Cover

Eine CD namens ‚Selbst Erlebtes’

Diese CD befindet sich imaginär in einem Winkel meines Gehirns. Ich präsentiere ein paar Begebenheiten aus meinem Material, welche nur zwei Dinge gemein haben. Das Eine ist, es handelt sich hier nur um tatsächlich selbst Erlebtes, das Zweite wäre der leise Humor, den ich mit den Geschichten zusammen abgespeichert habe.

- Es geschah vor nicht allzu langer Zeit, als ich am frühen Morgen auf dem Bahnsteig unserer S-Bahn-Station an den anderen Wartenden vorbeimarschierte und einen Bekannten aus dem Radverein erblickte. Es war recht kalt, nachts hatte es leicht durchgefroren und erst für den Tag waren wärmere Temperaturen angekündigt worden. Ich sah meinen Bekannten kurz be-fremdet an, alle Anderen trugen wärmere Jacken und nur er stand im T-Shirt da. Ich meinte ‚ist kalt’, da grinste er zurück und erwiderte nur ‚ist Herbst.’ Nun, der Zug kam pünktlich und drinnen war es beheizt. ‚Da hat er Glück’, dachte ich bei mir. Er ist immer so, ich mag seine Art, denn auf diese betrachtet er fast alle Dinge. –

- Vor unserem Firmengebäude standen frühmorgens die Streikposten unseres Betriebsrats. Es war eine von vielen kleinen und größeren Aktionen des BR, wir mussten lange für den Erhalt unseres Münchner Geschäftskundenstandorts kämpfen. Müde zog ich vor dem Eingang an unserem Vorsitzenden des BR vorbei, unsere Augen trafen sich kurz. Irgendwie hatte ich das plötzliche Gefühl, etwas sagen zu müssen, brachte aber nur ein paar Brocken hervor, welche mir spontan in den Sinn kamen. ‚Mürbe, Mürbteig, zermürben.’ Während ich mich noch wun-derte, welchen Blödsinn mir mein Gehirn da gerade vorgab, trabte der Vorsitzende ein paar Schritte neben mir her und wiederholte dabei ‚mürbe, Mürbteig, zermürben.’ Es war ein besonderer Augenblick, ich glaube, wir wussten beide gerade, dass der andere an genau das Gleiche dachte. Wir befanden uns auf exakt derselben Wellenlänge und ich war spontan hell-wach. -

- Auf einem Urlaubsrückflug von Zypern nach München saßen vier leicht Angetrunkene mit im Flugzeug. Sie pöbelten die Stewardessen an und wurden im Laufe der Zeit immer aufsässiger. Das Personal reagierte langsam genervt, nur konnte man die Fluggäste ja schlecht vor die Tür setzen. Kurz vor dem Landeanflug verschwanden die Stewardessen plötzlich alle in Richtung Cockpit. Da kam die Durchsage des Piloten ‚Guten Tag noch mal von meinerseits, zu ihrer Information, wir verlassen nun unsere Reiseflughöhe und befinden uns im Landean-flug auf den Flughafen Köln-Bonn. Bitte….’ Es folgte der Rest der üblichen Ansage. Auch in der englischen Version ließ sich ‚Cologne’ aus dem Text heraushören. Wäre in diesem Moment eine der Stewardessen im Gang gestanden, sie hätte getrost ihren Anblick auf uns als ‚Meer der Ahnungslosen’ betiteln können. Jeder sah hilfesuchend zu seinem Sitznachbarn, in der Hoffnung dieser könnte ihn vielleicht aufklären, oder hätte etwas gehört was einem selbst eventuell entgangen war. Wir wollten doch auf dem Weg nach München sein? Bis zum Erreichen der Landebahn blieb das Personal wie vom Erdboden verschluckt. Auch die vier Randalierer schienen plötzlich um einiges nüchterner geworden zu sein. Jeder, der konnte, pappte seine Nase an ein kleines Fenster. Vielleicht ließ sich da draußen ja irgendein vertrauter Hinweis auf ‚München’ entdecken. Irgendwann erlöste uns dann die Ansage ‚Willkommen am Flughafen München, dies war ein Aprilscherz von ihrer Crew zum aktuellen ersten Vierten des Monats.’ Wir waren alle sehr erleichtert, wobei ich insgeheim fest davon überzeugt war, diese kleine Rache hatten wir alle dem Grüppchen Störenfrieden zu
verdanken. Und sie hätten diese Nummer wahrscheinlich auch an einem anderen, normalen Tag, durchgezogen. –

- Meine Mutter erzählte mir, sie hätte es einmal sehr eilig gehabt um von der Stadt nach Hause zu kommen. Ich war im Kindergartenalter und mit dabei, zu allem Überfluss drohte ein Bril-lenbügel meiner Sehhilfe sich von seiner Befestigung am Gestell zu lösen. Kurzerhand schleifte meine Mutter mich in einem Optikergeschäft an der Schlange Wartender vorbei bis zur Theke. Dort erklärte sie hastig dem verdutzten Verkäufer ‚Schnell, mir pressiert es, bei meiner Tochter ist bloß eine Schraube locker!’ Sie erntete allseitiges Gelächter und ein ver-ständnisvoller Angestellter kümmerte sich sofort um meine Schraube. Dumpfen Erinnerungen zufolge konnte ich dieser Szene am allerwenigsten Heiteres abgewinnen. –

- Eines Tages saß ich mit meinen Eltern beim Abendessen. Mein Vater hatte Wurst gekauft, welche meine Mutter stirnrunzelnd erst begutachtete, dann beschnupperte und schließlich mit den Worten ‚tu die lieber weg, ich glaube die hat einen Stich’ beurteilte. Er schüttelte stur den Kopf und aß die Wurst. Ich war damals im schulpflichtigen Alter. Am nächsten Morgen weckte mich meine Mutter freudestrahlend mit den Worten ‚Birgit, steh auf, stell dir vor, dein Vater hat heute früh auf dem Weg zur S-Bahn einen Durchfall bekommen. Er ist zwar noch umgedreht, hat’s aber nicht mehr ganz geschafft!’ Natürlich lag dies ihrer Experteneinschät-zung nach alleine an seiner Wurst. Mein Vater war bereits zum zweiten Mal in Richtung Bahn-hof gestartet und damit außer Haus. Ich bekam an diesem Vormittag noch ein bisschen mit, wie meine Mutter genüsslich ein paar ihrer guten Bekannten per Telefon über das Miss-geschick meines Vaters informierte. In meinen heutigen Erinnerungen hatte die damalige Szene eindeutig etwas von Loriot’s später folgendem Film ‚Pappa ante Portas’. –

- Diese Dialoge sind, mit Filmchen verknüpft, erstaunlich fest in meinem Kopf verankert. Manchmal drängt sich völlig spontan eines dieser Ereignisse nach vorne, in die Gegenwart. Es spult sich ab, und während ich innerlich jedes Mal von Neuem darüber schmunzle, überlege ich insgeheim, ob wohl jeder solch eine CD in seinem Inneren besitzt. ‚Wie ist es, geht es ihnen dann auch öfter so wie mir, damit?’

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 13.01.2012

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