Cover

Herausgeber

PETER UND REBECCA –

ES IST UNSER WEG!

 

© Norma Banzi

 

Bildquellen:

Depositphotos

 

Gestaltung des Covers:

Norma Banzi

 

Edition Banzini

Kurvenstraße 25

22043 Hamburg

www.banzini.de

 


 

Klappentext

 

Trotz seiner Querschnittlähmung hat es Peter Marshall geschafft, einen der begehrten Arbeitsplätze in der Kanzlei des Prominentenanwalts Vincent Gable zu ergattern. Er verliebt sich in dessen Cousine Rebecca, die mit dem Popstar Angel liiert ist. Als Peter zufällig mitbekommt, wie Angel heftig mit Vincent flirtet, stürzt ihn das Gesehene in ein seelisches Chaos. Ist Rebecca vielleicht gar nicht die Freundin von Angel? Auf einmal macht sich Peters kleines Herz Hoffnungen, die sein Verstand nicht zulassen will. Welche Frau verliebt sich schon in einen Krüppel wie ihn?

 

Dieses Buch spielt zeitlich zur selben Zeit wie „Wir halten dich, Bruder!“ und erzählt nun einige Ereignisse daraus aus Sicht von Peter.

 

 

Eins

 

Wie so oft haderte Peter Marshall damit, im Rollstuhl zu sitzen. Er installierte gerade seine Computer in seinem neuen Büro in der Rechtsanwaltskanzlei Vincent Gable und es gelang ihm nicht, alle Verbindungen zu stecken, weil er nicht überall heranreichte. Dabei hatte ihm der Techniker, der ihm die Kisten ausgepackt und die Rechner aufgestellt hatte, Hilfe angeboten. Nur erledigte er die Installation der teuren Geräte aber gerne selbst.

Es war spät und die Empfangsdame schon gegangen. Er rollte in den Flur in der Hoffnung, noch jemanden anzutreffen. Aus Rebecca Gables Büro drang Licht. Ausgerechnet! Sie verhielt sich ihm gegenüber sehr nett, doch es fiel ihm schwer, in ihrer Nähe zu atmen. Die junge Cousine seines Arbeitgebers war eine klassisch italienische Schönheit mit langen, schwarzen Haaren und einem Mund, der Wonnen versprach. Leider würde Peter davon niemals kosten. Er betrachtete sich seit seinem Autounfall als Kind als Krüppel, einer, den keine Frau auch nur von der Seite ansah. Frustriert überlegte er, den Fahrdienst zu rufen und morgen weiterzumachen. Allerdings hatte er dem Chef eine Präsentation am Vormittag versprochen und wollte ihn nicht gleich in der ersten Woche enttäuschen. So atmete er einmal tief durch, klopfte an Rebeccas Tür und als sie „herein“, rief, rollte er in ihr Büro.

Sie war leger in Jeans gekleidet und hatte ihre Haare zu einem Seitenzopf geflochten. „Peter, kann ich dir helfen?“, fragte sie ihn.

Er wurde rot und nickte. Zweimal räusperte er sich, bevor er sagte: „Ich komme nicht an die Steckdosen in Bodennähe und brauche jemanden, der mir hilft.“

„Klar helfe ich dir dabei, deine Hackerhöhle einzurichten“, witzelte sie. Wahrscheinlich wusste sie nicht, dass sie mit ihrer scherzhaften Bemerkung der Wahrheit ziemlich nahe kam. Ihr Cousin Vincent hatte ihn nicht nur wegen seiner juristischen Kenntnisse in Internetfragen eingestellt, ein modernes Rechtsgebiet, das für viele Kanzleien immer interessanter wurde, sondern schätzte auch seine Geschicklichkeit beim Programmieren. Peters Körper mochte jenseits der Hüften ein Wrack sein, aber sein Kopf war blitzgescheit. Mit fünfundzwanzig hatte er bereits zwei Studiengänge komplett absolviert, Jura und Informatik. Was ihn für Gable so wertvoll machte, hatte er allerdings nicht an der Uni gelernt. Im Internet spazieren zu gehen und dabei verschlossene Türen zu knacken, schaffte er schon als Kind.

Rebecca stand von ihrem Schreibtischstuhl auf, schlenderte in sein Büro und er hatte einen ausgezeichneten Ausblick auf ihren Po in ihrer knackigen Jeans. Wenn er in der Lage gewesen wäre, eine Erektion zu bekommen, hätte er jetzt bestimmt eine.

„Also, wie helfe ich dir am besten?“

Peter erklärte es ihr und nach fünfzehn Minuten waren alle Stecker ordnungsgemäß mit den entsprechenden Geräten verbunden. Sie klopfte sich die Finger an ihrer Hose ab und sagte mit einem verschmitzten Lächeln: „Dafür, dass ich für dich auf dem Boden gekrochen bin und du mir in den Ausschnitt meiner Bluse geschaut hast, könntest du mich zu einem Drink einladen.“

„Ich, ich …“, stotterte er und sein Gesicht wurde dunkelrot. Er hatte tatsächlich die Sicht auf ihr Dekolleté sehr genossen. Rebecca blickte auf ihre Armbanduhr. „Es ist fast zehn. Machen wir für heute Schluss und trinken zusammen noch einen Cocktail?“

Peter schaute sie ungläubig an. Eine schöne Frau wie sie wollte mit ihm ausgehen? Er räusperte sich und verdrängte die jähe Freude, die ihn gepackt hatte. Ein Drink nach Feierabend unter Kollegen war schließlich kein Date, allenfalls eine freundliche Geste. Gespannt sah sie ihn an. Wie lautete doch gleich die richtige Antwort auf so ein Ansinnen, fragte sich Peter. Sein Herz wummerte und in seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Er räusperte sich ein zweites Mal. „Ich kenne mich in dieser Stadt nicht aus und kann nur in Bars, die mit dem Rollstuhl zu erreichen sind.“

„Da wird sich bestimmt eine finden lassen“, meinte Rebecca selbstbewusst. „Treffen wir uns in zehn Minuten im Foyer?!“

Peter nickte. Er würde dann morgen zwei Stunden früher zur Arbeit gehen, um seine Installation abzuschließen. Eilig suchte er noch die Toilette auf. Lieber vorher gehen, als hinterher unangenehm vom Fehlen behindertengerechter Sanitäranlagen überrascht zu werden.

Rebecca hatte ihn bereits einige Male gefahren und sie wussten daher, wie sie es gemeinsam bewerkstelligten, ihn auf ihren Beifahrersitz zu hieven. Ihren Wagen fand er weniger komfortabel als den BMW des Chefs, in dem er schon zweimal gesessen hatte. Bei Rebeccas Auto gab es nicht so viele Möglichkeiten für ihn, sich festzuhalten und sich mit der Kraft seiner ausgeprägten Oberkörpermuskeln selbst hinein zu befördern. Was ihm in den Beinen fehlte, musste er anderweitig ausgleichen und deshalb war er muskulöser als manch ein Bodybuilder. Auf sein Sixpack wären die Frauen vielleicht geflogen – in einer anderen Welt, in der auch seine Beine funktioniert hätten. Andererseits kam Rebecca ihm ganz nah, wenn sie ihm beim Einsteigen Hilfestellung leistete. Ihr Duft betörte ihn und als ihre Brüste seinen Oberarm streiften, hätte er sie am liebsten in die Arme gezogen und leidenschaftlich geküsst. Tat er natürlich nicht. Sie war die Freundin des Popstars Angel und nicht nur deshalb für ihn unerreichbar. Selbst ohne so einen prominenten Freund würde sie sich wohl kaum mit einem wie Peter eingelassen. Er fragte sich, weshalb sie mit ihm in eine Bar gehen wollte. Wahrscheinlich empfand sie Mitleid mit dem einsamen Behinderten.

Sie suchte ein nettes Lokal aus und neugierige Blicke hielten sich in Grenzen. Weil sie mit dem Wagen da war, bestellte Rebecca einen alkoholfreien Cocktail, Peter genehmigte sich eine Colada. Rebecca fragte ihn über Internetrecht aus und bat um Tipps, welche Literatur sie da am besten lesen sollte. Deshalb also suchte sie seine Nähe. Sie interessierte sich für sein Spezialwissen! Warum auch nicht. Sie studierte und schien sich noch nicht definitiv für ein späteres Fachgebiet entschieden zu haben, obwohl ihr bei internationalem Recht keiner so schnell etwas vormachte. Sie blieben etwa eine Stunde. Rebecca fuhr ihn nach Hause, half ihm aus dem Wagen in seinen Rollstuhl und brauste mit einem gut gelaunten Abschiedswinken davon.

Seine neue Wohnung war schon eingerichtet und die Umzugskartons ausgepackt, das hatte die Umzugsfirma für ihn erledigt. Die Müdigkeit ließ auf sich warten. Rebeccas Duft haftete an Peters Hemd. Das erregte und frustrierte ihn gleichermaßen. Er sehnte sich nach Sex. Daher startete er seinen Computer und loggte sich bei Second Life ein. Irgendwo gab es dort immer eine Sexparty in einem der privaten Bereiche. Sein Avatar hatte er mit allen notwendigen Attributen ausgestattet und entsprechend attraktiv gestaltet. Eigentlich hatte er den Avatar nach seinem Ebenbild geschaffen, stahlgraue Augen, schwarze Haare mit einem muskulösen Oberkörper – und natürlich mit perfekten Beinen. Seinen Avatar ließ er die ersehnten Abenteuer erleben, die ihm selbst aufgrund seines Handicaps unerreichbar blieben. Und sein Geschlechtsteil hatte er sich etwas kosten lassen. Er hatte eine ganze Palette davon gekauft und stattete den Avatar passend zur Gelegenheit damit aus, steife, halbsteife und solche in ruhendem Zustand. Er hatte verschiedene Größen ausprobiert, sich dann aber für eine moderate entschieden, bei der er den Eindruck hatte, den meisten Erfolg bei den weiblichen Mitspielern zu haben. Ob hinter einem Sexbomben-Avatar tatsächlich eine Frau steckte, interessierte ihn weniger. In seiner Experimentierphase hatte er selbst einen Frauenavatar geschaffen und war damit als Lesbe unterwegs gewesen. Einige heiße Szenen aus dieser Zeit sah er sich jetzt noch gerne an. Kam es zu virtuellem Sex, nahm er das gerne auf, allerdings nur für den privaten Gebrauch. Er fand es zu persönlich, die Erlebnisse seines Avatars auf Tauschbörsen anzubieten. Mittlerweile ging er fast nur noch mit seinem Alter Ego in Second Life und ließ sich nur selten dort als Rollstuhlfahrer sehen.

 

Zwei

 

Zufällig sah Peter etwas, was ihm seine wachsende Zuneigung zu Rebecca noch ein bisschen schwerer machte. Er installierte gerade eine Sicherheitssoftware auf einem von Vincent Gables Computern, um die sein Boss ihn gebeten hatte, als im Nebenbüro die Tür aufging und Angel hereinschlenderte. Der Popstar mit dem bürgerlichen Namen Marc Stone war ein Mandant der Kanzlei und wurde vom Chef persönlich betreut. Angel schob die Akten Gables wie selbstverständlich beiseite, setzte sich auf dessen Schreibtisch und begann, ihm die Krawatte aufzuziehen. Die beiden Männer lächelten sich sinnlich an und als Angel auch noch die Knöpfe von Gables Hemd einen nach dem anderen aufknöpfte, wurde mehr als deutlich, was er vorhatte. Oha! Mit dieser Art von Betreuung hätte Peter jetzt nicht gerechnet.

Offensichtlich hatte Gable seinen Mitarbeiter in seinem Zweitbüro vergessen, denn er griff auch nicht ein, als Angels Mund begann, sich von seinem Hals über seine Brust nach unten zu bewegen.

Peter stieg Hitze in die Wangen. Wie furchtbar peinlich es sich anfühlte, seinen Chef dabei zu erwischen, wie der mit Angel rummachte. So leise wie möglich flüchtete Peter. Vor lauter Aufregung und Nervosität rollte er erst einmal in die Kaffeeküche, wo Rebecca einen Espresso für sich und den Popstar Jamie machte, der fast immer da auftauchte, wo auch Angel sich einfand, und deshalb als dessen Schatten bezeichnet wurde. Jamie zeigte Rebecca ein teures Feuerzeug, welches er als Geschenk für Gable erstanden hatte. Sie hatten Peter noch nicht bemerkt. Seine Gedanken überschlugen sich, aber Rebecca vereitelte seine Flucht, weil sie ihn gerade entdeckte und anlächelte. Peter schaute sie konsterniert an und wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Dass er sich ausgerechnet dort hingeflüchtet hatte, wo die arglose Rebecca sich aufhielt. Am liebsten wäre er im Erdboden versunken. Peter fragte sich, ob er ihr einen Tipp geben sollte, dass ihr Freund sie in diesem Augenblick betrog. Aber das ging ihn alles überhaupt nichts an.

„Peter! Willst du auch einen Espresso?“

Er nickte. Argh! Weshalb nickte er? Jetzt musste er sich mit ihr unterhalten. Er hätte einfach an den Kühlschrank gehen sollen, um sich dort ein Mineralwasser herauszunehmen. Dann hätte er gleich wieder umdrehen können.

„Kennst du Jamie schon?“ Rebecca legte freundschaftlich einen Arm um den Popstar und die beiden schmunzelten einander an wie zwei gute Freunde.

„Noch nicht persönlich.“ Wow, Peters Stimme funktionierte! Er überraschte sich selbst mit der einwandfreien Formulierung der Antwort. Ein wenig rau klang er zwar, aber sonst gab es keine verräterischen Anzeichen, wie konfus es in ihm aussah.

„Du bist der tolle Anwalt, der es geschafft hat, das Foto von Marc und seinen Brüdern aus Google Bilder entfernen zu lassen. Er ist begeistert.“

Jamie gab Peter mit einem strahlenden Lächeln die Hand und Peter lächelte matt zurück. Weil er Google dazu gezwungen hatte, dieses Bild nicht mehr zu listen, hatte Gable ihm wie versprochen einen Bonus gezahlt und ihm ein Jobangebot unterbreitet. Peters erster, fester Job! Dafür hatte er zwar von New York nach Los Angeles ziehen müssen, aber er hatte es gerne getan. Endlich war er aus der elterlichen Wohnung ausgezogen und er stand auf eigenen Füßen - im übertragenen Sinne natürlich. Mit seinen Beinen und Füßen ließ sich wenig anfangen.

„Ich schau mal nach, ob Vince und Marc mit ihrer Besprechung schon fertig sind“, meinte Jamie, zwinkerte Rebecca mit einem ziemlich unanständigen Grinsen zu und schlenderte fort. Wie auffällig er das Wort Besprechung betont hatte und Rebecca lachte auch noch darüber.

„Du siehst aus, als hätte dich gerade ein Auto überfahren, Peter“, witzelte Rebecca.

„Ha, ha, wie komisch“, fauchte der und schlug demonstrativ mit der Faust auf die Lehne seines Rollstuhls.

Betreten drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange. „So habe ich das natürlich nicht gemeint.“

Oh Gott, sie war gar nicht die Freundin von Angel. Diese Schutzbehauptung sollte lediglich Marcs Homosexualität tarnen und seine Beziehung mit Gable kaschieren. Oder liebte er Jamie? Vielleicht schlüpften die drei auch alle miteinander ins Bett. Konfus begann Peters Gehirn, sich verschiedene Möglichkeiten auszumalen. Innerlich stöhnte er gequält auf. Jetzt würde sein kleines, geschundenes Herz Rebecca ganz und gar ausgeliefert sein. Es gab keinen Freund, keinen Liebhaber, der es davon abhielt, verrückte, unmögliche Dinge zu hoffen, von denen sein Verstand wusste, dass sie niemals eintraten. Er glaubte zu ersticken und hustete. Sein Espresso schwappte auf ihre Bluse und sie zog sie eilig aus.

„Herrje, sag mir doch einfach, dass ich einen Knopf für dich öffnen soll. Da brauchst du nicht gleich heißen Kaffee auf mich kippen“, witzelte sie.

„Tut mir leid“, röchelte er. Sie goss ihm ein Glas Wasser ein und er nahm es ihr dankbar ab, trank einen großen Schluck. Derweil tupfte sie mit einem Papiertuch in ihrem Ausschnitt herum und ihr Spitzen-BH zeigte auch mehr, als er verdeckte.

„Das war keine Absicht“, entschuldigte er sich mit heiserer Stimme.

„Weiß ich doch.“ Sie rubbelte eine Weile an dem Fleck und zog die Bluse wieder an. Er bekam noch einen Kuss auf die zweite Wange und Rebecca ging.

Peter hasste diese schwesterlichen Küsse, er wollte sie nicht. Er wollte heiße, erotische Zungenküsse von ihr. Frustriert fuhr er in sein eigenes Büro zurück. Verliebt sein war scheiße!

Später erkundigte er sich sicherheitshalber bei der Empfangsdame, dass Marc und Jamie die Kanzlei verlassen hatten. Erst dann setzte er seine Arbeit in Gables Zweitbüro fort. Zu seinem Verdruss musste er die Software auch bei Rebecca installieren. Als er nun wirklich keine Ausrede mehr fand, suchte er sie auf. Zum Glück hatte sie viel zu tun und arbeitete an ihrem privaten Notebook weiter, während er die Software auf ihrem PC aufspielte.

„Muss mein Privatrechner auch nachgerüstet werden?“, fragte sie. Mit einer eleganten Geste strich sie sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und er wünschte sich, ihre schlanken Finger auf seiner Haut zu spüren.

Peter schluckte. „Nein, ich habe nur Anweisung für die Dienstrechner.“

„Ist mein Notebook denn sicher?“, erkundigte sie sich. Ein Signal erklang und Peter erkannte es als das aus dem firmeninternen Chat. Rebecca tippte eine Antwort und Peter beneidete die Tasten um die Berührung. Als sie wieder in seine Richtung schaute, murmelte er: „Wenn ich mal draufschauen soll …“

Sofort rückte Rebecca ihren Stuhl etwas zur Seite und er rollte neben sie. Wie gut sie duftete. Ihr Parfüm roch vollmundig und rassig, aber nicht so schwer, dass es einen bedrängte. Es unterstrich ihren natürlichen Duft, lockte Peter, verwirrte ihn. Er wollte seinen Kopf auf ihre Schulter legen und mit seiner Nase ihre Halsbeuge reiben. Stattdessen rief er sich die Übersicht ihrer Programme auf und meinte: „Ich kann dir ein besseres Virenschutzprogramm aus dem Internet laden und installieren. Das dauert ein paar Minuten.“

„Dann gehe ich zwischendurch in die Küche. Soll ich dir auch einen Kaffee mitbringen?“

Peter nickte gedankenverloren. Ein Icon auf ihrem Rechner zog ihn magisch an. Als sie das Büro verließ, klickte er es eilig an. Sie hatte ebenfalls einen Avatar bei Second Life!

Ihren Benutzernamen und den Namen ihres Avatars fand er ohne Mühe heraus. Sie hatte sogar einen Screenshot von ihm gemacht und er fand ihn passend. Wie er hatte sie ihn sich nach ihrem Ebenbild erschaffen. Ein Gedanke setzte sich in seinem Kopf fest und er malte sich aus, wie es wäre, wenn …

Sie kehrte mit den Getränken zurück und er klickte schnell die Seiten weg. Im Hintergrund lief der Download des Schutzprogramms und bei einem gemeinsamen Kaffee warteten sie darauf, bis er beendet war.

 

xxx

 

Weil Rebecca sich gerade für Internetrecht interessierte, durfte sie Peter bei einem seiner Fälle assistieren. Hin und wieder nahm Gable Mandaten pro bono an, die ihm die Rechtshilfestelle schickte und die sich seinen normalen Stundensatz eigentlich niemals leisten konnten. Konkret ging es um eine Schülerin, die bei Facebook gemobbt und in einem Film bei YouTube in einer sehr entwürdigenden Situation gezeigte wurde.

Gable hatte Peters Rat zu dem Fall eingeholt und ihn dann übernommen. Nun spulte Peter sein übliches Repertoire ab, beantragte einstweilige Verfügungen und ließ Facebook- und Youtube-Konten der Mitschülerinnen sperren. Für ihn gehörte das eher zu seinen leichteren Übungen.

Aktuell hatte er den Auftrag, die Eltern der mobbenden Mädchen auf Schadensersatz zu verklagen, denn das arme Opfer lag nach einem Selbstmordversuch noch im Krankenhaus. Außerdem verklagten sie die Schule, weil dort nach Peters Meinung zu wenig Anti-Mobbing-Kampagnen durchgeführt wurden. Dabei sollte ihm Rebecca zur Hand gehen. Sie verhielt sich als Kollegin unkompliziert und folgte gerne seinen Anweisungen. Allerdings machten ihn ihre häufigen Besuche in seinem Büro halb wahnsinnig. Sie duftete so wunderbar und das lenkte ihn ab. Statt sich auf die Arbeit zu konzentrieren, träumte er von ihr und stellte sich vor, sie auf den Schreibtisch zu drücken und es ihr kraftvoll zu besorgen. Seine Unfähigkeit, die Fantasie in die Tat umzusetzen, hieß noch lange nicht, dass er den Wunsch danach schon erfolgreich in sich abgetötet hätte. Seit er Gable und Angel miteinander erwischt hatte, dachte er praktisch pausenlos an Sex mit Rebecca, deren sanfter Hüftschwung ihn lockte wie erblühende Blumen im sonnigen Frühling eine Biene.

Wenigstens hatte er es mittlerweile gelernt, sich in Rebeccas Auto zu heben, ohne ihre Hilfe zu benötigen. Sie musste ihm lediglich noch bei seinen Beinen helfen und den Rollstuhl in den Kofferraum legen. Er wäre lieber mit dem Fahrdienst zum Gericht gefahren. Dann hätte er nicht in diesem engen Auto mit ihr sitzen und beobachten müssen, wie ihr Rock beim Autofahren immer etwas hochrutschte. Peters Mutter verwendete praktische Nylonstrumpfhosen, nicht so Rebecca, sie trug Nylonstrümpfe, die von Strapsen gehalten wurden. Warum rutschte ihr Rock nur jedes Mal so weit nach oben, dass er den Spitzenrand der Strümpfe sah? Das war sinnliche Folter pur! Mit dem Fahrdienst hätte er auf dem Weg zum Gericht die Akten gelesen, ein illusorisches Unterfangen mit Rebecca als Fahrerin. Deshalb versuchte er es erst gar nicht. Stattdessen linste er immer wieder auf ihre Beine. Das gelang ihm relativ ungestört, denn Rebecca konzentrierte sich ganz und gar auf den Straßenverkehr. Manchmal lächelte sie verschmitzt, wenn sie ihn doch einmal beim Gaffen erwischte. Zum Glück stellte sie ihn deswegen nie zur Rede. Vielleicht mochte sie es auch, die Männer in ihrer Umgebung ein bisschen zu verwirren. Die Idee, dass sie die Sache mit dem Rock absichtlich durchführte, kam ihm zwar, nur konnte er sich keinen Reim darauf machen. Rebecca war für ihn eine Gleichung, deren Variablen er noch nicht alle entdeckt hatte, um sie zu entschlüsseln. Das verunsicherte ihn wahnsinnig und gleichzeitig fand er es spannend und verführerisch, in ihrer Nähe zu sein.

 

xxx

 

Bei Second Life verfolgte Peter Rebeccas Avatarin Becci. Wie er besuchte sie häufig sexuell anrüchige Gegenden und Bars und verhielt sich dabei alles andere als zimperlich. Seinen eigenen Avatar hatte er wenig fantasievoll Pete genannt, dennoch zog sie beim Anblick seines Alter Egos keine Verbindung zu ihm. Wie sollte sie auch? Wenn sie privat im Internet surfte, dachte sie bestimmt nicht an ihre Kollegen, schon gar nicht an den Rollstuhlfahrer mit der dunklen Hornbrille. Seit Jahren wünschte er sich eine moderne Brille oder Kontaktlinsen, nur war bei ihm das Geld früher knapp gewesen. Floss es in seine Kasse, gab er es für Computerzubehör und Software aus, nicht für modische Outfits im Real Life.

Sein Avatar sah sexy aus und wandelte selbstbewusst mit kräftigen, muskulösen Beinen durch die Second Life Umgebung. Peter fühlte sich nur wie ein Schatten des Mannes, der er ohne diesen Unfall hätte sein können. Gerade setzte er Pete an die Bar eines virtuellen Sexclubs und ließ ihn mit zwei Frauen flirten. Pete trug heute Tattoos am Oberkörper, dazu eine tief auf den Hüften sitzende enge Lederhose, damit dessen Sixpack richtig zur Geltung kam. Lederstiefel komplettierten das Outfit.

Bisher hatte Peter ein Gespräch Petes mit Becci stets vermieden. Nun stellte sie sich aber gerade demonstrativ vor der Bar auf und rauchte einen Zigarillo. Sie tippte ihm auf die Schulter und er fragte sich schon, ob sie ihn erkannt hatte.

Er drehte Pete auf dem Barhocker und ließ ihn Becci von oben bis unten mustern. Sie trug einen knappen, engen Fetzen, der wenig verhüllte.

„Geiles Tattoo!“, hörte Peter in seinem Headset. Das freute ihn, er hatte es selbst entworfen.

„Sexy Kleid“, antwortete er.

Den beiden Flirtpartnerinnen wurde es wohl zu langweilig und sie verließen die Bar. Stattdessen setzte sich Becci neben Pete. „Du darfst mir einen Drink spendieren.“

Sofort rief Pete den Barmann und der servierte ihnen die gewünschten Cocktails.

„Du bist mir schon einige Male aufgefallen“, sagte Becci und ihre Hand streichelte über Petes Brust.

Spätestens jetzt, dachte sich Peter, sollte er Rebecca darüber aufklären, mit wem ihre Avatarin da flirtete, nur fehlte ihm irgendwie der Mut. Als Beccis Mund den von Pete fand, sie fackelte in Second Life wirklich nicht lange, wollte er wenigstens seinem Avatar das gönnen, was er im richtigen Leben nie von ihr bekommen würde. Sie zog ihn auf die Tanzfläche und mit sinnlichen Bewegungen umgarnte sie ihn. Becci hatte Stil und sich die Bewegungsabläufe ihrer Avatarin etwas kosten lassen. Er

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 24.06.2014
ISBN: 978-3-7368-9051-0

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