mit dem, was Finn und Sean passiert war, sollte er nicht in Berührung kommen. Während er noch überlegte, wie er aus dieser Zwickmühle kam, in der er gerade steckte, schmiegte Sean nun seine Hand in die von Sascha. Triumphierend sah Sascha seinen Onkel an. „Siehst du! Mit mir werden sie reden.“

„Diese Jungs sind Killer, Sascha. Sie haben ihren Peiniger umgebracht.“

„Hättest du an ihrer Stelle auch getan, oder nicht?“ Sascha wirkte nicht im Mindesten erschrocken.

„Wir wissen nicht, zu was sie sonst noch fähig sind.“

„Du bringst doch auch Leute um, diejenigen, die es verdient haben, nicht die unschuldigen. Wo ist der Unterschied?“

Dimitri war selten sprachlos, aber jetzt fehlten ihm die Worte. Sein Neffe blickte ihn mit diesen Unschuldsaugen an und redete so lässig über Mord, als würde er gerade über das Wetter reden.

Schließlich fasste sich Dimitri und fragte: „Wie kommst du darauf?“

„Ich sah damals, wie du dem Mörder von Papa in den Kopf geschossen hast.“

Dimitris Kopf zuckte in Richtung Sean und Finn, die aber keinerlei Hinweise darauf boten, dass sie Russisch verstanden. Sich in ihrem Beisein über derartige Themen zu unterhalten, war ein Risiko. Dennoch murmelte Dimitri: „Wie kannst du das gesehen haben? Ich hatte dich in einen Schrank geschoben.“

„Ich bin dir nachgeschlichen, Dima.“

„Gute Güte! Du hättest sterben können.“

„Du hast mich gut beschützt.“ Liebe und absolutes Vertrauen strahlte aus Saschas Blick und Dimitri schmolz innerlich, musste aber nach außen Haltung bewahren, sonst tanzte ihm der Junge noch mehr auf der Nase herum.

„Wir reden noch darüber, wie wichtig es ist, meinen Anweisungen zu folgen, Alexej.“

Sascha kicherte ein bisschen darüber, mit seinem regulären Namen angesprochen zu werden. Sehr beeindruckt davon wirkte er nicht, wie Dimitri eigentlich gehofft hatte. Dieser Bengel war einfach viel zu verwöhnt.

„Und jetzt plaudere ich mit Finn und Sean. Wenn du wissen möchtest, woher sie kommen, dann lass mich endlich mit ihnen allein.“

„Die Tür bleibt offen!“

„Kein Problem!“

Dimitri beorderte Denys neben die Tür zu Saschas Zimmer und befahl ihm, beim kleinsten verdächtigen Geräusch sofort einzugreifen.

 

Beim Abendessen bekamen Finn und Sean Kartoffelpüree mit zerstampften Karotten, dazu Vitamintabletten. Man konnte ihnen nicht ansehen, ob es ihnen schmeckte, aber sie aßen und tranken ihr Wasser. Die Köchin hatte ihnen Hühnerfleisch in ganz kleine Stückchen geschnitten, was sie allerdings verschmähten.

„Ich glaube, sie ekeln sich vor Fleisch“, sagte Sascha.

„Was hast du herausgefunden?“ Dimitri sprach Englisch, damit Finn und Sean dem Gespräch folgen konnten.

„Ihr Nachname ist Callahan und sie stammen aus Irland. Ihre Eltern wurden auf einer Urlaubsreise ermordet und seitdem sind sie in Gefangenschaft gewesen. Es war etwas schwierig herauszufinden, wie lange. Finn und Seani haben nämlich ihr Zeitgefühl verloren. Ich zeigte ihnen auf dem Kalender, welches Jahr wir haben und dann wussten sie es. Sie waren etwa vier Jahre bei dem Schwein.“

„Seani?“, fragte Dimitri.

„Er mag es, so genannt zu werden“, behauptete Sascha, „nicht wahr, Seani?“

Eine winzige Bewegung von Seans Kopf konnte mit etwas Fantasie als Zustimmung interpretiert werden.

Dimitri rieb sich nachdenklich über das Kinn. „Gibt es Verwandte? Iren haben doch normalerweise viele Geschwister. Vielleicht gibt es Onkel und Tanten, zu denen sie können.“

Sascha warf seinem Onkel einen beschwörenden Blick zu. Seine Stimme klang eindringlich, als er einwandte: „Selbst wenn, Dima. Glaubst du, diese Leute würden mit ihrem schrecklichen Trauma fertig werden? Lass sie bei uns bleiben, wir können damit umgehen und ihnen helfen.“

„Du bist ein vierzehnjähriger Junge und kein Psychologe, Alexej.“

Dimitri konnte sehen, wie wenig Sascha diese Antwort gefiel. Sascha presste kurz die Lippen zusammen, bevor er die Zwillinge fragte:

„Habt ihr einen Onkel oder eine Tante zu denen ihr könnt?“

Finn griff über den Tisch und seine Hand schlüpfte unter die von Sascha.

„Da hast du es, sie wollen bei mir bleiben.“ In Saschas Augen glitzerte es triumphierend, als würde er

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 23.03.2017
ISBN: 978-3-7438-0435-7

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