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VORWORT

 

 

 

 

 >Der Du Dein Herz nicht festzuhalten vermagst, lies nicht weiter!

 

 Der Du der Stärke Deiner Seele misstraust, wähle:

 

 Hier Verzicht und Ruhe – dort Neugier und Verderben!<

 

 

(Gustav Meyrink: „Der Engel vom westlichen Fenster“)

 

DER TRASHER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"KLABUSTERBEEREN"

GORETEX MAOISMUS

 

>Durch viele Zitate vermehrt man seinen Anspruch auf Gelehrsamkeit, vermindert den auf Originalität.<

 

(Arthur Schopenhauer)

 

 

 

 Vor einiger Zeit stand ich im milden Berliner Frühling inmitten einer satt mit Menschenfleisch gemästeten U-Bahn. Dabei war ich ausnahmslos umringt von Anhängern subtiler Textilsekten, zweier sich im ewigen Ringen gegenüberstehender Systeme: Yin und Yang, Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Rechts oder Links, Null oder Eins!

Jeder kennt das Phänomen, wenn zuvor schon monatelang unterbewusst wahrgenommene Sachverhalte, von einer Sekunde auf die andere, mit Macht an die Oberfläche drängen. Schneller, rücksichtsloser und nachdrücklicher, als jedes billige polnische Amphetamin.

 

Auf den ersten Blick war nun wirklich kein Unterschied zwischen diesen Menschen auszumachen. Doch bei genauem Hinsehen gaben sie sich dezent zu erkennen:

 

Die eine Gemeinschaft hatte als gemeinsames Erkennungszeichen die Tatze eines Wolfes erwählt, die sie als stolzes Emblem mitten auf dem Herzen trug. Die Gegenpartei hatte sich geschickter getarnt. Von vorne hätte man ihre erstaunlichen Jacken durchaus mit der ihrer Opponenten verwechseln können. Doch das seltsame Tieremblem fehlte. Wenn man sich ihnen behutsam von hinten näherte, gaben sie jedoch rasch ihre Zugehörigkeit Preis: Spiegelverkehrt zur Sekte der Wölfe, fand man auf ihrem rechten Schulterblatt den Namen der geheimnisvollen Vereinigung:

 

Sie nannten sich wohl die „Nordgesichter“!

 

Beide Religionsgemeinschaften beriefen sich anscheinend auf einen heidnisch-nordisch geprägten Hintergrund, aus vorchristlicher Zeit. Was bei mir reflexartig einen historisch bedingten Argwohn auslöste. Meine Miene suchte ihr sofortiges Heil in nach außen getragener Teilnahmslosigkeit. Das schien auch der probate Gestus in Reihen der seltsamen Sektierer zu sein. Normal tun. Ganz selbstverständlich und freundlich.

 

Um so schrecklicher, wenn man um die ganze Dimension ihrer dunklen Geheimnisse weiß.

 

Ich spähte vorsichtig durch die Bahn und fand mich in Reihen sehr weniger Dissidenten ohne Allwetterjacke wieder. Also in einer absoluten Außenseiterrolle. Die Minorität neigt wie immer schnell zur Paranoia. Überall Wölfe und Nordgesichter, wohin man auch schaute. Ich senkte rasch meinen Blick und erinnerte mich, dass ich diese Erkennungszeichen schon früher gesehen hatte. Seinerzeit wohl noch einem kleinen, elitären Zirkel vorbehalten. Oft junge Männer, mit Rucksäcken und Fahrradklammern an den Hosen.

 

Es war diesen einstigen Geheimlogen sicher ebenso ergangen, wie vielen totalitären Massenbewegungen in ihren Anfängen:

 

Zunächst einzig hochgebildeten, Fortschrittsgläubigen Individuen vorbehalten, die vielleicht auf Trekkingreisen in ferne Länder mit dieser seltsamen Weltanschauung in Kontakt kamen. Dann daheim zögerliche Missionierung des direkten Umfeldes, als gemeinsame Utopie gewissermaßen.

 

Irgendwann zwangsläufig konspirative Treffen im Schein heller Fackeln, an dunklen, verborgenen Orten. Geheime Rituale, ungeheure Riten und blasphemische Liturgien unerhörten Ausmaßes. Schließlich die radikale Expansion, das Erobern größerer Bevölkerungsgruppen, einhergehend mit einer gewissen Nivellierung und Gewaltbereitschaft gegenüber anders Denkenden. Allmachtsfantasien. Weltherrschaftsträume.

 

Es kam sicher zu einer Abspaltung. Man war sich uneins. Vielleicht sogar darüber, ob es wirklich ästhetisch und physisch Sinn machte, diese Wildnis-taugliche Spezialbekleidung in äußerst auffälligen Farbkombinationen, stets auch in perfekt überheiztem Nahverkehr oder klimatisierten Einkaufszentren zu tragen. Komme was da wolle! Sommer wie Winter. Im Regen wie im Sonnenschein.

 

Schon war die alte Dialektik neu beschworen, schwangen sich beide Seiten zu großer Dynamik auf, die sie nun offenkundig eine vormals geheime Mehrheit der Bevölkerung stellen lässt.

 

Vielleicht war ihr heraufbeschworener Konflikt auch nur ein inszenierter Scheinkampf für die Anderen? Und am Ende steht die weltumspannende Vereinigung? Schließlich gab es mittlerweile auch noch weitere, sehr elitäre Kasten, zusätzliche kleine Zirkel, die ihre oberen Kader mit Mammut-Symbolik oder Indianerköpfen ausstatteten.

 

Meinem wachen Auge entging auch in der überfüllten Hochbahn kein noch so winziges Detail.

 

Im Grunde konnten Außenstehende die beiden Parteien äußerlich nur wenig differenzieren. Die einen wirkten wie maoistische Kader, schlicht, demütig und konformistisch bis ins Massengrab. Die andere Seite zum Verwechseln ähnlich, vielleicht mit einem winzigen Hauch mehr vom Laissez-faire kubanischer Militärberater in Angola gesegnet.

 

Und so lag der penetrant-schweflige Geruch einer Weltverschwörung in der Luft der großen, stinkenden Stadt im märkischen Sand.

 

Von den Illuminaten erzählt man sich ja auch, dass sie seit Jahrhunderten immer beide Seiten einer Revolution finanzieren, um auf Nummer sicher zu gehen. Zum historischen Showdown wird dann behende die Milde vortäuschende Maske vom Gesicht gerissen, Vereinigung der vermeintlichen Gegner und schon folgt die große Weltdiktatur.

 

Was sollte ich nur tun? Warum hatte ich den Einstieg in eine der beiden Religionsgemeinschaften verpasst? War ich ihrer nicht würdig? Oder konnte man mittlerweile gar nicht mehr freiwillig beitreten, sondern wurde eher unter Zwang rekrutiert? Mittels Drogen- und Hypnose gestützter Gehirnwäsche und blutig-erotischem schwarzen Ritual? Eine Art Gore-Tex-Massentaufe in finsteren Katakomben, mit murmelnden Kapuzenträgern, blutigen Beschneidungen und finaler Aushändigung einer Allwetter-Jacke als geheimer Uniform?

 

Zunehmend verunsichert, mich letztlich auch unangenehm beobachtet fühlend, lenkte ich meinen Blick krampfhaft auf die Darstellung des Berliner Nahverkehrsnetzes über meinem Kopf. Es war spät geworden in der ratternden U-Bahn und meine immense Panik befeuerte meine Fantasie.

Gab es nicht in London diese sogenannten Geisterbahnhöfe? Stillgelegte, oder nie in Betrieb genommene Einrichtungen unter der Erde? Sofort schoss die Erinnerung an „Tunnel der lebenden Leichen“ in mein Angst-trunkenes Hirn. Altes B-Movie. Der Kultschauspieler Donald Pleasance auf den Spuren Menschen fressender Inzuchtfamilien, die vor vielen Jahren schurkisch in ewiger Dunkelheit der Ubahn verschüttet wurden? Und nun chronisch blutarm Ihre Opfer suchten?

 

Waren solch geschlossene unterirdische Bahnhöfe nicht auch zu Zeiten der Mauer in Berlin Gang und Gäbe? Was, wenn diese Bahn mit all ihren Verschwörern an der vermeintlichen Endstation vorbei raste, um mich, wie auch die wenigen anderen freien Menschen an Bord, ihrer grausigen Bestimmung zuzuführen?

 

Einem außerirdischen Götzen zu opfern, halb Wolf, halb Reptil, groß wie ein Einfamilienhaus, bösartig und stets gefräßig Abweichler in sich hineinstopfend, deren Beinchen noch putzig strampelnd aus seinem von unzähligen, blutigen Reißzähnen bewehrten Maul baumelten? Dahinter ein dunkel summendes riesiges, fluoreszierendes Raumschiff, natürlich in klassischer Untertassenform, alle Ufo-Klischees höhnisch in sich vereinend?

 

Umgeben von einer wogenden Menge willfähriger, irdischer Nordgesichter, die ihre Gesichter starren Blickes nach Norden ausgerichtet halten und laut singend den Blau glühenden, ewig fauligen Katakomben-Boden küssen?

 

Ich spannte meine Muskeln an, der Blutdruck stieg, mein Herz raste Viagrawild, das Adrenalin riss meine Pupillen förmlich auseinander. Endlich war der nächste U-Bahn Halt erreicht. Die Türen öffneten sich, ich tat unbeteiligt, wartete endlose fünfzehn Sekunden, um dann beim erlösenden Signal des Schließmechanismus, mit einem gewaltigen Satz aufzuspringen und aus dem Waggon zu hechten.

 

Ohne mich noch einmal nach möglichen Verfolgern umzudrehen, rannte ich atemlos bis zur Treppe, nahm die ersten Stufen wie im Fluge und wagte erst dort einen kurzen Blick über die Schulter auf die abfahrende Bahn. Die Sektierer bewahrten hinter ihren Glasscheiben vollkommene Ruhe. Sie starrten mich lächelnd an, einer schüttelte sogar sanft den Kopf.

 

Man war sich des kommenden Sieges wohl vollkommen sicher.

 

Entsetzlich!

 

EIN UNFASSBARER TRASHER

 

 "Goretex-Maoismus." Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Er schreibt also tatsächlich und ist niemand, der nur darüber trinkt und redet.

 

Der Trasher war mir irgendwann in einer Berliner Bar über den Weg gelaufen: In einer dieser typisch alkoholischen Nacht-Bekanntschaften, von denen man sich am nächsten Tag nie ganz sicher sein kann, ob sie wirklich so stattgefunden haben oder nur imaginiert wurden. Was genau geschah, werde ich ein anderes Mal schildern. Wenn wir einige Seiten mehr Zeit haben und sich die seltsamen Dinge um ihn herum deutlicher und weniger neblig zeigen. Aber so viel will ich verraten:

 

Der Typ war im Grunde eine reine Zufallsbegegnung. Er hatte mich auf eine etwas unheimliche Art und Weise fasziniert, obwohl ich anschließend fast jegliche Erinnerung an sein tatsächliches Aussehen verloren hatte. Er redete pointiert, direkt und sehr entwaffnend. Außerdem gab er ein Bier nach dem anderen aus und stellte sich kurz und knapp als „Der Trasher“ vor. Die Kellnerin nannte ihn ebenso, als sei es das Natürlichste der Welt.

 

Dieser Mensch, irgendwie nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt, fluoreszierte charismatisch vor sich hin, während er, von sehr genauem Hass erfüllt, fröhliche Tiraden in mein Ohr träufelte. Ich kam selbst kaum zu Wort, genoss es aber, mich von ihm gut und bösartig unterhalten zu fühlen.

 

Schließlich gelangten wir an eine Stelle der Kommunikation, die die Nennung meines eigenen Namens erforderte. Etwas in mir ließ mich zögern. Dieser Kerl nannte sich in deutlicher Selbstironie „Der Trasher“, gab viel von seinem Denken preis, man könnte sagen, er zog sich fast seelisch bis auf die krustige Unterhose vor mir aus. Aber er war nicht bereit, wirkliche Hinweise auf seine wahre Identität zu geben. Und nun verlangte ausgerechnet er von mir, quasi mein Familienstammbuch auf die Schnapsfleckige Theke zu legen.

 

„Mein Name ist äh, Paul...äh... Paul Mann!“

 

„Paulmann?“, erwiderte er, fast sein Bier ausspuckend.

 

„Wie der Konrektor Paulmann bei E.T.A. Hoffmann? Der goldene Topf? Des Konrektors Paulmann Sanitätsknaster und die goldgrünen Schlangen? 

 

Hahaha, na sei es drum, das gefällt mir, dann nenne ich dich von nun an Konrektor Paulmann, mir soll es Recht sein.“

 

Dabei schlug er mir fast väterlich auf die Schulter und wirkte auf eine unbestimmte Art sehr zufrieden.

 

Ich hatte also einen neuen, seltsamen Freund gewonnen, sei es auch nur für diese eine, Hopfenselige Nacht, der bereit war mir seine Geschichten zu erzählen. Dafür war ich ja im Grunde unterwegs, wie ein wortkarger Fischer, der seine dürftigen Netze im Quecksilber vergifteten See auswirft.

 

Oder ein durch den vielen Schnee verrückt gewordener bärtiger Goldgräber in Alaska, stets bemüht, aus all dem Abfallgestein der alltäglichen Abenteuer der Menschen seiner Stadt, diesen einen, winzigen Goldsplitter von Wahrheit im Sieb zu finden.

 

Eine Idee, irgend etwas das mich aufregte, oder mein Interesse länger als einen Tag zu fesseln im Stande war.

 

Denn ich betrachtete mich selbst als ein totes Gefäß. Vielleicht groß, vielleicht bauchig, vielleicht solide aus Ton gebrannt und sogar reich und kunstfertig verziert, aber letztlich irgendwie leer. Ich harrte darauf befüllt zu werden, mit Geschichten, mit Wahrheiten, ganzen oder halben. Mit gut Erlogenem, Selbstbetrug, Hochstapeleien, Schicksalsschlägen und echten Gefühlen. Irgend etwas Dramatisches oder Tragisches vielleicht. Dinge, die sich groß anfühlen, keine Ahnung was genau.

 

Im Grunde suchte ich eigentlich Trigger.

 

Einen Auslöser, um diese angestaute Wortflut in mir loslassen zu können. Dieser riesige See, hinter der selbstgebauten Mauer meines Schweigens. Ich wollte es aufschreiben und mitteilen. Ganz einfach, platt und wenn man so will, eitel. Meine Selbstgefälligkeit in hübsche Formen gießen und die Welt dazu zwingen, sie betrachten zu müssen. Aber bislang hatte es nicht gereicht. Das war es, was ich dachte. Und so hatte ich das große Zaudern schließlich bis zu einiger Meisterschaft kultiviert.

 

Vielleicht konnte dieser Trasher ja den entscheidenden Funken liefern.

 

„Ich schreibe übrigens... so dann und wann zumindest.

Wenn mir danach ist, haue ich einfach einige Zeilen runter...“, sagte der Trasher plötzlich unvermittelt, als wenn er für einen kurzen Moment in mein kleines, wundes Seelchen gespäht hätte.

 

Ich merkte auf und sah ihm in die Augen.

 

„Im Grunde ist das keine große Sache, die Geschichten liegen auf der Straße, überall, man muss sie nur aufheben, den Dreck abwischen, kurz protokollieren und abheften. Das ist weder Raketenwissenschaft noch Zauberei.“

 

Ach, so einer war er, Typ verhindertes Genie, Roman schreibender Landschaftsgärtner oder dichtender Alkoholiker.

Mein alter Reisegefährte der Enttäuschung machte sich wieder, räuspernd und den Kopf schüttelnd, bemerkbar. Doch nur wieder einer dieser verschrobenen Typen, von denen die Stadt nächtens so zu wimmeln schien.

 

Ich hatte schon einige davon an meinem argwöhnischen Hirn vorbeireiten gesehen. Kaputte Existenzen, auf den ersten Blick ganz witzig, aber im Grunde einfache Verlierer mit vielleicht etwas ausgefeilteren Lebenslügen.

 

Wie jener langhaarige, weißbärtige Taxifahrer, der seit 35 Jahren nur von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang fuhr. Im Winter länger, im Sommer kürzer. Der die Sonne mied wie ein Vampir. Irgendwann mal in Berlin gestrandet war, um dem Wehrdienst zu entgehen, dann vorzeitig dem Studium entkommen war und schließlich sogar dem Leben entflohen.

 

Jeden Morgen trank er sich, nach seiner Schicht in der Kneipe unter seiner Ein-Zimmer-Behausung, mit Hilfe von drei bis vier großen Weizenbier müde und schwieg die hölzerne Theke an. Er sprach nur unter Einsatz einiger spendierter Schnäpse, dann jedoch sehr sanft, leise und vor allem enttäuscht.

 

Sollte der Trasher aus dem gleichen Holz geschnitzt sein, nur mit viel schillernderer Oberfläche?

Falsches, billiges Wortperlmutt?

 

„Ich korrigiere den Scheiß auch so gut wie nie. Der Fluss muss stimmen, die Emotion echt sein, der Ärger frisch und aufrichtig, wie eine offene Wunde. Keine, die man sich später immer wieder zwanghaft unterm Schorf aufknibbelt, um was zu fühlen. Nein, einfach raus damit! Wenn die Blase vollgesoffen ist, dann stellt man sich ja auch an die Rinne und lässt laufen. Alles andere ist reine Gedankenkacke. Wichsen auf Papier.“

 

Ein Funken Hoffnung erwachte in mir. Diese fremde Exotik des Denkens. Ich weiß nicht, ob sie echt und richtig war, aber sie klang so anders. Ich betrachtete ihn verwundert von der Seite, wie einstmals sicher brave Hamburger Bürger, ihre ersten Afrikaner in der großen Völkerschau von Hagenbeck's Tierpark anstarrten.

 

Sollte es das wirklich geben? Das Goldkörnchen im menschlichen Sand?

 

„Eigentlich verachte ich sie ja. Diese Schreiberei. Obwohl... das Schreiben an sich ist ja eher unschuldig. Es sind die Schreiber, die ich nicht mag. Diese eitlen Gauner. Wollen ihr Zeug am liebsten in Stein meißeln und noch in Jahrtausenden im Museum stehen haben.

 

Erektion für Äonen. Meinetwegen auch üppige Brüste unter dünnem, transparenten Sommerkleid.

Egal ob Mann oder Frau. Da sind beide gleich schlimm. Eitle zurschaustellung geistiger Potenz."

 

"Ich weiß gar nicht so genau, warum ich das selbst hin und wieder tun muss. Bin wohl auch nur so ein kleines geiles Säugetier. Aber es tut gut. Wie die Verrichtung einer tüchtigen Notdurft. Das muss aus mir raus, weil es drückt, drängt oder sonst übel schmerzt."

 

"Man sollte nur seine Scheiße nicht der ganzen Welt unbedingt zwanghaft zeigen wollen."

 

"Ich bin der Meinung, das ein einziger Leser im Grunde vollkommen reicht. Der kann ungestört deinen Kot anstarren, wie eine Mami, die ins Töpfchen des Kleinen schaut und sich vergewissert, ob er auch gut verdaut hat.“

 

Hatte er das wirklich gesagt? Hatte der Trasher behauptet, nur für einen einzigen Leser zu schreiben? Oder vermischten sich meine alkoholisch driftenden Gedanken mit seinem Wortschall zu einem privaten utopischen Roman, nur für mich bestimmt?

 

„Du schreibst wirklich nur für einen Leser? Stimmt das? Oder willst du mich jetzt verarschen? Gibt es da einen einzigen Menschen auf der Welt, der deine Texte liest? Schon immer und womöglich bis zu seinem Tod?“

 

„Nein, nein!“, entgegnete er. „Das wechselt schon. Man kann nicht ein einziges Geschöpf als Toilette benutzen. Wäre auch zu viel verlangt. Die haben ja keine Wortkanalisation an sich angeschlossen. Irgendwann laufen sie mal über, wie eine Jauchegrube hinter dem Haus."

 

 "Ich variiere das, je nach Lust und Laune. Manche vertragen eher den flüssigen Buchstabendurchfall, andere benötigen die harten, festen unerbittlichen Würste. Einige Leser verschwinden auch wieder, wollen oder können nicht mehr."

 

"Aber mir sagt es sehr zu, wenn ich beim Schreiben genau weiß, in welches Gehirn ich da gerade hinein kote. Ich mag keine Beliebigkeit oder langes sich erklären müssen. Nur um auch ja nicht falsch verstanden zu werden, von einem dieser wankelmütigen kleinen Geschöpfe dort draußen."

 

"Man hat schließlich so eine Art Verantwortung, verstehst du? Jedes in die Welt gesetzte Wort, ist für mich wie eine Verpflichtung, diesen Gedanken auch einhalten zu müssen.“

 

„Puh!“, entgegnete ich ihm. „Das ist ganz schöner Mist, den du mir da erzählst.

Als wenn jemand sowas wirklich tun würde. Sicher, es gibt diese Unverstandenen, die sich nicht trauen irgend etwas anderen Menschen zu zeigen und die irgendwann, kurz vor ihrem Selbstmord, alle Manuskripte verbrennen."

 

 "Oder diese ganzen posthumen Veröffentlichungen, der Traum aller Spinner. Aber nur ein Leser? Hast du gerade einen Leser oder suchst du noch?“

 

„Derzeit gebe ich meiner Ollen ab und an mal was zu lesen, aber für Frauen die man sowieso schon fickt zu schreiben, ist eine ganz heikle Angelegenheit. Im Grunde auch Sinnlos. Das macht man eher vorher, in der Anbahnung, als Jagdwerkzeug. Oder wenn man sie loswerden will. Dann schreibe ich einfach runter, was ich wirklich denke. Die schlichte ungeschönte Wahrheit. Also meine persönliche Spezialwahrheit natürlich."

 

Schon sind sie schneller weg, als du gucken kannst!"

 

"Ich suche aktuell wirklich einen neuen Leser.

Aber ich denke, ich habe ihn schon gefunden...Magst du mein Leser sein?“

 

Dabei wich er meinem Blick aus, als wäre ihm endlich einmal etwas wirklich wichtig und damit potenziell auch peinlich. Das war derart grotesk und wie nur für mich gemacht, das es schon unwirklich erschien.

 

„Ich mache das so: Ich schreibe dir jetzt meine E-Mail Adresse auf. Falls es dich tatsächlich auch nüchtern noch interessiert, dann antworte mir doch kurz. Irgendwann schicke ich dir einen Text. Wenn du bereust, deinen Abend mit mir vergeudet zu haben, vergiss die ganze Sache und wir hören nie wieder von einander. Du musst mir auf die Texte auch nicht antworten, ich erwarte keine Kommentare oder so. Wenn du nicht mehr willst, schicke mir kurzerhand eine Mail mit dem Betreff:

 

>Hör bitte einfach damit auf!<.“

 

Er kritzelte etwas auf einen umherliegenden Bierdeckel und steckte ihn mir in die Jackentasche. Dann verschwand er auf die Toilette und tauchte nicht wieder auf.

 

Einige Tage später fand ich den zerknickten Deckel in meiner Tasche. Ich hatte den Vorfall tatsächlich schon etwas verdrängt. Vielleicht als Selbstschutz, aus Angst oder sonstigem Psychomüll, der Menschen nun mal so in ihrem Leben umtreibt. Ich legte seine Mail Adresse auf meinen Schreibtisch und ließ mir noch weitere Tage Zeit, bevor ich mich wirklich damit befasste. dertrasher@rocketmail.com. Das war alles.

 

Eines abends siegte meine Gier, mein Goldgräberfieber war wieder da, ich wollte dieser neuen Mine doch auf den Grund gehen.

Ich erinnerte mich meiner Scheinidentität, legte eine neue Adresse als >Konrektor Paulmann< an und schickte dem Trasher eine leere Mail, mit der Betreffzeile:

 

„Deine Kloschüssel ist jetzt bereit!“

KLICK

 

  >Manchmal, wenn du den großen Horror hast, ist eine gute Geschichte das einzige, was noch hilft.<

 

(Jörg Fauser: „Der Schneemann“)

 

 

 

 Es gibt ein sehr spezifisches, leises Geräusch, das ich in dieser Reinform zum ersten Mal bei einer  Musikmesse hörte. Ein mir flüchtig bekannter Manager einer großen Plattenfirma war ein Meister im Erzeugen dieses ungewöhnlichen Naturklangs. Während er in den lauten Messehallen lange hanseatisch monologisierte, wurde seine Rede stets von einem leisen Schmatzen begleitet, mit dem er die Lücken zwischen einzelnen Sätzen elegant aufzufüllen wusste. Es war so ein verzweifelter Kampf des Gaumens und der Zunge nach ausreichend Speichel, der anscheinend auch nicht durch exzessives Trinken zu gewinnen war.

 

Einordnen konnte ich dieses Klickgeräusch erst etwas später.

 

Der Industriekapitän erzählte freimütig und beschwingt davon, noch am Vortag am ganzen Körper von Insekten bedeckt gewesen zu sein. Auch die Wände und der Fußboden seines Hotelzimmers waren angeblich dieser biblischen Plage anheim gefallen. Er war recht stolz darauf, das selbst das herbeigerufene Hotelpersonal und auch die Sanitäter des Rettungswagens, der krabbelnden Eindringlinge partout nicht gewahr werden konnten.

 

Nein, nur ihm zeigten sie sich. Eine heilige, wahrscheinlich göttliche Offenbarung! Lachend und schmatzend setzte er seine unglaublichen Schilderungen fort, als man mich von anderer Seite jemand am Ärmel zog und „Kokspara“ ins Ohr flüsterte. Sollte etwa dies Geräusch mit jenem Geheimnis umwitterten indigenen Marschierpulver zu tun haben?

 

Seither folgt mir ein sehr spezieller akustischer Reiz durch mein Leben. Oft begleitet von leicht epileptischen Hand- und Fingerbewegungen der jeweiligen Interpreten, die diese virtuos durch zu lange, aber um so kältere Berührungen an meinem Arm zu unterstreichen wissen.

 

Eindrucksvoll verstärkt wurden meine Eindrücke, als ich vor Jahren die Ehre hatte, mit einem für diese Form der pulverisierten Lebensführung sehr bekannten DJ im Studio verweilen zu dürfen. Es war immerhin schon Dienstag, früh in der Woche aber spät am Nachmittag, als er mich in einer Pause heimlich in die Ecke zog und mit einem kaum verständlichen Gestammel, stets zuverlässig unterbrochen von diesem signifikanten Schmatzgeräusch, etwas Wichtiges zu verstehen geben wollte. Er holte ein kleines Papierbriefchen aus der Hosentasche, rollte einen Schein und füllte ihn im unteren Drittel mit dem ominösen, pudrigen Inhalt.

Schließlich überzeugte er mich davon, das es für alle Beteiligten und den Fortgang der Menschheitsgeschichte das Beste sei, wenn ich ihm sein Kokain direkt in die Nase bliese.

 

Ein Mann ein Wort. Man ist kein Unmensch und hilft ja, wo man kann.

Selten habe ich den Kopf eines Menschen so kurz vor der Explosion stehen sehen!

 

Gut, dass er in seinem Zustand nicht auch noch auf die ultimative rektale Einbringung seines Lebenselixiers in seine Blutbahn bestand. Das wäre mir zu viel der neuen Lebenserfahrung gewesen. Jedenfalls war er sofort in der Lage dem Geschehen im Studio für einige Zeit zu folgen. Bevor er nach einem komplett schlaflosen Wochenende schließlich neben mir sitzend einnickte.

Dabei murmelte er irgendetwas, schlug mit den Armen um sich, bäumte sich auf und rief schließlich „Mama!“

Das hatte ich von einem Porsche fahrenden Mann, Mitte dreißig, nicht so unmittelbar erwartet. Aber er schien daheim angekommen zu sein.

Irgendwie.

 

Nun wusste ich also genau, wie man sich seine Zukunft gewiss nicht vorstellen wollte. Leider ist meine zweifelhafte Karriere durchzogen von Begegnungen mit schmatzenden Zeitgenossen aller Farben.

 

Neulich wurde ich von einer Freundin aus Australien in eine der teuren Bars eines großen Berliner Hotels geschleppt. Der schon ältere Lebensgefährte ihrer Freundin, ein gemachter Mann versteht sich, wartete dort angeblich auf uns mit Unmengen Champagner. Damit kriegt man mich natürlich leicht um den Finger gewickelt. Unser Gastgeber stand am Tresen, in bester Laune, orderte gleich noch zwei Flaschen, legte seinen Arm um mich und begann mir deutlich zu machen, welch großartiger Kerl er sei. Im Hintergrund spielte eine elegant gewandete Band „Wicked Game“ von Chris Isaak. Eine Oligarchenfamilie aus irgendeiner russischen Teil-Republik, ließ groß auffahren, Werber aus London, Makler und Halbnutten staksten starrbeinig allenthalben um mich herum.

 

Und doch war da wieder dieses Geräusch zu hören. Es kam direkt aus dem Mund des etwa 50-jährigen Zahnarztes und Immobilienhais, der mich seit der Begrüßung im kalt-schwitzigen Klammergriff hielt und mir nach knapp drei Minuten ein hübsches Angebot unterbreitete. Mit Hilfe seines trockenen Mundes und dem schnell mehrfach an der Nase vorbeifahrenden Daumen, glaubte er es mir zügig schmackhaft machen zu können.

Er habe heute ein gutes Geschäft gemacht, ich sei ja auch ein rechter Lebemann und würde eine gute Nase aufs Haus, doch sicher schon zu schätzen wissen, oder?

 

Nun ja, ich denke dass vor allem die Tatsache, dass mittlerweile drei Schampusflaschen geöffnet vor mir stehend regelrecht nach mir schrien und der Ekel davor, innerhalb weniger Minuten auch regelmäßig zu diesen Klickgeräuschen verurteilt zu sein, mich sein Angebot sehr höflich nach hinten verschieben ließ.

 

Man kokst nicht mit jedem dahergelaufenen Arschloch. Sofort war ich nur noch von halbem Interesse für ihn und widmete er sich nun mehr meiner australischen Freundin und den anderen Schurken an der Bar.

 

Nach ein paar Stunden fand ich mich in einem angenehmen Champagner-High, inmitten von Ärzten, Anwälten, Artdirektoren, Maklern, Barmännern und Musikern, die ständig Klickgeräusche von sich gaben, wie eine Delphinschule beim Gangbang. Ekeliger Schauer tropfte mein trunkenes Rückenmark hinab.

 

Doch im Grunde fühlte ich mich wie eine unbefleckte Nonne – Rein!

ALLES MUSS - NICHTS KANN!

 

 >Mistah Kurtz. He dead.<

 

(Joseph Conrad)

 

 

 

Ich bin umgezogen. Habe meinen Kiez verlassen und "rüber" gemacht, in den alten Berliner Westen.

 

 Ein Schock. Alles ist anders. Nicht, das ich aus einer sicheren Stellung als Hausmeister und Denunziant einer Plattenbausiedlung im Marzahn geflohen wäre. Nein. Und ich spiele nun auch nicht den frivolen Poolboy einer läufigen Witwe, mit prächtiger Villa im Grunewald, ebenfalls nein!

 

Es ging weder um Architektur, noch um Sex. (Seltsame Mischung übrigens)

 

Es waren die Menschen, deren Gesichter, der Dreck der Straße, schlimme Farben und bescheuerte Gerüche.

 

In meiner Ostberliner Exilantenwohnung schaute ich aus dem fünften Stock über eine riesige, lichtverseuchte Brache, bis zum schon obligatorischen, postkartenartigen Fernsehturm. Täglich so unfassbar ekelhaft kitschig, wie aus einer einfallslosen Berliner Bierwerbung.

Wahrscheinlich waren meine Augen im Besitz einer der unverbautesten Aussichten in Südlage weit und breit.

 

In Tiergarten angelangt, starre ich fassungslos auf einen in mindestens zehntausend verschiedenen Grautönen flirrenden Hinterhof. Er wartet sicher schon seit einem ganzen Jahrhundert auf das nie eingehaltene Versprechen frischen Sonnenlichts. Dabei leiste ich ihm nun treulich Gesellschaft und sehe gelassen meiner früher strahlenden Augenfarbe beim trüben Verblassen zu.

 

Am Tag meines Umzuges, durchwanderte ich in selten sentimentaler Schwelgerei mein nun bald altes Viertel. Bis hinunter zur extra zu diesem Zweck für die Touristen von Abendsonne bestrahlten Warschauer Brücke. Einzig um dort die finale Bahn gen Westen zu nehmen. Wie ein ausgewiesener und freigekaufter Dissident. Kurz vor meiner Abschiebung, badete ich noch ein letztes Mal in den Eindrücken der so vertrauten, aber doch längst langweilig gewordenen Umgebung.

 

"Sie haben 24 Stunden um zu packen, was sie tragen können, nicht mehr! Haben sie mich verstanden?"

 

Vielleicht hasste ich es einfach auch nur mich wie der älteste Bewohner des Viertels zu fühlen. Stets in der Gefahr, irgendwann an die Hand genommen und von Pfadfindern Hilfsbereit über die Straße geführt zu werden.

 

Nun bin ich in der Nähe des Potsdamer Platzes angelangt. Obwohl ich für meine Ausreise in den goldenen Westen nur zwanzig Minuten im öffentlichen Nahverkehr ausharren musste, glaubte ich doch irgendwie, eine abenteuerliche Pazifik Überquerung per Dampfschiff anno 1892 hinter mich gebracht zu haben.

 

Natürlich wie alle wirklichen Flüchtlinge seinerzeit im schummrigen Unterdeck, zwischen schwindsüchtigen Auswanderern, schwankenden Hängematten sowie rollenden Fässern brackigen Wassers. Und dazu hatte ich selbstredend furchtlos diversen Augen verschiedenster Taifune getrotzt. Von Schanghai nach San Francisco, in nur einer Hand voll Minuten. Wer hätte das gedacht?

 

Im Film wäre jetzt alles sonnenklar: Schnittige Parallelmontage, schwarz-weiß Malerei, hier gut - da schlecht, fertig, aus.

 

Also folgt zwangsläufig eine Aufblende:

 

Das aufstrebende Studentenviertel im Osten, schon längst auf dem Sprung künftig der nächste Prenzlauer Berg zu werden. Ein Paradies in brutalem Sanierungswahn. Vollkommen im Griff alternativer Spaßdiktatur und schäbig-jovialer Makler. Mit Visionen unzüchtiger Phantasie Renditen in ihren kristallinen Kokainschädeln.

 

Habe sie selbst oft belauschen dürfen, beim unfeinen nächtlichen Abfeiern angeblich irrwitziger Provisionen. Schaumweintrunken in den Bars entsprechend klebriger Triumphbögen des Geldes.

 

Letztlich ein langweiliges, seit vielen Jahren weltweit bekanntes Spiel. Vormals heruntergerockte Viertel todgeweihter Rentner und sonst einzig von besoffenen, krebskranken Alkoholikern bevölkert, werden aufgemöbelt, sind schnell sehr angesagt und dann noch viel schneller sehr teuer. Schließlich werden sie regelmäßig vom ewig auf Speed voranhetzenden Sensationswahn wieder verächtlich fallen gelassen. Wie eine alte Nutte, die ihrer besten Jahre auf dem Rücken wund liegend verbracht hat.

 

In einer Dekade ist das alles schon wieder Geschichte.

 

Namen, Stadtviertel und Züge, auf die man unbedingt aufspringen sollte, sind im Grunde nur mit Kreide flüchtig an die Tafel des Trends gekritzelt. Sie werden allmorgendlich vom graukitteligen Hausmeister der Mode, mit schläfrig-beiläufiger Geste wieder abgewischt. Lohnt kaum der Gedankenschwärze.

 

Gegenschuss: Die andere Seite meines sehr privaten Berliner Pazifik: Der Problemkiez mit historisch eingebautem Straßenstrich. Ehedem Endstation vor den grauen Wachtürmen der Grenze. Hier prallten einst die Heroin befeuerten Träume eines David Bowie, Nick Cave und Iggy Pop direkt an die Mauer. Endstation. Zonenrandgebiet in der geteilten Stadt. Mit der legendären Transenbar „Kumpelnest 3000“, einigen durchgevögelten, schäbigen Puffs und anderen billigen Kaschemmen, als letzte, rettende Leuchtreklame vor finsterer Ost-Tristesse.

 

Eine im Grunde unwirkliche Gegend, früher fest in der Hand der sogenannten "Neuen Dilletanten". Kunst. Musik. Drogen. Dann: Aids! Die Protagonisten von damals sind heute auch fast alle schon tot.

 

Umschnitt: In Friedrichshain raubten mir früher regelmäßig Gruppen kollektiv singender Spanier den Schlaf. Spanier müssen wohl singen, gerade nachts. Halten sie für sehr charmant und wichtig für ihre Seele. Alles mitsingen, das ganze Leben.

Amerikanische Studenten hingegen liefen, kulturell des Gehens als Fortbewegungsmittel wahrscheinlich völlig entwöhnt, oft ganz trunken vom verschrobenen Reiz des alten Europa, betrunken mitten auf der Straße.

Wohl im euphorischen Rausch einer für sie mittelalterlich-mönchisch anmutenden Wandererfahrung.

 

Und das inmitten schnorrender Punks und verwirrter Alt-Autonomer. Diese possierlich anzuschauende menschliche Großstadtdekoration in schwarz, unbürgerlich durchgenormt, ganz wie ihr Solarzellenbestückten Bauwagenplatz, der mit der äußerst strengen Hausordnung. Vielleicht sind alle Punks sogar als bezahlte Postkartenkomparsen im öffentlichen Dienst unterwegs. Damit Berlin auch wirklich so aussieht, wie man es sich in Madrid so vorstellt. Schlau. Wer weiß das schon so genau?

 

Sonntags wurde zu meiner Zeit noch nach antikapitalistischen Demonstrationen kollektiv anti-imperialistisch gebruncht. "All you can eat" zum Dumpingpreis, natürlich. Überall die gleichen Wortfetzen junger Menschen mit übergroßen Brillengestellen, dazu sehr enge, nur bei Anorexie und Schrumpfgenitalien empfehlenswerten Hosen. Wichtig waren asymmetrische Haarschnitte über stets gesenkt trottenden Köpfen. Seltsam pastell getönte, abgetragene Kleidung aus dritter Hand ebenso verpflichtend, wie metallisch blinkendes Angelzubehör im Gesicht.

So war das damals.

 

Ach... „It's like...weird or something“, vor allem aber: „Amazing!“

 

In meiner neuen Umgebung gibt es durch die Nähe zum Potsdamer Platz ebenfalls viele anglophone Touristen. Aber so wirklich „amazing“ finden sie es wohl nicht. Jedenfalls können sie es bestens verbergen,  angesichts nervöser rumänischer Nutten auf Keta oder was weiß ich, die unangenehm breitbeinig, wie ein betrunkener Westernheld über die Straße wackeln.

 

Zahlreiche der dort ansässigen alten Westberliner verfügen oft über die gleiche Menge reinen Blutalkohols, wie die fröhlichen Party-Studenten im Osten. Nur schon deutlich früher am Tage. Aber nicht um des fröhlichen Wollens, sondern eher um des täglichen Müssens wegen. Kurz und knapp: Alle saufen!

Auch die Kettenrauchende Dauerwellenoma, die ich jeden Nachmittag in ihren besten Kleidern, Punkt fünfzehn Uhr, bei Bier und Wodka am Spielautomaten der Dönerbude sitzen sehe. Ihr graues, treues Zwergpudelchen zu ihren Füßen, liebt sie sicher ebenso innig, wie die drei fusselbärtigen grauen Rotnasen, die sich stets um sie und ihre gute Witwenrente zu scharen wissen.

 

Diese seltsame Mischung aus verirrten Touristen, Drogenstrich, Anatolien, Transen, Verlagshäusern und in heiliger Harald Juhnke Verehrung erstarrter Alt-Berliner, macht durchaus den sehr eigenen Charme der Gegend aus. Irgendwie schillert die grau-suppige Gosse dort so ganz anders, als etwa noch in Moabit.

 

 

Damit sind wir auch schon dem Faustschen Kern dieser speziellen Stadtteil-Dialektik auf der Spur. Die imaginäre Schnittfrequenz meines Wortfilmes nimmt jetzt bitte deutlich zu:

 

In Friedrichshain ist man jung, ergibt sich der sterotypen Zwangs-Individualität Anfang Zwanzigjähriger, deren Schicksal sich erst noch fügen wird. Alles ist Spiel, oft von Eltern aus westdeutschen Provinzstädten zumindest teilfinanziert. Die immer gleichen Berliner Illusionen werden frisch aufgesogen, sogar kollektiv übernommen, wie die Fahrräder der vorherigen WG- Bewohner.

Alles ist letztlich „irgendwie voll komisch, weiß auch nicht und so...krass halt!“

 

Das Schicksal dreht im Hintergrund sanft lächelnd das Rad. Unschlüssig über künftigen Sieg, Kompromiss oder Niederlage. Die Kugel rollt eben noch.

 

Reiß-Schwenk:

 

In Tiergarten hingegen sind die großen Entscheidungen längst gefallen.

Da ist es für die ostische Gaststudentin an der Supermarkt-Kasse hinter mir nun wirklich kein weiter Weg mehr, wenn sie ihren billigen Joghurt, mich verschämt dabei anlächelnd, mit unzähligen, winzig zusammengeklaubten Kupfermünzen bezahlt. Der Straßenstrich ihrer Altersgenossinnen, ist von ihrem grotesken Studentenwohnheim und dem darin befindlichen polnischen Kulturzentrum, maximal 300 Meter entfernt.

Am dürren Monatsende, mit leeren, ausgestülpten Hosentaschen, sicher mehr als eine Überlegung wert.

 

Diese unschöne Art von Realität bleibt jenseits der Oberbaumbrücke, auf der anderen Seite des Pazifischen Spree-Ozeans, sicher weitestgehend erspart. Man ist zufrieden und lebt indirekt recht auskömmlich von der Alimentierung eines kompletten Stadtteils durch ahnungslose Mittelschicht-Eltern.

 

Die jungen Menschen sind dort vollkommen auf die alte, sehr spießige Maxime der Swingerszene eingeschworen:

„Alles kann, nichts muss!“

 

Meine neue Heimat scheint hingegen der komplette Antagonist zu sein. Hier bin ich oft einer der jüngsten Menschen auf der Straße. Zumindest mit deutschem Pass seit Geburt. Die Angestellten der zahlreichen Ein Euro-Shops und sonstig seltsamer Billig-Infrastruktur, strahlen keinerlei Zuversicht aus.

 

Alle mit Gesichtern wie längst zerknüllte Fahrkarten ins Jenseits. Leere Augen. Die spärlichen Illusionen schon weit vor der Zeit am Eingang abgegeben.

 

Zukunft? Nur ein Wort für das Leben von vollkommen Fremden!

 

Irgendwie beschleicht mich das grässliche und unbestimmte Gefühl, ja sogar der übelriechende Verdacht, das die hedonistische Berlin-Feier in den Clubs und Bars der Stadt, ihren spezifischen Schicksals-Energieverbrauch, also den im wahrsten Sinne sinnlos verpulverten Optimismus, heimlich vom Lebensmut der Verlierer abzapft. Per Direktleitung. Quasi Seelen-Fernwärme. Vielleicht läuft genau unter der Hochbahn, von Ost nach West, eine tropfende, rostige, alte Rohrleitung. Tief unter der Straße. Undicht, mit austretendem Dampf, bedrohlich brummend, aber doch stets gut gefüllt.

 

Das Glück der Einen, nährt sich irgendwie unmittelbar vom Unglück der Anderen, um das Gleichgewicht der Welt zu erhalten. So wie im Fernsehen: Erst ausgehöhlte Hungergesichter der Sahelzone, dann aufgeschwemmte, braungebrannte Rosé-Gesichter auf Yachten vor St.Tropez.

 

Deshalb gilt in meinem West-Kiez ganz klar die spiegelverkehrte Partnertausch-Maxime:

„Nichts kann, denn alles muss!“

 

Doch was ist das dort drüben? Was sprießt vereinzelt in kleinen Seitenstraßen, in Brachen, Lücken, ehemals lange leer stehenden kleinen Läden? Neiiiin! Da sind sie schon wieder, diese mich überall hin verfolgende, finstere Brut. Diese Untoten mit den hungrigen, Stadtviertel fressenden Augen? Künstler! Galerien! Kleine Designshops! Der Kiez hat sich infiziert mit dieser alles vernichtenden Seuche. Wie kleine Eiterpusteln und Beulen.

Zunächst ganz unbemerkt und winzig, dann epidemisch in Windeseile den gesamten Stadtteil-Körper befallend. Das Viertel hat sich mit der Gentrifizierung angesteckt. Das ist in der Regel unheilbar. Wenn es einmal angefangen hat, dann zersetzen diese kleinen Erreger alles, was sie so an gemauerten Steinen vorfinden können und verwandeln es kurzerhand in Gold!

 

Wo sollen die Hoffnungslosen denn jetzt bloß hin? Immer weiter nach draußen? Am Rande der westlichen Welt Berlins?

 

Ich bin sicher Schuld. War unvorsichtig, als ich mit der Hochbahn die Spree überquerte. Unsauberkeit. Vielleicht hatte ich noch etwas von dieser Friedrichshainer Künstlerhundescheiße am Schuh. Habe es eingeschleppt. Ich hätte mich desinfizieren lassen sollen. Oder freiwillig drei Monate in der Quarantäne eines dunklen Isolationskellers ausharren.

 

Ich würde bald rasch alles zusammenpacken müssen. Heimlich. Über Nacht. Und darauf achten, nicht beobachtet zu werden. Möglichst Lautlos, in tiefer Dunkelheit davonschleichen. Mich dann, nach Überqueren der Stadtgrenze, nackt ausziehen und meine Kleider und Schuhe verbrennen.

 

Man kann ja schließlich nicht vorsichtig genug sein.

 

Sonst bin ich am Schluss noch dafür verantwortlich, das schließlich die ganze Welt ein Kernsanierter Atelierkomplex für junges, urbanes, kreatives Wohnen mit Kinderwagenparkhaus wird.

 

"Das Grauen. Das Grauen!"

 

SOLLBRUCHSTELLE DER MONSTER

 

 >Der wirklich noble Mensch ist anonym. Es gibt eine Kraft in der angeborenen Noblesse, die größer ist als das Licht des Ruhms, der Glanz des Erfolges, die Macht des Siegers. Ehrgeiz ist eine Eigenschaft des Plebejers. Er hat keine Zeit. Er kann es nicht erwarten, zu Ehre, Macht, Ansehn, Ruhm zu gelangen. Der noble Mensch aber hat Zeit zu warten, ja, sogar zurückzustehn.<

(Joseph Roth)

 

 

 

 Ich habe es getan, ich war unartig. Ich habe sie angestarrt. Es geschah im Schnellzug, aber auch im Flugzeug. In Wartehallen und Cafes, Flughafenbussen und vor Zugtoiletten. Überall. Ekelhaft. Peinlich.

 

Ich fand meinen persönlichen Feind im ICE kurz nach Hannover mit großer Selbstverständlichkeit auf meinem Fensterplatz sitzend vor. Über seinen Laptop gebeugt, dunkelblond, stetig nach oben drängender Haaransatz, Krawattenloses Hemd, dessen unterster Knopf zu spannen begann und eine dieser randlosen Brillen. Nennen wir ihn Ludger, obwohl er Max hieß, aber Ludger hätte mir viel besser für ihn gefallen.

 

Mit routinierter Dreistigkeit log er mich an, er sei rechtmäßiger Inhaber des Fensterplatzes, er habe reserviert. Wohl wissend, dass für diese Sitzreihe nur meine Reservierung vorlag, ergab ich mich stumm, da mir seine seelische Nacktheit sofort ins Auge sprang und mir kleinbürgerliche Affronts stets zuwider waren. Schon begann er eine ausführliche elektronische Korrespondenz auf seinem Laptop, dabei meine Existenz komplett ignorierend.

 

Als junger Fernseh-Journalist in Berlin war das Lügen für ihn nur eine schnucklige Fingerübung. Seine Korrespondenz widmete sich nur sehr kurz der Arbeit. Sie diente eher dem heiligen Netzwerk. Der Karriere. Man schob sich kleine Lehraufträge zu und wusch digital mit einer Hand viele andere.

 

Er war also einer jener Seelennudisten, wie ich sie regelmäßig erlebte. Auf meinen Reisen von Berlin nach Westdeutschland war ich umgeben vom Heer der Nomenklatura des politischen Berlin, pendelnd zwischen ihrer föderalistischen Provinzheimat und der Schrecken erregenden Metropole.

 

An Bord eines Flugzeuges finden sich diese Existenzen perfekt in ihrer erlernten Rolle wieder, aber während einer vierstündigen Zugfahrt, oder in der Wartehalle des Flughafens, da fällt die Maske recht schnell.

 

Diese Spezies lädt gerne zu einer Art seelischer Darmspiegelung. Durch bloßes Zuhören lernt man rasch, dass Demokratie vor allem aus Lobbyarbeit besteht. Entscheidungen werden nicht mittels Wahlen, sondern durch Zuträger erwirkt. Demokratisch daran ist, dass es unzählige dieser Kräfte gibt, die an der Macht zerren. Meist sitzen solche Wesen dann neben mir und telefonieren sehr laut. Oder zeigen mir, als völlig Unsichtbarem, quasi ungeniert ihre Korrespondenz.

 

Im Gang des überfüllten Zuges marschierte hinter Ludgers Rücken ein Wiedergänger von Heinrich Manns Untertan auf und ab. Am Telefon ständig mit den Namen aller politischen Parteien hantierend, erging er sich wechselweise im unterwürfigen Singsang eines schmackhaften Algierfranzösisch am Anus eines Vorgesetzten schmatzend, oder in bellendem Kasernenhofton. Eine menschliche Schabe also. Die überleben ja auch Atomkriege.

Natürlich war mein liebenswürdiger Sitznachbar nicht alleine auf Reisen, sondern in reizender Gesellschaft einer ganzen Waggon-Ladung dieser Scheusale. Oft ist dieser Schwarm nicht sehr homogen strukturiert, überschreitet alle Berufsgruppen, sämtliche Weltanschauungen und vor allem: Geschlechtergrenzen! Eine insektoide Spezies von Hermaphroditen. Als Frauen geborene Lebewesen verneinen gerne textil die Existenz primärer und sekundärer Geschlechtsteile. In staatstragenden Hosenanzügen.

Ehemals männliche Exemplare, verweichlichen in etwas linkischen Bewegungsmustern und schwemmen ohne Bartwuchs auf. Testosteron und Östrogen sind Genderpolitisch korrekt verteilt. Konsenspflicht in jedem Bereich dieser Tierhaltung.

 

Während Ludger mehr und mehr auch meinen Fußraum für sich zu beanspruchen begann, musterte ich ihn sehr genau. Interessant sind oft die versteckten Brüche solcher Persönlichkeiten. Die Momente des Aufreissens der Kruste. Falls die Metamorphose vom Menschen zum Monster noch nicht gänzlich vollzogen wurde. Wenn noch Reste des eigenen Ichs plötzlich unkontrolliert zu Tage treten. Nach dem Wochenende in der Heimat mit Familie und Freunden zum Beispiel, nun auf dem Weg in den großen, sie wringenden Moloch, zeigen diese Krebsähnlichen Bestien mitunter Schwächen in ihrer erlernten Panzerung.

 

Bei persönlichen Gesprächen an ihren Mobiltelefonen, führt der Zwang zu verbindlichen, sogar privaten Emotionen mitunter zu seltsam brüchigen Stimmen. Bisweilen huscht sogar verstohlen ein fast menschliches Lächeln über ihre Gesichter. Auf solch winzige, wahrhafte Momente warte ich gerne eine ganze lange Zugfahrt. Denn es ist die Sollbruchstelle, die offene Lücke, die mich fasziniert.

 

Ludger bot mir leider keinerlei menschliches Momentum. Er packte routiniert alles beisammen und entstieg dem Zug, eins mit sich selbst und seinem feinen Seilschaftsleben im Hochgebirge seiner Karriere. Irgendwie sehr unheimlich. Aber eines Tages wird auch er sich eine Blöße geben, mein kleiner Ludger, ganz sicher.

 

Dann werde ich zur Stelle sein, ihn ausgiebig anstarren und jede verdammte Sekunde dabei genießen.

SCHIEF GEWICKELT

 

 >Man muss immer betrunken sein.<

(Charles Baudelaire)

 

 

 

 Auch nach vielen Jahren ernsthaft betriebenem Nachtleben, stolpere ich noch dann und wann in Situationen, die mich wie Donald Duck mit der Eselsmütze auf dem Kopf in die Ecke stellen. Als Königstölpel sozusagen!

 

Am Ende eines ebenso langen wie langweiligen Tages, voll verbrauchter Lebenszeit in sinnlosen Treffen mit blutleeren Agenturmenschen, dürstete es mich auf dem Rückweg in der U-Bahn ungemein nach Leben. Kurzum, es galt mittels großer Mengen Alkohol der eigenen Leber und vor allem dem Gehirn zu beweisen, noch ein Mensch aus Fleisch und Blut zu sein. Eine Art pubertärer Selbstvergewisserung.

 

Da kam die Einladung einer Freundin, den Abend mit ihr und zwei weiteren Frauen bei großen Mengen Rotwein und Tetracannabinoiden zu verbringen, sehr gelegen. Einzig die Drohung womöglich später noch tanzen gehen zu wollen, schwebte als Damoklesschwert über mir. An sich ja keine so abwegige Variante der Abendplanung. Bei dieser Art Frauen besteht allerdings schnell die Gefahr, die Nacht bei Salsa oder rückwärts gewandter Rockmusik verleben zu müssen. Dies löst bei mir stets prämenstruelle Migräneschübe aus. Sehr schwierig also. Das müsste man um jeden Preis zu verhindern wissen.

 

Am geliebten Kottbusser Tor angelangt, überfiel mich großes Unbehagen, irgendetwas schien äußerlich nicht mit mir zu stimmen. Auch die Crackheads auf der Straße ignorierten mich heute, ein Zug aus einer ihrer Pfeifen würde mir wohl verwehrt bleiben. Einzig sämtliche Schnorrer und Obdachlosen-Zeitungsverkäufer hatten einen Narren an mir gefressen. Was war los?

 

Ich blickte an mir herunter und erschrak: Klar, ich war ja in meiner Agenturverkleidung unterwegs. Ganz in Schwarz, damit diese Kreativspießer nicht glauben, ich sei nur der Hausmeister in ihrer Agentur und wolle die verstopfte Toilette mit bloßen Händen reinigen oder gar austrinken. Jeder Mutter hätte ich gefallen.

 

Was bei Werbern ganz gut funktioniert, kann sich des nachts zwischen Kreuzberg und Neukölln als Stockfehler erweisen. Das ist ähnlich klug, wie auf einer Klu-Klux-Klan Veranstaltung in Alabama für die gleichgeschlechtliche Ehe schwarzer Stricher werben zu wollen. Da musste ich nun durch. Und es sollte nicht mein letzter Fehler gewesen sein.

 

Im Kreise der Damen angelangt, befüllte man mich umgehend mit Unmengen billigen Weins, einzig mit dem verdorbenen Ziel mich zu verführen. Vorab schob man mich noch rasch in eine sehr verrauchte, typische Berliner Bar ums Eck. Zwei amüsante Stunden lang strömte mein favorisiertes bayrisches Freibier durch meine Gefäße. Schnell war ich mangels Abendessen in bester Festzeltlaune.

Doch meine Frauen wollten Gitarren hören! Grauenhaft!

 

Zu später Stunde drängte man mich ins Freie und tat recht uneins. Natürlich war das nur ein schurkisches, weibliches Ablenkungsmanöver, wie sich noch herausstellen sollte.

Schräg gegenüber glaubte ich meine Rettung zu erblicken: Der Swingerclub „Zwanglos III“ erleuchtete die schäbige Berliner Nacht und es gelang mir immerhin, die Frauen vor den Eingang zu zerren und darüber zu sinnieren, ob ich mit ihnen im Arm nur den halben Eintritt bezahlen müsse.

 

 Welche Unterhose trug ich eigentlich gerade? Hoffentlich waren Käsepicker, Buletten und Mett-Igel am kalten Buffet nicht schon längst verspeist.

 

Kurzum: Ich fühlte ich mich wohl meiner Sache allzu sicher. Das Leben schlug deshalb wie immer bitter zurück.

 

Ausgeschmückt mit zahlreichen schlüpfrigen Kitkatclub-Anekdoten, beflügelten die Freundinnen meine durch zu viel Starkbier bräsig gesoffene Fantasie und präsentierten mit leichter Hand einen total zufälligen Vorschlag. Es gäbe da in der Nähe eine optimale Location. Drei Tanzflächen, für jeden was dabei, der Frauenanteil garantiert hoch, heute Abend sogar eine Art Kontaktparty. Nun gut, dachte ich mir, da hängen dann die gleichen Sachbearbeiterinnen wie im Swingerclub ab, nur ohne deren Kerle. Umso besser. So müsste ich mir auch nicht vom bärtigen Klaus auf meinen Arsch starren lassen, während ich auf seiner welken Petra verweile.

 

Also ging ich bereitwillig mit. Das Unheil nahm seinen vorbestimmten Lauf. Chauvinismus mit zwei Promille süddeutschen Alkohols im Blut hatte schließlich schon mehrere verlorene Weltkriege angezettelt.

 

Der Club war fast so voll wie ich. Meine weibliche Begleitmeute kicherte vor sich hin, während ich alle Räume durchstreifte. Vorne Techno, in der Mitte Pop und hinten Indie, die Weiber hatten nicht gelogen. Überhaupt war der Frauenanteil tatsächlich sehr hoch. An der Türe, an den Bars, auch an den Plattentellern überall Träger des XX-Chromosoms. Prima. Während ich an die Theke gelehnt breitbeinig den Club überblickte, materialisierte sich unaufgefordert ein Bier vor mir. „Aufs Haus“ meinte das Barmädel noch lächelnd. Super Laden...aber irgendetwas schien nicht zu stimmen.

 

„Ziemlich junges Publikum“, ermunterte mich eine meiner Begleiterinnen, während sie mich grinsend anlächelte. In der Tat, die Mädels im Publikum waren selten weit über zwanzig. Die Mädels? Jetzt dämmerte es. Erschrocken sah ich mich um. Frauen, überall nur Frauen! So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte außer mir keinen Kerl entdecken. War ich tot und in der Hölle? Oder als Selbstmordattentäter auf einer Wolke gelandet, mit 600 Jungfrauen als Belohnung?

 

Ein rascher Blick auf den Eintrittsstempel meiner Hand, gab mir einen sachten Hinweis: „L-Tunes“!

 

Scheiße, ich war in der Lesben-Disko gelandet! Als Strafe für all meine Sünden, würde ich nun den Rest meines Lebens als Eunuch inmitten eines riesigen Harems verbringen. Musste ja mal so kommen. Grausame Sühne! Rasch schob man mir das nächste Bier über den Tresen.

 

Putzig muss ich ausgesehen haben. Herzig und verwirrt. Sehr seltsames Gefühl allein unter Frauen. Alle waren furchtbar nett zu mir, ich musste einzig nur so dastehen, grinsen und überleben.

 

Wer einige Jahre seines Lebens der Nacht gewidmet hat, kommt nicht umhin, auch Menschen wie „Darkroom-Dieter“ zu seinem Bekanntenkreis zu zählen. Er hatte mich häufig über die Vorteile von preiswerten Deckentischklammern aus dem Baumarkt aufgeklärt. Viel billiger und besser als Brustwarzen-Klammern aus dem Sexshop sollten sie sein. Insofern gehört Homophobie bestimmt nicht zum Repertoire meiner sicher sonst zahllosen Unzulänglichkeiten.

 

Keines der Mädels entsprach so unmittelbar dem tradierten Lesbenklischee. Kein Bürstenhaarschnitt, Karohemd und Latzhose. Damit hatten sie mich ausgetrickst. Auf einer normalen Kreuzberger Studentenparty hätte man fest an seine todsichere Schusschance geglaubt. Aber nun stand ich inmitten eines Amazonenheers. Das hatte etwas von einem dieser düsteren Zukunftsfilme, in denen Männer wegen künstlicher Zeugung vollkommen überflüssig geworden sind und nur vereinzelt haarig primitive Waldaffen wie ich, zur Belustigung der edlen Weiblichkeit, ausgestellt werden. Ein Abend mit mir als tumbem Jahrmarktsmonster auf Freibier.

 

Irgendwann wankte ich reichlich verwirrt und vom Hopfen ermüdet nach Hause.

Alleine. Klar.

 

Um der Nacht einen würdigen Abschluss zu geben, meinte ich mich rasch noch online in einem Swingerclubforum anmelden zu müssen. Dieser Themenkreis hatte sich in mir merkwürdig eingefräst. Ich war aber allenfalls noch vermindert schuldfähig, zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt, euer Ehren. Sie müssen mir wirklich glauben!

 

Mein grandioser Meisterplan sah vor, künftig mit Klaus und Petra bei lauwarmem Schaumwein, Würstchen und Kartoffelsalat an einer hölzernen Kellerbar zu sitzen. Zwanglos eben. In Micky Maus Unterhose den beiden schließlich zellulitisch erregt ins Themenzimmer „1001 Nacht“ folgen. Gloryhole. Darkroom. Fordernde Hände allenthalben. Hunderte Frauen. Man lacht mich schallend aus. Fasst mich an. Zeigt auf mich. Klaus ist auch nur eine vollbärtige Frau. Natürlich. Wie konnte es auch anders sein?

 

Dann erwachte ich. Erleichtert. Durchgeschwitzt und übelriechend. Alles nur ein böser, einsamer Männeralptraum? Bitte ja! Doch der Blick auf den schon verwischten Eingangsstempel auf meinem Handrücken war eindeutig.

 

GEISTERDÖRFER UND NACKTAKADEMIKER

 

  >Herr, hilf meiner armen Seele!<

 

(Edgar Allan Poe)

 

 

 

Als ich vor kurzem völlig ahnungslos Leipzig bereiste, ahnte ich noch nicht, in welch gefährlichen Strudel aus schamlosem Exhibitionismus und menschenverachtender Tristesse ich dort geraten sollte. Eigentlich war ich nur zum gemeinsamen kontaminieren der nach Neuronenfeuer dürstenden Nervensysteme zu Schmidt gefahren. Der wohnt jetzt merkwürdigerweise dort. Multiple toxikologische Freuden wurden von ihm eindringlich avisiert. Vor Ort jedoch geriet meine brave Welt völlig aus den Fugen.

 

Es hat letztlich mehrerer Wochen bedurft, mich wieder einigermaßen zu fassen und nun diese dürren Zeilen atemlos dem gnädigen Schweigen des Papiers zu überantworten.

 

 Ganz in mein ernsthaftes betriebenes, aber wie sie oft vollkommen sinnloses Tagwerk am Rechner versunken, verbrachte ich einen Großteil meiner nur wenigen nüchternen Zeit damit, im zweiten Stock eines sächsischen Jugendstilgebäudes gelegentlich auf die gegenüberliegende Fassade eines unangenehm modernen Mehrfamilienhauses zu schauen. Dort war der Ortsüblichen Armut beharrlich der Eintritt verwehrt worden.

 

Statt „Alles außer Lok ist scheiße“, kroch ein sehr vollgefressenes, eher süddeutsches Idiom durch die Gassen. Bei meinem oft grimmigen Ringen nach aparten Formulierungen in meinen Texten, glasierten meine Augen leer und gelangweilt zum anderen, fremden Haus hinüber. Sicher erst nach einigen Stunden registrierte ich, daß die mir zugewandten sehr vorhanglosen Fenster, einen angenehm indiskreten Einblick gewährten.

 

Holländische Impressionen schwammen sofort wie deftige Fettaugen auf meiner stumpfen Gehirnsuppe. Im Königreich Oranien ist es seit langem Tradition, neben Holzschuhen und Rechtspopulismus, das Privatleben mit jedem willfährigen Betrachter von außen zu teilen. Offene, bis zum Boden reichende, große Fenster ohne Gardinen herrschen allenthalben vor.

 

Eine Folge des historischen Calvinismus, der einst strikt dazu anhielt, jedermann zu beweisen, das im Inneren des Hauses nichts Unrechtes, Unmoralisches oder gar Gottloses von Statten ginge. Diesem Brauch schienen die Bewohner des vielleicht dreißig Schritte Luftlinie entfernten Gebäudes, seltsam schlüpfrig verpflichtet zu sein.

 

An einer etwas heiklen Textstelle meiner billigen und schurkischen Geheimprosa geschah es nun, dass ich im Augenwinkel eine unglaublich nackte junge Frau telefonieren sah. Nun mache ich mir aus derlei Sinnestäuschungen im Allgemeinen nicht viel. Ich bin daran gewöhnt, dass mein Gehirn unvollständige Informationen mit leichter Hand, nun ja, wie soll ich sagen, na eher sehr individuell interpretiert. Und so schrieb ich stumm und gefasst weiter. Zu meinem großen Schrecken erblickte ich, auch geraume Zeit später, immer noch diese nicht unattraktive, brünette Frau. Um der Wahrheit Genüge zu tun, achtete ich nicht ein einziges Mal auf ihre Frisur.

 

Meine durch pornographische Anglizismen verseuchten Kumpanen hätten schnell den Begriff „Hot Milf“ heiser in mein Ohr geraunt. Sie starrte direkt zu mir herüber, gestikulierte wild und telefonierte mindestens ebenso erregt, wie meine Augen flackerten. Das alles nur dürftig benetzt von einem schwarzen Slip, der diesen Namen auch nur bei großem Wohlwollen verdient gehabt hätte.

 

 Ob dieses seltenen, voyeuristischen Coups triumphierend, rief ich sofort meinen Gastgeber herbei, der aber meine halbsteife Erregung nur mit einem schläfrigen Achselzucken quittierte. Er kenne diese Frau fast gar nicht angezogen. Niemand auf der anderen Seite nähme Notiz von den Blicken der Außenwelt.

 

Nun war mein Interesse eigenartig entflammt. In der Tat präsentierten sich im Laufe meines Aufenthaltes regelmäßig unbekleidete Menschen. Eine aparte siebzehnjährige Tochter in der brutalen Blüte ihrer Hormonexplosion, die Dauer-Nackte Brünette mit dem Hollywood Cut und eine der Üppigkeit verpflichtete, einsam auf den in Softsexkomödien angepriesenen Postboten harrende Hausfrau. Hängende Krokodillederschläuche nannte sie stolz ihr Eigen.

 

Dazu dieser bis zur Unansehnlichkeit langweilige Mann, der meist nur in Unterhose am Computer saß. Sobald er sich erhob, verstand er es mit lässiger Beiläufigkeit, seinen rechten Gluteus vorzuführen, also seine weiche Arschbacke. Anscheinend hatte er die Unterhosen noch vor ungefähr 15 Kilogramm gekauft. Nun saßen sie perfekt, zumindest für einen konservativen Sumoringer.

 

 Ein meiner unbotsamen Neugierde geschuldeter Blick auf die Klingelschilder am Hauseingang ergab, das Achtzig Prozent der Bewohner promoviert hatten. Der schäbige Rest musste sich mit altehrwürdigen Doppelnamen, Architekten- oder Ingenieurstiteln zufrieden geben.

Also ein Haus voller Nacktakademiker, ein Haufen merkwürdig pervers geratener Calvinisten, die ihren Glauben wohl sehr obskur auslegten. Ich war einer obszönen Irreführung protestantischen Glaubens auf die Schliche gekommen! Der atemlose Schreck fuhr durch mein verstörtes Glied!

 

Noch ganz benommen von dieser subversiven Reizflut nackter Bourgeouisie, machte ich mich mit Schmidt nach einigen Tagen auf den Weg, um unschön erleuchtete Fenster und Türen von tristen Einfamilienhäusern zu fotografieren. Früh Abends, wenn jedermann noch wach war und daheim bei kargem Graubrot und verwursteten Schlachtabfällen, in Neon-grünlichen Kachelküchen kauerte. Meine damaliger Ideenfetisch spielte sich vornehmlich in diesen finsteren Familienhöllen ab.

 

Wir irrten mit dem Auto durch die erleuchtete Stadt und wurden nirgends fündig. Niemand schien in Leipzig alleine wohnen zu wollen. Es dämmerte mir, das diese Stadt sich mir verweigern würde, wie ein stark befestigtes Nonnenkloster des 15. Jahrhunderts.

Einfamilienhäuser waren doch sicher nur Erfindungen amerikanischer Science Fiction Serien. Es trieb uns, einem unangenehmen Harnstrahl gleich, mehr und mehr aus der Stadt heraus. In verlorene Kleinstädte und Dörfer rings um Leipzig, deren Ortsnamen alle mit verqueren Endungen zu glänzen wissen. Schkeuditz zum Beispiel. So nennt man doch beim besten Willen keinen ernsthaft beleumundeten Ort, oder?

 

Dort harrten sie auch tatsächlich meinen gierigen Blicken, die Einfamilienhäuser.

Welch gnadenlose Enttäuschung: Wohin wir auch kamen, nirgends erhellte Lichtschein unsere Netzhäute. Alle der Straße zugewandten Fenster waren vollkommen abgedunkelt, gar mit schweren Vorhängen zugezogen. Aber diese Orte waren bewohnt und intakt. Doch schon um neunzehn Uhr schien jegliches Leben erloschen.

 

Es war, als verstecke man sich vor uns. Als eile mir der blutige Ruf voraus, im Namen der Inquisition mordend und brandschatzend durch diesen Landstrich zu ziehen. Mit Fackeln den roten Hahn aufs Dach setzen und möglicherweise die wehrlosen Töchter zu schänden.

 

Vor meinem geistigen Auge sah ich Familien zitternd auf dem Boden ihrer Wohnzimmer liegen, ihren schreienden Kindern die Münder zuhaltend, bis der Schein unserer unglückseligen Scheinwerfer ihr Haus kurz erleuchtet hatte und rasch von dannen zog.

Danach machte sich sicher Erleichterung breit, es würde getanzt, gesungen und gefeiert werden. Das Fremde, es war endlich vorüber gezogen. Aufatmen.

 

Man konnte den Eindruck gewinnen, die Umgebung der Stadt bestünde aus einer Kette von entsetzlich entvölkerten Geisterstädten. So würden wir niemals auch nur ein winziges Bild schießen können. Erst über verwirrte Umwege, fügte es sich aus Versehen, das wir einige Fotos von spärlich erleuchteten Objekten eher heimlich ergattern konnten. Eine kleine Siedlung freistehender, kleinwüchsiger Häuschen.

 

Das war damals sicher nur eines dieser gescheiterten Wohnprojekte. „Alleine wohnen“, welch unerhörter Gedanke. Miese siebziger Jahre Utopie. Vollkommener Quatsch.

 

Im Grunde war ich eigentlich nur sauer auf die mir unzureichend erscheinende Verbürgerlichung, dieser noch sozialistisch am Gewehr der Werktätigkeit geschulten Ureinwohner. Typischer Kolonialherrenhass eben. Träume vom blutdürstigen Augenpeitschen.

 

Während ich die magere Bildbeute sortierte und dann und wann das Haus der perversen Nacktcalvinisten betrachtete, probierte die minderjährige Tochter eines dieser dem heiligen Exhibitionismus verpflichteten Akademiker, ohne große Not, minutenlang drei verschiedene Büstenhalter vor dem großen Spiegel im Flur.

 

Die Entscheidung war wirklich schwer. Denn jeder BH stand ihr in der Tat ganz ausgezeichnet. Vor allem dieser Pinkfarbene, doch etwas zu eng Sitzende. Ein wahres Meisterwerk der großen Präsentationskunst weiblichen Drüsengewebes. Sie wählte aber letztlich den schwarzen Push-up. Ob ihres prächtigen Blütenstandes natürlich gänzlich überflüssig, rein botanisch betrachtet. Aber nicht ohne Reiz.

 

Gerne wäre ich ihr in meiner großen Zuvorkommenheit, beim offenkundig etwas hakeligen Verschluss, behilflich gewesen. Wie aufmerksam von mir.

 

Ich würde bestimmt im Fegefeuer enden, soviel war mir spätestens in diesem Moment klar geworden.

Es musste höheren Ortes längst beschlossene Sache sein. Gar keine Frage. Niemand würde auch nur den Hauch eines Einspruchs erheben.

 

Aber ich werde sie sicher alle wiedersehen, die Nackten und auch die Toten.

 

Die aus den Geisterdörfern.

 

WORTVERBRECHER

 

Warum ich genau zum Wortverbrecher wurde, kann ich eigentlich nicht mit Bestimmtheit sagen. Fakt ist einzig, das ich tatsächlich begonnen habe, ihn zu bestehlen.

 

Er schickte mir Text um Text, manchmal alle paar Tage, mitunter vergingen bisweilen Wochen. Das wurde fast schmerzhaft für mich.

 

 Diese Lücken.

 

Denn ich hatte mich in eine fatale Lage manövriert, eine Art Abhängigkeit. Seine Geschichten erfüllten mich mit Faszination und Abscheu zugleich. Sein oft sehr ambivalent formulierter Hass.

 Wenn es wirklich stimmte, das er seine Machwerke einfach so, völlig ohne Korrektur und spontan aus dem Ärmel schüttelte, dann war der Trasher für mich mit noch größerem Argwohn zu betrachten. Leichtigkeit ist stets verdächtig.

 

Außerdem hatte er eine ausgeprägte Arschlochdiktion am Leib. Angeberisch. Menschlich unangenehm.

 

Seine Geschichten mäandrierten wild zwischen Gossen-Jargon und einer seltsam gespreizten, überheblichen Sprache aus einem vergangenen Jahrhundert.

War das jetzt ein Knasti, der erst hinter Gittern, mit Hilfe von alten Schmökern aus der Gefängnisbibliothek, lesen und schreiben gelernt hatte? Oder ein ehemals Klassenbester Streber, gar aus Bildungsbürgerlichem Hause, der mit seiner weltfremden und soziopathischen Art völlig kriminell geworden war? Und nun nur noch mit analphabetischen Gewaltverbrechern in Hinterzimmern tagelang um goldene Uhren, geklaute Autos und Nutten pokerte?

 

Egal was es letztlich genau war, es faszinierte mich zu gleichen Teilen aus Ekel und Bewunderung. Diese kalten Beobachtungen und Diagnosen, eigentlich eines staatlich bestellten Leichenbeschauers würdig, gepaart mit einigen fein gedrechselten Formulierungen. Alles fast übertrieben und prahlerisch mit Wort-Stuck verziert. Und doch besudelte er alles wieder regelmäßig mit stinkenden Exkrementen, Auswurf und Ekel.

 

Ich hatte das Gefühl, er schreibt bewusst und nur für mich in diesem Stil, um meinem Pseudonym, >Konrektor Paulmann<, gerecht zu werden und mich damit zu provozieren.

 

Denn dieser Paulmann ist im „Goldenen Topf“ von E.T. A. Hoffmann die Figur des gebildeten Pedanten. Ein ältlicher, etwas weltfremder, spießiger Konrektor eben. Das würde auch Sinn machen, schließlich war ich sein frei erwählter Leser. Hatte er doch selbst behauptet.

 

Da seine Texte irgendwie einen Kolumnenartigen Charakter hatten und auch eine sehr praktische Kürze, wirkten sie fast wie die skurrile Abrechnung eines gewiss mindestens Alkoholkranken, aber in jedem Fall bösartigen Journalisten-Außenseiters. Einer der irgendwann Chancen verpasst hatte und jetzt in der zweiten Liga, vielleicht im Lokalteil, übeldenkend vor sich hin dräute.

 

Das ließ einen unheiligen Gedanken in mir knospen. Eine schwarze Blüte.

 

Eines Tages nahm ich einfach eine seiner Geschichten, korrigierte sie etwas, bürstete sie sauber und schickte sie frisch gebügelt und parfümiert, an einen meiner medialen Kontakte.

 

Zur Veröffentlichung. Unter meinem Namen.

 

Das geschah zu meiner Überraschung völlig problemlos. Im Gegenteil, die Resonanz war sofort hervorragend. Man bat um mehr, möglichst regelmäßig.

So simpel konnte das also sein. Einfach aufschreiben und machen. Wie unheilig. Ohne Blitz und Donner, Zeter und Mordio, oder sich selbst zur Ader lassen zu müssen. Wie Verrückt.

 

Ich hatte daran gedacht erst einmal nur einen einzigen Text, als Probeballon mit einer bunten Postkarte und meinem Absender versehen, steigen zu lassen. Unverbindlich. Spielerisch. Ein keckes Experiment. Wie auf einem Kinderfest. Der Luftballon, der am weitesten fliegt, hat gewonnen.

 

Natürlich schmeichelte mir dieser fremde Federschmuck. Man sah mich plötzlich als das, was ich im Grunde immer hatte sein wollen. Jemand der im Kampf mit den aneinander gereihten Buchstaben jederzeit als Sieger vom Feld ging. Ich hatte mich immer wie ein Schriftsteller gefühlt, ohne wirklich jemals eine einzige Zeile veröffentlicht zu haben.

 

Aber virtuell schleppte ich ein gewaltiges Oevre durchs Leben, das bislang nur an dem winzigen und im Grunde völlig unwichtigen Detail gescheitert war: Ich hatte es noch nicht wirklich zu Papier gebracht.

 

Der Trasher war für mich in jenem Moment eine Art Medium, aus dem eigentlich ich Botschaften sendete. Ein gewissenloser Homunculus, der ohne Vorbehalte und Hemmungen, all das aussprach und niederschrieb, was ich eigentlich längst hatte denken wollen.

Also konnte ich ihn nun auch benutzen. Davon war ich, in einem merkwürdig selbstbewussten Anflug von Wahn, plötzlich fest überzeugt. Und beschloss mit leichter Hand von nun an regelmäßig zu veröffentlichen. Als sei es das Einfachste auf der Welt. Alle Schwere, alle Last, war auf der Stelle wie verflogen. Es zwitscherte einzig und allein der Vogel der Eitelkeit sein von sich selbst besoffenes Lied.

 

Oft stellte er seinen Geschichten ein Zitat voran. Als wenn es dem Ganzen mehr Gewicht verleihen würde. Auch so eine überflüssige Geste aus längst vergangenen Zeiten. Bei meinen einzelnen Veröffentlichungen ließ ich sie meist weg. Vor allem weil ich ja oft keins der Werke, auf die er sich bezog, je gelesen hatte. Nachfragen hätten nur überflüssige Mühe bereitet. Es funktionierte ja, so wie es war, schon ganz hervorragend. Was wollte ich also mehr?

 

Außerdem hatte ich immer noch einige seiner Geschichten auf Lager.

Zwischenzeitlich würde sicher frischer Nachschub vom Trasher eintreffen, was konnte mir also erst einmal groß passieren?

 

REGENFRESSER

 

 >Es ist nicht schlimm, wenn man missverstanden wird, schlimmer ist es, wenn man verstanden wird.<

(Marquis de Sade)

 

 

 

Nach oben schaute es, das knorpelige Wesen. Öffnete seinen Mund soweit es ging. Riss ihn gar auf.

Wäre es eine Schlange gewesen, so hätte es sicher vorübergehend den Kiefer ausgehebelt, um einen möglichst großen Einlass zu bieten. Der Regen prasselte nun seit neun Monaten auf es herab, unaufhörlich.

Im trüben Halbdunkel hockend, dem Lichte in jeglicher Hinsicht Feind geworden, schien es der Kreatur wichtig zu sein, Unmengen des Regenwassers in seinen Körper hineinströmen zu lassen. Bald würde es mit diesem liebgewordenen Unwetter womöglich vorbei sein. Sonnenschein war angedroht. Wärme, Licht, sogar von behaglicher Trockenheit war die Rede. Wie schrecklich!

 

Es würde wohl wieder das Geld dieser einfachen Menschen aufessen müssen, mit dem sie den Sonnenschein zu bezahlen pflegten, wenn sie genug davon gewonnen hatten, in den unterirdischen Casinos, die niemand betreten durfte, der nicht den bösen Eid auf das letzte Regelwerk des Daseins leisten wollte. Die Kreatur kümmerte das nicht, denn sie verachtete die Menschen des Dorfes. Sie war eigentlich nur auf die Vernichtung ihrer heimlich erworbenen Geldbestände aus. Damit die Sonnenscheinlieferanten den Menschen ihren Kredit entzogen und wieder Kälte und Finsternis das Regiment führen konnten. Wie seit Äonen befohlen. 

 

Der Regen fiel weiter hinab auf das Lebewesen. Langsam. Immer langsamer. Er schien fast zu stoppen. Auch in der Luft verharrten die einzelnen Tropfen nun entsetzlich lange. Es dauerte mitunter Stunden, bis sie auf der schuppigen Haut dieses "Es" zerplatzen durften. Das Tier starrte jeden einzelnen Wassersplitter des Himmels ausgiebig an. Fast wie unter dem Mikroskop. Wendete es, sorgfältig begutachtend.  Wissenschaftlich präzise. Die Temperatur begann zu sinken, als wenn die Heizung der Welt ausgefallen sei. Kontinuierlich verpuffte die Restwärme des Planeten. Entschwand. Wohin, weiß niemand. Sachte kristallisierten die ersten Tropfen während ihres Falls. Wie eine in Zeitlupe zerberstende Windschutzscheibe.

 

Seit Wochen hörte man furchtbare Botschaften in der Gegend, es wurde vom Ende des Regens geredet und von neuen Verträgen mit der solaren Gewalt. Vor neun Monaten war den Dorfleuten unten im Tal das Geld für die Sonne ausgegangen. Die Kreatur hatte in den einstmals lauen Nächten unerkannt daran gefressen, bis kaum noch etwas in den Speichern war. Und dann kam diese unglückselige Pechsträhne dazu. Die Wächter wurden unfreundlich und es war kein Handel mehr zu machen mit den Lieferanten des Lichts und der Wärme. So konnte der Eiswind wieder bittere Wolken über die traurigen Ebenen treiben, es regnete und regnete und wurde erneut so kalt, wie es die Kreatur gewohnt war.

 

Doch in dieser Zeit der Dunkelheit, hatte sich das Blatt an den unterirdischen Spieltischen abermals gewendet, es wurde wieder gewonnen, jeder Notgroschen gesetzt und bald schon begannen sich die Geldspeicher im verlorenen Weiler erneut zu füllen. Das ewige Unwetter ermunterte mehr und mehr Dorfleute, unter Tage das Glück zu suchen. So taten fast täglich neue Spieler den schlimmen Schwur, der zum Eintritt in die Hallen der Schwarzen Spieler berechtigte.

 

Dort herrschten strenge Regeln. Um Geld ging es nur den frierenden, ständig durchnässten, klammen Menschlein. Im Grunde war der Preis ein viel höherer, ungleich bedeutsamerer. Nein, weder ihre kümmerlichen kleinen Leben, noch die schwach glimmenden, winzigen Seelen waren der fürchterliche Tribut. So einfach kamen sie den wirklichen Spielern nicht davon. Der unbarmherzige Handel kannte nur ein Ziel: Ihre Freude!

 

Man wollte sie ihrer Lebensfreude berauben. Fröhlichkeit, menschliches Glück, Liebe, sei es auch nur etwas bescheidene Ausgeglichenheit. Das sollte die harte Währung sein, die klingende Münze, die es zu erbeuten und möglichst für immer zu verschlingen galt. Es waren die grauenhaften Serotoninräuber und Dopamindiebe, die jenes sonderbare Spielerparadies, weit unter der Regen durchweichten Erdkruste, mit großer Grausamkeit betrieben.  

 

All das spielte sich tief unter den Klauen behafteten Füssen des Knorpelköpfigen Regenfresserwesens ab. Welche Rolle es in diesem von langer und höherer Hand geplanten Spiele spielte? Wer weiß das schon? Sicher ist nur, das es nichts Gutes zu bedeuten hatte. So fror das nasse Land langsam und beharrlich zu.

Dunkelheit strömte ekelhaft leise, aber aufreizend unnachgiebig, durch alle Winkel und Ritzen. Die Kreatur begann unmerklich zu vibrieren. Der von Schildplatten besetzte Rücken schwang immer lauter, in sehr spitzen, kreischenden Lauten. 

 

Die Dorfmenschen waren mit Eröffnung dieser unterirdischen Spielhöllen in einen wahrhaft teuflischen Kreislauf geraten: Sie gewannen viel Geld und verloren doch all ihre Freude und jegliche Zuversicht. So mussten die Menschen in ständiger Düsternis und schneidender Kälte ihr kümmerliches Dasein fristen. Ohne die geringste Möglichkeit, ihre hormonellen Glücksspeicher jemals wieder auf natürliche Weise aufladen zu können.

 

Sie erkauften sich die Wärmeperioden und auch den dazugehörigen Sonnenschein. Ging das Geld zur Neige, so kam auch die Dunkelheit zurück - und es musste wieder gespielt werden, in den Spektakelschächten der Schwarzen Spieler, über deren Herkunft niemand ein Wort verlor.

Und sie alle ließen ihre Freude bei den finsteren Herren, all ihren Mut  - und manche wurden beim Spielen verrückt. Es waren immer die erfolgreichsten unter ihnen, die verrückt wurden. Die das meiste Geld gewannen, hatten auch den höchsten Preis zu zahlen.

 

Und doch wurden sie an der Oberfläche, wenn sie mit verwirrtem Geist und geschundener Seele, aber schwer beladen mit Geld, aus den Spielreaktoren zurückkehrten, von den übrigen Dorfmenschen als Heilige verehrt und gesalbt und gepflegt. Bis ihr Spielgewinn einfach zerronnen war. 

 

Das war natürlich alles vollkommen erlogen. Es gab keine schwarzen Spieler und schon gar kein unterirdisches Casino. Aber es hörte sich viel besser an, als die undenkbare Wirklichkeit und war den zurückgelassenen Dörflern ein steter Trost. Die Vorstellung, sich in den knotigen Klauen einer außerirdischen Macht zu befinden, half bei der Bewältigung des großen Unglücks, das seit einiger Zeit über sie gekommen war.

 

Der Dorfälteste hatte den seltsamen Schriftgelehrten mit der Erfindung einer Lüge, einer mystischen Sage beauftragt. Ihn, den Meister des Grams, der sich nur sehr langsam und hölzern bewegte. Den viele im Dorf fast für einen Idioten hielten. Doch mangelte es ihm von Kindesbeinen an weder an kurioser Phantasie noch an sonderbarer Lektüre.

Das, was es in den Tiefen zu verbergen galt, das was die Spieler dort unten wirklich zu tun bereit sein mussten, würde das Fassungsvermögen der anderen Menschen weit übersteigen. Sie durften es nie erfahren. Viel zu entsetzlich wäre es. Niemand würde mehr Wärme spüren, die Sonne sehen oder ein klein wenig Glück empfinden wollen, wenn er tatsächlich um die Umstände dieser ekelhaften Pein wüsste. Die Scham würde einen jeden dabei ersticken lassen. Auf der Stelle.

 

Der knorpelige Regenfresser wusste um die ganze Wahrheit. Hätte diese Bestie lachen können, es hätte selbst den Regen und die Kälte verspottet. Doch es schwieg, starrte nach oben, dorthin, woher all dies tropfende Unbill zu kommen pflegte und dachte oft lange nach. Solange niemand sprach, würde man vorerst nichts genaues darüber erfahren. Niemand, auch du nicht! Und also wird weiterhin all dein Glück seinen sehr hohen Preis haben. Jeden Morgen aufs Neue.

 

Ich hätte es mir auch sehr einfach machen können. Dann hätte ich das Wesen einfach verschwiegen und wäre übellaunig schlicht auf den Punkt gekommen: Eure verfluchte Regenduldungsstarre, samt der unerträglichen Schlechtwetter-Fressen und den weit vorgeplanten Jahresurlaubsutopien. Diese ganzen notdürftig zusammen geklaubten Brückentage ohne Hoffnung, mündend in Lottogewinnen und Rentenerlösungsphantasien, sie widern mich an.

Jetzt. In genau diesem Moment. Mehr noch als der eitrige Morgenurin eines Syphilitikers.

Aber das wäre ja viel zu einfach gewesen.

 

Also habe ich lieber diese Scheiße mit irgendwelchen phantastischen Welten geschrieben.

DAS KAINSMAL DER WICHSER

 

 >Die meisten Wahrheiten schmecken nach Zyankali<

(Luis Bunuel)

 

 

 

 Natürlich spricht nichts gegen die bloße Existenz eines Kleidungsstücks. Billiger Hohn über Textilien ist ödes Tagesgeschäft für Popliteraten. Die müssen schließlich mit inhaltlicher Dürre ihr Nasengestöber finanzieren. Nein, ein Schal, jenes winterliche Accessoire, geboren dereinst im fernen Kaschmir, ist ein durchaus nützlich Ding. Zumindest bei heftigem Schneesturm in den Hochebenen des Altaigebirges.

Hierzulande wurde es jahrelang klassisch favorisiert von Herren, die ungeachtet klimatischer Notwendigkeiten, der ahnungslosen Menschheit in Sekundenbruchteilen die kostbare Zerbrechlichkeit Ihrer überaus feingliedrigen Künstlerseelen, allzu deutlich ins Gesicht schmieren mussten.

Anklänge an derbe Möbelhäuser in Bad Salzschlirf, mit ihren billigen Kunstdrucken eines Toulouse-Lautrec, wurden dabei gerne billigend in Kauf genommen.

 

Sozusagen die Diddl-Maus des kleinstädtischen Weltmannes.

 

Nun beschränkte sich diese Klientel klassisch auf pensionierte Kunstlehrer, Sonntagsmaler, Operettensänger, selbsterklärte Schriftsteller und erfolglose Galeristen. Gerne kombiniert mit seltsam exaltierten Kopfbedeckungen, um auf Gedeih und Verderb dem Bild der Boheme des 19. Jahrhunderts zu entsprechen. Das kam bei den läufigen Witwen der Volkshochschulkurse Aquarell I+II sicher gut an und versprach schnellen, schmutzigen Sex auf Schulzentrumstoiletten.

 

„Seht her, meine Hände sind ohne Schwielen, mein Gewissen rein, der Blitz soll mich zermalmend treffen, wenn man mich jemals bei ehrlicher Arbeit öffentlich anträfe. Außerdem erbitte ich mir eine gesenkte Lautstärke in meiner Gegenwart, um mein feines Gehör zu schonen. Denn sehen sie, ich denke angestrengt nach, sinniere enorm und harre stets dem göttlichen Musenstrahl“.

 

Da dieses Motto als Gesichts-Tattoo zu lang war, behalf man sich in genialem männlichen Pragmatismus, jahrelang mit dem Künstlerschal als Uniform. Im weiteren Traber-Geläuf von Darkrooms, funktionierten noch ganz andere, farbcodierte Signaltücher, aber das gehört nun wirklich nicht hier her. Braun und Gelb, Pfui!

 

Ich spreche ausschließlich über männliche Schalträger. Soviel sei gesagt.

 

Das melodramatische Ableben einer großartigen Isadora Duncan, die sich 1927 in Nizza mit ihrem meterlangen Schal in den Speichen eines englischen Sportwagens verfing und das Genick brach, steht natürlich auf ewig für klassisch weibliche Anmut. Eine Diva darf das.

 

Neben diesen obsoleten Künstlerdarstellern, war das Tragen eines Schals einst noch die Domäne praktisch orientierter braver Söhne. Meist aus sehr geregeltem Hause. Mit empfindlichen Hälsen und Seelchen. Vor allem aber einem ewig demütig offenen Ohr für den Nachklang der lebenslangen Ermahnungen ihrer Mütter.

Gerne gepaart mit exzessivem Konsum klassisch britischer Halspastillen.

"Ja, Mutter!"

 

Aktuell ist es jedoch seit zu langer Zeit schon Brauch, in schlecht gelüfteten Clubs auch bei vierzig Grad Raumtemperatur, unzählige... verstehen sie mich richtig, hmm... sagen wir einfach Träger des männlichen Genoms, mit dieser obskuren Halsumwicklung zu beobachten.

Ähnlich dumm, wie das Tragen einer urbanesken Wollmütze beim Tanzen. Es sei denn man ist zuständig für die Headspins in der örtlichen Breakdancecrew.

Das schont die Haarwurzeln und macht Sinn!

 

Damit nähern wir uns auch dem Kern meines Hasses. Seit der Renaissance des Kufiyain in allen Segmenten der Jugendkultur, vom HipHop bis zum Hooligan, findet das Tragen einer Kehlkopfbedeckung steten Zulauf in der Bevölkerung. Ich rede hier über das Palästinensertuch. Damit einhergehend, schleichen sich heimlich alle möglichen anderen Halstücher in Kleiderschränke ein.

 

Antagonist dieser jugendlichen Subkultur ist ein bundesdeutscher Fußballtrainer. Er weiß seiner Wandlung vom flaumbärtigen Schwarzwälder Zweitligaspieler zum eleganten Kosmopoliten, sehr gerne mit Kaschmirschals Nachdruck zu verleihen. Auch und gerade im Hochsommer. Eine Ikone des zweiten Bildungsweges.

Ein Mann, der aus dem Schatten übermächtiger Alphatiere trat und nun die Rache der Zweiten bis Dritten Reihe perfekt personifiziert.

Ein klassisches Rollenmodell all jener, die mit Hilfe von Logik, Wissenschaft und Scheindemokratie, triefend vor weichgespülter Verschlagenheit, ein Chaostheoriemodell, wie es der Fußball nun einmal darstellt, zu domestizieren versucht. Bändigung des bösen Tieres. Der Zufall muss sterben. Dazu der Schal als konterrevolutionärer Krawattenersatz. Denn man ist ja kein Spießer, nein nein, meilenweit gefehlt! Man weiß sich an der Speerspitze seiner Zeit!

 

Selten entsprach eine Mode so wenig dem typisch männlichen Leitsatz „Die Form folgt der Funktion“.

(Dies  gilt natürlich niemals für italienische Autos!)

 

Ein so unsinniges Kleidungsstück, abseits jeglicher klimatischer

Notwendigkeit zu tragen, ist im höchsten Grade zumindest metrosexuell.

 

Nun sind alle Burschen unter 25 Jahren, mit ihrer heutzutage ausgesprochen langen Selbstfindungsphase, noch mit gütiger Milde zu betrachten. Aber erwachsene Männer, die sich bereitwillig dem Zwang der Barbiefizierung im Stile eines „Ken“ hingeben, erwecken in mir latenten Argwohn. Das liegt sicher auch an meiner äußerst subjektiven, aber präzisen Beobachtung, welche Art von Herren sich, auch gerne noch mit hochgestelltem Polohemdkragen, in geschlossenen Räumen demonstrativ beschalt zeigen.

 

Es sind dies zumeist Werber, Marketingmanager in Plattenfirmen, Fernsehjournalisten, Trend-Gastronomen, Modefotografen und -da sind sie wieder- Popliteraten!

 

Allesamt Angehörige einer menschlichen Laune der Natur, die man guten Gewissens dem Obskurantentum zurechnen muss. Stets wankelmütigen Herzens. Für sie ist der alte kaufmännische Grundsatz von „Treu und Glauben“, eine unverständlich leere Phrase. Wachsweiche, Schneckenartig verschlagene Kriechtiere, schleimig auf dem breiten Arsch einer vermeintlichen Mode gleitend. Im Grunde vollkommen fest im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends verhaftet. Obwohl doch sonst an ihrer Seelenbeschichtung alles sauber abtropft.

 

Menschen, die sich einfach demütig hingeben. Wie erniedrigte Straßenköter. Hände hoch, Gewehr runter, Uniform aus, andere Uniform flugs übergestreift, neuen Fahneneid geleistet und schon dem nächsten Herrn zu Diensten.

 

Während des dritten Reiches nannte man diese menschliche Kategorie „Goldfasan“. Anschließend „Kriegsgewinnler“ und nach 1989 war „Wendehals“ die gängige Definition.

 

Heute erscheinen sie bisweilen Sonntagsnachmittags als schlechtgelaunte Teilzeitväter von Trennungsopferkindern auf Spielplätzen und abends dann schließlich als verlässliche statistische Größe in Fernseh-Umfragen. Dort erfasst man sie pauschal als „Wechselwähler“.

 

Vorsicht vor dem Kainsmal der Sorglosigkeit!

 

Wer es einmal trägt, wird es nie wieder los, zumindest nicht in meinem Gedächtnis, ihr kleinen Wichser!

SNAEFELLSJÖKULL

 

>Schau mit beiden Augen, schau.<

 

(Jules Verne)

 

 

Hätte ich vorher wirklich geahnt, welch eisiges Abenteuer mich in meinem schäbigen, kleinen Eck-Supermarkt erwarten könnte, augenblicklich wäre meine ignorante Verachtung einem Pulsschlag peitschenden Flackerblick gewichen. Aber wer hielt solch ein Geheimnis für möglich? Ausgerechnet dort?

 

In dieser vernachlässigten Filiale, mit ihrem menschlich verlorenem Personal und der kleinen, verwinkelten Verkaufsfläche, in die schrecklich viel Ware gestopft worden war. Eine Waschbetonige und orangefarbene Kapelle kapitalistischer Schäbigkeit. Und so trieb ich nun, mit meinem sachte ratternden Einkaufswagen, durch die sehr engen und mit Kunstlicht verseuchten Gänge. Auf der Suche nach meinem täglich Brot.

 

Es war früher nachmittag, eher ruhig und die Räume zwischen den Regalen voller Instant-Kaffee, Alkohol und Blutwurst nur spärlich von irgendwelchen angeblich beseelten Geschöpfen heimgesucht. Eine gute Zeit also für mich als Tag-Gespenst.

Neben Waren des täglichen Bedarfs, hielt der Laden bereitwillig auch stets menschliche Kuriositäten bereit, die sich dem willigen Betrachter bisweilen ganz unverschämt darboten.

 Man musste ihren Anblick zur rechten Zeit nur zu pflücken wissen.

 

Sie war eine sorgfältig gekleidete Frau, mit blonden schulterlangen Haaren und in mittleren Jahren. Nicht äußerlich entstellt, aber sicher nur für den geübten Zahlenfetischisten und Hilfsbuchhalter wirklich sexuell anziehend. Etwas unsicher schob sie ihren leeren Einkaufswagen durch den Markt, dabei aber das Angebot in den Regalen sorgfältig fixierend. Sie trug einen hellen, gepflegten Mantel, einen teuren Wollpullover, darüber eine Perlenkette und -etwas seitlich versetzt-, eines dieser Halstücher in grässlichen Farben, die die aufkommende Putenhalsigkeit munter kaschieren sollen. Hinter ihren leicht getönten Brillengläsern, auf dünnem, goldenen Gestell, funkelten Augen in den wechselnden Farben eines nervös schimmernden Vulkangletschers bei Sonnenuntergang. Etwas fahrig vielleicht, aber dennoch freundlich stechend.

 

Sie hieß ganz sicher Regina. Jedenfalls für mich. Sie war seltsam deplaziert in dieser Umgebung, die mir schon manch überraschende Physiognomie präsentiert hatte.

 

Einmal stolzierte im Sommer ein aufregender Hintern, der an langen, schlanken Beinen befestigt war, durch diese Gänge. Ich konnte immer nur kurz von hinten einen sachten Blick erheischen. Man kennt das ja, wenn so ein flüchtiger Anblick reizender Details, eine gewisse triefende Erwartungshaltung im dumpfen männlichen Gehirn auslöst und das vaginale Rätsel geifernd seiner Lösung harrt. Man will also unmittelbar nach dem Körper auch endlich das Gesicht der Frau visuell erbeuten.

 

Irgendetwas schien damals nicht zu stimmen. Sie drehte sich um, ihre Brüste, der ganze Oberkörper, makellos!

Die Arme, ja die Arme, sie waren es! Konzentriert maß ich aus der Entfernung ihre Länge ab und stellte erschrocken fest, das sie seltsam kurz waren. Nicht sehr, aber doch etwas. Es fehlten deutlich ein paar Zentimeter zum Ebenmaß. Irritiert wanderten meine Augen an ihr nach oben und erstarrten:

 

Sie war sicher die erotischste Behinderte gewesen, die ich jemals gesehen hatte. Doch der Anblick ihres Gesichtes bar jeglicher Symmetrie, mit Augen, die sehr weit diagonal auseinander standen und einem schiefem Mund mit metallener Zahnspange, ließ auch mich, den Liebhaber des Seltsamen, ratlos erschlafft zurück.

 

Eben diese Erinnerung an menschliche Berg- und Talfahrten, motivierte mich weiterhin ein Auge auf das Treiben der tadellosen Bilanzbuchhalterin zu werfen.

Sie machte sich nun schon am dritten Regal zu schaffen, betrachtete die Produkte sehr genau, nahm sie einzeln sorgfältig von ihrem Platz, drehte und wendet die Packungen und las sich die Beschriftungen aufmerksam durch.

Wenn etwas vor ihrem Auge Gnade gefunden hatte, dann war es wohl auch genauestens geprüft.

Sie schien eine Vorliebe für die Zahl drei zu haben, denn in ihrem Einkaufswagen fanden sich inzwischen von jeder gewünschten Ware jeweils genau drei Exemplare. Und diese selbstverständlich ordentlich und symmetrisch gestapelt.

 

Alles schrie gewissermaßen:

 

„Drei!“

 

Das konnte ich im Vorübergehen verwundert feststellen.

 

Neben mir beugte sich Regina tief ins Kühlregal und kontrollierte intensiv die Mindesthaltbarkeitsdaten der Milch. Sie war also eine Frische-Fanatikerin, verstehe! Wie einer meiner Freunde, der sich auch immer besessen die Mühe machte, ganz ins hinterste Regal zu kriechen, um die Packung mit der angeblich längsten Haltbarkeit zu erwischen. Nur dann war er zufrieden.

Manchmal hatte ich den Eindruck, das er insgeheim auf der Suche nach Eiern war, deren Lege Datum noch in der Zukunft lag. Oder er darauf hoffte, das Fleisch von offenkundig noch ungeborenen Kälbern zu erwischen.

 

Regina kontrollierte alle Milchpackungen. Nichts sollte ihr auch nur im Ansatz entgehen! Dabei fror ihr Blick in einer Art Gletscher-Starre ein. Verlegen bemerkte sie mich, lächelte kurz, dabei erwärmte sich das Eis ihrer Augen in Windeseile, ohne aber wirklich an Starre zu verlieren.

Sie nahm drei Milchtüten aus dem Regal und stellte sie preußisch in Reih und Glied.

 

Vorsichtig tasteten sich die Rollen ihres Einkaufswagens weiter durch die engen Gänge. Dabei heftete Regina ihren Blick sehr fest auf ihren bisherigen Einkauf, als ob eine ständige Inventur in ihrem Kopf stattfände. Zählen, zählen, immer weiter zählen...

 

Alles musste drei sein und frisch, frisch musste es sein. Unbedingt!

 

Um nicht weiter in meinem Beobachtungseifer aufzufallen, widmete ich mich meinem eigenen Einkauf und ließ sie erst einmal etwas aus den Augen. Allerdings brannte die Neugier in meinem Hinterkopf wie Feuer.

Nur sehr unkonzentriert und Geschäftigkeit vortäuschend, setzte ich meinen Gang fort. Irgend etwas stimmte nicht mit ihr. So viel war mir klar geworden. Wenn ich dran bliebe, würde ich sicher noch einen Happen Alltags-Irrsinn erheischen können. Zumindest wollte ich an dem kleinen Aperitif, eines bis dato noch unbekannten Wahnsinns, ein wenig naschen. So ein Likörchen aus der Kellerbar seltsamer Begebenheiten.

 Er würde etwas zu süß und ein wenig zu stark sein, vielleicht aber doch recht schmackhaft.

 

Halbherzig griff ich zu Tütensuppen und imitierte das genaue Studium des Warenangebotes, als mir Regina wieder ins Blickfeld rollte. Diesmal stand sie vor dem Regal der Konserven. Im Grunde Lebensmittel für die Ewigkeit, deren aufgedruckte Haltbarkeitsdaten mich immer eher verschreckten. Bei dem Gedanken wie viele endlose Jahre, irgendwelche Bohnen, Erbsen oder auch Fische, in diesen Blechdosen vor sich hin schwammen, wird mir immer ganz anders. Nicht vor Ekel, sondern eher vor Entsetzen.

 

Weil man mit Jahreszahlen konfrontiert wird, mit denen sich kein Mensch sonst im Alltag ernsthaft beschäftigen würde. Eine Art Lebensmittel Science-Fiction. Diese Zahlen fragten:

 

„Sagen wir einfach mal....im Jahr 2023, wirst du dann noch für mich Verwendung haben, Herr?“

 

Man kaufte etwas ein, das vielleicht noch in ein paar Jahren von irgendwelchen Verwandten oder Freunden aus dem Schrank geräumt werden musste, weil man selbst schon längst tot war. Aber diese Dosen, die würden noch da stehen, im Schrank, wie am ersten Tag.

 

„Im Prinzip haben Konserven eine nahezu unendliche Haltbarkeit bei moderaten Temperaturen.“ Das sagt die Canned Food Alliance in den USA.

 

Im Grunde beruhigend und schrecklich zugleich. Ich sehe mich im Zeitraffer langsam verschrumpeln und verrotten, wie ein fauler Pfirsich. Während diese garstigen Dosen, marmorne Monumente ihrer selbst, im Schrank höchstens etwas Farbfrische am Etikett verlieren.

 

Ich bin mir sicher das die Konserven nur darauf warten ihre Käufer hämisch grinsend zu überleben.

 

All diese Gedanken aber waren Regina anscheinend nicht zu eigen. Sie wusste sehr genau, das eine Dose Thunfisch bestimmt nicht vor dem von ihr zeitgleich gekauften Bio-Jogurt verderben würde. Und doch hielt sie dieses Wissen nicht davon ab, sich auf ihre Fußspitzen zu stellen und oben im Regal, hinter alle Reihen gestapelten Thunfischs, ganz nach hinten zu greifen.

Im tiefen Glauben, das nur dort, an unzugänglichen und nur mit großer Mühe zu erreichenden, völlig der Welt abgewandten Plätzen, einzig die frischesten und in ihrer unbefleckten Reinheit nahezu heiligen Dosen zu finden waren.

 

Anstrengung und Kraft musste es kosten, das war ganz wichtig. Ohne Fleiß kein Preis. Arznei ist keine Leckerei und was nichts kostet, das taugt auch nichts. Entbehrung und gewiss etwas Schmerz, das war der Nektar ihres Lebens. Neben der strengen Ordnung, natürlich.

 

Sie wirkte fast etwas hilflos und komisch, wie sie in ihrer ganzen Besessenheit und auf Zehen balancierend, beinahe das Gleichgewicht verlor. In ihrem unnachgiebigen Bemühen dem Ozeangleichen Regal einen großen Fang zu entreißen.

Ihr Blick war bei dieser Schleppnetzjagd in den Untiefen des Supermarkts nicht mehr von dieser Welt. Vollkommene Besessenheit in perfekter Reinheit. Nahezu kristallin.

 

Schließlich schien auch dieser Teil ihrer Jagd von Erfolg gekrönt. Sie legte die drei erbeuteten Dosen vorsichtig in ihre im Gang dümpelnde Einkaufs-Schaluppe.

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube gesehen zu haben, wie sie die metallenen Objekte lange gegen das grelle Neonlicht hielt, sie in Händen drehte und prüfend wendete. Wie ein korrupter Diamanten-Schwarzhändler in verschwiegenen Antwerpener Hinterhofwerkstätten.

 

Sie hatte sicher Konserven auserwählt, die noch bei meiner Beerdigung gefahrlos verzehrt werden konnten. Ich versank ganz in den Gedanken daran, wie vor meinem offenen Grab (mein Sarg wäre sicher schon herab gelassen), drei Thunfisch Dosen herumgereicht und vom Pfarrer mit Umsicht sachte geöffnet würden. Man röche prüfend daran und würde schliesslich allen Umstehenden, mit Hilfe einer gesegneten Gabel einen Bissen Fisch wie einer Hostie kredenzen. Frommen Blickes würden die Menschen den Mund öffnen und sich vom Pfaffen füttern lassen. Und dabei einzig an mich denken.

 

Wo war Regina? Ich hatte zu lange meinem Tagtraum nachgehangen. Das Beobachten dieser Frau machte einen irgendwie ganz wahnsinnig. Ich drehte mich wie von Sinnen um meine eigene Achse, doch von der seltsamen Regina keine Spur. Da wartete noch ein Höhepunkt auf mich, das konnte sicher noch nicht alles gewesen sein.

 

Systematisch durchmaß ich alle Gänge des sehr übersichtlichen Ladens und fand schließlich in der Tiefkühlabteilung ihren Einkaufswagen. Alleine. Verwaist. Aber immer noch ordentlich und akkurat mit der Dreifaltigkeit ihres Einkaufs bestückt. Jeweils ein Teil für den Vater, eines für den Sohn und eins für den heiligen Geist.

 

Und Regina?

 

Eine der meterlangen, flachen Gefriertruhen, die mit diesen großen Schiebefächern, war ihre augenblickliche Kapelle andächtiger Warenverehrung geworden. Sie beugte sich tief in das Kühlgerät hinein. Noch tiefer und eindringlicher, als bei allen zuvor beobachteten Gelegenheiten. Vorsichtig näherte ich mich. Ihr Körper verharrte, wie eine Eislaufprinzessin ohne Kufen, nur noch auf einem Fuß. Ihr Gleichgewicht hatte sie immens nach vorn gelagert und ihre Arme und den Kopf zwischen Packungen mit Tiefkühlfisch gesteckt. Mit einer Hand hielt sie sich an der Abdeckung der Eistruhe fest, sonst wäre sie dort komplett hinein gefallen.

 

Das passte im Grunde gar nicht zur sonstigen Akkuratesse ihres gepflegten Auftritts.

 

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte ich mit dem höflichsten Singsang, den ich spontan hervorzubringen in der Lage war.

 

Sie schreckte hoch. Fühlte sich wohl ertappt, verlor fast die Balance und lächelte mich verlegen an:

 

„Ähhh, nein nein, danke...alles in bester Ordnung!“

Ihre Stimme klang sanft, aber etwas beunruhigt.

 

„Ich habe da gerade nur eine Entdeckung gemacht, wissen Sie...der wollte ich mal nachgehen...“

 

„Eine Entdeckung?“ entgegnete ich ihr und tat dabei möglichst souverän und kaum interessiert.

 

„Ja, nichts von Belang. Es handelt sich nur um... den Fisch, der letzte Woche noch im Sonderangebot war. Isländischer Seelachs. Etwas ganz Besonderes. Da ist nur noch eine Packung, aber sie muss wohl aus Versehen weit nach hinten gerutscht sein.“

 

Sie war eine schlechte Lügnerin, aber ich wollte ihr jetzt nicht weiter zu Nahe treten.

 Diese Kontaktaufnahme hatte mir im Grunde schon genügt.

 

„Na dann, viel Glück noch bei ihrer Eisexpedition!“ Damit wollte ich die Situation schnell lockern und auflösen, doch in ihren Augen machte sich rasch Unsicherheit breit.

 

„Expedition? Ja, ähhh, hehe, ja da haben sie wohl Recht. Danke!“

Damit wandte sie sich rasch wieder um, verharrte aber erst einmal abwartend in aufrechter Haltung.

 

Ich versuchte ihr den Einstieg in den Fortgang ihrer weiteren Unternehmung zu erleichtern und entfernte mich zügig aus ihrem direkten Sichtbereich. Mit Hilfe eines beiläufigen Schulterblicks sah ich sie wieder tief in die Eistruhe gebeugt. Man konnte sie sich jetzt gut in einem Fellmantel mit Handschuhen, um den Körper gewickelten langen Hanfseilen und Steigeisen vorstellen. Wie eine Polarforscherin. Eine Stirnlampe hätte dazu noch gefehlt.

Statt Schlittenhunde-Gebell, vernahm ich aber nur das näher an mich heran dringende Piepsen der Supermarktkasse.

 

Der Gedanke einer Expedition gefiel mir, denn sie hatte für einen Moment, neben all der Erschrockenheit, auch das Leuchten einer Entdeckerin in ihren Augen gehabt. Irgendetwas musste ihr Interesse geweckt haben. Ihr Feuer. Etwas, das über ihre offenkundige Zwangsneurose bezüglich Lebensmittelfrische hinaus ging. Ein Geheimnis, das sie nicht bereit war zu teilen.

 

Wahrscheinlich hatte sie den Eingang zum Mittelpunkt der Erde ausgerechnet in meinem grässlichen Eck-Supermarkt entdeckt. Zwischen gefrorenen Nordsee-Schollen und Fischstäbchen.

 

Während die Kassiererin gelangweilt meine Waren über das Band zog, schaute ich noch weit in den Markt hinein, doch keine Spur mehr von Regina oder ihrem Einkaufswagen. Beim Zusammenpacken meines Einkaufs ließ ich mir bewusst sehr viel Zeit. Regina tauchte nicht mehr auf.

 

Seltsam.

 

Sie war bestimmt erfolgreich gewesen. Hatte ihrem alten, von Zwängen geordneten Leben sofort und entschlossen den Rücken gekehrt und stieg jetzt zügig hinab in diesen Schacht. Hoffentlich hatte sie vorher genügend Kerzen oder eine Taschenlampe mitgehen lassen, für ihrer Expedition in die hohle Erde. Denn der Weg würde sehr weit, gefahrvoll und abenteuerlich werden, so viel wusste ich noch von früherer Lektüre.

 

Beim Verlassen des Gebäudes kamen mir spontan wieder folgende, ursprünglich im 16. Jahrhundert hermetisch verschlüsselten Zeilen des isländischen Alchemisten Arne Saknussemm in den Kopf:

 

 >STEIG HINAB IN DEN KRATER SNEFFELS YOCUL; WELCHEN DER SCHATTEN DES SKARTARIS VOR DEM ERSTEN JULI LIEBKOSET; KÜHNER WANDERER; UND DU WIRST ZUM MITTELPUNKT DER ERDE GELANGEN: DAS HABE ICH VOLLBRACHT.<

 

Eigentlich sollte demnach der Eingangsbereich zum Mittelpunkt der Erde im Kraterbereich des Vulkans Snaefellsjökull liegen. Und den geneigten Abenteurer irgendwann wieder auf der süditalienischen Vulkaninsel Stromboli ausspucken. Aber warum das alles nicht auch in Berlin? Mitten in der Stadt? Was sprach dagegen?

 

Ich habe Regina bis heute nie wieder gesehen.

 

 

 

 

 

HASS

 

 >Es lohnt nicht die Mühe sich zu töten, denn man tötet sich immer zu spät<

 

(Emile Michel Cioran: „Vom Nachteil geboren zu sein.)

 

 

 

Wie wäre es, wenn ich eine Frau wäre? Mit hohen Absätzen, langen Beinen. Ein hartes, geiles Fräulein in der großen, dunklen Stadt? Wäre ich auch eines dieser hysterischen Rache-Weiber aus Schundfilmen hinter Gittern, eine Hand in deinem Schritt, die andere mit der hasserfüllten Klinge an deiner Kehle? Knöchel tief im unschuldigen Blut watend, aber stets vom tiefen Triumph der ewigen weiblichen Richtigkeit ganz besoffen? Wie ist das, so ganz ohne Testosteron-Explosion im Cortex, durch die nackten Straßen zu laufen?

 

Will man dann auch im Vorübergehen verhuschte Studenten an beiden Schultern packen, durchrütteln und ins Ohr brüllen: „Vergiss es! Das wird nie etwas, egal was du dir vorgenommen hast! Denn du bist Scheiße!“

 

Was hielte einen davon ab, dem dünnsten Mädchen einer Gruppe kichernder Partyhühner nicht nur den Finger, sondern die ganze Hand und den Unterarm in den Hals zu stecken?

 

„Du bist fett und wirst es immer sein, du bist ekelhaft, niemand liebt dich!“

 

Würde man auf nassem Pflaster ebenfalls diese steigende Anspannung im rechten Bein spüren? Die bei jedem Schritt sich erigierende, pralle Wut, gespeist aus dem Pessimismus der gescheiterten Regenlachen, die dir deinen Mut aussaugen wollen, wie billige Transen im Park?

 

Gäbe es diesen heiligen Drang sich anzuspannen, hoch zu springen, nur um den Abdruck seines eigenen Schuhs im Gesicht eines dieser stumpfen Weiber-Angaffers betrachten zu dürfen? Der mit offenem Mund und schmutzigen Augen jedem befruchtbaren, weiblichen Menschen hinterherstiert. Nur so? Aus Neugierde? Würde man das tun wollen? Und wenn nicht, was wäre die Alternative? Was mache ich als Frau mit meinem nie versiegenden Hass?

 

Heirate ich etwa?

DAS SCHWEIGEN

 

Mein langes Schweigen hat seinen Grund. Einen unangenehmen, der zuzugeben mir schwer fällt. Bin ich zu feige? Ist er mir auf die Spur gekommen? Weiß er, was ich mit seinen Texten anstelle? Wochenlang habe ich den Trasher nicht mehr gesehen. Kein Laut. Ich dachte schon, er sei tot, abgetaucht oder im Knast. Bei ihm kann man ja nie wissen. Dann irgendwann prasselte eine Flut von Texten per Email auf mich ein. Getroffen habe ich ihn inzwischen auch wieder. Leider. Darüber möchte ich erst einmal besser nicht sprechen.

 

Es ist sehr schwierig geworden mit ihm. Viel eigenartiger als zuvor. Er scheint langsam durchzudrehen. Oder er zeigt mir einfach immer mehr seine wahnsinnige, mit scharfen Klingen zerschnittene Gedankenfratze. Keine Ahnung. In jedem Fall kann ich seine Texte nicht mehr einfach so übernehmen. Ein bisschen kürzen, redigieren, umformulieren, das ist schon lange nicht mehr ausreichend.

Was ist los? Seit ich mich bei seinen Ideen bediene und sie als die meinen in die räudige Wortwelt hinauswürge, ist auch ein gewisser Druck entstanden.

 

Eine unangenehme Gewitter-Schwüle in meinem Kopf. Die Leser wollen mehr von diesem merkwürdigen Stoff. Wie Süchtige. Dreckige Junkies, die den ganzen Tag vor meinem Haus herumlungern, auf mich wartend, bereit alles zu tun, für den nächsten Schuss.

 

Man lächelt mir erwartungsvoll zu, zwinkert, pfeift oder starrt mich allenthalben mit geröteten Augen an. Der Dealer hat gefälligst immer jovial und pflichtschuldig zu liefern. Sollte er auch nur eine Woche ausfallen, insgeheim auf dem Trockenen sitzend, ohne Ware, oder gar von seinen eigenen Dämonen und der billigen Schreibblockade gehetzt, verliert er sie ganz schnell, die Abhängigen. Sie ziehen einfach weiter zum nächsten Wortlieferanten. Gibt ja derer genug.

 

Ohne Skrupel schenken sie ihre Liebe bedenkenlos irgendeinem anderem Stümper. Oder liefern dich gar ans Messer. Behaupten du seist fertig, leer, ausgebrannt, ohne Ideen, kein Material mehr auf Lager, Ende des Feuerwerks! Mal wieder einer, der es nicht durchgehalten hat, nicht mitgehen konnte, das hohe Spieltempo des Lebens dort draußen. Wer nichts raushaut, ist alsbald nicht mehr existent.

 

Und wie könnte ich dieses neue Material, das hier vor mir auf dem Schreibtisch vor sich hin glüht, einfach vollkommen sorglos dort draußen verteilen? Der Stoff ist so anders. Pur. In dieser Dosis schwer verdaulich, außer für verlorene Bestien. Hassfetischisten vielleicht. Nein, dieses Zeug müsste man auf jeden Fall strecken, mit weichen Beimengungen verschneiden. Oder irgendwann später, in winzig zwergenhaften Dosen, an ein anderes Publikum verhökern. Im Buchstaben-Hospiz vielleicht. Ich will ja nicht noch obendrein zum Wort-Mörder werden.

 

Verdammt.

 

Es fließt in seinen Satzkolonnen zwar erstaunlich wenig Blut und die ach so modischen Pipi-AA-Worte junger unbegabter Romanmädchen, die ihre erotischen Fantasien derzeit erfolgreich an geifernde Onkels und Tanten verhökern, nimmt er selten in den Mund. Er ist ja kein dreijähriger Junge. Die Kindergärtnerin mit schmutzigen Ausdrücken kokett zu provozieren zu wollen, das erhärtet sein Gehirngemächt wohl schon lange nicht mehr.

Keine Wurmrebellion aus Hildesheim. Oder Studenten-Tourette. Ich habe zudem die ungute Befürchtung, dass der Trasher von all diesen schrecklichen Gedanken kaum etwas wirklich frei erfindet. Dies macht es im Grunde noch unheimlicher und schwieriger.

 

Ich muss mir dringend etwas einfallen lassen. Obwohl das Zeug schon ziemlich reinhaut. Vollkommen ungebremst, direkt aus den Frontallappen, wie mir scheint. Vermischt mit einigen brutalen Impulsen aus entwicklungsgeschichtlich uralten Hirnregionen. Hass und Liebe, diese ewig scharfen Waffen der Menschlein eben:

 

 

LIEBE

 

>Die Forderung, geliebt zu werden, ist die größte aller Anmaßungen.<

 

(Friedrich Nietzsche)

 

 

 

„Ich will nichts davon hören! Behaltet sie, eure ekelhafte Liebe aus dem Kaufmannsladen für brabbelnde Kleinkinder. Das, was ihr für Liebe haltet. Oder was ihr uns allzu penetrant öffentlich dafür halten lassen wollt. Eure unwichtigen und vorhersehbaren zwischenmenschlichen Irrtümer. Ich mag sie nicht, sie sind im besten Fall langweilig, meist aber vor allem inflationär, ganz flache Gefühlsreliefs, unschön, unangenehm entlarvend. Ein seelischer Nacktbadestrand voller emotional entstellter Zombies, mit billigen Gummifratzen von der Konfektionsstange.

 

Die älteste Geisterbahn der Welt. Im Namen des Heiligsten, was dem emotionalen Reichtum einer menschlichen Existenz angeblich zu Teil werden kann. Das Höchste der Gefühle! Die Quintessenz jeglichen tieferen Sinns. Der Andere, der nur für Einen selbst geschaffen wurde, geschmiedet in unterirdischen Liebeskammern, passgenau, perfekt ineinander greifend.

 

Der richtige Schwanz in der richtigen Fotze. Das Vakuum schließt sich mit einem satten Geräusch von Vaginalsekreten. Denn davon geht der Scheiß ja aus.

 

Frauen glauben tief und fest an die Erfüllung dieses Pferdemädchenromans. Und wehe es wird auch nur einen Millimeter von der Handlungsanweisung abgewichen. Gepriesen dereinst ausgerechnet von Kerlen, Minnesängern, in noch älterer, obskurer Herkunft irgendwo aus dem Orient, wo man das systematische Verarschen und Anlügen von Weibern ja schon früh perfektioniert hat. Im Gewand der schwül spermatropfigen Poesie, die jeder Frau angeblich die Sterne vom Himmel holt und in einem innigen Tanz zweier menschlicher Universen endet. Bei lüstern strömendem Regen natürlich.

 

Das ist in Bollywoodfilmen noch heute eine Metapher, sagen wir lieber ein Code, fürs Ficken. Da spricht man ja nicht offen über solche Dinge, sondern rollt lieber einige Meter Mädchen-Darm hinter einem Bus aus dem Körper unwilliger Frauen auf die staubige Straße.

 

Oder hängt sie nach der Massenvergewaltigung gleich am nächsten Mangobaum auf. Im warmen, dräuend Malvefarbenen, knospigen Morgenlicht. Denn so viel Poesie muss ja sein!“

 

Schmidt war heute ungewöhnlich in Fahrt. Was war nur los mit ihm? Er war doch sonst kein Frauenhasser. Soweit ich wusste, hatte er auch derzeit eine Freundin, es kamen keine besonderen Klagen, unterfickt konnte er nicht sein. Ich hörte ihn ja oft im Nebenzimmer unserer gemeinsamen Wohnung seine Gefährtin eindringlich wie ein Instrument bespielen. Die Bude war halt sehr hellhörig. Es musste also etwas anderes sein. Er war im Grunde keine Freund großer Töne, programmatischer Reden und ungebetener Welterklärungsversuche. Eher ruhig, trocken, wenige Worte, die aber wie Präzisionsraketen, Laser-gesteuert, tödlich auf den Punkt. Bumm. Und jetzt dieser Splitterbombenteppich.

 

„Ich bin noch lange nicht fertig, das Beste kommt ja noch. Nun gurgeln im Zuge der Klassik, Sturm und Drang und dann noch der Romantik, einige junge Hitzköpfe Versatzstücke aus dieser Poesie für gelangweilte und bisweilen schon als Kinder Zwangsverheiratete, adlige Fräuleins des Mittelalters, vierhundert Jahre später wieder laut und vernehmlich hoch. Das wird zum Ideal des Biedermeier.

 

Für bürgerliche Frauen, die vor allem einem Versorgungspatriarchat verpflichtet sind. Stadtwohnung mit Personal, zwei Kinder, abends kommt der Ehemann aus dem Kontor und streift virtuell die Ritterrüstung über und schmiedet Verse für die Ewigkeit, nur für sie, die Prinzessin ohne Schloss. Mit einem Vater, der nie ein Königreich besaß, nie König war, sondern vielleicht Schneider. Oder Hörgeräte-Akustiker. Aber sie bleibt eine Königstochter. Komme, was da wolle.

 

Heute hat eine Prinzessin immer noch ein Anrecht auf eine Traumhochzeit, mit Erziehungszeiten, Fortbildungsförderung, Selbstoptimierungsfantasien, Gleichberechtigung, ironischen Proseccorülpsern und fröhlichem Prinzenaustausch. Königskinder im Niedrigenergie-Reihenhaus. Für immer. Ihr habt sie doch nicht mehr alle!

 

Warum tragt ihr einfach diesen literarischen Kunstgriff, diese alte Jahrmarktsfiktion, wie ein heiliges Gesetz vor euch her? Immer nur in einem neuen Gewand verkleidet? Ist es nicht mal Zeit für Bewegung? Fortgang der Geschichte?

 

Da könnt ihr ja gleich auch die Scheidung einreichen, weil der Kerl sich nach drei Jahren Ehe doch nicht als Außerirdischer entpuppt hat, wie von Kindesbeinen an gewünscht. Weil man immer gerne Star Wars gesehen hat. Ist das euer Ernst? Deshalb fahrt ihr am Wochenende schlecht gelaunt mit Fahrradhelmen über Feldwege im Münsterland, um gemeinsam eine Vollkasko versicherte Zeit nicht alleine verbringen zu müssen? Ist das alles?

 

Und dafür nehmt ihr dann Tabletten oder hängt euch in der Garage auf, wenn der Scheiß doch nicht gut geht, kein Romeo, keine Julia?

 

Höchstens ein geleaster Alfa?“

 

Meine Ohren pulsierten innerlich rotglühend, ob dieser Wortkaskaden der Liebesverachtung.

 

„Sag mal Schmidt, was ist denn los? Warum dieser Text jetzt und das ausgerechnet mir? Liebe, Biedermeier, Königskinder, Minnegesang, Fahrradhelme, was geht ab bei dir? Hast du Ärger mit deiner Ollen?“

 

Schmidt war ganz ruhig, sein Blick wanderte vom Boden langsam über meinen Körper mitten in meine Visage.

 

„Och, nichts weiter. Ich musste nur eben beim Arzt ziemlich lange warten und du weißt, wie ich es hasse, Zeit einfach so verstreichen zu sehen und nichts machen zu können. Sie weder anhalten zu können, noch vor- oder zurückzudrehen. Weil sie mich nicht ranlässt, wie so eine staubige Altjungfer, diese verdammte Zeit."

 

"Ach, auch egal. Jedenfalls saß ich da ewig rum und hab in so einer Frauenzeitschrift herum geblättert. Weißt schon, die mit positiven Selbstbefreiungs- und Verschönerungstipps. >Heute mit einer bunten Hochzeitsbeilage<! Weil ja wieder Heiratssaison ist."

 

"Da prallen dann mehrere Jahrhunderte auf wenigen Seiten aufeinander und die finden das auch noch völlig in Ordnung. Ich weiß nicht, aber mir schmoren dabei immer irgendwie die Synapsen durch, oben im Vorderhirn. Das ist wie so ein Kurzschluss, wegen der ganzen psychologischen Logiksprünge in den Heften. Und du bist halt einfach der Erste, den ich seitdem gesehen und gesprochen habe!“

 

Er zuckte schlaff mit den Achseln. Dann senkte er den Kopf, trat einen Schritt vor und hielt mir seine Schädeldecke dicht vors Gesicht.

 

„Willste mal schnuppern? Du kannst es bestimmt auch riechen, ganz verschmort, metallisch, wie so ne alte Carrerabahn! Das kannste echt nicht lesen, ohne völlig verrückt zu werden, diese komische Mittelalter Scheiße. Ist doch nur was für die Wanderhuren!“

 

"Magst du die Liebe nicht?", fragte ich Schmidt.

 

"Doch, klar! Warum sollte ich die nicht mögen? Ich mag meine. Oder auch deine, obwohl die ja sehr unstet ist. Oder einige andere. Aber nicht deren Liebe. Die ist falsch."

 

"Das ist nur emotionaler Quatsch!"

 

STRUPPI REIST HEUTE NICHT INS ALL!

 

 >Ich beneide alle Leute darum nicht ich zu sein<

(Fernando Pessoa)

 

 

 

Niemand dürfte je erfahren, was sich vor einigen Tagen zu getragen hatte. Er würde es nicht zu Papier bringen und auch keinem erzählen. Nicht einmal in betrunkenem Zustand, so wie er jetzt vor ihm stand. Es sei denn jemand könnte seine Gedanken lesen.

 

Der Trasher lachte nur, sah ihn an und begann einen Vortrag zu halten:

 

„Ich denke es war ungefähr so..unterbrich mich einfach, wenn ich falsch liegen sollte, ja?“

 

Erschrocken starrte ihn der andere an.

 

„Wie beginne ich nur, ich denke du würdest es in deiner holprigen Schulaufsatz-Diktion ungefähr so formulieren:“

 

„Während ich mit offenem Schädel durch die Stadt lief, ergossen sich die kranken Gedanken der anderen Passanten in meinen kleinen Neuronen-Eintopf. Die Sonne verrührte diesen kruden Teig prächtig, ließ ihn gären und machte meinen Gang schwankend. Eine Parkbank sollte die Rettung sein. Zwei Junkies setzten sich neben mich und brüllten von schräg oben in meinen schutzlosen Kopf. Von unehelichen Kindern war die Rede, Mietrückständen, Schlägen und Tritten in schwangere Bäuche, vier Kinder, fünf Väter, einfach immer rein gespritzt.

 

 Ein stattlicher Berliner Rentner namens Karl humpelte vorbei. Mindestens achtundsiebzig Jahre alt war der Mann und führte dennoch eine schwarze Big Mama mit riesigem Hinterteil stolz an seiner Hand. Dabei hustete er ekelhaft lüstern die Asche von einem im Mund kreisenden Zigarrenstumpen.

 

Inzwischen setzte sich eine Wespe wirr summend auf mein suppiges Hirn und begann vorsichtig zu fressen. Ach, das tat sehr gut! Ich lehnte mich wohlig schaudernd zurück und betrachtete äußerst ruhig, wie die Drogisten allmählich immer durchsichtiger wurden, bevor sie sich endgültig einfach in Luft auflösten.

 

Die Stille des Parks schwappte wieder zurück über alle Wiesen und Wege. Zum ersten Mal an diesem Tag konnte ich wirklich entspannen. Die Junkies hatten offensichtlich ein Päckchen Stoff auf der Bank liegen lassen. Ein Versehen? Absicht? Egal. Ich streute das Pulver ohne Angst kurzerhand in meinen offenen Schädel.

 

Die Wespe kicherte fröhlich und ließ ihre bestäubten Flügel vibrieren. Ein schönes Gefühl. Sofort setzte die Wirkung ein, bei mir - und bei der Wespe.

 

Schrecklich! Auf der Stelle trat in meinem offenen Schädel Normalität ein! Schlimmer noch: Vernunft und vorausschauendes, sogar verantwortungsvolles Planen war urplötzlich meinen Gedanken zu eigen. Welch seltsames Pulver.

 

Ein kratzender Schmerz breitete sich aus. Ich fühlte, wie mein offener Schädel erneut zuzuwachsen begann. Wie könnte man das nur aufhalten? Das hatte ich so nicht gewollt. Vor allem hatte ich Sorge bald ein vollwertiges und nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Das ließ mich panisch werden. Ich beschloss rasch in einen nahegelegenen Supermarkt zu rennen, um mir dort auf die Schnelle einen Dosenöffner zu besorgen. Noch auf dem Parkplatz wollte ich der schrecklichen Vernunft-Werdung Einhalt gebieten.

 

Als ich mit letzter Kraft und von rasendem Schädeldruck gepeinigt aufstehen wollte, fiel ich fast um. Meine Füße waren verschwunden und aus den Hosenbeinen rieselte rötlicher Torf. Unmengen sogar. Diese Muttererde bildete schon zwei veritable kleine Hügel vor der Parkbank. Was um Himmels Willen konnte ich jetzt noch tun? Bald würde es sicher zu spät sein!

 

Gehetzt und entsetzt, träumte ich einfach eilig den Dosenöffner herbei. Ein paar flinke Drehungen und meine Schädeldecke klappte nach oben, wie eine scharfkantige Weißblechscheibe. Aber der weiter aus meinem Körper rieselnde Torf war unerbittlich und offensichtlich von Schlafkeimen verseucht. Ich drohte einer allumfassenden Lähmung anheim zu fallen. War auch der Kopf offen, der Geist scheinbar frei, es half alles nichts, denn dieser schwere Bluttorf zementierte meinen Leib fest in die örtliche Gegebenheit hinein. Kein Entkommen. Mit letzter Kraft schrie ich um Hilfe, krächzte und kreischte.

 

Eine Gazellen-beinige Dame näherte sich rasch mit feuchten Schritten. Sie schmatzte, zischte und bot mir vor allem mit ausgestreckten Armen ihre überwältigende Hilfe an. Dankbar streckte ich meine rudernden Hände zu ihr empor. Ihre Beine wuchsen unaufhörlich. Sie wurde sekündlich immer größer und maß nun schon fast zwei Meter und Fünfzig. Irritiert aber lüstern, blickte ich unter den hoch über meinem Konservendosenkopf endenden Rocksaum. Starrte unhöflich direkt zwischen ihre Beine. Sie schien keine Unterwäsche zu tragen, das ließ mich sofort meine missliche Lage vergessen. Paralysiert saugte sich mein Blick an ihrem Schoß fest.

 

Da sie immer weiter wuchs, hoffte ich das bald ein Lichtstrahl erhellen würde, was mein schaumiges Hirn begehrte. Hager, zackig und seltsam abgeknickt waren sie, ihre ständig wachsenden Arme. Mit langen, Zangen ähnlichen Werkzeugen anstelle ihrer Hände. Das Zischen und Rascheln der seltsamen Frau, konnte meinen Blick kaum ablenken, gleich würde die gierige Lichtkante an ihren Schenkeln sachte empor wandern und dieses entscheidende Geheimnis preisgeben.

 

Ich benetzte leckend meine trockenen Lippen, meine blechig herunterhängende Schädeldecke zitterte metallisch vor sich hin. Da! Ich konnte ihn sehen, ihren köstlichen Schoß!

 

 Euphorisch zappelte mein Rumpf auf den beiden Torfhaufen. Ich riss meine Augen weit auf und sah wie ihre Scham sich sachte öffnete. Ein merkwürdig glänzender, äußerst haarloser Schädel wand sich immer weiter aus ihr heraus, während sie immer noch wuchs.

 

Mittlerweile war ihr Schmatzen einem kreischenden Zirpen gewichen, der stets lauter wurde. Doch das beschäftigte mich, den Torfmann, immer weniger. Das Methylphenidat-Pulver in meinem Hirn, tat seine sklavische Wirkung. Ich war nur noch ein Rumpf mit einem weit aufgeklappten Schädel. Meine Arme waren derweil wie vertrocknete Äste im Sturmwind abgebrochen. Aus deren Stümpfen quoll ebenfalls Torf.

 

Die Schamlippen der inzwischen vier Meter großen Gazellen-Dame klafften weit auseinander. Der haarlose Schädel war mittlerweile zur Gänze herausgepresst, aber nur rückwärtig zu sehen, meinem Speicheltropfigen Blick entzogen. Welch ein Geschöpf versperrte nur den Anblick? Das Zirpen wurde unerträglich laut, klang fast elektrisch. Schreckerfüllt blickte ich schnell hoch zu den Meterlangen Zangen der Frau, die weit ausholende Bewegungen in der Luft vollführten. Der Kopf in ihrem Unterleib drehte sich blitzschnell herum und kreischte lachend in meine Richtung.

 

Entsetzlich! Es war die feucht-schrumpelige Fratze eines neugeborenen, über neunzig jährigen Mannes. Ein Greis, der ich selbst vielleicht einmal hätte werden sollen. Wenn nicht andauernd etwas dazwischen käme. Wulstige Brandnarben und entzündete Augen verhöhnten meinen erschrockenen Blick. So sagt man zumindest.

 

„Struppi reist heute nicht ins All!“, kreischte der grauenhafte Opa.

 

 Ein scharfer Ton durchschnitt elegant die Luft und schon fiel mein erstaunter Kopf. 

Die Gazellen-Frau hatte mich kurzerhand geköpft! Schon hielt sie mein Haupt triumphierend an ihren blutigen Handscheren in die Höhe, zischte schrill, betrachtete mich euphorisch von allen Seiten und führte mich schließlich vorsichtig in ihren Schoß. Eine durchaus seltsame Perspektive war das für mich.

Der grausige Großvaterschädel begann mich sofort mit zahnlosem Maul zu zerfressen und schlang mich in Windeseile schlürfend in sich hinein.

 

Was dann geschah, kann ich nur vermuten. Man sagt, das die Frau sich sehr vorsichtig und diskret umschaute, ihren Rock glatt strich und sich ebenso rasch wieder verzwergte, wie sie zuvor gewachsen war. Die greise Fratze zog sich wohl kichernd in ihren Unterleib zurück. Die Torfreste verteilte sie sicher hastig mit hufigen Füßen auf dem Boden vor der Parkbank. Ich denke mal das sie dann ziemlich aufrecht und stolzen Schrittes davon stolzierte. Soweit alles richtig?“

 

Er schreckte hoch. Sein Mobiltelefon piepste und erinnerte ihn daran, dass es an der Zeit war seine Tochter vom Kindergarten abzuholen. Wenn er doch nicht immer so müde wäre! Lethargisch erhob er sich, sachte den Kopf schüttelnd, von der im kühlen Schatten stehenden Parkbank. Er wunderte sich ein wenig über die Torfklumpen auf seinen Schuhen, nahm sich dann aber fest vor, bald mal mit der Mutter des Kindes ernsthaft über das Sorgerecht zu sprechen. Er sah die Kleine viel zu selten.

 

Ein seltsamer Park war das hier. Ein seltsames Leben lebte er. Aber das würde er niemandem verraten. Nicht einmal dem Trasher, mit seinem Gedankenleser-Spleen. Für kein Bier der Welt. Der würde es wieder nur aufschreiben und anderen zu lesen geben.

 

Ausgeschlossen.

DER SELTSAME NACHTBUS

 

 >Morgens die Sonne erwarten, abends die Nacht. Das ist alles.<

(Peter Altenberg)

 

 

 

Ein ungewöhnlicher, im Grunde sogar seriöser Spättermin, spülte mich, unter Berücksichtigung diverse Biere gegen 3.30 Uhr in einer ungewohnt ruhigen Montagnacht an die Haltestelle eines der legendären Berliner Nachtbusse. In solch fortgeschrittenem Zustand ziehe ich, bei geeigneter Witterung, stets die äußerst öffentlichen Verkehrsmittel vor. Allein um in den zweifelhaften Genuss noch weitaus zerrütteter Existenzen, als der meinigen, zu kommen.

 

Nun stand ich dort, bei lauer Luft, in froher Erwartung der Nachtlinie, die mich vom neuen Osten in den alten Westen der Stadt bringen sollte. Ich begann wartend vor mich hin zu halluzinieren und in gesammelten Erfahrungen zu schwelgen:

 

Mein vom bayrischen Hopfen geschwängerter Atem würde sich beim Öffnen der Bustüre mit den ungestümen Basargerüchen Berliner Nächte mischen. Döner Kebab, das von Glutamat befeuerte Aroma diverser Asiapfannen und eine Kopfnote billigen Wodkas, dazu elegant abgerundet vom wenig dezenten Schweißodeur unterschiedlicher Qualitäten.

 

Diese Mischung könnte mich, wie üblich, warm umschließen und sanft auf einen der wenigen freien Sitze betten. Meine letzten Fahrten auf dieser Linie waren von angewiderten Blicken halbtoter Berliner Busfahrer begleitet, die vom Dauergesang spanischer Raver völlig verängstigt waren.

 

Ich würde mich also wie immer durch den langen Gelenkbus kämpfen und ab dessen Mitte den Spott türkischer Jungs mit viel zu großen, deutlich zu schief sitzenden Kappen auf Stecknadelköpfen vernehmen können. Diese würden gutgelaunt, unter Auslassung aller gängigen Fälle und Artikel, die meist etwas breiten Hüften der Spanierinnen kommentieren. Danach müsste ich mich an einem beinahe zu elegant gekleideten Kubaner vorbei drängen, der seiner schon in die Jahre gekommenen, blond-anorektischen deutschen Tanzpartnerin, in ekelhaft blumigen Worthülsen die Überlegenheit seiner DNA nahe zu bringen versucht.

 

Ich würde sogar die asiatische Designstudentin am Fenster ungestört mit ihrer ungewöhnlich gepiercten Freundin Zungen küssen lassen. Mein Platz wäre, wie so häufig, weit hinten im schaukelnden Gefährt. Bei dem farblosen, 45 Jahre alten, faltigen ewigen Jungen: Der in einem verwaschenen schwarzen T-Shirt immer noch der Tatsache nachtrauert, vielleicht seinerzeit in Dessau das erste Punk- und Wavefestival der DDR organisiert zu haben, aber daraus keinen nachhaltigen Vorteil für den weiteren Lebensverlauf gezogen zu haben.

 

Er würde mir und jedem Mitfahrer im Bus sehr laut erklären, das Ernst Thälmann ein verkanntes Genie seiner Klasse gewesen sei und man dessen Schicksal bis heute nicht ausreichend Genüge getan habe. Dabei würde er die Faust oft sehr hoch recken und Parolen brüllen. All dessen war ich mir sehr sicher.

 

Doch in dieser Nacht sollte etwas nicht stimmen! Der Bus rollte langsam heran, die Türe sprang auf und ein seltsam lächelnder Busfahrer hieß mich mehr als freundlich willkommen! Kein Gestank, kein Lärm, keine Menschenseele! Der Bus war vollkommen leer! Erschrocken suchte ich vorsichtig tastend einen Platz. Was war geschehen in Berlin? Hatte von mir unbemerkt eine schreckliche Epidemie die Stadt entvölkert ? Einsam rollte der Bus mit mir, als einzigem Gespenst an Bord, durch Berlin.

 

Niemand stieg hinzu. Nirgendwo. Sehr irreal.

 

 Erst am Hackeschen Markt pflegte mein fliegender Holländer gegen 3.45 Uhr anzulegen und seine Luken zu öffnen, um endlich wieder menschliche Ladung an Bord zu nehmen. Unwirklich nüchterne, kerzengerade Gestalten vielfältigster ethnischer Herkunft betraten das Gefährt. Sehr leise und vor allem zunächst aseptisch und geruchlos, verteilten sie sich gleichmäßig auf ihre Sitzplätze. Gut zwei Dutzend dieser außerirdischen Lebewesen umgaben mich nun. Männer, Frauen, Mädchen, alle sauber, ungewöhnlich wach, versehen mit freundlichen, aber wächsern gelähmten Gesichtern.

 

Der Bus setzte seine Reise durch die historische Mitte Berlins fort, einige dieser Menschenähnlichen stiegen noch hinzu. Man nickte sich allenfalls stumm zu, ansonsten unterblieb jegliche Konversation. Der Dom huschte an uns vorüber und nun nahm ich doch erste olfaktorische Eindrücke wahr. Sie waren eher klinischer Natur. Von vorne drang die scharfe Note einer Fluoridzahnpasta, von hinten kroch langsam billiges Rasierwasser an mich heran. Diese Lebewesen waren nüchtern, ausgeschlafen, chemisch gereinigt und mönchischen Mutes. Kein Gähnen, keine Verbissenheit, kein Hass im Gesicht. Gleichmut und Genügsamkeit allenthalben.

 

Nicht zu vergleichen mit den frustrierten Gesichtern Rest-alkoholisierter Schichtarbeiter, die sonst mit zornigem Verliererblick die Tram bevölkern.

 

Eine bislang unentdeckte Spezies, in deren Mitte ich mich durch puren Zufall geschmuggelt hatte. Menschen, die gegen drei Uhr nachts aufstanden, um ihren Arbeitstag zu beginnen, der sie ab vier Uhr morgens in die Flure, Küchen und Säle großer Hotels, Botschaften und Regierungsgebäude führte. Merkwürdig zufriedene Existenzen, die sicher jeden Abend Punkt 20.30 Uhr zu Bett gingen.

 

Ich kam mir sehr fremd und vollkommen fehl am Platze vor. Demut und Scham überfielen mich.

 

Ich versuchte meinen Bier-Atem, den trüben Blick und die müde Haltung zu überspielen, um nicht nicht aufzufallen und entdeckt zu werden.

 

Zögernd und beinahe ängstlich, schaute ich aus einem der Fenster des Busses. Im dunklen Hintergrund das Hotel Adlon, im matt-hellen Vordergrund: Ich! Da war es wieder, dieses Professor Abronsius Gefühl aus „Tanz der Vampire“: Ich, als der einzige Sterbliche im von Vampiren bevölkerten Ballsaal, der ein deutlich zu erkennendes Spiegelbild besitzt!

 Oh Graus!

 

Noch bevor mich diese Untoten erwischen konnten, sprang ich bei der nächsten Haltestelle aus dem Bus und rannte, verängstigt schwitzend, zu Fuß nach Hause. Welch grauenhafte Geheimnisse Berliner Nächte doch in sich bergen können, wenn man sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhält.

 

Es war fast wie in der Goretex-Geister-Ubahn. Das sollte mir eine Lehre sein. Ich konnte doch nicht immer in Panik aus öffentlichen Verkehrsmitteln fliehen.

 

Irgendwann würden mich diese Bestien noch erwischen.

Ich war eindeutig zu unvorsichtig.

DAS IST JETZT FÜR IMMER

 

 <Vom Schlaf zum Tode ist ein kleiner Weg.<

(Aristoteles)

 

 

 

Diese erstarrten Rauhreif-Tropfen auf seinen erstaunten Wimpern, das Bild gefiel mehr sehr. Ganz kristallin war sein Blick geworden. So hatte er mich sonst nur selten angesehen. Es war wie bei einem dieser alten Gemälde, die den Betrachter aus jeder Perspektive regelrecht anstarren. Ruhig war er geworden. Ich würde ihm jetzt alles ohne Hast erzählen können, vielleicht würde er es verstehen.

 

Hatte ich eine andere Wahl gehabt? Er lag immer noch so seltsam verdreht da. Und trug diese scheußliche Hose, die ich an ihm so gehasst hatte. Es würde bald Frühling werden, auch hier am Fluss. Die schöne Zeit, sie taute immens schnell dahin. Alles zerfloss. Vor allem er selbst.

 

Wie hatte es nur so weit kommen können?

 

Im Grunde war es ganz einfach: Es gab eben die Gelegenheit dazu, ohne Hast und Geschrei. Er hatte mich nach unserer Nacht in all den schäbigen Clubs hier hergezogen. Wahrscheinlich hatte er wieder einen dieser sentimentalen Schübe. Im Sommer waren wir schon am dicht bewachsenen Ufer entlang gelaufen und er hat mich dort hinten gefickt. Bei diesem traurigen, etwas in den Fluss hineinragenden Baum.

 

Sicher wollte er dem im Winter angestauten Hass ein Opfer bringen. Meine Brüste hatte er schon durch meinen Mantel berührt und war wieder in einem seiner Zustände. Nichts gefährliches, nein. Er würde mir nie etwas antun, das war nicht seins. Außer dieses eine Mal, vor Wochen, als ich in seiner Armbeuge lag und fast eingeschlafen war. Da beschlich mich ein Gefühl. So eine Ahnung, so als ob er in diesem Moment darüber nachdächte, mich einfach zu erwürgen.

Sein Atem ging ruhig, sein Arm bewegte sich nicht, er lag nackt und entspannt neben mir. Mit geschlossenen Augen. Und doch war ich mir unsicher. Bis heute.

 

Es war ihm erneut gelungen, sich über den ganzen Abend, inmitten der Menschenmengen, die uns über Stunden umspült hatten, völlig mit Ekel vollzusaugen. Er ließ in seiner Gier auch nicht wirklich nach. Von einem Laden drängte er uns in den nächsten, quer durch die Stadt. Als wolle er auf die Schnelle und möglichst flächendeckend herausfinden, ob sein Hass auch wirklich echt und aufrichtig sei.

 

In all den letzten frostigen Wochen hier draußen, waren seine Lippen weiter so prall und Blaubeerfarben geblieben, wie ich es immer an ihm mochte. Fast feminin und sinnlich, mit einem Unterton ins Kindliche. Wie ein achtjähriger Junge, der zum Verdruss seiner Mutter zu lange im kalten Meer gebadet hat.

Der Trasher war ein seltsamer Mensch, das stimmt. Aber ich habe ihn sehr gemocht. Wenn ich ihn denn zu fassen bekam. Auf Liebe angesprochen, hätte er verärgert versucht, mir andere Kerle einzureden. Er entzog sich gerne. Wahrscheinlich vor allem sich selbst.

Ich glaube, es war ihm schon zu viel, die 24 Stunden eines Tages ständig mit sich verbringen zu müssen.

Er sagte selbst einmal, dass es enttäuschend sei, morgens aufzustehen und im Badezimmerspiegel immer wieder dieses gleiche Gesicht zu sehen. Wie einfallslos von der Natur, aber es würde sich wohl nicht ändern lassen.

 

Das Wasser des Flusses war jetzt eisfrei. Am besten würde es sein, ihn irgendwie die Böschung herunter zu rollen. Ich wischte die mittlerweile aufgetauten, braunen Blätter von seiner Kleidung. Er sollte einen ordentlichen Eindruck machen. Weich war er geworden, das war mir gar nicht recht. Ich hatte ihn immer so fest und prall in Erinnerung.

 

Er ließ sich sogar erstaunlich leicht über den seifigen Morastboden ziehen. Es hätte ihm sicher sehr gefallen, dass wenigstens ein Mensch über diese Angelegenheit -an seiner Stelle- versucht, einige Worte zu finden. Ganz nüchtern und unliterarisch.

 

„So ein Tod ist keine große Sache, nicht einmal meiner!“ Das wäre sein Stil gewesen. Ich versuche es ein wenig zu imitieren. Wie in einem der Texte, die er für Paulmann verfasste. Ja, er schrieb tatsächlich in letzter Zeit nur für diesen einen Typen. Einiges davon hat er mir ab und an vorgelesen. Er dachte nie daran, es je zu veröffentlichen. Nein. Er lehnte es strikt ab, Schriftsteller zu sein. Wirklich verstanden hat das niemand.

 

Paulmann würde sicherlich demnächst nach ihm suchen. Der würde großen Ärger machen. Ich hatte ihn ja im Verdacht die Trasher-Texten zu benutzen. Sich mit falschen Federn zu schmücken, wie so ein über dem Trasher kreisender, mieser kleiner Wortgeier. Kennengelernt habe ich ihn nie. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er etwas von meiner Existenz erfahren hat.

 

Wer wusste schon groß von mir? Der Trasher hatte mich nie wirklich vorgestellt. Er erzählte mir zwar alles aus seinem Leben, man musste nur fragen. Er kannte auch die meisten meiner Freunde und sie ihn. Aber er trennte sehr strikt. Familie interessierte ihn nicht besonders. Er war auch der Meinung, dass es die Jungs, die er zum Bier trinken traf, nicht viel anginge, mit wem er seine anderen Nächte verbrachte.

Liefen wir auf der Straße mal einem Freund oder Bekannten über den Weg, wie diesem Schmidt vor ein paar Monaten, so war ihm das nicht peinlich. Er agierte ganz normal und freundlich. Es wäre ihm aber nie in den Sinn gekommen, all seine Leben miteinander zu verknüpfen. Die Fäden seiner Leben gehörten für ihn nicht unbedingt zusammen.

 

Mittlerweile war er die Böschung herunter gerollt und am Ufer liegen geblieben. Ich rutschte hinterher, packte mir seine Beine und wuchtete ihn mühsam in die Position, die mir am würdevollsten erschien. Noch war er hier und damit ganz bei mir.

 

Wahrscheinlich war es mir darum gegangen. Diesen seltenen Moment festzuhalten, alles einfach länger für mich auskosten zu können. Eine kleine Ewigkeit zu erschaffen, in der sich niemand wegbewegen konnte. Das war immer das Problem mit ihm. In seiner Nähe fühlte man sich gut, durchaus auch geborgen. Alles erklärte sich, quälende Fragen wurden albern.

Doch in seinen zahlreichen Abwesenheiten war es schlimm. Ich wurde unsicher, verstand seine Nachrichten nicht, dachte natürlich an eine andere Frau. Das ewige Spiel zwischen den Geschlechtern sehr extrem auf den Punkt gebracht. So war es mit ihm.

 

Eigentlich fand ich das furchtbar abgeschmackt und ärgerte mich. Dieses Arschloch! Brachte mich soweit, dass ich mir so klein und billig erschien, in meiner Eifersucht. So ein hilfloses Weibchen eben. Aber hatte man bei ihm eine Wahl?

 

Jetzt fühlte ich mich wieder richtig gut. Auch wenn er ja bald fort wäre, für immer. Aber so war es richtig. Er wäre nicht mehr bei mir, aber auch nirgendwo anders. Nicht einmal in seinen Texten könnte man ihn noch finden. Einfach verschwunden, aufgelöst. Mehr kann man nicht erreichen, denn das war das Optimum an Zuwendung.

 

Ich schob ihn langsam, den Kopf voran, ins Wasser. Er trieb ein kleines Stück in den Fluss hinein, bevor er sich langsam senkte. Die leichte Strömung drehte ihn ein und trug ihn fast zögernd mit sich. Ich stand lange da und schaute ihm nach. Allmählich verschwand sein großes Augenpaar, das mich bis zuletzt angestarrt hatte, in den grau-spiraligen Fluten. Irgendwann wurde er unsichtbar.

 

Ich hatte mir das zumindest einhundert Mal in genau dieser Art vorgestellt. Immer wenn er nicht bei mir war. Wenn er eines seiner anderen Leben lebte. Eines Tages würde es so geschehen. Ganz bestimmt. Und wenn es mir nicht gelänge, dann fände sich schon jemand mutigeres, voller Zorn und Liebe.

 

Um den Moment für immer festzuhalten. Für mich und all die anderen.

 

Mir war jetzt kalt. Zeit zu gehen

WARUM SCHREIBT JEMAND EIN BUCH?

 

  >Jeder, der mit einiger Phantasie begabt, soll, wie es in irgendeinem lebensklugheitsschweren Buch geschrieben steht, an einer Verrücktheit leiden, die immer steigt und schwindet, wie Flut und Ebbe<

(E.T.A. Hoffmann)

 

 

 

 „Warum schreibt jemand ein Buch? Warum setzt er sich hin, blutet dürre Worte aus seinem kleinen kaputten Herzen und zwingt sie dann der vollkommen arglosen Welt auf?“ Das hatte der Trasher nie wirklich verstanden. Er schrieb zwar selbst, anscheinend auch regelmäßig und das seit vielen Jahren, aber nie hatte er daran gedacht, die Menschheit damit zu belästigen. Das hielt er für impertinent.

 

Laut war es in der Bar. Irgendwo in einer Kreuzberger Seitenstraße. Wo in die Jahre gekommene, alternative Lebensentwürfe gerade ihren Kampf gegen Immobilienkohlebagger der Neuzeit verloren. Typisches Tagebau-Abrissdorf eben. Spätpubertäre Melancholie allenthalben. Das alte Lied des Werdens und Vergehens. Klageweiberei. Dazu laute Punkmusik, als Trauermarsch der letzten Monate vor der Sprengung. Rebellion aus Gewohnheit. Kiez-Folklore. Trachtengruppen voller unangepasster Individualisten.

 

Angetrunken atmete er mir die Gärungskohlensäure unzähliger Biere ins Gesicht:

 

„Was bilden sich diese kleinen, fiesen Kreaturen ein? Ein jeder will gehört, bemerkt, ja vor allem geliebt werden! Wer soll das alles lesen? Und warum? Diesen ganzen ekelhaften, unwichtigen, schlecht in den Hinterhof gekotzten Wortdreck? Nur weil Papi keine Zeit für euch hatte? Oder eure erste Freundin euren viel zu kleinen Schwanz verlacht hat? Ist es psychologisch wirklich so einfach? Verdammte Scheiße!“

 

Er sah mich lange an. Es wirkte eher wie das Glotzen eines paralysierten Schafbocks, der das lange, scharfe Schlachtermesser in der Hand seines einstig geliebten Schäfers entdeckt. Sein Mund blieb zwar leicht geöffnet, doch ansonsten regte er sich Sekunden lang nicht. Ich hatte Angst, laut lachen zu müssen. Ob ihm gleich Speichelfäden unkontrolliert aus den Mundwinkeln rinnen würden? Jetzt schluckte er, schloss kurz die Augen, um sich dann unvermittelt zur Theke umzuwenden und neuen Brennstoff für unsere Gehirne einzufordern.

 

Nein, er schrieb nur für sich und gefiel sich wirklich sehr darin, ein ultimatives Geheimgenie zu sein. Und mir gefiel es seine Texte zu benutzen. Denn ich war letztlich auch nur eines dieser schrumpeligen Wesen, die augenlos aus der dunklen Erde zum Lichte drängten. Warum gab er mir sie sonst zu lesen? Nur mir? Er musste doch ahnen, was er damit anrichten würde. Durch ihn flossen die Worte jetzt öffentlich aus mir heraus, unter meinem Namen! Sie spritzten fast hervor, als habe ein Schuss meine Halsarterie zerfetzt. Er gab mir von nun an eine Stimme und ich benutzte sie schamlos, die Stimme dieses seltsamen Trashers.

 

Wie er heute aussah. Unangenehm. Ich hatte ihn vom letzten Treffen deutlich jünger in Erinnerung. Hager wirkte er, innerlich verbrannt, von irgend einem Dämon gejagt und korrodiert. Was ihn aber nicht wirklich müde erscheinen ließ, sondern eher vollständig entleert. Eine Larve seiner selbst. Viel zu lange und viel zu hochtourig gelaufen, dieses Hirn. Er schien unentwegt zu denken.

Plötzlich drehte er sich blitzschnell zu mir zurück. Zwei Flaschen Bier in den Händen und eine Zornes-Fokussierung in seinen verengten Pupillen, die mir augenblicklich eine komplette Ampulle Adrenalin in die Adern drosch.

Da war er wieder, wie ausgewechselt, in allerhöchster Anspannung. Als wenn er mir auf der Stelle den Kiefer brechen wollte. Oder wie ein riesiges prähistorisches Reptil, das seinem erspähten Opfer jederzeit einfach den Kopf vom Rumpf abbeißen könnte. Unberechenbar.

 

Er drückte mir eine der eiskalten Flaschen in die Hand und noch bevor ich meine Unsicherheit hätte überspielen können, stieß er schon mit mir an und trank los. Er zwang vielmehr die Flüssigkeit in seinen Hals. Es hatte den Anschein, als ob bei ihm das Bier viel schneller durch den Glashals und in seinen Bauch rinnen würde, als bei jedem anderen Menschen auf der Welt. Vielleicht umgab ihn auf seinen Zuruf auch kurzfristig eine erhöhte Schwerkraft. Oder er sog es, mit einem seltsamen Mechanismus, in sich hinein. Diese Flüssigkeit und er gehörten irgendwie zusammen.

Ein böser Zufall hatte sie dereinst unglücklich von einander getrennt. Und jetzt feierte man über den Umweg einer Brauereiabfüllung, nach Jahren der sehnsüchtigen Irrfahrt, endlich ein gieriges Wiedersehen. Es war nicht wie bei einem Trinker, der ohne Branntwein nicht er selbst ist. Nein, es schien eher so, als wenn beide einander dringend bräuchten.

Ich glaube sogar, das das Bier sich nur in ihm wirklich wohl und geborgen fühlen konnte.

 

„Würdest du ein Buch schreiben wollen? Dich einreihen in die Phalanx der Schwätzer? Irgendein Zeugs in die Welt setzen, nur damit auf einem Buchdeckel dein Name steht?

 

Konrektor Paulmann und die goldgrünen Schlangen etwa?“

 

Dabei klopfte er mir sehr robust auf mein rechtes Schulterblatt, ich hustete, spürte den Schaum meine Speiseröhre emporsteigen. Wie das Quecksilber eines verkratzten, altmodischen Fieberthermometers, in den Arsch eines hinfälligen Malaria-Patienten geschoben .

 

„Warum sollte ich das tun? Worüber auch schreiben?“, log ich fast etwas zu hastig.

 

„Ach komm schon!“, fuhr er mich an.

 

„Das würde dir doch gefallen, oder? Du könntest debilen Blicks, nur in harniger Unterhose, durch die Straßen torkeln und niemand würde daran Anstoß nehmen! Denn: >Er ist ja Schriftsteller, müssen sie wissen! Sicher recherchiert er gerade für sein neues Buch, man sollte den Meister nicht stören. Das hat bestimmt alles einen tieferen Sinn, von dem wir gewöhnlichen Sterblichen heute noch nichts verstehen können!<

 

Dabei grinste er mich herausfordernd an. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er gleich noch beide Hände auffordernd gehoben hätte, um mit ihnen in der Luft zu rudern. Wie ein Fußballhooligan auf Speed, der sich als Provokateur vor einer Horde Gegner in der Kurve aufbaut und Schläge einfordert. Hasserfüllte Unsterblichkeit.

 

„Junge, vergiss es! Du bist nicht ignorant und mittelmäßig genug. So einer wie du, der könnte sich doch nie entscheiden. >Vielleicht dieses Thema, vielleicht jenes. Ist es auch gut genug für die Welt? Oder sollte ich doch lieber noch einige Jahre lang, auf den heiligen Blitzschlag der Genialität, in Sturm umtoster Elfenbein-Nacht, verzagt und zitternd warten?<" 

 

Er kicherte fast ein wenig.

 

„Menschen schreiben Bücher im Grunde immer aus ganz niederen Beweggründen. Das ist juristisch fast Mord. Vorsatz, Heimtücke und Ignoranz. Geld. Billige Fickgelegenheiten. Aufmerksamkeit. >Habt mich bitte lieb! Hasst mich, ich bin toll!< Also ein klassisches Kapitalverbrechen. Und du bist doch kein wirklicher Mörder, oder?"

 

"Nein. Vielleicht ein kleiner Dieb. Etwas halunkig. Unter gewissen Umständen.“

 

Er konnte sehr onkelhaft sein. Hart, belehrend, aber auch mit so einer unterschwelligen Restwärme. Ein Mann wie ein Spätsommerabend, wenn nach Sonnenuntergang ein scharfer, kühler, sehr eindeutiger Wind ins Gesicht greift. Und die Mauern und Straßen doch noch versöhnliche Energie abgeben. Eine in sich wirbelnde Mischluft aus heiß und kalt. Fleisch gewordenes Zwielicht. So war er oft.

Ahnte er doch etwas? Die Frage stellte ich mir nicht zum ersten Mal. Die Antwort bestand gewiss aus Schmerzen. Und doch stach es in mir, dieses Verlangen, wie eine Gallenkolik. Diese Gier des unbedingt erfahren Wollens. Das Spiel zu Ende treiben und wenn möglich, auch weit darüber hinaus.

Woher nahm ich nur meine besessene Kühnheit?

 

„Willst du so enden wie ich? Ein Typ, der einem anderen ständig Texte schickt? Die er sonst nie veröffentlicht?“

 

Er drang sehr ernst und sehr nah vor mein Gesicht.

 

„Da fragt man sich, warum macht der das? Ich würde an deiner Stelle sofort glauben, dass es nichts Gutes zu bedeuten hat. Womöglich endet es irgendwie mit an der Decke gefesselten Armen. In einer dunklen Schreckenskammer absurdester Grauen. Kugel im Mund. Drei Fäuste im Arsch, während mongoloide, kleinwüchsige Albinos laut aus Bedienungsanleitungen für Küchengeräte vorlesen, als seien es ernste Urteilsbegründungen stalinistischer Schauprozesse. Du bist schon ein mutiges Kerlchen, hahaha!“

 

Er umarmte mich brüderlich, schüttelte meine Schultern trotzdem mit unangenehm festem Griff. Er war ein emotionaler Switcher ersten Ranges. Ständig zwischen Emotionen schwankend. Wenn möglich innerhalb eines Satzes. Nie konnte er mal ganz und gar eines sein. Immer gab es ein dahinter, davor, dazwischen, Falltüren, offene Fenster, sonnige Terrassen und dann wieder feuchte Kellertreppen ohne Geländer. Er oszillierte in einem fort.

 

„Andere tun sich viel leichter, mit dem was sie für so unglaublich mitteilenswert halten. Da verlieren zum Beispiel Menschen Körperfett und schreiben ein Buch darüber. Nun werden sie wieder drall und feist, weil ihrer genetischen Disposition damit Genüge getan wird und schon folgt ein neues Buch. >Bindegewebsexperimente!< Aufschwemmen als emanzipatorische Heldentat.

Ein sich in seiner Belanglosigkeit selbst erhaltendes System. Völlig gleich, ob es um Frauen oder Männer, Dicke, Dünne, Starke, Schwache, Raucher, Säufer, Junkies, Depressive, Überarbeitete oder Unterforderte handelt.

Viele dieser Bücher könnten den ewig gleichen Titel verwenden:

 

>Klabusterbeeren<

 

Aus dem Arsch gepulte Reste. Deren Gedankentiefe durchdringt nicht einmal ihr eigenes Unterhautfett.“

 

Er lachte sehr laut, hielt dann kurz inne und fixierte einen Punkt am anderen Ende des Raumes. Ich folgte seinem Blick und erwischte noch gerade das sich weg drehende Profil eines Mannes. Hatte er jemanden erkannt?

 

„Schreiben, das ist kein Beruf mehr. Eher ein typischer Nebenerwerb gelangweilter Hausfrauen. Oder für geltungsbedürftige Studentinnen. Davon kann man doch nicht leben. Im Grunde nur eine simple Beschäftigung für eitle, gescheiterte Rennbahnexistenzen. Anwälte schreiben und veröffentlichen. Oder Ärzte. Journalisten natürlich. Das sind ja auch Schreibmaschinen. Zeilenlieferanten. Dann gibt es da noch Verbrecher, Rocker, Polizisten, Bordellbesitzer. Politiker. Lehrer."

 

"Und all die Gebrauchtwagenhändler irgendwelcher schlecht aufgewärmter Erkenntnislehren. Wohlfühlanleitungen für im Grunde leere menschliche Gefäße.

Du siehst: Niemand, der einen anständigen Beruf hat, oder etwas auf die Vornehmheit seines Rufes hält, veröffentlicht ernsthaft ein Buch!“

 

„Machst du dir es nicht etwas einfach?“, schob ich rasch ein. Eigentlich nur so als verbales Lebenszeichen. Ich wollte ihn ja weiter bellen lassen. Diesen Hofhund seiner selbst.

 

„Ich habe dir einzig und allein die Verkaufszahlen dieser bedruckten Papiererzeugnisse der letzten Jahre hoch verdichtet ins Öhrchen geschoben, mein Freund.“

 

Er hatte die seltsame Eigenschaft, spontan wie ein Dialogfetzen alter 70er Jahre Hau- Drauf-Filme klingen zu können. Locker und gleichsam ausgedacht und gespreizt.

 

„Siebzig Prozent der Romane werden derzeit von Frauen gelesen. Und dementsprechend für sie fabriziert. Was kommt denn neues von Kerlen? Und komm mir nicht mit dem Küchenpapier voller Krimis, Vampire und mittelalterlicher Prostituierter ohne festen Wohnsitz. Damit wischt man allenfalls seine staubige Langeweile vom Fensterbrett.

 

Wer schreibt denn Heutzutage noch übers Ficken?

 

Er ereiferte sich zu Sehens, seine Form stieg an, die Verachtung schoss in ihm hoch. Ich mochte das, wenn er sich um Kopf und Kragen zu reden begann.

 

„Wirklich gebumst wird nur noch in den Büchern junger Weiber. Im Moment eine einzige Sperma-Gurgelei. Aufbegehren mit Exkrementen. Und dann all die schlimmen Worte im Mund der holden Bürgertochter, Pfui! Ganz schlimme Sache. Aber auch ein wenig...hui hui hui...frech. Siebzehnjährige berichten einfach über wahrscheinlich jeden Geschlechtsverkehr ihres kurzen Lebens, dazu noch ein paar zusammen gelogene Drogenexzesse, vermengt mit dem altklugen Habitus ehemaliger Arschlochkinder. Daraus wird dann ein eindringliches Zeugnis einer Generation zusammen gestammelt, das man gefälligst spannend und provokativ zu finden hat. Schonungslos. Direkt. Unverblümt."

 

"Man spürt förmlich den rasend nervösen Puls der provinziellen Kleinstädte, die sie für immer in ihren Köpfchen tragen werden. Das ist alles so erregend wie eine westdeutsche Fußgängerzone. Am Eiscafe Venezia abhängen, mit den coolen Leuten der Schule und so.“

 

Im Vorübergehen klaubte er einem Kellner zwei Bier vom Tablett, steckte ihm Geld zu und reichte mir eine weitere Flasche. Man konnte den unterschwelligen Eindruck gewinnen, das dieser Mann den Menschen nicht wirklich euphorisch zu getan war.

 

„Das Problem ist ja, mit wem ficken denn die jungen Dinger so dreckig, wie sie es gerne ungefragt kundtun? Mit Jungs ihren Alters? Da stimmt doch was nicht. Denn Jungs schreiben fast nie über Sex. Also erfolgreichen, zur körperlichen Durchführung gelangten. Die kokettieren mit ihrer Außenseiter-Geschichte. Nie eine abzukriegen, wenn ja, dann alles falsch zu machen. Eine einzige Auflistung verpasster Gelegenheiten, das sind moderne Jungmännermythen geworden. Aufgewärmte jüdische Neurosen aus zweiter Hand, ein einziger Appell ans Mütterliche."

 

"Man soll dem Charme des Schwächsten erliegen. Selbstverständlich alles ironisch gebrochen. >Irgendwie<, das Schlüsselwort einer ganzen, eher ungefähren Generation.

Man hat ja diesen klugen Abstand der eigenen Hilflosigkeit zu allen Dingen. Das ist so ein umgekehrter Machismo."

 

"Junge Frauen schlendern wie John Wayne, breitbeinig in den Saloon und prahlen teilzeit-ironisch mit ihren Eroberungen. Und junge Männer schneiden achselzuckend Grimassen, schauen süß und stilisieren alle ihre Defizite zu Monumenten ihrer Kühnheit.

So ein Buch ist schließlich harte Arbeit, da geht schon mal ein ganzer Tag für drauf. Flintenweiber und Kastratengesang. Im Grunde eine einzige Travestienummer.

Denn es ist ja nur eine äußere Hülle, die geistige Verkleidung, die oberste Schicht, die so dick aufgetragen wird. Unter dem Fummel nur die ewig alte Geschichte. Vati und Mutti reden aneinander vorbei. Diesmal sogar zwanzig Jahre zu früh. Midlifecrisis in der Spätpubertät."

 

"Was mich daran einzig aufregt, ist die Austauschbarkeit dieser ganzen gedruckten Bauchnabelflusen. Weil man aber so unglaublich jung und auch endlich mal an der Reihe ist, muss die Welt erneut gerettet werden. Wie in den Jahrtausenden zuvor. Es ist einfach nur unfassbar lahm.“

 

Er hielt geistesabwesend inne und starrte erneut in das menschliche Dickicht um ihn herum. Diesmal war ich schnell genug, um seinem Blick rasch zu folgen und schaute mit ihm in die leeren Augenhöhlen dieser Figur, die mir schon vorher kurz aufgefallen war. Die beiden sahen sich sekundenlang genau an. Der Trasher erhob sein Bier zum Gruß und lächelte spöttisch. Der Andere verharrte bewegungslos. Er hatte eine Art Überbiss und seine länglichen Schneidezähne verharrten auf seiner festen Unterlippe.

 

„Weißt du, Paulmann, frag dich doch selbst: Siehst du dich irgendwo auf der großen Transenbühne? Würde dir ein Fummel wirklich stehen? Ist das hier, jetzt und heute wirklich deine Zeit?“

 

Ich murmelte, um nicht stottern zu müssen. Schließlich blies ich meine Wangen auf, wie eine panische Kröte mit Strohhalm im Arsch und ließ langsam und sehr melodramatisch die Luft wieder heraus.

 

„Ich weiß ja nicht so recht, machst du dir das nicht zu einfach? Klingst schon wie so ein bitterer, alter Sack, der die abnehmende Anzahl seiner Spermien in den Eiern beweint.“

 

Er lachte zustimmend.

 

„Hahaha...hast Recht, seit es Bücher gibt, wird auch fast nur Scheiße gedruckt. Wahrscheinlich waren 90% davon einfach nie der Rede wert. Und sich darüber aufzuregen, ist so sinnvoll wie den Vollmond alle 28 Tage nachts laut anzuschreien, weil man ihn hasst. Der wird einen Monat später wieder feist seinen leuchtenden Arsch am Himmel hinhalten und lachen. Weiß auch nicht, warum ich darauf immer derart steil gehen muss. Liegt an der Zeit. Fin de Siecle Stimmung. Keiner weiß wohin und warum. Keiner macht eine Ansage. Also schnattern alle nervös durcheinander....“

 

Plötzlich hielt er angespannt inne und sah über meine Schulter.

 

„Letzte Warnung!“ sagte der Fremde.

 

Dabei fixierte er den Trasher mit ausdruckslosem Gesicht. In diesem Moment hatte er fast nichts menschliches an sich. Die Abwesenheit alles sonst vorstellbaren, das signalisierte sein Blick. Er schien nur für diesen Augenblick zu existieren, so als hätte man ihn dutzende Jahre mühevoll aufgezogen, nur um heute Abend, hier in dieser unwichtigen Bar, eine ernste Warnung zu überbringen.

 

Ich hoffte, er würde auf der Stelle zu Staub zerfallen, wie eine koptische Klostermumie.

 

Der Trasher hatte die Worte vernommen, tat aber fast unbeteiligt. Er schnellte mit seiner linken Hand zu mir vor, stieß etwas zu rasant mit meiner Bierflasche an, lachte laut auf und trank einen riesigen Schluck. Ein weicher Flaum der Erleichterung begann meine Anspannung zu umflechten. Das Adrenalin hatte Durst, also hob auch ich meine Flasche an den Mund und trank.

 

Währenddessen muss der Trasher seine Flasche wieder gesenkt haben und handelte dann blitzschnell.

 

So weit ich es mit meiner Flasche vor dem Gesicht erahnen konnte, setzte er in einer einzigen, schnellen, raubkatzigen Bewegung mit seinem rechten Ellbogen einen Check gegen den Solarplexus des finsteren Boten, um dann sofort den Unterarm mit geballter Faust, knöchlings gegen dessen Nase zu federn.

Wie ein Bruce Lee Film direkt vor meinen Augen! Nur ohne VHS-Laufstreifen und Fehlfarben.

 

Der Fremde sagte keinen Laut mehr und brach sofort zusammen. Ich war paralysiert, starrte an der an meinem Mund festgefrorenen Flasche vorbei.

Blut schoss aus der offensichtlich gebrochenen Nase dieser dort am Boden liegenden Kreatur.. Menschen wichen überrascht zurück, Niemand hatte etwas von des Trashers Präzisionsschlag bemerkt. Man hielt den Bewusstlosen wohl für betrunken.

 

Bier schäumte mir in die Nase, für einen Augenblick konnte in den Schmerz des am Boden liegenden Wesens begreifen. Ich prustete, hustete und schüttelte mich. Der Trasher rieb sich die Knöchel der rechten Hand, murmelte etwas von falschem Winkel, hakte sich souverän unter meinen Arm und zog mich energisch zum Ausgang.

 

„Komm, es ist Zeit zu gehen!“

 

Ich stolperte an seinem Arm auf die Straße. Das Licht schien uns zu meiden, es war uns jedenfalls nicht aus der Bar gefolgt. Der Trasher drängte uns weiter ins Dunkelgrau Kreuzbergs. Blut tropfte von seiner Hand, offensichtlich seines.

 

„Schlimm?“

 

„Ach was, meine Schuld, war einfach nicht der richtige Winkel. Ich war nicht locker genug und stand falsch. Ist nur ein bisschen aufgesprungen, keine große Sache... Passiert halt. Ich bin eben ein gottverdammter Trasher. Schon immer gewesen. Hahaha...“

 

Lachend sah er sich im Gehen nach hinten um und beschleunigte seinen Gang: Nicht ohne eine gewisse geschmeidige Eleganz in der Fußarbeit an die Nacht zu legen.

 

„Was war das denn eben? Was wollte der von dir? Haste Scheiße gebaut? Oder Feinde, wie im Fernsehkrimi?“

 

Meine Benommenheit ging einen Schritt beiseite, um die alte, neugierige Angst mal nach vorne zu lassen.

 

„Ach, das war nur einer von denen. Mach dir keine Sorgen, aber geh ein bisschen schneller, er war sicher nicht alleine, heute Nacht.“

 

Ich sah ihn an und verstand kein Wort.

 

„Einer von denen? Was heißt das jetzt genau? Der Typ sah schon irgendwie schräg aus.“

 

„Eine von diesen Bestien eben. So ein kaltes, kriechendes Nagetier. Kein Wunder, dass ich mir an ihm die Hand verletzt habe. Komm weiter hier rüber, da links rein!“

 

Die erste Laterne der kleinen Seitenstraße war ausgefallen, also liefen wir ins seltene Berliner Anthrazit hinein, das mit dem sonst üblichen Grau lüstern in der Ecke fummelte.

 

„Die Bestien?“

 

„Ja, so nennen sie sich selbst. Ist eine lange Geschichte. Hab ich auch mal aufgeschrieben, ist aber noch nicht ganz fertig. Mir fehlt noch das richtige Ende. Das will erst noch erlebt sein. Ich bin einfach zu faul zum Lügen. Manchmal muss man auf das richtige Ende einer Geschichte eben auch geduldig warten können. Und wenn man dabei zwischenzeitlich draufgeht!“

 

Er grinste fast unverschämt.

 

„Ich hab mich mal in eine von deren Versammlungen geschlichen. Fast schon wie bei >Eyes wide shut< von Kubrick, du weißt schon. Arthur Schnitzler, >Traumnovelle<, nur ohne Ficken!“

 

>Kubrick ohne Ficken?< Was redete er da?

 

„Die sind überall, im Grunde. Früher oder später läuft man am Tag immer einem von ihnen über den Weg. Verdammte Viecher. Wird vielleicht bald mal wieder Zeit für mich zu verschwinden. Die sind wirklich sauer. Aber mach dir keinen Kopf, du weißt ja von nichts, dich lassen sie sowieso laufen. Es geht nur um mich...“

 

Entweder war er doch besoffener als ich gedacht hatte, oder der Wahnsinn ritt langsam die letzte Runden durch seinen Kopf und ich würde die Ehre haben, dem wirren Schlussakkord beiwohnen zu dürfen. Am schlimmsten wäre es natürlich, wenn seine Geschichte ganz einfach der nüchternen Wahrheit entspräche.

 

„Ich glaube, dort hinten sind noch ein paar von denen. Pass auf, ich verpisse mich gleich rechts rein, hinten durch, den Friedhof entlang, dann bin ich schnell weg. Geh einfach weiter die Straße entlang, als wenn nichts wäre. Du hast nichts zu befürchten. Die checken dich vielleicht ab, aber davon wirst du im Grunde nichts bemerken.

 

"Sorry, dass ich da mit reingezogen habe. Pass auf, ich melde mich bald bei dir, wenn wieder mehr Ruhe ist!“ Damit hechtete er in den dunklen Schatten einer großen Einfahrt.

 

„Aber...hey...warte...Trasher!“

 

Ich starrte ins Dunkle. Er war verschwunden. Keine Schritte zu hören. Nichts. Ich sah mich um, doch von irgendwelchen Bestien nicht einmal das geringste Nanopartikelchen in der Luft. Mit gespielter Lässigkeit schlenderte ich in Richtung meiner U-Bahnstation und fühlte meine kümmerliche Anhäufung menschlicher Zellen seltsam überhöht.

 

Wie diese Paranoiker, die jedem alltäglichen Gang zum Bäcker eine gewisse Würde verleihen können. Da sie ja sicher sind, von irgendeinem Geheimdienst beschattet zu werden. Ständig. Aus ganz bestimmten Gründen, die natürlich viel zu gefährlich für Leib und Leben wären, um sie anderen weiterzugeben.

 

War der Trasher doch einfach nur einer der zahllosen Irren, die diese Stadt über die Jahre langsam verrückt gemacht hatte? Hatte ich mich derart in ihm getäuscht und die wirren Texte eines Psychotikers ernst genommen, der sonst von allen Nachbarskindern stets ausgelacht wird?

 

War ich wirklich so dumm?

DIE GRAUENVOLLE POSTKARTE

 

Es hätte jetzt alles beendet sein können. Aus und vorbei. Aber der Trasher wäre kein richtiger Trasher, wenn er nicht wie ein Raketenwurm irgendwo aus dem finsteren Erdreich emporschießen würde, um seine seltsamen Spuren zu hinterlassen.

 

Mehr als sieben Wochen hatte ich keinerlei Lebenszeichen von ihm erhalten. Ich driftete des nachts sogar häufiger durch die Kneipen und Bars, in denen wir bislang gesoffen hatten, fragte Kellnerinnen und Barmänner, aber niemand wollte ihn gesehen haben. Wurde er doch ein Opfer der „Bestien“?

 

Eines Tages fand ich in meinem Briefkasten eine Ansichtskarte. Keine Ahnung, wie lange sie dort schon gelegen hatte, ich schaue nur unregelmäßig und mit Abscheu nach meiner Post. Eine Postkarte! Wie altmodisch. Im Grunde noch seltsamer, als einen privaten Brief zu erhalten.

 Auf der Vorderseite das falschfarbige Motiv eines Kitsch-Fotos aus den Siebziger Jahren, eine Strandpromenade, irgendwo in Südeuropa, vermutlich Portugal. Palmen, Sand, Meer und Berge im Hintergrund. Dazu schäbige Betonklötze. Ich ahnte, wer wohl einzig der Absender sein konnte. Für so eine Scheußlichkeit kam nur „Er“ in Frage.

 

 Rasch drehte ich das bunte Stück Karton um und fand folgende Zeilen:

 

 

 

 

>Wer einsam ist, der hat es gut, Weil keiner da, der ihm was tut.<

 (Wilhelm Busch)

 

 

 „Mein lieber Paulmann, keine Sorge, ich lebe noch. Hab mich nur ein paar Wochen in den Süden verflüchtigt, um mir das lästige Geschmeiß vom Leibe zu halten. Wo ich genau bin, tut nichts zur Sache. Aber natürlich nicht in dem schäbigen Kaff, das grandios scheußlich auf der Karte zu bewundern ist. Ich habe inzwischen sogar einige neue Geschichten geschrieben. Vielleicht schicke ich sie dir demnächst, vielleicht wische ich mir auch den Arsch damit und spüle sie im Klo runter. Vielleicht melde ich mich bald wieder bei dir. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

 

Man sollte sich bei allem was man so tut, nie zu sicher sein, verstehst du, Paulmann? Auf bald, möglicherweise..."

 

 

Dein: >Trasher<

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So ein Trasher! Drohte er mir etwa mit Abbruch unserer Schreiber/Leser Beziehung? War ich jetzt doch aufgeflogen? Oder spielte er nur wieder eins seiner Spielchen, um sich wichtig zu machen? Rasch überflog ich noch einmal die Postkarte. Ein unangenehmes Gefühl kroch mein Venengeäst bis zum Herz hoch. Irgend etwas stimmte mit der Karte nicht. Seine Zeilen klangen echt. Ich kannte seine Handschrift zwar nicht, aber grundsätzlich wirkte es authentisch und typisch für ihn.

 

Wer sollte mir sonst eine Postkarte von irgendwo auf der Welt schicken, im Namen des Trashers? Es wusste doch niemand so wirklich, das wir uns kennen. Außer die „Bestien“ vielleicht, von denen ich mir aber immer noch nicht ganz sicher war, ob es sich nicht nur um ein alkoholisches Hirngespinst gehandelt hatte. In meiner Erinnerung war unser letzter gemeinsamer Abend seltsam unwirklich. Ich traute meiner eigenen Erinnerung nicht mehr.

 

Ich starrte auf den Poststempel und das Datum, beides war jedoch verwischt und unleserlich. Aber die Briefmarke war eine spanische. So viel war schon mal sicher. Beiläufig fiel meine Blick auf die Adresszeilen:

 

„Konrektor Paulmann c/o...Jorge Reffo....Revaler Straße 16a...Berlin“

 

Da stand mein Name! Mein wirklicher Name! Woher wusste er ihn? Ich hatte ihn nie erwähnt. Und auch meine Adresse...er kannte doch nur meine Mailadresse, sonst nichts. Das Schwein...war er mir irgendwann heimlich gefolgt? Hatte er mich ausspioniert? Verdammt.

 

Niemand mag es, wenn er realisiert am kürzeren Hebel zu sitzen und im Grunde völlig ausgeliefert zu sein.

 

Sofort hastete ich wieder die fünf Stockwerke in meine Wohnung hinauf und begann sogleich damit, dieses Ebook fertig zu tippen. Mit ihm als offiziellem Autor.

 

Denn da war sie wieder, die alte Angst, meine Quelle versiegen zu sehen und selbst mit dem >richtigen< Schreiben beginnen zu müssen.

 

Obwohl... im Grunde schrieb ich ja schon, oder was ist das alles hier?

IN EINEM NACHSATZ ERWÄHNTE ER FOLGENDES EHER BEILÄUFIG...

 

 

 

Dies ist ein zeitlich begrenzt verfügbares, kostenloses Ebook. Ein Vorab-Geschenk des Konrektor Paulmann aus Angst, der Trasher könnte ihn irgendwann aushungern.

Seine Buchstabengunst spontan brutal entziehen.

 

Natürlich sammelt Paulmann weiterhin alles, was er vom Trasher in seine klebrigen Finger bekommen kann. Und so hofft er in Bälde ein komplettes Machwerk, gedruckt, nach Farbe riechend und wie ein Roman anmutend, in die Welt zu expedieren.

Bis dahin gilt es mit diesem schmalen und digitalen Band vorlieb zu nehmen.

 

Alle Rechte bleiben bis auf weiteres vorbehalten.

 

Hoffen wir inständig, das der Trasher vorher nichts von alledem bemerkt.

 

Impressum

Texte: JOERG OFFER dertrasher@rocketmail.com
Bildmaterialien: Don Jorge Reffo
Lektorat/Korrektorat: Fabian Wolff
Übersetzung: Gott
Tag der Veröffentlichung: 10.10.2014

Alle Rechte vorbehalten

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