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Shogun – Band 14

Christiane Kromp – Nagashino -Teil 2: Das Furchtbarste jedoch ist der Verrat . . .

1. eBook-Auflage – Dezember 2014

© vss-verlag Hermann Schladt

60389 Frankfurt – vss-verlag@web.de

Titelbild: Masayuki Otara

Lektorat: Armin Bappert

 

Nagashino

 

2. Teil

 

Das Furchtbarste jedoch ist der Verrat…

 

Christiane Kromp

 

 

 

 

Im Meer des Lebens, im Meer des Sterbens, in beiden müde geworden, sucht meine Seele den Berg, an dem alle Flut verebbt.“

Japanische Weisheit

 

 

 

Was zuvor geschah . . .

Der 15jährige Nakamura Kenshin gerät auf dem historischen Schlachtfeld von Nagashino in einen Nebel, den Kasumi, der ein Portal in die Vergangenheit birgt und ihn in die Zeit kurz vor der Schlacht befördert. Er weiß, dass sein Vorfahre, Nakamura Hibiko, in dieser Schlacht umgekommen ist. Kenshin lernt Hibiko, seinen Senzo, dort kennen, dieser nimmt ihn bei sich auf und behandelt ihn als einen Blutsverwandten. Außerdem lernt er ein schönes Mädchen in seinem Alter kennen, Kohana, und beginnt sich in sie zu verlieben. Als das Dorf, in dem Hibiko lebt, niedergebrannt und dessen Familie entführt und von Gefolgsleuten der Tokugawa als Geiseln gehalten wird, hilft ihm Kenshin, seine Familie und eine Gruppe anderer Gefangener aus der Burg zu befreien. Kenshin erkennt recht bald, dass Hibiko ein Ninja ist. Sensei Mononobe verrät Hibiko, Kenshin und die anderen Befreier. Kurz nach ihrer Mission in der Burg, in dem Moment, da die Schlacht von Nagashino gerade begonnen hat, läuft der „Doppelagent“ den beiden über den Weg. Hibiko will den Verräter stellen und Kenshin soll die Befreiten ins Lager der Takeda zurückführen. Da Ken aber seinen Senzo retten will und ihn durch Meister Mononobe in konkreter Gefahr weiß, überlässt er diesen Weg einem treuen Gefolgsmann Hibikos, Watanabe-San, und begibt sich am Rande des Schlachtgeschehens auf die Suche nach seinem Vorfahren…

 

Kapitel 1

Eine gewaltige Explosion übertönte alle anderen Geräusche, selbst das grelle Zirpen der Grillen schien verstummt zu sein – als hielte die Zeit selbst den Atem an. Kenshin spürte die Druckwelle wie eine unsichtbare Wand. Er erstarrte mitten im Vorwärtsschreiten, mit einem Herzen, das in seiner Brust, seiner Kehle, seinen Ohren schmerzhaft pochte. Er schnappte nach Luft, als wäre er gerannt und kalter Schweiß ließ ihn trotz der schwülen Juniwärme frieren bis ins Mark. Doch dann riss er sich zusammen und bahnte sich von Neuem seinen Weg durch das Unterholz, immer auf das unheimliche Getöse zu, welches vom Aufeinandertreffen der Heere zeugte. Das Gebrüll der Krieger gellte in seinen Ohren. Vor langer Zeit war sein Vater mit ihm einmal bei einem großen Sumowettkampf gewesen und er konnte sich noch lebhaft an das Geschrei in der Halle, an die aufgeladene Atmosphäre erinnern. Sein Blut war so mit Adrenalin überschwemmt gewesen, er hatte damals mit jedem Ringer im Geiste mitgekämpft. Dennoch hatte es sich damals immer noch um einen sportlichen Wettkampf gehandelt. Dies hier aber war ein brutales, gnadenloses Morden, unmenschlich, grausam, regellos. Wenn er da hinein geriet, bedeutete das seinen Tod, wahrscheinlich sogar ein ganz elendes Verrecken!

Sein Bauch rumorte unheilverkündend, als er das tiefe und volltönende Donnern der Geschütze und das dünnere Knallen der Teppi hörte, das Wiehern der Pferde… Kenshin meinte, auch von oben rollenden Donner zu vernehmen. Der Himmel war grau und wolkenverhangen, morgendlicher Nebel spie ein paar Tropfen in den Wald.

Bei jedem Krachen der Kanonen zuckte Ken zusammen, der verbrannte, bittere Gestank nach Pulver und ein metallischer Geschmack in seinem Mund ließen ihn ausspucken. Übelkeit brandete in ihm hoch und wieder blieb er stehen, die Fäuste geballt, die Zähne fest zusammen gebissen. Er musste weiter, auch wenn sein Bauch sich anfühlte, als wüchse dort ein wimmelnder, kribbelnder Ameisenhaufen, auch wenn seine Beine sich weigern wollten, seinen Körper näher an die Schlacht heran zu tragen. Mit tausend Stimmen brüllte es in ihm: „Kehr um! Versteck dich! Du weißt doch, wie das ausgeht! Geh zurück! Willst du auch noch dabei draufgehen…?“

„Sei still!“, wies er sich selbst zurecht, rief die Worte laut in den dichten Wald. „Ich muss ihn retten, ich muss, muss, muss!“

Er fühlte, wie seine Nägel sich in seine Handflächen bohrten, so fest krampften sich seine Finger zusammen. Ihm war klar, dass er nicht viel Zeit hatte, wenn er Hibiko beschützen wollte. Die Schlacht würde für die Takeda bis Mittag schon verloren sein. Oda Nabunagas Armeen hatten sich mit den Truppen Tokugawa Ieyasus vereinigt, da vorne standen etwa fünfzehntausend Takedakrieger gegen achtunddreißigtausend gegnerische Bushi. Die Festung Nagashino würde nicht gehalten und von heute Nachmittag an würden sie alle gejagt und umgebracht werden, weil sie auf Seiten der Takeda gekämpft hatten – acht von Herrn Takedas berühmten vierundzwanzig Generälen würden bis heute Abend tot sein – wie auch Nakamura Hibiko, sein Senzo, wenn er jetzt nicht endlich weiterging! Entschlossen kämpfte er sich vorwärts, bis er wieder am Waldrand war.

Aus seiner Deckung in erhöhter Position spähte er hinaus auf das Geschehen. Von hier aus hatte er einen guten Überblick und trotz der Dringlichkeit seiner selbst gestellten Aufgabe beobachtete er mit der Faszination des Grauens, was dort unten vor sich ging. Er sah in grün und weiß gekleidete Kampfverbände von Ashigaru mit einem Wald von Lanzen im Anschlag schreiend in Richtung Burg stürmen, jeder von ihnen zwei hinter sich her flatternde Markierungsfähnchen am Gürtel. Sie fielen den Belagerern in den Rücken und verursachten einige Unruhe in der Schlachtordnung der Takeda-Truppen, die sich aufteilen mussten zwischen der Bewachung der Festung und dem Feind hinter ihnen. Mit einem Hagel aus Pfeilen, deren Sirren Kenshin zu hören meinte, antworteten die Belagerer auf den Angriff von hinten.

In rot und schwarz gekleidete Takeda-Reiterei brach aus einem Wäldchen hervor und sprengte unter lautem Kampfgebrüll auf ein paar Holzwände zu, hinter denen sich, wie Kenshin wusste, die feindlichen Arkebusenschützen verbargen.

In dicken Tropfen prasselte jetzt heftiger Regen auf den Jungen nieder, eine weiße Wasserwand nahm ihm kurzzeitig die Sicht. Heftige Böen trieben die kalte Nässe mal in die eine Richtung, mal in eine andere, und über die grausige Szenerie brach ein von Süden aufziehendes Gewitter herein, dessen Grollen Widerhall erhielt im Donnern der Kanonen auf dem Kampfplatz. Grell wie Blendgranaten schossen Blitze durch die Wolken.

Die ersten Pferde brachen zusammen und wälzten sich mitsamt ihren Reitern im aufgewühlten Matsch. Der Vormarsch stockte, denn der Angriff war auf Schnelligkeit berechnet und die nachfolgenden Kavalleristen mussten über die Leiber der Gefallenen und ihrer Pferde hinweg setzen. Kenshin erkannte auch ohne viel militärisches Wissen rasch, dass sich die Reiter schwer im Nachteil befanden: ein kleiner Bachlauf befand sich zwischen den Bajutsu und den Palisaden und die Tiere rutschten im nassen Schlamm. Kenshin hörte die Pferde bis zu seinem Standort wiehern. In immer neuen Wellen stürmte die Takeda-Reiterei unbeugsam auf die Verschanzung ein, um eine Lücke in die Reihen der Angreifer zu reißen, doch immer von neuem wurden sie durch das Feuer der Schützen zurückgewiesen. Weitere Ashigaru der feindlichen Truppen stachen mit ihren Lanzen nach allen Pferden, die den Kugelhagel bisher überlebt hatte, und die Tiere, die bis jetzt noch auf den Beinen gewesen waren, stiegen panisch wiehernd auf die Hinterhand und schlugen mit den Vorderhufen nach den Angreifern, oder sie wälzten sich, ihre Reiter erdrückend, am Boden.

Kenshin fragte sich, warum die alten Luntenflinten überhaupt noch schossen. Bei der Nässe wurde doch das Pulver feucht und ließ sich nicht mehr zünden… glühendheiß überlief es ihn und dann eiskalt. Was hatte er doch Herrn Takeda vor der Schlacht gesagt? Bei Nässe taugten diese Waffen nur noch als Knüppel… verließen sie sich jetzt auf seine Worte…? Eine Welle von Übelkeit spülte über ihn hinweg und ein saurer Geschmack lag plötzlich in seinem Rachen, wo er mit dem bitteren Aroma nach Schießpulver um die Vorherrschaft rang. Das Wasser des Baches färbte sich langsam rot.

Kenshin schauderte. Wieder ein Donnerschlag, als bräche der Himmel entzwei. Ken zuckte zusammen, sein Blick irrte über das Schlachtfeld und erfasste mehrere Kämpfe Mann gegen Mann. Schwerter klirrten gegeneinander, die Katanas wirbelten umeinander und dort flog ein Kopf vom Hals eines Samurai in der Kleidung der Takeda. Der Sieger ergriff das Haupt mit beiden Fäusten– Kenshin meinte, den Triumphschrei zu hören wie den eines Raben, der sich auf einem Stück Aas niedergelassen hat. Er sah, wie der Mistkerl seinem besiegten Feind etwas in den erbeuteten Schädel hinein rammte. Der Mann in der blutbespritzten grün-weißen Uniform war so beschäftigt, dass er einen Moment lang nicht aufpasste: schon rollte sein eigener Schädel wie ein Ball in einem Helm durch die Regenpfützen. Blut – überall war Blut. Ken konnte es riechen und es verstärkte seine Übelkeit. Das hin und her Wogen der Kampfverbände verlief schnell und beweglich. Die Ashigaru der Nabunaga und Tokugawa rannten von außen hinein in die der Takeda, die Lanzen im Anschlag und unter wüstem Gebrüll. Immer mehr Raum gewannen die Entsatztruppen, immer mehr Männer in grün-weiß strömten auf den Kampfplatz. An den Seiten häuften sich die Köpfe der Besiegten beider Lager wie grausige Bälle am Rand eines Spielfeldes.

Kenshin riss seinen Blick gewaltsam los. Er hatte zu wenig Zeit und er vertrödelte sie gerade mit dem Zuschauen… Ihm wurde heiß und kalt bei dieser Vorstellung. Er musste weiter, musste Hibiko entdecken und den Schwertkampfmeister, oder er würde doch noch zu spät kommen…

Wie sollte er seinen Senzo überhaupt wiederfinden? Wo konnte er wohl sein? Kenshins Blicke irrten erneut über das Schlachtfeld, diesmal jedoch suchte er Hibikos wohlbekannte Gestalt und dessen Kampf mit dem Dojomeister. Es litt ihn nicht mehr an der Stelle, wo er bislang gesteckt hatte, er eilte weiter am Waldrand entlang, getrieben von der ihm fort laufenden Zeit. Wenn er nur nicht zu spät kam! Seine Blicke strichen ruhelos über die Kämpfenden, aber im eigentlichen Schlachtgetümmel waren die beiden nicht zu erblicken. Das war auch nicht sehr wahrscheinlich. Das Gelände war hügelig, es gab kleine Erhebungen und dazwischen Mulden, eingefasst von dichten schwarzen Wäldern. Er suchte zwischen Blitz und Donner mit bangem Auge die Randbereiche des Kampfplatzes ab, immer gewärtig, dass Hibiko bereits sein Schicksal ereilt haben könnte, vor dem er ihn bewahren wollte. Aber wie sollte er seinen Senzo retten, wenn er ihn nicht finden konnte, verdammt noch mal?! Er schlug mit der Faust gegen einen Baum. Wie war das, was hatte Hibiko ihm gesagt? Haltet Euch fern von den drei Krankheiten: Furcht, Zweifel und Zögern? Such weiter, du findest sie, ermahnte er sich, und er eilte in immer schnellerem Lauf durch den Wald, stolperte und strauchelte, glitt in dem nassen Schlamm aus und stürzte, rappelte sich wieder auf und rannte weiter, durch den anhaltenden Regen inzwischen nass bis auf die Haut, aber mit entschlossenem Herzen – du kommst zu spät, flüsterte es in seinem Kopf. Nein, schrie Kenshin zurück, er schrie es tatsächlich laut, obgleich das nicht seine Absicht gewesen war. Er schrie einfach die Stimmen in sich nieder, die mit der Suche aufhören wollten. „Ganbatte ne!“, befahl er sich. Gib nicht auf!

Und schließlich entdeckte er in einer Talmulde am Rande des übrigen Kampfgeschehens die Gesuchten: er sah, wie Hibiko – nun wieder in der schwarzen Kleidung der Ninja – dem Dojomeister mit dem Schwert in der Hand gegenüber stand. Die Kontrahenten umkreisten einander wie zwei Wölfe, jeder der beiden schien sich bewusst darüber zu sein, dass der andere ein gefährlicher Gegner war. Noch schien sein Senzo nicht verletzt zu sein. Da machte der Dojomeister einen Ausfallschritt – und durchschnitt mit seiner scharfen Klinge die Luft dort, wo Hibiko eben noch gestanden hatte. Der konterte jetzt und ritzte Meister Mononobe durch das Gewand, doch Blut konnte Kenshin nicht erkennen und der Verräter lachte verächtlich auf.

Inzwischen war Ken dem Kampf näher gekommen. Fieberhaft überlegte er, was er tun konnte, wie er Hibiko zu helfen vermochte. Verdammt nochmal, es musste doch irgendeine Möglichkeit geben, eine, bei der er nicht auch selber unweigerlich umkommen würde, vielleicht eine Fernwaffe… Pfeil und Bogen hatte er nicht – aber die Pistole, die ihm Fürst Takeda-sama geschenkt hatte…

Er suchte in seinem Beutel nach der Waffe, fand sie, beruhigend schwer lag sie in seiner Hand. Dabei ließ er die Kämpfenden nicht aus den Augen. Immer noch zu weit entfernt für einen sicheren Schuss, rannte er jetzt, um ein paar Sträucher herum und wieder in Sichtweite, hielt kurz zum Verpusten hinter einem großen Stein. Sein Puls jagte so schnell, dass sein ganzer Körper pulsierte. Ihm war schwindelig und er atmete tief ein und stieß die Luft schnell aus. So, jetzt fühlte er sich besser. Mit fliegenden Fingern überprüfte er seine Schusswaffe: sie war geladen und schussbereit. Du brauchst einen ruhigen Arm, Mann, du zielst sonst schlecht, ermahnte er sich und schloss kurz die Augen, in die ihm Schweiß oder Regen lief, was genau es war, wusste er nicht zu sagen – er wischte mit dem Ärmel über seine Augen, um wieder freie Sicht zu haben. Als er erneut zu den Kämpfenden schaute, sah Ken Blut in einem langen Riss an Hibikos Gewand in Höhe des rechten Oberschenkels. Kenshin blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Meister Mononobe hatte Hibiko offenbar verletzt, schien ihn aber nicht richtig getroffen zu haben. Wenn er hier helfen wollte, musste er es jetzt sofort tun, er musste den Dojomeister ablenken, nur wie? Suchend schaute er um sich, nahm dann ein paar Steine vom Boden auf und warf sie aus seiner Deckung auf Meister Mononobe. Der schaute irritiert in seine Richtung, Hibiko jedoch konnte den Vorteil nicht rasch genug nutzen. Seine Wunde behinderte ihn in seiner Schnelligkeit und der Sensei wich rasch genug aus, um Hibikos Angriff zu entgehen. Kenshin sammelte all seinen Mut und trat mit gezogener Pistole vor. Ein Blitz erhellte gespenstisch die Szenerie.

„Sensei Mononobe!“, rief er laut, alle Verachtung in diese Worte legend, derer er fähig war. Es hallte überlaut in seinen Ohren wider, lauter als sein Puls, der in Kenshins Schädel klopfte und hämmerte.

„Ihr…!“, stieß dieser aus und machte eine Bewegung mit dem Handgelenk in seine Richtung.

Hibiko erfasste Ken mit einem raschen Blick über seine Schulter, sprang in den Weg zwischen Kenshin und dem Verräter.

„Zurück mit Euch!“

In dem Moment schnellte sich der Schwertkampfmeister nach vorne, durchfuhr die Luft mit gellendem Kampfschrei – Ken konnte die Klinge nicht mehr erkennen, etwas wischte auf Hibiko zu – und Hibiko taumelte mit einer klaffenden Wunde in der Brust zurück, sank zu Boden und blieb wie tot liegen.

Kenshin brüllte auf vor Wut. Ihm war, als hätte er selber den Streich mit dem Schwert erhalten. Lange sollte der elende Verräter seinen Sieg nicht genießen können. Gleichzeitig mit einem gewaltigen Donnerknall krachte der Schuss aus Kenshins Waffe und ließ sowohl Ken als auch den Dojomeister mehrere Schritte weit nach hinten fliegen. Ken fühlte einen Schlag gegen seinen linken Oberschenkel, beachtete das aber nicht und rappelte sich wieder auf die Füße, bereit, sich zu verteidigen. Doch Meister Mononobe lag im Matsch der Wiese, auf der rechten Brustseite breitete sich rasch ein Blutfleck aus, und er rührte sich nicht mehr. War der Mistkerl wirklich tot? Kenshin trat näher zu ihm heran, um sich Gewissheit zu verschaffen, zitternd vor Grimm und vor Entsetzen…

Aus Hibikos Richtung erklang ein Stöhnen. Kenshin fuhr herum und stürzte zu seinem Senzo hin. War Hibiko doch noch am Leben? Konnte er ihm noch helfen?

Ihm war schwindelig vor Sorge. Hibiko lag auf dem Rücken. Ken tastete mit fliegenden Fingern nach Hibikos Puls und fühlte ihn schwach an dessen Hals pochen. Aber mit großer Sorge sah er das Blut aus der Brustwunde seines Vorfahren rinnen. Er zog seinen Dolch und schnitt vom unteren Ende seines Kimonos ein Stück ab, das er auf Hibikos Wunde drückte. Wieder stöhnte der Verletzte auf.

„Nakamura-Sama!“, rief Kenshin laut, packte ihn bei den Schultern und drückte kräftiger zu als er es beabsichtigt hatte. Ohne darüber nachzudenken, hatte er die ehrerbietigere Anrede verwendet. Hibikos Augen flatterten, dann hoben sich seine Lider. Ein Lächeln glitt über seine Züge, als er Ken erblickte.

„Itoko-San“, flüsterte er schwach, dann wurde er ernst. „Tötet den Verräter…“

„Er ist bereits tot“, presste Kenshin hervor. „Ich habe ihn erschossen!“

Bei diesen Worten irrten seine Augen zu der Stelle, auf der der Dojomeister immer noch reglos lag.

„Gut“, nickte Hibiko befriedigt und schloss die Augen. Sein Körper krümmte sich, er hustete und mit jedem krampfhaften Keuchen sprang in dünnen Fäden Blut über seine Lippen.

„So kann ich… ruhig gehen… und werde nicht… ruhelos unherirren…“.

Die vielen Toten auf dem Schlachtfeld, der Geruch nach Blut, schien Schwärme von Fliegen anzulocken. Ken hörte, wie sie summten. Doch versuchte er sich jetzt ganz auf Hibiko zu konzentrieren, hielt ihn fest. Übelkeit brodelte in ihm hoch vor lauter Sorge um Hibiko. Er durfte nicht sterben!

„Bewegt Euch nicht, Itoko-San!“, bat er ihn und ihm war himmelangst. Vor einem halben Jahr hatte er einen Erste-Hilfe-Kurs mitgemacht, aber nichts von dem, was er dort gelernt hatte, fiel ihm jetzt ein. Sein Kopf war wie leergeblasen. Er fühlte, wie sich das Stück Seide vollsog mit Hibikos warmem Blut und drückte es stärker auf die Wunde.

„Ich schaffe Euch ins Lager, Eure Wunde muss behandelt werden…“

„Nein“, flüsterte der Verletzte und legte mit Mühe seine Hand auf Kens Arm. „Zu spät… das Leben rinnt… davon…“

„Nein! Ihr werdet leben!“

Hibiko schüttelte matt den Kopf.

„Sind die Geiseln in Sicherheit?“

„Ja, ich denke schon. Watanabe-San führt sie.“

Ein schwaches Nicken bestätigte diese Worte.

„Ich habe… nicht mehr viel Zeit. Werdet Ihr… Etsuko-San… meinen letzten Gruß bringen?“

Bittend suchten seine Augen die Kenshins. Dieser nickte, mühsam die Tränen zurückhaltend. Sein Hals war wie zugeschnürt, er hätte jetzt kein Wort hervorbringen können, und doch hätte er seinem Senzo in diesem Moment alles versprochen.

Hibiko schloss die Augen und sein Gesicht nahm einen äußerst konzentrierten Ausdruck an. Kenshin wagte nicht, seine Gedanken zu stören.

 

„Fort wie welkes Laub

weht uns heute der Herbstwind –

doch grün ist der Lenz.“

 

Er ruhte einen Moment aus. Kenshin sah, wie es in ihm arbeitete, wie er überlegte, wie das Gedicht in ihm Gestalt annahm. Dann breitete sich ein weiches Lächeln über seine Züge und er fuhr fort:

 

„Ich fliege zu dir

auf den Schwingen des Windes

mit Vogelgesang.“

 

Ein Husten schüttelte ihn, und seine Hand fasste Kenshins Rechte mit krampfhaftem Druck.

„Sagt ihr das… und sie wird… verstehen…“

Seine Worte waren immer leiser geworden, bis sie nur noch ein Hauch waren. Kenshin hatte seinen Kopf zu Hibiko hinunter gesenkt, sein Ohr vor dem Mund seines Senzo. Hibiko hustete wieder.

„Ihr werdet nicht sterben, Nakamura-Sama!“, rief Kenshin und Tränen traten in seine Augen. Er fasste Hibikos Hand kräftiger mit der seinen.

„Das Sprechen fällt Euch schwer. Es kostet Euch zu viel Kraft. Bitte, lasst mich Euch helfen…“

„Bitte verzeiht mir… den Schlag…“

Ken sah seinen Senzo verständnislos an.

„Den Schlag in Euer Gesicht…“, fügte Hibiko hinzu. „Ich…musste…“

„Schon gut!“, beeilte sich Kenshin zu versichern. „Schon vergessen…“

Hibiko schloss die Augen. Er hustete, ein Blutstropfen rann über seine Lippen. Einen Moment sammelte er Kraft, dann fuhr er fort:

„Ihr seid… mein Verwandter, darum… werdet Ihr… meine Begräbniszeremonie… leiten. Versprecht es mir, Itoko-san…“

„Ihr werdet nicht sterben! Und was macht Euch so sicher, dass wir verwandt sind?“, erwiderte Kenshin, und er hörte, wie seine Stimme dabei zitterte. Die Frage war ihm über die Lippen gekommen, ohne dass er darüber nachgedacht hatte. Er hatte sie nie gestellt, vielleicht aus der Befürchtung heraus, Hibiko zu verunsichern, was ihr Verhältnis zu einander anbetraf.

Hibiko lächelte leise. „Ihr habt… das gleiche Mal an Eurer Schulter,… welches alle unsere… Blutsverwandten aufweisen:… ein roter Hautfleck… in Form einer… Schwertspitze… Ich habe es gesehen… damals… als Ihr in mein Haus gebracht wurdet.“

Er hatte langsam gesprochen und mit Unterbrechungen, aber klar und deutlich.

Ken blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. Er war sich dieses Muttermals an seinem Körper bewusst, aber er hatte sich nie etwas dabei gedacht. Er hatte nicht gewusst, dass es ein Kennzeichen seiner Familie war. Also deswegen war Hibiko sich so sicher gewesen, einen Verwandten vor sich zu haben.

Hibiko hielt die Augen jetzt geschlossen. Noch einmal öffnete er sie und blickte Kenshin in die Augen. „Ich bin… sehr stolz darauf, dass Ihr… zu meiner Familie… gehört, … Itoko-san… froh, …dass ich… mich auf Euer Wort… verlassen… kann…“

Kenshin fühlte Hibikos Hand sich in seinen Händen zusammenkrampfen, so wie auch sein Herz sich in seiner Brust verkrampfte.

„Wenn Ihr sterben solltet, so werde ich Euch so begraben lassen, wie Ihr es wünscht“, stieß er hastig hervor und suchte in Hibikos wächsernen Zügen nach einem Zeichen, dass dieser ihn verstanden hatte. Auch Kenshins Stimme war leise und rau von Tränen, die in ihm aufsteigen wollten. Hibiko nickte dankend, drückte noch einmal schwach Kenshins Hand wie zum Abschied, dann brach sein Blick, ein Blutstrom entquoll seinem Mund und sein Kopf fiel zur Seite. Regen strömte über seine vom ewigen Schlaf entspannten Züge und wuschen das Blut in winzigen Rinnsalen fort.

Kenshin saß neben Hibikos Leichnam und hielt immer noch dessen erschlaffte, warme Hand in der seinen. Er konnte nicht fassen, was eben geschehen war – was eingetreten war, obwohl Ken gewusst hatte, was passieren würde und obwohl er es hatte verhindern wollen. Auf einmal war da eine so ungeheure Leere, eine Taubheit, in seinem Innern – und Angst brandete in ihm empor. Wie sollte er Hibikos letzte Wünsche erfüllen? Er war doch jetzt allein! Die ganze Zeit über hatte er unter dem Schutz seines Senzo gestanden, hatte zu ihm aufgesehen, war ihm gefolgt – und nun war er tot! Kenshin hockte einfach da und konnte sich nicht rühren.Er hatte das Gefühl, den Boden unter seinen Füßen verloren zu haben. Sein Kimono klebte an ihm, er tropfte vor Nässe, und auf einmal fror er. Ihm war schwindelig und ein eigenartiges Summen war da in Kopf, seinen Ohren. Seine Füße waren taub und kalt, besonders der linke. Dumpf pochte Schmerz in seinem linken Schenkel. Er griff geistesabwesend an die Stelle – und erstarrte. Da stak etwas in seinem Bein – was war das? Eine Welle aus Kälte, Schwindel und Übelkeit breitete sich in seinem ganzen Körper aus, als er den Gegenstand umfasst hielt, an ihm zog… es war ein Shuriken. Meister Mononobe hatte ihn mit einem Wurfstern erwischt… wie ein Echo folgte nun eine Feuerflut aus Schmerz und Brechreiz. Er schrie auf und biss sich dann auf die Lippen, fast hätte er sich übergeben. Seine Hand krampfte sich in seinen Oberschenkel und er schloss die Augen.

„Was tut Ihr da, Mann?!“, herrschte ihn eine Stimme an und holte ihn zurück vom Rand der Bewusstlosigkeit.

Langsam blickte Kenshin auf. Sein Sichtfeld war eingeengt, er schaute durch einen schwarzen Ring, um den Flammen züngelten. Die rote Fratze eines Oni, eines bösartigen Dämons, starrte ihn an im Wechsel von Blitz und Donnergrollen und er erschauderte bis ins Mark. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder. Das konnte nicht sein, es gab doch keine solchen Wesen – oder etwa doch? Kenshins Blick glitt an der Gestalt herab: das war ein Mann! Nur ein Mann in grün-weißer Kleidung stand vor ihm – ein großer Helm mit einer furchterregenden roten Maske schützte seinen Kopf – ein Krieger der Tokugawa. Er stand auf einem Erdhügel, der vor Kens Augen davon rollte wie eine Welle. Kenshin starrte den Krieger an und bekam kein Wort heraus. Warum glitt die Erde in Wogen an ihm vorbei?

„Es wird hier gekämpft, Mann!“, schnauzte der Bushi. „Wo ist deine Einheit?“

Kenshin schüttelte den Kopf, doch seine Sicht wurde nicht klarer. Wie kam ein gegnerischer Offizier dazu, ihn in eine seiner Einheiten stecken zu wollen? Da fiel ihm ein, dass er ja noch immer die Uniform des Feindes trug. Seine Gedanken liefen in elliptischen Bahnen, richtig scharf wurde sein Denken nicht.

Inzwischen hatte der fremde Bushi den Helm abgenommen und sich in der Mulde umgeschaut. Er schien Ken nicht für eine Gefahr zu halten.

„Wen haben wir denn da?“, sagte er jetzt und betrachtete Hibikos Leichnam. „Hast du den da gefällt, Kleiner?“

Er pfiff anerkennend durch die Zähne und grinste verschlagen. „Nun, da du es ja nicht kannst, werde ich seinen Kopf nehmen. Der bringt mir bestimmt einen Sonderteil von der Beute!“

„Nein!“, schrie Kenshin laut, er hörte, wie seine Stimme sich überschlug. Er zog gedankenschnell Hibikos Katana und stand auf einmal fest auf beiden Füßen vor Hibikos Leichnam. Der Mistkerl sollte seinem Senzo nicht den Kopf abschlagen! Plötzlich war sein Blickfeld war wieder frei.

Der Bushi lachte auf. „Kleiner, meinst du wirklich, du kannst es mit mir aufnehmen? Ich gebe dir einen guten Rat. Lass mir den Kopf von diesem kuso yarou, diesem Scheißkerl, und troll dich, solange du noch kannst!“

Kenshin antwortete nicht, stellte sich nur in Kampfposition. Niemand würde seinen Vorfahren köpfen und damit Profit machen! Nicht, solange er es verhindern konnte! Überraschung und Verblüffung malte sich auf das Gesicht des Kriegers. Dann stürzte er sich mit einem lauten Schrei auf Kenshin. Der wich aus, taumelte, als er das taube Bein belastete und die Welt kippte zur Seite. Über ihm griff sich der Krieger an die Brust und Ken sah einen Moment lang ungläubig im Schlaglicht eines Blitzes ein Messer in der Brust des Mannes stecken, bevor ihn der weiche Mantel vollkommener Finsternis umhüllte.

 

 

Kapitel 2

 

Kenshin trieb im Ozean, die Wellen bewegten ihn leise schaukelnd. Das Wasser war eiskalt und er fror. Da plötzlich begann das Wasser sich zu erwärmen, zunehmend erhitzte es sich, bis es schier kochen wollte. Blasen stiegen an die Oberfläche und auf einmal bestand das Meer aus Feuer. Intensiver brennender Schmerz durchloderte ihn, beginnend bei seinem linken Oberschenkel, und er griff nach den Flammen an seinem Bein, versuchte sie auszuschlagen. Doch irgendetwas lähmte ihn. War es die Hitze? Er konnte erst seine Arme und dann seine Beine nicht mehr rühren, er konnte nur noch schreien, und er schrie und schrie und schrie…

Das Feuer versengte seine Wangen, er warf den Kopf hin und her. Eine kühle, schmale Hand legte sich fest auf seinen Mund und ein Duft nach Zimt und Nelken umfing ihn. Intensiver Schmerz in seinem Bein riss ihn die Augen auf und er sah, dass er in einem düster beleuchteten Raum lag. Die Luft war feucht und muffig, über ihm Felsen und Menschen um ihn herum. Alles wurde von

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: vss-verlag
Bildmaterialien: vss-verlag
Lektorat/Korrektorat: Armin Bappert
Tag der Veröffentlichung: 18.08.2015
ISBN: 978-3-7396-0989-8

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