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Ein kleiner Junge klammert sich zitternd an den Hals seiner Mutter, verbirgt sein Gesichtchen in ihrer Halsbeuge. Die Sanitäter wollen ihn auf die Trage legen, doch sie können ihn nicht aus der Sicherheit von Mamas Armen lösen.
Jeder der dieses Video auf Facebook sieht, denkt sofort – Dieses Monster! Wie konnte er dem kleinen Jungen das antun?
Die Cops geben eine Beschreibung des Verdächtigen heraus und rufen jeden auf, die Augen offen zu halten:
männlich, Anfang zwanzig, weiß, dunkel blonde kurze Haare, blaue Augen, 180cm, schlanker Körperbau. Dunkle Kleidung, keine besonderen Merkmale.
Diese Meldung wurde kurz nach Veröffentlichung hunderttausend mal geteilt.
Die Hetzjagd ist eröffnet…

 

Chris öffnete müde die Augen. Einen Moment war er verwirrt, was ihn geweckt haben könnte. Dann erklang die Türklingel erneut, gefolgt von lautem Hämmern.
„Denver Police! Öffnen Sie die Tür, Mr. Walker!“ hallte eine laute, autoritäre Stimme.
Augenblicklich fiel alle Müdigkeit von ihm ab. Die Polizei! Und jeder im Haus konnte es hören.
„Moment, ich komme!“ rief er  zur Antwort und sprang auf. Mit einer Hand griff er seine Jeans vom Boden, mit der anderen die Tüte Joints, die auf seinem Tisch lagen. Mit einem leisen „Fuck!“ zog er hastig die Jeans an und stolperte in die Küche.
Wieder hämmerte der Cop gegen die Tür und verlangte lautstark Einlass.
„Einen Moment noch!“ rief Chris schnell und hoffte, dass man seine Panik nicht hören konnte. Dann fiel sein Blick auf den Müllschlucker. Das Loch führte direkt hinunter zu den Abfalltonnen. Ohne weiter zu zögern warf er die Joints hinein. – Keine Drogen in der Wohnung, kein Problem wegen der Bewährung. Jetzt konnte er die Tür unbesorgt öffnen. Doch kaum hatte er die Klinke herunter gedrückt, stießen die Polizisten die Tür auf und fielen über ihn her. Unsanft wurde er gegen die Wand gestoßen und seine Hände nach hinten gerissen.
„Christian Walker, ich verhafte Sie wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch! Sie haben das Recht zu schweigen…“
Den Rest der Belehrung bekam er nicht mehr mit. Sein Herz klopfte bis zum Hals und es rauschte in seinen Ohren. KINDESMISSBRAUCH! Was war hier los?
Die Handschellen klickten um seine Handgelenke und der Cop riss ihn am Ellbogen herum.
„Haben Sie ihre Rechte verstanden, Arschloch?“ blaffte er ihn an und schob ihn, ohne eine Antwort abzuwarten in den Hausflur – wo seine ganzen Nachbarn standen und das Schauspiel beobachteten.
„Ich habe nichts getan!“ rief Chris laut und blickte seine Nachbarn an, hilfesuchend, doch in ihren Gesichtern sah er Abscheu und Enttäuschung. Mrs. Valdez spuckte vor ihm aus, als sie ihn an ihr vorbei führten und Mr. Jones vom Ende des Flurs ballte seine Fäuste. Sein Gesicht war rot vor Zorn und Chris konnte sehen, dass er alle Kraft brauchte, um sich nicht auf ihn zu stürzen. Und Chris verstand noch immer nicht, was gerade geschah…

 

 

„Das ist unser Nachbar! Das ist Chris Walker! Sie haben ihn gerade verhaftet!“
Der Kommentar unter der Suchmeldung mit einem Foto von Chris. Es zeigte ihn bei dem letzten Gartenfest des Hauses. Er hatte mit einigen Kindern Football gespielt und balgte sich mit ihnen um den Ball. Er lachte, genau wie die Kinder…
Nur zehn Minuten später war dieses Bild bereits tausende Male angeklickt, geteilt und kommentiert worden. Jeder im Netz hatte eine Meinung, was mit ihm zu tun sei. Weitere zehn Minuten später gab es auch Fotos seiner Eltern, seiner Schwester, ihrer Familie, Kontaktdaten. Ihre Telefone standen nicht mehr still, Beschimpfungen, Drohungen lange bevor Chris überhaupt das Polizeirevier erreicht hatte.

Drei Stunden saß er in einem düsteren Befragungszimmer. Allein. Ohne dass jemand mit ihm sprach. Viel Zeit um darüber nach zu denken, was geschehen war. Doch er konnte sich keinen Reim machen, warum er hier war. Klar, er war vorbestraft und auf Bewährung, doch er war beim Ladendiebstahl erwischt worden. Kindesmissbrauch. Diese Worte rauschten immer wieder durch seine Gedanken.
Endlich ging die Tür auf. Ein müde aussehender Detective trat ein, eine Akte in der Hand. Wortlos setzte er sich ihm gegenüber an den Tisch. Die Akte landete mit einem leisen „Ftt“ auf der Tischplatte. Ohne ihn anzusehen blätterte der Detective die Akte auf und schaute hinein. Chris rutschte unruhig hin und her, wusste nicht, was er tun sollte.
„Warum… warum bin ich hier?“ fragte er zögernd. Der Cop schien ihn nicht zu hören. Er blätterte weiter in der Akte herum und schwieg.
„Ich… ich möchte einen Anwalt!“ sprach Chris wieder, diesmal hob der Cop den Kopf.
„Aber warum denn? Wir wollen uns doch nur unterhalten!“ sagte er in einem lakonischen Tonfall. Chris schluckte. Dann nahm er allen Mut zusammen und antwortete: „Der Polizist, der mich zu Hause abgeholt hat, sagte, ich sei verhaftet. Wegen Kindesmissbrauchs! Ich mache so etwas nicht! Niemals!“  Gegen Ende war seine Stimme fast tonlos. Jetzt blickte der Cop ihm direkt in die Augen.
„Sie sind als Sexualstraftäter vorbestraft!“  sprach er eiskalt und starrte ihn an. Chris schaute verwirrt drein: „Nein, das ist nicht richtig. Ich bin beim Ladendiebstahl erwischt worden. Es war eine Mutprobe und ich wurde geschnappt. Ich habe nie…“
„Es geht nicht um den Ladendiebstahl! Vor acht Jahren wurden Sie vom Jugendgericht verurteilt. Zwar ist ihre Akte versiegelt, aber der Hinweis auf eine Sexualstraftat ist einsehbar. Die Beschreibung des Jungen passt auf sie. Sie sind schwul. Sie leben in der Nähe der Bronson Elementary School, wo der Junge entführt wurde und sie waren seit drei Tagen nicht bei der Arbeit. Zeit, Gelegenheit, Motiv!“
Chris blickte ihn erschüttert an. „Das ist doch Unsinn! Ich bin kein Sexualstraftäter! Ich war siebzehn. Wir haben den Abschluss gefeiert und ich war betrunken. Irgendwer hielt es für eine geile Idee nackt durch die Stadt zu flitzen und ich bin direkt in eine Streife gelaufen. Ich habe nie ein Kind angefasst!“
Chris war verzweifelt. Das konnte doch nicht wahr sein, dass dieser Dumme-Jungen-Streich ihn hier her gebracht hatte. Er musste gegen die Tränen ankämpfen, die in ihm aufstiegen.
„Bitte, ich habe nichts getan. Ich war krank, darum war ich nicht arbeiten. Ich war noch nie in der Nähe der Schule, geschweige denn auf dem Schulgelände. Dazu gab es nie einen Grund.“ Er glaubte, ohnmächtig zu werden, so schnell schlug sein Herz, sein ganzer Körper zitterte vor Angst.
Dann wieder der eisige Blick des Detectives, dessen Namen er immer noch nicht wusste.
„Das wird sich gleich zeigen. Es gibt jetzt eine Gegenüberstellung. Dann wissen wir mehr!“ Auf ein Zeichen des Mannes ging die Tür auf und zwei weitere Cops kamen herein. Chris´s Handfesseln  wurden vom Tisch gelöst und seine Arme hinter dem Rücken wieder zusammen gebunden. Wortlos führten ihn die Polizisten aus dem Verhörraum durch einen düsteren Gang. Alles wirkte wie in einem schlechten Gangsterfilm, nur das niemand „Cut“ rufen würde. Feurige Kreise tanzten vor Chris und seine Knie wurden weich. Er konnte nicht mehr aufrecht bleiben und sackte zusammen. Er hörte noch, wie die Polizisten schimpften, fühlte, wie man ihn hochriss, dann wurde er ohnmächtig….

Das Foto des Kinderschänders Chris Walker war mittlerweile hunderttausende Male geteilt worden. Menschen aus aller Welt ließen sich aus, was sie mit ihm machen würden. Jemand hatte sein Gesicht in einen Filmausschnitt aus dem Tarantino Film „Inglourious Basterds“ hineingeschnitten, wo einer der Darsteller einen Nazioffizier mit einem Baseballschläger totschlägt. Bei jedem Schlag popt in blutiger Schrift „Kinderficker“ über dem Bild auf.
Jemand fand es lustig, Mrs. Walker zu taggen, so dass sie und alle ihre Facebookfreunde dies sehen konnten.
„Ich wusste immer schon, dass mit dem was nicht stimmt!“ Ein alter Schulfreund.

 


„Er hat bei mir gearbeitet. Hat oft die Nachtschicht gemacht. Wahrscheinlich, damit er tagsüber an den Schulen herumlungern kann!“ Sein Arbeitgeber vom Restaurant.
„Er war immer sehr nett zu den Kindern im Haus. Wer hätte das geahnt!“ Eine Nachbarin…
„Wenn ich ihn in die Finger kriege, dann schneid ich ihm sein Ding ab und stopfe es ihm in die Visage!“
irgendein Mensch irgendwo auf der Erde…

Ein paar leichte Schläge ins Gesicht weckten Chris aus seiner Ohnmacht. Eine blonde Sanitäterin kniete über ihm und sprach ihn an: „Können Sie mich verstehen?“
„Ja“ ,krächzte er mit einer Stimme, die nicht die seine zu sein schien und versuchte sich aufzusetzen. Doch die Sanitäterin drückte ihn wieder zurück auf den Boden.
„Nicht so hastig. Ihr Kreislauf ist zusammen gebrochen. Ich habe ihnen etwas gespritzt, um ihren Blutdruck anzukurbeln. Bleiben Sie noch etwas liegen. Das Gerät an ihrem Arm misst automatisch.“
In diesem Augenblick zog sich die Manschette um seinen Oberarm mit einem lauten surren zusammen und er bekam das Gefühl, als würde ihm der Arm zerquetscht. Er biss die Zähne zusammen, bis es endlich nachließ.
„Ok, 165 zu 99. Noch etwas hoch, aber schon viel besser. Nehmen sie Medikamente?“
Chris schüttelte den Kopf. „Ok, wir nehmen ihn mit.“ Sagte die Sanitäterin zu ihrem Partner, der die Trage holen wollte, doch der Detective schüttelte den Kopf.
„Der geht nirgendwo hin, Lady. Nicht bevor die Gegenüberstellung durch ist! Das ist ein Kinderschänder und ich will dem Jungen nicht zumuten nochmal herkommen zu müssen, nur damit dieses Schwein sich besser fühlt!“ zischte er und trat sacht mit seiner Fußspitze in Chris´s Seite.
Das freundliche Lächeln der Sanitäterin verwandelte sich in eine steinerne Maske. Nur ihre grünen Augen verrieten die Abscheu, die sie empfand.
„Ich denke, das können wir abwarten!“ sagte sie jetzt knapp und trat zur Seite. Die beiden Polizisten zogen Chris augenblicklich hoch. Die Sanitäter entfernten ihre Gerätschaften von ihm und er wurde weg geführt. Sie brachten ihn in einen Raum, in dem noch sechs weitere Männer standen. Einige sahen ihm ziemlich ähnlich. Die Handschellen wurden ihm entfernt, dann gingen die Cops raus. Nur der Detective blieb zurück.
„Gleich wird sich diese Tür öffnen. Ihr werdet raus treten und euch der Reihe nach unter den Zahlen an der Wand aufstellen. Wenn eure Nummer aufgerufen wird, tretet ihr zwei Schritte vor auf den Spiegel zu. Ihr sprecht nicht. Ihr bewegt euch nur, wenn es euch gesagt wird. Keine Spielchen!“ Dann verließ auch er den Raum und Chris blieb mit diesen Männern zurück. Es schien eine Ewigkeit zu dauern bis die Tür aufsprang. „Das ist ein Alptraum, das passiert nicht wirklich!“ murmelte Chris vor sich hin, als er den anderem Männern hinaus in den Raum folgte. Er war die Nummer vier.
„Das ist nicht echt. Das kann nicht echt sein!“ Sein stilles Mantra während er darauf wartete, dass sich etwas tat.
„Nummer Zwei, vortreten! Jetzt zur Seite drehen! Zurücktreten!“ erklang eine verzerrte Stimme aus einem Lautsprecher. Chris merkte erneut dieses Zittern in seinen Knien.
„Nummer fünf, vortreten! Jetzt zur Seite drehen! Zurücktreten!“ Sein Mund war trocken, das Atmen fiel ihm so schwer, als läge ein zentnerschwerer Sack auf seiner Brust.
„Nummer Vier… vortreten!“ Chris brauchte einen Augenblick zu merken, dass er gemeint war.
„Nummer Vier! VORTRETEN!“ Hastig tat er wie befohlen. „Jetzt zur Seite drehen!“ Diesmal folgte er sofort der Anweisung. „Jetzt zur anderen Seite!“  - „Warum passiert das? Warum mir? Was habe ich getan?“ Die Stimme in seinem Kopf schrie vor Verzweiflung und Angst.
„Zurücktreten!“ Zitternd ging er wieder zurück. Niemand sonst wurde mehr nach vorn gerufen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, die sie nur so da standen. Dann öffnete sich die Tür und zwei Cops kamen herein. Sie gingen langsam die Reihe entlang und schienen Chris direkt anzublicken.
„Sie holen mich! Sie bringen mich fort!“ schrie sein inneres Ich. Sein Herz schien still zu stehen, dann waren sie an ihm vorbei und stellten sich an die andere Seite des Raums.
„Sie können alle gehen. Danke für Ihre Kooperation!“
Chris verstand nicht, was geschah. Die anderen Männer drängten aus dem Raum und stießen und schubsten ihn in der Enge. Er wagte nicht, ebenfalls zu gehen, was war gerade passiert? Die beiden Cops sahen ihn an. „Was ist? Brauchen Sie eine Extraeinladung? Es ist vorbei, sie können gehen!“
Hastig folgte Chris den anderen raus. Niemand hielt ihn auf, als er durch die Gänge schritt, durch das Großraumbüro, voller Cops, die sich einen Dreck um ihn scherten. Durch die Tür nach draußen…

 

 

 

 


Jemand hatte die Adresse von Chris Walker gepostet. Ein Foto von seiner Wohnungstür – aufgebrochen. Sein Wohnzimmer, verwüstet…. KINDERSCHÄNDER!!! In riesigen Lettern mit Sprühfarbe an seine Wand über dem Bett geschrieben… Seine Bettwäsche mit Fäkalien übergossen…
Niemand hatte die  Täter aufgehalten. Die Nachbarn hatten die Türen verschlossen, niemand hatte die Polizei gerufen. Es geschah ihm recht, diesem miesen Schwein! Jeder wusste, was er getan hatte. Er verdiente schlimmeres! Aber zumindest das konnten sie ihm nehmen! Die Sicherheit seines Zuhauses!
Sein Vermieter war zwei Stunden nachdem er abgeholt worden war gekommen, kurz nach dem die Wohnung verwüstet wurde, und hatte die sofortige Kündigung an die aufgebrochene Tür geheftet. Auch ihn scherte es nicht, was er sah. Er wollte diesen widerlichen Kriminellen nur aus seinem Haus haben…

Chris stand vor dem Revier und dachte nach. Wie sollte er nach Hause kommen? Bei seiner Verhaftung hatte er seine Geldbörse nicht mehr einstecken können. Auch sein Handy lag zu Hause auf dem Wohnzimmertisch. Seine Familie wohnte nicht in der Stadt, selbst wenn er sie anrufen könnte, wären sie nicht in der Lage, ihn mal eben abzuholen. Steve? Sie hatten seit Wochen nicht mehr miteinander gesprochen. Ihr letztes Treffen war nicht freundlich beendet worden. Er würde ihm sicher nicht helfen. Während er noch grübelte, wurde er heftig angerempelt. Chris blickte sich um und sah einen Mann, Mitte fünfzig, ihm vollkommen fremd. Er hatte ihm mit Absicht den Ellbogen in die Seite gerammt.

 


„Hey.“ Entfuhr es Chris, doch das Gesicht des Mannes ließ in Schlucken. So viel Hass, wie er darin erkannte…

„Er war immer ein stiller Schüler. Kreativ, aber still. Ich dachte immer, dass er sich absondert, weil er nicht will, dass seine Klassenkameraden merken, dass er schwul ist. Wenn ich das damals nur geahnt hätte… Vielleicht hätte ich etwas tun können!“ – seine alte Klassenlehrerin.
„Sie hätten nichts tun können, Ma´am. Solche Schweine sind von Grund auf verdorben. Sie hätten ihn damals abknallen müssen!“ Irgendwer von irgendwo.
„DAS ist nicht mein Sohn! Wir wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben! So haben wir ihn nicht erzogen. Wir schämen uns so für ihn. Die ganze Familie. Für uns ist er tot!“ – Sein Vater…

 

Ein Taxi fuhr die Straße entlang und Chris winkte es heran. Einen Augenblick schien es, als wollte der Fahrer vorbei fahren, doch dann fuhr er doch rechts heran.
„Es tut mir leid, ich habe mein Geld nicht dabei. Wäre es ok, wenn Sie mich nach Hause bringen und mich in die Wohnung begleiten? Ich verdopple den Fahrpreis auch!“ flehte Chris. Er wollte nur weg hier, alles hinter sich lassen und in seinen eigenen Vier Wänden Geborgenheit suchen. Der Fahrer nickte nur und ließ ihn einsteigen. Zum ersten Mal seit er heute geweckt wurde fühlte Chris etwas wie Erleichterung. Er nannte die Adresse und lehnte sich zurück. Mit geschlossenen Augen döste er vor sich hin. Er bemerkte nicht, dass der Fahrer die Türen verriegelte und über sein Smartphone eine Nachricht verschickte…
Als die Strecke holprig wurde, öffnete Chris die Augen. Draußen war ein altes Industriegelände zu sehen.
„Wo sind wir hier?“ fragte er beunruhigt, doch der Fahrer ignorierte ihn.
„Halten Sie an!“ rief Chris und riss am Türgriff, doch nichts rührte sich. „Hey!“ schrie er nun panisch und hämmerte gegen das Trenngitter zur Fahrerkabine.
Jetzt hielt das Taxi an, vor einer alten, verfallenen Lagerhalle und vor der standen noch fünf weitere Taxen…
Die anderen Fahrer traten an das Taxi heran und sein Fahrer entriegelte die Tür. Wortlos rissen die anderen die Türen auf und zerrten Chris aus dem Wagen.
„Nein, nicht! Was wollt ihr von mir!“ schrie er in seiner Verzweiflung und versuchte sich mit Händen und Füssen zu wehren. Doch sie überwältigten ihn spielend und schleppten ihn in die Halle hinein.
„Jetzt bekommst du, was du verdienst!“ zischte ihm sein Fahrer in Ohr, als sie ihn fesselten und seine Arme an einem Strick nach oben zogen, bis er kaum noch mit den Zehen den Boden berühren konnte. Seine Schultergelenke schmerzten furchtbar und der Knebel, den sie ihm in den Mund gesteckt hatten schmeckte bitter nach Frostschutz. Doch er ahnte, dass das nicht das schlimmste war, was ihm bevor stand. Verzweifelt zerrte er an seinen Fesseln, doch er hatte keine Chance sie zu lösen.
Dann standen sie vor ihm, maskiert und bewaffnet mit Eisenrohren, Baseballschlägern und Brechstangen. Einer stellte sich abseits und hielt sein Smartphone auf ihn gerichtet – er filmte.
„Wir haben Chris Walker geschnappt! Sein Opfer erfährt nun Gerechtigkeit!“

 

 


Wieder zerrte Chris an seinen Fesseln, schrie gegen den Knebel an. Tränen der Angst liefen über sein Gesicht.  Der Erste trat an ihn heran und riss ihm den Knebel aus dem Mund. „Letzte Worte, du Schwein?“ fragte er lachend und trat zurück, um der Kamera den Blick auf ihr Opfer nicht zu versperren. „Ich war das nicht, hört mir doch zu. Ich habe niemandem etwas getan. Ich bin kein Kinderschänder!“ rief und flehte Chris. Immer und immer wieder wiederholte er die Worte, doch blieben sie ungehört.
Schon kam der erste Schlag. Er traf ihn auf den rechen Oberschenkel und ein gewaltiger Schmerz explodierte. Seine Worte verwandelten sich in einen grauenhaften Schrei. Der nächste Schlag traf ihn vor dem Brustkorb und schmetterte alle Luft aus seinen Lungen. Kein Schrei mehr möglich nur noch ein keuchen und ein verzweifeltes Ringen nach Luft. Nun prasselten die Schläge auf ihn ein, von allen Seiten. Überall. Es gab keine Stelle an seinem Körper, der sich nicht in ein gewaltiges Feuer aus Schmerz verwandelte. Bald wünschte er sich nur noch einen schnellen Tod, damit die Schmerzen aufhörten. Endlich… Doch so gnädig waren seine Peiniger nicht. Sie schlugen nur dorthin, wo es nicht tödlich war. Arme, Beine, Unterleib, alles ein gesamter Schmerz.
Irgendwann ließen sie von ihm ab und durchschnitten das Seil, dass ihn aufrecht hielt. Er stürzte zu Boden, keine Chance sich auf zu fangen. Blutend lag er auf dem Boden der Lagerhalle. Die Kamera kam nah heran, eine Großaufnahme seines Gesichts. „Bitte… unschuldig… habe.. niemanden angerührt..“ flüsterte er leise, während blutige Tränen in den Staub rannen…

Die Polizeisirenen hörte er nur durch einen Nebelschleier…

 

 

„Die Polizei konnte einen schnellen Erfolg im Missbrauchsfall an der Bronson Elementary School vermelden. Das Opfer konnte mit Hilfe eines Psychologen den Namen des Täters preis geben – es war der Sportlehrer Olaf Henson.  Der Täter wurde während des Sportunterrichts festgenommen und war sofort geständig.
Die Polizei vermeldet außerdem, dass sie Kenntnis bekam von einer Hetzjagd auf einen jungen Mann bekam, der in den Social Media fälschlicher Weise als Täter bekannt gegeben wurde. Chris Walker hatte nichts mit dem aktuellen Fall zu tun und wurde nach einer kurzen Befragung als entlastet entlassen. Die Polizei bittet das Missverständnis zu entschuldigen und hofft, dass sich die Gemüter nun, nachdem der wahre Täter bekannt ist, wieder beruhigen…."

Impressum

Texte: Brianna Keanny
Tag der Veröffentlichung: 05.06.2019

Alle Rechte vorbehalten

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