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Vorspann

 

Schmökerkiste – Band 9

A. F. De Bary – Der Bluträcher von Quebec

La Salle, Teil 1

1. eBook-Auflage – März 2014

© vss-verlag Hermann Schladt

Titelbild: Armin Bappert unter Verwendung des Originalcovers der Romanheftserie

Lektorat: Hermann Schladt

A. F. de Bary

 

DER BLUTRÄCHER VON QUEBEC

 

 

1. Kapitel

 

Wenonga preßte sich tiefer in den schmalen Felsenspait hinein. Bald musste er kommen! Schon dämmerte die Nacht in den Morgen hinüber ...

Die beiden kleinen Birken mit ihrem dichten Laub schützten doch ein wenig davor, zu früh entdeckt zu werden. Von dem Ahorn drüben hatte es einfacher ausgesehen. Dort in der dichten Krone des Baumes hatte er sich sicherer gefühlt. Aber nun war der Tag und die Stunde der Tat gekommen. Seit Wochen, seit Monaten fie­berte er ihr entgegen. Es gab kein Zurück. Kalt wie der Luchs, der den kranken Elch beschleicht, kühl wie der Jäger, der den Bogen hebt, den Büffelstier ins Herz zu treffen, so lauerte der Miami: jede Sehne gespannt und nur einen Wunsch in der Brust: dass der VerHasste, der Mörder komme, wie er jeden Morgen hierher gekommen war, seit er ihn endlich gefunden, ihn im Lager der Irokesen drüben entdeckt und ihn nun seit vier Tagen beobachtet hatte.

Das nachtgeschärfte Auge des Indianers konnte in der immer rascher aufkommenden Morgendämmerung mehr und mehr Einzelheiten seiner Umgebung erkennen. Die tief hängenden Wolken im Osten begannen sich grau zu färben, und die gurgelnd dahinströ­menden Fluten des riesenbreiten Stromes, der sich hier bei Kebek auf knapp zweitausend Meter verengte, spiegelten ab und zu erste Lichter des beginnenden Morgens wieder.

Vier Tage lang hatte Wenonga, im dichten Laub eines rie­sigen Ahorns versteckt, die Irokesen beobachtet. Keine Spur im Sand hatte ihn verraten können. Er war stets über das Wasser herangekommen, war vier Nächte lang im Kanu den Strom herabgepaddelt, hatte sich aus dem Boot in die Baumkrone hinaufge­schwungen — ein tief herabhängender Ast ließ sich vom Wasser aus erklettern — und Mitschi-wala, sein Gefährte, paddelte das Kanu in der Düsternis dieser regenschweren Nächte wieder auf das brodelnde Wasser hinaus. Wasser verrät nichts, und die Nacht deckt alles zu Sie hatten immer den Untergang des Mondes ab­gewartet.

Vier lange Tage hatte Wenonga im Ahorn gesessen, vom Beginnt der Dämmerung über den Mittag hinweg bis in den Abend hinein, Wohl war die Krone des Baumes riesengroß und das Blättergewimmel dicht wie eine Mauer, wohl hatte er sich den bequemsten Sitz ausgesucht — aber er musste ja auch sehen können. Und wer sehen will, kann auch gesehen werden! Und er war ein toter Mann, wenn aucb nur eines der vielen Irokesenaugen ihn entdeckt hätte. Doch Wenongas Hass stak wie ein glühender Stein in seiner Brust, der sich von rechts nach links und von links nach rechts wälzt und das Herz aufreißt Der Miami hatte seinen Vater, seine Mutter und zwei Schwestern zu rächen.

Er war dem Mörder und seiner Horde mit nur fünf Begleitern in einem Kanu gefolgt — über den Erie-, den Ontario-See. Er hatte die Donnernden Wasser gesehen und umgangen,hatte das leichte Kanu aut seinem Rücken über die Felsenwände herunter getragen, hatte die rauschenden Fälle umgangen und dann staunend, mit beklom­mener Seele vor dem schäumenden, brausenden,tosenden und don­nernden Wunder gestanden, das die roten Männer des ganzen Lan­des „Niagara“ — das donnernde Wasser nannten. Er hatte zu Nana-bosch gebetet bei ihrem Anblick und gefühlt, dass der Manitu ihm beistehen wolle.

Heute endlich war es soweit. Der Morgen war weitergeschritten, nur kurze Zeit noch, dann würde Gi-engwatha hierher zum Ufer kommen, den Fisch zu speeren wie jeden Tag.

Wenonga, der Miami-Häuptling, dessen Stamm tausend Meilen weit im Westen wohnte, an den Flüssen, die den Namen des Stam­mes trugen, Wenonga presste sich so eng wie möglich an den Felsen, in den Felsen hinein, der hier einen schmalen Spalt hatte. Die Faust des Indianers umkrallte den Griff des breiten Steinmessers — die Obsidianklinge war seine einzige Waffe. Er wollte nicht behindert sein. Wurde er entdeckt, so half ihm doch keine Gegenwehr. Darum hatte er den Bogen und den schweren Schädelbrecher im Kanu gelassen.

Vier Tage lang hatte er den VerHassten, den Mörder, den Feind beobachtet, bewacht, beluchst, hatte seine Gewohnheiten belauert — nun glaubte er sicher zu sein. Jeden Morgen war der Irokese hier an das Ufer gekommen. Er würde auch heute hier fischen.

Wenonga preßte die Finger heißer um den Knauf des Obsidian­messers. Das Herz jagte auf, er duckte sich tiefer hinter die Birken - da war er. Er hörte die unbekümmert-sorglosen Schritte des Feindes. Gi-engwatha fühlte sich hier in seinem Lande sicher, er hatte ja an die achtzig Krieger in seinem Lager . . wer würde wagen, Irokesen anzugreifen? Welcher Stamm könnte sich ungesehen hier in der Nähe zeigen?. Und dass ein Einzelner sich herbei­wagte - nun, das war immer möglich. Aber dann konnte man sich ja gleich überall vom Tode bedroht fühlen . Der Irokese trug den Fischspeer in der Hand, der sich an der Spitze gabelt, er trat auf den flachen Stein im Wasser hinauf, spreizte die Beine, um einen besseren Stand zu haben, dann hob er leicht den rechten Arm, beugte sich ein wenig vor und starrte aufmerksam in das Wasser. Es war dort eine tiefere Stelle am Ufer, halb so breit wie ein Ein-Mann-Kanu lang ist, und darin hoben sich morgens die großen Fische an die Oberfläche.

Wenonga zögerte nicht einen Augenblick, er schob sich ohne Laut von seinem Felsen ab, schlich heran. Er sah den kahlen Irokesenschädel vor sich, sah das blutrote Band in der Skalplocke, in der nur eine einzige Feder stak, er sah fließendes Blut vor seinen Augen, hörte das Todesröcheln seines Vaters, Wenongas Augen brannten, noch saß die Kopfhaut auf dem Haupte des Feindes. die rote Wut, der besinnungslose Hass trat dem Lauernden in die Augen. Aber er riss sich mit aller Gewalt seines, jagdgehärteten Willens zu­sammen, dies war nicht der erste Feind, den der Miami beschlich, aber es war der verhassteste.

Kaum stand der Irokese wurfbereit auf seinem flachen Stein im Uferwasser, da schlich der andere, der Bluträcher, auch schon heran. Kein Stein rollte unter seinem Fuß, kein Vogel, kein ahnendes Ge­fühl warnte das Opfer. Wenonga wusste, dass nicht ein Augenblick zu verlieren war, und er zögerte nicht. Schon in der nächsten Se­kunde konnte es zu spät sein - und nicht dafür war er wochenlang dem Mörder gefolgt, damit er ihm nun entging, damit gar er, der Rächer, jetzt zugrunde ginge! Ein sichernder Blick in die Runde, soweit sie nicht von dem Felsen verdeckt war, der ihn bisher ver­borgen hatte - und schon stand er schon hinter dem Irokesen. Der hob gerade den Fischspeer zielend in die Höhe, er sah wohl gerade eine Beute im Wasser und ahnte nicht, dass er nun selber Beute wurde -: ein brauner Arm fuhr hoch; eine braune Faust führte den Steindolch, scharf wie ein Rasiermesser, über die Kehle des Iro­kesen, dessen Auge wohl noch den Schatten unter dem Kinn sah, dessen Gehirn sich gerade noch wundern konnte, dessen Körper aber nur noch stumm hochschnellte; die Stimmbänder konnten den Schrei nicht mehr ausstoßen, denn es wurde ihnen keine Luft mehr zuge­führt Der Irokese sank zusammen ohne Laut.

Schon kniete der Rächer über ihm, schon fasste die Linke brutal in die Skalplocke, zwei kreisende scharfe Schnitte des Messers rund um die Schädelhaut, nun riss und zerrte er, zog und zerrte, mit klatschendem Ton löste sich die barbarische Trophäe, Wenonga beugte sich vor, seine Linke führte die bluttriefende Beute drei-, viermal durch das Wasser - keuchend richtet er sich auf, hält mit Gewalt den Siegesschrei, den schauerlichen Skalpruf in der eigenen Kehle zurück - da schießt unter dem Ahorn das Kanu hervor, das diesmal, heute, dort gewartet hat, das heute nicht wie an den Tagen zuvor über den Strom davongefahren war, solange noch die Nacht es verbarg, Mitschi-wala und Mitschi-kuta, die beiden Brüder, paddeln in rasender Eile heran, vom Lager aus kann man sie nicht sehen, das Ufer ist nur einen Meter hoch, aber das genügt, einen Augenblick lang halten sie das Kanu an dem flachen Stein, Wenonga kniet schon darin, hat schon ein Paddel ergriffen, und das federleichte Boot schießt auf die gurgelnde, brodelnde Wasserfläche hin­aus, in die ziehenden Nebel hinein.

Grau ist der Morgen, die Wolken hängen tief, eine Regenbö klatscht im richtigen Augenblick auf das Wasser, fegt rauschend über Ufer und Strom - aber da gellt ein wilder, rasender Schrei vom Strande her, brüllendes Aufheulen aus drei, vier, fünf Kehlen folgt.

In Wenongas Auge tritt jetzt erst der Triumph, Wären die dort vier oder fünf Atemzüge eher gekommen, so läge jetzt uueh er dort am Ufer! Wild leuchtet es über sein hartes Gesicht: er hat uls ein­zelner mitten im Irokesenland einen Feind getötet und ihm den Skalp genommen Er fühlt die stumme Bewunderung der Gefährten im Kanu, er hält das Paddel gegen die Strömung, zieht es langsam durch, die beiden folgen seinem Beispiel und trinken wie er den ohnmächtigen Ingrimm der heulenden, tobenden, schreienden, der verhassten Feinde am Ufer. So eilig die beiden Gefährten Wenongas es auch gehabt hatten, beide hatten sich aus dem Boot zu dem Toten hinübergebeugt und den noch warmen Körper mit der Hand be­rührt - zum Zeichen dessen, dass sie dabei gewesen waren. Ihr Häuptling würde es bezeugen, auch auf sie fiel ein Abglanz seiner Tat, eine neue Feder war ihnen sicher.

Der klatschende Regen verbarg sie vor den spähenden Augen der so schmählich Beleidigten, vielleicht wäre

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: vss-verlag
Bildmaterialien: vss-verlag
Lektorat/Korrektorat: Hermann Schladt
Tag der Veröffentlichung: 02.03.2014
ISBN: 978-3-7309-8768-1

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