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Terra Utopia – Band 7

Will A. Hary – Eben der Menschheit

1. eBookAuflage – Dezember 2013

© vss.verlag Hermann Schladt

 

Titelbild: Armin Bappert unter Verwendung eines Fotos von http://www.pixabay.com/

Lektorat: Hermann Schladt

 

 

Erben der Menschheit

Will A. Travers

 

 

1 Prolog

 

Der alte Mann schlurfte mühsam über den Kiesweg des Centralparkes. Sein Atem ging rasselnd. Er musste sich einen Moment lang ausruhen.

Er blickte an der knorrigen Eiche em­por, gegen die er sich gelehnt hatte. Oben war das fröhliche Zwitschern eines Vogels, aber es gelang dem Alten nicht, den Piepmatz auszumachen.

Sein Blick ging weiter, über die wei­ten, gepflegten Rasenflächen, die kunst­voll angelegten Blumenrabatten mit den vielen Farbtupfern, die sich im Wind leicht hin und her bewegten, und die nur scheinbar so wahllos gepflanzten Bäu­me, in deren Wipfeln es leise rauschte. Des Alten Augen suchten das Ende des Parkes, ohne dieses erreichen zu kön­nen. Der Park war zu groß. Mehrere Quadratkilometer Bodenfläche be­deckte er inmitten der Stadt. Er war so­zusagen das Zentrum des Lebens!

Der alte Mann lächelte über diese Formulierung und stieß sich von der knorrigen Eiche ab, um seinen Weg fort­zusetzen.

Einer der Gärtner, die ständig damit beschäftigt waren, den Park in Ordnung zu halten, winkte ihm freundlich zu. Der alte Mann erwiderte den Gruss. Er musste fast lachen, wenn er daran dachte, dass der Gärtner in Wirklichkeit. . .

Die Bäume lichteten sich. Hier, wo der Park unterbrochen wurde, befand sich die Schule. Dahinter erhoben sich, wie von einem Riesen hingestreut, die wür­felförmigen Wohnhäuser. Doch die mei­sten der Kinder, die diese Schule besuch­ten, wohnten in der Stadt.

Immer wieder zog es den alten Mann hierher. Die Schule wirkte mit ihrem quirlenden Leben wie ein Magnet auf ihn.

In Sichtweite des Hintereingangs pla­tzierte er sich auf eine Parkbank. Eine re­lativ dicht stehende Buschreihe befand sich zwischen ihm und dem großen Schulhof. Der Alte lauschte.

Es war ein warmer Frühlingstag. Die Fenster der einzelnen Klassenzimmer standen teilweise offen. Hin und wieder drang die Stimme eines Kindes an das lauschende Ohr des Mannes.

Er schaute auf seine altmodische Ta­schenuhr, die er in dem zerschlissenen Sakko stecken hatte. Bald musste es soweit sein.

Und da war es auch schon: das schrille Klingeln der Schulglocke. Sekunden spä­ter ergoß sich eine wilde Flut von Kin­dern durch den Hintereingang auf den großen Schulhof. Es war Pause.

Der Alte sah das junge, noch unver­brauchte Leben, und Tränen verschleier­ten seinen Blick. Es war keine Trauer, die ihn erfüllte, sondern Rührung.

Und seine Gedanken kehrten zurück - zurück in die Vergangenheit, wo alles ganz anders war - die Vergangenheit, die so unglaublich fern war und ihm doch oft genug greifbar nahe erschien.

 

2 Der Beginn

 

Sten Lorel zog den Kragen seines Mantels höher. Er fror. Es wäre für ihn leichter gewesen, wenn er eines der vollklimatisierten Kleidungsstücke an­gezogen hätte, doch er lehnte diese Dinge ab. Er lehnte alles ab, was die Na­tur zu sehr entfremdete.

Die Straße, die er betrat, leuchtete von innen. Dennoch waren da feuchte Stellen, die von Regen zeugten, der erst vor Minuten weitergezogen war.

Regen - ein unglaubliches Wort für viele seiner Zeitgenossen. Gab es denn noch Stadtviertel ohne Kraftfeld - Stadtviertel, die den natürlichen Witte­rungsschwankungen unterworfen wa­ren? Es gab sie, und hier fühlte sich Sten Lorel am wohlsten! Und nicht nur bei ihm war das so.

Er blickte die verlassen wirkende Straße hinunter und überquerte sie mit schnellem Schritt. Niemand beobachtete ihn, als er das schmale, alt wirkende Haus betrat. Das war auch gut so. Was er hier vorhatte, das stempelte ihn als Aussenseiter innerhalb der Gesellschaft - einer Gesellschaft, die mit Aussenseitern nicht gerade glimpflich verfuhr.

Jiulio Ganetti öffnete ihm persönlich. Sie begrüßten sich mit einem Kopfnicken. Kein Wort fiel zwischen den bei­den, als Jiulio die Tür hinter seinem spä­ten Gast schloss und ihn in das Innere des Hauses geleitete.

»Was ist mit Frederik?« erkundigte sich Sten Lorel erstaunt, als er den gro­ßen Salon betreten hatte.

Die fünf Anwesenden blickten betrof­fen zu Boden.

»Er ist nicht gekommen«, sagte Jiulio an seiner Seite.

»Aber warum nicht?«

Mile Sonus sah auf. Erst jetzt gewahrte Sten die Tränen in ihren Augen.

»Er wird nie mehr zu uns kommen können«, schluchzte sic auf.

Sten spürte, wie ihm die Knie weich wurden. Er angelte sich eine Sitzgele­genheit und ließ sich schwer darauf nie­der.

»Wie — wie konnte das geschehen?«

Kandus Brental, der tröstend seinen Arm um Miles Schultern gelegt hatte, zuckte die Achseln.

»Wir wissen es nicht genau. Frage Jean, Frederiks Bruder.«

Als Sten in dessen Richtung sah, barg Jean sein Gesicht in den Händen.

»Heute morgen war das.« Er brachte die Worte mühsam hervor und rang mit seiner Beherrschung. »Wir waren zu­sammen in Bront gewesen.« Kurz sah er auf. »Auch dort haben sie jetzt ein Kraft­feld!«

. »Aber dann-aber dann wird Bront ja überwacht!« rief Sten Lorel aus.

Jean Astair nickte.

»Wem sagst du das«, meinte er bitter. »Es war schließlich unser Verhängnis. Wir kamen an «einem Trupp von Arbeitsrobotem vorbei, die gerade Energieka­bel in die Erde verlegten. Die Straße von Bront soll an das automatische Stadtnetz angeschlossen werden.«

Er ballte die Hände zu Fäusten. In sei­nen Augen loderte ein fanatisches Feuer auf.

»Frederik bekam einen Wutanfall, als er das mit ansehen musste. Für ihn war Bront so was wie eines der letzten Boll­werke des freien Menschen gewesen. Er begann, die Arbeitsroboter zu be­schimpfen. Aber damit nicht genug. Es gelang ihm, einen der Roboter lahmzu­legen! Irgendwie waren die Dinger be­reits mit der Zentrale verbunden. Jeden­falls tauchten plötzlich Polizisten auf. Frederik drehte vollends durch. Ich wollte eingreifen, wirklich, aber er führte sich auf wie ein Wahnsinniger. Er kappte das Energiekabel, ohne zu wissen, dass es bereits unter Strom stand.

Den Rest habe ich nicht miterlebt, da mich die angesammelte Menschen­menge abdrängte. Jedenfalls habe ich einen schrillen Schrei gehört, als die Po­lizisten mit ihren Automaten endlich bis Frederik vorgedrungen waren. Es war die Stimme meines Bruders gewesen!«

Wieder barg er sein Gesicht in den Händen.

Ana Inatovic sprang auf.

»Wir dürfen nicht mehr länger mit an­sehen, wie Maschinen die Rechte der Menschen untergraben. Wir müssen handeln!«

Jiulio Ganetti lehnte gegen den Tür­pfosten.

»Du bist unvernünftig wie gewöhn­lich, Ana. Mit einem dicken Schädel al­lein kommt man nicht durch eine massi­ve Wand. Man muss den Schädel erst ein­mal ein wenig anstrengen.«

Carlos Varese meldete sich zu Wort: »Woher wollen wir wissen, ob Frederik tot ist? Die ganze Erzählung erscheint mir mehr als vage.«

Man gönnte ihm einen erstaunten Blick. Jean wollte aufbrausen.

Jiulio Ganetti unterband seinen Wut­ausbruch mit einer energischen Hand­bewegung.

»Wie dem auch sei, wir müssen mit al­lem rechnen. Wenn man Frederik lebend in die Hände bekommen hat, sitzen wir hier in der Falle. Man wird ihn verhören, und wir wissen alle, wie perfekt die Ver­hörmethoden heutzutage sind.«

In den Augen Miles glomm ein Hoff­nungsschimmer auf. Sie dachte mit be­bendem Herzen daran, dass Frederik möglicherweise doch noch unter den Lebenden weilte. An die Gefahren für sich und die anderen, die daraus erwuch­sen, dachte sie nicht.

Sie stand auf. Die anderen sahen sie mitfühlend an. Sie wussten, was sie für Frederik empfand. Nur dieser selbst hatte nie etwas bemerkt.

Carlos runzelte die Stirn.

»Ich glaube, es ist das beste, wenn wir die Versammlung auf der Stelle auflösen.«

Eine wilde Debatte entstand. Jiulio brauchte mehrere Anläufe, bis es ihm endlich gelang, wieder Ruhe herzustel­len.

»Wartet einen Augenblick; wir müssen einen neuen Treffpunkt ausma­chen.« Erwartungsvolle Blicke. »Ich ma­che den Vorschlag, dass wir uns in Stens Wohnung zusammenfinden.«

»Bei mir?« Sten Lorel war fassungslos. »Ausgerechnet da, wo es am gefährlich­sten ist!«

Jiulio Ganetti lächelte hintergründig.

»Wir müssen dort sein, wo man uns am wenigsten erwartet: mitten in der Stadt, unter den Augen des Zentralgehirns!«

»Aber über dem Eingang zu meiner Wohnung befindet sich eine Kamera, die jeden Ankommenden registriert!« protestierte Sten.

Jiulios Lächeln vertiefte sich.

»Es wird nur einen registrieren: dich! Nicht wahr, Carlos?«

Carlos Varese, der ehemalige Inge­nieur, erwiderte das Lächeln.

 

*

 

»Ben, er ist wieder da«, flüsterte Karina. Ihr ausgestreckter Arm deutete auf die Büsche, die zwischen den lichten Bäumen standen.

Ben nickte. Er winkte Simon herbei, der in der Nähe stand.

»Ich habe ihn bereits gesehen«, sagte dieser sofort.

Ben spitzte den Mund gegen den er­hobenen Zeigefinger und zischte.

»Nicht so laut, Mensch! Bist du von al­len guten Geistern verlassen?«

Simon verzog das Gesicht.

»Glaubst du, wir sind die einzigen, die ihn bemerkt haben?«

»Spielt ja keine Rolle. Wir müssen ein­fach vorsichtig sein.«

»Was gibt es denn wieder Geheimnis­volles?« Die ewig lächelnde Ellen stand plötzlich neben ihnen. Sie fuhren er­schrocken zusammen^

»Du hast vielleicht eine komische Art«, versetzte Ben. Aus seiner Stimme klang deutlich Abneigung.

»Es gibt keine Geheimnisse«, meinte Simon leichthin.

Die kleine Gruppe setzte sich in Be­wegung. Ellen blieb achselzuckend zu­rück.

»Die ist mir nicht ganz geheuer«, murmelte Karina, als Ellen außer Hör­weite war.

»Kurt mir auch nicht«, fügte Simon bedeutsam hinzu. Er schaute sich vor­sichtig um. Auf einmal wirkte er sehr nervös.

»Ich habe gestern nach Schulschluss versucht, ihn die Treppe hinunterzusto­ßen!«

Die anderen zeigten sieh entsetzt.

»Du hast - was?« machte Karina ent­geistert.

»Er ging direkt vor mir durch den Flur. Am obersten Treppenabsatz tat ich so, als würde ich ins Stolpern kommen.«

»Und da hast du ihn einfach . . .« Ben konnte den Satz nicht vollenden.

Simon nickte heftig.

»Nun, lass mich doch erst einmal er­zählen!« Er räusperte sich. »Also, ich habe ihm einen ungeheuren Schubs ge­geben. Das wollte ich gar nicht Aber das Stolpern sollte echt wirken. I Dabei verlor ich tatsächlich das Gleichgewicht.

»Na und? Was dann?« drängte Karina.

»Es hat ihm nichts ausgemacht«, sagte Simon einfach.

Er registrierte das Stimrunzeln der anderen und hob in einer fast hilflos an­mutenden Geste die Arme.

»Ich sage euch, der hat nur für den Bruchteil einer Sekunde sein Gleichge­wicht verloren. Seine Bewegungen wa­ren so schnell, dass man sic kaum mit den Augen verfolgen konnte.«

»Du spinnst!« kommentierte Ben knapp.

»Was sollen diese Ammenmärchen, Simon?« blies Karin,i in dasselbe Horn.

Simon flehte fast: »lhr müsst es mir glauben. Ich wollte den Kerl hinunter­ stoßen, aber es ging nicht. Niemandem gelingt das!«

Ben zog verächtlich die Mundwinkel herab.

»Jeder weiß, wie unsportlich Kurt ist. Wenn ich an den letzten Hundertmeter­lauf beim Sportfest denke . . .«

»Das ist noch nicht alles.« Simon ging gar nicht auf die Worte Bens ein. »Er ist deshalb nicht gestürzt, weil ich ihm da­bei unweigerlich gefolgt wäre! Ich sagte schon, dass ich mein Stolpern falsch be­rechnet hatte. Es gab kein Halten mehr. Kurt hat verhindert, dass die Sache ein schlimmes Ende genommen hat.«

Ben verlor die Geduld.

»Wechseln wir das Thema. Zugege­ben, Kurt ist ein wenig seltsam, ebenso wie Ellen; was mich aber im Moment stärker interessiert, ist der alte Mann.«

Tanja trat zu ihnen.

»Was ist los, ihr alten Flüsterhasen«, fragte sie fröhlich.

Ben deutete mit dem Daumen in Rich­tung Parkbank.

Tanja nickte und wurde ernst.

»Ich habe ihn auch schon entdeckt. Gehen wir!«

Ehe die anderen reagiert hatten, war sie auf dem Weg. Sie hielt genau auf die Bank zu.

Die anderen standen da, wie vom Donner gerührt. Simons skurrilen Be­richt hatten sie schon wieder vergessen.

Ben holte das Mädchen ein.

»Wohin gehst du, Tanja?«

»Zu dem alten Mann natürlich. Was hast du denn gedacht?«

Ben hieb sich mit der flachen Hand ge­gen die Stirn.

»Ist denn heute alles verrückt?«

»weißt du, ich habe die Sache langsam satt. Seit Wochen rätseln wir herum, was der Alte von uns will. Dabei gelange ich mehr und mehr zu der Überzeugung, dass sein regelmäßiges Kommen einen bestimmten Zweck verfolgt. Nun, was liegt denn näher, als ihn selbst danach zu fragen?« Tanja blickte auf ihre Arm­banduhr. »Die Pause geht bald zu Ende. Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir uns sputen.«

Ben und die anderen zögerten einen Moment, ehe sie folgten. Nein, das durf­ten sie sich nicht entgehen lassen.

 

*

 

Sie durften ihren Treffpunkt nicht auf einmal verlassen. Einer nach dem ande­ren ging, während sich Sten Lorel, Jiulio Ganetti und Carlos Varese in einen Ne­benraum zurückzogen. Sten erfuhr, was er tun musste, um die Überwachungsan­lage an seiner Wohnungstür zu täuschen.

Es war keine Überwachungsanlage im eigentlichen Sinne, sondern mehr eine Art automatischer Türöffner. Allerdings war er direkt an den Zentralcomputer angeschlossen, der die Steuerung über­nahm. Jeder Besucher wurde registriert.

Kandus Brental trat ein.

»Ich bin der letzte«, sagte er. »Bleibt nicht zu lange zusammen. Das könnte gefährlich werden.«

Er ging.

Sten spürte Unruhe in sich aufsteigen.

»Ich weiß nicht, ob ich jemals begrei­fen werde, was ich tun muss. Schließlich bin ich Biologe und kein Techniker.«

Carlos wandte sich an Jiulio, ohne auf Sten einzugehen.

»Geh am besten an die Haustür und halte die Augen offen. Wir wollen kein unnötiges Risiko eingehen.«

Jiulio nickte und stand auf. Im Hin­ausgehen hörte er Sten sagen: »Wenn er

die Gefahr sieht, ist es bereits zu spät. Diese Automaten sind sehr schnell.«

Carlos ging auch darauf nicht ein und fuhr statt dessen in seinen Lektionen fort. Jiulio hörte ihre Stimmen Zurück­bleiben, als er zur Haustür ging.

Er spähte durch den Spion. Aber nach ein paar Minuten machte ihn das nervös. Durch das Guckloch konnte er nur einen kleinen Ausschnitt der Straße sehen. Kurzentschlossen öffnete er die Haustür und löschte das Licht. Er blieb im Schat­ten des Flures und schaute neugierig die Straße hinunter. Sie lag ruhig und verlas­sen da. Die Stille wirkte fast unheimlich.

Jiulio grübelte. Etwas war anders als sonst.

Da blickte er nach oben, zum klaren Sternenhimmel. Die Regenwolken wa­ren längst nicht mehr über der Stadt. Jiu­lio erstarrte.

Einer der Lichtpunkte am Firmament blinkte und bewegte sich. Dieses Licht gehörte zu einem Gleiter. Daran gab es keinen Zweifel. Und dieser Gleiter hielt genau auf Jiulio Ganetti zu!

Mit hämmerndem Herzen drückte sich Jiulio in den Hausflur. Er hatte das Gefühl, eine eiserne Faust schnüre ihm die Kehle zu.

Er warf die Tür ins Schloss und eilte zu­rück.

Ein Gleiter - das konnte nur Polizei bedeuten! Natürlich, es gab genügend Flugapparate in Privatbesitz, aber ein solcher musste die vorgeschriebene Höhe einhalten und wurde automatisch gesteuert. Jiulio wusste, dass es über sei­nem Haus keine Luftstraße gab, also normalerweise auch keine Gleiter.

Es hatte keinen Sinn, zu fliehen. Die Polizei besaß Detektoren, die jedem Bluthund tausendfach überlegen waren.

Sie mussten hierbleiben und abwarten, wollten sie keinen Verdacht erregen.

Jiulio rannte in den Salon, nahm sich Spielkarten und eilte zu Carlos und Sten nebenan, die von der drohenden Gefahr noch nichts ahnten.

»Wir sind entdeckt!« stieß Jiulio schweratmend hervor.

»Zu spät, um zu verschwinden!« Damit hielt er die beiden Gefährten zurück, die wie ein Mann zur Tür gesprungen waren. Er knallte die Karten auf den Tisch.

»Spielen wir - irgendwas! Das fällt nicht auf.«

»Was sollen wir denn spielen?« In Stens Augen stand die nackte Angst.

»Skat! Etwas anderes fällt mir im Moment nicht ein.«

Carlos überlegte blitzschnell.

»Nein, das wäre ein Fehler. Wir ken­nen uns offiziell nicht und treffen uns hier, von völlig verschiedenen Stadttei­len kommend, nur zu einer gemütlichen Skatrunde? Kein Mensch nimmt uns das ab, geschweige denn seelenlose Auto­maten. Los, Geld auf den Tisch - alles, was ihr habt! Wir pokern!«

»Aber das ist doch verboten!« warf Sten erschrocken ein.

»Eben drum«, belehrte ihn Carlos. »Das wird die vom eigentlichen Thema ablenken.«

Jiulio konnte plötzlich wieder lächeln.

»Eine Strafe wegen verbotenen Glückspiels wird ein Kinderspiel gegen das sein, was passiert, wenn die Automa­ten herausbekommen, was wir wirklich Vorhaben!«

Sten resignierte.

»Also gut, einverstanden. Ich teile aus.«

Die Karten flogen einzeln auf den Tisch. Jeder gab seinen Einsatz.

»Jetzt wissen wir wenigstens, dass Frederik noch lebt. Wie sonst hätten die uns finden können?« sagte Jiulio Ganetti verbittert.

Er hatte die Worte etwa fünf Sekun­den vor dem Eintritt des Polizeileutnants von sich gegeben, der in der Begleitung dreier Roboter war.

Mit einem Menschen hatten die drei weiß Gott nicht gerechnet. Das ver­schlimmerte ihre Situation noch.

 

*

 

Der alte Mann erschrak. Seine Ge­danken verließen die Vergangenheit, verließen Sten Lorel, Jiulio Ganetti und Carlos Varese, übersprangen die Ewig­keiten, die seitdem vergangen waren und wandten sich den vier jungen Menschen zu, die direkt auf ihn zu schritten.

Ein Mädchen war die erste, die den Al­ten erreichte. Er schätzte sie auf vier­zehn, wusste aber gleichzeitig, dass er damit nicht danebengegriffen hatte. Sie waren alle vierzehn - auf den Tag genau.

»Guten Morgen«, rief sie fröhlich. Sie wollte augenscheinlich noch mehr sagen, wusste allerdings nicht recht, wo und wie sie beginnen sollte.

Der

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: vss-verlag
Bildmaterialien: vss-verlag
Lektorat: Hermann Schladt
Tag der Veröffentlichung: 03.12.2013
ISBN: 978-3-7309-6659-4

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