Cover

Herausgeber

ORLANDOS HERZ – TEIL 2

 

© Norma Banzi

 

Bildquelle:

Junger Mann: © curaphotography von depositphotos

 

Gestaltung des Covers:

Norma Banzi

 

Edition Banzini

Kurvenstraße 25

22043 Hamburg

www.banzini.de

 

 

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Vorab bemerkt

 

Dieser Roman ist ein belletristisches Werk und nicht jedes Gesetz, welches erwähnt wird, existiert auch wirklich in den USA.

 

Wie immer habe ich keine Ärzte zu Rate gezogen, wenn es um medizinische Problematiken geht, sondern interpretiere frei von der Leber weg aus dem Laienwissen, was ich mir im Internet angelesen habe. Sollte ich eines Tages einen Millionenbestseller landen, dann habe ich natürlich auch das nötige Kleingeld, um mit Fachkräften der Medizin über die Nicklichkeiten oder ernsten Erkrankungen meiner Figuren zu quatschen.

 

Einige Leser und Leserinnen werden vielleicht bemerken, dass manche zeitlichen Abläufe, die in der Realität Jahre dauern, bei mir in wenigen Wochen abgehandelt werden. Da halte ich es mit der Fernsehserie Boston Legal, wo zwischen Anklage und Urteil oft auch nur einige Tage vergehen.

 

In diesem Roman sind die Figuren zwar auf der Suche nach Glück, aber wie sie es für sich interpretieren, könnte Romantiker vor den Kopf stoßen. Sie sind sexuell offensiv und greifen sich die erotischen Abenteuer, wenn sich ihnen die Gelegenheit bietet. Bei der Zahl ihrer Partner zur selben Zeit können sie sehr gierig sein. In Orlandos Herz - Teil 2 treten fünf Hauptfiguren auf und alle haben Freunde und Familie. Rechnen Sie also mit einem großen Ensemble!

 

Tags: Gay, schwul, Bisexualität, Polyamory, multiple Partner, M/M, M/F, M/M/M, F/M/M/M/..., Lebensmüdigkeit, Rache, Navy SEAL, Biker

 

Inhalt

 

Ein halbes Jahr nach den dramatischen Ereignissen in Los Angeles, begleitet Orlando seine Gefährten Vincent, Marc und Marina nach New York, wo er bei einem Spaziergang im Park zufällig auf den Mann trifft, nach dem er sich mit jeder Faser seines Herzens sehnt …

 

Dieser Roman ist die Fortsetzung von "Orlandos Herz - Teil 1" und hat ein abgeschlossenes Ende.

 

Eins

 

Die beschissene Kälte des Untergrunds, auf dem Orlando lag, zog ihm in die Knochen und er fluchte lautlos, ohne sich auch nur ein Jota zu bewegen. Still lag er auf dem Flachdach, sein Präzisionsgewehr im Anschlag, und schaute geduldig durch das Zielfernrohr. Seine Beute war es wert, sich eine Blasenentzündung oder Erkältung einzufangen. Orlandos Beute hieß Graham Collins, ehemaliges Seniormitglied der Bikergang Rattlesnakes, und war mitverantwortlich dafür, dass Orlandos große Liebe Mike sein Gedächtnis verloren hatte und sich ein neues Leben ohne ihn in New York aufbaute. Bis auf Graham schmorten alle anderen Verschwörer bereits in der Hölle. Den Fahrschein dorthin hatten sie von Orlando erhalten. Nur Graham wartete noch darauf, den seinen ausgehändigt zu bekommen.

Als Verbündeter des Rattlesnake Clubchefs Mason und dessen Stellvertreter Ryan beteiligte sich Orlando an ihrem Kampf gegen die Abtrünnigen. Graham schlüpfte ihnen immer wieder unter den Fingern weg. Der Kerl war ein Überlebenskünstler. Nun visierte ihn Orlando endlich an – jedenfalls fast. Graham stand auf dem Gelände seines neuen Clubhauses in einer Gruppe seiner Gefolgsleute und Orlando lauerte geduldig auf eine freie Schussbahn. Leider musste Orlando mit den anderen kein Hühnchen rupfen, einige von ihnen mochte er sogar recht gerne. Sie hatten sich für den falschen Weg entschieden und folgten dem Renegaten Graham, statt sich für den Mann einzusetzen, dem sie Treue geschworen hatten, Mason. Aber Orlando war ein Rächer in eigener Sache und nicht Masons Liquidator. In einem Zweikampf von Angesicht zu Angesicht hätte er die jungen Männer gnadenlos niedergemetzelt. Dennoch bewahrte sie der letzte Rest Menschlichkeit in Orlando davor, dass er sie wie Tontauben aus der Ferne abknallte, um freie Bahn für den finalen Schuss auf Graham zu bekommen.

Ein immer lauter werdendes Motorengeräusch irritierte Orlandos Gehör. Das hörte sich an wie … wie … Fuck! Drei Hummer rasten zum Clubhaus, stoppten mit quietschenden Reifen, eine Reihe von schwer bewaffneten Männern stürmte hinaus und nahm das Clubhaus praktisch im Flug ein. Graham und seine Gefolgsleute wurden überrumpelt. Schade, dass die Kämpfer anderes im Sinn hatten, als Graham hinzurichten. Sie fesselten ihn bloß und verfrachteten ihn in eines ihrer Fahrzeuge.

Verfickte Scheiße! Orlando bekam in dem Trubel einfach keine freie Schussbahn.

Er hörte plötzlich Schritte hinter sich. Der Kies des Untergrunds knirschte. War das Mason? Nur er wusste von Orlandos Plan, Graham vom Dach des gegenüberliegenden Hauses aus auf dem Gelände seines Clubhauses zu erschießen.

Orlandos Aufmerksamkeit blieb stur auf seine Beute vor sich gerichtet.

„Finger weg vom Abzug oder ich muss dich töten!“, vernahm Orlando eine für ihn fremde, männliche Stimme mit einem leichten, spanischen Akzent.

„Tu`s doch!“, knurrte Orlando. Dann starb er eben. Seit Mike ihn verlassen hatte, fühlte sich jeder Tag wie eine trostlose, steinige Steppe an, in der er nur noch vegetierte.

Ein heftiger Schmerz traf Orlandos Hinterkopf. Es wurde dunkel um ihn.

 

xxx

 

Fuck! Wachte man in der Hölle mit Kopfschmerzen auf? Orlando hatte es sich anders vorgestellt. Aber eigentlich glaubte er ohnehin nicht an ein Leben nach dem Tod. Die wahrscheinlichste Erklärung für das Dröhnen in seinem Kopf war, dass er noch lebte. Jemand musste ihn mit einem harten Gegenstand bewusstlos geschlagen haben. Orlando schwankte zwischen dem Ärger, dass der Sensenmann ihm seit Jahren beharrlich auswich, selbst wenn er mitten in einem Scharmützel steckte, und der Erleichterung, doch seinen Sohn kennenlernen zu dürfen, dessen Geburt unmittelbar bevorstand.

Bewegungslos wartete Orlando ab, bis die Übelkeit nachließ und er nicht mehr Gefahr lief, seinen Mageninhalt auskotzen zu müssen. Sein Lager fühlte sich weich an, so, als würde er auf einem Bett liegen. Wo, zum Teufel, hatten sie ihn hingebracht?

Das Klingeln in seinen Ohren wurde langsam leiser und deshalb konnte er nach den Geräuschen im Raum horchen, ob sich noch jemand mit ihm darin befand. Kein Rascheln von Stoff, Knacken von Gelenken oder Atemzüge verriet die Position eines potentiellen Bewachers. Vorsichtig spannte er nacheinander seine Muskeln an. Er spürte etwas Weiches auf sich, vielleicht eine Decke. Irgendwer musste ihm seine Kleidung abgestreift haben. Leider fühlte er die Gurte seiner Waffenholster nicht mehr. Also hatte sein Häscher sie ihm abgenommen. Orlando öffnete seine Augen einen Spalt und schaute sich um, soweit das möglich war, ohne den Kopf zu bewegen. Offenbar lag er in einem Bett in einem Zimmer, das sanft beleuchtet wurde.

Er entschloss sich zu handeln, warf mit einem Ruck die Decke weg und sprang in einer fließenden Bewegung vom Bett hoch, bereit, sich gegen jeden zu verteidigen, der ihn wohlmöglich angriff. Fuck, das wirkte übel auf seinen Kopf. Trotz schmerzbenebelter Sicht blickte er sich blitzschnell um. Mit einem Seufzen plumpste er auf die Matratze zurück. Orlando war allein in einem komfortablen Schlafzimmer – und nackt. Auf dem Nachttisch stand ein Glas Wasser und eine ungeöffnete Flasche Mineralwasser. Das Glas verschmähte er. Stattdessen nahm er sich die Flasche und öffnete sie. Das leise Zischen verriet ihm, dass niemand sich vorher an ihr zu schaffen gemacht hatte. Er spülte das trockene, pelzige Gefühl aus seinem Mund. Daraufhin ging es ihm etwas besser. Auf einem Sideboard bemerkte eine Glasschüssel mit Früchten. Orlando griff sich zwei Orangen und einen Apfel als provisorische Wurfgeschosse. Damit schlich er ins angrenzende Bad, aber auch dort wartete keiner auf ihn. Also legte er das Obst wieder zurück und starrte sich danach im Badezimmerspiegel an. Die dunklen Schatten unter seinen Augen zeugten von unruhigen, schlaflosen Nächten. Seine Gesichtshaut wirkte spröde und schuppig, sein wuchernder Bart ungepflegt, von seinem wirren, geflochtenen Zopf ganz zu schweigen. Er tastete nach seinem Hinterkopf und befühlte die dicke Beule. Wenn sein Häscher ihn hätte umbringen wollen, hätte der das schon längst getan. Deshalb pisste Orlando erst einmal. Da es nicht wehtat, ging er davon aus, um eine Blasenentzündung herumgekommen zu sein. Er wand sich ein Handtuch um den Kopf und schützte so seine Haare vor Feuchtigkeit. Eine kurze Dusche erfrischte ihn und er wusch sich den Schweiß von seinem Körper. Da er weder Kamm noch Bürste fand, kämmte er mit gespreizten Fingern durch seine Haare und flocht den Zopf neu. Seinem Gesicht gönnte er etwas Creme aus der kleinen Flasche in Miniportionsgröße. Die Ausstattung des Bads ließ darauf schließen, dass er sich vielleicht in einem Hotel befand. Vorsichtig lugte er im Schlafzimmer aus dem Fenster, das allerdings von außen zugeklebt war. Okay, seine luxuriöse Zelle lag also ebenerdig, anders konnte er sich nicht erklären, wie seine unbekannten Gegner das Fenster von außen hätten bedecken können. Kleidung entdeckte er auf einem Sessel, natürlich minus seiner Holster und Waffen. Jemand hatte ihm eine Lederhose, Stiefel, ein T-Shirt, eine Unterhose, Socken und eine Lederjacke mit dem Emblem der Rattlesnakes dorthin gelegt - Biker-Outfit. Auch gut.

Kaum war er angezogen, als Mason durch die Zimmertür trat. Orlando runzelte die Stirn, suchte mit den Augen nach der Überwachungskamera, fand sie an einer Stehlampe und warf Mason einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Hast du mich verraten, Mason? Nur du kanntest meinen Standort auf dem Dach.“

„Fuck, nein! Als wenn ich dich daran hindern würde, den Dreckskerl Graham zu erledigen. Auf deinen Aufenthaltsort ist Carlos ganz alleine gekommen. Der Kerl ist ein äußerst gerissenes Kerlchen und wusste, dass mir ein Scharfschütze zur Verfügung steht.“

„Carlos?“

„Carlos Marques, Geschäftspartner der Rattlesnakes in Miami. Offenbar ging es ihm gegen den Strich, dass seine Vertriebspartner einen internen Krieg führen. Carlos hat praktisch eine kleine Söldnerarmee aufmarschieren lassen, um mich auf der einen Seite und Graham auf der anderen an den Verhandlungstisch zu zwingen. Wir befinden uns übrigens in einer extra für diesen Zweck von ihm angemieteten Villa. Seine Männer und Frauen sind überall. Freiwillig sind Ryan, Jo und ich nicht hier, das kannst du mir glauben. Sorry, dass ich dich über die Kamera beobachtet habe. Besser ich als einer von seinen Söldnern, oder? Respekt! Ich weiß nicht, ob ich in der Lage gewesen wäre, mich so schnell zu bewegen wie du, mit so einer Beule am Schädel.“ Mason lachte etwas verlegen. „Ich dachte, ich lasse dich erst einmal zu Atem kommen, bevor ich in dein Zimmer spaziere. Hatte keine Lust, mit Äpfeln und Orangen beworfen zu werden oder die Obstschale über den Kopf gezogen zu bekommen.“

„Weshalb ließ er mich leben?“, fragte Orlando.

„Aus Respekt vor mir, vermute ich. Er hat auch keinen von Grahams Leuten umbringen lassen. Der Mann ist ein geschickter Schachspieler und sieht sich eher in der Rolle des Mediators. Zu so einer Position wäre es unpassend, wenn man Freunde und Verbündete der Streitparteien tötet.“

„Hm …“, grummelte Orlando.

„Was geht in deinem Kopf vor?“, erkundigte sich Mason.

„Hast du eine Kopfschmerztablette oder zwei?“

Mason lachte. „Ich werde einen von Carlos Schergen bitten, sich darum zu kümmern.“

 

xxx

 

Carlos Marques war ungefähr in Orlandos Alter, vielleicht etwas jünger, und sah unwahrscheinlich gut aus. Seine Attraktivität täuschte Orlando aber nicht darüber hinweg, wie gefährlich der Mann sein musste, der es fertigbrachte, die Clubhäuser zweier Bikergang-Bosse zu stürmen und einen Scharfschützen aus seinem Versteck zu zerren, bevor dieser seine Mission erledigen konnte.

Das Dinner, zu dem er in seiner angemieteten Villa einlud, fand ohne Messer und Gabeln statt, damit sich die Gäste, Mason und Graham, sowie ihre wichtigsten Gefolgsleute, nicht mit dem Besteck an die Kehle gingen. Allerdings war das Fleisch so zart, dass man kein Messer brauchte, um es zu zerschneiden. Marques ließ sich das ‚Event‘ einiges kosten. Die beiden Gruppen saßen sich an der Tafel gegenüber, die durch ihre üppige Breite einen Sicherheitsabstand zwischen ihnen gewährte. Die Tischdekoration ließ etwas zu wünschen übrig, weil ein kluger Kopf daran gedacht hatte, sie abzuräumen. Mit der Auswahl an spontanen Wurfgeschossen sah es also mau aus. Die Gläser für den Wein hatten keine Stiele - leider. Orlando konnte auch mit ausgewählten stumpfen Gegenständen töten. Er liebäugelte damit, über den Tisch zu springen und Graham seinen Löffelstiel durch das Auge ins Gehirn zu rammen. Bedauerlicherweise saß er zu weit weg und die Wahrscheinlichkeit, dass ihn die allseits präsenten Wachen erschossen, bevor er sein Opfer auch nur annähernd erreichte, war einfach zu groß.

Apropos Wachen! Den Mann, der gerade mit einem Handy hereinkam und es an Marques weiterreichte, erkannte Orlando von einer früheren Begegnung. Er hieß Enzo. Enzo ließ seine Blicke durch den Raum schweifen, während er auf Anweisungen von Marques wartete, der sich anhörte, was sein Gesprächspartner am Handy zu sagen hatte. Enzos Blick fuhr auch über Orlando hinweg. Amüsiert bemerkt dieser, wie Enzo noch ein weiteres Mal zu ihm blickte und dann seine Inspektion fortsetzte, ohne eine Miene zu verziehen. Er war eben gut ausgebildet.

Als Marques sein Gespräch beendete, Enzo das Handy zurückgab und ihn mit einer kleinen Handbewegung fortwinken wollte, beugte sich Enzo zu ihm und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Marques Pokerface war fantastisch. Mit keiner Muskelzuckung ließ er sich anmerken, dass ihm die Information, mit der Enzo in gerade überraschte, ganz bestimmt gegen den Strich ging. Orlando konnte sich vorstellen, welche es war.

„Bitte entschuldigen Sie mich, Gentlemen. Ich bin gleich wieder für sie da.“

Er stand auf und folgte Enzo aus dem Raum. Das Gespräch zwischen den beiden Männern dauerte nur fünf Minuten. Danach kehrte Marques zurück und begann, irgendwelche Angler-Anekdoten zu erzählen, als sei das hier eine normale Abendgesellschaft. Antworten erwartete er gar nicht und so blieben die anderen eher einsilbig.

Im Hintergrund wurde diskret ungefähr die Hälfte der Wachmannschaft ausgetauscht. Das geschah so unauffällig, während die Servicekräfte einen weiteren Gang servierten, dass es wahrscheinlich nur Orlando auffiel, der sich ins Fäustchen lachte.

Orlando aß, was ihm vorgesetzt wurde, und verschmähte auch den kredenzten Wein nicht. Er spielte das Spiel des Drogenbarons mit, immer auf der Lauer nach einer guten Gelegenheit.

Graham grummelte, dass er lieber ein Bier haben wollte, und erntete dafür ein Stirnrunzeln von Marques. Oha, ein Verbrecher, der Wert auf Etikette legte. Marques winkte einer Servicekraft, die Graham das geforderte Bier brachte. Mason und Ryan blieben wie Orlando beim Wein, der hervorragend schmeckte. Orlando erkundigte sich nach dem Weingut und der darüber sichtlich erfreute Marques berichtete über die ausgeschenkte Traube.

„Blasiertes Getue“, zischte Graham in Richtung Orlando, der ihm ein mörderisches Lächeln schenkte.

Sein kurzer Ausflug ins Weinfach blieb das Einzige, was Orlando während des Dinners sagte. Nach dem Dessert begann der ernste Teil des Abends.

„Muss noch einmal jemand von den Gentlemen auf die Toilette? Wir beginnen nämlich gleich mit der Klausur und niemand kommt dann noch aus dem Raum, bis in jeder Hinsicht eine Einigung erzielt wurde. Der Herr mit dem Bier vielleicht?“

Graham winkte ab. „Zur Not pisse ich in eine Flasche.“

Der Spruch passte zu ihm, fand Orlando.

„Moment!“, grollte Mason. „Ich kann nicht vor Orlando über die Geschäfte der Rattlesnakes sprechen.“

Marques hob eine Braue.

„Gib uns einen Augenblick, Carlos!“

„Selbstverständlich!“

Mason bedeutete Orlando, dass er mit diesem noch ein Gespräch führen wollte. Also folgte Orlando ihm und Ryan in ein angrenzendes Wohnzimmer.

„Schwöre mir bei deinem Blut, dass du niemals mit Außenstehenden über die Geheimnisse der Rattlesnakes reden wirst!“

Orlando verdrehte die Augen. „Ich schwöre es.“

„Du, Wachmann dahinten! Wir benötigen einen Dolch, um den Blutschwur zu besiegeln.“

„Ich presse ganz bestimmt keine Schnittwunde von mir gegen eine von deinen“, knurrte Orlando.

Jetzt verdrehte Mason die Augen.

„Glaubt ihr, ich bin blöd und ziehe in eurer Nähe ein Kampfmesser?“, sagte die Wache und tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn. „Plem, plem!“

„Okay, dann eben der Bruderkuss“, murmelte Mason unleidlich und Ryan grollte eifersüchtig.

Mason griff an Orlandos Kopf, der daraufhin zusammenzuckte. „Vorsichtig!“

„Memme!“, grummelte Ryan.

„Du hast ja auch keinen Pistolenschaft auf deinen Hinterkopf gedonnert bekommen.“

„Nun stellt euch beide nicht so an!“, wies Mason die Streithähne zurecht. Er drückte Orlando einen kurzen, aber herzhaften Kuss auf die Lippen, der den Schwur besiegelte. „Erledigt!“, sagte er.

Um Ryan zu necken, leckte sich Orlando genießerisch die Lippen, obwohl der Kuss keinerlei erotische Gefühle in ihm oder Mason ausgelöst hatte. Ryan ballte die Fäuste.

„Er verarscht dich doch nur“, flüsterte Mason schnell. Orlando schnellte vor und klatschte Ryan ebenfalls einen Kuss auf die Lippen. „So, jetzt sind wir auch Brüder!“

„Igitt!“ Mit einer übertriebenen Geste wischte sich Ryan den Mund ab, grinste aber dabei Orlando an. Die drei Männer kehrten wieder ins Esszimmer zurück.

 

xxx

 

Mason und Ryan nahmen die Verhandlungen mit Graham äußerlich emotionslos in Angriff, so, als würden sie ihn nicht wegen seines Verrats hassen, wie die besten Schüler des Paten aus dem gleichnamigen Coppola-Film: ‚Es ist nicht persönlich, es geht nur ums Geschäft.‘

Verbissen handelten sie um jeden Geschäftsanteil ihrer legalen und illegalen Unternehmungen. Graham wollte unbedingt den Drogenhandel und die Straßenprostitution, was die beiden anderen vehement ablehnten. Sie schnitten ihm mit ihrer beharrlichen Art eine Reihe von Zugeständnis aus den Rippen. Am Ende überraschte es Orlando, dass Mason, dessen Gruppe stärker war, Graham tatsächlich die gewünschten Anteile überließ, gegen eine happige Umsatzbeteiligung für die nächsten zehn Jahre, verstand sich. Mason behielt die Firmen und Immobilien des Clubs, das Transportgeschäft und den Clubnamen der Rattlesnakes. Damit machte er einen weiteren Schritt in die Legalität. Bestimmt transportierten die LKW der Rattlesnakes aber nicht nur legale Ware und Orlando glaubte, dass mit dem Namen verschiedene Schutzgelderpressungen zusammenhingen. Das interessierte ihn alles wenig. Die Uhr tickte, sein Hubschrauber stand auf dem Flughafen von Las Vegas auf Abruf für ihn bereit, damit er zu Marina in die Klinik fliegen konnte, die gerade seinen Sohn durch einen geplanten Kaiserschnitt entband. Die Verhandlungen dauerte viel zu lange. Dennoch ließ er sich seine Ungeduld nicht anmerken, schließlich hatten Mason und Ryan bestimmt gute Gründe für ihre Taktik. Sie durften vor Marques und Graham nicht das Gesicht verlieren, indem sie zugaben, dass sie das Drogengeschäft und die Straßenprostitution ohnehin abstoßen wollten. In den Augen der Männer von deren Schlag machte es keinen Sinn, lukrative Unternehmungen, die praktisch Gelddruckmaschinen waren, einfach so dem Gegner zu überlassen. Trotzdem vermutete Orlando, dass Mason und Ryan genau das vorhatten, nämlich ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Mit der Übergabe des Drogenhandels und der Straßenprostitution an Graham erkauften sie sich eine Position in der bürgerlichen Gesellschaft, mochte sie auch ganz am Rand davon liegen. Offenbar war ihnen der Gewinn von mehr scheinbarer Legalität den Verlust von einer Menge Schotter wert.

Die ganze Zeit verfolgte Orlando Graham mit den Augen, immer darauf lauernd, ihn doch noch zu erwischen, ohne dabei selbst zu sterben, ein beinahe aussichtsloses Unterfangen, denn Marques hatte direkt hinter Orlando einen Wachmann aus seinem engeren Kreis positioniert.

Fast verpasste Orlando bei seinen Fantasien, Graham zu massakrieren, wie Marques sagte: „Kommen wir nun zum Fall Mike Grell, den Orlando Ramirez als beschwerte Partei zur Anklage reichte.“

Okay … Orlando hatte kaum das Maul aufgemacht und gar nichts zur Anklage gereicht, aber offensichtlich wollte Marques auch diese Sache vom Tisch haben. Er erwartete schwulenfeindliches Gemurmel von einigen Leuten auf Grahams Seite, aber im Raum blieb es still. Gut! Also hatte Orlando im Bandenkrieg genug Kehlen durchgeschnitten und Köpfe weggeschossen, um sich unter den Konservativen Respekt zu verschaffen.

Mit einem ablehnenden Gesichtsausdruck schnarrte Graham: „Die zwei Rattlesnakes, die Mike den Schädel einschlugen, wurden nicht von mir beauftragt. Das war ein Alleingang von Lady Ophelia und den beiden Tätern. Ja, ich wollte Grell Steine in den Weg legen. Die Vorstellung, dass die Rattlesnakes beim Aufbau einer Callboyagentur mithelfen, bereitete mir Übelkeit. Dennoch kam die Eskalation von Ophelia auch für mich völlig überraschend.“

Fast glaubte ihm Orlando, doch es machte keinen Unterschied. „Du hast aber den Kontakt zwischen Ophelia und verschiedenen Soldaten der Rattlesnakes hergestellt und ihr so diesen Alleingang ermöglicht“, knurrte er. Dem konnte Graham nicht widersprechen und er presste die Lippen zusammen.

„Du bist kein Rattlesnake mehr“, stichelte Jo, Statthalter der Rattlesnakes in Las Vegas, und erntete dafür ein Zischen von Graham. Marques warf Jo einen warnenden Blick zu. „Wie wäre es mit einer Entschädigungszahlung?“, fragte der Drogenboss.

Orlando sah den Mann an, als habe der den Verstand verloren.

Marques rieb sich mit Daumen und Zeigefingern die Nasenwurzel. „Wir finden heute ein Lösung oder …“

„Was?“, zischte Orlando kalt. „Du kannst mich beseitigen lassen, damit fängst du dir allerdings noch mehr Probleme ein. Sterbe ich unter zweifelhaften Umständen, werden mehrere SEALs ihr ganz privates Platoon zusammenstellen und jeden eliminieren, der für meinen Tod verantwortlich ist.“

„Du bist ja sehr von dir überzeugt, Ramirez!“

„Tu es von mir aus als Eitelkeit ab, aber wundere dich dann nicht, wenn du durch die Hand einer meiner Leute stirbst.“

Marques musterte Orlando lange und zeigte dabei keinerlei Furcht. Eher schien er zu berechnen, wie weit er dessen Worten glauben konnte. „Jemanden wie dich brauche ich in meiner Organisation, aber ich nehme an, dass ich dich nicht überreden kann, für mich zu arbeiten?“

„Das siehst du richtig, Marques. Hätte ich vor, für einen Mann deines Kalibers zu arbeiten, stünde Dimitris Kostja ganz oben auf meiner Liste.“

Damit piekte Orlando mitten ins Wespennest und er beobachtete neugierig, wie Marques reagierte. Dessen Augen verengten sich. So etwas wie Sorge flackerte in ihnen auf, bevor er sich zügelte und seine Emotionen wieder verbarg. Oh ja! Vor Dimitri hatte auch jemand wie Marques einen höllischen Respekt. Dimitri lebte ein legales Leben und hatte seinen Ausstieg aus der Kriminalität überlebt. Allein das zeigte, wie gefährlich er war. Ihn zu unterschätzen, konnte tödlich sein. Sich auf Dimitris Freundschaft zu berufen, war fast wie eine Lebensversicherung, soweit es um Marques ging. Die erwähnten SEAL-Kontakte taten ihr Übriges. Aber Orlando wollte ganz sicher sein, dass Marques nicht auf dumme Ideen kam. Wobei bisher jeder Aktion des Mannes klug durchdacht wirkte.

„Genug von deinen Verbindungen geprotzt, Ramirez. Ist dir eigentlich bewusst, dass ein Teil der Söldnergruppe, die hier gerade für die Sicherheit sorgt, von der Matunus stammt?“

„Si! Und ihr Captain, Enzo, hat dich beiseite genommen und dir auf den Kopf zugesagt, dass er einen Interessenskonflikt entdeckt hat und seine Leute nicht auf mich schießen werden, solltest du es ihnen befehlen. Deshalb ist auch niemand von der Matunus in diesem Raum oder im Haus, um Wache zu schieben, sondern sie sichern bloß den äußeren Ring. Keiner von ihnen wird aktiv versuchen, mich zu befreien, das verhindert ihr Kontrakt mit dir. Aber sie werden keinen Finger krumm machen, um mich an einer möglichen Flucht zu hindern.“

Marquez musterte Orlando mit nachdenklichem Blick und wischte das Thema Matunus mit einem Wink seiner Hand fort.

„Wer ist Matunus?“, fragte Mason grollend.

„Eine Sicherheitsfirma im Besitz von Dimitri Kostja, die auch eine Niederlassung in Miami hat. Dimitri ist ein Freund von mir.“

Mason starrte Orlando erkennbar wütend an.

„Was? Sie hätten uns sowieso nicht geholfen, von hier zu entkommen, das verbietet ihre Berufsehre.“

„Okay“, grummelte Mason.

„Kehren wir zur Tagesordnung zurück!“, forderte Marques. „Ramirez! Hilf mir, dein Problem mit Graham gesittet und ohne Gewalt aus der Welt zu schaffen. Ich hatte einmal ein geschäftliches Missverständnis mit einem Japaner, dessen spielsüchtiger Sohn einen Teil meines Geldes in seine eigene Tasche steckte und glaubte, der Diebstahl würde meiner Aufmerksamkeit entgehen. Weißt du, was der Vater für das Leben seines Sohn opferte?“

„Einen Finger?“

„Oh, du bist ein sehr gebildeter Mann und kennst dich mit anderen Kulturen aus. Was hältst du von meinem Vorschlag?“

Orlando sah zu Graham und nickte knapp.

„Moment, seid ihr wahnsinnig geworden? Ich lasse mir doch keinen Finger abschneiden.“

„Du schneidest ihn dir ja auch selbst ab.“ Marques und lächelte kalt. Er zog seine Pistole und zielte damit auf Grahams Kopf. „Finger oder Leben?“

„Eben sagtest du noch, du möchtest ohne Waffengewalt vorgehen. Wenn du mich erschießt, musst du den Vertrieb in Las Vegas völlig neu aufbauen. Ohne mich zerfällt das Verteilernetz, weil nur ich alle Informationen gespeichert habe - in meinem Kopf.“ Graham tippte sich selbstsicher gegen den Schädel.

„Das ist es mir wert.“

Nun wirkte Graham schon etwas unsicherer. „Spinnst du? Weshalb lässt du dich von einer Schwuchtel einschüchtern?“

„Zwei Fingerglieder“, erklärte Marques eisig.

Graham schluckte, wurde blass und sah die mit ihm verbündeten Männer links und rechts neben sich an, die nur mit den Schultern zuckten. Immerhin blieben sie an seiner Seite, statt feige vom Tisch zu flüchten.

„Okay, ja, ich mach`s!“, grummelte Graham. Er ließ sich ein Messer geben. Jemand holte eilig ein Handtuch. Es war sogar sauber. Graham legte seine linke Hand darauf, spreizte den kleinen Finger so weit wie möglich ab, setzte das Messer an und sagte ironisch: „By, by. Ich hatte dich gern.“ Beherzt verlagerte er sein Körpergewicht und drückte das Messer herunter. Er stöhnte vor Schmerz, als die Klinge den Finger abschnitt. Sein Stellvertreter presste schnell ein zweites Handtuch auf die Wunde.

Sie ließen Graham Zeit zum Verschnaufen. Carlos kam auf die Idee, den Finger in einen kleinen Plastikbeutel zu stecken. Graham stand auf, griff ihn, ging zu Orlando und reichte ihm seine Opfergabe. „Frieden zwischen uns?“

„Frieden!“, bestätigte Orlando und nahm den Finger an. „Ich muss los!“, wandte er sich an Marques.

„Ich dachte, wir nehmen noch einen Absacker und rauchen Havannas“, scherzte Marques und erntete dafür ungläubige Blicke. „Von mir aus. Die Sitzung ist beendet. Meine Leute werden sicherstellen, dass es einen geordneten Abzug gibt. Ich erwarte, dass ihr euch alle benehmt und den Frieden nicht gleich brecht. Glaubt mir, das würde euch sehr schlecht bekommen.“

Marques schlenderte aus dem Raum. Die Wachleute eskortierten Graham und seine Gruppe durch eine Tür, Mason und seine Verbündeten durch eine andere. Niemand hielt sie auf, als sie nach draußen gingen, wo eine Harley auf Orlando wartete. Davor stand Enzo mit verschränkten Armen. Orlando streckte ihm die Hand hin und sie gaben sich einen festen Händedruck.

„Friede zwischen uns?“, fragte Enzo.

„Wenn du mir eine Waffe gibst.“

Ohne zu zögern, händigte Enzo ihm eine Pistole aus. Orlando lud sie durch, überprüfte, ob sie gesichert war, und steckte sie sich in den hinteren Hosenbund.

„Ich hörte, du wirst bald Vater.“

„Stimmt!“

„Alles Gute für dich und deine Partnerin.“

„Danke!“

Enzo zog sich einige Schritte zurück und bot Mason, Ryan und Jo Gelegenheit, Orlando zum Abschied zu umarmen. Dann setzte Orlando seinen Helm auf, schloss die Jacke und startete die Maschine. Drei Rattlesnakes eskortierten ihn auf dem Weg zum Flugplatz, wo er in den Hubschrauber stieg.

Orlando warf den Finger über menschenleerem Gebiet aus dem Hubschrauber und der Pilot zog es vor, das zu ignorieren. Sollten sich die Wildtiere mit dem winzigen Happen vergnügen. Der Pilot setzte Orlando in Los Angeles auf dem Hubschrauberlandeplatz der Klinik ab, in der Marina lag.

Gleich würde er seinen Sohn das erste Mal in persona sehen und nicht nur auf einem Ultraschallmonitor. In der Suite begrüßten ihn Vincent und Marc mit herzlichen Umarmungen. Orlando duschte schnell, rasierte sich, bürstete seine Haare, bis sie glänzten, und zog sich einen Anzug an, weil er seinen Sohn nicht mit der Lederkleidung begrüßen wollte, in der er den Verhandlungen mehrerer krimineller Gruppen beigewohnt hatte. Nicht der geringste grausame Schatten sollte auf seinen Sohn fallen, auf Ramon. Marc hatte gestichelt, dass er Marina überredete, dem Kleinen den Namen Raymond zu geben, wenn Orlando zu spät zur Geburt kam, aber Vincent zeigte ihm die Geburtsurkunde. Ramon!

Fragend blickte Orlando Vincent in die Augen.

„Unser Familienneuzugang sieht dir wahnsinnig ähnlich. Den Gentest können wir uns also sparen. Ramon ist zweifellos dein Sohn.“

Orlando schluckte schwer, atmete tief ein und drückte die Klinke zu Marinas Zimmer herunter.

 

xxx

 

Marina schlief. Er gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn und wandte sich dann der Babyschale zu, in der Ramon lag. Der Anblick des Minis schnürte ihm die Kehle zu. Ja, die Ähnlichkeit war frappierend. Weil Orlandos Knie weich wurden, zog er sich einen Stuhl heran, setzte sich darauf und wachte über seinen schlafenden Sohn, dieses kleine Wunder, das Marina ihm geschenkt hatte.

In diesem Moment entschied Orlando, dass nun Schluss war mit seinem Rachefeldzug. Es gab viele Methoden, jemanden zu ermorden. Orlando verstand sich auf die lauten und die leisen. Die laute hatte wegen des Eingreifens von Marques versagt. So sehr es Orlando auch verlockte, Graham zu Hause einen heimlichen Besuch abzustatten, um ihm den leisen Tod zu bringen, in einem Jahr vielleicht oder in zweien, ließ Orlando den Mann doch von der Angel. Graham verdankte sein Weiterleben der Tatsache, dass Orlando das Schicksal seines unschuldigen Sohnes nicht mit Mordgedanken verknüpfen wollte. Deshalb strich Orlando Graham aus seinem Gedächtnis, bevor er Ramon hochnahm und sich an die Schulter legte.

 

Zwei

 

Zurück in der Stone-Villa fiel Orlando einfach nur erschöpft in sein Bett im neuen Hausteil, den Vincent extra für ihn und Mike hatte anbauen lassen und den Orlando nun alleine bewohnen musste. Er spürte, wie Vincent und Marc noch nach ihm sahen, stellte sich aber schlafend, weil er einige Zeit brauchte, den fürsorglichen und liebevollen Mann in sich wiederzufinden, den sie so sehr schätzten. Der Soldat in Orlando lauerte noch zu sehr an der Oberfläche. Den Orlando mit der grausamen Fratze sollten sie niemals sehen.

Die Haushälterin Lisette brachte ihm einen Pfefferminztee mit einem verdächtigen Beigeschmack von Marihuana. Sie hatte etwas von Vincents medizinischem Kraut mit aufgebrüht, ob eigenmächtig oder auf dessen Anweisung, wusste Orlando nicht. Er nahm die kleine Aufmerksamkeit an und trank die Tasse Tee aus. Danach konnte er einigermaßen entspannt schlafen. Am Fußende machte es sich sein Chihuahua Luis gemütlich.

Wie immer erwachte Orlando nur wenige Stunden später am frühen Morgen. In der Küche fand er Richy, den Teilhaber der Sicherheitsfirma Carter & Weber Security, im leisen Gespräch mit dem neuen Sicherheitschef Joel vor, einem ehemaligen Offizier der französischen Fremdenlegion.

„Besprechung um zehnhundert Uhr in meinem Büro“, sagte Orlando und gähnte.

„Du wirst weich“, scherzte Richy.

„Für die harte Disziplin habe ich ja jetzt Joel, oder nicht?“ Orlando sah Richy fragend an, den Verantwortlichen für die Beurteilung von Joels Qualitäten als Sicherheitschef. Während seiner Zeit mit den Rattlesnakes war Orlando vorübergehend aus der Villa aus- und in eine Stadtwohnung eingezogen, die Vincent ihm zur Verfügung stellte. Richy hatte ihm regelmäßig kurze Berichte zu Joel geschickt, die alle lobend ausgefallen waren. Also plante Orlando, Joel fest einzustellen.

„An Joels Disziplin gibt es nicht den geringsten Zweifel“, bestätigte Richy. Er und Joel ließen Orlando alleine, der sich einen Milchkaffee machte und sich auf seinen angestammten Hocker an die Küchenbar setzte. Leo, der kastanienbraune Siamkater, sprang auf die Küchenbar, was ihm eigentlich streng verboten war, und rieb sein Köpfchen an Orlandos Wange. Er nahm das Tier und platzierte es sich auf dem Schoß. Mit der Tatze dippte es in den Milchschaum und leckte die Pfote ab. Orlando beobachtete den diebischen Kater dabei, wie er sich seinen Anteil vom Milchkaffee holte. Das Extraharte, das er seit dem Tod von Mike wie eine Rüstung angelegt hatte, schmolz. Hier war sein Zuhause und es wurden ihm Liebe und Zuneigung geschenkt. Er musste nur wieder lernen, sie anzunehmen. Die Wunde in seinem Herzen würde immer bleiben, aber um für seine Familie dasein zu können, schob er den Schmerz etwas in den Hintergrund.

Schon von weitem hörte Orlando, wie Lauren ihr neues Kindermädchen Consuela ungeduldig hinter sich herzog, weil sie unbedingt ihren Lando wiedersehen wollte. Sein süßer Engel riss sich an der Küchentür von der Hand seiner Betreuerin los und stürzte sich auf Orlando, der die Katze eilig auf den Boden stellte und die Arme ausbreitete, in die sich Lauren warf. Lauren drückte sich ganz fest an ihn und plapperte aufgeregt tausend Sachen gleichzeitig, die ihr in den Sinn kamen und die sie sofort Orlando erzählen wollte.

Consuela lächelte höflich und professionell. „Guten Morgen, Mr. Ramirez! Ich bereite in der Personalküche das Frühstück für Miss Lauren vor. Möchten Sie sich eine Weile um sie kümmern oder soll ich sie mitnehmen?“

Vielleicht hatte Consuela vorher in einem Haushalt gearbeitet, in dem die Eltern die Kinder möglichst schnell loswerden wollten. Er jedoch freute sich über Laurens ungeteilte Aufmerksamkeit.

„Mylady und ich werden uns eine Weile unterhalten, nicht wahr, Lauren?“

„Ja, ja, ja, ja, ja!“ Laurens Augen strahlten.

Consuela nickte und verschwand im Nebenraum. Orlando fand ihr Verhalten eine Spur zu nüchtern und distanziert, aber sie brachte alle Voraussetzungen mit, die von dem Kindermädchen eines vermögenden Haushalts erwartet wurden. Sie sprach die beiden Fremdsprachen, mit denen Lauren aufwuchs, Spanisch und Französisch, spielte ein Instrument, Klavier, hatte einen Hochschulabschluss, eine Ausbildung als Kinderbetreuerin und außerdem die besten Referenzen. Dass sie Vegetarierin war, juckte Vincent wenig, der sie eingestellt hatte, solange sie damit nicht Lauren indoktrinierte. Im Haushalt Gable/Stone/Bernard/Ramirez gab es regelmäßig Fleisch – basta!

Aus Laurens Geplapper erkannte Orlando, dass sie gut mit ihrem Kindermädchen zurechtkam, das ihr zahlreiche Anregungen bot. Es kam ihm so vor, als würde Lauren Consuela als eine Art Lehrerin betrachten. Das war in Ordnung so. Liebe bekam das Mädchen von den Eltern genug.

Lauren freute sich auf ihren neuen Bruder, den sie heute im Krankenhaus bei ihrer Maman besuchen würde. Keine Spur von Eifersucht zeigte sich in ihrem Verhalten. Bei so vielen liebevollen Bezugspersonen um sie herum war es auch unwahrscheinlich, dass Lauren wegen Ramon zu kurz kam. Als ihr Frühstück fertig vorbereitet war, ging sie ohne zu murren zu Consuela in die Personalküche. Hätte sie geplärrt, hätte sie bei Orlando essen dürfen. Familienfrühstücke gab es jetzt immer sonntags. Die Zeit, zu der alle zusammen saßen, war das Abendessen, das in der Stone-Villa recht spät zubereitet und serviert wurde. Lauren schlief mittags, damit sie am Abend dabei sein durfte, wusste Orlando von einem Telefonat mit Marc. Da Lauren ihr warmes Essen am Mittag bekam, gab es für sie abends meistens nur noch Sandwiches und Früchte. Natürlich naschte sie bei den Erwachsenen mit.

Vincent fand sich ein. Er sah kurz in der Personalküche vorbei, um Lauren einen Kuss zu geben, während Orlando ihm einen Cappuccino bereitete. Lisette schaute herein und fragte die Männer nach ihren Wünschen. Wie so oft winkten sie um diese Uhrzeit ab, weil sie lieber für sich bleiben wollten. So verschwand auch Lisette in der Personalküche. Vincent lächelte Orlando einladend an und die beiden Männer küssten sich herzlich. Der vertraute und so angenehme Alltag mit seinen Lieben hatte Orlando wieder. Er seufzte innerlich und ließ seine Seele in dieses kuschelige Gefühl fallen.

 

xxx

 

Nach seinem Spaziergang mit Vincent und den Hunden Whity und Luis im Park absolvierte Orlando sein übliches Muskeltraining, während für Vincent wie immer sein Personaltrainer kam. Um Punkt zehn fand Orlando Richy und Joel in seinem Büro vor. Orlando sah Richy an, dass er sich freute, wieder nach New York zu seinem Ehemann Tyler und seinem Sohn Rhett zurückfliegen zu können. Dennoch nahm er sich Zeit für seinen Abschlussbericht. Orlando verabschiedete ihn mit einer kurzen Umarmung. Auch wenn sie sich kaum kannten, waren sie beide ehemalige SEALs. Joel bekam von Richy einen festen, herzlichen Händedruck.

Danach waren Orlando und Joel allein im Raum. „Noch einmal willkommen als Sicherheitschef, Mr. Ryser!“, kommentierte Orlando den Ablauf der Probezeit für Joel förmlich, obwohl sie aufgrund der vielen Telefonate, die sie die letzten Wochen geführt hatten, schon beim Du waren.

„Danke, Boss!“

Orlando schmunzelte dünn. Vincent war der Alpha, aber praktisch alle Einstellungen nahm Orlando vor. Consuela ging allerdings auf Vincents Konto, weil sich Orlando zu diesem Zeitpunkt auf seinem Rachefeldzug befunden hatte.

„Gratuliere zur Geburt deines Sohnes!“

„Danke! Hat sich Hardy schon gemeldet? Wie lange wird er noch den Bauern für seine Familie geben müssen?“ Hardy war einer der Bodyguards, denen sie vertrauten, und der gerade einen Sonderurlaub wegen eines Unfalls seines Bruders in seiner Heimat ableistete. Na ja, vielleicht genoss er es auch, den Hof seines Bruders zu bewirtschaften und Trecker zu fahren, solange sein Bruder in der Reha war, anstatt die tollen Sportwagen seines Arbeitgebers nutzen zu dürfen.

„Ich glaube, die frische Luft auf dem Land geht ihm langsam auf den Geist. Christine behauptet, er würde lieber heute als morgen wiederkommen.“

Leibwächterin Christine kümmerte sich vorrangig um Marinas Sicherheit und reiste auch mit ihr, wenn Marina Modeltermine außerhalb der Stadt wahrnahm.

„Vielleicht ist er jetzt geneigter, eine Aushilfe für den Hof seines Bruders auf unsere Kosten zu akzeptieren“, überlegte Orlando.

„Soll ich ihn kontaktieren und ihm das Angebot unterbreiten?“

„Nein, ich erledige das schon.“

Die Männer sprachen noch über sicherheitstechnische Fragen. Als der Klingelton von Dimitri auf Orlandos Handy ertönte, schickte Orlando den neuen Sicherheitschef aus dem Raum und nahm das Gespräch an.

„Dimitri! Was verschafft mir die Ehre deines Anrufs?“

„Sascha ist ganz aufgeregt und möchte ein Foto von deinem Sohn haben. Wie heißt der doch gleich?“

„Ramon. Ich schicke ihm einen Schnappschuss, sobald ich einen habe.“

„Noch keinen gemacht?“

„Habe ich gestern total vergessen.“

Dimitri lachte amüsiert auf. „In einem Bericht von Enzo steht, dass du dich hast von Carlos Marques schnappen lassen …“

„Du mischt dich in das Tagesgeschäft der Matunus ein?“

„Nein, aber ich lese die Reporte. Ein Mann wie ich muss in jeder Beziehung auf dem Laufenden bleiben. Wenn du lebensmüde bist, kannst du auch bei mir vorbeikommen und ein paar meiner Probleme lösen.“

„Ha, ha! Ich bin nicht lebensmüde und die Sache mit Marques war ein bedauerlicher Zwischenfall.“

„Jemand wie du lässt sich nicht so einfach gefangen nehmen.“

„Reden wir von etwas anderem! Was macht deine Lunge?“

Dimitri seufzte.

„So schlecht?“

„Ich bin gerade dabei, die Entwicklung einer neuen Behandlungsmethode in der Schweiz zu finanzieren. Vielleicht sind sie in einem halben Jahr soweit, dass sie sie an mir ausprobieren können.“

Orlando vernahm bei Dimitri eine Stimme im Hintergrund.

„Sascha möchte dich sprechen. Ich schicke dir ein Geschenk zur Geburt von Ramon … ja, ja, ich gebe ihn dir ja schon …“

Orlando lachte und hörte, wie das Handy seinen Besitzer wechselte.

„Happy Birthday to Ramon“, trällerte Sascha und Orlando schwatzte eine Weile mit dem Geliebten von Dimitri, dessen Augapfel, dem Süßen, für den Dimitri durch die Hölle gehen würde und bereits gegangen war. Nach dem Gespräch mit dem fröhlichen Sascha, das die Laune von Orlando gleich noch ein bisschen mehr hob, suchte und fand Orlando seinen Lebensgefährten Marc in dessen Musikzimmer. Natürlich hatte Marc ein Foto von Ramon gemacht. Er überspielte es auf Orlandos Handy und der sandte es an Sascha weiter. Dimitri und Sascha würden nie Orlandos Vertrauen missbrauchen und das Foto an die Medien weitergeben.

Aus einer spontanen Eingebung heraus schickte Orlando das Bild mit einer kleinen, erklärenden Mail an Mike. Eine Antwort darauf erhielt er allerdings nie.

 

Ungefähr drei Monate nach Ramons Geburt überraschte Kyle sie alle bei den regelmäßigen Familienessenseinladungen mit einer Neuigkeit über Mike. Kyle, der Freund von Mario Gable, genoss als einzige Person aus Mikes Vergangenheit dessen Vertrauen und die beiden skypten oft miteinander.

Mike wollte sich in Zukunft Marius Fox nennen und bat den Mann seines Chefs, Samuel, darum, die Namensänderung auch juristisch in die Wege zu leiten.

Orlando schlug das Herz schneller. Eine der Hauptfiguren seines ersten Science Fiction Romans hieß so und war Mike nachempfunden.

„Hast du ihn gefragt, weshalb er ausgerechnet diesen Namen wählte?“, erkundigte sich Vincent mit ruhiger Stimme, weil es Orlando erkennbar die Sprache verschlagen hatte.

„Mike … ich meine Marius …“, Kyle räusperte sich, „meinte, ihm sei der Name im Traum gekommen. An den Traum könne er sich nicht mehr erinnern, aber dieser Name blieb ihm im Gedächtnis haften und er fühle sich gut an.“

„Hast du ihm gesteckt, dass der Name etwas mit mir zu tun hat?“, murmelte Orlando heiser.

Kyle hob beschwichtigend die Hände. „Ich werde mich hüten. Es sei denn natürlich, du möchtest es.“

„Vince, was soll ich tun?“, fragte Orlando hilflos und blickte seinen Lebensgefährten um Rat heischend an, der den Ball jedoch weitergab. „Frag den Neurologen!“

Die Angelegenheit beschäftigte sie alle eine ganze Weile, klammerte sich an sie und ließ sie nicht ruhen, weil ihre Gespräche sich so oft darum drehten. Stuart, Mike/Marius Arzt in New York, hielt es für günstiger für dessen Seelenleben, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Also steckte Mike niemand, woher der Name kam, auch Samuel nicht, der zwischendurch anrief und sich bei Orlando erkundigte, weshalb Mike schon einmal seinen Namen gewechselt und früher Daniel Hochleitner geheißen hatte.

„Es ist nichts Illegales, solltest du das befürchten. Mikes Eltern sind sehr pazifistisch eingestellt und mit der Namensänderung wollte er sie schützen. Die Navy bot sie unter erleichterten Bedingungen an, daher zog er es durch. Diese Regel wurde eigentlich für die Mitglieder von Gangs geschaffen, die sich beim Militär ein neues Leben aufbauen möchten, wird aber auch gerne auf andere Personengruppen angewendet.“

„Da steckt doch eine spannende Geschichte dahinter“, vermutete Samuel.

„Sie ist zu persönlich, um sie weiterzuerzählen.“

„Schade! Deshalb hat Mike manchmal so seltsam geschaut, wenn Liza in seiner Gegenwart von ihrem Bruder Daniel redete.“

„Gut möglich“, murmelte Orlando.

Nachdem sie alle die Sache von diversen Seiten beleuchtet hatten, bat Orlando die anderen, nicht mehr darüber zu sprechen. Er zwang sich, Mike in Gedanken zukünftig mit Marius zu bezeichnen. Seine Träume von ihm konnte er nicht kontrollieren, aber war er wach, zog er es konsequent durch.

 

Drei

 

Ein halbes Jahr später in New York

 

Mit einer Cap auf dem Kopf lungerte Marc neben seiner Lebensgefährtin Marina, die zur Tarnung eine Perücke trug, an einem Tisch in der Starbucks-Filiale, die in der Nähe des Bürohauses lag, in dem die Carter & Weber Security residierte. Laut ihrem Informanten Samuel, dem Ehemann von James Carter, kaufte sich hier Marius regelmäßig seinen Kaffee. Marius arbeitete bei der Carter & Weber mittlerweile als Planer für Alarmanlagensysteme, nachdem er dort eine Zeitlang als Boy für alles in viele Aufgabengebiete hineingeschnuppert hatte. Niemand, nicht einmal er selbst, wusste bei seiner Einstellung, ob er überhaupt sinnvolle Arbeit leisten konnte. Sein Gehirn war durch den Schlag eines Baseballschlägers so schwer verletzt worden, dass er sich nicht mehr an sein altes Leben als Mike erinnerte. Wie sich herausstellte, besaß er aber noch viele Fähigkeiten aus seiner Zeit als Navy SEAL. Er selbst fand das erschreckend, lehnte er doch alles ab, was auch nur ansatzweise nach Militär roch. Mit seiner jetzigen Tätigkeit hatte er sich jedoch schnell angefreundet, berichtete James Carter Orlando und dieser hatte die Information freudestrahlend an seine Gefährten weitergegeben.

Leider weigerte sich Marius standhaft, etwas über seine Vergangenheit wissen zu wollen. Sein Neurologe Stuart erklärte das damit, dass er die Kraft brauchte, sich sein neues Leben aufzubauen und keine mehr dafür erübrigen konnte, sich mit dem alten auseinanderzusetzen. Immerhin widerrief Marius nicht die Patientenverfügung, die es Stuart erlaubte, medizinische Details über dessen Zustand an Orlando weiterzugeben.

Ja, Marius wusste laut Stuarts Aussage, dass es neugierige Personen aus seiner Vergangenheit gab, die sich regelmäßig nach seiner Gesundheit erkundigten, denn der Arzt machte nichts hinter dem Rücken seiner Patienten.

Die Hoffnung, dass diese letzte dünne Verbindung zu Marius etwas zu bedeuten hatte, verflog mit jeder Woche mehr, die Marius für Orlando unerreichbar blieb. Eher glaubte Orlando, dass Marius sie aus einem Fünkchen Mitleid heraus bestehen ließ. Das Konzept von Mitgefühl war Marius auch nach dem Anschlag noch grundsätzlich vertraut, berichtete Stuart. Solange die aus Los Angeles Abstand hielten, durften sie auch etwas über seinen Gesundheitszustand erfahren.

Marc hatte in New York den Auftrag angenommen, mehrere Songs eines Musicals neu zu arrangieren, obwohl er darin keinerlei Praxis vorweisen konnte. Bei seinen eigenen Kompositionen erledigte dies sein Onkel, der Vater seiner verstorbenen großen Liebe Jamie. Alles, was mit Musik zu tun hatte, fiel Marc leicht, und der Auftrag bot eine gute Ausrede für einen Aufenthalt in New York. Wenn er mit dem Musical nicht weiterkam, fragte er einfach seinen Onkel, dem er ein schönes Sümmchen für dessen Rat überwies. Am Ende zahlte er wohlmöglich noch drauf, aber das war ihm der Vorwand wert, den er gegenüber Orlando hatte, weshalb sie alle nach New York reisen mussten. Natürlich begleitete Vincent seinen Ehemann und arbeitete derzeit in der New Yorker Niederlassung seiner Anwaltssozietät.

Marina traf sich jeden Tag mit ‚ihrem lieben Fritzy‘ und dessen Manager Anton, zwei ehemalige Platoon-Kameraden von Orlando. Zusammen wollten sie das Konzept für Marinas Kosmetik-Blog überarbeiten, über den Fritzy mit seinen Gastbeiträgen als eine Art Herrenkosmetik-King bekannt geworden war. Seit seinem Abschied von der Navy ließ er sich auch fast nackt ablichten, was die Neugier seiner zahlreichen Fans befriedigte und ihm eine erfolgreiche Karriere als Model bescherte. Die Gagen füllten seinen Geldbeutel und sicherten die Miete für eine rollstuhlgerechte Wohnung in Manhattan, die er sich mit Anton teilte, seinem früheren Spotter. Der gelähmte Ex-SEAL hatte seine neue Aufgabe als Fritz‘ Manager gefunden. Die beiden bildeten also immer noch ein starkes Team.

Orlando war der festen Überzeugung, dass seine Kameraden keine über innige Freundschaft hinausgehende Beziehung führten, obwohl sie sich sehr nahe standen. Marina war neugierig, wusste aber, dass es sie im Grunde nichts anging.

Orlando hatte ein bisschen gegrollt, nach New York zu müssen. Vor den Reisevorbereitungen war er ins Büro seiner Partneragentur Ganymed geflüchtet. Wenn ihm Bruno nicht seinen Koffer gepackt hätte, stünde er in New York ohne Kleidung zum Wechseln da. Bestimmt tat es ihm weh zu wissen, dass seine große Liebe in derselben Stadt lebte und er ihr aufgrund einer selbstgestellten Auflage fernbleiben musste. Alleine hatte Orlando aber nicht in LA zurückbleiben wollen.

Marc tastete nach Marinas Hand, als Marius endlich die Starbucks-Filiale betrat und sich geduldig in die Warteschlange einreihte.

„Vielleicht stelle ich mich hinter ihn und beginne ein unverfängliches Gespräch mit ihm“, wisperte er.

Marina warf ihrem Leibwächter Hardy einen misstrauischen Blick zu, der keine zwei Schritte weiter an einem Stehtisch stand und sie düster anfunkelte.

„Wenn du möchtest, dass die Petze alles an Orlando verrät …“

Marc streckte Hardy mürrisch die Zunge heraus und blieb wohl oder übel auf seinem Platz sitzen. Dem Zorn von Orlando wollte er wirklich nicht ausgesetzt sein.

Es dauerte nur ein paar Minuten, bis Marius seinen Kaffee in den Händen hielt und damit aus dem Shop schlenderte.

„Er sieht sooo gut aus“, seufzte Marc.

„Seine Haare sind länger“, ergänzte Marina und knipste schnell ein Foto von Marius. „Sexy!“

Nachdem der Grund für ihren Aufenthalt im Laden wieder fort war, ließen sich Marc und Marina nach Hause chauffieren.

 

Hardy petzte nicht direkt an Orlando. In seinem Tagesbericht erwähnte er allerdings die Adresse der Starbucks-Filiale, die sich Marc und Marina für ihre Kaffeepause ausgesucht hatten. Somit konnte Orlando eins und eins zusammenzählen. Er gönnte den beiden ihre Stalker-Ausflüge, die sie fast jeden Tag in Mikes Nähe führten. Solange sie ihn in Ruhe ließen, duldete Orlando es. Dios! Am liebsten hätte er sich ihnen angeschlossen. Derzeit lebte er im Gästezimmer der Wohnung, auch wenn er eigentlich das Butlerquartier bevorzugte, in dem er mit Mike so glücklich gewesen war. Aber das bewohnte Lisette, im Zimmer daneben schlief Consuela. Hardy, den er eher dafür belohnen sollte, dass er die kleinen Stalker davon abhielt, Marius zu nah auf die Pelle zu rücken, musste im alten Dienstbotenraum übernachten, der kaum größer als eine Abstellkammer war. Er behauptete, es dort gemütlich zu finden.

Joel verbrachte die wenigen Stunden seiner Freizeit in dem Studio außerhalb der Hauptwohnung im gleichen Wohnkomplex, das Vincent vor einigen Jahren als Dienstwohnung für die Unterbringung der Angestellten gekauft hatte. Allerdings erwischte Orlando den Sicherheitschef auch schon mal auf einem Feldbett in der Personalküche. Vincent liebäugelte zwar damit, diese Etage ganz aufzukaufen, die beiden verbliebenen Nachbarn wollten jedoch so unsäglich viel Geld für ihre Wohnungen haben, dass es sogar für New Yorker Verhältnisse eine Unverschämtheit war. Domizile in der Nähe eines Popstars seien eben mehr wert, argumentierten sie.

Erpressen ließ Vincent sich nicht. Also rückten sie etwas zusammen.

 

xxx

 

Orlando machte seinen Nachmittagsspaziergang mit Luis an der Leine und Ramon im Kinderwagen im Central Park, als ihn ein Schauer überraschte und er unter einer Brücke Schutz vor dem Regen suchte. Er war nicht das einzige Regenopfer. Mehrere Kindermädchen mit ihren Schützlingen sowie zwei, drei Jogger fanden sich dort ebenfalls ein. Orlando musterte seine Schicksalsgenossen und stufte sie als ungefährlich ein, jedenfalls ungefährlich für Luis und Ramon, denn einer der Jogger ließ sein Herz rasen. Marius! Luis erkannte ihn auch und bellte aufgeregt, zog wie wild an der Leine, obwohl der Hund normalerweise sehr gehorsam war.

Marius schaute forschend rüber, wirkte distanziert, kam aber dann doch und streichelte den Chihuahua. „Er erinnert sich an mich, was?“, fragte er. „Das Tier war in Ihrer Wohnung, als ich einige Zeit bei Ihnen gelebt habe.“

„Ja!“, krächzte Orlando und räusperte sich.

Marius erhob sich wieder und Orlandos Blick heftete sich an ihn. Er war schlanker als vor dem Anschlag, hatte eher die Figur eines Leichtathleten und nicht mehr die Muskelmasse eines Soldaten im Training. Seine Haare wirkten voll. Nichts erinnerte mehr an die kahle Stelle am Kopf, die hatte rasiert werden müssen, dort, wo die Ärzte Knochensplitter entfernt und eine kleine, künstliche Platte eingesetzt hatten.

„Du trainierst für den Marathon?“, hörte sich Orlando fragen.

„Es wäre mir lieber, wenn Sie mich etwas förmlicher ansprechen würden, Mr. Ramirez. Ich kenne Sie kaum und habe Ihnen nicht das Du angeboten.“

Orlando zuckte zusammen, als hätte ihm jemand einen Schlag versetzt. Dann sagte er leise: „Ich weiß, Marius, aber ich habe viele wertvolle Erinnerungen an Mike. Ich liebte ihn, er war mein Vertrauter, ein Teil meiner Seele. Ich kann dir aus dem Weg gehen, dich mit meiner Anwesenheit verschonen, aber was ich nicht kann, ist, dich wie einen Fremden zu behandeln.“

Marius wand sich unbehaglich unter Orlandos sehnsüchtigem Blick, hielt es schließlich nicht mehr aus und ging zu dem Platz zurück, auf dem er vorher gestanden hatte. Orlando zwang sich dazu wegzusehen. Ramon fing an zu jammern. Es war riskant, ihn hier aus dem Kinderwagen zu nehmen. Jederzeit konnte jemand sein Fotohandy zücken und ihn fotografieren. Dennoch hob Orlando seinen Sohn auf den Arm. Er brauchte Trost und die Nähe eines Menschen, der ihm zugetan war. Ramons Babyduft beruhigte Orlando etwas.

Endlich endete der Regenschauer. Orlando gab Ramon einen dicken Kuss auf die Wange und legte ihn wieder in den Kinderwagen zurück. Ohne sich ein letztes Mal umzudrehen, stapfte er los. Er kam etwa fünfzig Schritte weit, als Marius ihn einholte. Das verwunderte Orlando, denn er hatte vermutet, dass Marius lieber die entgegengesetzte Richtung genommen hätte.

Marius passte sich seinem langsamen Tempo an und sagte: „Wollen Sie mir von diesem Mike erzählen, vielleicht später, bei einem Kaffee? Ich möchte noch ein paar Kilometer laufen, aber in einer Stunde hätte ich Zeit.“

Orlando starrte Marius mit offenem Mund an. Er schluckte mehrmals, bis er stotterte: „Ein … ein Treffen? Wa… warum?“

„Sie wirken so traurig.“

„Ich

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 19.09.2016
ISBN: 978-3-7396-7448-3

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