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Wenn das Leben sich ändert

Prolog

Wenn man durch das Leben geht, dann begegnen einem viele Menschen. Sehr oft kann sich dabei etwas verändern, auch im positiven Sinne. Bei den Begegnungen geht der Blick dann auch oft über den eigenen Tellerrand hinaus. Und das ist gut so. Denn Veränderungen gehören zum Leben dazu.

 

Die Geschichte

Vor einigen Monaten begann mein Leben sich zu ändern und nicht nur meines. Damit hatte ich nicht gerechnet. Doch wie heißt es so schön: Es kommt anders als man meistens denkt. Aber es ist gut so wie es gekommen ist. Am besten ist, ich erzähle von Anfang an.

 

Ich wuchs in als Einzelkind wohlbehütet auf. Meine Eltern waren einfache, offene und tolerante Leute. In der Pubertät merkte ich, dass ich schwul war, doch das war, Gott sei Dank, kein Problem für meine Eltern. Nach der Schulzeit machte ich eine Ausbildung zum Tischler.

 

Nach meiner Lehre wurde ich übernommen und ich hatte sehr viel Freude an der Arbeit. Auch hatte ich viele Freunde, mit denen ich gern mal was unternahm. Nur mit Mr. Right hatte es bisher nicht geklappt. Gut, ich war mit 25 Jahren noch jung, von daher brauchte ich mir da noch keine Sorgen zu machen.

 

An einem Tag, da passierte es, ich hatte einen Arbeitsunfall und brach mir ein Bein und zwei Rippen. Die Fraktur am Bein war ziemlich kompliziert, sodass ich operiert werden musste. Dies brachte mir auch einen längeren Krankenhausaufenthalt ein.

 

Einen Tag nach der OP bekam ich einen Zimmernachbarn. Es war ein junger Mann in meinem Alter. Obwohl er sehr nett und offen wirkte, etwas bedrückte ihn was ihn verschlossen machte. Da wir nun für einige Zeit das Zimmer teilen musste konnte ich ihn etwas beobachten, natürlich machte ich es so unauffällig wie möglich. Denn er interessierte mich und ich wollte wissen wieso er so still war.

 

In den nächsten Tagen ging es mit mir aufwärts. Vor allem ließen die Schmerzen nach. Dabei hatte ich genügend Gelegenheit Andy, so hieß mein Zimmernachbar, zu beobachten. Ab und zu unterhielten wir uns etwas, meist nur über etwas Belangloses. Doch dann fiel mir auf, immer wenn er Besuch von seinen Eltern bekam, dann wurde er ruhig und still. Es stellte sich raus, Andy und seine Familie gehörten einer kleinen christlichen Gemeinschaft an die sehr strenge Regeln hatte. Er ist mit dieser Gemeinde von klein auf aufgewachsen und kannte kaum etwas anderes als diese Gemeinde und die Menschen, die dieser angehörten.

 

Bald sollte ich mehr erfahren, auch weswegen er so in sich gekehrt war. An einem Tag, ich kam gerade von einer Untersuchung zurück, da hatte Andy wieder Besuch von seinen Eltern. Durch Zufall bekam ich mit wie diese ihm eine „Predigt“ hielten wie er sich zu verhalten hätte. Sie meinten er solle sich von fremden so weit wie möglich fern halten, er solle auch nicht vergessen seine Gebete zu beten, vor allem die, die ihn vor „sündigen Versuchungen“ schützen sollten. Dann fiel der Schlüsselsatz, wenn ihm schwule Männer begegnen sollten, dann solle er ganz besonders intensiv beten, denn diese seien vom Teufel und dass allein schon eine Begegnung mit diesen einen in die Hölle führen würde.

 

Als Andys Eltern bemerkten, dass ich wieder das Zimmer betrat wechselten sie sofort das Thema. Da wurde mir klar, sie wollten verhindern, dass er etwas von außerhalb der Gemeinde kennenlernen sollte und ihn unter Druck setzten.

 

So etwa eine Viertelstunde später verließen seine Eltern das Zimmer und beendeten den Besuch. Andy war ja nie besonders redselig, doch heute war er besonders in sich gekehrt. Es schien das er gern reden wollte, doch er wusste nicht wie er es anfangen sollte. Ihm brannte etwas auf der Seele was Andy loswerden wollte. Doch konnte er sich nicht überwinden etwas zu erzählen.

 

Der Rest des Tages ging zäh und ereignislos vorbei. Leider entwickelte sich kein Gespräch. Ziemlich früh am Abend, so gegen 21 Uhr ging das Licht aus und ans Schlafen. Doch bei mir wollte er nicht kommen und so lag ich da und grübelte so vor mich hin.

 

Auf einmal vernahm ich ein leises Schluchzen. Ich sah rüber und bemerkte, dass Andy weinte. Das berührte mich. Vorsichtig sprach ich ihn an, doch es kam keine Reaktion. Da mein Rollstuhl immer neben meinem Bett stand quälte ich mich ihn rein und rollte zu ihm rüber. Sanft nahm ich seine Hand und sprach ihn erneut an. Etwas erschrocken sah er mich an. Andy hatte nicht bemerkt, dass ich sein Weinen mitbekommen hatte.

 

Es war ganz deutlich zu spüren das Andy etwas belastete und das nicht erst seit dem letzten Besuch seiner Eltern. Ich hielt einfach seine Hand und gab ihm zu verstehen, dass ich ihm zuhören wolle, wenn er reden wolle.

 

Einige Minuten herrschte Stille. Doch dann brach es aus ihm heraus. Andy erzählte mir alles. Er fühlte sich eingeengt, von seiner Gemeinde und vor allem von seinen Eltern. Nie konnte er seinen eigenen Weg finden. Der Glaube stand immer im Vordergrund. Die Gebote und Verbote die es in seiner Gemeinde gab reglementierten alles. Selbst als er zur Schule kam änderte sich nichts. Im Gegenteil, durch dieses strenge Glaubensleben wurde er dort schnell zum Außenseiter. Und wie es so ist, Kinder können untereinander sehr grausam sein. Auch später, in der Pubertät, ging es weiter, Aufklärung und offenes Reden über Sexualität waren Fehlanzeige. Das einzige was dazu gesagt wurde war, dass man Sex erst in der Ehe haben dürfe und dann nur um Kinder zu bekommen, alles andere sei Sünde. Auch das es ehelichen Sex nur zwischen Mann und Frau geben darf, die gleichgeschlechtliche Liebe und Sex sei eine der größten Sünde. Und so ging es weiter.

 

Leichte Freiheiten bekam Andy erst als er volljährig war und eine Ausbildung begann, da diese nicht am Wohnort war konnte er ausziehen. Doch oft genug kamen seine Eltern vorbei damit er nicht zuviel von der kargen Freiheit hatte. Dadurch hatte er keine Freunde, nur hin und wieder kam es vor das er mal mit einem Kollegen, mit dem er sich verstand, einen Kaffee trinken ging.

 

Dann folgte ein Paukenschlag. Andy spürte, dass er mir vertrauen konnte und erzählte mir, er sei schwul. Und auch das er Angst hatte, dass seine Eltern das mitbekommen würde. Wie diese darauf reagierten hatte ich ja während des Besuches erlebt.

 

Nachdem Andy mit dem Erzählen fertig war, sah er mich fragend an. Er war auf meine Reaktion gespannt. In seinen Augen sah ich ein gemischtes Gefühl, einmal Angst vor meiner Antwort und auch eine gewisse Erleichterung darüber, dass er sich mal alles von der Seele reden konnte.

 

Die Angst konnte ich ihm nehmen. Während der ganzen Zeit wo Andy erzählte hielt ich ihm die Hand, auch während der kurzen Pause nachdem er fertig war hielt ich sie ihm. Ich sah ihn an und begann zu erwidern. Vor allem klärte ich es das „Schwul sein“ keine Sünde ist, denn nach dem Glauben hat Gott jeden gemacht, also ist auch die sexuelle Ausrichtung von ihm gemacht und das es nichts ist wofür man sich schämen müsse. Weiterhin versuchte ich ihn aufzubauen indem ich auf alle Punkte, die er mir erzählt hatte, einging und Verständnis für seine Situation zeigte.

 

Da geschah ein kleines Wunder, das erste Mal seit Andy bei mir im Zimmer mit lag lächelte er. Es war als ob dieses Gespräch den Knoten löste der ihn bisher eingeengt hatte. Nun fasste er Mut um aus dem Trott herauszukommen und er fragte mich ob ich ihm helfen würde.

 

„Rolf, es tat richtig gut mal alles herauszulassen.“

 

„Klar, ich hab vom ersten Tag an gemerkt das dich was belastet.“

 

„Ja, und ich möchte das ändern, ich kann so nicht mehr weitermachen.“

 

„Dann musst Du versuchen das zu ändern.“

 

„Das ist mir klar, doch ich weiß nicht so recht wie, kannst Du mir vielleicht helfen?“

 

„Wenn Du das möchtest, gern. Aber ich sag Dir eins, einfach wird es nicht, vor allem nicht mit Deinen Eltern.“

 

„Davor hab ich am meisten Angst.“

 

„Andy, hast Du eigentlich einen Job und eine eigene Wohnung?“

 

„Ja, das habe ich beides.“

 

„Das ist schon mal gut und wichtig. Wenn Du meine Meinung dazu wissen willst, dann musst Du Deinen Eltern klipp und klar sagen, dass das so mit ihnen nicht weitergeht und dass Du Dein eigenes Leben leben führen willst, ohne dass sie sich ständig einmischen.

 

„Ja, ich denke da hast Du Recht, doch mir graut es vor dem Gespräch.“

 

„Wenn Du willst und sie Dich wieder besuchen dann bleib ich im Zimmer und stärke Dir den Rücken. Und wenn Du magst spreche ich auch mit ihnen.

 

„Das würdest Du machen?“

 

„Ja klar, sonst würde ich es Dir auch nicht anbieten.“

 

So redeten wir noch eine ganze Weile. Und es war dann schon deutlich nach Mitternacht als Andy und ich uns dann endlich schlafen legten. Doch das Gespräch tat uns beiden gut, ich konnte aufhören zu grübeln und Andy konnte sich endlich öffnen und gewann Mut um sein Leben zu ändern.

 

Am nächsten Morgen kamen das Pflegepersonal herein und die normale Tagesroutine im Krankenhaus begann. Da mein Bein immer noch in Gips war bekam ich Unterstützung bei der Körperpflege während Andy duschen ging. Als wir dann wieder allein waren beim Frühstück unterhielten wir uns wieder. Andy und ich beschlossen auch über den Aufenthalt im Krankenhaus hinaus in Kontakt zu bleiben. Und wir überlegten uns wie wir es halten würden wenn seine Eltern kommen würden.

 

Am späteren Nachmittag war es dann soweit, Andys Eltern trafen ein. Sie blieben höflich, aber reserviert. Sie hofften darauf, dass ich den Raum verließ, doch den Gefallen tat ich ihnen nicht, da wurden sie etwas unruhig. Als sie versuchten mit ihrem Sohn das Zimmer zu verlassen, da fasste Andy allen Mut zusammen und sagte zum ersten Mal nein zu seinen Eltern. Das Gesicht was sie machten war urkomisch anzusehen. Sie wollten sich mit der Antwort nicht abfinden, doch er blieb standhaft. Immer mehr versuchten sie ihn zu beeinflussen und man merkte, dass Andy sich nicht wohl dabei fühlte. Dann schaltete ich mich ein, so wie ich es mit ihm abgesprochen hatte. Ich bat die Eltern höflich das Zimmer zu verlassen. Ich wies sie darauf hin, dass es Andy nicht gut ginge und er sich schonen müsse und dass sie mit ihrem hektischen Gerede die Ruhe hier im Raum störten. Dieser Gegenwind machte sie perplex und dabei wurden sie unfreundlich, so zeigte sich ihr wahres Gesicht. Doch ich ließ mich nicht von ihnen einschüchtern. Mit Nachdruck forderte ich sie auf das Zimmer zu verlassen. Und dass ich sie durch das Klinikpersonal des Raumes verweisen lassen würde wenn sie meiner Aufforderung nicht nachkommen würden. Widerwillig und mit einem grimmigen Blick taten sie wie ihnen gesagt wurde.

 

Nachdem Andy und ich wieder allein waren fing er das Zittern an, die Situation eben hatte ihn ganz schön mitgenommen. Ich kam mit meinem Rollstuhl auf ihn zu und beruhigte ihn. Vor allem machte ich ihm Mut und sagte das es total klasse war wie er sich verhalten hatte und dass er sich zum ersten Mal durchgesetzt hatte.

 

Doch wir wussten, dass dies erst der Anfang seine Loslösung war und dass seine Eltern nicht so schnell aufgeben würden. Und nach alledem was Andy mir über die Gemeinschaft erzählt hatte, so würde es mich nicht wundern wenn sie mit einem der Prediger auftauchen würden um einen erneuten Versuch zu starten weiter Einfluss auf Andy zu nehmen.

 

Ich besprach mich mit ihm. Um wirklich von seinen Eltern und dieser obskuren christlichen Gemeinschaft wegzukommen musste er einen harten Schnitt machen und alle Verbindungen kappen. Das hieß, er musste als ersten Schritt verhindern das seine Eltern und auch Leute aus seiner Gemeinde ihn nicht mehr besuchen kommen, sprich er musste es verbieten. Doch das machte ihn unsicher. Denn er kannte ja nur seine Eltern und diese Leute und er hatte Angst dann allein zu sein. Diese Angst konnte ich ihm nehmen indem ich ihn versprach zu ihm zu halten und ihm beizustehen, egal was kommen würde. Verblüfft sah er mich an.

 

„Ist das Dein Ernst Rolf?“

 

„Ja natürlich Andy.“

 

„Das hat bisher noch niemand für mich getan.“

 

„Du, dass versteht sich doch von selbst.“

 

„Wieso tust Du das für mich?“

 

„Weil ich Dich sympathisch und nett finde. Und ich finde es schlimm wenn man Menschen irgendetwas aufzwingen will.“

 

Wir schmiedeten einen Plan. Als erstes sprachen wir mit den Ärzten und dem Pflegepersonal und sorgten dafür, dass die Eltern und auch sonst niemand mehr, mit Ausnahme seines Chefs, ihn besuchen durfte. Und wir machten uns Gedanken für die Zeit nach dem Krankenhaus. Doch dazu später mehr.

 

Der Plan zeigte Wirkung. Wie nicht anders zu erwarten versuchten Andys Eltern mit Verstärkung aus der Gemeinschaft wieder zu ihm zu kommen und um ihn zu beeinflussen. Doch sie kamen nicht weit. Sie wurden durch die Stationsschwester der Station verwiesen. Das versetzte sie in Rage und sie regten sich auf. Doch die Schwester ließ sich auf keine Diskussion ein. Mit Nachdruck wiederholte sie die Verweisung und drohte die Polizei zu rufen wenn seine Eltern nebst Begleitung nicht sofort die Station verlassen würden. Frustriert und erbost zogen sie ab. Andys Eltern merkten, dass sie die Kontrolle über ihren Sohn verloren.

 

So war nun der erste Schritt für Andy getan. Doch nun musste es weiter gehen. Er fühlte sich nicht wohl dabei nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wieder allein in seine Wohnung zu müssen. Andy befürchtete, dass seine Eltern es dort wieder versuchen würden. So machte ich ihm den Vorschlag bei mir einzuziehen. Ich hatte eine geräumige Wohnung und sie eignete sich auch für eine WG. Erst war Andy etwas zurückhaltend, doch je länger wir uns darüber unterhielten umso mehr gefiel ihm der Gedanke. Wir machten noch vom Krankenhaus aus Nägel mit Köpfen. Ich sprach mit meinem Vermieter und er war einverstanden, dass ich mit Andy eine WG machen wollte. Er sagte, dass der Mietvertrag dann nur noch geändert werden müsse. Danach sprach Andy mit seinem Vermieter und kündigte seine Wohnung fristgerecht. Als nächstes rief er seinen Chef an und bat ihn mal vorbeizukommen. Dieser kam noch am gleichen Tag.

 

Andy arbeitete als Installateur bei einer kleinen Firma. Sein Chef war ein echt netter Kerl. Er wurde eingeweiht über das was passiert war. Andys Chef war bisher immer mit ihm zufrieden, doch wunderte er sich warum Andy bisher so ein stiller Typ war. Während des Gespräches wurde es ihm klar und er sagte seine Unterstützung zu damit unser Plan gelingt.

 

Einige Tage später stand dann endlich die Entlassung an. Ich konnte mittlerweile ohne Rollstuhl auskommen. Doch einige Zeit war ich noch auf Krücken angewiesen. Andy und ich konnten gleichzeitig entlassen werden. Wir gingen direkt zu mir. Wir hatten es so besprochen damit er nicht allein in seine alte Wohnung musste. Doch er musste noch einiges klären. Zum einen musste er einen Postnachsendeauftrag stellen damit seine Post zu mir kam, Dann fuhr ich mit ihm, seinem Chef und einem Kumpel von mir zu seiner alten Wohnung um das Wichtigste, wie Klamotten, Papiere und einige andere Dinge schon mit mir zu nehmen. Auch klärten wir es welche seiner Möbel mitkommen sollten. Wie sich herausstellte war es gut, dass Andy nicht allein zu seiner alten Wohnung kam. Im Gespräch mit einigen Nachbarn stellte sich heraus das seine Eltern die Wohnung beobachtet hatten. Und auch jetzt war jemand aus der Gemeinschaft hinter einer Hecke. Doch dadurch, dass Andy in Begleitung war, bestand keine Möglichkeit, ihn zu beeinflussen.

 

Nach etwa zwei Stunden waren wir dann wieder bei mir. Andy und ich tranken erstmal in Ruhe eine Tasse Kaffee und ruhten uns etwas aus. Denn komplett fit waren wir beide noch nicht.

 

Nach einer ausgedehnten Pause fingen wir an die Wohnung entsprechend umzuräumen. Das bisherige Gästezimmer wurde nun Andys Reich. Er nutzte, bis sein Schlafzimmer herübergeholt wurde, das Schlafsofa und die anderen Möbel im Zimmer. Ich half ihm dabei seine Sachen im Schrank zu verstauen. Im Keller stand noch ein alter Schreibtisch, der war noch vollkommen okay, mein Kumpel hatte ihn nach oben ins Zimmer gebracht. So konnte Andy es sich bequem machen. Da ich WLAN hatte konnte Andy seinen Computer an mein Internet mit anschließen.

 

In den nächsten Wochen ging es gesundheitlich mit uns beiden bergauf und wir konnten auch schon bald unsere Arbeit wieder aufnehmen. Auch klappte es mit unserer WG auch gut. Wir waren wie ein eingespieltes Team. Mittlerweile hatte er auch seine eigenen Möbel und seine alte Wohnung war leergeräumt.

 

Ein schwerer Schritt stand noch bevor, er musste sich endgültig von seinen Eltern und der Gemeinschaft lossagen. Nach längerem Hin und Her tat er diesen mit einem Brief. Mit meiner Hilfe setzte er ihn auf und schickte ihn am gleichen Tag noch ab. Die Antwort ließ nicht lang auf sich warten. Dieser Antwortbrief war wie ein Schlag ins Gesicht. Mit wüsten Worten verstießen sie ihren Sohn und hofften, dass er in der Hölle landen würde weil er nun ein Sünder geworden sei. Diese Worte brachten Andy zum Weinen. Mir war es unverständlich wie diese Leute das ihrem Sohn antun konnten. Unter lautem Schluchzen sank er in sich zusammen. Spontan sprang ich auf und ging auf ihn zu. Ohne nachzudenken setzte ich mich neben ihm und nahm Andy einfach in den Arm. Ohne Worte hielt ich ihn und er ließ sich an mich fallen. Mit meiner Hand strich ich ihm zärtlich durchs Haar um ihn aufzumuntern. Langsam beruhigte er sich dann. Er blickte mich an und etwas unsicher hauchte er mir einen Kuss auf die Wange.

 

Nach diesem flüchtigen Kuss auf die Wange änderte sich etwas. Andy und ich sahen uns an. Wir waren uns innerhalb weniger Wochen sehr nahe gekommen und vertraut miteinander. Es hatten sich Gefühle entwickelt. Wir hatten uns ineinander verliebt. Ehe Andy und ich uns versahen küssten wir uns. Vorsichtig und zärtlich entdeckten wir uns dabei. Eng umschlungen hielten wir uns in den Armen. Doch wir wollten nichts überstürzen und uns Zeit lassen. Denn für Andy war es das erste Mal das er sich auf einen Mann einließ. Doch das wir uns ineinander verliebt hatten war für uns beide etwas Besonderes. Es schien das Andy für mich Mr. Right war und das ich für ihn der Pol nach dem er sich gesehnt hatte.

 

In den nächsten Tagen vertiefte sich unsere Liebe zueinander. Wir lebten beide auf. Es tat uns gut. Vor allem wirkte es sich sehr positiv auf Andy aus, er blühte auf und kam aus sich raus. Ich erlebte es, dass er sogar richtig herzhaft lachen konnte. Da wusste ich, dass ich mit ihm meinen Mr. Right gefunden hatte.

 

Für ein Wochenende hatte ich etwas geplant. Ich wollte Andy zeigen, dass es viele liebe Menschen gab. So rief ich meine Eltern an und sagte ihnen, dass ich am Wochenende kommen wollte und das ich jemanden kennengelernt hatte den ich ihnen vorstellen wollte. Sie waren einverstanden und sagten zu. Und sie freuten sich darauf Andy kennenzulernen.

 

Endlich war das Wochenende da und ich fuhr mit ihm zu meinen Eltern. Andy war überrascht, doch es war eine angenehme Überraschung für ihn. Er war auf meine Eltern gespannt, er hatte mich oft positiv über sie reden hören. Als wir bei ihnen ankamen wurden wir freudig erwartet. Vater und Mutter nahmen Andy herzlich auf und begrüßten ihn so als ob er schon immer dazu gehörte. Das tat ihm richtig gut, denn so ein herzliches Verhalten hatte er bei seinen Eltern nie erlebt. Es wurde ein schönes Wochenende das wir richtig genossen.

 

Als wir dort waren schliefen wir das erste Mal miteinander. Es war eine wundervolle Nacht voller Liebe und Zärtlichkeiten. Die Vereinigung war so intensiv und schön wie man es nicht beschreiben kann. Es war als ob wir uns gesucht und gefunden hätten. Obwohl ich selbst schon Erfahrungen mit Männern hatte, so war diese Nacht für mich etwas ganz besonderes. Noch nie hatte ich es so empfunden.

 

Als Andy und ich am Sonntagnachmittag heim fuhren bedankte er sich noch dafür das ich ihn mit meinen Eltern bekannt gemacht hatte. Man merkte, dass er sich bei ihnen wohlgefühlt hat.

 

Nun begann wieder der Alltag. An einem Tag, wir wollten noch nach Feierabend einkaufen, kam eine etwas knifflige Situation. Wir begegneten seinen Eltern. Sie sahen uns auch. Doch dieser Augenblick ging schnell vorbei. Sie sagten nichts und gingen einfach weiter. An ihrem Blick war zu sehen, dass sie nichts mehr mit Andy zu tun haben wollten. Erst hatte ich Sorge, dass es ihn mitnehmen könnte, doch das war unbegründet. Er war darüber hinweg.

 

Nun wo es Andy gelungen war in ein neues Leben zu starten konnten wir unbeschwert an uns und unsere Zukunft denken. Unsere Liebe ist gewachsen und hält. Andy hat mittlerweile auch noch Freunde gefunden was ihm weitere Stabilität gab. Auch zu meinen Eltern hat er eine herzliche Beziehung aufgebaut. Was mich besonders erfreut, sie sehen ihn wie einen zweiten Sohn an. Er gehörte einfach dazu. Und wer weiß, es könnte sein das er demnächst sogar offiziell zur Familie. Auszuschließen ist es nicht.

 

Als Andy und ich uns damals im Krankenhaus kennenlernten hätte keiner von uns daran gedacht, dass es so kommen würde. Doch wie so oft kam es anders als man dachte. Dieses alte Sprichwort hat sich wieder einmal als wahres Wort erwiesen. Und das ist auch gut so.

 

Epilog

Einige Zeit, nach der letzten Begegnung, mit Andys Eltern, gab es einen Bericht über die christliche Gemeinschaft in der Zeitung. Es wurde dort berichtet, dass diese in Schwierigkeiten steckte. Zum einen gab es viele Aussteiger und die Gemeinde wurde immer kleiner und dann gab es Ermittlungen gegen sie wegen Nötigung und tätlichen Übergriffen.

 

Leider kommt es immer wieder vor das religiöse Gemeinschaften über das Ziel hinausschießen und die gute Botschaft des Glaubens fehlinterpretieren. Der Glaube an sich ist etwas sehr positives, es kann dem Menschen Kraft und Halt geben, gerade in schwierigen Lebenslagen. Doch um mal ein Wort Jesu zu gebrauchen mit einer Interpretation dazu: „Der Sabbat ist um der Menschen willen geschaffen worden und nicht der Mensch um des Sabbat willen.“ Das kann man auch wie folgt ergänzen und interpretieren. Der Glaube ist für den Menschen da um ihm zu helfen und zu stärken und nicht das der Mensch für den Glauben da ist. Denn ohne den Menschen würde es auch nicht den Glauben geben. Denn wenn der Mensch einen Glauben hat, sei es der Glaube an Gott, an die Liebe, an die Natur oder woran man sonst glauben kann, dann kann es ihm Kraft geben um besser durchs Leben zu kommen und es dient dem besseren Verständnis unter den Menschen. Nur so kann der Glaube etwas Gutes bewirken wenn der Mensch sich darin frei entfalten kann. Aber wenn der Mensch sich dem Glauben unterordnen soll, dann geschieht das genaue Gegenteil. Und das soll es ja nicht sein. Der Glaube an das Gute und an das Glück sollte die Triebfeder sein, welches für alle Menschen gleich gilt.

 

Copyright: 08.02.2015

Autor: H. A. Grenz

 

Anmerkungen

Die Geschichte wurde durch Karin Kaiser beta-gelesen und korrigiert.

 

Das Coverbild stammt von pixabay.com.

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 15.02.2015

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Dieses Buch widme ich Karsten und Sven, zwei Freunden die ich sehr schätze. Ich widme es ihnen nachträglich zu ihrer Hochzeit.

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