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Shogun – Band 14

Christiane Kromp – Nagashino -Teil 1: Durch den Nebel der Zeiten

1. eBook-Auflage – Dezember 2014

© vss-verlag Hermann Schladt

Titelbild: Masayuki Otara

Lektorat: Armin Bappert

Christiane Kromp

 

Nagashino

 

Teil 1: Durch den Nebel der Zeiten

 

 

Prolog

 

Der Lärm der Schlacht gellte in Kenshins Ohren, Pferde wieherten, Männer riefen barsche Befehle, Qualm und Flammen überall. Er hatte Mühe, die Übersicht nicht zu verlieren, wehrte einen anstürmenden Feind nach dem anderen ab, entschlossen, seine Stellung am Hang neben dem Burgtor zu verteidigen, solange er konnte. Hier hatte sein Daimyo ihn hingestellt – und man verließ sich auf ihn. Wie lange er hier jetzt schon kämpfte, hätte er nicht sagen können. Gedanken hatten keinen Raum mehr. Er reagierte nur noch auf die Angriffe, zog das scharfe Langschwert im Schwung über die Schulter in die Höhe und ließ es dann in elegantem Bogen niedersausen. Schweiß rann ihm den Rücken hinab, die Haare klebten ihm am Kopf unter dem Helm, sein ganzer Körper war angespannt. Er hieb den nächsten Gegner nieder, der fiel auf den Berg von Leichen, der sich um Kenshin angesammelt hatte wie ein Wall. Da – schattenhaft schlichen mehrere Gestalten im Schutze der Kämpfe Mann gegen Mann auf das Burgtor zu. Kenshin sprang ihnen in den Weg, sein Katana zum Schlag erhoben. Zwei der Männer wichen vor ihm zurück, während bereits drei Köpfe durch einen Schwung seines Langschwerts von den Hälsen flogen wie Reisähren von der Sense des Schnitters, begleitet von einem rauen Schrei aus seiner Kehle. Ken schaute hinterher, wie sie noch ein Stück weiter rollten und hüpften, den Hang hinab, als wären es seltsame eigenständige Wesen, und eine blutige Spur markierte ihren Weg. Das dumpfe Geräusch zu Boden stürzender Körper nahm er nur am Rande wahr. Die beiden überlebenden Feinde jedoch konnte er im Qualm der Schlacht schon nicht mehr sehen.

 

*

 

Kenshin rieb sich über die vor Müdigkeit juckenden Augen. Dann fiel sein Blick auf die Uhr an seinem Laptop. Erst halb zwei. Er musste zwar morgen ziemlich früh raus, aber etwas Schlaf würde er noch bekommen. Sonst ging er ja schließlich auch nie vor drei schlafen! Für eine neue Mission war er jetzt aber doch zu müde. Seit Tagen konnte er nicht mehr ausschlafen. Eltern! Er speicherte den Spielstand bei „Kessen 3“ und kroch ins Bett. Ein zufriedenes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. Dem nächsten Level war er wieder ein Stück näher gekommen.

Von draußen drang das Zirpen der Grillen schrill herein. Sonst war es irritierend still in seinem Raum, jedoch in seinem Kopf war es noch laut, als wäre ihm das Geräusch des Schlachtengetümmels von eben amputiert worden und er spürte einen akustischen Phantomschmerz: Er vermisste es wie ein fehlendes Körperteil.

Sein Herz schlug schneller als sonst, in seinem Blut kreiste Adrenalin genug, dass es auch noch für jeden einzelnen Mann seiner virtuellen Truppen zusätzlich gereicht hätte. Er lag noch eine ganze Weile wach. Das Fieber der Schlacht hatte ihn gepackt und wenn er morgen nicht den Original-Schauplatz des nächsten Levels sehen würde, nichts hätte ihn am Weiterspielen hindern können.

Kenshin spürte das Ruckeln einer Hand an seiner Schulter und brummte. Er war müde, viel zu müde für einen Ausflug im ersten Morgenlicht. Träge schwammen seine Gedanken zur Oberfläche seines Bewusstseins. Eine sanfte Stimme lächelte an seinem Ohr. Mutters Stimme.

„Kenshinchan, steh auf. Gleich ist es 6 Uhr. Wir wollen gleich zum Frühstück gehen, wir werden bald abgeholt…“

„Lass mich schlafen, Mum, bitte…“, murmelte Kenshin. „Ich komme später nach…“

Nachdrücklicher fasste jetzt die Hand seine Schulter.

„Natürlich kommst du mit uns. Wir schauen uns das Schlachtfeld von Nagashino gemeinsam an. Dein Vater wünscht sich das schon seit Jahren, das weißt du.“

Er spürte, wie ihre andere Hand ihm eine Haarsträhne aus der Stirn strich. Mitten in der Bewegung hielt sie inne.

„Du bist ja ganz warm!“ Ihre Stimme klang besorgt. „Du wirst mir doch nicht krank?“

„Unsinn!“, knurrte Kenshin unwillig und entzog sich ihrer Hand, die nach seiner Stirn tasten wollte. Seine Mutter ließ ihn los.

„Ich bin nur müde, Mum. Sonst geht’s mir gut.“

„Wenn Du gesund bist, dann kannst du ja jetzt aufstehen!“

So ein Mist. Hätte er ihr doch bloß zugestimmt…

„Mum…“, protestierte er, doch er wusste jetzt schon, dass seine Sache verloren war und murmelte darum etwas nachgiebiger: „Nur noch ein paar Minuten! Ich komme ja gleich…“

„ Keine Diskussion! Du stehst sofort auf! Und nenn mich nicht immer „Mum“!“

Kenshin grinste, zog die warme Decke über seine Schulter und tauchte darunter wie ein Vogel, der den Kopf unter den Flügel steckt.

„Wir erwarten dich unten im Frühstücksraum! In fünfzehn Minuten!“

Die Tür wurde leise ins Schloss gezogen.

Kenshin seufzte. Er wusste genau, wie sehr sich sein Vater auf diesen Familienausflug freute. Und Ken selbst wollte den Ort ja auch sehen. Vor allem die historischen Rüstungen im Museum daneben. Man konnte sich sogar damit fotografieren lassen! Er war sehr gespannt darauf, welche davon er aus „Kessen 3“ kannte. Wenn er doch nur nicht so müde wäre! Benommen fuhr er sich mit der Hand übers Gesicht. Er streckte probeweise einen Fuß unter der Bettdecke hervor. Es war kalt im Zimmer und er zog den Fuß wieder zurück. Verdammt. Vater würde enttäuscht sein von ihm, wenn er nicht käme. Wie schon so oft in letzter Zeit...

Es klopfte an seiner Zimmertür. Ungeduldiger diesmal. „Kenshin! Beeil dich, der Bus steht schon unten!“

Sein Vater. Kenshin setzte sich auf und kroch schnell in seine Kleider. Ohne das Badezimmer auch nur in Gedanken zu betreten, schlüpfte er in seine Schuhe und lief nach unten.

„Wie siehst du denn aus?!“

Seine Mutter sah ihn entsetzt an, wenn sie ihre Worte auch leise sprach, weil noch ein paar Frühstückstische in der Nähe besetzt waren. Sein Vater schüttelte nur den Kopf, stand auf und ging zum Fenster, wo er stehen blieb.

Kenshin tauschte einen Blick mit seiner Mutter, drängte sich dann zu seinem Vater durch und fasste ihn beim Arm. „Ich bin sofort gekommen, als du mich gerufen hast! Was willst du denn noch, Dad?!“

„Muss ich dir das wirklich sagen?“

Sein Vater klang resigniert. „Ist es denn zu viel verlangt, wenn du dich morgens wäschst und kämmst? Und sag nicht immer Dad zu mir!“

„Ok, Otosan“, der Junge verdrehte genervt die Augen. „Eben war keine Zeit mehr für so was!“ Kenshin zuckte mit den Schultern. „Das Schlachtfeld interessiert mich genauso wie dich. Ich hätte den Ausflug echt nicht gerne verpasst!“

„Dann wundert es mich aber sehr, dass deine Zensur in Geschichte so schlecht ist! Alle deine Zensuren haben nachgelassen in letzter Zeit. Wie willst du einen Platz an einer guten Uni finden mit solchen Zensuren?!“

„Aber Dad, das ist doch nur ein Zwischenzeugnis! Bis zum Abschlusszeugnis wird das wieder besser! Und in Geschichte sollen wir nur Zahlen auswendig lernen. Das ist öde und langweilig!“

„Eigentlich müsstest du die ganzen Ferien lernen! Wenn du nicht versprochen hättest, jeden Abend was für die Schule zu tun, hätten wir dich gar nicht mitgenommen. Kannst du ehrlich sagen, dass du gestern noch einen Blick in deine Schulbücher geworfen hast?“

„Ich hab mich mit Geschichte beschäftigt!“, murmelte der Junge vage und sein Blick glitt zur Seite aus dem Fenster.

„Lüg mich nicht an!“, knurrte sein Vater. „Nachher zeigst du mir deine Sachen! Wenn ich dieses verdammte Spiel bei dir finde, mit dem du dir die Nächte um die Ohren geschlagen hast, anstatt zu lernen, dann hast du gewaltigen Ärger mit mir!“

„Aber das Spiel ist gut recherchiert und historisch genau!“, rechtfertigte sich Kenshin.

„Hausarrest“, presste sein Vater hervor, leise genug, damit es nicht der ganze Speisesaal hörte. „Ab heute Abend!“ Dann machte er sich von Kenshins Griff an seinem Ärmel los und wandte sich ab von seinem Sohn. Kenshin hörte sein Blut in seinen Ohren rauschen, seine Augen verengten sich.

„Du willst das Schlachtfeld von Nagashino doch nur wegen deinem perversen Vorfahren sehen, der alle Jungs in der Familie belästigt! Wie ist der Typ nur drauf?!“, fauchte er.

Sein Vater blieb plötzlich stehen und zischte zurück: „Und du nur, weil du in einem nutzlosen Spiel weiterkommen möchtest! Ein Spiel, Kenshin!“

Wütend blitzten Vaters Augen. „Ich finde, du bist inzwischen zu alt zum Spielen! Du bist bald ein Mann! Und ein Mann sollte seine Zeit nützlicher verbringen, als mit einem Joystick Figuren zu steuern! Das Leben findet ohne dich statt, wenn du dich ihm nicht endlich stellst!“

Sein Vater atmete tief durch und setzte dann ruhiger hinzu:

„Im übrigen gehört es zu unserer Kultur, unsere Ahnen zu ehren!“

Er sah Kenshin ernst in die Augen. Unruhig wich dieser seinem Blick aus und sah aus dem Fenster. Aber die eindringliche Stimme seines Vaters konnte er nicht ausblenden.

„Als ich in Deinem Alter war, kam er eines Nachts im Traum zu mir. Ich sah, wie er mich anflehte, etwas Bestimmtes für ihn zu tun, aber ich konnte seine Worte nicht verstehen. Es war, als wäre ich unter Wasser und er an Land. Ich sank immer tiefer hinab, bis sein Bild vor meinen Augen verschwamm. Ich konnte ihm nicht helfen. Bald wird unser Senzo auch zu dir kommen…“

Ken verdrehte die Augen. Schon tausendmal hatte er diese Geschichte gehört. „Ich weiß“, schnappte Kenshin, „Der soll nur kommen! Dem werd‘ ich was erzählen!“

Ein lautes Hupen ertönte von draußen. Der Bus! Wortlos drehte sein Vater sich um und lief hinaus.

Kapitel 1


Kenshin war sauer. Er sah ungerührt zu, wie seine Eltern über ihn diskutierten, seine Mutter wie immer auf seiner Seite – hören konnte er sie nicht. Er hatte nach der Auseinandersetzung mit seinem Vater sofort mit den Ohrstöpseln seines Ipods allen weiteren Worten den Weg in sein Gehirn verlegt. Die Leute im Bus hatten ihn böse angeschaut, als er einstieg. Er hatte sich auf die letzte Bank verzogen. Die Arme verschränkt, schaute er aus dem Fenster des Busses und sah doch nichts. Er hatte es einfach satt, wie sich alle immer in seine privatesten Angelegenheiten mischten! Er war doch nicht mehr drei Jahre alt! Er war dieses Jahr Fünfzehn geworden, und er sah älter aus! In früheren Zeiten wäre er jetzt erwachsen gewesen. Dann hätte ihm niemand mehr was zu sagen gehabt!

Und dann dieses ganze Theater um die Vorfahren! Kenshin hatte das früher so akzeptiert, in der letzten Zeit aber hatte er darüber nachgedacht. Und er war, ähnlich wie einige seiner Freunde, zu dem Ergebnis gekommen, dass es wirklich keinen Grund gab, die Ahnen zu verehren oder gar Schreine für sie zu bauen. Was konnten die denn dafür, dass sie in früheren Zeiten gelebt hatten?! Das war doch nicht ihr Verdienst! Ken war sich sicher, wenn die Vorfahren eine Wahl gehabt hätten, dann würden sie friedliche Zeiten vorgezogen und irgendwo ein langweiliges Leben mit Gemüseanbau geführt haben, anstatt in irgendeiner Schlacht zu krepieren. Und dafür sollten sie nun verehrt werden, für dieses Pech, in ungemütlichen Zeiten gelebt zu haben? Das war doch Schwachsinn! Und noch etwas fiel ihm ein, etwas, das ein ewiger Streitpunkt mit seinem Vater war: er konnte Kenshins Begeisterung nicht verstehen, wenn in Spielen oder in Filmen Ninja auftauchten. Ständig wiederholte er die Ansicht, Ninjas wären nur Mörder und Diebesgesindel gewesen und er solle sich keine falschen Helden suchen. Die Verklärung, die Ninjas in der Unterhaltungsindustrie erfahren würden, wäre nicht realistisch. Na und?

Kenshin würde in Bezug auf die Realität nicht einmal widersprechen wollen. Den meisten Film- oder Game-Ninjas würde er auch nicht gerne persönlich begegnen mögen. Viel zu schweigsam und gefährlich für seinen Geschmack! Aber was hatte das denn mit dem Spaß zu tun, den er an solchen Filmen oder Spielen hatte? Vater konnte einfach nicht unterscheiden, es ging ihm immer nur um das, was er für real hielt, in seiner Welt war kein Platz für Phantasi Finster glitt sein Blick wieder zu seinen Eltern. Seine Mutter schaute ihn traurig an, lächelte aber sofort, als sie sah, dass er zu ihr hin guckte. Es gab Kenshin einen Stich ins Herz, sie traurig zu sehen.

Sein Vater schaute von ihm weg. Er wirkte vollkommen cool, aber Kenshin sah an seiner Haltung, dass er nur so tat. Kenshin war ja auch dankbar, dass sein Vater ihn mitgenommen hatte – trotz seiner schlechten Zensuren. Es war schon richtig, dass er mit seinem Lernstoff im Rückstand war. Aber er konnte doch nicht nur lernen. Wo blieb denn da der Spaß? Er wusste ja auch, dass seine Schule teuer war und nahm sich vor, sich mehr Mühe zu geben, auch in Fächern, die er nicht so mochte. Er seufzte leise. Es gab so viel, was mehr Spaß machte…

Der Zorn des Jungen verrauchte langsam. Es waren harte Worte gefallen. Ein paar davon hätte er nicht sagen sollen. Und vor allem mit dem, was er in seinem Zorn vorhin über den Vorfahren gesagt hatte, damit hatte er seinen Vater verletzt. Das passierte ihm öfter in letzter Zeit. Sein Zorn ging mit ihm durch. Er wollte das gar nicht, aber hin und wieder verlor er völlig die Kontrolle. Es war ihm ja selber unheimlich.

Manchmal liebte er seinen Vater und manchmal hasste er ihn. Diese Zustände wechselten mitunter so rasch, dass er sich selber nicht mehr auskannte. Und seinem Dad schien es mit ihm genauso zu gehen. Sollte er sich entschuldigen? Aber wie sollte er das hier tun, inmitten von schwatzenden Menschen aus aller Herren Länder? Nein, das musste bis zum Abend warten. Bis dahin hatte sich vielleicht auch Dad wieder beruhigt. Und für den Stick mit dem Spiel musste er sich ein gutes Versteck einfallen lassen. Wenn Dad den fand…

Kenshin zuckte mit den Schultern und schaute wieder hinaus in die Landschaft. Der Bus bog in eine Einfahrt, Kies knirschte unter den Reifen, ein Parkplatz tauchte aus dem Nebel. Die Türen öffneten sich. Alles drängte nach draußen. Der Junge folgte etwas langsamer, er ließ seinen Eltern Vorsprung. Durch wabernde Nebelfetzen wanderte die Gruppe durch ein Tor – und dann eröffnete sich der Blick auf eine tiefer gelegene Ebene. Er konnte den Nebel darüber wallen sehen, als blicke er aus einem Flugzeug über Wolken. Vor ihm tauchten die Menschen in den Dunst ein. Kenshin folgte ihnen mit etwas Abstand, an einem Hang vorüber, der zu seiner Linken lag. Ohne dass er es wollte, drängten Schreie und Flüche von Kämpfenden in sein Bewusstsein, das Wiehern und Schnauben von Pferden, Befehle hallten hart, ein hohes Schwirren lag in der Luft ebenso wie Qualm und Dunst, der auf ihn zu kroch, um ihn herum, ein feuchter Kasumi, der ihn von der Welt abschnitt … fasziniert blieb der Junge stehen, ließ die Eindrücke zu, vermeinte, wirklich alleine am Rande einer Schlacht zu stehen, schwarze Rüstungen und weiße Banner wahrzunehmen, den Geruch von Blut, aufgeweichten und vom Kampf zerwühlten Schlamm unter seinen Füßen, das Donnern von Musketen – ein Reiter auf einem gerüsteten Schimmel schälte sich aus dem Nebel, sprengte genau auf ihn zu – Kenshin starrte ihn an, bewegungsunfähig sah er ihn näher und näher auf sich zu galoppieren, hörte den Hufschlag des Pferdes lauter und lauter, das Tier schleuderte Dreck hinter sich, füllte sein Sichtfeld – und zu seinem grenzenlosen Schrecken fühlte er einen harten Aufprall - er stürzte in den Matsch und es wurde dunkel um ihn.

Kenshin schlug die Augen auf. Er lag immer noch im Schlamm. Sein Kopf tat furchtbar weh und ihm war schlecht. Er rieb sich die schmerzenden Schläfen und sah sich um. Der Himmel war wolkenverhangen, das Licht aber kam ihm sehr grell vor. Er tastete eine dicke Beule an seinem Kopf und in tausend Feuerfunken explodierte der Schmerz. Zischend zog er die Luft ein. Seine Hand war voller Blut. Der Horizont kippte vor seinen Augen wie bei starkem Seegang und das flaue Gefühl in seinem Bauch verwandelte sich in etwas, das ihm den Magen verdrehte. Er übergab sich heftig.

Kraftlos rollte sich Kenshin ein paar Meter fort von dem Erbrochenen. Ihm war schrecklich kalt, als läge er auf einer Eisfläche. Unwillkürlich glitt sein Blick an seinem Körper herunter, von der Brust bis zu den Füßen. Er war vollkommen nackt! Das konnte doch nicht sein! Er kniff die Augen zu und öffnete sie wieder – immer noch sah er seinen unbekleideten Körper hell vor dem Schlamm, in dem er lag, immer noch sah er eine vor Dreck schwarze Anhöhe, spärlich mit Gras und ein paar Blumen bewachsen. Hatte er noch andere Verletzungen, außer der Beule am Kopf? Nein, er war voller Matsch, aber er sah kein Blut. Mit etwas Gras wischte er sich den Mund ab und kaute auf ein paar Halmen herum und spuckte aus, damit er den schlimmen Geschmack loswurde.

Er war vollkommen allein hier, nirgendwo ein Zeichen der Nähe von anderen Menschen. Wenige Schritte von ihm entfernt gab es einen Weg – das heißt, er sah nur einen Trampelpfad. Hufabdrücke, Wagenspuren, die sich tief eingegraben hatten, aufgeweicht durch die Nässe des Regens, der jetzt wieder einsetzte. Die Tropfen waren eisige Nadelstiche auf seiner nackten Brust, seinem Bauch. Wind kam auf und Kenshin schauerte zusammen. Er blickte nochmals ungläubig an sich herab - er musste sich waschen und schleunigst was zum Anziehen finden. Nicht nur, weil er vor Dreck starrte und vor Kälte zitterte – was mochten die Leute von ihm halten, wenn ihn jemand sah? Der heruntergekommenste Hobo war sauberer und hatte mehr an als er! Der Junge blickte den Weg hinauf und hinab, doch niemand war zu sehen. Er musste sich bewegen, damit ihm wieder wärmer wurde. Los, Mann, lauf, jogge am besten! Seine Zähne schlugen aufeinander und sein ganzer Körper fühlte sich rau an vor Gänsehaut. Es wurde Zeit, bevor er hier anfror. Er musste einen windgeschützten Ort finden, hier konnte er nicht bleiben. Kenshin stellte sich auf die zitternden Beine und versuchte es mit Joggen, aber schon die ersten Schritte fühlten sich an, als ob jemand mit einem Hammer sein Gehirn zu Brei schlüge. Er stöhnte auf und machte lieber langsame, kleine Schritte. Die Kälte kroch in ihn wie ein ungebetener Gast und machte sich breit in ihm. So wollte er keinem begegnen, obwohl andere Menschen ihm wahrscheinlich hätten helfen können. Aber wie hatte er selbst immer von Pennern gedacht? Er hatte sich ferngehalten, konnte solche Leute nicht einschätzen, hätte nie einem von denen geholfen, niemals! Und jetzt war er selber nicht mehr als ein Tramp. Und der Wind ließ seinen Körper immer weiter auskühlen. Was war mit ihm geschehen? Hielten sie Ritterspiele auf dem alten Schlachtfeld ab und er war nicht rechtzeitig ausgewichen? Warum wusste er davon nichts? Auf der Homepage hatte jedenfalls kein Wort darüber gestanden!

Ein Stück aufwärts lag etwas quer über dem Weg, etwas Helles. Er hob es auf. Es war ein handtuchgroßes Stück Stoff, grob gewebt wie Sackleinen und auch so rau, nass und voller Matsch. Doch es war genug, um sich wenigstens notdürftig zu bedecken. Sonst hielt man ihn noch für einen Flasher! So schlang er das Tuch um seine Hüften und steckte es fest. Es kratzte! Er umklammerte sich mit seinen Armen, doch viel wärmer wurde ihm dabei nicht. Was hätte er jetzt für ein heißes Bad gegeben und einen Becher Cha – sogar für Mums heiße Hustenmedizin. Obwohl die grauenhaft schmeckte. Kenshin trottete mechanisch auf dem Weg voran.

Langsam ließen die Kopfschmerzen nach, ebenso die Übelkeit, aber seine Zähne klapperten nach wie vor. Der Wind frischte auf und ihm war ganz schön eisig. Kenshin konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor so gefroren zu haben, nicht mal, als er sich nach der Sauna nackt im Schnee gewälzt hatte. Es war eine Wette gewesen, und er hatte sie gewonnen. Die Schatten wurden länger und länger, aber von einer menschlichen Siedlung oder gar ihren Bewohnern keine Spur. Er musste dringend ein Telefon finden! Sicher war hier irgendwo eins. Selbst auf dem Land gab es so was!

Es wurde Abend, da erblickte er eine niedrige Hütte, die sich an den Wegrand duckte. Vorsichtig ging er hinein, eine Tür gab es nicht. Heu duftete ihm entgegen. Eine Futterhütte! Dankbar kroch er ins warme Heu und fiel trotz des nächtlichen Konzerts der Frösche und Zikaden fast sofort in einen tiefen Schlaf.

Das durchdringende Zwitschern von Vögeln weckte ihn und als er die Augen öffnete, sah er den Himmel in glühendem Rot. Sanft tröpfelte der letzte Regen der Nacht vom strohgedeckten Dach der Hütte auf den Boden. Er nahm das friedliche Bild in sich auf. Die Luft roch gut, frisch von Feuchtigkeit und süß von Blumen. Sein Kopf fühlte sich besser an.

„Wer bist du?“

Eine barsche Männerstimme ließ Kenshin zusammenfahren. Bewegungslos verharrte er an seinem Platz im Heu, sein Herz hämmerte in seiner Brust. Er hatte niemanden kommen hören. Und der Typ klang nicht so, als ob er mit sich spaßen ließe!

„Steh auf, wird’s bald?“

Kenshin wagte einen Blick auf den Fremden. Alles wirbelte durcheinander in seinem Kopf und er konnte kein Wort hervorbringen. Was ihn so erschreckte, war nicht nur die Stimme dieses Mannes, es war seine ganze Erscheinung. Er trug einen dunklen Kimono und Strohsandalen an den nackten Füßen. Sein Gesicht lag tief im Schatten eines riesigen Reisstrohhutes, von dem Regentropfen perlten. Kenshin kannte solch eine Aufmachung nur von uralten Zeichnungen. Trieben sich hier also noch ein paar Leute in mittelalterlichen Kostümen herum wie die Reiter von gestern? Mit beiden Händen trug der Mann eine lange Sense, die in der Sonne blinkte. Sie sah scharf und gefährlich aus. Kenshin sprang auf seine Füße, hob beschwichtigend die Hände auf Schulterhöhe und krächzte: „Hey, alles ok, Mann! Hast du dein Handy dabei?“

Er spürte, wie getrockneter Schlamm von gestern von seinem Körper abbröckelte.

Der Mann war schon im Begriff gewesen, auf ihn zuzuspringen, jetzt aber blieb er unvermittelt stehen. „Was hast du gesagt?“

Er klang vollkommen verständnislos.

Eine Weile starrten sie einander an. Für Kenshin fühlte es sich an wie Ewigkeiten, es konnten aber höchstens ein paar Sekunden vergangen sein. Schweiß perlte von seiner Stirn, obwohl es ein kühler Morgen war.

„Wer seid Ihr?“, fragte der Mann jetzt ruhiger und hob die Sichel leicht an. Er schien den Jungen für gefährlich zu halten.

„Nakamura Ken“

Automatisch verbeugte er sich vor dem Fremden.

„Nakamura, eh? Gehört Ihr zur Familie Nakamura im Dorf? Ich bin Kuro.“ Auch der Bauer verbeugte sich, doch ließ er Kenshin dabei nicht aus den Augen. Als er weitersprach, klang er sehr vorsichtig, als ob er jedes seiner Worte sorgfältig abwägen würde.

„Euer Name ist ungewöhnlich. Ken – Schwert – das habe ich als Namen noch nicht gehört…“

„Ist nur ne Abkürzung von Kenshin. Das hört sich so antik an. Ken klingt cooler!“

Kuro warf ihm einen sonderbaren Blick zu.

„Und was ist Euch zugestoßen, Nakamura-san? Warum tragt Ihr nur einen Lendenschurz?“

„Gestern hatte ich noch Klamotten…“

„Ihr hattet - was?“ Der Mann zog die dichten Brauen zusammen.

Was war hier los? Wollte der Typ ihn verarschen? Wieso kannte er nicht mal die einfachsten Begriffe des Alltags?! Warum musste er sich verirren und als erstes ausgerechnet den Dorftrottel treffen?!

„Na, Klamotten eben! Hose. Schuhe…“ Kenshin verkniff sich den Begriff T-Shirt. Dieser Baka war offenbar etwas hinter dem Mond, er würde ihn wieder nicht verstehen.

Der Bauer warf ihm einen zweifelnden Blick zu und packte seine Sense fester, nickte aber nach kurzem Zögern.

„Und dann?“

Ja, das hätte Kenshin auch gerne gewusst: was war dann passiert? Er konnte es sich ja selber nicht erklären, wie also einem Fremden? Zumal einem Fremden mit solch einem üblen Mordwerkzeug in der Hand. Gefahr kitzelte in Kenshins Bauch. Wer weiß, wie der Spinner drauf war?! Pass bloß auf, Mann!

„Ich wurde niedergeritten, ein Pferd hat mich erwischt und als ich wieder zu mir kam, hatte ich nichts mehr an.“ Das zumindest entsprach der Wahrheit.

Kuro runzelte die Stirn. „Eine Räuberbande soll sich in unserer Gegend herumtreiben. Könnt Ihr den Reiter beschreiben?“

Räuberbande? Heute? Der Typ war eindeutig nicht ganz bei Trost! Doch antwortete Ken in möglichst normalem Tonfall:

„Nein, Kuro-san. Es ging alles sehr schnell.“

„Dann seid Ihr ausgeraubt worden. Seid froh, dass sie Euch das Leben gelassen haben.“

Kenshin nickte lieber. Er konnte schließlich nicht wissen, wie der Mann reagierte, wenn er ihm widersprach. Wenn der Typ das also meinte…

Der Mann dachte nach und rieb sich das Kinn.

„Hatte Eure Reise ein bestimmtes Ziel, Nakamura-san?

Kenshin biss sich auf die Lippen. Sollte er behaupten, er wollte zu den Nakamuras im Dorf? Er kannte schließlich keinen von ihnen und es war nicht sicher, ob sie ihn hereinlassen würden. Aber vielleicht konnte er dort wenigstens baden und telefonieren. Die Sichel blinkte auf wie ein Spiegel und hinter seinen

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: vss-verlag
Bildmaterialien: vss-verlag
Lektorat/Korrektorat: Armin Bappert
Tag der Veröffentlichung: 20.12.2014
ISBN: 978-3-7368-6610-2

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